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Full text of "Kritik der Epheser- und Kolosserbriefe auf Grund einer Analyse ihres Verwandtschaftsverhältnisses"

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600090301 J 



rf 



KRITIK 



DER 



EPHESER- UND KOLOSSERBRIEFE 



AUF GRUND EINER ANALYSE 
IHRES VERWANDTSCHAFTSVERHÄLTNISSES. 



VON 



m HEINBIOH JULIUS HOLTZMANN, 

ORDENTLICHEM PROPESHOR DER THEOLOGIE IN HEIDELRERO. 



- fft-i *iMf ^o— ^i—t^Miiwü 



LEIPZIG, 

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN. 

1872. 



Vorwort. 



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Anstatt einer in Angriff genommenen kritischen Arbeit über das 
vierte Evangelium, die aus mancherlei Gründen vor der Hand zurück- 
gestellt werden musste, erscheint hier ein anderweitiger Beitrag zur 
biblischen Wissenschaft, welcher sich mit der johanneischen Frage 
nahe berührt (vgl. S. 267 fg.) und einiges Material zu ihrer Lösung 
bringt (vgl. S. 314). Im Vergleiche mit anderen Gebieten der neu- , 
testamentlichen Einleitung macht, was bisher zur historischen und 
literarischen Kritik der Epheser- und Kolosserbriefe geschehen ist, 
unstreitig immer noch den Eindruck der Vorarbeit. Das hier gebotene 
Werk glaubt nun wenigstens Anspruch auf die Bedeutung einer, das 
vorhandene Material mit wesentlicher Vollständigkeit zusammenfassen- 
den Darstellung des Sachverhalts erheben zu dürfen. Zu gleicher Zeit 
möchte es freilich auch den Weg anbahnen, auf dessen Betretung die 
unseren Schriftstücken zugewandte Forschung sich demnächst wird 
einzulassen haben, wofern sie noch weiter vom Fleck kommen will. 
Es gilt dies namentlich auch von der Exegese (vgl. S. 30 fg.), zu deren 
Dienst ich am Schlüsse die genauen Stellenverzeichnisse angehängt 
habe, nachdem die Erfahrung gemacht war, wie fast alle neueren 
Commentare über die Synoptiker sich mit meinen bezüglichen Auf- 
stellungen in der allerdings höchst bequemen Manier abgefunden, 
dass sie, abgesehen von den drei, die einzelnen Evangelien Perikope 
für Perikope behandelnden und darum übersichtlicheren Abschnitten^ 
so ziemlich den gesammten übrigen Inhalt ignorii-ten. Zur Exegese, 
bezüglich welcher ich von Kesselring's in Aussicht gestelltem 
Commentar unserer Briefe nicht ohne Grund (vgl. S. 33) gute Er- 
wartungen hege, tritt noch die biblische Theologie, welche im vierten 
Kapitel einen Beitrag empfängt. In erster Linie ist es aber natürlich 
die neutestamentliche Einleitung, welche von den Ergebnissen meiricr 
Forschung berührt wird. In dieser Beziehung werden von besonderem 
Belange das erste und das fünfte Kapitel sein ; die Quintessenz findet 
sich S. 303 fg. 



IV Vorwort. 

Von eigener Forschung steht freilich das Allermeiste im zweiten 
und dritten Kapitel. Es ist hier genaue Rechenschaft gegeben über 
Methode und Mittel, deren Anwendung mir nach anhaltend in's Werk 
gesetzten Versuchen, von denen lange immer einer den anderen er- 
gänzt und corrigirt hat, endlich das vorliegende Resultat eingetra- 
gen. Ich habe jedoch erst abgeschlossen , als ich mir des höchsten 
Grades von subjectiver Gewissheit, welcher in solchen Dingen er- 
reichbar ist, bewusst war und fortgesetzte Lectttre der Briefe keinerlei 
Schwankungen mehr hervorrief. Die Ahnung aber, dass in dieser 
Richtung die Lösung des literarischen und historischen Räthsels un- 
serer Briefe liegen müsse, habe ich schon früher ausgesprochen (vgl. 
Weber und Holtzmann: Geschichte des Volks Israel und der Ent- 
stehung des Christenthums, I, 1867, S. XXIV). 

Ich bin mir freilich bewusst, dass in einem Falle, wie der hier 
vorliegende, wo es sich um Differenzirung von geistigem Eigenthum 
handelt, das allgemeine Urtheil, wonach überhaupt ein doppeltes 
schriftstellerisches Bewusstsein vorliegt, schneller und sicherer zu 
gewinnen ist, als sich die Auseinandersetzung im Einzelnen wird 
vollziehen lassen. Ich gebe im Voraus zu, dass die Demarcations- 
linie am einzelnen Punkt zuweilen disputabel bleibt. Schlechthin 
fordere ich nur, dass wer Augen hat, die verschiedene Färbung der 
zusammentreffenden Strömungen bemerke. Dagegen darf ich mich 
nur auf die immer noch irgendwie problematisch gehaltenen Schlüsse 
S. 73 fg. 156. 169 fg. 174 fg. berufen, um mich gegen jeden Ver- 
dacht zu decken, als glaubte ich an absolute Sicherheit meines Ur- 
theils und erlaubte mir selbst einen Orakelton, der mir an Andeni 
nie gefallen hat. Beispielsweise sei also ausdrücklich bemerkt, dass 
ich bezüglich des S. 87. 168 besprochenen Wechsels von Singular und 
Plural, oder bezüglich der nach S. 120 fg. 175 fg. in Wegfall kom- 
menden Worte iv dwafisi, ja auch (was übrigens aus dfer Art, wie 
S. 119—121 das Pro und Contra besprochen wird, von selbst erhellt) 
bezüglich der ganzen Haustafel besserer Belehrung, wenn solche mit 
wissenschaftlicher Strenge ertheilt, werden kann, zugänglich bin. Auch 
S. 159 fg. 180 handelt es sich blos um einen Vorschlag. Ich habe 
mich eben hier und durchgängig als vorsichtiger Haushalter auf 
ein Minimum des Sicheren zurückgezogen und schwankendes Grenz- 
gebiet lieber aufgegeben als mit den verrufenen Mitteln jener »Kritik 
aus dem Glauben« behauptet, welche nach Ritsch Ts treffendem 
Wort nichts ist als »Kritik unter der Kritik« (Lehre von der Recht- 
fertigung und Versöhnung, I, S. 468). 

Heidelberg, den 17. Mai 1872. 



Inhaltsverzeichniss. 



Erstes Kapitel. 

Das Problem. 

Seite 

1. Der Epheserbrief. 

1. Inhalt 1 

2. Geschichte der Kritik. 

1. Zweifel ^ . . 2 

2. Apologetik 3 

3. Unentschiedene Sachlage 4 

3. Die Adresse. 

1. Missverhältniss zum Briefe 7 

2. Entgegenstehende Zeugnisse . . 9 

3. Encyklica- Hypothese 11 

2. Der Kolosserbrief. 

1. Adresse und Entstehungsverhältnisse 15 

2. Inhalt 17 

3. Geschichte der Kritik. 

1. Zweifel 18 

2. Tübinger Kritik und Gegner 19 

3. Unentschiedene Sachlage 21 

3. Die beiden Briefe in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. 

1 . Gemeinsame Abfassungsverhältnisse 23 

2. Das Verwandtschaftsverhältniss beider Briefe 25 

3. Die Lösüngsversuche. 

1. Die Prioritätsfrage 28 

2. Unmöglichkeit des exegetischen Wegs 30 

3. Möglichkeiten 32 

Zweites Kapitel. 

Untersachang des schriftstollerischeii Yerwandtschafts- 

yerhältnisses. 

1. Logische Yergleichung der Parallelen. 
1 . Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 

1. Relative Selbständigkeit beiderseits 35 

2. Dennoch schriftstellerische Abhängigkeit 37 

3. Aber auf welcher Seite? 39 



VI Inhaltsverzeichtiiss. 

Seite 

2. Die Priorität des Epheserbriefes 46 

Erstes Beispiel Eph. 1, 4 47 

Zweites - Eph. 1, 6. 7 48 

Dritte« . Eph. 3, 3. 5. 9 49 

Viertes - Eph. 3, 17. 18 50 

Fünftes - Eph. 4, 16 51 

Sechstes - Eph. 4, 22 — 24 52 

Siebentes - Eph. 5, 19 54 

3. Die Priorität des Kolosserbriefes 55 

Erstes Beispiel Kol. 1, 1. 2 • • • • ^^ 

Zweites - Kol. 1, 3. 4. 9 ' . . . . 56 

Drittes - Kol. 1,5 58 

Viertes - Kol. 1, 25 59 

Fünftes - Kol. 2, 4. 6 — 8 59 

Sechstes - Kol. 4, 5 60 

Siebentes - Kol. 4, 6 Gl 

-I. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe 61 

5. Priorität und Abhängigkeit im Kolosserbricfe 71 

6. Das doppelte schriftstellerische Verhältniss beider Briefe 83 

Erstes Beispiel Eph. 1, 15 fg. 4, 1 fg. Kol. 1, 9 fg 83 

Zweites - Eph. 6, 19. 20. Kol. 4, 3. 4 86 

7. Paulinische Parallelen zu beiden Briefen 87 

Erstes Beispiel 1 Kor. 5, 10. 11. 6, 9—11 88 

, Zweites - 1 Thess. 2, 3. 5. 4, 6. 7 89 

Drittes . 2 Kor. 7, 4. 9 90 

Viertes - 2 Kor. 5, 18. !9 9*1 

Fünftes - Rom. 7, 4. 12, 5. 1 Kor. 12, 12 95 

Sechstes - 1 Kor. 15, 20 fg 96 

2. Sprachliche Untersuchung 99 

1. Der Epheserbrief. 

1. Wortvorrath 100 

2. Satzverbindung 102 

2. Der Kolosserbrief. 

1. Stylistisches 104 

2. Lexikalisches 105 

3. Echtes und Unechtes 107 

3. Beide Briefe. 

1. Wortvorrath 109 

2. Satzverbindung' 112 

4. Verhältniss zum paulinischen Sprachgebrauch. 

1. Steigerung einzebier Eigenthümlichkeiten 113 

2. Die Kategorien der Totalität 116 

3. Die Schlusstöne 118 

5. Die Doubletten 121 

Drittes Kapitel. 

Analyse der einzelnen Schriftstäcke. 

1. Allgemeines 1^0 

2. Die Composition des Epheserbriefes 131 



Inhaltsverseichniss. Vil 

Seite 

3. Die Interpolation des Kolosserbriefes 148 

4. Der ursprüngliche Kolosserbrief. 

1. Nachweis der paulinischen Authentie 168 

2. Unterschied der patdinischen Parallelen, welche für Identität des 
Verfassers sprechen , von denjenigen , welche Abhängigkeit und 
Nachahmung beweisen 181 

3. Einheitlicher Inhalt des ursprünglichen Briefes. 

1. Das erste Kapitel 188 

2. Verschwinden der Zweitheilung 191 

5. Analogien 193 

1. Die Ignatiusbriefe 194 

2. Der Brief des Polykarp 198 

Viertes Kapitel. 

Der gemeinsame Lehrgehalt. 

1. Allgemeines. 

1. Die Theorie von der Fortentwickelung des Faulinismus 200 

2. Die paulinische Unterlage 205 

3. Die Hypothese eines Lehrgegensatzes beider Briefe 205 

2. Gleichmässig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 

1. Judenthum, Heidenthum und Christenthum. 

1. Paulinisches und UnpauUnisches 206 

2. Solidarität beider Briefe 208 

2. Glaube und Werke 212 

3. Das Christenthum als Theosophie. 

1. Das Mysterium 214 

2. Der Intellectualismus 216 

3. Probe für das Resultat der Kritik 218 

4. Die Angelologie 220 

5. Das Pleroma. 

1. Gott, Christus und Gemeinde 222 

2. Der speculative Begriff 224 

3. Der heilige Geist 227 

3. Vorwiegend im Kolosserbriefe vertretene Seite. 

1. Christus als Weltziel 227 

2. Christus und die Weltversöhnung 231 

3. Christus und Gott 235 

4. Vorwiegend im Epheserbriefe vertretene Seite. 

1. Die Vorherbestimmung 238 

2. Die Kirche 239 

Fünftes Kapitel. 

EntstehnngsTerhältnisse und geschichtliche Lage. 

1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestaraentlichen 

Literatur 242 

1. Verhältniss zum A. T 243 

2. VerhUltniss zur Apokalypse 245 



VIII IiiliAlUverteiohnifia. 

3. Verhaltniit tu Matthäoi und Marcus 248 

4. VerhältniBs xu den lucanitchen Schriften 250 

5. Verhältniss cum Hebräerbriefe 255 

6. Yerhfiltniss su den Pastoralbriefen 257 

7. Verhfiltniss zum Jakobusbriefe 258 

8. Verhältniss zum ersten Petrusbriefe 259 

9. Verhältniss zum Judas- und zum zweiten Petrusbriefe 266 

10. Verhältniss zu Johannes 267 

2. Die Zeitlage des Epheserbriefes. 

1. Nachpaulinisches Datum 272 

2. Ob Montanismus? 274 

3. Aeussere Zeugnisse 276 

3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 

1. Doppelte Zeitspuren Überhaupt. 

1. Caesarea oder Born 279 

2. Aeussere Zeugnisse 284 

2. Die Irrlehrer insonderheit. 

1. Die Asoeten 286 

2. Die Theosophen 288 

4. Verhältniss beider Briefe zur Gnosis. 

1. Die Gnosis im N. T 292 

2. Die Gnosis in unseren Briefen 295 

3. Das Pleroma 299 

4. Verhältniss zur gnostischen Entwickelung 301 

5. Verhältniss zum Mysterien wesen 302 

5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers 

1. Paulus redivivus 303 

2. Böm. 16, 25—27 307 

3. Jadische, heidnische, christliche Bildungselemente . 312 

6. Verhältniss zur Contro.verse wegen des ephesinischen 
Johannes. 

1. Allgemeine Bedeutung 314 

2. Das übrige N. T 316 

3. Apostolische Väter 317 

4. Papias 321 

5. Besultat 323 



Erstes Kapitel. 

Das Problem. 



1. Der Epheserbrief. 
1. Inhalt. 

Dieser Brief charakterisirt sich im Gegensatze zu der unzweifel- 
haft echten Hinterlassenschaft des Paulus als ein Hirtenbrief von sehr 
allgemeiner, vorzugsweise praktischer Natur. Schon nach der patri- 
stischen Exegese zerfallt er in zwei, durch die Doxologie 3 , 20. 21 ge- 
schiedene Theile, von welchen der erste mehr lehrhafter Art ist, in 
dieser seiner Eigenschaft aber so sehr zur Vorbereitung auf den zwei- 
ten, d. h. die ethische Hälfte, dient, dass man schon in jenem nur 
eine Einleitung zu diesem erkennen wollte^). 

Nach der Zuschrift (1 , 1. 2) lesen wir eine lang ausgedehnte 
Lobpreisung Gottes (1, 3 — 14), welche den Lesern zu Gemüthe füh- 
ren wiU, dass ihr Christenstand nicht eine Sache eigenen Beliebens 
und Entschliessens, sondern Verwirklichung eines vorzeitlichen und 
auf den Abschluss aller Geschichte zielenden Rathschlusses Gottes 
ist. Daran reiht sich (1, 15 — 23) eine Danksagung, die zugleich in 
eine Fürbitte übergeht, dass Gott sie erkennen lasse, wie etwas 
Grosses es sei um diesen Christenstand und wessen sich die Gläu- 
bigen von der Krafterweisung Gottes, die ja in ihnen die gleiche 
ist wie in Christus, versehen dürfen. Im unmittelbarsten Anschlüsse 
daran erfolgt nun (2, 1 — 10) eine Erklärung des Christenberufes 
nach der sittlichen Seite, als einer, der Auferweckung Christi gleich- 
kommenden. Erweckung aus dem Sündentode durch eine grosse 
That göttlicher Macht und Gnade. Insonderheit wird auf diese 
Weise eine Erinnerung an die Heidenchristen begründet (2, 11 — 22), 
dass sie dem heilsgeschichtlichen Gemeinwesen zuvor fremd waren 



1) Hofmann: Die h. Schrift N. T. IV, 1870, 1, S. 143 fg. 272 fg. 
Holtzmann, Kritik der Epheser- n. Eolosserbriefe. 1 



2 Erstes Kapitel. 

und ihren Eintritt nur dem, die Scheidewand zwischen Israel und 
der Völkerwelt niederreissenden Kreuzestode Christi zu verdanken 
haben. Alle diese Ausfuhrungen, in denen nach 3, 4 der Schwer- 
gehalt des Briefes ruht, werden schliesslich noch sicher gestellt durch 
Hinweisung auf den gefangenen Paulus, welchem die Heidenchristen 
die Bekanntschaft mit jenem, fiir die Menschenwelt und das höhere 
Geisterthum so bedeutungsvollen Geheimniss von der Aufnahme 
der Heiden- in die göttliche Heilsgesehichte verdanken (3, 1 — 19). 
Dann folgt die abschliessende Doxologie (3, 20. 21). 

Die Ermahnungen des praktischen Theiles werden zunächst 
(4, 1 — 16) aus dem Wesen der neuen Gemeinschaft abgeleitet, in 
welche die Leser herübergetreten sind, und fordern demgemäss ein, 
der grossartigen Einheit des Leibes Christi entsprechendes und die- 
selbe bewahrendes Liebesverhalten der Einzelnen unter sich und ein, 
durch das organische Ineinandergreifen Aller dem Ganzen zu Gute 
kommendes Streben nach christlicher Vollreife. Insonderheit muss, 
wie in einer zweiten Reihe (4, 17 — 5, 20) auseinandergesetzt wird, 
der jetzige Wandel der Leser das reine Widerspiel sein von ihrem 
früheren, heidnischen, wozu namentlich auch dienlich sein wird, 
wenn sie sich von aller Berührung mit heidnischen Greueln unver- 
worren erhalten und strenger Achtsamkeit über sich selbst pflegen. 
Aber abgesehen von den speciflsch christlichen Tugenden sollen auch 
die natürlichen Gemeinschaftsverhältnisse in Familie und Haus, 
also zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, Herrschaften 
und Gesinde, die richtige christliche Würdigimg und Weihe empfan- 
gen (5, 21 — 6, 9). Nur Eines bleibt jetzt noch übrig: der Christ 
muss nicht blos christlich leben, sondern auch beständig kämpfen 
mit den feindlichen Mächten einer dämonischen Geisterwelti Hierzu 
und zum Gebet fordert daher der Verfasser noch auf (6, 10 — 20), 
um sofort mit wenigen Worten zu schliessen (6, 21 — 24). 

2. Geschichte der Kritik. 

1) Schon dem Erasmus fiel die fremdartige Schreibart dieses 
Sendschreibens auf. Aber erstUsteri^) und nach ihm besonders 
De Wette äusserten entschiedene Zweifel. Letzterer schon in der 
ersten Auflage seiner »Einleitung« 2), aber erst später entschied er 
sich vollends gegen die Echtheit des Briefs ^) . Unabhängig davon war 



1) Paulinischer Lehrbegriff , 1824, S. 2 fg. 

2) Historisch-kritische Einleitung in das N.T. 1826, S. 256 fg. 263 fg. 

3) Kurze Erklärung des Epheserbriefes , 1843, S. 79. 2. Ausg. 1847, S. 88 fg. 



2. Qeschichte der Kritik. 3 

auch Schleiermacher auf die Meinung gerathen, der Apostel habe, 
nachdem er den Kolosserbrief geschrieben , einen seiner G^ülfen, 
den Tychicuß^ aufgefordert^ einen ähnlichen Brief an eine andere 
Gemeinde zu schreiben i). Noch bedeutend verschärft wurden aber die 
Zweifelsgründe von Baur^), Schwegler^), Planck 4) und Zel- 
ler ^)9 welche namentlich die zeitgeschichtlichen Beziehungen aui^ 
den Gnostidsmus und Montanismus hervorhoben. Ohne diese Be- 
gründung zu theUen, haben den Brief entschieden verworfen auch 
Ewald^), Renan 7)^ Davidson s)^ Hausrath^) und in Folge 

neuer eingehender Untersuchungen Hoekstra^^^ Hitzig ^i) und 
Honig A2). 

2J Vertheidigt wurde der Brief von Hemsen^ Neudecker, 
Wurm, Wiggers, Bink, Bleek^ Anger, Beuss^ A. Maier^ 
Langen^ Weiss, Neander, Guericke, Wieseler, Lüne- 
mann, Kiene, Bückert, Harless, Bäbiger, Meyer, 
Braune, Krenkel, Sabatier, in neuerer Zeit mit besonderem 
Geschick von Klöpper ^^) , Schenkel i*) und Hofmann ^s). Die 
Sätze dieser apologetischen Kritik erstrecken sich hauptsächlich auf 
folgende Punkte. 

1. Die Klarheit der geschichtlichen Verhältnisse. Der Brief ist 
nadi 6, 21 durch Tychiois nach fiphesus gebracht, gleichzeitig mit 
den Briefen an die Kolosser und an den Philemon. Paulus hat be- 
friedigende Nachrichten aus Ephesus empfangen, aber es fehlt noch 
am rechten Geist der Einheit (2, 11 fg. 4, 1 fg.) und an entschie- 
denem Bruch mit heidnischen Unsitten (4, 25 fg. 5, 3 fg.) 



t) Einleitung in das N.T. 1845, S. 165 f. 194. 

2) Paulus, 2. Ausg. 1S66, H, S. 3 fg. 

3) NacbapostoHsches Zeitalter, 1846, II, S. 330%. 375 fg. 

4) Theologische Jahrbücher, 1847, S. 461 fg. 

5) Vorträge und Abhandlungen, 1865, S. 246 fg. 

6) Geschichte des Volkes Israel, VII, 2. Ausg. 1859, S. 243 fg. VIII, S. 274 fg. 
Sendschreiben des Apostels Paulus, 1857, S. 469. Sieben Sendschreiben des Neuen 
Bundes, 1870, S. 153 fg. 

7) Saint-Paul, 1869, S. VI. XII fg. 

8) Schon in dem früheren Werke: An introduction to the New Testament 
(1848 — 51), n, S. 352 fg. 

9) Der Apostel Paulus, 1865, S. 2. 

10) Theologisch Tijdschrift, n, 1868, 8. 599 fg. Vgl. bes. S. 648. 

11) Zur Kritik paulinisch er Briefe, 1870, S. 22 fg. 

12) Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1872, S. 63 fg. 

13) De origine epistolarum ad Ephesios et Colossenses, 1853. 

14) Die Briefe an die Epheser, Fhilipper, Kolosser, 1862, S. 7 fg. Bibel- Lexikon , 
II, S. 120 fg. 

15) A. a. O. S. 276 fg. 

1 * 



4 Erstes Kapitel. , 

2. Das Zeugniss der Tradition. Die alte Kirche stimmt voll- 
ständig überein hinsichtlich seiner, und seine Anerkennung durch 
Polykarp, Ignatius und Irenäus insonderheit spricht gegen gnosti- 
schen Ursprung, 

3. Der Brief macht jedenfalls nicht den Eindruck, zur blossen 
XJebung abgefasst worden zu sein; da^u ist gerade auf die Form zu 
wenig Sorgfalt verwendet. Aber es lässt sich auch kein Zweck der 
Unterschiebung denken. Ein Fälscher, der den Paulus so gut nachzu- 
ahmen verstand, hätte schwerlich dem Briefe die bedenkliche Adresse 
gegeben. Nirgends werden auch mit Schärfe streitende Parteien ge- 
zeichnet. Zwar wäre die darzustellende Einheit der Kirche gegen- 
über den Parteikämpfen allerdings eine würdige Tendenz gewesen. 
Bestimmte Wege aber zur Förderung einer solchen Einheit werden 
nicht gebahnt, und die sittlichen Ermahnungen, womit die eine 
Hälfte des Briefes gefüllt ist, gehen in der Rechnung der Tendenz- 
kritik schwerlich ohne Rest auf. 

4. Der grossartige Inhalt, ganz angemessen dem paulinischen 
Lehrbegriff. 

5. Ebenso steht es mit dem Periodenbau. Trotz des Eigen- 
thümlichen des Epheserbriefs müsste man um der durchgehenden 
Anklänge an die bekannte paulinische Art willen doch annehmen, 
dass der Verfasser, wenn er nicht Paulus gewesen sein sollte, diesen 
auf das Glücklichste nachgeahmt habe. 

6. Der ganze Geist des Briefes ist apostolisch, wie auch De 
Wette den Stempel des apostolischen Zeitalters dem Briefe aufge- 
drückt findet und ihn deshalb einem begabten Schüler des Paulus 
zuschreibt ^j . 

3) Nichts desto weniger ist selbst för das theologische Durch- 
schnittsurtheil noch immer eine ganze Reihe von Bedenken übrig 
geblieben, welche mindestens als unerledigt gelten müssen; daher 
Grund genug fiir alle apologetische Kritiker und Exegeten, wofern 
nur Wahrheitsliebe und Besonnenheit bestimmende Mächte fiir sie 
sind, ihrem Urtheil über den Epheserbrief immer noch ein mehr oder 
minder grosses Fragezeichen beizufügen. Seinem Inhalte nach ist der 
Brief durchaus nicht so durchsichtig als die frühem und zweifellos 
echten Sendschreiben des Apostels. Er bewegt sich ganz im All- 
gemeinen. Der Heidenapostel redet zu Heidenchristen. Auch die 
Leser sind unbestimmt und allgemein gehalten, und erscheinen mehr 
wie das Publikum eines Predigers. Hervorgehoben wird die Einheit 
der christlichen Kirche, begründet durch die Einheit des die ganze 



1) Einleitung in das N. T. 1826, S. 264. 6. Ausg.. 1860, S. 319. 



2. Geschichte der Kritik. 5 

persönliche Welt umfassenden Heilsplans, gegenüber der bisherigen 
Trennung der Menschheit im Heidenthum und Judenthum. Diese 
Einheit des zuvor Getrennten ist der durchschlagende Gedanke, die 
höchste Idee sowohl im dogmatischen^ wie im ethischen Theil (2, 13 — 
22. 3, 6. 4, 3—6). 

So aber spricht schwerlich ein Mann, welcher selbst mitten im 
Kampf und in der Arbeit um die Einfiihrung der Heiden in's Gottes- 
reich darin steht. Eher schickt sich für einen Späteren, welcher auf 
die Ergebnisse des bereits abgeschlossenen Werkes des Paulus zu- 
rückblickt, eine solche umfassende Allgemeinheit der Betrachtung, 
eine so objective Art, wie 2, 20. 3, 5. 4, 11 von den Aposteln die 
Rede ist. Namentlich macht 3, 5 den Eindruck der Conception 
eines Schriftstellers, welcher sich in das, durch die göttliche Offen- 
barung über den Beruf der Heiden erweiterte und erleuchtete Be- 
wusstsein der Syiot aTtSoToloi hineinversetzt. Oder wie wäre denn 
eine solche Bezeichnung der Classe, der er selbst angehört, im Munde 
des Paulus denkbar? Was man auch immer sagen möge, um die 
Unverfänglichkeit dieses, in einem gewissen Sinne allerdings allen 
Christen zukommenden Epithetons darzuthun ^j : nirgends sonst ge- 
braucht Paulus eine derartige Bezeichnung, welche sich vielmehr 
auf natürliche Weise nur erklärt als rhetorisches Product einer Zeit, 
die den Aposteln bereits femer steht und mit um so grösserer Ehr- 
furcht zu ihnen hinaufblickt 2). Aehnlich hat man ja auch Offenb. 
21, 14 gegen die Hypothese einer apostolischen Authentie verwerthet. 

Aber auch die Ausdrucksweise überhaupt befremdet, diese gewalt- 
same Häufung von Substantiven, der breite, wortreiche und tautolo- 
gische, oft schwülstige Ton, die mit Zwischensätzen überladene, un- 
gelenke Schreibart, infolge deren oft Sätze wieder aufgenommen 
werden, die man bereits vergessen hat. Gerade einer ganz unbe- 
kannten Gemeinde gegenüber, wo es galt, ))aus der Feme in die 
Feme zu wirken «3), befremdet diese, das Verständniss erschwerende. 
Fülle des Ausdrucks. Auch die Annahmen einer Encyklica oder 
eines Dictates in freiester Weise erklären nicht Alles. 

Dazu enthält der Brief sprachliche Elemente, die dem Paulus 
sonst fremd sind. Er nennt den Satan öidßolog (4, 27. 6, 11), wie 
sonst besonders in den Pastoralbriefen geschieht, und statt ovQavog 
oder ovQavol sagt er auffälliger Weise t« irtovqavLa (1, 3. 20. 2, 6. 
8, 10. 6, 12) ; es ist eine schlechte Ausrede, der Verfasser wiederhole 



1) Vgl. namentlich Harless, Bleek, Hofmann, S. 113. 

2) De Wette zu 3,5. Baur, S. 36 fg. 

3) Hofmann, S. 291. 



6 Erste« Kapitel. 

• 

eben nur solche Ausdrücke^ die ihm sonst nicht geläufig sind^ nach- 
dem er sie das erstemal mit bestimmter Absichtlichkeit gebraucht 
habe*). Wie sehr ihm vielmehr jene Bezeichnung eigenthümlich ist, 
ersieht man sogar aus 1, 10, wo er nach richtiger Lesart int statt 
iv Totg ovQavolg schreibt 2). Wenn auch die von De Wette 3) no- 
tirten %oaiioyLQa%oqeq 6, 12 wenigstens Analogien haben, so stehen 
doch die TtevfiatLxd dort ganz einzig da. Anderes hat zwar Parallelen, 
wird aber in eigenthümlichem Sinne gebraucht. So ist das Wort 
TiXrjqwfioL 1 , 23 auf die Kirche angewandt. Das alles hat einen 
späteren, mehr gnostischen Geschmack. Sonst mag es in Bezug auf 
die unpaulinischen Elemente, welche man im dogmatischen Lehr- 
stoffe des Briefes hat ausfindig machen wollen, nicht ohne lieber- 
treibungen abgegangen sein *) . Einiges aber verdient denn doch sehr 
der Beachtung. Schon der Ausdruck und Begriff der neqiTtoirjaig 
(1, 14) im Sinne von Mal. 3, 17 gehört zu dem eigenartigen Vor- 
stellungsgebiete des Briefes^). Femer finde sich 4, 8 eine, sonst 
dem Apostel fremde Psalmstelle willkürlich benutzt (doch ist der 
Beweis Gal. 3, 16. 4, 24 fg. an sich nicht zwingender); 5, 14 werde 
sogar eine nicht biblische Stelle, vielleicht eine Prophetie oder ein 
urchristlicher Hymnus, angeführt (indessen vgl. 1 Kor. 2, 9). Gott 
heisst »der Vater der Herrlichkeit« (1, 17), »der das All geschaf- 
fen hat« (3, 9), »von welchem Alles, was einen Vater hat, den Namen 
fuhrt« (3, 15). Das kommt wenigstens sonst nicht vor. Eigenthüm- 
lich wäre auch, wenn die betreffende Erklärung von 4, 8 — 10 richtig 
ist^), die Lehre von der Höllenfahrt, wobei zwar noch nicht, wie 
1 Petr. 3, 19 von einer Wirksamkeit im Hades die Rede wäre, aber 
doch von einem Triumph über böse Geister. Sicher dagegen ist, 
dass der Satan hier in der Atmosphäre herrscht (2, 2). Alle diese 
Thatsachen sind anzuerkennen, wenn man auch über ihre Beweiskraft 
verschieden urtheilen mag. Geradezu feindselig treten sie dem an- 
derweitig bekannten Lehrstoff des Paulus nirgends g^;enüber, und 
was z. B. 1 Kor. 6, 3 steht, ist nicht minder singulär*^). 

Um so befremdlicher sind die persönlichen Digressionen und 



1) So Hofmann, S. 8. 118. 290. 

2) Vgl. Hofmann, S. 20. — 3) Einleitung in das N. T. 6. Ausg. S. 319. 

4) Hofmann, S. 184 fg. 

5) Hoekstra, S. 639. ^ 

6) Vgl. ihre BegrOndung besonders bei Baur (Paulus II, S. 18 fg. Neutestamen t- 
liche Theologie, S. 260 fg.), Ewald (Jahrbücher der bibl. Wissensch. IV, S. 230. 
V, 8. 314 fg. Sieben Sendschreiben, S. 190 fg.), Hofmann (a. a. O. S. 155 fg.) 
und 41. Müller (Zeitschrift für lutherische Theologie und Kirche, 1871, S. 619 fg.). 

7) Hofmann, S. 284. 



3. Die Adresse. 7 

überhaupt das ganze subjective Gepräge, vermöge dessen der Brief 
als paulinisch erscheinen soll: die beständig wiederholte, an die 
Pastoralbriefe erinnernde Einschärfung seiner amtlichen Stellung 
(3, 1 — 3. 7. 4, 1. 6, 20), die zumal im unmittelbaren Gefolge von 
3, 5 auffallende Erinnerung an seine Vergangenheit 3, 8 (viel moti- 
virter ist 1 Kor. 15, 9), endlich die ungeschickte Berufung auf seine 
Einsicht, von welcher sich die Leser selbst überzeugen könnten 3, 4 
(wie ganz anders lautet die nächste Parallelstelle 2 Kor. 11, 5. 6). 
Ohne Parallele ist schliesslich auch der Gruss 6, 23. 24. 

3. Die Adresse. 

l) Der Adresse zufolge ist der Brief gewidmet TOig ayloig rotg 
ovam er 'Eq)iatp nat thotoIq iv Xqiot(^ ^Irjoov (1, 1). Nun hatte 
Paulus nach Apg. 18, 19 — 21. 19, 1 — 20, 1 in Ephesus Jahre lang 
(Apg. 19, 10. 20, 31) gewirkt, zuerst unter Juden, dann auch unter 
Heiden (19, 9. 10. 17) ; aber vorzugsweise bezeugt ist das Vorhanden- 
sein eines starken judenchristlichen Elements in Ephesus (18, 19. 20. 
19, 8. 13—16. 34. Offb. 2, 1, 2. 6). 

Als Leser unseres Briefes dagegen sind blos Heidenchristen ge- 
dacht (2, 1. 2. 11 — 13. 19. 3, 1. 6. 4, 17. 22. 5, 8), sei es nun, dass 
das '^fieig im Gegensatze zu vfielg die Judenchristen ^) oder Juden- 
und Heidenchristen zusammen 2), oder bald das eine bald das andere 
bedeute 3). Richtig bemerkt Ewald, der ganze Abschnitt 4, 25 — 
6, 9 enthalte eine Art von Gesetzgebung und Sittencodex für das 
Heidenchristenthum *) . 

Noch auffallender ist aber, dass von einer persönlichen Be- 
kanntschaft dieser Heidenchristen mit dem Verfasser nirgends eine 
Spur begegnet. Vielmehr war es ihm nach 1, 15 eine tröstliche und 
dankenswerthe Neuigkeit, aus dem Bereiche derer, an die er schreibt, 
von Glauben an Jesus und von christlicher Liebe zu hören (dxovaag) . 
Und auch sie werden, so setzt er 3, 2 voraus, gehört haben (eY ye 
rjxovaccte) von dem ihm eignenden sonderlichen Berufe (vgl. dagegen 
1 Kor. 15, 2. 2 Thess. 2, 5). Auf das Lesen und Studiren seines 
Briefes werden 3, 4 die Angeredeten hingewiesen, um sich von der 
Competenz des Verfassers in Sachen christlicher Wahrheit zu über- 



1) D. Schulz, Guericke, Neander, Schenkel, Hoekstra S. 644. 
Aehnlich Ewald, S. 208. 

2) Hofmann, S. 64. 

3) Kiene, Studien und Kritiken, 1869, S. 297 fg. 

4) Sieben SendBchreiben , S. 160. 



g Erstes Kapitel. 

zeugen. Und als ob er es selbst nicht wissen könhe^ setzt er 4^ 21 
zu ifiotd-ete tov Xqlotov ein eY ye avrov '^xovaaTe. Es war deshalb 
schon eine Tradition der antiochenischen Schule, die von Theodor 
von Mopsuestia vertreten^) und von Theodoret bezeugt ist 2), dass die 
Epheser dem Paulus noch persönlich unbekannt gewesen seien, als 
er an sie schrieb. Neuere Versuche, jenen Stellen theils eine mil- 
dere Deutung zu geben, theils sie als Ironie zu fassen ^j, scheitern 
an dem bestimmten Wortlaut ^) . Je lebhafter das Interesse ist, welches 
der Schreibende sowohl selbst an der Gemeinde nimmt, als auch bei 
dieser beansprucht (1, 15—18. 3, 1. 13—19. 6, 10. 19—22), desto 
unbegreiflicher nur wird die in Rede stehende Erscheinung s) . 

Ferner lesen wir auch keinen Gruss an einzelne Glieder der 
Gemeinde, oder an die ganze Gemeinde von einzelnen Freunden 
des Apostels, etwa von Timotheus und Aristarchus, die doch nach 
Apg. 19, 29. 1 Kor. 4, 17 beide mit dem Apostel in Ephesus gewesen 
waren und im Kolosserbrief (1, 1. 4, 10; vgl. auch Philem. 1) als 
damals bei Paulus befindlich erwähnt werden. Die prekäre Auskunft 
Hug's, Timotheus sei noch nicht bei dem Apostel gewesen^), steht 
und fällt mit seiner Hypothese von der Priorität des Epheserbriefes 
vor demi Kolosserbrief^). Reuss seinerseits erinnert an das Fehlen 
der Grüsse von Bekannten in den Briefen an die Thessalonicher, 
Galäter und im zweiten an die Korinther ^). Aber dafür schrieb 
Paulus diese Briefe mit Anderen zusammen, dagegen den unsern, 
ähnlich wie den Römerbrief, in seinem eigenen Namen (durchweg 
in erster Person des Singulars) . Dennoch findet sich selbst im Schlüsse 
des Sendschreibens (6, 21 — 24) keine Rücksicht auf Gemeindeein- 
richtungen, noch sonst eine Spur jener innigen und vertrauten Be- 
ziehungen, welche nach Apg. 20, 17 — 38 gerade zwischen Paulus und 
den Ephesem statt hatten. Auch fallt auf, dass trotz der Weissa- 
gung Apg. 20, 29. 30 von Irrlehrern nicht die Rede ist. Denn 
4, 14. 15 geht auf allgemeine Erfahrungen, 5,6 auf sittliche Yer- 
fährungen, und 1, 10. 20 — 23. 2, 9. 10 ist gar nicht polemischer 
Natur. 



1) Vorausgesetzt, dass er wirklich der Verfasser des von Pitra (vgl. Spici- 
legium Solesmense, I, 1852, S. 96) tinter dem Namen des Hilarius veröffentlichten 
Commentars sein sollte. 

2) Zu Eph. 1, 15. Opera ed. Nösselt, in, S. 401. 

3) So Wiggers, Wieseler, Reuss, Schenkel: Bibel-Lexikon, II, S. 1 25. 

4) Vgl. besonders Hofmann, S. 37 fg. 109. 111. 248 fg. 268. 

5) Braune: Die Briefe St. Pauli an die Epheser etc. S. 3. 

6) Einleitung in die Schriften des N. T. 3. Ausg. 1826. II, S. 402. 

7) Vgl. Honig, S. 65 fg. 

8) Geschichte der h. Schriften N. T. 4. Ausg. 1864, S. 107. 



3. Die Adresse. 9" 

Mit verhältnissmässig scheinbarstem Grunde beruft man sich auf 
6, 21. 22, womach alles Persönliche, was über die 3, l. 4, 1. 6, 20 
erwähnte Gefangenschaft hinaus zu berichten gewesen wäre, durch 
Tychikus auf mündlichem Wege ausgerichtet werden sollte ^) . Aber 
i>da8 Unverständliche, wenn er an solche schrieb, die er persönlich 
kannte und denen er persönlich verpflichtet war, ist ja vielmehr dies, 
dass er ihnen so allgemein zu schreiben vermochte, als sei er ihnen 
und als seien sie ihm nur von Hörensagen bekannt«^). »Es ist der 
ganze Ton, welcher durch den Brief hindurchgeht, der uns zeigt, 
der Apostel kann es hier unmöglich mit einer vertrauten Gemeinde, 
die er selbst in alle Tiefen christlicher Weisheit eingeführt hatte, 
zu thun haben «3). Verschollen sind ältere Ausflüchte, als ob Pau- 
lus um schmerzlicher Erfahrungen willen, die er in Ephesus gemacht 
hatte, jede Erinnerung an frühere Verhältnisse vermieden hätte*), 
oder als ob der ganze Brief sich auf eine spätere Generation beziehe ^) . 
Paulus kam ja 54 zuerst nach Ephesus, war 59 zuletzt daselbst, und 
der Brief ist, wenn echt, zwischen 59 und 64 geschrieben. In sol- 
chem Zeitraum erwächst selbst unter tropischem Himmel keine neue 
Generation; und so unmittelbar nach Apg. 20, 17 fg. wird schwerlich 
ein Gewitter ausgebrochen sein, welches jede Erinnerung an früheren 
Sonnenschein wegschwemmte. 

2) Nun gibt es aber auch äussere geschichtliche Thatsachen, 
die uns an der überlieferungsmässigen Ansicht irre machen. Darunter 
steht oben an der Umstand, dass der älteste Zeuge für den Brief 
ihn als Brief an die Laodicener kannte. 

Der Apostel Paulus schreibt nämlich an die Kolosser (4, 16), 
wenn sein Brief bei ihnen gelesen sei, sollten sie dafür sorgen, dass 
er auch in der Gemeinde von Laodicea gelesen werde, sie aber auch 
»den aus Ladicea« zu lesen bekämen. Von dieser Stelle hat ein la- 
teinisch schreibender ^) Fälscher Anlass genommen, einen Brief an die 
Laodicener zu erdichten, den schon Fabricius'), zuletzt Ranke ^) 
mittheilen, und über welchen Anger®), Wieseler i^) und Sar- 

1) Reuss, Meyer, Schenkel: a. a. O. S. 124 fg. 
, 2) Hof mann, S. 268. 

3) E.Engelhar dt: Zeitschrift für lutherische Theologie U.Kirche, 1S70, S.723. 

4) Wurm: Tübinger Zeitschrift, 1833, I, S. 97 fg. 

5) Wiggers: Studien und Kritiken, 1841, S. 413 fg. 

6) Der griechische Text des Elias Hutter von 1699 ist Uebersetzung aus 
dem Lateinischen. 

7) Codex apocryphus N. T., II, S. 873 fg. 

8) Codex Fuldensis, 1868, S. 291 fg. 

9) Ueber den Laodicenerbrief, 1843. 
10) De epistola Laodicena, 1844. 



10 Erstes Kapitel. 

tori ^} gehandelt haben. Kann nun aber auch über die Unechtheit 
und Werthlosigkeit dieser, aus dem Kolosser- und Philipperbrief zu- 
sammengesetzten 20 Verse kein Zweifel sein, so fragt sich um so 
mehr, was aus dem echten Briefe des Paulus an jene Gemeinde 
geworden sei. Schon Marcion wollte ihn in unserm Epheserbriefe 
wiedererkennen, wie aus TertuUian (adv. Marc. V, 11) und eigent- 
lich auch aus den missverstandenen Notizen des Epiphanius (Haer. 
XLII, 9) hervorgeht. Bemerkenswerth ist diese Aufstellung deshalb, 
weil man für dieselbe schwerlich irgendwelche dogmatische Gründe 
in's Feld führen konnte. Vielmehr machte die Beweisführung Mar- 
cion's auf Tertullian den Eindruck, als wolle der Häretiker auch in 
Herstellung ^der XJeberschrift als ein sehr sorgfältiger Untersucher 
erscheinen (Adv. Marc. V, 17: quasi et in isto diligentissimus ex- 
plorator). Ohne ihn eigentlicher Fälschung der Ueberschrift zu be- 
schuldigen, beruft sich Tertullian gegenüber Marcion blos auf die 
allgemeine kirchliche Ueberlieferung, welche die Adresse nach Ephesus 
für sich habe. 

Es wollten daher Mill und Wetstein, neuerdings noch Holz- 
hausen 2), Bleek^), Baur *) , Räbiger ^) , Laurent^), Haus- 
rath'), Volkmar^), Reuss^), Klostermann i^) und Andere 
die Angabe Marcion's aufrecht halten, indem sie auf die eine oder 
andere Art den Kol. 4, 16 empfohlenen Laodicenerbrief mit dem Ephe- 
serbrief identificirten. 

Indessen hatte Marcion seine Adresse »an die Laodicener« wahr- 
scheinlich aus Kol. 4, 15. 16 (vgl. 2, 1) entnommen. Aber nach dieser 
Stelle muss der Laodicenerbrief für älter als der Kolosserbrief ge- 
halten werden , während unser Epheserbrief Vielen unter den Ge- 
nannten für nach dem Kolosserbriefe entstanden gilt. Kann man 
dagegen auch einwenden, dass Kol. 4, 16 als eine nachträgliche Ein- 
schaltung des Apostels zu betrachten sei^^), so verträgt sich doch 
der Gruss an die Laodicener Kol. 4, 15 nur schwer mit der voraus- 
gesetzten Thatsache eines gleichzeitigen Briefs an dieselben. Schon 



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lieber den Laodiceerbrief, 1853. 

Der Brief an die Epheser, 1833, S. XIII. 

Einleitung in das N. T., S. 454 fg. Die Briefe an die Kolosser etc. S. 183. 

Paulus, 11, S. 49. 

Christologia Faulina, 1852, S. 48. 

Jahrbücher f. deutsche Theol. 1866, S. 129 fg. 

A, a. O. S. 2. 

Commentar zur Offenbarung Johannes, 1862, S. 66. 

A. a. O. S. 104 fg. 

Jahrbücher für deutsche Theologie, 1870, S. 160 fg. 

So Bleek, Einleitung, S. 459. Briefe an die Kolosser etc. S. 191. 



3. Die Adresse. H 

TertulKan hat die Adresse an die Laodicener eine willkürliche He- 
stimmung genannt^ und weder er noch Marcion hahen wohl überhaupt 
einen Bestimmungsort gelesen. TertuUian hält darum die Adresse 
für gleichgültig (de titulis nihil interest) ^). Damit stimmt^ dass auch 
unsere beiden ältesten Bibelhandschriften ^ die sinaitische und vati- 
canische^ die Worte hf ^Eq)ia(fi erst von zweiter und dritter Hand hin- 
zugefugt enthalten 2). Sogar noch im 12. Jahrhundert kommt es vor, 
dass in einer Minuskelhandschrift (Nr. 67, d. h. der Wiener Codex 34 
des Lambeccius) die Adresse nach Ephesus zwar steht, aber von 
zweiter Hand wieder getilgt wird. Ja wir sind geradezu im Besitze 
alter Zeugnisse^ wonach an der Spitzen ners Briefs keine Adresse ge- 
lesen wurde. Origencs fand in (seinen Handschriften, wie aus einem 
neuerlich aufgefundenen Stück hervorgeht, nur die Worte : Tolg ctyloig 
Tolg ovat xal niaTOis^]. Nach Basilius (contra Eunomium, II, 19) 
nennt Paulus die Christen ovTag, weil sie auf wahrhafte Weise 
durch Erkenntniss rip ovri geeinigt seien: ovrw yccQ xal oi ttqo 
Tj^wv naQaöedcixaai xat fjfieig iv Totg naXccLotg tcHv Qvtiyqdtqmv bvqtIi" 
xafzev. Ihm gilt sonach die Adresse iv ^Eipia(fi für die jüngere Les- 
art, und noch Hieronymus thut im Commentar zu der Stelle dieser 
Deutung Erwähnung (ab eo qui est hi qui sunt appellantur) und 
scheint selbst noch Handschriften ohne Ortsbestimmung gekannt zu 
haben 4). 

3) In neuerer Zeit hat man daher die Schwierigkeiten der Adresse 
wieder ziemlich allgemein empfunden und bald durch Annahme von 
Textverderbniss ^) , bald durch neue Uebersetzungsversuche des ovaiv 
ohne iv *E€pea(fi abhelfen wollen, wie »den Heiligen, die es auch wirk- 
lich sind«^), oder »den da seienden Heiligen « ') oder »den Heiligen, 

1) Meyer, Kiene, Hofmann, Bleek, Langen erklären hier richtig gegen 
Harless, Wiggers, Lünemann, De Wette. 

2) Tischendorf: Novum Testamentum ex codice Sinaitico, S. LXIV fg. 
Novum Testamentum Vaticanum, S. XVI. 

3) Diese Notiz des Origenes ist mit Ausnahme Tischendorf's von den pro- 
testantischen Kritikern vernachlässigt worden. Zuerst theilte Ad. Gramer in den 
Catenae in Pauli epp. Oxford, 1842 S. 102 das betreffende Fragment aus dem Com- 
mentar des Origenes mit. Gegen Aberle (Tübinger Quartalschrift, 1852, S. 108 fg.) 
halten die obige Auffassung mit Kecht aufrecht Langen (Einleitung, S. 106) und 
A. Maier (Theol. Literaturblatt, Bonn, 1871, S. 354). 

4) Hofmann, S. 3. 

5) Kiene lässt ovaiv aus ^&v€aiv entstanden sein. Nach Baur sollen die 
Worte totg ovaiv iv]*E<pia(fi aus 2 Tim. 4, 11 eingetragen sein (S. 48). Aber auch 
die Handschriften, welche iv *E<f^a(fi nicht haben, lesen doch immerhin noch tois 
ovaiv (Hoekstra, S. 601). 

6) Schneckenburger: Beiträge, S. 133. 

7) Matthies: Erklärung des Briefes an die Epheser, 1834, S. 7 fg. 



12 Erstes Kapitel. 

welche auch Gläubige sind«*). Aber davon abgesehen^ dass es keine 
riY^aapiivoL gibt, die nicht auch tciotoI hf Xqiatff ^Itjoov wären, kann 
der Brief doch wohl nicht an alle Heiligen und an alle Gläubigen 
überhaupt gerichtet sein. Denn der Schreiber muss dieses rotg ovai 
so gemeint haben, dass es, wie auch Rom. 1,7. 2 Kor. 1, 1. Phil. 1,1, 
die Ortsbestimmung aufnehmen sollte. 

Viel näher liegt daher die zuerst von Grotius (1641) ange- 
deutete und von XJsher (1650) begründete Hypothese, wornach der 
Brief ein Umlaufsschreiben gewesen wäre, etwa an die kleinasiatische 
Christenheit, welches Ephesus zum Ausgangs- und Mittelpunkt hatte. 
So J.D.Michaelis, Schmidt, Hug, Eichhorn, Flatt, Schott, 
A. Maier, Credner, Thiersch, Neander, Anger, Wiggers, 
Weiss, J. P. Lange, Langen. 

Zwar haben Lünemann 2) , De Wette ^) , Reuss *) , Schen- 
ke 1 ^) u. A. gegen diese Auskunft Instanzen geltend gemacht, welche 
Erwägung verlangen. Der Brief sei gar nicht an eine unbestimmte 
Vielheit geschrieben; sonst müsste es heissen: »wenn auch Einige 
unter euch mich nicht kennen«. Es werden 1, 15. 16. 2, 11. 19. 

3, 1. 4, 20 bestimmte Leser vorausgesetzt, und die Ermahnungen 

4, 28. 5, 4. 12. 13. 18 scheinen auf bestimmten Thatsachen zu fussen. 
Auch werde Tychikus 6, 21. 22 als XJeberbringer , nicht aber als 
Rundreisender bezeichnet. 

Aber im Grunde fiihren doch alle namhaft gemachten Stellen 
nicht über die Diagnose eines heidenchristlichen Publikums, hinaus. 
Und wie wiU man sich denn mit den soeben dargelegten Schwierig- 
keiten auseinandersetzen? Man hat vorgeschlagen, nur einen be- 
stimmten Theil der Gemeinde oder gar eine oder mehrere Tochter- 
gemeinden in der Nähe von Ephesus als Leserkreis anzunehmen^). 
Dann würde doch im ersteren Falle der Unterschied des Theiles vom 
Ganzen bestimmt angedeutet, im letzteren der Muttergemeinde mit 
einem Worte gedacht sein. Und woher in beiden Fällen die Adresse 

Am einfachsten versteht sich der vorhandene Thatbestand be- 
züglich der Adresse allerdings unter Voraussetzung eines Circular- 
schreibens. Die Adresse nach Ephesus würde sich dann daraus 



1) Credner, Fr. K. Meier, Hofmann, Weiss: Herzog's Realencyklo- 
pädie, XIX, S. 481. 

2) De epistolae quam Paulus ad Ephesios dedisse perhibetur authentia, 1842, 

3) Einleitung in das N. T. 6. Ausg. S. 312. — 4) S. 105. 

5) Bibel-Lexikon, II, S. 124. 

6) Harless, Lünemann, Neudecker, E. Engelhardt: Zeitschrift für 
lutherische Theologie und Kirche, 1870, S. 724 fg. 



3. Die Adresse. 13 

erklären, dass der Brief von da ausging und nach Vollendung seines 
Umlaufes wieder eben dahin zurückkehren sollte i). Den Umstand 
aber, dass diese Adresse früh schon fehlte, muss man entweder da- 
hin deuten, dass der Apostel gleich von vorn herein mehrere Exem- 
plare habe schreiben lassen 2), oder aber, da in diesem Falle zu er- 
warten wäre, dass sich auch Spuren von den übrigen Adressen er- 
halten hätten, dass die Adresse in blanco gelassen wurde, um jedesmal 
in entsprechender Weise ausgefallt zu werden. Neben dem Typus, 
welcher gar keine bestimmte Adresse nannte, würde sich dann, viel- 
leicht durch Vergleichung von 2 Tim. 4, 12 veranlasst 3) , ein anderer 
gebildet haben, welcher hinter TOig ovaiv gleichsam als exemplifi- 
cirendes Muster der Ausfüllung die Worte kv ^Eq)ia(p brachte *) . Zu 
weit aber ging ßleek, wenn er meinte, es hätten im Alterthum zwei 
Adressen bestanden, eine nach Ephesus, die andere nach Laodicea^}. 
Von diesen hält er, im Wesentlichen gefolgt von Kamp hausen^), 
die letztere für die richtigere, insofern als Paulus den Tychikus mit 
diesem Briefe zunächst nach Laodicea gesandt, zugleich aber dem 
Ueberbringer es überlassen habe, ihn auch in Hierapolis und anderen 
phrygischen Gemeinden mitzutheilen ; so habe der Brief keine feste 
Stätte gehabt, und habe es geschehen können, dass ihn später die 
Epheser auf irgend einem Wege für sich annectirten ') . Die Weit- 
läufigkeiten und Künstlichkeiten dieses Erklärungsversuches werden 
jedenfalls vermieden, wenn man Ephesus und Laodicea in gleicher 
Weise zu den Bestimmungsorten des Briefes zählt, etwa jenes als 
erste, dieses als letzte Station. Dies führt aber direct auf eine 
Reihe von Gemeinden, welche an die sieben Gemeinden des Apo- 
kalyptikers Johannes (1, 11) erinnern, sofern deren Cyklus von Ephe- 
sus eröffiiet (2, 1) und von Laodicea beschlossen wird (3, 14). 

So haben die Sache aufgefasst Kiene s), Hof mann®) und 
wohl auch Sabatier^^^). Tychikus hätte die Aufgabe gehabt, sowohl 
die sieben Gemeinden (Eph. 6, 22) als speciell die Kolosser (Kol. 4, 8) 
über die Lage des Apostels zu beruhigen; an letzterem Orte sollte 
man sich dann die, durch Tychikus schon 2uvor von Ephesus aus 



1 

2; 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 
10 



Hof mann: Die h. Schrift N. T. IV, 2, S. 177 fg. 

Olshausen, Rückert: Der Brief Pauli an die Ephesier, 1834, S. 2S5 fg. 

Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 158. 

Hitzig: Zur Kritik paulinischer Briefe, S. 29. 

Einleitung in das N. T. S. 454. 458. Die Briefe an die Kolosser etc., S. 181. 

Jahrbücher für d. Theol. 1866, S. 742 fg. 

Einleitung in das N. T. S. 456 fg. Die Briefe an die Kolosser etc. S. 1 83 fg. 1 85 fg. 

Studien und Kritiken, 1869, S. 323 fg. 

A. a. O. S. 154. 177. 

L'ap6tre Faul, 1870, S. 201. 



14 Erstes Kapitel. 

in Umlauf gesetzte Encyklica verschaffen^ sobald selbige an ihrer 
Endstation Laodicea angelangt sein würde. 

Für diese Erklärung spricht vor Allem, dass es Kol. 4, 16 nicht 
heisst t^v TtQog vovg uiaodmiag, sondern triv hc AaodvKeiag, welche 
Wendung darauf hinzuweisen scheint , dass der Brief von Ephesus 
aus durch die Gemeinden weiter gehen sollte bis nach Laodicea, um 
von hier aus auch noch einer Gemeinde, an die er ursprünglich 
nicht gerichtet war, oder die nicht zu dem stehenden Kreise der 
Sieben gehörte ^j , zugestellt zu werden. Aber höchst zweifelhaft 
wird bei einer solchen Auffassung des Epheserbriefes die Annahme 
paulinischer Authentie desselben. Die Christenheit zu Ephesus, der 
Anfangs-, und zu Laodicea, der Schlussstation des Cyklus, waren nach 
Ursprung, Alter, Bestand, vor. Allem aber nach ihrem Verhältnisse 
zu Paulus zu verschiedenartig gestellt, als dass dieser an beide Orte 
gleichsam identische Noten sollte gerichtet haben, zumal wenn er 
gleichzeitig an die Kolosser, die doch ihre speciellen Schäden mit 
den Laodicenem theilten und denselben Irrungen unterlagen (Kol. 

2, 1) ^), ein besonderes Sendschreiben richtete, welches freiUch z. B. 

3, 22 — 4, 1 dasjenige nur wiederholt, was die Leser von Eph. 6,5 — 9 
auch gesagt bekommen. Was hat der Austausch von zwei so ähnlichen 
Briefen für einen Sinn ^) ? Zudem kehren alle jene oben geltend ge- 
machten Bedenken gegen die Adresse nach Ephesus sofort wieder^ 
wenn diese Gemeinde überhaupt auch nur unter den Briefempfängern, 
geschweige denn wenn sie in erster Linie danmter sollte zu denken 
sein*). Schliesslich wissen wir aus Gal. 1,2, wie Paulus Briefe 
überschrieb, welche einer ganzen Reihe von Gemeinden gelten soll- 
ten, und nicht minder auch aus 2 Kor. 1, 1 (auch wohl 1 Kor. 1,2), 
wie er schrieb, wenn er eine Localgemeinde sammt ihrer Umgebung 
im Sinne hatte ^). 

Wir kommen somit zu dem Resultate: unter der Voraussetzung 
der Echtheit isf und bleibt die traditionelle Adresse unerklärlich ; 
aber auch die nach Laodicea weisende Notiz reicht nicht aus, das 
Yerhältniss beider Briefe begreiflich erscheinen zu lassen. Hitzig 
hat daher die Hypothese von dem Circular an die Apok. 1, 11 ge- 
nannten Gemeinden mit der Annahme der Unechtheit sowohl des 
Epheserbriefs als auch der Stelle Kol. 4, 16 verbunden^), und auch 



1) Vgl J. P. Lange: Die Offenbarung des Johannes, 1871, S. 70. 74. 94. 

2) Volkmar, S. 66. 

3) Renan, S. XX. 

4) Bleek: Einleitung, 8. 457 fg. Die Briefe an die Kolosser etc. S. 184. 

5) Braune, S. 9 fg. 

6} Zur Kritik paulinischer Briefe, S. 27 fg. 



1. Adresse und Entstehungsverhältiiisse. 15 

wir werden erst an einem spätem Orte (III, 2) das Räthsel zur 
TÖlUgen Lösung zu bringen vermögen. 



2. Der Eolosserbrief. 
1. Adresse and Entstehangsyerhältnlsse. 

Die schon von Herodot (VII, 30) und Xenophon (Anab. I, 2, 6) 
gerühmte Stadt, ein Sitz der Schafzucht und des Wollhandels (Strabo, 
XII, 1 6) heisst KoXoaaaL oder KoXaaaal : beide Schreibarten finden 
sich in Profanscribenten und in Handschriften des N. T. Jedoch 
ist das Letztere Yolksdialekt, das Erstere findet sich auf Münzen. 
Das »Städtchen« (Strabo XII, 8), welchem übrigens Plinius eine 
grosse Bevölkerung zuschreibt (V, 41), lag am oberen Lykus in Gross- 
phrygien. Von dem Erdbeben des Jahres 61 erholte sich Kolossä 
zwar wieder, sank dafür aber später herab, um erst im Mittelalter 
sich wieder zu heben ; unter dem Namen Chonä ist es dann vollends 
zum Flecken geworden. 

Zwar war Paulus zweimal in Phrygien gewesen (Apg. 16, 6. 
18, 23). Aber das erstemal wehrten ihm Weissagungen den Eintritt 
in die Umgegend von Kolossä, das zweitemal, als er alle vorhan- 
denen Gemeinden besuchte, liess er sie südlich liegen *) . Da fiir einen 
späteren Besuch im Leben des Paulus kein Raum mehr ist, so steht 
fest, dass Paulus die Gemeinde in Kolossä weder gestiftet, noch auch 
nur gesehen hat. Sonst hätte er 1, 23 anders geschrieben, als er 
that. Wiggers freilich meinte, bei jenen Reisen habe der Apostel 
nothwendig Kolossä berühren müssen; blos die Gemeinde in Lao- 
dicea habe er nicht selbst gestiftet 2), Aber aus Kol. 2, 1 (vgl. 1, 4. 9) 
geht hervor, dass Paulus die eine Gemeinde so wenig kannte als die 
andere. Die Stiftung beider fallt wohl erst nach dem Zeitpunkt 
Apg. 18, 23. Um die Gründung der Kolossergemeinde hat sich 
Epaphras verdient gemacht, ein Kolosser, der dem Paulus besonders 
nahe gestanden haben muss (1, 7. 8. 4, 12. 13), und dessen christ- 
liche Predigt dieser als correct anerkannte (1, 4. 2, 6). Die erst 
kürzlich gegründete (1,3 — 5. 9. 2, 6. 7) Gemeinde bestand 
vorwiegend aus Heidenchristen (1, 11. 27. 2, 11. 13), und war von 



1) Steiger (Der Brief Pauli an die Kolosser, S. 40 fg.), Wieseler (Chrono- 
logie des apostolischen Zeitalters, S. 52), Hof mann (Das N. T. lY, 2, S. 1). 

2) Studien und Kritiken 1838, S. 179. Dagegen Hofmann, S. 50. 



\Q Erstes Kapitel. 

A.nfang an paulinischen Charakters. Daher die grosse Theilnahme 
des Apostels (1, 9. 2, 1). 

Epaphras war nun von Kolossä zu Paulus gekommen, theilte 
wohl einige Zeit seine Gefangenschaft^ weshalb er Philem. 23 Mit- 
gefangener genannt wird, ähnlich wie auch Aristarch Kol. 4, 10^). 
Darauf schrieb der Apostel, wahrscheinlich durch die Hand des 1, 1 
mitgenannten Timotheus, diesen Brief und Hess ihn sofort durch 
Tychikus nach Kolossä bringen (4, 7. 8). Veranlasst war derselbe 
nach 1, 8. 9 durch die Nachrichten des Epaphras. Diese scheinen sich 
hauptsächlich auf das Eindringen geftlhrlicher Elemente bezogen zu 
haben, von denen später die Rede sein wird. Wahrscheinlich war 
durch ihr Auftreten der Friede in der Gemeinde in bedrohlicher 
Weise gefährdet (3, 14. 15). 

Derselbe Epaphras hatte ohne Zweifel auch das Evangelium 
nach dem benachbarten und sicherlich bedeutenderen 2) Laodicea ge- 
tragen. Diese Stadt lag, von Kolossä gen Westen, linkwärts vom 
Lykus, entsprechend dem, 4, 13 genannten, rechtwärts gelegenen 
Hierapolis, beides einst blühende und belebte Stätten alter Cultur 
(Strabo XII, 8, 16) und christlichen Gemeindelebens im südwest- 
lichen Phrygien, jetzt nur noch grossartige Ruinen auf einem land- 
schaftlichen Hintergrunde, dessen Reize Renan 3) beschrieben hat. 
Das gewerbs- und handelsreiche, u. A. durch seine Schafzucht be- 
rühmt und wohlhabend gewordene Laodicea, damals Mittelpunkt der 
Phrygia Pacatiana, hatte früher Diospolis, dann Rhoas geheissen, 
bis ihm der syrische König Antiochus II. zu Ehren seiner Gemahlin 
Laodice den späteren Namen beilegte. Jetzt heisst das Hirtendorf 
bei den Trümmern Eski-Hissar ( Altschloss) . Im Jahre 61 gleichzeitig 
mit Kolossä von einem Erdbebeh zerstört, blühte Laodicea aus eigenen 
Mitteln rasch wieder auf (Tacitus, Ann. XIV, 27) und wird in dem 
siebenten Briefe der Apokalypse (3, 14 — 22) als eine Gemeinde ge- 
schildert, die im sicheren Gefühle ihres Wohlstandes bereits lau und 
weltförmig geworden ist. Zur Zeit unseres Briefes, der mindestens 
fünf Jahre vor der Apokalypse geschrieben ist, scheint sich Laodicea 
dagegen wesentlich in der gleichen geistlichen Situation befiinden 



1] Ewald (Sendschreiben des Paulus, S. 463] lässt ihn schon als Gefangenen 
der Obrigkeit nach Born kommen. Nach Ne ander (a. a. O. S. 389) und Bleek 
(Die Briefe an die Kolosser etc. S. 11) waren es zunächst persönliche Angelegen- 
heiten, deren Besorgung ihn nach Bom führte. Nach Schenkel (Die Briefe an 
die Epheser etc., S. 164. Bibel-Lexikon, III, S. 566) fohlte Epaphras die Pflicht, 
dem Apostel mündlichen Bericht über die Zustände in Kolossä zu erstatten. 

2) Steiger, S. 16. 

3) Saint-Paul, 1869, S. 357 fg. 



2. Inhalt. 17 

ZU haben^ wie Kolossä, weshalb der Brief auch dorthin dirigirt wird 
(vgl. 2, l. 4, 13 — 16)^). Auch die Verhältnisse in Hierapolis 
müssen als im Wesentlichen gleichartig gedacht werden 2). 

2. Inhalt. 

Der Inhalt des Briefes ist somit bedingt durch die Gefahr, welche 
eine spätere Form des judenchristlichen Gegensatzes gegen Paulus 
den Gemeinden zu Kolossä und Laodicea bereitet hatte. Das Ganze 
zerfallt, wenigstens nach herkömmlicher, fast von allen Kritikern und 
Exegeten getheilter Auffassung, in zwei gleiche Theile. Der erste 
beginnt mit Gruss (1, l. 2) und Danksagung für den Christenstand 
der Kolosser (l, 3 — 8), für deren geistliches Wachsthum der Apostel 
immerfort betend thätig ist (1,'9 — 12). Wie er sich aber freut über 
den gesegneten Fortgang des Evangeliums unter den Lesern, so ist 
es Sache dieser, sich der Wohlthat der durch Christus erworbenen 
Erlösung und Versöhnung auch in ihrem ganzen Umfange bewusst zu 
werden (I, 13 — 23). In diesem Zusammenhang tritt die erste chri- ^ 
stologische Partie des Briefes (1, 14 — 21) auf, worin in unausge- 
sprochenem Gegensatze gegen das System der Irrlehrer die Vermit- 
telung der Gläubigen mit Gott durch Christus gelehrt wird, der 
überhaupt das Cehtrum des Universums, das Haupt der Geisterwelt 
ist. In diesen speculativen Betrachtungen über den erhöhten Chri- 
stus beruht somit die dogmatische Eigenthümlichkeit des Briefes. 
Nebenbei spricht der Verfasser aber auch von seinem apostolischen 
Berufe und seiner, darin begründeten Besorgniss um die Leser 
(1, 24 — 2, 5). So vorbereitet geht der Verfasser dann (2, 6 — 23) zu dem 
eigentlichen Gegenstande über , um dessetwillen der Brief geschrie- 
ben ist, zu der Warnung vor fremden und falschen Einflüssen, wel- 
chen die Leser ausgesetzt sind. In der Entwickelung dieser Antithese 
des Briefes kommt es zu einer zweiten christologischen Ausführung, 
in welcher gezeigt wird, wie der volle Inbegriff des Wesens Gottes 
in Christus wohne, welcher das Haupt sei aller Engel und Geister- 
mächte (2, 9. 10) und mit seinem Versöhnungswerk einen Triumph 
über dieselben gefeiert habe (2, 15), so dass künftighin die Gläubigen 
über die , weitere Vermittelungen setzende , natürliche Weisheit und 
Menschensatzung der Irrlehre hinaus seien. Dafür sollen sie, wie 
in der praktischen Hälfte (3, 1 — 4, 6) gezeigt wird, der Gemein- 
schaft mit dem überweltlichen Christus nachstreben und alles dessen 



1) Hof mann, IV, 2, S. 152. 

2) Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 463. 
Holtzmann, Kritik derEpheser- u. Kolosserbriefe. 



IS Erstes Kapitel. 

sich entäussem^ was ihr widerstreitet^ namentlich auch die Gremein- 
Schaftsverhältnisse des natürlichen Lebens richtig würdigen und da- 
durch in der That beweisen y dass sie den neuen Menschen angezogen 
haben. Zum Schlüsse folgen noch mancherlei Gr&sse und Nachrich- 
ten persönlicher Art (4, 7 — 18). 

3. Geschichte der Kritik. 

1) Zuerst hat unseren Brief Mayerhoff entschieden für un- 
echt erklärt, indem er darin eine Nachbildung des Ephesierbriefs 
findet. Aber auch an sich betrachtet sei die Sprache des Briefs un- 
paulinisch, erinnere an die der Pastoralbriefe; ihr fehlen die gram- 
matischen und lexikalischen Eigenthümlichkeiten der paulinischen 
Briefe, während sich vieles von der paulinischen Weise Abweichende 
finde ^j . Richtig ist daran selbst nach dem Zugeständniss der Apolo- 
geten ^j, dass namentlich im ersten und zweiten Kapitel die Rede 
sich ziemlich schwerfallig und tautologisch fortbewegt. Femer wurde 
behauptet und theilweise zugestanden, dass die Terminologie der 
paulinischen Rechtfertigungslehre hier zurücktrete, während andere 
übrigens theilweise mit der bekämpften Irrlehre zusammenhängende 
und vielleicht geradezu an die Stichworte derselben anknüpfende 
Schlagwörter sich in den Vordergrund drängen. Wie verschieden — so 
bemerkten indessen die Vertheidiger — sei doch auch die Darstellungs- 
weise z. B. im zweiten Korintherbriefe gegenüber dem ersten. Nur 
einmal gebrauchte Ausdrücke, sogenannte Hapaxlegomena, kom- 
men in jedem Briefe vor, und die Einzelheiten, an denen Mayer- 
hoff die Differenz des Ausdrucks darzuthun suchte, wurden kleinlich 
und nichtssagend befunden. Der Vorwurf aber, dass der Verfasser 
seine Gedankenarmuth hinter gehäuften Synonymen verberge 3) , wurde 
als einseitig und unrichtig zurückgewiesen; nicht minder auch 
Mayerhoff's Nachweisungen einer verschiedenen Lehrweise. Wenn 
dieser Gelehrte z. B. findet, dass der präexistente Christus Gott 
untergeordnet werde '*) , so widerspricht er der später von den Tübinger 
Theologen gemachten Beobachtung, dass die Christologie unseres 
Briefs eher über die der älteren hinausgeht. Mayerhoff's Be- 
weis , dass unser Brief in den Parallelstellcn sich vom Epheserbrief 
abhängig zeige, kommt nach Weiss meist darauf hinaus, dass in 
den parallelen Abschnitten sich Ausdrücke finden, die sonst im Ko- 

1) Der Brief an die Kolosser mit yomehmlicher Berücksichtigung der drei 
Pastoralbriefe, 1838. 

2) Huther, Meyer, Weiss: Herzog's Realencyklopädie, XIX, S. 722. 

3) Mayerhoff, S. 35 fg. — 4) S. 69. 



3^. Geschichte der Kritik. 19 

losserbriefe nicht vorkommen, was bei dem geringen Umfange des 
Briefs ohne jeden Belang sei, zumal auch das Umgekehrte sich findet. 
Dafür endlich, dass die in unserm Briefe bekämpfte Irrlehre die cerin- 
thische sei, fehle gerade in den entscheidendsten Punkten der letztem 
der Nachweis. 

2) Consequenter und darum bedeutungsvoller sind die Versuche 
der Tübinger Schule, unsem Brief mit dem Epheserbrief zusammen 
den polemischen und irenischen Schriften des 2. Jahrhunderts ein- 
zureihen. So Baur*), Schwegler^), Planck ^j, Köstlin^), 
Hilgenfeld s) , B. Bauer ^j, Hoekstra^). Während indessen 
Baur geneigt ist, unseren und den Epheserbrief demselben Verfasser 
zu vindiciren, der alles Polemische, Specielle, Individuelle dem Kolos- 
serbriefe vorbehielt, den allgemeinen Inhalt desselben aber im Epheser- 
briefe weiter ausführte, sieht Schweglerim KolossQrbriefe eine Vor- 
stufe des Epheserbriefs, der einen entwickelteren dogmatischen Stand- 
punkt darbiete. Jedenfalls bahnt nach der Auffassung aller Genannten 
der Kolosserbrief den IJebergang zur Theologie des vierten Evange- 
liums, besonders durch seine über die paulinische hinausgehende Chri- 
stuslehre, die in einem von gnostischen Ideen erfüllten Kreise ent- 
standen sei. Christus erscheine hier als das allgemeine Central wesen 
des Universums, in welchem sich daher auch die Gegensätze von 
Juden- und Heidenchris tenthum auflösen müssen. Eine so hoch- 
fligende, transcendente Anschauung von der Person und Würde 
Christi finde sich nirgends in den echten Briefen. Unser Brief er- 
scheint daher wenigstens bei Baur als ein Versuch, die* paulinische 
Lehre mit der Logoslehre auszugleichen, die letztere in den Pauli- 
nismus einzufuhren. Femer wird besonders der 1,19. 2, 9 sich 
findende Ausdruck to rvlrjQWfia betont, welcher bekanntlich in den 
gnostischen Systemen eine grosse Rolle spielt. Endlich trete die 
friedeschaffende, ausgleichende Tendenz unseres Briefes auch in der 
Erwähnung der petrinischen und paulinischen Gehülfen Marcus und 
Lucas und in der Betonung der nothwendigen Kircheneinheit her- 
vor. Diese Argumentation Baur' s ist von Schwegler noch dahin 
präcisirt worden, dass der Kolosserbrief den Unionsbestrebungen 



1) Christentlium der drei ersten Jahrhunderte, S. 120. Paulus, 2. Ausg. 1866, 
n, S. 3 fg. 39 fg. 

2) Nachapostolisches Zeitalter, II, S. 325 fg. 

3) Theologische Jahrbücher, 1847, S. 461 fg. 

4) Ebendaselbst, 1850, S. 287 fg. 

5) Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1870, S. 245 fg, 

6) Kritik der paulinischen Briefe, 1852, IH, S. 101 fg. 

7) A. a. O. S. 599 fg. Vgl. besonders S. 647 fg. 

2* 



20 Erstes Kapitel. 

innerhalb der kleinasiatischen Kirche eingereiht wurde, welche mit 
Hülfe des beginnenden Gnosticismus den ursprünglichen Ebjonitis- 
mus verdrängt habe. An die Stelle der populären Ausgleichungs- 
formel nloTig nat Mqya seien daher auch hier höhere Begriffe ge- 
treten, wie dyanr], eTtlyvwaig, (xvatrjqtov. 

Diese Auffassung ist nicht ohne Widerspruch geblieben, und 
haben ihr gegenüber namentlich Reuss^), De Wette 2), Huther 3), 
A. Maier'*) , Hof mann s) , Bleek % SchenkeP) , Weiss ») und 
Beyschlag^) die paulinische Originalität des Briefes empfohlen. 
Namentlich wurde es als einer angeblichen conciliatorischen Tendenz 
des Briefes widersprechend befunden, dass derselbe ausgesprochener 
Maassen polemisch und ohne die mindeste Concession zu machen 
gegen den Ebjonitismus der Irrlehrer verfahre. Auch habe kein 
Leser merken können, dass die in der Personenliste weit von ein- 
ander getrennten Namen Marcus (4, 10) und Lucas (4, 14) hier als 
Symbole der Kirchenunion auftreten sollten. Bezüglich des Gnosticis- 
mus wurde bemerkt, dass im Ganzen und Grossen seine Lehrausdrücke 
auf Speculationen ruhen, die älter sind als das Christenthum ; vor- 
christliche Begriffe liegen daher solchen Ausdrücken, welche sich 
sowohl in unserm Briefe als auch im Gnosticismus finden, entweder 
gemeinsam zu Grunde, oder aber es lehnen sich die gnostischen 
Systeme in Formeln wie Trl^QWfia an die neutestamentliche Lehr- 
sprache nur äusserlich und accommodationsweise an. Ohnedies be- 
deute der in Rede stehende Ausdruck in unserm Briefe nicht die 
Fülle göttlicher Wesenheiten in gnostischer Weise, sondern es solle 
damit entweder das, was die ganze Schöpfung, oder was das innere 
Wesen Gottes ausfüllt oder aber die Fülle der xaqLafia'ca bezeichnet 
werden. Ebenso seien die l, 26 vorkommenden aiwveg xal yeveai 
Zeitläufte, nicht aber personificirte Wesen, wie im Gnosticismus, und 
erkläre sich der öftere Gebrauch des Wortes yvtSaig hinlänglich aus 
dem Inhalt und Zweck des Briefes, und dieser wieder aus den chri- 
stologischen Aufstellungen der Gegner. Im Gegensatze zu ihnen 
fand sich Paulus veranlasst, die höhere Würde Christi, namentlich 

1) S. 109 fg. — 2) Einleitung, 6. Auag., S. 307 fg. 

3) Commentar über den Brief an die Kolosser, 1S41, S. 418 fg. 

4) Einleitung in die Schriften des N. T., 1852, S. 314 fg. 

5) Die heilige Schrift N. T., IV, 2, S. 178 fg. 

6) Einleitung in das N. T., 2. Ausg., S. 444 fg. Briefe an die Kolosser, Philemon 
und Epheser, 1865, S. 18 fg. 

7) Die Briefe an die Epheser, Phüipper, Kolosser, S. 167. Bibel-Lexikon, HI, S.570. 

8) Herzog's Realencyklopädie, XIX, S. 717 fg. Biblische Theologie des N. T., 
1868, S. 223 fg. 

9) Christologie des N. T. 1866, S. 201. 229. 



3. Geschichte der Kritik. 21 

auch sein Verhältniss zur Geisterwelt und damit seine universale 
Stellung und Bedeutung absiehtsToller hervorzuheben. Lässt sich 
auch nicht leugnen^ dass eine Ausdehnung des Erlösungswerkes^ wie 
sie 1, 20 hervortritt, innerhalb der sonst feststehenden Grenzlinien 
paulinischer Vorstellungsreihen nicht nachweisbar ist, so liegen doch 
die Elemente zu einer solchen Erweiterung der Christuslehre des 
Kolosserbriefes in Stellen wie Rom. 1, 3. 4. 9, 5. 1 Kor. 8, 6. 10, 4. 
2 Kor. 4, 4. 5, 19. 8, 9 vor; und dafür, dass von diesen Ausgangs- 
punkten hier Fortsetzungslinien gezogen werden bis zu den Punkten, 
welche sonst nicht erreicht werden, lässt sich geltend machen, theils 
dass Paulus sonst nach dem Grundsatz 1 Kor. 2, 2. 6 handelt, von 
welchem hier abzuweichen er eben durch die Natur des zu wider- 
legenden Irrthums veranlasst war ^) , theils dass weitere Entwicke- 
lungen einzelner Theile seines Lehrbegriffes überhaupt nicht grund- 
sätzlich auszuschliessen sind. 

3) Dennoch sind selbst für das theologische Durchschnittsbe- 
wusstsein von heute auch bezüglich des Kolosserbriefes gewisse 
Punkte als unerledigt im Reste geblieben. Theils nämlich setzen 
sich die Bedenken, welche gegen den Epheserbrief immer noch be- 
stehen, auch fort bei der Betrachtung des Kolosserbriefes. Auch 
lier befremdet z. B. die kurz nacheinander wiederholte, auffällige 
Tersicherung, der Schreiber des Briefes sei ein Diener geworden 
(iyw iyevofitjv didnovog) , sei es des Evangeliums; sei es der Kirche 
(1,23.25). Auch Ewald hält es nicht für möglich, dass Paulus von 
sich selbst geschrieben habe, wie er hier thut 2) . Theils aber macht der 
Inhalt des Kolosserbriefes auch an und für sich einzelne Schwierig- 
keiten. Kein Kenner der paulinischen Begriffswelt liest ohne An- 
fitoss über 1, 24 weg. Paulus braucht das Wort dvauhjQOvv (1 Kor. 
16, 17. Phil. 2, 30) und TCQoaavaTtlrjQOvv (2 Kor. 11,9), nicht aber 
wftavaTtlrjQOvv , zumal in dieser, in Verbindung mit varegi^fiaTa 
noth wendig sich ergebenden Bedeutung des Ergänzens. Die Ttad^- 
fiara tov Xqiotov 2 Kor. 1, 5. Phil. 3, 10 aber sind »die Leiden, 
welche Christus erduldet hat und deren mittheilhaft wird, wer um 
desselben Heilswerkes willen gleiche Feindschaft über sich ergehen 
lässt. « 3) Die yioivwvia mit ihnen theilt Paulus sonst mit allen Gläu- 
bigen, während es sich hier um »eine die Drangsale Christi vervoll- 
ständigende und auf ihr VoUmaass bringende Leistung«^), mit Einem 



1) Reuss, S. 108. 

2) Sendschreiben des Paulus, S. 469. 

3) Hofmann, S. 39. 

4) Hofmann, S. 40. 



22 Erstes Kapitel. 

Wort um Ergänzung derselben handelt, was auch über 2 Kor. 4, 10. 
Böm. 8, 1 7 hinausgeht und bereits an die Ignatiusbriefe anstreift ^j . 
Es haben daher für die Aussage Kol. 1, 24 naturgemäss von jeher 
die katholischen Ausleger dasselbe specifische Interesse empfunden^ 
wie an den nachgeborenen, katholisirenden Stücken des N. T. über- 
haupt, den Pastoral-, Jakobus- und Petrusbriefen insonderheit. 

Von noch mehr Gewicht indessen als die besprochenen sach- 
lichen Bedenken haben sich für das Durchschnittsurtheil der gegen- 
wärtigen Kritik die sprachlichen erwiesen. Nur in Verbindung mit 
ihnen können auch jene Geltung erlangen 2). Schon jetzt ist für 
den Stand der Untersuchung dieses Briefes daher bezeichnend das 
Hervortreten von gewissen Vermittelungshypothesen, wie die von 
Ewald, demzufolge das Sendschreiben eigentlich von dem 1, 1 als 
Mitverfasser genannten Timotheus herrührt, welcher, nachdem ihm 
Paulus schon öfters Briefe dictirt hatte, mit zunehmender Reife 
selbständiger arbeitete, und als alter ego die Form des gegebenen 
Stoffes bestimmte^), oder von Hitzig, der vor allem die durch 
den Philemonbrief, sowie durch 2Tim. 4, 10 — 12 bestätigten Persönal- 
nachrichten am Schlüsse als echten Kern geltend macht und Ueber- 
arbeitung eines paulinischen Sendschreibens annimmt^). Beide fin- 
den die Sprache theilweise unpaulinisch, und Ewald macht nament- 
lich auf die ungewöhnlichen Wortzusammensetzungen imd Schwer- 
fölligkeiten der ersten Kapitel aufmerksam, während Paulus später 
(4, 7. 18) die Feder wieder mehr selbst in die Hand genommen 
habe^). Aber gerade die beiden ersten Kapitel enthalten ja den 
eigentlichen Schwergehalt des Briefes und sehen es recht deutlich 
darauf ab, den Eindruck paulinischer Abstammung zu machen. 
Schon 2, 1. 5, besonders aber iyd) Ilavlog 1, 23 nöthigt die Leser 
zur Annahme mindestens eines directen Dictates^j, oder aber diese 
Stellen verrathen die Absicht des späteren Verfassers, der auf diese 
Weise das Seine thut, um seinem Werke paulinische Autorität zu 
verleihen'^). Doch hat Ewald das Verdienst, darauf hingewiesen zu 
haben, dass die Lösimg des Bäthsels in einer Aufstellung liegen 
müsse, der zufolge der Brief zugleich paulinisch und nicht paulinisch 



1) Hilgenfeld: Apostolische Väter, S. 193. 224. Zeitschrift für Wissenschaft- 
Uche Theol. 1870, S. 246. 

2) Renan, a. a. O. S. VII fg. 

3) Die Sendschreiben des Apostels Paulus, 1857, S. 11. 466 fg. 

4) Monatsschrift des wissenschaftlichen Vereins in Zürich, I, 1856, S. 67. 

5) S. 467 fg. 

6) F. Nitzsch bei Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc. S. 20. 

7) Baur, S. 37. 



r. 



1. Gemeinsame AbfassungsverhAltnisse. 23 

erscheinen kann^ und sowohl Hitzig ^j als Weise 2) haben es unter- 
nommen, die Interpolationen im Einzelnen anschaulich zu machen. 



3. Die beiden Briefe in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. 

1. Gemeinsame AbfassnngsTerhältnisse. 

Während es beim Kolosserbriefe nicht ganz ohne Schwierig- 
keit, beim Epheserbriefe fast nur zur Noth angeht, Motive und 
Tendenzen ausfindig zu machen, aus welchen unsere Sendschreiben 
als paulinische^ jedes in seiner Art, sich erklären^ erwächst eine be- 
reits ernstliche Gefahr aus der Gemeinsamkeit von Abfassungsver- 
hältnissen, welche, unter der Voraussetzung ihrer Echtheit, ihnen 
ohne Frage zukommen muss. Denn wie Kol. 4,7, so erscheint auch 
Eph. 6, 21 Tychikus als Ueberbringer, und wird Kol. 4, 8. Eph. 6, 22 
der Zweck von dessen Sendung in gleicher Weise dahin angegeben, 
ha TtaQaxaXiat] zag xaqdiag viiäv. Es liegt daher allerdings nahe, 
auch die Veranlassung des Epheserbriefes in den Nachrichten zu 
vermuthen , welche Epaphras aus Phrygien zum Apostel gebracht 
hatte 3) . 

Dann hätte also Paulus etwa zuerst den direct von Epaphras 
yeranlassten Brief an die Kolosser geschrieben und sich in ihm 
des Speciellen,' was zu sagen war, entledigt. Erst nachdem dieses 
geschehen, hätte er die Abreise des Tychikus benutzt, um zugleich 
auch mehrere kleinasiatische Gemeinden, durch welche dieser seinen 
Weg zu nehmen hatte, im s. g. Epheserbriefe anzusprechen und 
ihnen die Pflicht der Einheit einzuschärfen. Letztere Absicht könnte 
er freilich, als er den Kolosserbrief schrieb, noch kaum gehegt haben. 
Erst kurz vor der Abreise des Tychikus entschloss er sich zur Ab- 
fassung einer Encyklica, deren gebotene Eile die Anlehnung des 
Inhalts und der Form an den früher geschriebenen Brief erkennen 
lässt. So etwa denken sich den Hergang die Ausleger wie Bleek*), 
Schenkel^), Sabatier^). 



1) Beiträge zur Kritik paulinischer Briefe, 1870, S. 22 fg. 

2) Philosophische Dogmatik, I, S. 146. Beiträge zur Kritik der paulinischen 
Briefe, 1867, S. 59 fg. 

3) Langen: Einleitung in das N. T. 1868, S. 107. 

4) Die Briefe an die Kolosser etc. S. 184. 191. 

5) Bibel-Lexikon, II, S. 125. 

6) L'apötre Paul, S. 204. 



24 Erstes Kapitel. 

Möglicherweise aber hat Paulus zuerst die Encyklica geschrie- 
ben, welche von Ephesus, wohin Tychikus zunächst gelangte (vgl. 
auch 2 Tim. 4, 12), bis Laodicea gehen sollte. Nachher schien es 
ihm aber von Nöthen, an die Kolosser, welche nicht mit in diese 
Reihe eingeschlossen waren, noch eine besondere Ansprache zu rich- 
ten, worin der allgemeine Inhalt der Encyklfca concentrirt wieder- 
gegeben und mit einer polemischen Pointe versehen wurde. Weil 
aber auch Laodicea in derselben Lage war wie Kolossä und sich 
dadurch von den 6 anderen Gemeinden unterschied, an welche die 
Encyklica gerichtet ist, wird 4, 15. 16 Vorsorge getroffen, dass der 
Kolosserbrief auch nach Laodicea gelangt, was am fuglichsten auf 
dem Wege eines Austausches gegen die Encyklica, sobald dieselbe 
ihren Weg bis nach Laodicea gefunden, geschehen konnte. In dieser 
Combination dürften sich etwa die Aufstellungen von Reuss*) und 
H o f m a n n 2) vereinigen lassen. 

Sonach besteht unter den Vertheidigern der Echtheit beider 
Briefe bis zur Stunde keine Einigkeit darüber, ob Paulus, als er den 
Tychikus, in Begleitung des Onesimus, nach Kleinasien sandte, 
zuerst die locale Gefahr in Kolossä ins Auge gefasst (Kol. 4, 7 — 9) 
und dann sich entschlossen, bei# dieser Gelegenheit auch einem wei- 
teren Kreise Kunde von sich zukommen zu lassen, wofür man einen 
Beleg findet in Eph. 6, 21 iva öi eid^Te xat vfj,€ig za xaT ljW6^), 
oder ob dieses xal vfieig anders zu erklären, was insofern nahe 
liegt, als man vergeblich fragt, wie deftn die Leser des Epheser- 
briefs dazu hätten kommen sollen, eine solche Beziehung auf einen 
andern, nicht an sie geschriebenen Brief herauszufinden. Kloster- 
mann denkt deshalb an solche Gen^einden, welche, um vom Apostel 
Kunde zu erhalten, dermalen nicht auf Briefe von ihm zu warten 
brauchten^). Reuss^), Hofmann^) und Kiene 7) geben die Be- 
ziehung dahin an, dass, wie Paulus um die Verhältnisse der Leser 
weiss (1, 15), so nun auch sie die seinigen erfahren sollen. 

Genauer besehen stehen jedoch beide fraglichen Stellen in einem 
Verhältniss der Wort- und Sachparallele, welches noch zu Fragen 
von ganz anderer Natur Veranlassung gibt. Man vergleiche nur 



1) S. 105. — 2) IV, 2, S. 152 fg. 

3) Harless, Wieseler, Meyer, Bleek, S. 307. Vgl. übrigens auch 
Baur (Paulus, II, S. 48) und Sabatier, (a. a. O. S. 199 fg.). 

4) Jahrbücher für deutsche Theologie, 1870, S. 161. / 

5) S. 105. • 

6) Die h. Schrifl^N. T. IV, 1, S, 266. 

7) Studien und Kritiken, 1869, S. 321 fg. 



2. Das Verwandtschaftsverhältniss beider Briefe. 



25 



Efi^. 6. 

2 1 . ^'Iva di eiörJTe aal vfiaig %a 
^OLT ifj.iy ri Tigdaaü), ndvza vfilv 
yvcagiaei Tvxn^og 6 dyaTirjTOQ ddel- 
q>dg Kat TtiOTog dvdKOvog h xvQiiity 

22. ov eTiefixpa Ttqbg v^iäg eig 
avTO TOVTO iva yvdSre td nsQi 
fifiuiv Kat naga^aleafi %dg ytaQ- 

lag vfiwv. 



£ol. 4. 

7. Td %a% ifii Ttdvta yvtOQiasc 
Vfuv Tvxinog b dyaTtrjfcbg ddeXipbg 
xai ntCTog dtd^ovog xal avvdov- 
Xog hf KVQi(py 

8. Sv encfiiffa nqbg vfiag eig 
€xvtb TOVTO Iva yv(p Td negl 
ifitav aal Ttaganaleat] Tag xaQ- 
^iag vfiüv. 



Angesichts einer so sprechenden Uebereinstimmung muss man^ 
gegenüber den oben genannten protestantischen Auslegern, dem ka- 
tholischen A. Mai er Recht geben, es werde von jenen das Augen- 
fallige hinter gesuchten Beziehungen hintangesetzt i) . Schlechter- 
dings muss das nai vfieig Eph. 6, 21 so gemeint sein, dass derjenige, 
welcher dem Briefe an die Kolosser dieses Seitenstück schafft, die- 
selbe Wohlthat, welche ihnen zu Theil wurde, auch dem Leserkreis 
des Epheserbriefes zuwenden will 2). Der Verfasser des Epheserbriefes 
lässt somit hier erkennen, dass er sich bewusst ist, einen Brief vor 
sich zu haben, welcher im Ganzen dieselbe Situation voraussetzt, 
wie sein eigener 3) . Um so verwunderlicher und befremdlicher bleibt 
es dann freilich, wenn gerade umgekehrt Kol. 3 , 8 {wvi de aTto- 
&ea9e xal V(.ieig Td ndvca] Eph. 4, 22. 25. 31 so reproducirt erscheint, 
dass »auch« die Kolosser aufgefordert werden zu thun, wozu die 
Leser des Epheserbriefes schon aufgerufen sind. Eine Beziehung 
eigenster Art ist hiermit zwischen beiden Briefen constatirt — aber 
welche ? 



2, Das YerwftndtschaftSYerhältniss beider Briefe. 

Die nächste Wahrnehmung, die wir. Von Parallelen wie Kol. 
3, 8 = Eph. 4, 22. 25. 31 oder Kol. 4, 7. 8 = Eph. 6, 21. 22 aus- 
gehend, zu machen haben, ist nun aber die, dass die berührten 
Stellen keineswegs die einzigen ihrer Art, sondern nur Exempel für 
eine durchgehends zu machende, allgemeine Beobachtung sind. Es 
entsprechen sich nämlich, um vorläufig nur das Auffälligste anzu- 
führen^ auch folgende Stellen beider Briefe: 



1) Theol. Literaturblatt, 1871, S. 353. 

2) Baur, S. 48. 

3) Honig, S. 87. 



26 









Erstes 


Kapitel. 




Kol. 


Eph. 


Kol. Eph. 


1, 3. 4 


— 1 


, 15 — 17. 


3, 


6 — 5, 


6. 


M < 


> 10 


— 4. 


. 1. • 


3, 


8 fg. 4, 


22 fg. 25 fg. 


X < 


f 14 


— 1, 


f 7. 




4, 


29. 31. 5, 4 




f 16 


— 1 


» 21. 


3, 


12fg. = 4, 


2. 32. 




, 18fg. 


— 1 


, 22 fg. 


3, 


14 fg. 4, 


3 fg. 




, 20 


— l 


, 10. 2, 16. 


3, 


16fg.-5, 


19 fg. 




, 21 


— 2. 


, 1. 12 fg. 


3, 


18 — 5, 


22. 




, 23 


— 3. 


» 7. 


3, 


19 — 5, 


25. 




, 24 


— 3 


► 1. 


3, 


20 —6, 


1. 




► 25 


— 3 


, 2. 


3, 


21 —6, 


4. 




, 26 


— 3 


, 3. 5. 


3, 


22%. 6, 


5 fg. 


X • 


, 27 


— 1, 


, 18. 3, 8 fg. 


4, 


1 —6, 


9. 


2, 


> 13 


— 2. 


, 5. 


4, 


2 fg. 6, 


18 fg. 


2. 


. 14 


— 2 


, 15. 


4, 


5 — 5, 


15. 


2, 


> 19 


— 4 


, 15 fg. 


4, 


6 4, 


29. 


3. 

4 


» 3 


— 3 


, 9. 


4, 


Itg. -6, 


21 fg. 


3 

* 


» 5 


4. 


) I9. D^ 0. 9. 









Für die Kritik beider Briefe liegt somit der Hauptknoten, 
welcher Lösung verlangt, in dem eigenthümlichen schriftstellerischen 
Verhältnisse, welches uns hier begegnet. 

Beide Briefe stehen nämlich in einem, bei Paulus sonst nicht 
wieder vorkommenden Parallelismus. Der Epheserbrief sieht aus wie 
eine Amplification des Kolosserbriefs, mit dem er zum Theil wörtlich 
parallel läuft. Zwar die beiden ersten Kapitel sind im Ganzen 
selbständig, aber doch voll einzelner Anklänge an den Kolosser- 
brief; Eph. 3,1—9 ist Parallele zu Kol. 1, 24—27. Selbständiger 
ist 3, 10 — 21 und namentlich der Beginn des paränetischen Theils 
4, 1 — 21. Dagegen ist 4, 22 — 32 wieder sachlich identisch mit Kol. 
3, 8 — 13. Selbständiger, aber voll von Anklängen an den Kolosser- 
brief im Einzelnen, ist 5, 1 — 21. Dagegen sind die Standespflich- 
ten 5, 22 — 6, 9 ganz beschrieben wie Kol. 3, 18 — 4, 1. Im 
XJebrigen ist 6, 10 — 17 wieder original. Dafür lenkt 6, 18 — 20 wieder 
ein in das parallele Yerhältniss mit Kol. 4, 2 — 4, und stimmt selbst 
das Briefliche 6, 21. 22 mit Kol. 4, 7. 8. Eigenthümlich aber ist 
der Schluss 6, 23. 24. 

Umgekehrt erinnert der Kolosserbrief nach einem eigenthüm- 
lichen Eingange (l, 1 — 8), welcher aber doch schon mit Eph. 1, 15 
sich berührt, in der ganzen Partie 1, 9 — 23 ebenso bestimmt an Stel- 
len aus den beiden ersten Kapiteln des Epheserbriefs, als er anderer- 
seits wieder schon 1, 10. 12. 13. 23, besonders aber in den christo- 



2. Das Verwandtschaftsverhftltniss beider Briefe. 27 

logischen Aussagen 1, 15 — 19 original dasteht Dagegen ist 1, 24— 27 
parallel mit Eph. 3, 1 — 9. Selbständiger erscheint 1, 28. 29 und 
ganz besonders 2, 1 — 9, welche Stelle wieder in einer christologischen 
Ausfiihnmg gipfelt. Der Abschnitt 2, 10 — 15 findet abermals in den 
beiden ersten Kapiteln des Epheserbriefes mehrere Parallelen. Fast 
ganz ohne solche steht dagegen 2, 16 — 3, 4 da. Aus der ganzen 
Ermahnung 3 , 5 — 4 , 6 haben blos die Verse 3 , 7 und 1 1 keine 
augenfälligen Doppelgänger im Epheserbriefe. Sogar noch in den 
brieflichen Notizen 4, 7. 8 setzt sich das parallele Verhältniss fort; 
erst 4, 9 — 18 ist wieder durchaus eigenthümlich. 

Bekanntlich begegnen uns ähnliche Erscheinungen wohl auch 
sonst im N. T. Aber der diese beiden Episteln betreffende Fall 
geht über diejenigen Analogien, welche im Verhältnisse der jo- 
hanneischen Briefe zum vierten Evangelium ödes des Judasbriefes 
zum zweiten Petrusbriefe vorliegen, hinaus ^) ; er lässt sich fast nur 
mit der s. g. synoptischen Frage, wie sie auf dem Gebiete der Evan- 
gelienkritik begegnet, vergleichen. Was uns schliesslich zu gesicher- 
ten Resultaten sowohl über den paulinischen Ursprung des Kolosser- 
briefes, als auch die Entstehung des dunkeln Schriftstückes, welches 
wir Epheserbrief nennen, führen kann, das ist lediglich ein, mit me- 
thodischer Strenge in Angriff genommenes, synoptisches Verfahren, 
nicht aber jene beliebten Untersuchungen über die Adresse des 
Epheserbriefes und den paulinischen oder unpaulinischen Charakter 
der Christologie des Kolosserbriefes. Honig hat daher den Aus- 
gangspunkt aller unsere Briefe betreffenden Untersuchungen richtig 
bestinmit^), um so mehr, als die Aehnlichkeit der beiden bespro- 
chenen Fälle eine wirklich überraschende ist. Wie bei den drei ersten 
Evangelien, über deren Alter, Entstehungsweise u. s. f. auch erst 
die synoptische Methode Auskunft ertheilt hat , so schlingt sich auch 
hinsichtlich unserer Briefe das Räthsel gleicherweise sowohl aus sol- 
chen Erscheinungen, welche Verwandtschaft bedeuten, als auch 
aus den um so auffälligeren Differenzen, welche das im Allgemeinen 
parallele Verhältniss durchbrechen. 

Es ist nämlich die Harmonie im Wortausdruck oft ebenso auf- 
fallend, als die Verschiedenheit in der Sache. Wir finden auf bei- 
den Seiten eine freie Handhabung des Gedankens, und doch oft so 
kleinliche Uebereinstimmung im Wort. So ist Kol. 2, 11 — 14 in 
einzelnen Worten vorhanden Eph. 1, 19. 20. 2, 1. 5. 11. 14. 15, aber 
in ganz anderer Verbindung, zu ganz anderm Zweck, und ist der 



1) Braune, S. 3. 

2) A. a. O. S. 64. 68. 



28 Erstes Kapitel. 

avvdea^iog ttjQ Teleidrrj'cog Kol. 3, 14 zu einem avvdeofiog r^g eiQtjvrjg 
geworden Eph. 4, 3. 

Lassen wir einen unverdächtigen Theologen zu Worte kommen ! 
Zu Kol. l, 25. 26 = Eph. 3, 2—5. 9 bemerkt Hofmann: »Wir 
finden in einem der Hauptsache nach in beiden Briefen gleichen Zu- 
sammenhange Ausdrücke wie oexovo/u/a, iivatrjqtov beiderwärts ge- 
braucht^ aber mit voller Freiheit in verschiedenem Sinne verwen- 
det.«*) In einem anderen Falle, welchen Hof mann indessen minder 
richtig beurtheilt^), ergeben sich fast die gleichen Worte Kol. 2, 13, 
wo sie ausführen, was 2, 11 mit fceQieTf^rjdrjTe neqitoii^ dxstQO- 
TtoiT^Tip gemeint war, nicht minder natürlich, als Eph. 2, 5, wo was 
Gott an Christus und was er in ihm an uns gethan hat in Paral- 
lele gesetzt wird. Ebenso begegnen, wie Hof mann anmerkt 3), 
die Stellen Kol. 3, 16 und Eph. 5, 19 in so ganz verschiedenem 
Zusammenhange und doch so fast wörtlich übereinstimmend. 

Oft liegt auch in dem einen Briefe weit aus einander, was im 
andern unmittelbar hinter einander aufgezählt wird. So werden 
nOQveicLy äxad^agaiay nXeove^ia Kol. 3, 5 unter demjenigen genannt, 
was abzulegen ist, weil das Leben der Christen mit Christus ver- 
borgen ist bei Gott (Kol. 3, 3), dagegen Eph. 5, 3 unter dem, was 
ihnen auch nicht einmal in den Mund kommen soll *) . Auf dieselbe 
Stelle weist vorher schon Eph. 4, 19 und nachher Eph. 5, 5 wieder 
zurück, aber dreimal fasst in diesen Parallelen der Epheserbrief die 
Ttleove^ia mit den Sünden der axa^agala zusammen, während der 
Kolosserbrief (3, 5) zunächst nur auf letztere hinweist und die erstere 
als besonders noch hinzukommend mit dem Artikel auszeichnet^). 

Es fragt sich nunmehr, woher in diesen und zahlreichen ande- 
ren Fällen Beides rühre, das Auffallige sowohl des Anklanges und 
der üebereinstimmung , als der gleichzeitigen Verschiedenheit und 
Abweichung. 

3. Die Lösangsyersnche. 

1) Man hat nun — und das lag ja gewiss am nächsten — zu- 
erst gefragt, welcher der beiden Briefe das Original darstelle, 
welcher die Copie. Aber gerade hier gehen die Kritiker alsbald 
aus einander, wenn es gilt die Wahl zu treffen, ob der kürzere. 



1) Die h. Schrift N. T. IV, 2, S. 169. 

2) S. 175 fg. — 3) S. 171. 

4) Hofmann, S. 170. 

5) Hofmann, S. 114. 



3. Die Lösungsversuche. 29 

gedrungenere Inhalt des Kolosserbriefes im Epheserbrief erweitert, 
oder der ausführlichst dargelegte Gedankengang hier dort nur im 
Auszuge wiederholt ist. Sollte Ein Verfasser beide Briefe geschrie- 
ben haben, so hätte der erstere Fall in den quantitativ immer an- 
schwellenden Lehrbüchern und CoUegienheften , der zweite in allen 
den wirklich guten Arbeiten, die in wiederholten Auflagen nur con- 
centrirter werden , sprechende Analogien. Aber es kann auch auf 
der einen oder andern Seite künstliche Nachahmung mit im Spiele 
sein, und so hat De Wette das heutzutage überwiegende Urtheil 
begründet, dass der Brief an die Kolosser der ursprüngliche und 
echte, der an die Epheser der nachgeahmte sei. Denn der letztere 
sei nur verständlich durch den Kolosserbrief und seine Antithese 
gegen die Theosophen. Durchaus gehe ihm jede Eigenthüm- 
lichkeit der Zweckbestimmung ab; er sei eine, in's Breite gezo- 
gene, wortreiche Erweiterung des Kolosserbriefs, welcher in seiner 
»reichen Kürze a und in seinen strengen Uebergängen ganz das Ge- 
präge der Echtheit an sich trage ^). Die gewandteste und geist- 
reichste Durchführung der Hypothese totaler Abhängigkeit des 
Epheserbriefes hat soeben Honig gegeben in seiner Arbeit über »das 
Verhältniss des Epheserbriefes zum Briefe an die Kolosser« 2). Dass 
aber das umgekehrte Urtheil auch möglich sei, haben schon Mayer- 
hoff und Reu SS bewiesen. Wiewohl beide Briefe als paulinisch 
festhaltend, führt Letzterer die von De Wette formulirten Eigen- 
schaften des Epheserbriefs auf rhetorische Fülle, gewähltere Rede, 
feierlichere Stimmung zurück. Auch er wollte daher den Kolosser- 
brief um so mehr als den Jüngern auffassen, als briefliche Wieder- 
holungen das zweitemal kürzer auszufallen pflegen-^). Wenn schon 
Mayerhoff an der Hand einer fast durchgehenden Vergleichung 
aller Parallelen die mindere Originalität des Kolosserbriefs nach- 
weisen wollte^), so machte Reuss besonders auf die Parallelen Eph. 
5, 21 — 6, 20 = Kol. 3, 18 — 4, 4 aufmerksam, wo im Kolosserbrief 
die Stelle Eph. 6, 10 — 17 ausgelassen sei. 

Ganz ähnlich verhält sich auch Hofmann, dem zufolge »sich 
im Briefe an die Kolosser die im Briefe an die Epheser mit plan- 
mässiger Vollständigkeit ausgeführte Ermahnung in diejenige Kürze 
zusammenzieht, welche genügte, um der von den Irrlehrem ange- 
priesenen unevangelischen Heiligkeit die rechte Heiligkeit christ« 



1) Kurze Erklärung des Epheserbriefs, 2. Ausg. 1847, S. 89 fg. Einleitung 
in das N. T. (6. Ausg. 1860), S. 313 fg. 

2) Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie 1872, S. 63 fg. 

3) Geschichte der h. Schrift etc. S. 103 fg. — 4) S. 72 fg. 



30 Erstes Kapitel. 

liehen Sinns und Wandels gegenüberzustellen.«^) Haben wir doch 
am Verhältniss der beiden Katechismen Luther's ein schlagendes 
Beispiel für die Naturgemässheit dieser Folge, womach die breitere 
Recension der präciseren vorangeht. 

So steht in neuerer Zeit in der That eine Reihe von Gelehrten, 
welche unter allen Umständen, seien die Briefe echt oder unecht, 
dem Epheserbrief die Priorität zusprechen, einer andern Reihe gegen- 
über, welche zu Gunsten des Kolosserbriefes votirt. Zu den Ersteren 
gehören Eichhorn, Hug, Böhmer, Credner, Schnecken- 
burger, Matthie-s, Mayerhoff, Böttger, Guericke, Reuss, 
Klostermann, Braune und Hofmann; zu den Letzteren 
Schleiermacher, Wiggers, Schwegler, Baur, Harless, 
Neander, De Wette, Bleek, K.F.Meier, Meyer, Schen- 
kel, Weiss, Sabatier, Honig und Hoekstra. 

Bei der zweiten dieser Möglichkeiten, also unter Voraussetzung 
der Echtheit bei der »Annahme einer von Paulus selbst ausgegan- 
genen Verarbeitung des Kolosserbriefes für einen weiteren Leser- 
kreis« 2)^ scheint man in den Kreisen der »gläubigen Theologie« 
entschlossen sich zu beruhigen, während zugleich auch die fortge- 
schrittenste Kritik es als ebenso selbstverständlich zu betrachten an- 
fängt, dass von den beiden Fälschern der Verfasser des Kolosser- 
briefes der frühere, der des Epheserbriefes der spätere sei ^) . Aehn- 
lich stellen sich die meisten Commentare. Nur sucht man auch in 
diesen fast vergeblich nach einer eingehenderen Detailvergleichung 
der in beiden Briefen vorliegenden Anhaltspunkte. Meistens be- 
gegnen wir einer Exegese, welche zuerst den einen, dann den an- 
deren Brief aus sich heraus zu erklären und nur gelegentlich mit 
Verweisen auf Parallelstellen zu operiren unternimmt. Dies war 
eine Zeit lang gewiss ganz in der Ordnung. Aber von dem Augen- 
blic]^e an, wo diese Methode alle Resultate, die von ihrer Befolgung 
zu erwarten waren, geliefert hat, zugleich aber ein ungelöster Rest 
von Schwierigkeiten, zu deren Aufhellung sie nicht verhilft, hervor- 
getreten ist, wird die Betretung eines neuen Weges zum Gebot 
wissenschaftlicher Zucht. 

2) An diesem Scheidepunkte sind wir aber ohne Frage der- 
malen angelangt. Niemand kann heute mehr einen Commentar über 
Matthäus, Markus oder Lukas schreiben, ohne zuvor bezüglich der 
synoptischen Frage einen ganz bestimmten Standpunkt gewonnen 



1) IV, 2, S. 174. Vgl. S. 176 fg. 

2) Beyschlag, S. 201. 

3) Volk mar: Mose Prophetie und Himmelfahrt, tS67, 8. 161. 



df. Die LÖsungsvenuche. 31 

ZU haben. Ebenso wenig wird es bei gegenwärtiger Sachlage noch 
länger erlaubt sein^ unsere beiden Briefe von Anfang bis Ende^ als 
ob sie jedenfalls ganz selbständige Schriftwerke wären ^ durchzuer- 
klären^ um nur einleitungsweise ^) oder auch erst schliesslich ^) noch 
Einiges über ihr Verwandtschaftsverhältniss zu bemerken. Eine 
wirkliche Förderung der Exegese ist forthin nur noch Ton derjenigen 
Methode zu erwarten, welche das hermeneutische Geschäft in streng- 
ster Einheit mit der literarhistorischen Kritik betreibt. Was ist denn 
gewonnen, wenn man sich Tage lang an der Zurechtlegung einer 
syntaktisch schwierigen Stelle abarbeitet, die ganze Beihe gezwun- 
gener Erklärungen durchdenkt, welche in anderthalb Jahrtausenden 
ersonnen wurden, um endlich die vorhandene Zahl von Unmöglich- 
keiten durch eine neue Unmöglichkeit zu vermehren, während die 
Sache einfach so liegt, dass der ganze Anstoss nur durch einen, 
wegen seiner Kostbarkeit aus dem Original herüber genommenen, aber 
den Structurverhaltnissen des abhängigen Satzbaus nicht vollkommen 
angepassten und homogen bearbeiteten Marmorblocks herbeigeführt 
worden ist? Der bekannte Vorwurf des Willkührlichen , welchen 
man von der Voraussetzung aus, dass der überlieferte Buchstabe 
überall das sicherste und- ursprünglichste Datum bilde , gegen jeden 
Nachweis literarischer Abhängigkeits- und Interpolationsyerhältnisse 
zu erheben gewohnt ist, wendet sich mit ungleich grösserem Rechte 
gegen eine exegetische Caprice, welcher erfahrungsgemäss nur mit 
unendlichem Herumrathen Genüge geschehen kann. 

Das gewöhnliche Hausmittel, womit diese herkömmliche Manier 
sich des Eingehens auf die Thatsache wörtlicher Berührung und auf 
die daraus folgenden Schlüsse zu erwehren versucht, besteht auch 
noch in dem letzterschienenen Commentare darin, dass mit Hülfe 
von angeblich grösstmöglichen Verschiedenheiten des Zusammen- 
hanges und der Wortverbindung der erste richtige Eindruck wieder 
aufgehoben wird. So bezüglich des »Vorkommnisses« der Parallelen 
Eph. l, 7 und Kol. 1, 14: iv lo exofiev ttjv anoXvTqwaiv (Eph. : diä 
%av aif^aTog avTOv) , Trjv aq)€aiv twv naqaTtTWfionuiv (wofür Kol. : 
afiaQTiäv) . Da soll zwar im Epheserbrie^ v^v aq>€aiv rdiv Tcaqantw- 
fiazwv Apposition zu dnolvTQwatv sein^), im Kolosserbrief dagegen 
tüiv afxaQTiwv sowohl zu ttjv oiTtoXvtqwaiv ^ als zu vrjv aqteoiv ge- 
hören ^j, und überdies dort bereits die Eph. 1, H zu erwähnende. 



1) So noch Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc., S. 190 fg. 

2) So noch Hofmann» IV, 2, S. 166 fg. 

3) Hofmann: Die h. Schrift N. T. IV, 1, S, 14. 

4) IV, 2, S. 13. 



32 Erstes Kapitel. 

specielle aTtolvTQwaig t^q TtegiTton^aetog gemeint sein^ während hier 
nur im Allgemeinen auf das^ was wir in Christus besitzen^ hin- 
gewiesen werde ^). Als ob die übereinstimmende Erscheinung der- 
selben Worte dadurch nicht noch viel seltsamer und einer ^ jeden 
Zufall ausschliessenden Erklärung bedürftiger würde ^ dass sie bei- 
derseits so Verschiedenes bedeuten und in so verschiedener Verbin- 
dung mit einander gedacht sein sollten^). 

Vollkommen zu Streich kommt freilich auch Hof mann bei 
seiner Erklärung des Verwandtschaftsverhältnisses nicht, ohne we- 
nigstens die Existenz einiger Worte so ziemlich auf dieselbe schrift- 
stellerische Manier zurückzuführen, die eine unbefangene und auf 
kritischen Resultaten basirte Exegese überall da statuiren wird, wo 
nicht sowohl der auszudrückende Gedanke, als vielmehr lediglich 
das im vorliegenden Original gegebene Material es ist, welches den 
Ausdruck in dieser Fülle bedingt hat. Denn z. B. die auffallende 
Apposition Kol. 2, 12 Ttjg sveqyeiag tov &aov zu Tijg TtioTewg erklärt 
Hof mann aus Eph. 1, 19. 20, und »angesichts eines solchen Vor- 
kommnisses« wagt er es sogar auch, in dem xam ttjv evi^yeiav av- 
Tov TTjv ivEQyovfjiivrjv hf ifiol hf dvvdfxec Kol. 1, 29 einen Nachklang 
des xara tijv dvva^iv Tfjv ivegyov^ivrjv ev rifuv Eph. 3, 20 zu er- 
blicken 3) . Unsere Untersuchung wird nicht blos die relative Richtig- 
keit dieser Behauptungen darthun, sondern dieselben auch aus der 
Sphäre des blos Behaupteten in diejenige des Bewiesenen erheben. 
Ergibt sich nun aber gleichzeitig, dass noch eine Reihe von Fallen 
ganz dieselbe Beurtheilung verlangt, so ist schon damit die Unum- 
gänglichkeit gewisser, allen exegetischen Unternehmungen sich stel- 
lenden Vorbedingungen dargethan. 

3) In richtigem Gefiihl der Sachlage bescheidet sich daher ein 
anderer Commentator mit der Erklärung, es schwebe noch ein räthsel- 
haftes Dämmerlicht über diesen Briefen*). Dasselbe wird nament- 



1) IV, 2, S. 174. 

2) Vgl. meine Kritik in Hilgenfeld's Zeitschrift für -wissenschaftliche 
Theologie, 1871, S. 603 fg. 

3) rV, 2, S. 175. 

4) Schenkel: Bibel- Lexikon , n, S. 124. Der Commentar dieses Gelehrten 
war ursprünglich als neunter Theil der neutestamentlichen Abtheilung des »theolo- 
gisch-homiletischen Bibelwerkes « von JohannPeterLange erschienen, und zwar 
so, dass der Auslegung des Verfassers nicht selten prophylaktische und allen etwa 
möglichen »Irrthum« zerstreuende Noten des unfehlbaren Herausgebers beigesetzt 
waren. Nachdem das Werk in dieser Gestalt beiföllige Aufnahme gefunden, er- 
eignete sich das Missgeschick der rückwirkenden Kraft, welche das »Charakterbild 
Jesua vom Jahre 1864 auf die makellose Glaubensreinheit des Bibel werkes aus* 



3. Die Lösungsyersuche. 33 

lieh' mit Bezug auf die Entstehungsverhältnisse des Epheserbriefes 
nicht gehoben werden können, ehe die, beide Briefe umfassende, 
synoptische Frage zu einer einigermassen befriedigenden und all- 
gemein gültigen Lösung gebracht ist. Wie die Dinge dermalen 
liegen, ist es, so lange diese Vorfrage noch nicht erledigt ist, fast 
unmöglich, über die Echtheit der Briefe etwas auszusagen. Sobald 
aber einmal die Priorität definitiv dem einen von beiden zugespro- 
chen ist, liegt es natürlich nahe, in demselben auch das echte 
Schriftstück des Apostels, im andern die Fälschung zu erkennen. 
Dies die erste der sich bietenden Lösungen, von welcher übrigens 
schon Schwegler zu der Annahme von zwei Fälschern vorge- 
schritten ist. Die eingehendste Begründung hat letztere Hypothese 
in einer »Vergleichung der Briefe an die Epheser und Kolosser in 
Betreff ihres Lebrinhaltes« von Hoekstra gefunden^), während 
in Vertretung einer dritten Möglichkeit Hitzig den Satz aufstellt, 
es habe dem Verfasser des Epheserbriefes ein Paulusbrief vorgelegen, 
welchen derselbe nach Abfassung jener Encyklica überarbeitete, so 
dass der echte Kolosserbrief mit mancherlei Einschüben in der Ma- 
nier des Epheserbriefes versehen wurde 2) , von welchen einige scharf- 
sinnigst nachgewiesen werden ^j. Als eine vierte Möglichkeit stellt 
sich die von Baur vertheidigte Ansicht dar, beide Briefe seien 
zwar unecht, aber von demselben Verfasser^). Sind sie nämlich, 
wie er annimmt, als ein Brüderpaar in die Welt gegangen, so wird 
zwar immerhin noch gefragt werden müssen, in welchem von beiden 
Briefen wir den ersten Wurf der schriftstellerischen Hand zu ent- 
decken vermögen, ähnlich wie es sich, wenn weder die Darmstädter 
noch die Dresdener Madonna einem copirenden Epigonen angehören 
sollte, immer noch fragt, welche von beiden zuerst gemalt worden. 
Dagegen liegt die Sache hier insofern anders, als man nicht beide 
Briefe so leicht wird auf Paulus zurückführen dürfen, wie wohl jene 



zuüben yersprach, und wurde daher gleichzeitig- mit der zweiten Auflage von 
SchenkeTs Arbeit der neunte Theil aufs Neue geschrieben von K. Braune in 
Altenburg unter dem, Heiliges und Profanes deutlich scheidenden Titel »Die Briefe 
St. Pauli an die Epheser, Kolosser, Philipper« 1867. 

1) Theologisch Tijdschrift, H, 1868, S. 599 fg. Vgl. S. 648. 

2) Zur Kritik paulinischer Briefe, S. 22. 26: »Der Ueberarbeiter erging sich 
in seinem Gedankenkreise nach Belieben und befolgte seinen Sprachgebrauch, d. h. 
den des Epheserbriefes, so dass aus diesem die Thatsache der Ueberarbeitung sich 
noch femer beweisen lässt.« Nach Kesselring (Literarisches Centralblatt, 1871, 
No. 6, S. 122) werden sich gerade diese, das Verhältniss der Epheser- und Kolosser- 
briefe betreffenden Erörterungen besonders fruchtbar für die Wissenschaft erweisen. 

3) S. 23 fg. 25 fg. 

4) Paulus, II, S. 47 fg, 

Holtzmann, Kritik der Epheser- u. Kolosserbriefe. ^ 



34 Erstes Kapitel. 

beiden Bilder auf Holbein. Denn schwerlich lässt sich annehmen^ 
dass derartige Zwillinge dem paulinischen Genius entsprossen seien, 
da es dessen sonst hinlänglich documentirtem Reichthum entschieden 
widerspricht, dass er sich in dieser Weise sollte selbst ausgeschrie- 
ben haben*). Dass diese fünfte Möglichkeit nichts desto weniger, 
wie eben schon bemerkt wurde, einen Bestandtheil der heutigen 
Mode frommen und wohlgesinnten Meinens bilden konnte, erklärt 
sich daraus, dass sie allein den apologetischen Interessen auf dem 
Hauptpunkte dienlichst entgegenkommt. In diesem Sinne haben es 
Meyer 2), Rück er 1 3) , Neander 4) , Harless ^) , Reuss«), Hof- 
mann 7), Braune*), Sabatier^) für das Einfachste befunden, 
das Abhängigkeitsverhältniss für ein so zusammengesetztes auszu- 
geben, dass man nicht mehr von Abhängigkeit des einen Briefes 
vom andern, sondern nur beider von einer herrschenden Stimmung 
und geistigen Beschäftigung des Augenblicks sprechen kann, so dass 
der Verfasser bei Abfassung des zweiten Briefes die einzelnen Ge- 
danken, Wendungen imd Ausdrücke des zuerst geschriebenen, die 
ihm noch in der Seele hafteten, frei verwerthet hätte. Damit würde 
freilich das Verwandtschaftsverhältniss einen möglichst unschuldigen 
Charakter gewinnen. Ja es Hesse sich sogar, wofern die anderwei- 
tigen Gründe nicht schon zu einer Urtheilsfallung genügend er- 
funden werden, von hier aus die Echtheit beider Briefe darthun. 
Man müsste dann seinen Ausgangspunkt beim Brief an den Phile- 
mon nehmen, der auf jeden Fall für echt gilt ; dieser aber hält zu- 
nächst den Kolosserbrief aufrecht, um der ganz übereinstimmenden 
Situation willen, auf welche beide Schreiben zurückweisen; der Ko- 
losserbrief endlich wird als in einem derartigen Verhältnisse zum 
Epheserbrief stehend befunden, dass nur die Annahme, Ein Ver- 
fasser habe beide unter gleichen äussern und innern Bedingungen 
geschrieben, Lösung des Räthsels zu verheissen scheint*®). 



1) Vgl. Mayerhoff (S. lOG), Hoekstra (S. 600). 

2) Exegetisches Handbuch zum Epheserbrief, 4. Ausg. 1867, S. 23 fg. 

3) Der Brief Pauli an die Ephesier, 1834, S. 291 fg. 

4) Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durch die 
Apostel, 5. Ausg. 1862, S. 400. 

5) Brief Pauli an die Ephesier, S. XXXIX. — 6) S. 104. 

7) Die h. Schrift N. T. IV, 2, S. lüS. 173. 

8) Die Briefe St. Pauli an die Epheser etc. S. 4. 

9) L'apötre Paul, 1870, S. 197 fg. 
10) So Sabatier, S. 195. 



Zweites Kapitel. 

Untersuchung des schriftstellerischen 
Verwandtschaftsverhältnisses. 



1. Logische Vergleiehung der Parallelen. 
1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 

1) Die ParalMentafel , welche De Wette in§. 146 (a) seines 
Lehrbuches^) aufgestellt hat, kann als gemeinsame Grundlage der 
bisher geführten Verhandlungen betrachtet werden. Es handelt sich 
lediglich um das Mehr oder Minder von Bedeutung und Tragweite, 
welches man der hier vorliegenden Synopse beider Briefe zuschrei- 
ben will. Das in diesem Betreff denkbarste Minimum z. B. ist es, 
wenn Reuss findet, darin sei zunächst nur auf den Wortlaut Rück- 
sicht genommen, die Verschiedenheit des Stoffes bei aller Identität 
des theologischen Standpunktes übersehen und somit der Kritik ein 
Irrlicht vorgehalten. »So wie diese Tafel vorliegt, zeigt sie zur Ge- 
nüge bei aller Aehnlichkeit die selbst in der Form auf beiden 
Seiten freie Handhabung des Gedankens. Denn in der That müsste 
die Parallele so gezogen werden, dass auch der wesentliche Umstand 
einleuchtete, nur einzelne Gedanken, Schlagwörter, Formeln bilden 
die grössere Verwandtschaft, nicht aber die doppelte Exposition eines 
und desselben Themas 2].« Variationen dieser Worte sind es, die 
uns bei allen Vertheidigem der Echtheit beider Briefe wieder be- 
gegnen, wenn die Rede auf diesen Punkt kommt. Auch wir be- 
ginnen, um einen gemeinsamen Ausgangspunkt für unsere Unter- 
suchung zu gewinnen, mit der Feststellung des Umfangs, in welchem 
eine derartige Beurtheilung des Parallelität«verhältnisses auf unsere 
Zustimmimg Anspruch erheben kann. 



1) Einleitung in das N. T., 0. Ausg.» S. 313 fg. 

2) S 103. 



36 Zweites Kapitel. 

Allerdings — und dies ist die Hauptsache — ist das Thema 
in beiden Briefen keineswegs identisch , wie sich später noch her- 
ausstellen wird (vgl. IV, 1, 3), und jedenfalls ist der Gedanken- 
gang beiderseits so selbständig, dass man, wären die Parallelen 
nicht nachgewiesen, von selbst schwer auf die Vermuthung einer 
Abhängigkeit gerathen würde. So sind z. B. die Stellen Eph. 3, 1 — 9, 
Kol. 1, 24 — 27 parallel in der Beschreibung des heidenapostolischen 
Berufs. Aber im Epheserbrief ist der Verfasser natürlich dazu ver- 
anlasst durch die vorangehende Ausführung über die Bestimmung 
der Heiden, gemeinsam mit den Juden als Bausteine in den Tempel 
Gottes hineingebaut zu werden ^) , während im Kolosserbriefe die 
Motivirung in dem dargestellten Heil überhaupt und in der es krö- 
nenden Versöhnung Gottes und der Menschen insonderheit beruht. 
Der Epheserbrief wendet sich nachher wieder zur Empfehlung der 
Einigkeit an die Christen. Im Kolosserbrief dagegen benutzt der 
Apostel die Erwähnung seines Berufs, um zu eigener Besorgniss und 
zur Polemik überzugehen 2) , Beidemal sind es ihm persönlich fremde 
Gemeinden, welche durch die parallelen Abschnitte in die rechte 
Stimmung versetzt werden sollen, um sich das sagen zu lassen, was 
der Apostel ihnen zu sagen hat. 

Auf die Versicherung steter Danksagung Kol. 1 , 3.4=^ Eph. 
1,15 folgt beiderseits, jedoch so, dass im Kolosserbrief ein kurzer, 
auf individuelle Verhältnisse hinauslaufender Abschnitit (1,5 — 8) 
dazwischentritt, eine längere Fürbitte (Kol. 1, 9 fg. Eph. 1, 16 fg.). 
Aber »im Briefe an die Epheser erbittet sie den Leseni Erkenntniss 
des hohen Werthes ihres Christenstandes und der Grösse der gött- 
lichen Macht, deren sie sich getrösten dürfen, dagegen im Briefe 
an die Kolosser volle Erkenntniss des Willens Gottes, wie sie wan- 
deln sollen, und was sich an diese Erkenntniss anschliesst ^j . u 

Ganz offenbar parallel ist die Beschreibung Christi als des durch 
die Auferstehung aus dem Tode erwiesenen Hauptes der Gemeinde 
Kol. 1, 18 und Eph. 1, 20. 22. Aber im Kolosserbriefe scheint diese 
Ausführung, wornach Christus durch Sterben und Auferstehen [rtqw- 
roTO^OQ ix t(Sv v€XQ(ov) x€q)aXrj tov owfxatog geworden ist, auf die 
l, 22. 23 folgende sittliche Verpflichtung der Glieder des Leibes 
vorzubereiten, während im Epheserbriefe alle Hinweisuiigen auf die 
Machtstellung Christi als Objecte der den Lesern angewünschten 
aoq>ia und iTrlyvwais (1, 17) erscheinen. 



1) Honig, S. 71. 

2) Reuss, S. 104. 

3) Hofmann, a. a. O. S. 168. Vgl. Honig, S. 69 fg. 



1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 37 

Noch mehr gibt sich freilich in dem, was beide Briefe unter- 
scheidet, eine gewisse Selbständigkeit in der Verfolgung besonderer 
Zielpunkte kund. Ermahnungen des Kolosserbriefes , wie tcc avto 
^rjteije (3, 1) oder g>QOV€lt€ (3, 2), und veytQciaare ra f.ieltj tä iTti 
^^ff y^S (3, 5) hängen irgendwie mit der Polemik desselben gegen 
die gesetzlichen Zumuthungen der Irrlehrer zusammen , über welche 
die Leser durch ihre Betheiligung am Leben des Auferstandenen 
hinweggehoben sind, finden sich daher im Briefe an die Epheser 
nirgends, auch nicht da, wo man sie, wie 4, 17 fg. erwarten könnte ^). 
Und noch viel zahlreicher sind Eigenthümlichkeiten des Epheser- 
briefes, die man, wie z. B. den Ausdruck ta hiovqavKXy vergeb- 
lich im Kolosserbrief sucht. 

In der That sind solche Wahrnehmungen nach den beiden Sei- 
ten, welche sie der Betrachtung darbieten, ganz geeignet, die Lösung 
des Räthsels als im Detail unmöglich, im Grossen und Ganzen je- 
doch um so sicherer sowohl in der Einheit des schriftstellerischen 
Subjectes und des zeitlichen wie psychologischen Momentes, als in der 
Differenz der beiderseitigen Aufgaben gelegen erscheinen zu lassen. 
Beide Schriftstücke wären in diesem Falle Zwillinge, und die Ver- 
wandtschaft in der Weise der Abhängigkeit zweier Producte von 
gemeinsamen Factoren, d. h. als eine wesentlich geschwisterliche 
zu erklären. Wir stehen nicht an, von vorn herein jeden Lösungs- 
versuch für über das Mögliche und Erreichbare hinausgehend zu er- 
klären, welcher nicht, von hier seinen Ausgangspunkt nehmend, 
eine ganze Reihe von mehr zufälligen und vereinzelt auftauchenden 
Parallelen eben auf diesen, beiden Briefen gemeinsamen Hintergrund 
eines und desselben, hier wie dort wesentlich gleich bestimmten und 
nur wesentlich gleicher Ausdrucksweise fähigen Bewusstseins zurück- 
fährt. Beispiele solcher Parallelen, mit denen wir, sobald es sich 
lediglich darum handeln sollte, auf der einen oder auf der anderen 
Seite einen ohne eigenes Capital arbeitenden Pedissequus zu ent- 
decken , nichts anzufangen wüssten , werden uns im Laufe dieser 
Untersuchung auf Schritt und Tritt begegnen. 

2) Aber, mag auch diese Voraussetzung Vieles erklären. Alles 
erklärt sie lange nicht. In nicht seltenen Fällen ist die Verwandt- 
schaft eine durchaus schriftstellerische, und nöthigt die Art, wie ein 
gewisser Wortvorrath gerade auf bestimmte Verse in beiden Briefen 
sich vertheilt, schlechterdings zu weitergehenden Untersuchungen. 
Wir machen zunächst aufmerksam auf folgenden Fall : 



1) Hofmann, S. 170. 173. 



38 



Zweites Kapitel. 



Eph. 1. 
9. yviogCaag i^fAiv xo pLV- 
atriQiov Tov ^eliffiatos 

18. tiSivai vfjiag tlg lativ 

aVfOV Xrtl Tis 6 TtXov- 
tos irjg ^oSfjS t^S xltf- 
Qovofjilag nvTov iv loTg 
ay(oig. 



Kol. 1. 
oig t&iliiatv 6 x^tog 
yr(OQ((Siii il to Tilov- 
tos Tfjg f^o^rjg tov fiv- 
atriQlov tovTov ip toTg 
€&V€(flV o iatii' X(>l- 
atog iv Vfjiiv ri IXnlg 

r^g ^o^ng- 



Eph. 3. 
*^. iv ToTg e&vtaiv tvay- 
ytUaaa^m to avt^i- 
^viaatov nXovTOg tov 
XgiatoVf 
9. xal (fiorlaai navT€(g tlg 
/) oixovofjiia tov fAV- 
artjQiov. 
IG. x«T« TO Tikovtog itjg 

ifo^rjg avTOV. 
17. xatoixrjaat Tov Xqi- 
ajov 6id Ttig iiCfn^tog 
iv Jtttg xaQÖCaig Vfimv, 



Hier finden die merkwürdigsten und complicirtesten Wechsel- 
beziehungen statt. Die 'Mittelstelle Kol. l, 27 ist verbunden 

1. mit Eph. 1, 9 durch die Begriffe des ^vgt/jqiov , des ^ekrjfia 
oder 9eXeLVy endlich des yviaqltßiv, 

2. mit Eph. 1, 18 durch die ehiig vfjg {ytXi^aewg oder do^tjg), 
durch Tig 6 oder r/ to nXovxog trjg do^tjg iv roig [ayloig oder 
ed^eacv) ; 

3. mit Eph. 3, 8 durch den 7iXov%og und das iv roig e^veaiv, 

4. mit Eph. 3, 9 durch die, das einemal an yviogioac^ das andere- 
mal an q)WtLaaL angehängte, indirecte Frageform ti xb nXovtog , , . 
%ov f-ivöTTiqiov oder rig f] ol^ovof^ia tov fxvoTrjqlov ; 

5. mit Eph. 3, 16 durch den Begriff nXovtog Trjg do^rjg; 

6. mit Eph. 3, 17 durch die, dem nXovxog t^g do^tjg beiderorts 
auf dem Fusse folgende, Vorstellung Xgcazog ev [vfiiv oder raig xag- 
öiaig vfxiov). 

In allen drei Reihen sind in wesentlich gleicher Bedeutung und 
Beziehung vertreten namentlich folgende Elemente: 

1. das lÄvat^Qiov, 

2. der TcXovTOg Tfjg öo^rjg, 

3. die Frageform tig oder tl ioTiv to oder rj. 

Dabei ist femer zu beachten , dass die Parallelen des 'Epheser- 
briefes im ersten oder im dritten Kapitel beisammen stehen, und 
zwar im letzteren wieder so, dass nicht blos 3, 16. 17 durch die 
Akoluthie beider Verse schon sich als Parallele zu Kol. 1, 27 be- 
währt, sondern auch 3, 8. 9 unmittelbar zu dem Gedanken des /iv- 
atrjqiov d7Tox€XQVfÄf.iivov überleitet, welcher Kol. 1, 26 unmittelbar 
vorhergegangen ist. Endlich berühren sich die Stellen des ersten 
und dritten Kapitels des Epheserbriefes unter sich nicht direct, 
sondern nur durch Vermittelung der Kolosserstelle. Damit aber 
ist dem combinirenden Verstände ein Räthsel aufgegeben, das er 



1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 39 

nicht auf dem Lotterbett allgemeiner Beruhigungsphrasen ver- 
schlafen kann und darf. 

Gleich auffallend sind sowohl die Variationen als die Ueberein- 
stimmung, in welcher ähnliche und gleiche Worte Kol. 3, 5 und Eph. 5, 5 
auftreten. Aber jeder Gedanke au ein blos zufälliges Zusammentreffen 
wird ausgeschlossen^ wenn beiderorts fortgefahren wird, wie folgt: 

Eph. 5 , 6 dia xavta \ eQ^Btat rj oqyri rou d'eov int tovq 
Kol. 3,6 3c & i vlovg rrjg aTrei&elag, 

zumal da gleichzeitig, wie Kol. 3, 5 von der nkeove^la gesagt ist, 
rjTig iatlv sidcokolatQela , ' so Eph. 5, 5 vom TcleovixTtjg, og iaziv 
BlöüßlolaTqrjg, 

Oder wie soll man es denn beurtheilen, wenn der Wortinhalt 
einzelner Stellen des einen Briefes ganz reinlich vertheilt erscheint 
auf verschiedene Stellen des anderen? So lässt sich z. B. aus der 
Addition von Eph. 4, 2. 3. 32 die Stelle Kol. 3, 12. 13 gewinnen. 
Hier hat doch wohl entweder der Autor ad Colossenses, indem er 
Eph. 4, 32 copirte, die Stelle Eph. 4, 2. 3 nachträglich eingearbeitet 
und «onach beide Stellen combinirt, oder aber der Autor ad Ephesios 
hat den Zusammenhang von Kol. 3, 12. 13 auf zwei Partien seiner 
Ausführung sorgsamst vertheilt. 

Liegt aber die Sache so, so ist auch mit der blosen Erinnerung 
an einen kurz zuvor geschriebenen Brief nicht zu helfen, sondern 
auch wenn der Verfasser beider Briefe derselbe sein sollte, müsste 
man schlechterdings annehmen; dass er sein eigenes früheres Schreiben 
vor sich gelegt und zu Rathe gezogen habe. »Er benutzt den Brief so, 
dass er die Eigenthümlichkeiten desselben mit herüber nimmt, oft 
mit Zerstörimg eigener Klarheit der Satzbildung ^) . « Ausserdem 
bleibt, sofern etwa zwei Verfasser statuirt werden sollten, nur die 
Annahme übrig, dass der eine sich an das vorliegende Original des 
anderen gehalten habe. 

3) Leider ist nun aber darüber, dass ein Verwandtschafts ver- 
hältniss überhaupt vorliegt, das Urtheil viel schneller fertig, als die 
andere Frage sich erledigen lässt, wie die anzunehmende Verwandt- 
schaft in concreto vorzustellen sei. Gerade in Fällen, wo die 
schriftstellerische Einwirkung an sich auf der Hand liegt und darum 
die Frage nach der Priorität am dringlichsten sich erhebt, tritt oft 
ein Verhältniss eigenthümlicher Ambiguität ein, vermöge dessen 
ebenso viel Veranlassung gegeben scheint, jene Frage nach der einen, 
wie nach der anderen^Seite zu entscheiden. 



1] Mayerhoff, S. 105. 



40 Zweites Kapitel. 

Als auf ein classisches Beispiel hierfür ziehen wir uns auf zwei 
Stelleu zurück*, welche auch Reuss als »wirkliche« Parallelen der 
Beachtung empfiehlt^). Die s. g. Standespredigt Kol. 3, 18 — 4, l 
= Eph. 5, 21 — 6, 9 bietet jedenfalls den auffalligsten und unleug- 
barsten Beleg für die Behauptung einer schriftstellerischen Beziehung, 
welche zwischen unseren beiden Briefen obwaltet. Beiderorts ist sie 
gleich motivirt (Kol. 3, 17 = Eph. 5, 20), beiderorts steht sie fast 
unmittelbar vor dem Epilog des Briefes und ist von ähnlichem Ge- 
folge begleitet (die nächste Parallele nach der Standespredigt stellen 
dar Kol. 4, 2 — 4 = Eph. 6, 18 — 20). Femer ist sie beiderseits in 
ihrem Bau gleich ausgeführt, so dass die Gegensätze von Mann und 
Weib, Eltern und Kindern, Herrschaft und Gesinde in derselben 
Reihenfolge besprochen, und zwar jeweils zuerst dem untergeordne- 
ten Theile seine Stellung und Aufgabe angewiesen werden 2). Es 
versteht sich von selbst, dass ein so auffälliges Verhältniss einer 
bestimmten Erklärung fähig sein muss. Schwer aber ist es nichts 
desto weniger, zwischen den beiden sich aufthuenden Möglichkeiten 
zu entscheiden. 

Auf der einen Seite liegt es nahe, in dem kurzen und präg- 
nanten Ausdrucke des Kolosserbriefes den eigentlichen Text, in den 
umständlicheren, weiteren Ausführungen des Epheserbriefes den Com- 
mentar zu finden •^) . Auf der anderen Seite ist die Ansicht, wornach 
vielmehr die weitläufigen Ergüsse des Epheserbriefes im Kolosser- 
briefe nachträglich auf bestimmte Formeln von epitomatorischem 
Charakter präcisirend zurückgeführt werden, auch an der Stelle 
Kol. 3 , 5 — 11 zu einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu 
erheben, und sonach stünde an sich nichts im Wege, hier den- 
selben Schlüssel zu versuchen 4). Ebenso kann auch gleich die 
XJeberschrift Eph. 5, 21 auf der einen Seite theils als Schematisi- 
rung der im Original gebotenen Einzelnheiten, theils als ein glück- 
lich aufgefundener Uebergang von eleu gottesdienstlichen Vorschrif- 
ten 5, 19. 20 zu der Haustafel 5, 22 — 6, 9 erscheinen. Auf der 
Seite des Kolosserbriefes dagegen lässt sich die Stelle 3, 18 — 4, 1 
auf nicht minder natürliche Weise als Specialisirung des Begriffes 
h TL iav noirjxe Kol. 3, 17 fassen, wie ja auch in der That dieser 
Ausdruck in o iav TCOirJTS 3, 23 und das iv 6v6(.ict%L xvqIov ^Itjoov 
3, 17 in iv xvqiqt 3, 18. 20 wiederzuklingen scheinen. 

Aber auch wenn wir vom unmittelbaren Zusammenhang auf die 

1) S. 105. 

2) Hofmann, S. 133 fg. 171 fg. 

3) So z. B. Ewald, S. 200. 203. 
4; So z. 13. Mayerhoff, S. 99 fg. 



1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 4j 

Stellung übergehen, welche diese beiden, an sich auffälligsten Pa- 
rallelen im Plane des Ganzen einnehmen, so ergeben sich die wider- 
sprechendsten Resultate. Denn im Kolosserbriefe motivirt sich ein 
derartiger Abschnitt von selbst aus dem Thema des ganzen Schrift- 
stückes, welches eben der christlichen Lebensführung in erster Linie 
gilt {III, 4, 3). Mit Recht haben Weiss i) und Schenkel 2) gerade 
in der Haustafel eine kerngesunde Antithese gegen die, von den 
Irrlehrem geforderte, absonderliche und krankhafte Heiligkeit gefun- 
den. Es ist die goldene Lehre Luther's vom irdischen Beruf, welche 
sonach schon der Apostel, ganz wie jener sein grösster Ausleger 
und DoHmetscher , den «elbsterwählten Gottesdiensten und ausser- 
ordentlichen Tugenden der irrlehrerischen Ascese entgegenstellen 
würde. Andererseits ist die in Rede stehende Stelle im Epheser- 
briefe fast noch besser am Platze. Derselbe hat zum Zwecke, den 
Heidenchristen sowohl theoretisch ihre Stellung im Gottesreiche an- 
zuweisen, als auch sie in die gebührende licbenspraxis einzuweisen. 
Er stellt recht eigentlich einen gesetzgeberischen Act gegenüber der, 
die Kirche allmälig füllenden Heidenmenge dar. Zudem kommt 
der Verfasser hier auf sein neues Thema vermöge einer ganz natür- 
lichen Ideenassociation , welche sich selbst in den unmerklichen 
Uebergängen der Construction abspiegelt. Denn nach 5, 18 — 21 soll 
sich die Erfüllung mit dem Geiste wie in freudigem und erbau- 
lichem Gemeinschaftsleben, so namentlich auch in wechselseitiger 
Unterordnung ausdrücken 3) . 

Fragen wir nun zunächst, ob die Berührungen noch als zufalliger 
Natur gelten können, oder ob Bewusstsein und Reflexion dabei im 
Spiele sind, so macht zur letzteren Annahme schon die Besprechung 



1) Biblische Theologie des N. T. S. 224: »Die neuen Bedürfnisse des Ge- 
meindelebens veranlassten, tiefer in die conereten Beziehungen des sittlichen Le- 
bens einzugehen und durch eine gesunde Beurtheilung und Normirung derselben 
vom Standpunkte des Evangeliums aus der unfruchtbaren Askese, zu der die juden- 
christliche Theosophie hinneigte, die Spitze zu bieten.« S. 477: »Je mehr unsere 
Briefe eine Richtung bekämpfen, welche das Wesen der christlichen Sittlichkeit 
in eine unfruchtbare, ja aufblähende (Kol. 2, 23) Askese setzte, in der Paulus nur 
einen Rückfall in die aToix^Ta tov xoüfiov sehen konnte (Vs. 20) , um so mehr 
wurde es nöthig zu zeigen, wie sich die christliche Sittlichkeit in den Verhältnissen 
des natürlichen Lebens zu bethätigen hat.« 

2) Bibel-Lexikon, III, S. 569: »Unzweifelhaft hat es in den damaligen Con- 
troversen seinen Grund, wenn der Apostel auf ein geordnetes Familienleben dringt, 
indem die eheliche Gemeinschaft und der gesammte Hausstand durch die Be- 
kämpfung auch des erlaubten Sinnengenusses leicht in ihren Grundfesten erschüttert 
werden konnten. « 

3) Ritschi: Altkatholische Kirche, 2. Ausg. 1857, S. 99. VgL Winer: 
Grammatik des neutestamentlichen Sprachidioms, 7. Ausg. S. 329. 



42 Zweites Kapitel. 

geneigt, welche das eheliche Verhältniss Kol. 3, 18. 19 und Eph. 
5, 22 — 33 findet, weil hier die Parallelen des einen Briefes sich nach 
zwei Richtungen hin zu vertheilen scheinen. Wir lesen Kol. 3, 18 
ai yvvalueg VTtOTaaoso&e zoig avöqdaiv wg ävijiisv iv xt;^/^iy wäh- 
rencf die Parallelstelle Eph. 5, 22 nur bietet al yvpaiyceg roig Idloig 
otvdqaaiv wg 1:0» xvqlq) (nämlich vnotaaa^a&waav) , nachdem & ov% 
avfj^ev schon Eph. 5, 4 verboten war. Ganz ebenso steht statt Kol. 
3,* 19 jOi avöqeg dyanSte vag yvvaiyiag %ai fxfj ningalvead-e nqog 
avTag in der Parallelstelle Eph. 5, 25 blos 01 ävöqeg dyanate %äg 
yvvaixag, nachdem schon 4, 31 gesagt war, dass Ttäaa TTcugia dem 
Christen ferne liegen soll, und zwar geht Eph. 4,31 gerade mit 
Erwähnung der » Hitterkeit« über Kol. 3 , 8 hinaus , welche Stelle 
auffalliger Weise sowohl Parallele zu Eph. 4,31 als auch zu Eph. 
5, 4 ist.' 

Indessen hiesse es eine Last an vielleicht zufällig sich bildende 
Sommerfäden hängen, wenn eine pedantische Kritik schliessen wollte^ 
dass der Autor ad Ephesios oig dvrjytev 5, 22 wegen des anticipirten 
dv^xev 5, 4 und das (nrj TiiHQaiveod'e 5, 25 wegen der näaa niY^la 
4, 31 ausgelassen habe. Viel natürlicher werden wir in dem wieder- 
holten Gebrauche ähnlicher Ausdrücke <lie Spur einer und derselben 
Hand erkennen, welche hier sich mit Freiheit ergeht. 

Von grösserer Bedeutung ist es jedenfalls, wenn man iu den 
verglichenen Stellen der weitern Differenz begegnet, dass zwischen 
den beiden Weisungen Kol. 3, 18 = Eph. 5, 22 und KoL 3, 19 = 
Eph. 5, 25 der Epheserbrief noch die allgemeine Begründung einer, 
dann sofort (5, 25 — 32) weiter ausgeführten Parallelisirung des ehe- 
lichen Verhältnisses mit dem Verhältniss zwischen Christus und der 
Gemeinde bringt^), um erst 5, 33 wieder den Hauptinhalt der Er- 
mahnung kurz zusammenzufassen. Dies macht den Eindruck, als 
benutze der Verfasser freudigst die Gelegenheit, jene seine mystisch- 
theosophische Gedankenreihe darzulegen, was sich auch darin an- 
kündige, dass er statt h xvqiif Kol. 3, 18 schon 5, 22 das wg T(p xvQUfi, 
welches im Original erst Kol. 3, 23 = Eph. 6, 5 folgt, vorzieht^). 
Auf der anderen Seite aber ist es mindestens ebenso leicht vorstell- 
bar zu machen, dass ihn eine eigenthümliche, in dem Terminus tech- 
nicus TthfjQWiia begründete (IV, 2, 5, 2) Ideenassociation zunächst auf 
das wg rtp xvQi(p führte, und dass er sich dann durch diese, der eigen- 
sten Gedankenwelt entfliessende Parallele erst aufgefordert fühlte, 
die Gleichheit des Verhältnisses zwischen Christus und der Gemeinde 



1) Bleek, S. 133. 
2; Honig, S. 86. 



1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 43 

des Weiteren auszuführen. Der Kolosserbiief, welcher sich auf diese 
Versuchung zu einer ausführlichen Darstellung nicht einlassen wollte, 
hat dann mit richtigem, die Identität des Verfassers nahe legenden 
Verständnisse der Sachlage schon jenen Vergleichungspunkt ver- 
wischt^). Da er hiernach von dem ganzen Abschnitte Eph. 5, 25—33 
nichts brauchen konnte, als die hier zweimal wiederholte allgemeine 
Ermahnung ayanaTs Tas yvvalycag, fügt er jenes xai (nfj ncxQaiveay^e 
TtQog cevräg bei, welches um so weniger eine Wiederholung war, als 
ja Kol. 3, 8 die Ttäaa niTcgia Eph. 4, 31 ausgelassen war. 

Etwas anderer Art wieder sind die Schwierigkeiten, welche 
sich erheben hinsichtlich des Abschnittes, der den Kindern (Kol. 
3, .20 = Eph. 6, 1 — 3) und Eltern (Kol. 3, 21 = Eph. 6, 4) gilt. 
Entweder ist der Epheserbrief Original ; dann will der Verfasser des 
Kolosserbriefes, nachdem er schon 3, IH iv xv^/f^ hatte, diese Formel, 
der er nun Eph. 6, 1 begegnet, nicht gleich noch einmal in der- 
selben Weise brauchen, stellt sie daher diesmal an's Ende des ganzen 
Satzes, wo sie einen seiner stereotypen Schlusstöne bildet (11, 2, 4, 3) . 
Vor €V yLvqUi) ist dann aber auch €vaQea%ov besser am Platze als das 
öiTtaiov Eph. 6, 1 . Das einzige wirklich Neue aber, was die zweite, 
kürzere Ausprägung des Gedankens darbietet, würde in der Beto- 
nujig des unbegrenzten Umfanges der Pflicht (xara ndwa) bestehen. 
Umgekehrt aber wäre unter der Voraussetzung der Priorität des 
Kolosserbriefes im Epheserbrief die Weisung für die Kinder durch 
Weglassung des xa^a ndvra gemildert und ihr ein motivirender 
und erweiternder Hinweis auf das Gebot Ex. 20, 12 = Eph. 6, 2. 3 
beigegeben. Gerade weil das, 2 Kor. 9, 2 in bonam partem ge- 
brauchte, iged^l^ete , wofür übrigens Ä A C D E F G 1 it. vulg. auch 
Kol, 3, 21 7taQ0Qyl^€T€ lesen, zweideutig schien, konnte es durch 
ein deutlicheres Wort ersetzt werden 2) , und die negative Formel 
%va fiij d'dvfiiSotv wäre im Geist und Sinn des Originals*^) durch 
eine positive Ermahnung zur gedeihlichen Erziehung ersetzt. 

Von nicht minder zweideutiger Natur ist schliesslich auch der 
Abschnitt von den Sklaven (Kol. 3, 22 — 25 = Eph. 6, 5 — 8) und 
Herren (Kol. 4, 1 = Eph. 6, 9). Und doch wird hier am bestimm- 
testen jede Auskunft zu Schanden, welche ein so klar vorliegendes 
schriftstellerisches Abhängigkeitsverhältniss verwischen zu können ver- 
meint. Denn Zusammensetzungen, die sonst im ganzen N. T. feh- 
len, hier dagegen in gleicher Bedeutung und Umgebung vorkommen. 



1) Mayerhoff, S. 100. 

2) Bleek, S. 134. 

3) Ewald, S. 204. 



44 Zweites Kapitel. 

wie ctp&QMTtaQeaxog und nqyd^alfiodovleiay weisen durchaus auf Re- 
production einer bereits schriftstellerisch fixirten Darstellungsweise *), 
zumal wenn hierzu noch so mannigfache andere Uebereinstimmungen 
des Wortlautes kommen — »so rotg yLvqioig xarä adgxa dort, zoig 
xorro: aotqua Yvqloig hier, dort der Gegensatz ev anlotrjTi rijg xagdlag 
vficSv (bg T(ff XQiarfii, jutj xat* oq>x)-aXfiodovXelav wg dvd'qwTtdQeaytoi ^ 
hier derselbe Gegensatz, nur umgekehrt, /w^ ev o(pd^alfiodovleiaig 
wg dvd^QtüTtaqeaiiOi ctkl^ ev dTrlotrjti nagdiagy endlich hier wie dort 
(hg t(p nvQiiif xal ovn dv&qwnoig mit folgendem etdottg oVt^).« 

Für die Priorität des Kolosserbriefes spricht nun , dass hier 
bei aller Uebereinstimmung des Ausdruckes doch die sittlichen 
Gegensätze schärfer gezeichnet sind, insofern der Augendienerei die 
Herzenseinfalt und der Menschengefalligkeit die Gottesfurcht ent- 
gegengestellt wird*^). Ueberhaupt treten die negative imd positive 
Seite an der Sache sich im Kolosserbriefe wirksamst gegenüber, und 
der ganze Satzbau ist durchsichtiger als im Epheserbriefe , wo fast 
unmittelbar auf «ig rw Kgiortfi ein wg t^7 KVQttp folgt. Gerade wie Eph. 
6, 1 (=Kol. 3, 20), so ist ferner ra navra auch Eph. 6, 5 (=Kol. 3, 22) 
als zu stark weggefallen *) . Ebenso stellt sich schliesslich der Autor 
ad Ephesios auch dadurch mehr auf die Seite der Sklaven, dass er das 
x«i ovY, eatcv TtQOOiOTtolrjiplay welches Kol. 3, 25 einen Bestandtheil 
dessen bildet, was den Sklaven zu Gemüthe geführt wird, der Ver- 
mahnung an die Herrn beifügt, wo es ihm besser angebracht schien^). 

Freilich fassen Meyer und Schenkel die Stelle Kol. 3, 25 
nur als einen Locus communis, von welchem die Sklaven die An- 
wendung auf solche Herrschaften, über deren Ungerechtigkeit sie 
sich zu beklagen haben, selbst machen sollten. Christus wird ihnen 
solchen gegenüber dereinst zum strengen Recht verhelfen. Der Aus- 
druck hätte gerade dann etwas Originales. Denn im Epheserbriefe 
fehlt das Kol. 3, 25 unmittelbar vorbereitende dfioli^ipea^e rrjv dvtano- 
doaiv %rjg yilrjQOvofilag (3,24), dessen pragmatische Motivirtheit eben 
darin besteht, dass Sklave und Erbe Sein sich sonst (vgl. Gal. 4, 7. 30) 
ausschliesst. Jetzt Sklaven, dann Erben — dies führt 3, 25 auf die 
Kehrseite: jetzt Herr, dann aber — TLO^xiöBTai o rjdlurjaev. Wäre 
nur mit einem Wort angedeutet, dass der Verfasser schon 3, 25 an 
diejenigen denkt oder gedacht wissen will, die er erst 4, 1 anredet! 



1) Mayerhoff, S. 102. ^ 

2) Hofmann, IV, 2, S. 171 fg. 

3) Schenkel: Die Briefe an die Epheser etc., S. 211. 

4) Hoekstra, S. 649. 

5) Hofmann, S. 172. 



1. Neutraler Ausgangspunkt der Untersuchung. 45 

Fast ist man daher ^ wofern die Priorität des Kolosserbriefes unter 
allen Umständen gewahrt werden sollte, versucht, die hier ohnedies 
unrichtige Kapitelabtheilung dadurch zu verbessern, dass man 4, 1 
zwischen 3, 24 und 25 einschiebt. 

Einfacher aber ist es jedenfalls, die sachgemässere Stellung, 
welche die Bemerkung Kol. 3, 25 im Epheserbriefe einnimmt, an- 
zuerkennen und hierin einen Beweis fiir die secundäre Kedaction des 
Kolosserbriefes zu finden. Die Umstellung des iia%ä oaQxa war 
nothwendig, sobald auch hier die Einschaltung von yccrvä navta be- 
liebt wurde, da man nicht wohl schreiben kann: vTcanovere xatä 
Ttdvca tolg xvqIoiq Y,ata aciQKa, Schwerlich aber hätte ein Späterer aus 
der klareren Formel tolg xarä aaQua nvQtoig die missverständlichere 
gemacht^). Ueberhaupt kann an diesem Beispiele anschaulich ge- 
macht werden, wie die zweite Formulirung des Gedankens Vortheil 
zu ziehen weiss von dem, gelegentlich" der ersten schon producirten 
und nun zur freien Auswahl sich bietenden Material. So wird deutlich 
Gemeintes aber unklar Ausgedrücktes bestimmter bezeichnet, wie sol- 
ches namentlich der Fall ist bezüglich des ra avta Eph. 6, 9, welches 
der Verfasser des Kolosserbriefes 4, 1 durch das 3, 20 (== Eph. 6, 1) 
übergangene, ihm aber von Eph. 6, 1 her noch im Auge schwebende 
oder im Ohr liegende to dUaiov ersetzt, wobei übrigens in %d öl- 
xaiov nat vrjv iadrrjra zugleich seine Liebhaberei fiir Häufung von 
Synonymen zu Tag tritt. Galt es also das erstemal Stoff und Form 
zugleich zu schaffen, so richtet der Verfasser seine Aufmerksamkeit 
jetzt ausschliesslich auf die Form. »Das doppelte dtg t(p XQi(j%(p 
Eph. 6, 5 und wg r(p xi;^/^o Vs. 7 lässt er das erste Mal aus und um- 
schreibt die Worte cig öovIol tov Xqiotov durch den später mit yÜQ 
angeknüpften Satz T(p yccQ nvqUif Xqcoti^ äovleuste '^) . « Durch diese 
Umstellung, so wie durch die Voranstellung der Negation ist der ein- 
heitliche Satzbau im Original aufgelöst, und beginnt Kol. 3, 23 mit 
8 iäv 7toi7J%€ (Reminiscenz aus Eph. 6, 8 und Kok 3, 1 7) ein neuer 
Satz, welchem 3, 25 sogar ein dritter folgt. Dieser charakterisirt 
sich zwar als Parallele zu dem sachlichen Inhalt des Verses Eph. 
6, 8, dessen Form bereits Kol. 3, 24 nachgeahmt war. Denn ab- 
gesehen von no^laerai entsprechen auch die Worte xat ovyc eati 
TtqooüinohrixpioL Kol. 3, 25 dem ute dovlog €i%€ ikevd'eQog Eph. 6, 8. 
Ihrem Ausdrucke nach sind sie jedoch zugleich auch Parallele zu 
Eph. 6, 9 nat nqooianoXrj^pia ov% eOTi naq avtfp. Es ist somit 
hier im Interesse der Kürze, aber nicht der Deutlichkeit zusammen-* 



1) Mayerhoff, S. 101 fg. 

2) Mayerhoff, S. 102. 



46 Zweites Kapitel. 

gezogen 9 was sich in der ursprünglichen Fassung richtig und sach- 
gemäss unterschied. Denn dass Gott keinen Unterschied der Person 
macht, daran bedürfen unter allen Umständen eher die Herrschaf- 
ten als die Dienstboten einer Erinnerung. Der Verfasser scheint 
aber bei der Reproduction des Epheserbriefes das Bedürfhiss gefühlt 
zu haben, die Emancipationslust der Sklaven energischer in ihre 
Schranken zurückzuweisen, wesshalb sie auch xorä nccPTa gehorr 
chen sollen (3, 22). 

So lässt sich also pro et contra disputiren gerade angesichts 
derjenigen Stelle, welche zugleich das unerbittliche tertium non da- 
tur ausspricht. 

2. Die Priorität des Epheserbriefes. 

Bei der constatirten Schwierigkeit der Beurtheilung des vor- 
liegenden Thatbestandes wird es gerathen sein, sich zunächst nach 
solchen Stellen umzusehen, welche über das Wo der Originalität 
und der Abhängigkeit wenigstens deutlicher reden, als die bisher 
betrachteten, und einen bestimmten Grad von Wahrscheinlichkeit, 
sei es auf der einen, sei es auf der andern Seite, erkennen lassen. 
In dieser Richtung vorgehend begegnen wir aber zunächst einer 
Reihe von Parallelen, welche zu Gunsten des längeren Briefes spre- 
chen, welchem der kürzere in der Form einer concentrirteren Fas- 
sung nachzufolgen scheint. Wir heben aus der Reihe derselben 
probeweise sieben hervor, an welchen zugleich die Manier des Ver- 
kürzers anschaulich gemacht werden wird. 

Es wird sich nämlich herausstellen, dass die gedrängtere Dar- 
stellung bald eben dadurch, dass sie wirklich in's Gedränge fuhrt, 
ihre Entstehimg als unter dem äusseren Drucke schriftstellerischer 
Rücksichtsnahmen und Beziehungen vor sich g^angen erscheinen 
lässt, bald aber auch an der Ausscheidung alles jenes gehäuften, 
durch den nächsten Zusammenhang nicht unmittelbar erforderlichen, 
Beiwerkes zu erkennen ist, wie es da sich leicht einstellt, wo der 
Schriftsteller einen Gedanken, den er zum Ausdruck bringen will, 
selbst erst nach allen möglichen Richtungen verfolgt, um seiner auf 
diesem Wege vollkommen habhaft zu werden und ihn behufs künf*- 
tigen Gebrauches sicher zu stellen. In Fällen letzterer Art kann 
zwar der Ausdruck in der abhängigen Stelle durchsichtiger werden^ 
der Gedanke selbst aber verliert zugleich an Reichthum und Viel- 
seitigkeit der Beziehungen. Im Allgemeinen ,aber erhalten wir aus 
der Betrachtung der nachfolgenden Beispiele immer den Eindruck 
eines Verfahrens, demzufolge ein und derselbe Schriftsteller sein 



2. Die Priorität des Epheserbriefes. 47 

eigenes bereits abgeschlossenes Werk abschnittsweise überliest und 
in kürzerer Form reproducirt. 

Erstes Beispiel. 



Eph. 1, 4. 

itiov avTov, 



Kol. J, 22. 
TiaQaarfjaai v/näg uylovg x(i\ ccfAüj/novg 
xctl avtymXriTOvg manvürniov ttvtov. 



Im Epheserbriefe , wo Ewald die Abhängigkeit findet^), er- 
scheinen diese Worte im genauen Zusammenhange der Prädestina- 
tionslehre des Verfassers, decken sich mithin mit dem Locus classicus 
Eph. 2, 10 genau. Schwieriger ist der Zusammenhang jedenfalls im 
Kolosserbriefe , wenngleich der Verfasser beider Stellen identisch 
scheint, nur dass er im Kolosserbriefe, seiner, soeben (S. 45) schon 
hervorgehobenen Gewohnheit, ähnliche Wörter zu häufen, weiter 
nachhängend, noch aveyKXriTOvg beisetzt. Die umgekehrte Voraus- 
setzung würde also geradezu absichtliche Vermeidung der Manier 
unseres Verfassers in sich schliessen 2) . Weiter führt die Beobach- 
tung, dass xaT€V(i7twv avzov nach 2 Kor. 2, 17. 12, 19 wohl die 
Erklärung seil, i^eov verlangen würde. Wenigstens wiegt selbst 
bei dem einfachen evciniov die Beziehung auf Gott (Gal. 1, 20. Köm. 
3,20. 14,22. 1 Kor. 1,29. 2 Kor. 4,2. 7, 12) vor, und ist die auf Chri- 
stus zweifelhaft (2 Kor. 8,21. 2 Tim. 2, 14). Von Letzterem steht übri- 
gens auch efiTtQoad^ev (2 Kor. 5, 10. 1 Thess. 2, 19) . Ganz im Einklänge 
mit diesem, in echten und imechten Paulinen gleich constatirbaren 
Sprachgebrauch bezieht der Epheserbrief das avTOv auf Gott, während 
xaT€V(07tiov avTOv Kol. 1, 22 in einen Zusammenhang hineingerathen 
ist, in welchem es syntaktisch nur auf Christus {Ttjg aaQUog avTOv geht 
voran) bezogen werden könnte ^) , während der Sinn doch eine Be- 
ziehung auf Gott verlangt *) . Also ist der Zusammenhang hier kein 
ungezwungener, was bei der noch später (III, 4, 1) zu rechtfertigenden 
Lesart äTtoycarrjXkdytjre 1, 21 ohnedies zu Tage liegt. Hier also haben 
wir einen Fall, der es wenigstens wahrscheinlich macht, dass der 
Verfasser des Epheserbriefes seinen eigenen Gedanken einen wieder- 
holten Ausdruck, aber unter ungünstigeren Verhältnissen, als das 
erstemal, zu geben unternimmt. 



1) S. 172. 

2) Mayerhoff, S. 85. 

3) So Meyer, Schenkel, Braune, Hofmann, S. 34. 

4) So De Wette, Huther, Baumgarten-Crusius^ Ewald, Bleek, 
S. 57. 



4S Zweites Kapitel. 



Zweites Beispiel. 



Eph. 1. 

7. fr (p ^/ofdfv rriv anoXvTQtoaiv öia 
rov alfitttog avToVf ryy u(feo&v rdiv 
TtaqanxfOfittTiuv. 



Kol. 1. 

13. {fitrioT^a^v rifiäg eig rrfv ßaaiXf(av) 
rov vlov T^g ccyarrfjg avTOVj 

14, iy to ?/oiLi€v rrjfv anoXvTQtoaiv, Trjv 



u(f'€aiv rtSv afiagritov. 



Die schriftstellerische Verwandtschaft liegt auf der Hand. Nach 
Ewald wäre die ajtoXvtQwatg des Kolosserbriefes im Epheserbriefe 
durch den Zusatz dia tov aifiatog näher erklärt ^j , und II ö n i g 
findet in dem dreimaligen zu Tage Treten des Begriffes der Gnade 
eine Schwerfälligkeit, die auf das Bestreben hinweist, den aus frem- 
dem Zusammenhang überkommenen Satz stylistisch zu verwinden 2). 
Aber das vorhergehende elg enaivov do^rjg T^g x^^Q^'^^og avtov (Eph. 
1, 6) stellt zunächst die erste der gleichlautenden (vgl. l, 12. 14) 
Schlussformeln der drei Glieder dar, in welche der Eingang zerfällt, 
und wenn an solches »Lob der Herrlichkeit a diesmal noch speciell 
der Begriff der Gnade angereiht wird, so liegt dies nicht in einem, 
die Gnade betreffenden, fremden Gedanken begründet, sondern in 
der eigensten Disposition des Einganges, welcher in seinem ersten 
Gliede der vorzeitlichen Erwählimg, im zweiten aber der geschicht- 
lichen Gnadenthat Gottes gewidmet ist (vgl. II 1, 2). Der Begriff 
der aq>eaig gehört ohnedies ganz speciell dem Verfasser des Epheser- 
briefes an, und wenn im Kolosserbriefe anstatt TtaQaniwfxaftuiv 
gesetzt wird afxaqxiwv ^ das öia rov aifiatog avrov aber nach ent- 
scheidenden Zeugen wegfallt, so ist eben auch hier die zweite For- 
mulirung des Gedankens kürzer ausgefallen. Es sind also die ste- 
reotypen Anknüpfungen und Wendungen eines kirchlichen Redners, 
denen wir an dieser Stelle begegnen, und auf sie ist auch der einzig- 
artige Ausdruck 6 vlög T^g dyamjg zurückzufuhren. Wir verdanken 
denselben dem originaleren und auch sonst bei gleichzeitigen Schrift- 
stellern (V, 2, 3) vorkommenden Begriff 6 ^yantjidivogy an welchen das 
ip ^ ej^OfÄSv X. T. X. im Epheserbrief angeschlossen war. Hier aber 
wurde diese Bezeichnung nicht einfach reproducirt, weil das Subject, 
dem der Relativsatz beigegeben werden sollte, schon im Original 
6 viog avTOv heisst. Anstatt eine förmliche Aenderung vorzuneh- 
men, was er nie thut, zieht es daher der Verfasser vor, den gut 
griechischen Ausdruck durch einen, dasselbe besagenden Hebraismus^ 



1) S. 172 fg. 

2) S. 78 fg. 



2. Die Priorität des Epheserbriefes. 49 

wie er ihm aus LXX (vgl. z. B. Gen. 35, 18) geläufig geworden 
war, zu ersetzen. So ist auch Eph. 2, 2. 5, 6 von vlot aTtscd^siag, 
2, 3 von T^va oqyrjgj 5, 8 von teuva qxotog die Rede. 

Drittes Beispiel. 



Eph. 3. 
3. xard anoxalvipiv lyviogCaS^ri fioi ro 
/LivarrjQiov. 

5, o ir^gaig yevealg ovx iyv(OQ{a&Tj atg 
vvv anexaXvff^ roTg ayCoig, 

9. i} oixovofiia tov fivoTtiQiov tov ano- 
xiXQVfjLfxivov ccTio Täv aliuvoiv. 



Kol. 

1, 26. t6 fÄVOTflQlOV t6 ttJlOXfXQVflfl^VOV 

aito TüSv aioivojv xal ano rdv ye- 
vtdiVf vvv dk i(pav(Q(aO'Ti toZg ayloig 



avjov. 



2, 2. sig inCyvaiaiv tov fivarriqlov tov 
d-tov. 



Ewald meint, der Epheserbrief habe Kol. 1, 26 ausgeführt, 
»ab^r wie viel weiter und freier« ^j. Sonach hätte das Werk des 
Paulus eine wesentliche Verbesserung erfahren. In Wahrheit aber 
ist der Ausdruck des Kolosserbriefes desshalb nicht »weit« und »frei« 
genug, weil er überhaupt nur zu verstehen ist als kurze, knappe Re- 
capitulation einer zuvor breiter auseinandergelegten Gedankenreihe, 
und liegt in der Identität des Verfassers und seiner Absicht, das- 
selbe zu sagen, der einzig zureichende Schlüssel zur Erklärung. 
Ohne Zweifel hat überdies der Verfasser das dritte Kapitel seines 
Epheserbriefes immittelbar zuvor gelesen, wesshalb sich ihm die Häu- 
fung anb t6)v aicivtov ycat änö tuv yeveaiv aus Zusammenschau von 
Eph. 3, 5. 9 ergibt 2). Auch ist hier blos der Epheserbrief, demzu- 
folge die Universalität des Heils* nicht allen Christen überhaupt, 
z. B. den damaligen Judenchristen nicht, sondern TOig ayioig ano- 
atdXotg avTOv %ai 7iqoq)ri%aig geoffenbart wurde, ganz bestimmt und 
klar in seiner Anschauung, wesshalb Ausleger, wie Bahr, Flatt, 
Steiger, Baumgarten-Crusius, Thomasius, Huther, der 
Versuchung nicht widerstehen konnten, eine ähnliche Beschränkung 
des Objectes, welchem geoffenbart wird, auch Kol. 1, 26 anzubrin- 
gen, wogegen missverständlich Honig in letzterer Stelle den all- 
gemeinen paulinischen Ausdruck ayioi, im Epheserbriefe aber einen 
späteren Standpunkt, in welchem sich die Hegriffe »Apostel« und 
»Heilige« combinirt hatten, erkennen wilP). In Wahrheit aber ist 
der Standpunkt in beiden Schriftstücken derselbe, nur dass Kol. 1, 26 
es nicht einmal mehr ausdrücklich gesagt zu werden braucht, dass 
man bei dem Ausdruck SycoL schlechthin zu allemächst an die Apo- 
stel zu denken hat. Ganz ebenso verfährt derselbe Verfasser aber 



1) Sieben Sendschreiben, S. 186. 

2) Mayerhoff, S. 87. — 3) S. 83. 
Holtsmann, Kritik der Epheser- n. Kolosserbriefe. 



50 Zweites Kapitel. 

auch im Epheserbriefe, da der ikaxiOTOTsgos navnov ayiwv Eph. 3, 8, 
wenn diese Stelle nicht doppelte Steigerung in pejus von l Kor. 15, 9 
sein soll, den Paulus nur, wie auch dies eben citirte Original thut, 
in Vergleich mit den Aposteln setzen kann. 

Viertes Beispiel. 



Eph. 

3, 17. ^7' Talg nagSCaig VfivjVf 

18. iv ayttTirj iQQiC(o/j.^voL xal veS^e- 
fiiXimfiivoiy Iva i^ia/varjrs xatala- 

4, 16. avfÄßißa^6fj.€vov . . . iv dyccny. 
2, 20. InoLxo^ofAtid-ivJig. 



Kol. 

1, 23. (t^ nCaisi) j^d'SfjifXt.tofiivoi. 

2, 2. {al xa^öCai avTtiv) avfißißaoB-iv- 

i€g iv ayaJTy, 

2, 7. iQQi^oi/Lt^roi xal InoLXodo/uovfxevoi 
iv avT^ xal ßtßaiovfxivoi tq iriorei. 



Aus diesen Parallelen erhellt recht deutlich die Liebhaberei des 
Verfassers für gewisse, bei ihm immer wieder vorkommende Ideen- 
associationen, für welche ihm auch bestimmte Ausdrücke zu Gebote 
stehen. Dahin gehört das nur Eph. 3, 18 ^ Kol. 2, 7 vorkom- 
mende iqqiZ(üi}(Aivoi^) und nicht minder auch das nur Eph. 3, 18 = 
Kol. l, 23 stehende Ted^efxeliiofÄevoL^). Die Stellen Eph. 3, 18 und 
Kol. 2 , 2 sind übrigens theils im Allgemeinen parallel , indem als 
Gegenstand eifrigster Bemühungen des Schriftstellers die Vereini- 
gung und das Festgewurzeltsein der Herzen in der Liebe angegeben 
wird, theils aber ist der specielle Punkt entscheidend, dass zu den 
xagdiai olv%wv oder vfxuv beidemal anstatt des Genetivs des Par- 
ticips ein unregelmässiger Nominativ tritt, indem das Participialglied 
in Beziehung auf den Sinn dem vorhergehenden Gliede mit dem 
Verbum finitum coordinirt wird 3). Das avfxßißaad-ivceQ übersetzt 
zwar die Vulgata übereinstimmend mit dem paulinischen Sprach- 
gebrauch (l Kor. 2, 16) instructi , aber mit Ausnahme von Bret- 
schneider und Steiger vergleichen alle neueren Ausleger Eph. 
4, 16 und Kol. 2, 19, wovon, wie sofort nachgewiesen werden soll, 
erstere Stelle das Original, letztere die Copie darstellt. Auch hier 
klingt Eph. 4 , 16 noch in der mit dem Begriffe des ovf.ißcßd^ead'ai 
verbundenen ayccTtt] an, während der Kol. 2, 2 ebenfalls schon for- 
mell wirksam gewesene Vers Eph. 3, 18 seinen materiellen Gehalt 
in Kol. 2, 7 wiederfindet. XJeberall ist hier auch der Ausdruck des 
Epheserbriefes der logisch richtigere^), während im Kolosserbriefe 



1) Mayerhoff, S. 88. 

2) Mayerhoff, S. 86. 

3) Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc. S. 248. 

4) Bleek, S. 77. 



2. Die Priorität des Epheserbriefes. 



51 



selbst das iv ctvTqp auffallt und nur zu erklären ist, wenn es ge- 
dacht wird wie ^v (p Eph. 2, 21 1). 

Fünftes Beispiel. 

Schwer zu beurtheilen ist das schriftstellerische Verhältniss der 
so speciell durchgeführten Vergleichung der Kirche mit dem Leibe 
in den beiden Parallelstellen 



Eph. 4, 16. 
[og ioTiv ij xs(faXijf XQi-GTog) i^ ov nciv t6 
acojua avvaQfMrOkoyovfiivov xai ovfißtßa- 
C6fi€vov cf«« Tiaarjg ttifijg trjg iTii/ogrjyiag 
nar iv^Qyetav iv fiitq(^ ivog ixaarov fji4- 
Qovg rriv av^aiv jov aoifiaTog noulrai. 



Kol. 2, 19. 
ov XQttTcSv rrjv xeipalrjv , l^ ov näv lo 
aäfitt 6i-a töjv affdiv xal aw^äa/LKov 
iTr^i/OQTjyov/Lievov xal avfißißa^ofiivov av^ 
^ti. rrjr av^tjaiv rov ^eov. 



Reu SS meint, die ^Stelle sei im Kolosserbriefe ebenso natürlich 
in der Ideenreihe von Christi göttlicher Würde und alleiniger Be- 
deutung für die Gemeinde, wie im Epheserbrief in der Ausführung 
der einheitlichen Gliederung der letzteren 2). Dagegen hält Honig 
hier den Kolosserbrief für durchsichtiger und klarer 3). Die äq)aly 
Berührungen, sollen so gut wie die Gvvdea^oi^ Verbindungen, den Ge- 
danken des Organismus ausdrücken, darin das Ganze vom richtigen 
Zusammenspiel alles Einzelnen lebt [enL%OQ7^yovfxevov xai ovfißißatp- 
fievov) . Nun finden wir im Epheserbriefe die eben besprochenen Aus- 
drücke meist wieder, aber theils vermehrt,' namentlich mit den Satzbau 
ungelenk machenden Elementen, wie xaz h'Eqyeiav und ev f^eTQcpy 
theils in einer Umsetzung, wie sie allerdings möglicher Weise aus 
der Abhängigkeit von gelesenem Wortvorrath oder im Ohre nach- 
klingendem Schall erklärbar wäre. Auf diese Weise ergäbe sich z. B. in 
öicc Ttdarjg aqyfjg xrjg STrLx^Qrjyiag eine Wortzusammenstellung, welche 
als solche sinnlos ist, wie Niemand besser gezeigt hat als Hof- 
mann ^ dessen Trost schliesslich nur darin besteht, aqpjj dürfte viel- 
leicht wie avfiqxovog aq)i^ bei Athenäus (III, 102) stehen, wo von 
harmonischer Verbindung die Eede ist, und Ttäoa a(prj iTtcxoqrjyiag 
am Ende heissen: wo irgend ein Glied das andere berührt, da ge- 
schehe auch Darreichung des einen Gliedes an das andere^). End- 
lich sieht schon das i^ ov des Epheserbriefes aus wie Nachahmung 
des Kolosserbriefes, indem unmittelbar vorher Xgcarog nur hinzu- 
gesetzt scheint, um eben eine solche Fortsetzung zu ermöglichen^). 



1) Hofmann, IV, 2, S. 59. 

2) S. 104. — 3) S. 85. 

4) IV, 1, S. 170 fg. 

5) DeWette, Bleek, Hoekstra, S. 633. 



4* 



52 



Zweites Kapitel. 



Andererseits passt i^ ov gerade im Kolosserbriefe , wo x€q>aXi^ 
vorhergeht , nicht. Die Stelle ist vielmehr eingetragen ^) und bei 
dieser Gelegenheit syntaktisch übersichtlicher, inhaltlich aber ärmer 
geworden. Im Epheserbriefe ringt daher der Gedanke noch mit 
dem Ausdruck; man merkt aber doch, wie dem Verfasser das Bild 
eines Organismus vorschwebt, dessen Theile, auf einander berechnet 
und eingerichtet, sich so zu sagen gegenseitig die Hand reichen 
(dia TtdarjQ aqy^g t^g iTnxoQrjylag) , während er selbst aus dem Haupte 
ein Leben bezieht, welches von einem Berührungspunkt zum andern 
fortgeleitet wird, so dass gleichzeitig jedes einzelne Glied eine ver- 
hältnissmässige Förderung erfährt und das Ganze zu immer vollerer 
Reife gedeiht. Dazu kommt der Verfasser Eph. 4, 16 von einem 
Zusammenhange her, in welchem er eigens von der Kirche als dem 
Leibe Christi handelt. Ueberhaupt ist die ganze Vorstellung von 
der Y.eq)aXrj im Zusammenhange des Gedankenganges im Epheser- 
briefe entstanden (IV, 4, 2), während schwer denkbar ist, dass der 
Verfasser in Erinnerung an die Verneinung, in welche Kol. 2, 19 
die Kennzeichnung des Irrlehrers ausläuft, Eph. 4, 16 das christ- 
liche Wachsthum, wovon er 4, 15 redet, in dieser Weise beschrie- 
ben haben sollte. Ungleich wahrscheinlicher ist es vielmehr der 
Verfasser von Eph. 4, 16 selbst, welcher im Kolosserbriefe an der 
Stelle von inixoQrjyla um der Parallele mit ovfißißa^of^evov willen 
das Zeitwort intxOQrjyeiv gebraucht, wie er überhaupt Kol. 2, 19 nur 
verwendet, was sich im Epheserbrief für die Beschreibung des glied- 
lichen Wachsthums des Einzelnen und seines Verhältnisses zum 
einheitlichen Wachsthum der Kirche von selbst darbot 2). Denn 
Letzteres ist Eph. 4, 16 ebenso sehr die Hauptsache, als Kol. 2, 19 
es nur auf das Verhältniss des Einzelnen zu Christus, dem Haupte, 
abgesehen hat 3) , wodurch die Beschreibung des gegliederten Organis- 
mus schon von vorn herein zum Opus supererogationis wird. 



Sechstes Beispiel. 



Eph. 4. 
22. itnod^^ad-ai v/nag xara tTjV tiqot^qccv 
avaaTQOtpriv rov nctXaiov av&Qtonov 
Tov (fS-eiQOjuevov xara Tag InL&vfjiCag 
xijg anaTTjg, 



Kol. 3. " 
9. uTTfx^vaafiSvoi top naXaiov av&QW- 
Tiov avv Talg nQci^eOiv avtoVj 



1) Mayerhoff, S. 91. 

2) Hofmann, IV, 2, S. 176. 

3) Vgl. auch Honig, S. 84 fg. 



2. Die Priorität des Epheserbriefes. 



53 



Eph. 4. 

23. avaveovod-ai cf^ t^ nvevf^ati tov 
voog vfi€jv 

24. xal Iv^vaaod-tti tov xaivov ccv&qü}- 
710V TOV xaTcc d-eov XTLOd-^vTa iv 6l- 
xtt&oovvy xal oOioTTiTi Tijg alri&fiag. 



Kol. 3. 
10. xal ivdvadfifvot tov viov tov «r«- 
xavvovfASvov iig inCyvcaOLV xaT fl- 
xovcc TOV xTCöavTog avTov, 



Auch hier scheint der Epheserbrief nicht blos weiter auszufüh- 
ren, was im Kolosserbrief einfacher gesagt ist ^) , sondern auch einen 
ungenaueren, verschobeneren und verschränktereren Ausdruck darzu?- 
bieten^). Aber in letzterer Beziehung stehen sich beide Stellen 
überhaupt gleich, da im Kolosserbrief e sowohl das slg irciyvwaiv als 
das xät' ßixova nicht mindere Schwierigkeiten macht, als die syn- 
taktischen Unebenheiten im Epheserbriefe. Mag man aber das xät* 
eixo'mx mit Meyer und Hofmann auf enLyvtoötv oder mit der 
Mehrheit auf dvaxacvov^evov beziehen: jedenfalls gehört der sich 
ergebende Gedanke, selbst wenn er sich mit 2 Kor. 5, 16 berühren 
sollte 3), in dieser concreten Form nur dem Verfasser von Eph. 2, 15 
an, wo iva vovg ovo nTlat] iv avT(p elg sva xatvöv avd-Q(07tov so- 
wohl das dvaiiaivovgiievov und y,TiaavTOQ unsrer Stelle, als auch den 
Fortgang Kol. 3, 11 erklärt. Um beide Seiten dieser Behauptung 
gerechtfertigt zu finden, achte man zunächst darauf, wie im Hin- 
blick auf das grosse /xvott^qlov , dass Gott aus den beiden getrenn- 
ten Menschheitshälften eine neue Menschheit geschaffen hat, hier 
die Erneuerung des einzelnen Menschen als eine Erneuerung elg 
iTti/yvwOLV erscheint und diese dem Bezug des Kolosserbriefes auf 
die Irrlehre entsprechende *) , specielle Bezeichnung an die Stelle der 
allgemeineren Vorstellung avaveovad-ai T(p nvsv/xatc tov voog Eph. 
4, 23 tritt ^). Demgemäss heisst auch der die Erneuerung bewirkende 
Gott ycTioag avTov, während es blos des Verfassers Liebhaberei, die 
Ausdrücke zu variiren, bezeugt, wenn statt Y.a%ä d^ebv TiTiad^eig hier 
das richtig erläuternde xaT^ elxova %ov uTiaavTog steht ^), Anderer- 
seits bildet dazu, dass Eph. 2, 15 Christus als der persönliche Mit- 
telpunkt der durch die Neuschaflung bewirkten Vereinigung und 
Ausgleichung erscheint, Kol. 3, 11, wo die Herstellung dieses neuen 
Menschheitstypus im Gegensatz zu den alten Rassenunterschieden 



1) Baur (Neutestamentliche Theologie, S. 270 fg.) , Ewald (Sieben Send- 
schreiben, S. 194). 

2) Bleek, S. 271. 

3) So Hofmann, S. 122. 173. 

4) Ewald, S. 490. 

5) Mayerhoff, S. 95. 

6) Mayerhoff, S. 9^. 



54 Zweites Kapitel. 

auftritt 1), die genaueste Parallele. Aber eben damit charakterisiren 
sich diese Eigenthümlichkeiten der Kolosserstelle als Eigenthum des 
Autor ad Ephesios, welcher Eph. 4, 22 — 24, weil Eph. 2, 15 voran- 
gegangen war, keine Veranlassung zu derartigen Wendungen mehr 
hatte, wie sie die Parallelen des Kolosserbriefes auszeichnen 2) . 

Siebentes Beispiel. 



Eph. 5, 19. 
XaXovvTfs ictVToTg ipaXfiolg xal vfivoi-s 
xal ^6€ng nt'ev/uccrixnig t^^ovreg xccl 
xf/aXXovT6S iv tJ xaqSttf vfidSv Tip xvqCtp, 



Kol. 3, 16. 
iv TTccari aoq^lci Siäaaxovng xal vovS-s- 
TovvTsg iavTovg \j)«XfioTg vfivoig tp&aZg 
nvev/uarixaTg iv ry /ccQtri ^Sovrsg iv 
Talg xagSlaig vfi^iv t^ B-s^. 






Ein Doppeltes ist hier möglich. Entweder will der Kolosser- 
brief die Dative ipakiÄolg vf^voig (pdaig Jivev/xaTixalg mit vovS-e- 
Tovvreg savjovg verbunden wissen ^) ; dann ist nicht etwa das (Jc- 
ddayiovteg ycat vovd-ezovvreg im Epheserbrief abgeglättet^), sondern 
das XaXovv%eg, welches bereits im Epheserbrief, wenn es nicht die 
undenkbare Forderung aussprechen soll, die gewöhnliche Conver- 
sation müsse einen hymnischen und psalmartigen Charakter gewin- 
nen, nur wie ÖLäaay.ovTeg xai vov^axovvTeg gemeint sein konnte, 
im Kolosserbriefe erklärt, concreter wiedergegeben und mit einer be- 
stimmteren Beziehung auf die gottesdienstlichen Gemeindeversamm- 
lungen versehen worden. Oder aber, es schliesst vovd'8i;ovv%eg eav- 
Tovg den mit iv naorj oo(pi<f beginnenden Satz ab und beginnt mit 
xpaXfxöig ein zweiter, ihm paralleler ^] . Dann läge es klar zu Tage, 
dass der Epheserbrief missverständlich zusammengezogen hat, was 
aus einander gehört, und zugleich weggelassen, was er nicht verstand 
— das h Tjj xaqiTLy womit in der Sprachweise von LXX der Gegen- 
stand des Lobliedes angegeben wird ^) . In Wahrheit ist der Epheser- 
brief um so mehr im Vortheil, als sein Nachklang in Kol. 3, 16 zu- 
gleich den ganzen Zusammenhang unterbricht. Entweder nämlich ist xat 
^XaQiöioi ylvead^e 3, 1 5 eine Anticipation von 3, 1 7, bewerkstelligt, weil 
der Verfasser an das Danksagen die verwandten Vorstellungen Kol. 
3, 16 anknüpfen will, ehe er weiterfährt; oder aber, jene Aufforderung 
zum Danke ist echt ; dann muss ihr die Angabe des Modus der Dank- 



1) Schenkel, S. 36 fg. 

2) Aehnliches bei Hof mann» IV, 2, S. 171. 

3) De Wette, Bleek, Meyer, Honig, S. 85. 

4) So Hoekstra, S. 649. 

5) Storr, Flatt, Schenkel, Hofmann, S. 131 fg. 

6) Hofmann, S. 132. 



3. Die PrioritAt des Kolosserbriefes. 55 

barkeit folgen^ welche 3, 1 7 auch in der That folgt und vom Ueber- 
arbeiter vermittelst einer Copula dem Einschub angehängt wird. 

3. Die Priorität des Kolosserbriefes. 

Was uns abhält, auf das bisher betrachtete Material bereits einen 
Schluss zu bauen, ist nicht blos der Umstand, dass dasselbe, um be- 
weiskräftig zu sein, noch mannigfaltiger Ergänzung von Seiten einer 
vergleichenden Betrachtung des Sprachcharakters und des Gedan- 
kengehaltes bedarf, sondern vorher noch die gleichzeitig zu machende 
Beobachtung, dass auf andern Punkten des parallelen Verhältnisses 
die vorläufige Entscheidung ganz ebenso bestimmt zu Gunsten des 
Kolosserbriefes ausfallen müsste, als sie bisher der Priorität des 
Epheserbriefes zu gut kam. Wir stellen daher, um das Gleich- 
gewicht der Betrachtung und des Urtheils zu wahren, den sieben 
besprochenen Fällen sieben andere gegenüber, welche das, aus jenen 
erwachsende Resultat zunächst wieder aufheben. 

Erstes Beispiel. 



Kol. 1. 

1. IlavXog anocfrolog XQiarov *Ir}aov 
^la &eXiJiLicnog &eov 

xa\ Tifji6d-(og 6 adeXipog 

2. ToZg fv KoXdaaaTg «yloig xai nt- 
aroXg oc^€X(f)olg iv Kgiarto, 

X^Q^S vfilv xai eigijvri an 6 ^€ov 
narqog r^fx^v [xal xvglov ^Iriaov 
XQtaTov) . 



Eph. 1. 

1. ITavXog anoaroXog XQvcfrov ^fijcfov 
cT/a d-eXr^fiarog d-€ov 

rolg ayCoi^ roTg ovaiv iv ^Eq>4a(p 
xal TTiatoTg iv Xqiot^ 'Jtjaov. 

2. X^Q*^^ vfiiv xal stQrjvrj dno S-eov 
najQog rifuBv xal xvqCov ^frjaov 
Xqiötov. 



Abgesehen von der Verschiedenheit der Adresse würde der 
Epheserbrief blos durch den Zusatz ^[tjgov hinter XQCOTfp und durch 
die vier Worte am Schlüsse über den Kolossertext hinausgehen, 
falls nämlich selbige in letzterem fehlen sollten. Da sie in allen 
übrigen paulinischen Grussaufschriften stehen, könnte der Autor ad 
Ephesios sie aus diesen ergänzt haben ^) , zumal bereits unter dem 
Eindrucke der unmittelbar folgenden Worte seines Originals (Kol. 
1 , 3 evxccQiOTOVfxev^ Tip d^eip xal TtatQi tov hvqIov iifxüv ^Irjaov XgcOTOv) 
stehend. Die Absicht in dieser Weise fortzufahren, konnte den 
Paulus veranlassen, seine gewohnte Grussformel in der Weise des 
Textes von BD EIK syr. abzukürzen. Aber diesen Autoritäten stehen 
andere wie SACFG gegenüber, und die Worte können im Hin- 



1) Honig, S. 77. 



56 Zweites Kapitel. 

blick auf das Folgende auch von Abschreibern übergangen worden 
sein. Aus ihnen allein lässt sich also zum mindesten nicht gegen 
den Kolosserbrief argumentiren , als hole dieser hier nach^ was er 
im Grusse selbst ausgelassen hatte ^). Aber ebenso wenig sind die 
Grüsse von Tifxod^eog b ddeXipog und die Anrede der Leser als ddeX- 
q>oL Zusatz auf der Ueberschrift des Kolosserbriefes 2) . Man könnte 
dies etwa desshalb vermuthen, weil Timotheus auch am Schlüsse 
des Briefes nicht mehr vorkommt. Aber weder Sosthenes in der 
Aufschrift des ersten, noch Timotheus in der Aufschrift des zweiten 
Korintherbriefes, noch Silas und Timotheus in den Aufschriften der 
beiden Thessalonicherbriefe treten am Schlüsse der genannten Briefe 
etwa als grüss^nde Personen nochmals hervor. Somit streift viel- 
mehr der Epheserhrief den Timotheus ab, wie auch den Epaphras 
Kol 1, 7, s und überliaupt die ganze Umgebung des Paulus Kol. 
4, 7—14 mit i'in/igvr Ausnahme des Tychikus, welcher zurückbleibt, 
um den Hrief bestellen zu können. Denn nach Eph. 6, 21. 22 wird 
dieser als Ueberbringer gedacht werden sollen. Da nun Paulus auf 
diese Weise ganz nur im eigenen Namen schreibt, tritt auch Eph. 
1, 15 der Singular an die Stelle des Plurals Kol. 1, 9. 

Zweites Beispiel. / 



Kol. 1. 

3. €vxagi07ovfi€v t^ &€(p xal nargl 
tov xvqCov iifjLtov 'Irjaov Xqiütov 

4. ttxovaavTfg ttjv irCariv vfiwv iv 
XQtarip *lTjaov xal t^v aydnriv riv 
t^X^re €ig ncivTae lovg aylovg 

5. cftff rriv iXnlSa . . . 

9. ditt Tovro xal rjfji€Tg 

ov navofjLiS-u imlq v/iiSv ngoaevxo- 

flfVOl. 



Eph. 1. 
15. (ff er TOVTo xccyeS 



axovaag Trjv xa&* vfjLag niativ iv 
T^ xvqCf^ *Irjaov xal Trjv ayanrfv 
TTjv eig nävrag rovg äyiovg 

16. ov navofxai ev/agiarcSv vnkg VfitSv 
fxvUav vfxmv notoij/jtevog inl roh 
TiQoaivxfov fiov 

17. tva 6 d-eog . . . dtpri . . . 

18. et&^Pttt vfiag xCg iariv tj iknlg rijg 
xXriaeatg. 



Ganz sachgemäss leitet Kol. 1, 9 mit einem dia tovto xat tj/ieig 
über zu dem, was Paulus nun seinerseits diesen Kolossem zu sagen 
hat. Darum — weil wir von Epaphras trp^ vficuv dydnriv iv nvBvf^ati 
gehört haben (1, 9) — hören wir nicht auf Gott zu bitten, dass 
ihr auch würdig dieses Gottes, der euch aus der heidnischen Finster- 
niss in sein Reich versetzt hat, wandeln möget (1, 9. 10. 13). Der 
Epheserbrief hat nun gleichfalls diesen Anfang mit äid zovxo. Aber 



1) Gegen Mayerhoff, S. 38. 76. — 2) Vgl. Honig, 8. 68. 



3. Die Ftiorit&t des KolosserbriefeB. 57 

zwischen ihn (1, 15) und den Gruss hat er die ganze Periode 1,3 — 14 
hineingestellt, in welcher es für das öiä vovro an jedem Anhalts- 
punkt fehlt, während der wirkliche Anhaltspunkt, die dem Paulus 
durch Epaphras zugekommenen Nachrichten, mit allen übrigen 
Specialitäten des Kolosserbriefes als für den Zweck des Epheser- 
briefes nicht passend in Wegfäll gerathen ist. Dadurch ist aber 
nicht blos das aus xai ^fieig (»auch wir, Paulus und Timotheus, 
wie Epaphras«) entstandene ytccyw (ich Paulus — wie wer?) voll- 
ständig beziehungslos geworden, sondern auch das äia tovto selbst 
schwebt in der Luft. Dass es der Verfasser weder mit Harless und 
Schenkel auf jenen ganzen zwischeneingeschobenen Abschnitt, 
noch mit De Wette, Meyer, Bleek, Hofmann auf den Ueber- 
gang 1, 13. 14 bezogen wissen will, deutet er mit seinem erläutern- 
den axov'aag selbst an. Bleek meint deutlich aus der ganzen 
Stelle entnehmen zu können, dass Paulus vor noch nicht langer 
Zeit von der Bekehrung der Angeredeten vernommen haben müsse ^) . 
Gewiss ist dieser oder ein ähnlicher Gedanke das Motiv für das dia 
rovTO gewesen. Aber eben l, 13. 14 ist nur von der Thatsache des 
Gläubiggewordenseins überhaupt die Rede, nicht von einem dxoveiv 
des Apostels. Der Verfasser hilft also seinem brüchig werdenden 
Gedankenbau nach, indem er den mit ä^ovaag beginnenden Satz 
aus Kol. 1 , 4 einschiebt , um sofort im Zusammenhange von Kol. 
1, 9 fortzufahren, so dass nunmehr die weggefallene Bedingung des 
diä TOVTO diesem nachfolgt. Die beiden eben angeführten Stellen 
des Kolosserbriefes. konnten übrigens um so leichter im Epheserbrief 
combinirt werden, als sie beim Wegfall der den Epaphras und die 
Kolosser betreffenden Notizen Kol. 1,5 — 8 von selbst zusammen- 
rückten. So kommt es, dass Dank und Wunsch, welche Kol. 1, 3, 9 
reinlich auseinandergehalten sind, mit einander vermischt werden, 
und dass das dta tovto, mit welchem der Kolosserbrief seinen Wunsch 
auf den .Gegenstand des Dankes gründet, zuerst (1, 16) den Dank 
einführt, und sich dann an diesen in völlig unmöglicher Weise der 
Wunsch (1, 17) anschliesst. Denn wovon soll jetzt iva 6 d^eog dcofj 
abhängen? Vom Hauptsatze ov Tcavo^ai evxocQiOTCJV nicht, weil es 
nicht etwas Verdanktes, sondern etwas Erbetenes und Erwünschtes 
einführt. Also von jtivelav vf^cSv noiovfievog erti twv jcqoöbv- 
Xav /MOt'2). Aber diese Worte sind zunächst nur als Erläuterung 
des vorausgehenden evxaqiGTiüv gemeint; sie bilden nur eine Art 
von Parenthese, einen in den Hauptsatz eingeklemmten Neben- 



1) Die Briefe an die Kolosser etc., S. 208. 

2) Ewald, S. 209. 



58 Zweites Kapitel. 

gedanken^), und überdies heisst »Jemandes gedenken, betend er- 
wähnen« noch nicht »fiir Jemanden etwas erbitten«. Man muss 
also das iva geradezu an den Begriff tcov TtQOoevxäv ansichliessen^ 
welchem in sprachlich gezwungenster Weise sein Inhalt in einer 
langgestreckten Periode angehäugt wird. Man fällt in den Gedan- 
ken der Fürbitte mit 1, 17 recht eigentlich herein 2). 

Drittes Beispiel. 



Kol. 1. 
5. tf«« T/jv IXnCSa riiv dnoxftfi^vrjv 
vfiTv iv roTg ovQavoig rjv TiQorjxov- 
aare iv t^ loytii jr^g aXijd-elccg rov 
evccyyeXiov. 



Eph. 1. 
3. 6 tvloyi^(T€cg tj/uSg Iv Traoij evXoyitc 
nvevfiarix^ iv totg InovQavloig. 

12. rovg nqotiXnixotag Iv i(p XQiOrtp, 

13. iv (p xttl vfjLtlg axovaävreg thv Xo- 
yov rrjg aXrid-flag, xo ivayyiXiov 
T^g aatJTjQlag Vf4c5v. 

Das parallele Verhältniss beider Stellen liegt nicht blos in der 
Erinnerung an die himmlischen Güter überhaupt, sondern insbe- 
sondere in der unmittelbar auf den Eingang des Ikiefes folgenden 
Stellung begründet, welche derselben gegeben wird. Dabei ergibt 
sich die zweite Hand, welche diesmal im Epheserbriefe waltet, aus 
der Glättung, welche der etwas harte Ausdruck 6 Xoyog Ttjg dXtj^eiag 
tov evayyeXlov erfahrt, indem der zweite Genetiv verselbständigt vdrd 
und sonach als to evayyekiov ttjq aioTtjQiag epexegetisch neben den Ao- 
yog ^rjg aXtjd'eiag tritt, wie auch 1 , 7 Trjv aq>Baiv Totv TtaQaTiTWf^dvtav 
Epexegese zu ttjv ditokvvQiaaiv ist. Ebenso ist nicht etwa, wie man 
meinen könnte, dem Verfasser des Kolosserbriefes aus nQOfjlTtiycorag 
mid dx.ov(javT€g ein TtQOrjxovoaxe erwachsen, sondern der richtige 
Sinn des letzteren Ausdrucks ergibt sich aus Rückbeziehuiig auf 1,4 
dxovaavTsg '^) , und in Wahrheit ist vielmehr das 7i:Qor]l7Ctx6Tag einer 
Reflexion auf die beiden Elemente dieses Ausdrucks in Kol. 1, 5 
entstammt. Uebrigens ist es auch Hof mann aufgefallen, dass so- 
wohl in TtQOrjycovoate als in TVQorjXTtiycozag das tvqo in einer und der- 
selben Weise gemeint ist^). Die Sache stellt sich mithin so: der 
Verfasser des Epheserbriefes , welcher l , 3 mit einem Anklang an 
Kol. 1, 5 begonnen hatte, bildet jetzt, nachdem er mit elg sfcai- 
vov do^rjg avTOv zum zweitenmal (vgl. Eph. 1,6) einen relativen 
Abschluss gewonnen , noch ein drittes , kürzeres und definitiv ab- 
schliessendes Glied seines langen Einganges, bei dessen Füllung das 



1) Vgl. Bleek, a. a. O. S. 157 fg. 

2) Honig, S. 69. Vgl. S. 77 fg. 

3) Schenkel: Die Briefe an die l^heser etc. S. 171. 

4) IV, 2, S. 2. 



3. Die Priorität des Koiösserbriefes. 



59 



noch übrige Material von Kol. l, 5 Verwendung findet. Nur durch 
die Abhängigkeit von diesem vorhandenen Material ist in den Satz- 
bau eine Stockung gerathen, vermöge welcher er, uachdem der zu 
nehmenden Rücksicht auf das Original zuvor Genüge geschehen, den 
Satz durch ein wiederholtes iv (p wieder aufnimmt. 

Viertes Beispiel. 



Kol. 1. 

25. 7jg fyev6f4,riv iyt» dtaxovog xata t^v 
QixovofiCav rov d-eov jtjv dod-sTadv 
fjLoi iig vfiäg. 

29. xara irjv IviQynav. 



Eph. 3. 
2. rixovattxe jtjv oiKovo/Lilctv rijg x^Qi^^og 
Tov d-tov r^j ^od^ilörig fiot eig vfiäg, 

7. ov iyivT^xhriv Siaxovog xara ttjv 6(o~ 
Qeäv rijg /aQtrog tov S-eov Ttjg 6o~ 
^sCatjg fiol xttTtt rriv ^viqyHav. 



Selbst wenn wirklich olxovofila in beiden Briefen nicht ganz 
das Gleiche bedeuten und elg vfxag Kol. 1, 25 anders sollte zu ver- 
binden sein, als Eph. 3, 2^), wäre das schriftstellerische Verhältniss 
beider Stellen nur um so evidenter, weil das Zusammentreffen in der 
Form um so auffälliger. Nun ist aber zu beachten, dass olxovo^ia 
im ganzen Epheserbriefe nur 3, 2 in dem Sinne vorkommt, den die 
Parallelstelle Kol. 1 , 25 verlangt, nämlich in der Bedeutung des 
apostolischen Haushalteramtes. Sonst bedeutet das Wort in dem spe- 
cifischen Gebrauche des Epheserbriefes die weltgeschichtliche Haus- 
haltung Gottes, seinen nach prästabilirter Methode sich vollziehen- 
den Heilsplan (l, 10. 3, 9) — ein deutlicher Beweis, dass der Ver- 
fasser Eph. 3, 2 von einem fremden Sprachgebrauch abhängig ist, 
und nicht minder sicher stellt omovo(j,ia tov d'sov (vgl. Tgn. Eph. 18) 
einen ursprünglicheren Begriff dar als olxovofiia T'^g x^Q^'^^S^)- End- 
lich steht auch Karä t'^v iveqyeiav Gottes Kol. 1, 29, wo von ange- 
strengtem Mühen und Kämpfen die Rede ist, besser am Platze, als 
Eph. 3, 7, wo es sich um ein dem Paulus in seinem Berufe über- 
tragenes Gnadengeschenk handelt 3). 

Fünftes Beispiel. 



Kol. 2. 

4. xovTO Sk Xfyü) Iva fifjdelg v/uäg Tta- 
QaXoyiCrjTai, 

6. (ag ovv naQelaßira tov Xqiötov 
*Iijaovv TOV xvQiov iv avT^ niQi- 
naTiiTE, 



Eph. 4. 
17. TOVTO ovv XäytOf 

{.irixäTi Vfiäg ttsquicctsTv xaO-atg xaX 
Tcc Xomd ^&vr} mginaTit. 



1) So Hofmann, S. 41. 169. 

2) Hoekstra, S. 648. 

3) Honig, S. 83. 



60 



Zweites Kapitel. 



Kol. 2. 

7. xad^ojg i^i6a;(&fjT€ TtfQiaaevovreg iv 

8. ßX^nert /ätj ng ^arni vfiäg b avXa- 



Eph. 4. 

20. vfisTg (fk ovx ovtatg ifia^ire tov 

XQtcfrov, 

21. €tye avroy Tjxovaati xal iy avT(a 
(5, 6 fÄTj^flg vfiag anaTatto.) 



Schon zwischen Kol. 2, 4. 6 und Eph. 4, 17 ist ein Anklang 
nicht zu verkennen, welcher am leichtesten sich bei der Annahme 
erklärt, dass der Verfasser des Epheserbriefes des Zusammenhangs 
von Kol. 2, 4 {tovto X^yo)) bis 6 (ev avTfp Tte^iTtaretTe) eingedenk 
war, als er theilweise dieselben Worte zum Zwecke seiner Abmah- 
nung von heidnischem Wandel (negative Kehrseite von Kol. 2, 6) 
verwendet hat. Dass die Berührung mit dem Kolosserbriefe keine 
zufällige ist, geht auch daraus hervor, dass kurz vorher (Eph. 4, 14) 
die Stelle Kol. 2, 8 ihre Sachparallele gefunden hat und gleich nach- 
her (Eph. 4, 20. 21) abermals eine Reminiscenz aus Kol. 2, 7 (idc- 
ädx&tjTe hier ev Xqiati^ neqiTtaxeiv^ dort h avifff) stattfindet. Wirkt 
doch jenes starke tovto de Xeyvn %va firjdeig vfxäg rcaqaXoyil^riTai Kol. 
2, 4 wie Eph. 4, 17 in tovto ovv keyWy so auch noch Eph. 5, 6 in 
f^tjöelg vfiäg anaT(XT(a nach. 

Sechstes Beispiel. 



Kol. 4, 5. 
h aotflu TifQinatilTf ngot xovg ?|w 
lov xaiQov ^ayoQut,6fif:voi. 



Eph. 5. 

15. ßk^nert ovv ntog axQißdig nSQina- 
jeTrs fXT\ tag aöoifoi «AÄ* (og ootfoC, 

16. ^^ayo^a^ofiEvot tov xavQov , ort al 
TjfÄ^Qcci novriQttl sioiv. 



Die Stelle des Kolosserbriefes wird in ihrer paulinischen Authentie 
z. B. durch l Thess. 4, 12 empfohlen. Nun stammt aber der Ausdruck 
xaiQOv e^ayoqd^eiv aus Dan. 2, 8, wo er »Zeit gewinnen« bedeutet. 
Im Kolosserbriefe kommt er auch ganz zu seinem Rechte, da es 
sich um weises Ergreifen der Gelegenheit handelt. Dagegen kann 
man nicht sagen, dass mit dieser Vorstellung die andere otc al fifxeQai 
novrjQai elaiv sehr natürlich zusammenhinge. Eher würde man auf 
das Umgekehrte geführt : Kaufet die Zeit aus, denn es ist gute Zeit, 
mit der etwas anzufangen. Hof mann hat hierfür so wenig Sen- 
sorium, dass er das gerade Gegentheil logisch findet^) und den 
Unterschied der Parallelen auf die Wortstellung beschränkt 2) . Aber 
schon Hoekstra hat das Räthsel der Epheserstelle gelöst, wenn 



1) IV, 1, S. 219. 

2) IV, 2, S. 172. 



4. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe. 



61 



er darin eine Combination von Kol. 4, 5 mit der Aussage über den 
xacQog Rom. 13, 11. 12 erblickt i). Wie hier der xaiQog mit Bezug 
auf die Parusie Christi in Betracht gezogen wird, so erscheinen Eph. 
5, 1 6 die Tage als bös, weil sie die Tage der letzten Drangsal sind. 

Siebentes Beispiel. 

Den Schluss dieses Abschnittes bildet eine Stelle, welche als 
Beispiel dienen kann, wie nicht selten der Epheserbrief an sich un- 
erklärlich ist undr der Parallelen des Kolosserbriefes bedarf, um auf 
die eigentliche Absicht des Verfassers schliessen zu lassen. 



Kol. 4, 6. 
6 Xoyog vfiaiv nccvrors iy /uqui aXari 
ri^rvfA.4voq^ sld^vai nais du v/uag ivl 
ixtKGT^ anoxqCvtad^ai. 



Eph. 4, 29. 
71«^ Xoyog aangog ix rov atofiarog v/noiv 
fjLTi ix7T0Q€v^atf-ü} , ccXXa fl Ttg ttyad-og 
TiQog oixodofiriv T^ff /gelag IVa S^ /d- 
Qiv ToTg dxovov&tv. 



Der Verfasser des Epheserbriefes übersetzt hier den Xoyog vfxwv 
Kol. 4, 6 aus der positiven Eigenschaft aka%i riQTV(ievog in die ent- 
sprechende negative /i^ oanqog , während ev xdqiTV mit Xva ö(p xdqiv 
ToXg d'xovovacv paraphrasirt wird. Dabei ist die Satzform dieselbe 
wie 5 , 33 fj yvvtj %va g)oßrJTaL tov avÖQa'^). Auch 5, 27 begegnet 
eine ähnliche elliptische Wendung. Das entscheidende Moment in 
unserem Falle beruht nun darauf, dass nur aus dem eldsvat 7cmg dal 
vfiag €vt ezdoTcp dno'KQiveaS'ai die Ausleger den monströsen Aus- 
druck TtQog olxodofiijv zrjg XQ^^^S zu verstehen und ihm eine, wenn 
gleich philologisch in der Luft schwebende, doch leidliche Erklä- 
rung zu geben vermochten, .während Hof mann 's Bestreben, einen 
vom Seitenblick auf Kol. 4, 6 unabhängigen Sinn zu gewinnen 3), 
den Ijcser völlig in^s Dunkle führt. 



4. Priorität nnd Abliängigkeit im Epheserbriefe. 

Unsere bisherigen Untersuchungen sind in ihrem Resultate nach 
zwei entgegengesetzten Seiten aus einander gegangen. Bestätigt wird 
diese auffallende Erscheinung dadurch, dass nicht blos die eine Reihe 
von Parallelen der anderen in Beziehung auf die Frage, wo Prio- 
rität, wo Abhängigkeit zu finden, gegenübertritt, sondern auch im 
Zusammenhang einer und derselben Stelle widersprechende Merk- 



1) S. 649. 

2) Ewald, S. 212. 

3) IV, 1, S. 196, 



52 Zweites Kapitel. 

male sich durchkreuzen. Der Beweis für die solcher Gestalt ge- 
steigerte Wahrscheinlichkeit unserer Annahme lässt sich am füg- 
lichsten auf dem Wege der Betrachtung grösserer Abschnitte führen. 
Wir wählen zu diesem Behufe ein Kapitel des Epheserbriefes aus, 
welches, auf seine Bestandtheile angesehen, jene in Rede stehende 
Doppelseitigkeit des Verhältnisses zum Kolosserbrief deutlich er- 
kennen lässt. 

'Das zweite Kapitel des Epheserbriefes vertheilt, abgesehen von 
dem selbständigen Schlüsse 2, 18 — 22, seine Parallelen zumeist auf 
die Stellen Kol. 1, 20 — 22 und 2, 11 — 14, wie aus folgender Ueber- 
sicht hervorgeht: 



Eph. 2. 


Kol. 1. 


Kol. 2. 


1. 5. 




13. 


6. 




12. 


11. 




11. 13 


12. 13. 


21. 




14. 


20. 




15. 




14 


16. 


22. 




17. 


21. 





Hier spricht nun zunächst Vieles für die Priorität des Kolosser- 
briefes, welcher in der ersten Parallele von der Erlösung überhaupt 
imd dem Erfolge, den sie für das sittliche Leben der angeredeten 
Christen gehabt, redet, während der Zusammenhang der späteren 
Stelle ein ganz anderer ist und in dem Gedanken der Taufe seinen 
Mittelpunkt hat, wiefern dieselbe ein Begrabensein und Lebendig- 
werden mit Christus darstellt. Honig wird darin wohl Recht be- 
halten, wenn er es schon im Allgemeinen viel wahrscheinlicher 
findet, dass der Epheserbrief beide Kolosserabschnitte zusammen- 
fasst, als dass der Kolosserbrief mit raffinirter Reflexion eine Zer- 
legung der Elemente des Epheserbriefes in solche, die der Ausführung 
eines mehr allgemeinen Gedankens, und in solche, die der Dar- 
legung eines speciellen Momentes desselben dienlich sind, vorgenom- 
men habe. »Dagegen darf man nur das zweite Kapitel im Epheser-- 
briefe lesen, um aus dem wimderbar raschen Wechsel der verschie- 
denartigsten Ideen und Bilder, die sich gegenseitig drücken und 
stossen (vgl. z. B. Vs. 5 den schon im Stil bemerkbaren Kampf der 
beiden Gedanken von der Rettung durch Gnade und von dem Mit- 
auferwecktwerden zum neuen Leben), zu erkennen, dass dieselben 
von verschiedenen Seiten aus zugeflossen sein müssen, aber nicht 
ursprünglich, einheitlich aus dem Geiste des Verfassers geboren sein 



4. Priorität und Abhl^ngigkeit im Epheserbriefe. 



63 



können. « ^) In der That wird sich uns die Richtigkeit des so ge- 
wonnenen Eindrucks sofort wenigstens bezüglich des allgemeinen 
Fadens, welcher die Stelle Kol. 1 , 20 — 22 durchzieht, bestätigen. 



Kol. 1. 

20. (a7io)xaTaXXii^ai. 



21. xal vfiäg norh ovrag 
.... ^/&QOvg 



XayrjTi 

22. iv Ttp awfiajL Ttjg aag- 
xog avTov ^la tov ^a- 
vdrov. 



Eph. 2. 

14. avTog iöriv rj eigi^vri 
rifitiv 6 nott^Oag ra 
«fKfOTEqa ^v xal rb 
fieffoToixov rov ifga- 
yfiov kvoag, 

15. TTjv i'x^QttVy iv Ty aagxl 

aVTOV , TOV VOfJlOV T(OV 

ipToXtüv Iv öoyfjLaaiv 
xatagyi^aag f tva rovg 
dvo xrCarji Iv avT^ eig 
h^a xttivov av^Qü}7ioVf 
noicjv iigijvip', 

16. xaldnoxaTaXla^ri Tovg 
oLfKfOTiQovg Iv ivl ato- 
fiari T^ S-i^ dia tov 
oTttVQov änoxteivccg t^ 
^X^gav iv avr^. 



Kol. 2. 



14. 



i^aXeitpag ro xafih r^Liwv 
XSiQoyQüCffov rotg doy- 
fiaOiv o riv vTifvavrCov 
rjfiiv xal avri tJqxsv 
ix TOV fiäOov ngoöri- 
Xoiaai avTO t^ öTavQ^, 



Mit der ersten Parallele des Kolosserbriefes ist die Epheserstelle 
verbunden durch den Gedanken einer Feindschaft, welche durch 
das, was dem Fleische Christi am Kreuze widerfuhr, gelöst worden 
ist, also durch den Begriff der xaTaXlayi^, mit der zweiten durch die 
eigenthümliche Vereinigung, in welcher die Begriffe der doyfiaTa, 
des aufgehobenen fiiaov und des azavQog erscheinen. 

Entweder ist also hier die einheitliche Aussage des Epheser- 
briefes vom Verfasser des Kolosserbriefes in zwei Momente zerlegt 
und hiernach auch auf zwei verschiedene Punkte seines Gedanken- 
ganges vertheilt worden 2), oder aber, der Verfasser des Epheserbrie- 
fes hat zwei Stellen des Kolosserbriefes, welche ihm verwandter 
Natur schienen, combinirt^). So lange wir keine anderen, als die 
soeben in Parallele mit dem Epheserbrief gesetzten Worte des Kolos- 
serbriefes in Betracht ziehen, können wir nur der letzteren, bereits, 
als an sich natürlicher bezeichneten Alternative den Vorzug geben, 
zumal sich die Ursprünglichkeit von Kol. 2, 14, woraus der Autor 
ad Ephesios den Kol. 1, 20 — 22 gar nicht berührten Gedanken von 
der Beseitigung des Gesetzes durch den Kreuzestod gefolgert hat, 
sofort mit Sicherheit ergeben wird. 



1) Honig, S. 72 fg. 

2) So Mayerhoff, S. 84 fg. 89. 

3) So Hoekstra (S. 626) und Honig (S. 84 fg. 89). 



64 Zweites Kapitel. 

Wie schon gesagt (S. 62), hängt Kol. 2, 14 zunächst mit der 
Ausführung über die Taufe Kol. 2, 11 — 13 zusammen; in dieser 
liegt nämlich zugleich ein Act der Sündenvergebung vor, welcher 
die Getauften den unerfüllt bleibenden Forderungen des verpflich- 
tenden Gesetzes gegenüber deckt. Demnach ist es voreilig, wenn 
die herrschende Erklärung das %etq6yqoL(pov sofort mit dem Gesetze 
identificirt ^) . Denn eine Handschrift muss, wenn sie uns entgegen 
sein soll, von uns ausgestellt oder wenigstens unterzeichnet sein; 
es muss somit der in Rede stehende Schuldbrief — denn an dieser 
Bedeutung ist gleichwohl festzuhalten 2) — als ein Verzeichniss un- 
serer Sünden vorgestellt werden ^j. Weil nun aber freilich dieses 
Sündenverzeichniss , das wir zusammengestellt haben, durch den 
Gegensatz, in welchen es zu dem Inhalte des von Gottes Hand 
geschriebenen Gesetzes tritt, zu einem wirklichen Schuldbriefe 
wird, hat schon der Autor ad Ephesios es unmittelbar mit dem Ge- 
setze selbst identificirt, und er war dazu um so leichter veranlasst, 
als auch das ^^x€v 6x tov fisaovy welches Kol. 2, 14 von Gott be- 
züglich des Schuldbriefes ausgesagt ist, sofort auf die Anschauung 
eines fisaoTOixov führen konnte, d. h. auf die bekannte Vorstellung 
der Umzäunung Israels durch den q>Qayf46g des Gesetzes. 

Aber auch wenn man ganz bei der directen Beziehung des ;f«t- 
Q6yQaq>ov auf den vofxog stehen bleitt und sich dabei beruhigt, dass 
letzterer in Folge seiner, als Unterschrift geltenden Anerkennung 
durch das Volk (Ex. 24, 3) zum Schulddocumente geworden' s^i*), 
so tritt der auszudrückende Gedanke doch immer nur im Kolosserbriefe 
recht deutlich hervor, indem im Anschlüsse an xaqtödfi^og ijiiiv 
Ttavra t« na^amcifiaTa Kol. 2, 13 hier gesagt ist, dass die Erlas- 
sung der Schuld auch die Auslöschung des Schuldscheins in sich 
schliesst, während Eph. 2, 14. 15 nur eine »Anspielung auf die Ver- 
nichtung des Gesetzes« vorliegt, welche erst aus der soeben ent- 
wickelten Gedankenreihe des Kolosserbriefes ihr näheres Verständniss 
gewinnt ^) . 

Dieselbe Beurtheilung verlangen aber auch folgende, noch im 
Tleste befindliche Farallelreihen : 



1) So z. B. Mayerhoff, S. 60. 89,fg. 

2) Gegen Hoekstra, S. 643. 

3) So richtig Bleek (Die Briefe an die Kolosser etc. S. 91) und Hitzig 
(Zur Kritik etc. S. 22). 

4) Hof mann: Schriftbeweis, H, 1, S. 366. Die heilige Schrift N. T. IV, 2, 
S. 77. 

5) Kits Chi: Jahrbücher für deutsche Theologie, 1863, S. 521. 



4. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe. 



65 



Kol. 2. 
12. Iv tp xäi aw7iyäQ&fiT€ 
<f«a r^C ntat€tog i^g 
iv€Qy€ias rot/ d-sov rov 
fyelQavros avrov ix ttSv 
vexQtSv 



13. xal vfiag vtXQOvg ovrag 
iv Toig naquitTtofAttOiv 



xa\ ty icxqoßvattff r^c 
aagxog tifitSv aweCtoo- 
no£fjaev v/i&g avv av- 
T^ XnQiudfievog r^fjuv 
ndvxa Ter naQcmrt»" 
fiata. 



Eph. 1. 

19. toiig niat€vov%ag xata 
, T^ MqyHov %ov xQci- 

jovg trig iaj^vog avrov, 

20. rjv MiQyriffSv iv r^ 
X^iarip fysCgag avrw 
he vsxQtSv. 

Eph. 2. 

1 . xal vfiäg ovtag vexgovg 
roZg naQanrtofjiaaiv 
xal raZg afiaqrCaig 
vfieSPf 

2. iv alg norh nsguna- 
Ti{ (Teere xara rov aidiva 
Tov xoafMV rovTOVf xa- 
ra rov uQxovra r^c 
i^ovalag rov diqog, 
rov nvBVfiarog rov vvv 
ivegyavvrog iv roZg vl- 
otg rrjg cmsiS-sCag, 

3. iv oig xal f^fiitq Ttdvreg 
dvBOr^ifyHfiiv nore iv 
raug iniS'Vfilaig rrjg 
üaqxog r^fjiwf noioCv" 
rsg r« ^eXijfiara rijg 
aagxog xal rtSv dia" 
vouSvy Mal ^fii&a rixva 
fpvttsi oQyijg i&g xal ot 
loinoC, 

4. 6 dh ^£og nlovaiog £v 
iv iXiei 6ia rrjv nokXrfV 
dyanifv avrov, ^v r^yd' 
mjaev tjfiag, 

5. utal ovrag rifidg vexgovg 
iv roig naqanrytfiaOiv 
avvB^faonolr^fSBv iv r^ 
XQiffr^, 
xdQirCiörs aeaatafiivot, 

6. xal at)vrjyBiQW u. 8. f. 

8. ryyaQxdgiri iffre or^oro)- 
OfAivoidut ri]g nlantog. 



Kol. 1 



2 1 . xal vfiag nori ovrag . . . 



ixS^QOvg iv rotg 

igyoig roZg novtiQoTg, 



13. og iggvaaro i^idg ix 
rrjg i^ovaCag rov 0x6' 
rovg xal fier^arriaev 
fig rrjv ßaaiXe^av rov 
vlov. 



Auch hier liegt die Abhängigkeit auf Seiten des Epheserbriefes, 
welcher nicht blos 1, 20 und 2, 6 die Einwirkung des avwjyigd^e 
dia vfjg iv€Qysiag tov 9bov Kol. 2, 12 verräth^ sondern auch eine 
höchst auffällige Stellung zu Kol. 2, 13 einnimmt. Der Inhalt der 
letzteren Stelle ist nämlich im Epheserbriefe theils gar nichts theils 



Holtzmann, Kritik der Epheser- n. Kolosserbriefe. 



06 Zw«lt«s KapiteL 

doppelt vertreten. Grar nicht vertreten ist im Epheserbriefe xai ty 
dnQoßvatuf T^g cafTcdg ifidiv und %aQiaifi&fog fjfuv nivra rä naQa- 
mia(ict%a. Der Weite dieser Sätze bezieht sich im Original auf die 
Taufe (vgl. S. 64)^ während er im Zusammenhange des Epheserbriefes 
durchaus keine passende Verwendung finden konnte. Dass der Ver- 
fasser dieses Schriftstückes nichts desto weniger unsere Worte ge- 
lesen hat^ geht imwidersprechlich aus dem^ den Fortgang seines 
Satzes Eph. 2^ 5. 6 [avvet,(oo7tolija£p t^ XQiartp aal avvijyecqev xal 
avvena&iaev) unterbrechenden Zwischenrufe xaqixL iare aeatoofiivoi 
hervor, welchen er dann 2, 8 zur Weiterfuhrung des Gedankens 
benutzt. Wie es sich mit dem Fehlen des ersten Satzes verhalt^ 
wird sich an einem späteren Orte (S. 71) herausstellen. 

Viel merkwürdigel lAt fiir ima jeden&Us die andere Seite an der 
Sache. Das xai vfiag vanQOvg tivtag hf volg TtafaTttwfiaaiv begegnet 
im Epheserbriefe zweimal (2, 1. 5), wobei übrigens das erstemal um des 
gleich nachfolgenden Jy alg willen das iv weggefallen und so der un- 
deutlichere, nach der iUicepta auch 2, 5 wiederholte Ausdruck venQOvg 
xölg TtoQaTttü fiaaiv erzielt iat^). Im Crrunde erscheinen dieselben 
Worte freilich auch im Kolosserbriefe doppelt, da der Stelle 2, 13 
schon in 1,21 ein nai vfiSg nati awag dnrjXXoxQuaiiivovg xal k%9(jOvg 
vorangegangen war. Worin hat nun das xat viiäg seine Beziehung? 
Zunächst ist es Kol. 1, 21 vollkommen motivirt, sei es, bei gegen- 
wärtigem Bestand des Kolo^serl^iefes > durch das vorangehende %a 
Ttdvra sYt$ rä inl xifg yijg eXfS %ä iv %oig ovqavoig (1, 20), sei es^ 
im ursprünglichen Zusammenkang, durch das alle Christen umfas- 
sende fjiiSg Kol. 1, 13. Noch deutHcher ist die Beziehung in der 
anderen Stelle Kol. 2. 13, wo zuvor von Christus die Bede war, mit 
welchem »auch« die Leser des Briefes erweckt wurden. Dagegen 
ist man Eph. 2 , 1 ifti um so grösse^r^r Verlegenheit bezügUch des 
Vergleichungspimktes. Erst {!ph. 2j, 5 merkt man, dasis v^ Gott 
an den Lesern gethaa hat, in Vei^lei^h gesetzt werden soU mit 
dem, was er an Christus gethan hat. Anders läge die Sache freilich, 
wenn wir Eph. 2, 1 mit Hof mann als Nachsatz zu einem, mit 
iyeigag avvov ht vea^v 1 , 20 angeblich anhebenden Vordersatze 
fassen dürften. Aber wie dieses iyelqag ganz offenbar Näherbestim- 
mung von hn^Qytjaev ist, so andererseits das Anseinanderreissen dessen, 
was Verstand und Wüle des Autors, nach den dogmatischen Begriffen 
reehtgläubiger Eiceg^n sogar Gott selbst zusammengefügt hat, ein 
oft wiederholtes Ebravouxstikk der Exegese Hofmann's^j. Seobt 



1) Honig, S. 80%. 

2) Ich verweipe in diesei) B^Mimg anf: meine Kritik difieer CcmmMiLtaie 



4. Priorität und AtAiingigkeit im Epheserbriefe. 67 

kmt «r abeymit der afi^^gebenen lühdhsaneeige Yon, Bph. 2, 1 fg. 
nichts de^to tfeniger^ nur dms dieSchwetfälligkcfit der Bateverbrndung, 
vermöge vmlcher der LefBer erst 2, 5 erAhrt, wie 2, t angelegt war^ 
auf eine äussere Pression aurüekschlieMM läfterft , untei* deren zwin- 
gender Nöthigung der Schriftsteller sich befindet. Diese aber hat 
Honig in dem Original Kol. 2^, 13 vermuthet^), was wenigstens 
zur Hälfte richtig ist. Die andere Hälfte des wirkenden Motivs 
liegt aber in Kol. 1^ 21. Wie nämlich auch sonst in diesem gan- 
zen Abschnitte geschieht, so combinirt der Epheserbrief hier zwei 
sachlich verwandte Stellen des Holosserbriefes ; und zwar konnte dies 
in unserem FaUe um so leichter geschehen, a)s auch die fbrmeUe 
Verwandtschaft des Anfanges mit ncai vfiSg [fto^i] ov^ag dazu ein 
Motiv liefert. Aueh diesmal hat der reprodncirende Schriftsteller 
die beiden Grundlagen seiner nachschauenden Arbeit nach einander 
gelesen. Während er daher schon £ph. 2, 1 das xai ifiSg im Sinne 
von Kol. 2, 13 denkt, schwebt ihm ztmächst noch Kd(. 1, 21 vor, . 
wie namentlich auch aus den Eph. 2, 2. 3 vorliegenden, S. 69 nach- 
einreisenden Parallelen hervorgeht, wogegen er dann, nach Wieder- 
aufnahme des Satzes Eph. 2, 4 entschieden auf Kol. 2, 13 über- 
springt, was 2. B. aus dem hier nicht mehr repröducirten noti er- 
hellt. Bas von den Auslegern viel bespiiochene Anakoluth erklärt 
^h mithin nur so, ^kss der Yerfesser, dem doppelten Motiv der 
Originalstellen folgend, zweimal ansetzt, um seinen Gedanken sicher 
zu steUen und die Verbindung mit dem Prädicat ovveCtaoTtairjaev 
zu gewinnen, welche 2, 5 endlich erreicht ist. Während so Eph. 
2, 4. 5 wesentlich Reproduction von Kol. 2, 13 ist, gibt sich die 
nebenherlaufbnde Reflexion auf Kol. 1 , 21 noch darin kund , dass, 
wie hier das vfiSg im Gegensatze zu einem hAt unmitteihar (Kol. 
1^ 13) vorangebenden rjfiäg gemeint war, so audi das vfieig Eph. 
2, 1. 2 schon 2, 3 in ein f^tiig umgesetzt wird, und diese Verse im 
Epheserbriefe wirklich auch dem Gedanken nach die Parallele zu 
Kol. 1, 13 enthalten. Von diesem Ausgangspunkte her blieb dann 
das ^f4sig auch in der Stelle Eph. 2, 5 stehen, wek^e sonst dhrect 
von Kol. 2, 13 abhängt. 

Nun darf man aber die Kehrseite an der Sache nicht übersehen — 
den umstand nämlich, dass demselben Zu[sammenhahg des Epheser- 



H^fw.»»«''s ia dar i^ProtestantuoheiiKircheiKeituag« 1870, Nr. 33. 1871, Nr. 16. 
Ganz ixv der gleichen Eiohtung läuft übrig^Bna auch die Kritik, welche dieselben 
Ton ausgezeichneter katholischer Seite erfahren haben. Vgl. A. Maier im Bonner 
»Theologi^h^n Literaturblatt« 1871, Nr. 11, S. 353%. 
1) S. 80. 

5» 



Eph. 2. 


KoL 3. 


2. 3. 


6. 7. 


10. 




16. 


15. 



6S Zweite» Ki^teL 

briefes auch aus verschiedenartigen anderen Partien des Kolosser- 
briefes Parallelen zur Seite stehen, deren Erledigung die Rechnung, 
soweit wir sie bisher yollzogen, noch nidbt mit sich bringt. Dies 
wird anschaulich durch folgende Uebersicht: 

Kol. 1. 
10. 



So wahrscheinlich die Zusanunen&ssung zweier Stellen ver- 
wandten Inhaltes in Eine ist, so unwahrscheinlich und überkünst- 
lich wäre die .Hypothese, dass der Autor ad Ephesios bei dieser 
Gelegenheit auch noch aus ganz anderen Partien des Kolosserbriefes 
einzelne Phrasen und Wendungen, wie die vioi Tfjg dnai^eiagj i^ 
olg xat ^fisig oder vfisig ntni gewandelt, das ^ adßfia und die 
e^ya ayad'A in ähnlichem Zusammenhange, au^erafft und in seiner 
Ausfuhrung angebracht haben sollte. Vielmehr wird in allen diesen 
Fällen der Vergleich des Details die entgegengesetzte Entscheidung 
mit sich fuhren. Ehe wir aber im folgenden Abschnitte (S. 74 fg.) den 
Beweis hierfür antreten, sei es erlaubt, die Vergleichung der jetzt vor- 
liegenden Parallelreihe zu Ende zu führen. Wenn sich nämlich der 
Ueberarbeiter des Kolosserbriefes von Reminiscenzen an seine Aus- 
führung Eph. 2, 1 — 17 an femer liegenden Stellen wie Kol. 1, 10. 
3, 6. 7. 15 beeinflussen lässt, so wird eine solche Einwirkung jeden- 
fdls noch viel eher dort annehmbar sein, wo er die wirklichen Par- 
allelstellen des Kolosserbriefes in der Arbeit hat, und wir werden 
von vom herein vermuthen dürfen, auch in Kol. 1, 20 — 22. 2, 11 — 14 
seiner Hand zu begegnen. 

Dies ist nun in der That der Fall, wie aus einer Verglei- 
chung des Details beider Stellen sofort erheUt. Denn was zu- 
nächst Kol. 1 , 20 betxiflib, so ist schon jetzt ersichtlich und wird 
unten (II, 7, 4) im Einzelnen sich herausstellen, dass dieser ganze 
Vers der Ideenwelt des Epheserbriefes angehört und aus Ausdrücken 
desselben zusammengesetzt ist; selbst das einzige Wort, in welchem 
der Faden des ursprünglichen Gedankens durchschimmert, anoKotv- 
aXkd^a^, gehört als Dicompositum dem Wortvorrath des Autor ad 
Ephesios an (11, 2, 3, 1). Andererseits hat sich auch Kol. 1, 22 die 
Grrenzlinie des Paulinischen und des Interpolirten bereits deutlich 
gemacht (S. 47), sofern sie den Vers geradezu in zwei Hälfiten zer- 
schneidet. Um so grössere Schwierigkeiten bietet das noch im Best 
bleibende Mittelstück dar, welchem wir daher seine Parallelen zur 
Seite stellen. 



4. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe. 



69 



Kol. 1, 21. 



xal itfiäg 

Ttoxk ovtag 

dntjXXoTQittfji^vovg 



xal ix^govg 



iv TOig ^gyoig rols novtigoig 



Eph. 2. 



1. xal vfiSg ovrag 

2. ^f' alg noxh negienaT-^aare 

3. iv oU xal iffieTg dveatgäff^fiiv not€ 

12. fiti T0 xaiQip ix€^tp anrilXojQtai- 

(4, 18 dnr^llotqivifji^vot %rig ^0»^^) 

2. xal ^ivoi .... xal a^eoi 

16. dnoxreCvag t^ Hx^Q^^ 

3. noiovvTtg ta d-Bkr^fiata xrig aagxog 

3. iv taig imd-vfilatg tr^g aagxog rjfiSv 

10. XTiad-ivT€s All igyoig dyad-oig 

13. i't/i'l Sk iv Xgiartp ^Itfaov vfjisTe ot 
noTt ovT€g fiaxgdv iyyvg iysvi^d-fjTe 

16. xal anoxaxttXldSy rovg dfnpotigovg 



Zunächst wird hier ersichtlich^ wie der Epheserbrief zu zweien- 
malen an die Beproduction der Kolosserstelle geht. Zuerst Eph. 
2, 1 — 3, wo das 2, 1 ausgelassene , dafür 2, 2. 3 doppelt nachge- 
brachte Ttovi die Absicht^ das Original zu commentiren, ganz deut- 
lich machte während der Fortgang 2, 3 dv€<nQag>7ifiiv noxs h %aig 
eTti^fiiaig v^g oaQxdg fifiwv zugleich auf ein Original schliessen 
lässig darin es einfach hiess ix^tjoig h zoig eqyoig %o%g Ttovrjqolg. 
Sachlich wirkt letzterer Ausdruck nach am Schlüsse dieses ganzen Ab- 
schnittes^ wo (2^ 10) der Autor ad Ephesios^ indem er auf das Bild des 
Wandeins zurückgreift^ mit dessen Hülfe er hier den Gedanken des 
Originals umschreibt, sagt, wir seien vielmehr in Christus Jesus ge- 
schaffen ifct iq^oig äya^oigy also das Gegentheil von novrjqolg^ und 
zwar, tva iv avroig (also auch nachträgliche Reproduction der Prä- 
position des Originals) iteQiTcar^awfiev. 

Während aber Eph. 2, 1 — 3 eine vollständige Reproduction von 
Kol. 1, 21 durch die gleichzeitig ins Auge gefasste Stelle Kol. 2, 13 
vereitelt wurde, nimmt der Verfasser idie dort fallen gelassene Auf- 
gabe an einer späteren Stelle (Eph. 2, 12. 13) abermals auf, wie 
besonders deutlich erhellt, wenn man sowohl im Original als in der 
Nacharbeit den weiteren Fortgang in Betracht zieht. Denn so ge- 
wiss Kol. 1, 22 |y T^ awfictvt Ttjg aoQTidg avvov dia %ov &oivä%ov 
den Worten iv t^ atfioni tov XQiatov Eph. 2, 13 zu Grunde liegt, 
so gewiss ist an letzterer Stelle das wvl de iyyvg iysvi^dTjte freie 
Wiedergabe von Kol. 1, 21, mit dessen wvl di es keinesw^s eine 



70 Zvr&tw KKpiJtßH. 



»sehr wesentlich andere Bewandniss« hat% und beweist zugleich 
das vfialg ot rttne or%€g fiOHQaVy dass dem Verfasser der Wortlaut 
des Originals (Kol. 1^ 21 aal vfiag nori ovvag) abermals vor Augen 
schwebte. 

Nachdem der Verfasser aber die Stelle in dieser Weise zwei- 
mal im Ephesetbriefe umschrieben hat, geht es selbstrerständlieher 
Weise auch bei ihrer Reproduction im jetzigen Kolosserbriefe nicht 
ab, ohne dass sich vice versa jetzt dem Original die Sprachfarbe 
des Epheserhrie&9 aufragt. So dringt aus dem selbständigen , er- 
klärenden Satze Eph. 2^ 3 ftoiovvrsg zct &eXriiia,%a tfjg aaQxog aal 
%&v diavoiiüv in den Kolosserbrief der Einschub t^ diavolif hinüber. 
Es soll dieses unpaulinische Lieblingswort unseres Briefstellers die 
intellectuelle Kehrseite zu der einseitig praktischen Beziehung dar- 
stellen^ welche der Ausdruck kx^qoig durch den Beisatz hf zolg Eqyoig 
toig Ttonj^lg gewonnen hatte. 

Femer wird, der VorUebe des Interpolators für Doppelausdruck 
und Synonjrma entsprechend, dem Begriffe exd'Qol der andere^ dem 
Autor ad Ephesios specifisch eignende, anijlXoTQiiOfiivot (aus Eph. 
2, 12. 4, 18) vorgesetzt, während sich zugleich das einfach pauli- 
nisehe xcmjXkayf/ve in dnoKarrjlXayrjTey also gleidifalls einen Lieb- 
lingsausdruck (aus EpH. 2, 16) umsetzt. Dass in diesen Stellen über- 
haupt von Versöhnung die Rede ist, dazu gibt der Kolosserbrief in 
seiner ursprünglichen Fassung Anlass und Anleitung, sowie auch 
dazu, dass dabei ein früherer Zustand [Ttotij von dem jetzigen unter- 
schieden, und däss jener itiit dem Ausdrucke ^^-Qa als der Kehr- 
seite von mataXXayf] bezeichnet wird. Dagegen ist es der Autor ad 
Ephesios, welcher, seinem gnostisirenden Ghrundtrieb gemäss (V, 4), 
dieser ^9'Qa in beiden Briefen eine Richtung auf die didvoia gibt 
und den Begriff überhaupt bald mit dem des Entfremdetseins {Eph. 
2, 12), bald mit dem des Entfemtseins (Eph. 2^ 18) erklärt. 

Was nun aber zweitens die Stelle Kol. 2, 11 — 14 betrifft^ so ist 
die Hand des Autor ad Ephesios mit Sicherheit 2, 12 nachzuweisen 
bezüglich der Worte v^g Tfiaf^wg^ welche^ durch dei^ Zuis^momieiihang 
nicht gefordert, ayntakjdsch schleppend und anstösßig, nur dem Mn-r 
ster von Eph* 1^ 19^ 20 folgen und beweisen, dass dein In^rpolator 
einmal die Ideenafi^ociation^ womach der Begriff der ivigy^ta einer«- 
s^its mit dem dßx mufrig, andererseits mit depa der Auferweckung 
Christi sigh berührt, geläufig geworden Wi8ur. »Dieselbe Ideenveirbin- 
d\mg, di^ Zurüi^kföhrwg ^n GlaublQ^s fu;if Gotjb^ lifacht mit 3ti|tzung 
auf das^elbß Beispiel, könnten xwei ver^ii^^Q^, v(m einander unr^ 

1) GhBgMi Qofmann, IV, 2, 8. 30. 



4. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe. 71 

abhängige Sckiiftsteller woU liaben^ aber schwerlich mit so gleichen 
Worten.«^) Auch Hof mann erklärt daher die anstössige Verbin- 
dung diä T^g TtlatBfoq T^g ivegyelag %ov ^saC, wiewohl er sich be- 
züglich der beiden Genetive vergreift^ aas dem Einwirk^i des Epheser- 
briefes auf die Redaction des Kolosserbriefes^). 

Wahrscheinlicher Weise aber hat Aehnliches audi in 2^ 11 und 
13 statt, dort mit Bezug auf die Worte hf t§ dn;sKdvaet tav aikSjEia- 
jog t^ aa^TLogi h ty neQivofi^ tov XqiovoVj hier BetreSs des Sataes 
%at Tgf dufoßvawuf v^g aa^mdg vpuSp. Was zunächst die letzten, 
oben (S. 66) noch unerledigt belassenen Worte betrifft, so dürfte sie 
(kr Interpol^r nach seiner Liebhaberei für synonyme Wörter und 
taut(dogische Weiidungen um so mehr hinzugefügt habend), als die 
Parallelen des Epheserbriefes sie nicht Toraussetzen. Würde auch 
durch das ZwischenhineintretiMi von «ort t^ oMQOßvünUf v^s aa^nbg 
vpimf der Wechsel der Construction (avvs^woTtolriaev Ifi&g statt 
mt<io07i9i^6»viog) begreiflicher eMcheinen, so stehen doch jene Worte 
nur da in Folge des Zusammenhangs von Kol. 2^ 13 mit Kol. 2^ 11 
und machen zugleich den in 2, 13 beabsichtigten Q^iensatz von 
Heiden [v-iiäg) und Juden (^2f ) bemerklicher. Aber gerade dieser 
Gegensatz, welcher mit dem Thema des Epheserbriefes zusainlnen- 
hängt, ist von dem Verfasser des letzteren erst hereingetragen, während 
im ursprünglichen Entwurf ^^eZg als Bezeichnung der Christen im 
Allgemeinen, v/iicig als Bezeichnung der, allerdings heidenchristlichen 
Leeer insonderheit gemeint war, wie Kol. 1, 13. 14 und 21 eben- 
falls geschehen ist. Den Zusammenhang mit 2, 11 insonderheit 
anlangend ist zu beachten, dass die Worte, welchen %al vg an^ 
ßvatUf zrjg aaqnog vfiwv entspnu^h, nämlich hf ty in9%Svau tov 
awfiatog tilg actq%6g, hf %y neqito^y vov XqunoS selbst Binschub 
desselben Verbssers sind, wie theils aus dem Verhältnisse der Häu- 
fimg, welches sie begründen, theils aus ihrem Charakter als Epexegese 
in der Manier des Autor ad Ephesios und als Anwendung seines 
Kol. 2, 17 ausgei^rochenen Grundsatzes erhellt. Jedenfiills ist viel 
wahrscheinlicher, dass dieser Verfasser die beiden sich correspon- 
direnden Bestimmungen derv Verse 2, 11. 13 als einen deutlicheren 
Ausdruck für den auch Eph. 2, 11 vorliegenden Gedimken^) hier 
eingetragen, als dass er bei Beproduction von Kol. 2, 13 in Eph. 
2, 5 sie in Folge eines entdeckten sachlichen Zusammenhanges» 
vermöge dessen sie auf Kol. 2, 1 1 zurückweisen, zugleich mit diesem 

1) Mayerhoff, S. 89. 

2) IV, 2, S. 175. 

3) Mayerhoff, S. 89. 

4) Hoekstra, S. 648. 



72 Zweites Kapitel. 

Verse äbergangen haben sollte^ um dann iBpät^ (Eph. 2^ It) eine 
Andeutung des gemeinsamen Inhaltes yon Kol. 2, 11. 13 nachzu- 
bringen. 

Eine letzte Schwierigkeit betrifft die Worte %oZg d6yiiaaiv, welche 
den einzigen Anstoss in der sonst durchaus ursprün^chen Stelle 
Kol. 2, 14 bilden. Hofmann^ welcher die Unzulänglichkeit der 
bisher vom rein exegetischen Standpunkte aus angebotenen Mittel^ 
den Dativ sei es als Angabe der Beziehung i) oder des Instrumen- 
tes^} zu erklären;^ ausreichend klar macht ^j, hält sich seinerseits an 
die schon vorher viel versuchte^) Verbindung mit dem folgenden 
Belativsatz. Dies ist auch in der That, wofern exegetische Cor- 
rectheit die letzte Instanz bilden soll^ die einzig mögliche Auskunft. 
Nur miiss man es dem genannten Ausleger überlassen^ als Belege 
für die Zulässigkeit solcher Verbindungen Stellen wie Rom.- 16, 27, 
1 Petr. 4, 11. Hebr. 13, 21 anzuführen^). Sogar Apg. 1, 2 (ipnei^ 
Icifievog %oig änoa%6Xoig diu Ttveifiarog ayiov cSg i^eXi^avo) ver- 
binden Chrysostomus , Theophylakt, Oekumenius, denen ein rich- 
tiges Verständniss des griechischen Sprachgeistes zuzuschreiben ist, 
unter Neueren auch Winer und Meyer das d&a Ttvevfiotog mit 
ivtsilafieyog. Dagegen gehören mehr oder minder hierher Stellen 
wie Apg. 5, 35. 19, 4. Rom. 11, 2. 31. 1 Kor. 9, 15. 2 Kor. 2, 4. 
12, 7. Kol. 4, 16^ und besonders das Wort SKoavog setzt der Apo- 
stel gern vor das dg, zu deßsen Satz es gehört (Rom. i2, 3. 1 Kor. 
3, 5. 7, 17). Es scheint somit, dass Paulus gleich hier auf den 
satzungsmässigen Charakter^ vermöge dessen das Gesetz uns feind- 
lich war, hinweist, weil er sofort die Unverträglichkeit eines neuen 
Satzungswesens (Kol. 2, 20 tI SoyiAaxtCßOd'B) mit dem Stande derer, 
welche den ELreuzestod Christi miterlitten, darthun will. 

Läge die Sache wirklich so, so könnte kein Zweifel bestehen, 
dass der Ver&sser des Epheserbriefes unsere Stelle nicht blos glätten 
wollte, sondern auch missverstand, weil sein paralleler Ausdruck h 
dSyfiaaiv offenbar Zusatz zu rov vofiov ztSv evtoläv ist. Alles was 
Hofmann gegen diese, von den meisten und besten Auslegern^) 



1) Wieseler: Der Oalaterbrief, S. 258. 

2) So theils Baumgarten- Crusius, Braune und Meyer, theiU Bahr, 
Huther, De Wette und Honig, S. 82. 

3) IV, 2, S. 78 fg. 

4) Eraftmus, Storr, Flatt, Olshau^en, Thomasius, Bleek, Schen- 
kel, HarlesB, S. 234. 

5) Die heil. Schrift, N. T. UI, S. 578. 

6) Rückert, Meyer, De Wette, Baumgarten-Crusius, EUicott, 
Bleek, Schenkel, Ewald, S. 183. 



4. Priorität und Abhängigkeit im Epheserbriefe. 73 

vertretene Ansicht .geltend macht ^), läuft darauf hinaus^ dass ein 
unabhängig schreibender Briefsteller allerdings nicht auf einen der- 
artigen Zusatz gerathen wäre. Aber der unsrige verfuhr selbst dann 
nicht ganz selbständige wenn dieses iv dSyfiaüiv Original fSr %oig 
Uyiiaaiv gewesen sein sollte^ da er sich auf diese Bezeichnung des 
Satzungscharakters des Gesetzes durch das 8oy(ia%lll^Büd'B Kol. 2^ 20 
hingewiesen fiuid. 

Indessen ist bei der bisher besprochenen Erklärung von Kol. 
2^ 14 eine gewisse Härte in der Stellung, welche %Oig döyfiaaiv vor 
dem Relativsätze ei^nimmt, unverkennbar, so dass Grammatiker, 
Ausleger und Kritiker das iv doyfiaaiv des Epheserbriefes natür- 
licher und klarer finden wollen^]. Als eine zweite Möglichkeit wird 
daher die offen bleiben, dass der Verfasser des Kolosserbriefes tolg 
ioyiiaaiy eng an xeiQ6yQag>ov angeschlossen dachte. Dann aber könnte 
er möglicher Weise unter doyf^ata gar nicht das gemeint haben, was 
ihn der Epheserbrief damit sagen lässt, und würde somit imsere 
SteUe nur noch viel mehr einen Beweis dafür liefern, dass der Be- 
arbeiter Ausdrücke, die er nicht richtig erfasst hatte, reproducirte 
und ihnen eine nothdürftige Stellung im Zusammenhange seiner 
Ausführungen zu verleihen suchte. So macht Hitzig unter Be- 
rufung auf Ihn Esra und Raschi geltend, dass den Babbinen das 
griechische Wort deiyiia Dogma lautete. Es spräche dann ^et Ko- 
losserbrief ganz sachgemäss von der Auslöschung einer Handschrift 
»sammt ihren Belegstucken«, und der Dativ wäre etwa nach Ana- 
logie der Fälle, wo cvv fehlen kann, zu verstehen. 

Auch wir würden uns daher zu dieser Erklärung, mit welcher 
Ewald's sprachlich unmögliche » Schuld verschreibimg an die Satzun- 
gen« auf keinen Fall concurriren kann, entschliessen, falls wir ihrer 
überhaupt bedürftig wären. Dies sind wir aber nicht, da ja nichts 
näher liegt, als in tolg doyfiaaiv eine ähnliche Übertragung der Aus- 
drucksweise des Epheserbriefes in den Kolosserbrief zu erkennen, 
wie wir soeben in trg Tvunewg Kol. 2, 12, noch genauer imserem 
Falle entsprechend aber in t^ diavouf Kol. 1, 21 Beispiele gehabt 
haben. Die Sache ist die, dass der Verfasser des Epheserbriefes 
bei Keproduction von Kol. 2, 14 zunächst der Handschrift das Ge- 
setz substituirte (S. 64), welches er nach Anleitung von Kol. 2, 20 
%i doyficeft^ea&B als einen vofiog xäv ivgoXäv h doyfiaaiv cha- 



1) IV, 2, S. 88. 

2) Vgl. Winer (S. 206) und.A. Buttmann (Grammatik des N. T.lichen 
Sprachgebrauchs, S. 80). Femer Bleek (S. 92 fg. ) und Hofmann (IV, 2, 
S. 176). EndUch Honig, S. 82. 



74 Zwei^ Kapital. 

rakteriwt. Bei Gekgeuheit der Interpolation der OrigioalsieUe Kol. 
2^ 14 soll dann dem %Biq6y^a^oy durch den Zuaais %oi^ diyfäotaiv 
gleichfalls die BeBiehuiig auf das Gesetz» welche der Ausdrudk an 
sich nicht bietet ^ angieschweisst und damit der sachliche PaiaUe- 
lismus beider Stellen vollendet werden. Win er hat somit voU^ 
kommen das [Richtige getroffen, wenn er den harten AnschlusB von 
jolg doyfiaaiv an xBiQdyqoKpov zwar grammatisch gezvningen^ aber 
sachlich geboten erklärt^). Nur liefert nicht sowohl die Exegese, 
als vielm^r die. Utenurische Kritik die Lösimg des Problems. 



5» Priorität und Abhängigkeit im Kolwserbriefe. 

Um nun aber sofort auch die Kehrseite der Sache ans Licht tre- 
ten zu lassen, stellen wir der Betrachtung des zweiten Kapitels im 
Epheserbriefe eine Analyse des dritten Kapitels im Kolosserbriefe 
zur Seite. Der Kern dieses letzteren besteht in dem » praktischen a 
Abschnitte Kol, 3, 5 — 17, welchem jüe Stelle Eph. 4, 1 — 5, 20 cor- 
respondirt. Aber das Gesetz des Parällelismus im Einzelnen ver- 
birgt sich hinter den Aufhäufungen von Parallelen aus den älteren 
Faulusbriefen, wie sich solche im Epheserbriefe dazwischen legen« 
Im Kok)sserbriefe dagegen ist der Gedankenfortschritt wenigstens 
am Anfange vollkommen klar. Anknüpfend an die Vorstellung des 
»Gestorbenseins« (3, 3) eröffnet das vexQciaafa ovv %a fiilrj %ä ini 
v^g yfjg (3, 5) die negative Reihe von Paränesen (3, 5 — 9), zu 
welcher die positive Gegenseite nicht minder passend mit ivdv- 
aaad'e ovv wg inXenjol %ov ^eoC a7tXay%ya oIktiq/iov (3, i%) ein- 
geleitet wird. 

Es ist nun begreiflich genug, wenn Honig in dieser klar^ 
AufQinanderfoljg^e das sichere Anzeichen der Ursprünglichkeit er- 
kennt und die dispositionsloseren Massen im Epheserbriefe d$M^* 
aus erklären zu können glaubt, dass dieser erstens die positive 
und negative Seite, statt sie in zwei Reihen einander gegenüberzu- 
stellen, bei jeder einz^nen Ermahnung sofort sich entsprechen lässt 
(vgL z. B. Eph. 5^ 8. U, 15. 17. 18), zweitens aber auch den ganzen 
Gedankengang des Kolosserbriefes doppelt durchläuft (4» 17—5, 2 und 
5, 3—20) und zwar so, d^ss im zweitep Gange Einiges, wie Kol, 3r 8. 9 
übergangen^ Anderes aus Kol. 4^ 5. 6 heraufgeholt, noch Anderes, was der 
erste Gang im Rest gelassen hatte, wie Kol. 3, 1 6, nachgeholt wäre ^) . 



1) S. 206. 

2) S. 75 fg. 



5. Priorität und Abhängigkeit im Kolosserbriefe. 75 

Es würde also im ersten Gange Kibl. 3 ^ 5 •— 7 in Eph. 4 ^ 17 — 22, 
Kol. 3, 10. 11 in Eph. 4, 23. 24, Kol. 8, 8. 9 in Eph. 4, 25—31, 
Kol. 3^ 12. 13 in Eph. 4, 32 — 5, 2, dann iHn zweiten Gange Kol. 

3, 5. 6 in Eph. 5, 3—6, Kol. 3, 8. 9 gar nicht, Kol. 4, 5. 6 in Eph. 
5, 15 — 17, Kol. 3, 16 in Eph. 5, 19 rQpjroducirt worden sein. Dass 
sich hier die Gedanken so bunt mischen, scheint eben daher zu 
kommen, das« sich der Ver&sser nicht wieder so genau an das aus- 
gebeutete Vorbild halten kann. Gebundenheit an ein Original und 
freie Gedankenproduction verhalten sich eben nothwendig ungefügig 
zu einander^). 

Erscheint dieses Verfiifaren auch nicht in allen einzelnen Mo- 
menten einleuchtend (widersprechend ist z. B., dass OQytj Kbl. 3, 8 
nicht blos Eph. 4, 26, sondern auch 4, 31, also vor dem Abschnitt 
5, 2 repetirt wird), so ist doch Honig der Meinung^ — und das 
hat ja vielen Schein — der umgekehrte Fall sei gai^; undenkbar, 
dass nämlich der Kolosserbri^f die ausei^anderfliessenden Gedanken 
des Epheserbriefes gesichtet, das Abschweifende, Abspringende, Zu- 
sammenhangslose ausgeschieden, zusammengezogen, geordnet. Alles 
zu einem kurzen, einheitlichen Ganzen componirt habe^), 

Aber dennoch ist die Sache so, und er hat ja selbst bezüglich 
des Verhältnisses von Kol. 1, 20^22. 2, 11 — 14 zu Eph. 2, 1—17 
BEohgeifiesen, dass der Autor ad Ephesios ähnliche Gedankenreihen 
zu einer einzigen zu verschmelzen versteht Derselbe Autor ist es 
nui^, der hier dasselbe Experiment unternimmt, nur diesmal auf 
dem Boden des von ihm interpolirten Kolosserbriefes arbeitend. 
Nachdem die ermahnende Partie seines Epheserbriefes, wozu er seine 
Stoffe tfaeils aus dem ihm vorliegenden Paulusbriefe Kol. 3, 12. 13. 17. 

4, 5. 6, theils aiis den paränetischen Theilen der Thessalonicher-, 
Galater--, Kormther- imd Römerbriefe zus^unmengelesen (vgl. III, 2) , 
alhnilang und. übersichtslos ausgefallen war, beobachtet er das zweite- 
maly bei der Interpolation des Kolosserbriefes, ein durchaus concen*- 
trÜMndes Verfahren, wie es nicht blos dem Schriftsteller, der den 
zweiten Wurf thut, > natürlich, sondern auch durch den paulinißohen 
Stoff in seiner vorliegenden Gestalt schlechterdings gefordert war. 

Wir betrachten zunächst diejenige Stelle des dritten Kapitels, 
wo ursprünglicher Text und Interpolation sich unmittelbar berühren. 



1) S. 77. 

2) 8. 76. 



76 



Zweites Kapitel. 



Eph. 4. 



2. fiitd ndarig raneivo' 
tog, fiBja fittXQo&v- 

XilXmv ip aydnfjif 

3. anov^dCovreg rti^stv 
Ttjv ivojfija Tov nv€v- 
fiarog, iv r^ auv^äofn^ 
rijg dgifnig, 

32. yivhOd^ €tg alliiloüg 
XQ^Ofolf evanlayxvoi, 
Xtt^t^6fi€voi iavToig, 
xad-tig xal 6 ^€o; iv 
Xqiot^ i^aQ^aaro ^ 

fllV. 



Kol. 3. 

12. iv&vaaa^€ ovv »g I»- 
XtXTol TOV ^eov aytoi 
xal riycmtifiävoi anXdy- 
Xya oixTiQfiov XQ^ 
aroTtfra tanBivotpQoüxh 
njy ngttvTffTa fiaxqo- 
d-vfiiav, 

13. dvix^f^voi dlltilmv xal 
XagiCofievoi iavrotg 
Idv rt; TtQog tiva ixv 
/40/4<fyipf, xa&üfg xal o 
Xgiarog ixitgiaaro 
vfitv ovTtog xal vfiiZg, 

14. inl näoiv Sk rovroig 
Ttjv dyanriv, o iariv 
avvSeafiog rijg tilsio- 
rijtogy 

15. xal fj iiQTfVTi tov Xqi-~ 
arov ßgaßev^to iv jaig 
xagdtaig vfitov. 



Eph. 5. 



1. ytvea&B ovv fiifitixal 
tov d-BOV t9g jixva dya- 
nfi%d 

% xal niQinatältB Ir 
dydnr^f xad-vtg xal 6 
XgutTogriydnriaev ^fiSg 
xal naqidfoxty iavtov 
vnig vfiäv ngoaipoQov 
xal d-valav T^ ^€^ tig 
oflfiipf EvvtStag. 



Wir fanden es bereits (S. 39) auffällige dass der Inhalt von Kol. 
3^12.13 sich auf die beiden Stellen Eph. 4, 2. 32 vertheilt^ und zwar 
so, dass die %a7teLvoq)Qoavv7jy TtQavTtjg und fiaxQodvfila, sowie auch a^e- 
XOfievoi alXijltov Torweggenommen, dagegen die OTcXdyx^a oixriQfWVj 
verwandelt in ivamXayxvoiy die XQrjovovrigj dem entsprechend umge- 
setzt in x^OTolf das xaQL^6fisvo$ ktxvvoig xad-iog aal 6 Xfiatog ^a- 
QiaccTO vfiiVf wofür gesetzt wird xad-wg nai 6 d-eog iv XQumf ^CLqv- 
aa%o fjfiivy an der späteren Stelle nachgebracht werden. Nach 
Mayerhoff hätte nun der Verfasser des Kolosserbriefes hier seine 
Ausdrücke aus den beiden Stellen des Epheserbriefes zusammenge- 
lesen und bei dieser Gelegenheit zugleich nach ihrer Verwandtschaft 
geordnet^]. Genauer angesehen verhält sich die Sache aber anders. 
Auch Hof mann weist auf die merkwürdige Uebereinstimmung hin, 
womit Kol. 3, 12. 13 und Eph. 4, 2 nach der Erwähnung der iia^ 
XQoSvfiia ein lose angehängtes dvexofisvot dlXi^Xiov ersch^t^). Wie 
dies nun schon an sich so wenig zufallig sein kann, als der beider- 
orts in übereinstimmender Weise eintretende Wechsel von kavtoZg und 
dkXriiMVf so enveist sich die Priorität des Kolosserbriefes namentlich 
darin, dass im Epheserbrief, wo nafanaXä ovv vfiäg 4, 1 vorausging, 
jener Anfang sjmtaktisoh unzulässig ist^). Wenn sich nun aber 



1) S. 97. 

2) IV, 2, S. 125. 

3) Honig, S. 83. 



5. Priorität und Abhängigkeit im Koloiserbriefe. 77 

Kol. 3^ 13 mit diesem dvex6f4€POi dkktjlwv unmittelbar ein Hinweis 
auf Christi Verhalten uns gegenüber verbindet, woran Kol. 3, 14 
dann eine Ermahnung zur Liebe als Hauptsache (iftl n&aiv de zotv- 
toig) angeschlossen wird, so bietet dafür der Epheserbrief nur ein 
h dyaniß, um den hier ausfallenden Inhalt von Kol. 3, 13 dann 
4, 32 nachzubringen, »also erst an der Stelle, wo die Ermahnung 
zu einem neuen Wandel auf die zu gegenseitiger liebe schliesslich 
hinaus- und zurückkommt^)«. Eben damit erhellt dann aber auch 
ganz von selbst der Grund, wesshalb i>im Briefe an die Epheser 
die beiden Kol. 3, 13 unmittelbar verbundenen Participialsätze dvB- 
xSfiSPOi älXi^Xwv und xaQ^CfiiASvoi eotvroig so weit aus einander liegen, 
während sie doch inhaltlich einander so nahe verwandt sind a 2). 
Ausserdem darf noch darauf verwiesen werden, dass die Anrede 
Kol. 3 y 12 wg ixlexTol tov d^eav ayioi xal rffanrnASvoi Eph. 5, 1 
in ^g T&iva dyanfjtd nachklingt. Nicht mit Unrecht findet Ewald 
auch das 6 XQunög ix^Qloaro vfuv Kol. 3, 13, im Vergleich mit 
Eph. 4, 32 »schöpferisch schön «^); aber die hier bereits reprodu- 
drte Stelle wirkt, an Eph. 5, 1 = Kol. 3, 12 naturgemäss anschlies- 
send, sogar noch Eph. 5, 2 in der Form des Satzes nsQinaTeife ev 
dydmj xad-tog xai 6 Xqunog fjydTttjoev vfiäg nach. 

Man könnte nun noch weiter gehen und diese Aufforderung zur 
Liebe an sich dem Umstände zuschreiben, dass gleich nach Kol. 3, 13 
gelesen wird ini n&aiv de zovTOig Tfjv dyanrjif y o ia%iv uvvdeofAog 
f^g TeXeiOTfjTog (Kol. 3, 14). Der avvdeofiog trjg TsleioTriTog wftre 
dann im Epheserbriefe zum avvdsofiog v^g si^vtjg geworden, aber- 
mals durch einen Vorblick auf den nächsten Vers des Originals, 
welches vom Frieden spricht (Kol. 3, 15 xai ^ aiqrpnfj tov Xqiovov 
ßqaßevhw) . In der That präpariren auch die Ausleger des Epheser- 
Iniefes bis herab auf den neuesten^) die tiqrpnjy um zu erklären, 
was sie hier soU, erst künstlich und machen daraus allerlei Motive 
für Harmonie und Sympathie, welche thatsächlich auf dydnrj heraus- 
kommen. Kurz und gut sagt Hoekstra: »Liebe ist wohl ein Band, 
aber Friede der Zustand der Verbundenen s).« Aber dass der Ver- 
&88er des Epheserbriefes erst beim zweiten Wurf den correcteren 
und condseren Ausdruck trifft, ist uns nichts Neues. Hier insonder- 
heit hatte er die Liebe schon 4, 2 genannt und war von da zur Er- 
mahnung, die hv6tTfig tov nvtviionog zu halten fortgeschritten, was 



1) A. a. O. S. 171. 

2) A. a. O. S. 173. 

3) Sieben Sendschreiben, S. 196. 

4) Engelhardt: Studien und Kritiken, 1871, S. 108 fg. 

5) S. 649. Vgl. auch Honig, S. 84. 



78 



Zweites Kapitel* 



ihn auf die Vorstellimg des gemeindlicheii Friedens fuhrt. Wie 
aber Epb. 4, 2 mit h ayifniy so fiUirt der Autor ad Ephesios auch 
naoh der »weiten Reproduotion von Kol. 2, 12. IS^ d. h. nach Eph. 
4y 32 sofort weiter^ indem er Eph. 5, 1. 2 zu Liebe ermahnt. Um 
so mehr halt er diese sehen gewohnte Ideemassociation audb hier 
ein^ wid so stellt sich, indem jetst der Gedankenfoitscduritt Ton Eph. 
4, 2 zu S maassgebend wird, die Sache so, dass KoL 3, 14 richtig 
die liebe zun rnivisofiog wird. Dabei geht es indessen nicht ab 
ohne die Härte, welche in dem Neutrum S ia%$y am^dw/wg liegt ^, 
während andererseits die ursprüngliche Verbindung Ofivisafiag vijg 
slfi^g sich auflöst, und von der el^rjpij in einem besonderen Salae 
KoL 3, 15 die Rede ist, welcher zugleich Oelegenheit bietet^ andi 
der Idee des Einen Leibes und der Einen Berufung Eph. 4, 4 gereeht 
zu werden^). 

Wir schreiten nun vom Schlüsse des Abschnitten au seinem Auf- 
fange vor und vergleichen folgende Stellen: 



Eph. 2. 



2. iv Ctlg TtegiCTratT^ffaTi 
iv totg vioTg 

upect^äi/nifiiv nots «... 
xal iified-a rixva fpvoH 
o^rjg. 



Kol. 3. 
5. vexQciaars ovv ra fiiXri 
T« inl trig yrjs, tvoq- 
vetav, axtt&ci^cduv, na^ 



9ÖV d-i^d iitl tovg vMg 
t^g mn^tS'tlag, 

7. Ir otg xal vfing ntf^ 

IfflJE iv TOVTOig, 



£;ph. 5. 



3. noQveCa dk xml ^wr- 

(4, 19. %tg i^fymaCtw amm- 
^aqddocß nia9}g iv nl^- 

5. nag noQvog ^ axdd-a^ 
zog rj nleovixrrig Zg 
iativ MtaXolttTQfig. 

6. &iit taijttc yccQ'^^stai. 
^ o^Ti To V ^ov inl teift? 
vtahg TTf§ mTTH&Biag» 



Hier ist Kuvövderst ZU bemetken, dasa die von Laehmann und 
Tisch endo rf auf das Zeugniss von B hin vorschnell weggelas- 
senen Worte der zweiten Hälfte voi^ Kol. 3, 6 jedenfalls wieder her- 
gestellt werden müssen 3), da nicht blos das folgende iv olg sie ver- 

1) A. Buttmann, S. 112. 

2) Mayerhoff, S. 97. 

3) So auch nach Mayerhoff, Meyev, Schenkel, Bleek, Ewald, 
Hofmann, S. 116. 170. 



5. Priorität und Al^iaagigk^it Im KoloBserbriefe. 79 

laBgt, sondern «ie auch unter beiderlei möglicben Voraussetzungen 
schriftsteUeiischer Abhängigkeit gleich nothwendig sind. 

Entweder nämlich liegt die Priorität auf Seiten des Kolosser^ 
hriefes^). Dann ist anzunehmen, der Autor ad Ephesios habe zuerst 
Af 19 an unsere SUbeÜB sich erinnert, dann aber 5, 3. 5 sie in dop*- 
pelter Form, also im Granaen' dr^aoh reproducirt Aber ehe er 
so an die förmliche Bearbeitung unserer Stelle gekommen, müsste er 
schon Eph. 2, 2. 3 sich von einer Beminiscenz sowohl an die viot 
^g anBi^lag, iv elg xai (Eph. ^fieig ävsavQd^fuv, Kol. vfisig ne^ 
^um^vijtMtte), als auch an die OQyf} ^^ ^bov haben leiten lassen. 
H^Bbig,. weicker diese Ansicht vertritt 3), findet, es sei überhaupt 
dne sdiwerfallige Ausdrucksweise, den vorchristlichen Zustand der 
^fjuiig als ein dvaaTQiq>9€v sv vois vloig vrjg an:ei3eiag zu bezeich- 
nen; der Verfasser habe eigentlich ein avttaTQicpsiP h mlg ^ra^a- 
itifip4X(Hv gemeint^ wie auch frühere Exegeten (Grotius, Estius, 
Baumgarten, Koppe, Kosenmüller) auslegten. Sei diese 
Erklärung an dieser Stelle auch grammatisch falsch, so sei sie dafür 
Kol. ä, 7 richtig, dieses daher als die Grundstelle zu betrachten^). 

Aber letztere Behauptung hat zur Voraussetzung, dass K(d. 3, 6 
dl & steht, und dass Kol. 3,7 iv olg dieselbe Beziehung hat wie 
dt &, Nun ist aber Kol. 3, 6 mit Meyer 'und Schenkel di o 
zu lesen, und es mai^^lt sogair nicht an Auslegern, welche ^ wie 
De Wette und Bleck zwar dt a lesen, desshalb aber diesem Re- 
lativ doch keineswegs das folgende iv olg coordiniren. Dazu kom- 
men zwingende Gründe von rein logischer Natur. TVie die An- 
nahme äusserst prekär erscheint, der Verfasser des Epheserbriefes 
habe den Inhalt der drei Verse Kol. 3, 5 — 7 auf nicht weniger als 
sechs Verse, die in drei Kapiteln aus einander liegen, vertheilt, so 
gestattet auch der verhältnissmässig selbständige Gang der Erörte- 
rung Eph. 2, 2. 3 neben den schon nachgewiesenen Beminiscenzen 
aus Kol. 1, 13. 21 auf keinen Fall noch weitere bestimmende Neben- 
rücksichten auf etwa hier einzumauernde Ausdrücke. Wer wird 
glauben, der Gedanke xal ijfiS'd'a zixva qyvaat i^yrjg verdanke seine 
Existenz nur dem Bestreben, auch irgend etwas von der o^yri %ov 
9bov Kol. 3, 6 zu sagen? Dagegen baben wir hier ein classisches 
Beispiel dafür, wie der Autor ad Ephesios seine eigenen, breiteren 
Ausführungen im Kolosserbrief concentrirter rqproducirt. JN'achdem 
er Kol. 2, 19 bei der Stelle Eph.. i, 16 angelangt gewesen, Uest er 
sich nun in den paränetischen Theit Eph. 4, 17%. hinein und 



1) Ewald, S. 178. 

2) S. 76. - 3) S. 80. 



80 



Zweites Kapitel. 



greift richtig als die beherrscbenden Hauptworte aus 4, 19 die oxa- 
&aqala und fckeova^ia heraus. Es ist nämlich seine Absicht^ zuerst 
Unzuchtsünden zusammenzustellen, mit diesen die Habsucht zu ver- 
binden^ eine Gruppe von Wortsünden aber erst 3, S. 9 folgen zu 
lassen^). Desshalb verbindet er, um nicht wieder darauf zurück- 
kommen zu müssen, sofort die Stellen gleichen Inhalts Eph. 5, 3. 5. 
Dass dem so ist, erhellt schliesslich aus der identischen Folge der 
Wörter, welche sich keineswegs als eine logische hätte von selbst, 
gleich bilden müssen; es folgt nämlich auf nogveia erst der all- 
gemeinere Begriff dxad'OQaiay und dann wieder der engere ^Xeo- 
ve^la^), Dass zwischen Eph. 5, 3 und 5 gerade die ctlaxQ^vrigf fiioqü- 
Xoyla und eirgaTrslia aus Eph. 5^ 4 wegbleiben und mit nA9oQ und 
irndviAia xcaci^ ersetzt werden , ist ein Beweis mehr tut die ange- 
gebene Disposition, welcher zufolge Unzuchtsünden von Wortsünden 
getrennt werden sollen. Dagegen schliesst. sich Kol. 3, 6 an ^e 
Beproduction von Eph. 5, 5 ganz richtig die von Eph. 5, 6 an, nur 
mit Uebergehung des in dieser Stelle enthaltenen Zwischensatzes s), 
tmd eine Erinnerung an die Verbindung, in welcher die vloi t^ 
aTtBid-elag Eph. 2, 2. 3 auftreten, veranlasst schliesslich die Weiter- 
führung iUvKol. 3, 7, wo die Construction an Eph. 2, 3, die Wahl 
der Ausdrücke an Eph. 2, 2 sich anlehnt^). 

Es erübrigt noch eine gesonderte Betrachtung der Stelle von 
den Zungensünden. 

Eph. 5. 





Eph. 4. 


Kol. 3. 


22. 


ano&ia&ttt, vfiag 


8. vwi ä^ dno&eaf^s xal 


25. 


Sio anoS-ififvoi 


vfjLilg 


31. 


nSaa niXQltt 


td nctvta, 


26. 


Tttvsre 


OQyriv ihvfiov 


31. 


xaX S-vfiog xnl ogyri 
xa\ xgavyif xal ßla- 






aiffnifjLttt ocQ^Tti d(p 


Xttxlttv ßXaüfpTifiCav 




Vfjiiuv avvnday xcatCq. 




29. 


nSx Xoyog aangbg ix 


ala^Qohiylav ix tov 




Tov aiofAutog Vfl&V 


OTofiaxog vfjLÖiVf 




fAfj Ixno^ivia&to. 




25. 


dno&ifievoi xo \jf€vSog 


9. fitj \ff€vd€a&€ (tg «A- 




lat^lxi aXri^Biav ixa- 


Xi^lovg (dn^xSvadfiEvoi 




cfTog fitta TOV nkfiaCw 


TOV TtaXaiop av^-qw- 




avtoVf Ott, ifffikv älXri- 


nov). 




Xiov fi^lfj. 





4. xal aioxQOTiig xal fioh 
^Xoyta fj ivTQaneXüi 



1) Mayerhoff, S. 92. 
3) Mayerhoff, S. 93. 



2) Mayerhoff, S. 92. 
4) Mayerhoff, S. 94. 



5. Priorität und Abhängigkeit im Kolosserbriefe. gl 

Dass hier der Kolosserbrief nicht ursprünglich ist^ erhellt eigent- 
lich schon aus dem Eindruck eines verspäteten Nachtrages^ welchen 
jetzt die Stelle Kol. 4, 6 macht, deren Gedanke eigentlich zwischen 
Kol. 3, 8 und 9 am Platze gewesen wäre. Im umgekehrten Falle, 
falls nämlich der Verfasser des Epheserbriefes hier blose Nacharbeit 
liefern würde, müsste man ihm folgendes Verfahren beimessen. Ihm 
wäre aus den ersten Worten unserer Stelle und aus der unmittel- 
baren Fortsetzung, die sie findet, also aus inod'ead'B und aneadv- 
aifievoi %bv Ttakaiov Sp^qwttov die Hauptvorstellung 4, 22 ano^i- 
ad-ai vfiäg rdv TtaXaibv av^qwTtov erwachsen. Weiter müsste an- 
genommen werden, dass er, um dem Original auch in seinen ander- 
weitigen Bestandtheilen gerecht zu werden, nach der durch Kol. 

3, 10 veranlassten Ausfuhrung Eph. 4, 22 — 24 in dem neuen Absatz 

4, 25 wieder zu unserer Kolosserstelle sich zurückwendet, die er nun 
aber zuerst von hinten (Eph. 4, 25} , dann von vomen (Eph. 4, 26) 
bearbeitet, um nach einer abermaligen Digression (Eph. 4, 27. 28) 
nochmals auf sie, und zwar jetzt auf ihre Mitte zurückzukommen (Eph. 

4, 29). Aber nicht zufrieden damit griffe er Eph. 4, 31 noch ein- 
mal auf die bereits 4, 26 behandelte iqyri zurück, indem er zugleich 
fcr Ttavta specialisirt in naaa ninqla und Ttaaa xcmla, um endlich 

5, 4 auch die 4, 29 schon paraphrasirten Worte ßlaagnjfila xai 
ciaxQoloyta abermals zu paraphrasiren. So und nicht anders wäre 
die »weitere Ausfuhrung von Kol. 3, 8«, welche Bleek hier sta- 
tuirt^), im Einzelnen vorstellig zu machen. 

Dagegen bildet unter unseren Voraussetzungen die Stelle Eph. 
4, 17 — 24 die Einleitung zu der weit ausgedehnten und reichhaltigen 
Ermahnung Eph. 4, 25 — 5, 20, und sie kann als solche nicht passen- 
der schliessen als 4, 22 — 24 mit der Angabe des Themas, welches nicht 
blos in jeder einzelnen der nun folgenden Ermahnungen specialisirt 
wird, sondern diesen auch seinen formalen Typus, den Parallelismus 
einer negativen und positiven Kehrseite, mittheilt. Andererseits sehen 
wir im Briefe an die Kolosser, wo der negative Theil der Ermah- 
nungen schon vorausgeschickt war (3^ 5 — 9), die Thatsache, dass die 
Leser den neuen Menschen angezogen haben, erst hinterher ver- 
wendet^) und durch dieses Verfahren den Zusammenhang der Para- 
nese selbst unterbrochen 3) . Hier also begegnen wir einem bewuss- 
ten Schalten mit vorliegendem Material. Der Verfasser, welcher 
schon Kol. 3, 5 begonnen hat, den Abschnitt Eph. 4, 17 — 24 zu re- 



1) S. 275. 

2) Hofmann, S. 119. 173. 

3) Hofmann, S. 118. 

Uoltzman|n , £ritik der Epheser- n. Kolosserbriefe. 6 



Sa Zweites K«pitel. 

produciren, ist hier zu dieser Aufgabe anirückgekehrt und hat sie 
vollendet^ wobei abermals mehrere Stellen des Originals eine Ver- 
schmelzung in verkürzter Form gefunden haben ^) . So bleiben z: B. 
um des 3, 7 vorangegangenen no%i willen die dem Sinne nach gleichen 
Worte des Epheeerbriefss xctwä vrp^ TCfinigav avaatQogr^ weg. Wie 
der Verfiisser aber bei solchen Umschreibungen gern Ausdrücke ver- 
tauschty so wird aus dem xat^oß avS-otoTtog, welchem ein opavsavc^i 
beigelegt war, ein viog av^qmnog^ von wekhem ausgesagt wird, 
dass er dvotKaivovfai — ein Beweis^ dass det Scharfsinn der Syno- 
nymik^ welche diese Stelle benutzt, um den feinen Unterschied von 
viog und naivdg zu erklären, hier des rechten Gegenstandes entbehrt. 

Wir haben S. 80 gesehen, dass die Aufzählung der einzelnen Lar 
ster, die nunmehr Kol. 3, 5 unter der Kat^orie fiiltj erscheinen, eine 
Zusammen&ssung von £ph. 4, 19'. 5, 3. 5 mit Zugabe von ndd'og'xmd 
iftLdviAla xa%ri darstellt, und dass der Fortgang Kol. 3, 6. 7 abhängig 
von Eph. 5, 6. 2, 2. 3 ist. Dasselbe Yerhältnisa zum Original gibt 
sich Kol. 3, 8 schon durch nai vfiüg kund« Bleek erklärt dies 
richtig mit »auch ihr Christen zu Kolossä«. Dann abetr setzt der Ver- 
fasser um so gewisser die bereits an ein anderes Publicum ergangene 
ähnliche Ansprache Eph. 4, 22. 25. 31 voraus (vgl. S. 25), wie et denn 
überhaupt eifi£Etch weiter liest im vierten Kapitel seines Originals. 
Auch hier concentrirt er blos seine zuvor etwas breiter auseinander 
geflossenen Gedanken. Er erinnert in dem an die Stelle von Tcäaa 
nmqla tretenden, aber schleppenden tä 7tav%a sich selbst an seine 
Au%abe zusammenzufassen« Ganz in8on4erheit erhellt die Poste- 
riorität des Kolosserbriefes durch die an sich unzulässige Verbindung 
des hi tqS (nofiixvog v/icJy, was nach May erhofft] imd nicht min^ 
der auch nach Hofmann^) aus Eph. 4, 29 nachklingt, mit dem 
ganz anders gedachten, aus Eph. 4, 22. 25 stammenden ano^eod^. 
»Ablegen wie Kleider« und »Hervorgehen aus dem Munde« sind 
zulässige Bilder; aber »Ablegen aus dem Munde« ist secundäre Miss- 
bUdung. . 

Fassen wir nunmehr die Resultate 'unserer Erörterungen... w- 
sammen, so ergibt sich folgender einfacher Sachverhalt. Der Autor 
ad Bphesios hat vorgefunden die Stelle Kol. 3, 12. 13, d. h. lauter 
positive Ermahnungen, welche er bei seiner Erweiterung des Schrifib- 
Stückes ganz stehen lässt, wie sie sind,, jedenfalls in ihrem positiven 
Charakter nirgends alterirt Wohl aber pflanzt er ihnen alß negative 



1) Mayerhoff, S. 95. 

2) 8. 95. 

3) IV, 2, 8. 170. 



6. Das doppelte BchrifteteUeriBeh* V^rhältniss beider Briefe. gg 

Kehrseite lauter Beminiscenzen aus verschiedenen 'Tlieilen des 
Epheserbriefes vor (3, 5-Ü); Uia niit B«^yöaücti<ftl von Eph. 
4, 22-24 = Kol. 3, 9-il, d. h, nut der ßnwähnung, den alten 
Menschen aus- und den neuen anzuziehen^ den yjEiaa^<)^pu "^^ber- 
gang zur positiven Seite jbjersßujBteUep«. i Er ondmet ßovfiiti d^i^ im 
Original zerstreuten Stoff nyach bestimmten logisohen Gesichtsjpunk- 
ten ^) ; es folgt also auch hier wieder die Disposition der Stoff- 
erzeugung erst nach^ was ebenso in der Ordnühg befhnded ^t^den 
muss, als die umgekehrte Annahme undenkbar^ däss nainBcU ein 
Verfasser^ welcher eine so sichtbare und symmetrische Ordnung be- 
reits vorgefunden oder gar selbst' erstmals hergestellt hab^n ,iyjirde^ 
dieselbe nachgebends au^elost ^nd fast muthwilUg zerstört habe^ 
sollte *^ ein Kanon, mit welchem selbst May erhoff > wiewohl er 
ihn falsch anwendet, übereinstimntt ') . 

6u Das doppelte sckriftstoüerlsc^e Yerhältnlss beider Briefe. 

» Eine Wechselwirkung ist unverkennbar. « Diesem ürtheil C r e d - 
n er 's 3) über unseren Fall kompxt ^ach dem Bisherigen eine Trag- 
weite zu, welche sein Urheb^ selbst • Dicht mit Bewusstsein verfolgt 
bat. Eben darin liegt der Ghrund, wesshalb ein den combinirenden 
Yeftstand so unwiderstehlich heratusfotdemdes Räthsel, wie das hier 
voriiegendte, bisher verhaltnissmässig nur wenig bearbeitet worden 
ist. Man fiihltQ instinctiv, dass hier der gewöhnliche Schlüssel, wie 
er z. B. das yerhältniss des Judasbriefes zum zweiten Petrusbriefe 
mit völliger Sicherheit erschliesst, versagen müsse, und behalf sich, 
unter dem steten Eindruck, einem ungelösten Problem gegenüber 
zu stehen, vorläufig mit irgend einem theologischen Passe-par-tout. 
Aber auf Schiitt und Tritt liegt in unsei^en Briefen die Sache so, 
dass nur die Annahme wechselseitiger Abhängigkeit wirklichen Attf- 
schluss verspricht. Wit lassen noch zwei Beispide, dnes aus dem 
Eingang, ein anderes aus dem S^ciMusse der* Briefe folgen, . welche 
dieeen Satz erhärten sollen. 



Eph. 1. 
t6. 9ia Tovto 9cayw ^xov- 

(Fortgang nach Kol. 1,4) ^ 



Eri^tes Beispiel. 

Kol. 1. 



\.: 



'Eph. 4: 



1) Mayerhoff, S. 105. 

2) S. 96. 

3) Einleitung in das N. T. 1836, S. 412. 



S4 



Zweites Kapitel. 



Eph. 1. 

16. ov navopLai iv^agi- 
artSv vnlff vfiw {fivtl- 
av vfjiwv notovfiivoginl 
rtSv nqotftvx^ 1*^^)* 

17. Iva o &thg (rov xvgCov 
flfjiw *Hiaov XQurtov 
6 nariiQ Hjg cfo|^) 
dq^ vfiZv TtviVfia ao- 
ifdag xa\ anoxalv^ffieag 
iv intyvuan avtov, 

q>go¥if9€i, 

11. »arit rrfv ßovXtfy rov 
^iXfffMiTog avtov, 
Eph. 2. 
10. inl ^oyoig aya&oTg. 



Kol. 1. 
ov 7iav6fi€&a vnkQ 
iffith ngoaev/ofiivoi 
xaX aiTOVfi€Poif 

tvanlfiQmS'fjte vifvini- 
ypma^v rov ^ili^arog 
avtov 



iv näarf aotpCtf xal 
awiast TtvsvfAarixyt 

10. ntginarijüai vfiiag a^i- 
tag Tov xvgiöv €lg na- 
aap igiamuep, 

iv navtX iqytf ayad-f 
*aQno(poQovyt€g *äi 
av^ap6f/iivo$ eig r^ 
infyvctaw tov d-ioS, 

11. ip ndati Swdfiei Ji/- 
vafiovfi&foi xatä to 
ngdtog ttjgSo^g avtov 
eig naawp uxofjiopffp 
xal fAOXQO&vfLlav fi€ta 



Eph. 4. 



f . d^tfog ngQtnatfjaai. rijg 
xliftnmg ^g ixlii^i^te 



2. fÄtra ndofig tnneiyo' 
(pQoavvfjg xal ngavtfi' 
Tog fitta fMtXQO&v/AÜtg, 

1, 19. fiiya&og ttjg Svpd- 
fjLBOig aißtov iig 'kfiag 
tovg TttütBvoptag xata 
tfiv ivigyiiav tov xqo' 
tovg trjg loj^og avtov. 

3, 16. xata to nlovtog tijg 
So^g avtov Svvdfiii 
XQatatat&TJvai dia rov 
nvsvfjiatog adtov ilg 

tov I9*) dp&Q0}7lOP, 



i > 



Ewald erkennt einf^h auf Abhängigkeit der Epheserstelle von 
Kol. I9 9 1). In der That liegt die Sache so, dass derjenige Inhalt von 
Kol. I9 9 — 11 9 welcher Eph. \, 15 — 17 keine Aufnahme gefunden 
hat (vgl. 8* 56 fg.)^ an einer späteren Stelle, nämlich Eph. 4, 1. 2, 
wiederkehrt — eine Thatsache, welche indessen mit der FrieiJheit, 
mit welcher der Epheserbrief seine eigenen Gedankengänge verfolgt, 
durchaus vereinbar ist (vgl. III, 2], während selbst Mayerhoff 
die umgekehrte Annahme undenkbar findet, als habe der Verfasser 
des Kolosserbriefes bei der Ueberarbeitung von Eph. 1, 15—17 bis 
auf Eph. 4, 1. 2 vorgegriffen 2) . Andererseits aber ist in Kol. 1,9 
erstens iv ndcf] aoq^Uf xal avvioet Ttvsvf^avixy um so mehr von 



1) S. 175. 

2) S. 78. 



6. Das doppelte schriftstellerisohe VerhältiUBs beider Briefe. g5 

Eph. 1^ 8 abhängig, als der Zusatz Jtvevf^attny bereits auf die 
fleischliche Philosophie der Irrlehrer hinweist. Zweitens pralndirt 
diesem Thema des interpolirten Kolosserbriefes näher besehen der 
ganze mit tva TtlrjQwSijte beginnende Satz, zumal da das avzov in 
demselben nur erklärlich wäre, wenn zuvor Gott genannt wäre*). 
Somit ist Tiyv ejtiyvioatv lov &Bhqfiatog avrov Nachklang von Eph. 
1, 11 %ov d-aXtiiAaTog avzov und Eph. 1, 17 & iTriyvwaei avrov, 
Interpolation anzunehmen ist man aber um so mehr, genöthigt, als 
auch syntaktisch das Ausfallen jenes Zwischensatzes geradezu ge- 
fordert wird durch den 1,10 mit TreQiTtatfjaai beginnenden Infinitiv- 
satz, dessen Subjectsaccusativ vfiag übrigens trotz der nachfolgenden 
nominativischen Participien echt sein dürfte ^j. Es ist nämlich ebenso 
gezwungen, ja unmöglich, in diesem Infinitiv, zumal wenn det Ac^ 
cusativ gelesen wird, sei es mit Steiger und Baumgarten-^ 
Crusius die Angabe der Folge, sei es mit Meyer, Ellicott und 
Schenkel die des Zweckes der erbetenen Erfüllung mit Erkenntnise, 
sei es mit Bleek ganz nur' im Allgemeinen eine Epexegese des Vor- 
hergehenden zu finden, oder endlich ihn mit Hof mann an tov 
^BXrjficnog avrov als Inhaltsangabe dieses Begriffes anzuschliessen. 
Letzteres namentlich würde zur Folge haben, dass die inmitten 
stehenden Worte iv ndot] aotpUf %al awiaet TtvevfiariTt^ zum Fol- 
genden bezogen werden müssten, während die Parallele Eph. 1, 8, 
der sie entstammen, deutlich zeigt, dass sie anders gemeint sind. 
Es bleibt somit nur übrig, den Infinitivsatz als Object der Bitte un- 
mittelbar an TtQoaBvx^fievoi anzuschliessen, was, wie sich später 
(in, 4, 1) zeigen wird, auch die paulinischen Analogien durchaus 
für sich hat. Dierselbe Interpolator, Wielcherdeh störenden Zwischen- 
satz eingeschoben tmd, seiner Vorlie.be für Zusammenstellung von 
Synonymen folgend, mit xai ahovfi€vo$ eingeleitet hat, fährt dann 
nach Reproduction des eigentlichen Objectssatlses mit weiteren Ein- 
schiebungen fort, deren Nominative xaQ7iog>OQOvvt€g xat av^av6f4epoi, 
8wa(jiov^€voi zeigen, dass er nur sein Satzgefüge [tva nkfjQtod^e) 
im Siüne hat und darüber dasjenige des Originals, welches den 
Accusativ verlangt, ganz übersieht. Erklärlicher wird dies freilich, 
wenn der Accusativ, wie in den Uncialhandschriften, gar nicht aus- 
drücklich gesetzt war. Dass vdr es endlich hier wirklich mit dem' 
Autor ad Ephesios zu thun haben, ersieht man aus der sachlichen 
Beziehung von 1, 11 zu Eph. 1, 19. 3, 16. Auch Mayerhoff 
fasst besonders die in diesen Stellen vorfindlichen Ausdrücke nqarog 



1) Mayerhoff, S. 78. 

2) Vgl. Hofmann, S. 7. 



86 Zweites JBLafiteL 

und Mfaraiavo^ai in's Auge^ wiewohl er so wenig ak wir föim- 
Ische Abhängigkeit statuiren will^). 



Kol. 4. 

3. TfQoaevxofiivoi Sfia xal negl ii^ijßv 
tra o ^tog dvol^y rjfiTv d-vqav rov 
)iayov Xaiijaai t6 fAvOtr^Qiov ra0 

4. tv& (fmviQtioat h^rh, t^g Stt fi€ la* 



Zweites Beispiel. 

Eph. 6. 

19. xtcl vnkQ ip.ov tva fioi So9-^ loyog 
iv ttvoC^H rov UTQiLiaTig fAov iv naQ- 
QTiaüf yrtagiaat th fivdttJQiov rov 
tvnyyklUVf 

20. Ifnig öv n^füßBvt» §¥ aJÜ/uei, IW« 
iv wivrifi ürt^QfifHaoutfAmi., ^g dit fU 

Schon Mayerhoff hat auf die aufiallige üebereinstimmung in 
Inhalt und Form dieser Sätae hingewiesen 2)^ und Hof mann fuhrt 
aus^ wie das wg del fis lal^aai des einen Briefes an die gleichen 
Worte des andern, und td lAwnrjqiOv zov Xqic%ov an %d f4va%i^QU>v 
%ov tvcty/eXiov erinnert, und »auch das muss auffallen, dass es das 
eine Mal heisst iVdr fio^ io^ lofog h avot^ei %ov a%6fia%6g fiov , das 
andere Mal &a i d^Mog arolij] ^t^ d^qav %ov loyav^ indem es, 
wo so viel Gleichlaut stattfindet, nicht zufällig sein kann, sondern 
sich aus unwillkürlicher Erinnerung an das früher Geschriebene er- 
klärt, dass der Apostel, so verschiedea auch die Wendung ist^ der^i 
er sich hier und dort bedient, doch denselben Ausdruck gebraucht «3). 
Zu dieser Verschiedenheit der Wendungen wird der genannte Ge- 
lehrte wahrscheinlich auch dies rechnen, dass, wenigstens nach seiner 
Erklärung, das tva h^ avtfgi f^affUfiaiWiafiafi des Epbeserbriefes einen 
mit ShY; /eto^ <fo^ coordinirten Sata bildet^), während tva fpavBqdHSm 
av%6 im K^olobserbrief von didefiav abhängig sein soll^). Wäre dies 
wirklich der Fally so läge aber auch hier wieder nur ein Beweis 
vor, dass der Ver&sder des Epheserhriefes sein Vorbild unrichtig re- 
producirt hi^t^ Hofmiann versichert freilich zugleich, dass der Ver- 
fasser des Kolosserbriefes »in üebereinstimmung mit Eph. 6, 20 eben 
dies als den Zveck bezeichnet, zu welchem er in dieser H^aich 
befindet, dass er, der unter Verschluss Gehaltene, das Geheimnisse 
welches unbekannt ' bleibt , wo es nicht gepredigt wird, in der ihm 
zukommenden Weiee an den Tag gebe^].« Hiemach sollte man 
denken, dieser Sirklärer wandle genau in den Fusstapfen Bengel's, 



• 1) S. 78 %. 

^ 2) S. 104. 

' 3f) iv, \ S. 171 

4) IV, 1, S. 263. 265. 

5) IV, 2, S. 141. 

6) IV, 2, S. 142. 



7. Paülinisohe Parallelen su beiden Briefen. g7 

welcher^ wie tVor ipeLVBQ^am Ton di 8 vtai did^fJUXLy so auch Iva naq- 
Qtiaiiotafiai Ton ifcig ov n^eaßevw hf aXvtnv ablÄDgig detakt; womit 
daim völlige Gleichheit des ausgedrückten Gedankens erreicht wäre. 
Aber gerade zu Eph. 6, 20 lesen wir, dass Bengel 's Verbindung 
»keinen Sinn gäbe«^), so dass wir über diesen Punkt in der That 
vollkommen rathlos bleiben. Die Schwierigkeit hat aber ihren Ur- 
sprung ganz und allein in dem Umstände, dass die Worte di 8 xot 
dedef^at tva qxxvegdaw avto im Kolosserbriefe erst aus dem Epheser- 
briefe übertragen sind. Streichen wir sie, so schlägt das eine hx- 
k^aai unmittelbar auf das andere zurück. Der Einsehub aber ver- 
rääi sich nach Hitzig' s scharfsinniger Bemerkung^ sowohl durch 
den plötzlichen Uebergang vom Plural 4, B ^2v und '^fiwv zum 
Singular diSefiai und (pon^a^omy als auch durch die unnötldge und 
matte Wiederholung des ersten XaXvjaai in tva q>aveQ€i(na aSrOy wor- 
auf man dann wg del fi$ q)aveQ4iSaaiy nicht XaXijaai, erwarten sollte. 
Was endlich die »Thür des Wortes« betrifft, so ist hier das Miss- 
verständnise des Autor ad Ephesios über allen Zweifel erhaben. 
Denn dieselbe kann nach 1 Kor. H, 9. 2 Kor. 2, 12 nur die un- 
gehemmte Verkündigung des Evangeliums bedeuten, wählend der 
Epheserbrief sie vom Munde versteht. Schon Hoekstra^) und 
Hitzig^) haben dies notirt, und wir haben nur hinzuzufügen, dass 
unserem Sßhxiftsteller dabei vielleicht als Anslegungskanen 2 Kor. 
6^ 1 1 {t6 avofia fjfiwv dvitpyei^ diente, womit auch der Ban^basbrief 
zu vergleichen (Kap. 16: dvoiywv ^fuv %fjv dvqav joi) vaov o iatw 
cFTO/ua) . Sonach bedient sich hier der Epheserbrief einer feierlichen, 
poetischen, aber auch gesuc]|ten AusdruoksweiKe , welche in einer 
schief reflectirten Steile des Kolosserbriefes ihr einziges^ Wenn gleich 
nur zufälliges^ Motiv findet^]. 



7. Faulinische Parallelen zn tieiden Brlefeiu 

Eine gesonderte Betrachtung verdienen eigentlich alle die Fälle, 
wo nicht blos unsere beiden Briefe das Material für das synoptische 
Yerfehren bilden, sondern ihnen noch ein Paulusbrief ^ufi 4er Zahl 
der unzweifelhaft echten zur Seite tritt, so dass die Lösung der 
Frage nach dem statthabenden Abhängigkeitsverhältniss sofort auch 



1) IV, 1, S. 263. 

2) Monatsschrift, S. 65. Kritik der paulinischen Brieife, 8. 23. 

3) S. 649 fg. ' 

4) Kritik der pauliniBchea Briefe, 8. 82. 

5) Honig, S. 86 fg. 



S8 Zweites Kapitel. 

zur Entscheidung darüber führte ob und in wie weit unseren Briefen 
ein nur indirect paulinischer Ursprung zukommt. Indessen wird aus 
den Nachweisungen in III ^ 2 und 3 hervorgehen^ dass derartige 
Fälle sich eigentlich auf alle Partien beider Briefe vertheilen. Wir 
beschränken uns daher hier auf wenige Beispiele, die als Muster 
dienen können. 



Erstes Beispiel. 

Schon oben (S. 80) haben wir die Abhängigkeit der Stelle 
Kol. 3, 5 von Eph. 5, 5 nachgewiesen. Aber die merkwürdige Ver- 
bindung der Begriffe nlBOvixrrjg oder nkaove^ia mit eidwloXdTQrjg 
oder eldwlolatQeia y wie sie beidemal im Gefolge der noQveia statt 
hat, erinnert theilweise an 1 Kor. 6, 9. 10, theilweise an l Kor. 
5, 10. 11. Dass dem Autor ad Ephesios da, wo er den Kolosser- 
brief interpolirt, die erste dieser beiden Stellen vorschwebte, er- 
hellt auch aus dem Fortgänge Kol. 3 , 1 iv olg aal vfielg tücqu- 
Ttat^aare Ttote ore i^ij'fe iv TOv%otgy was an 1 Kor. 6, 1 1 xat tavta 
tiveg rjT€ erinnert^). Aber noch viel näher hält er sich an die 
andere Stelle, wie das hervorgeht aus der eigenthümlichen Form 
seines Gebotes Eph. 5, 3 noQvua %ai änad'a^ia naoa rj iileove^la 
lAfjdi ivoiiaCjkad-w iv vfuvj worin eben das idv %tg ddelg^og ovofia- 
tpfuvog y TtÖQvog tj TtleovhtTtjg ij eiSwlolaTQtjg 1 Kor. 5, 11 nach- 
klingt. Ist dem. aber so, so kann nicht Kol. 3, 5, wo die nkeove^la 
gleich mit sidwlolaTQela gesetzt wird, sondern es muss Eph. 5^, 5, 
wonach der nleovdxTijg gleich ist dem eldwlolaTQrig, diejenige Stelle 
sein, welche zunächst abhängig ist, während in Kol. 3, 5 der erste 
Korintherbrief nur indirect, direct aber der Epheserbrief einwirkt 2). 
Liegt die Sache aber Kol. 3, 5 wie dargethan, so ist bezüglich der 
Verwandtschaft, in welcher der unmittelbar folgende Vers ^um Rö- 
merbrief steht, zum voraus wahrscheinlich, dass auch hier das Ver~ 
hältniss das gleiche ist, d. h. Kol. 3, 6 ist nicht nach Anleitung 
von Rom. 1, 18 5) oder in directer Abhängigkeit davon*) geschrie- 
ben , sondern die zunächst abhängige Stelle ist auch hier in der 
Parallele Eph. 5, 6 zu erkennen, deren Einwirkung auf den Kolosser- 
brief wir ja schon oben (S. 79 fg.) kennen gelernt haben. Einen dem 
angeführten ganz ähnlichen Fall werden wir sofort kennen lernen. 



1) B. Bauer, S. 1U5. 

2) Gegen Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 197. 

3) Gegen Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 489. 

4) Gegen Hoekstra, S. 647. 



7. Paulinische Parallelen zu beiden Briefen. 



89 



1 Thess. 
2, 3. oifSk i^ axaf^agüiag 
ovSh Iv SoXtp 

2y 5. ovT€ iv loytfi xola- 
xsiag ovts iv ngo(faa€i 

4, 6. ro fATJ tfn€Qßaiviiv xal 

7lliOV€HT€lV 

4, 7. ov yaQ ixaleüfv rifiäg 
6 t^eof inl axa^HtQü^if, 



Zweites Beispiel. 

Eph. 
4, 19. (ig iQyaaiav axad-ag- 
atag ndcffig iv nXio- 

b, 3. noQveCtt xal axttS^aQüia 
naOtt ^ nleovt^Ca 

b, 5. Tiäg TiOQVog ^ axtx- 
{^agjoQ ^ nX^ffvixxrig. 



Kol. 
3, 5. noQvdav y axuS-a^- 
alav , ntt%h)g , ini^v- 
filav xaxiiv xcel r^v 
nleovt^lav tjttg iat\v 
eidtoloXargeitt, 



Die angeführten Stellen lassen die Verbindung der äytad^aQola 
mit der Ttleovs^ia als eine charakteristische Eigenthümlichkeit un- 
serer Briefe erscheinen. Dazu tritt in der Regel noqveia. Nun ist 
zwar die Verbindung der letzteren mit der duad^aqaia an sich na- 
türlich; sie kommt auch bei Paulus vor (2 Kor. 12, 21), so dass oxa- 
d'OQüia das Genus bildet, dessen vornehmste Species TtOQvela heisst 
(Rom. 1, 24. 6, 19). Hierher gehören alle die awfiava , die fiiltj 
betreffenden Sünden. Aber was hat damit die Ttleove^ia zu thun? 
Wie passt sie zu dem eavtovg uaQidwxav (Eph. 4, 19) und zu ve- 
üfwaaTS T« fiiXrj (Kol. 3,5)? Ebenso eigenthümlich ist der Ge- 
brauch von dxd'd'aQTog, welches bei Paulus adjectivisch steht (vgl. 
1 Kor. 7, 14 TO TSTtva vfjiwv dudd-aQ'rd iativ , dagegen 2 Kor. '6, 17 
im Citat aus Jes. 52^ 11 ro andd^agtov substantivisch)^ ebenso meist 
auch bei den Synoptikern und in der Apokalypse (Ausnahmen Apg. 
10, 14. 11, 8. Apoc. 17,' 4). Jedenfalls kommt 6 dyidd^aqtog sub- 
stantivisch im N. T. nur Eph. 5, 5 vor. 

Es fragt sich nun, woher der Autor ad Ephesios diese seine 
Zusammenschau von d^ad'Ctqaia und Tcleovß^iay von diddd'aqTog und 
nlsoviwsrig gewonnen hat ^) , und darauf gibt es keine andere Ant- 
wort, als den Hinweis auf die citirten Stellen des ersten Thessa- 
lonicherbriefes , welche den Schein erwecken, als sei die nXeove^ia 
der diux9aqala verwandt oder gar untergeordnet. Die direct ab- 
hängigen Stellen sind dann aber im Epheserbriefe su suchen, wo 
die Verbindung beider Begriffe eine unmittelbare, ist, während im 
Kolosserbriefe aus Gründen, weiche an sich schon auf secundäres 
Verhältniss hinweisen (S. SO), ndd'og aal imdvfila xaxi^ dazwischen 
treten. 



1) Dass beide Begriffe ausschliesslich zusammengehören vgl. Win er, 9. 158. 



90 



Zweites Kapitel. * 



2 Kor. 7. 



4. vne^eQiaoevofiai 
ry X^Q^ ^^^ ndarji 

9. vvv /o^^oi. 



Drittes Beispiel. 
Eph. 3. 



1 . Tovzov X^Q*'^ fy^ Ilav- 
log o 6iafiuig rov Xqi- 
axov ^Itjaov vn^Q itficiv 

13. fjifj iyxaxitv iv ralg 
&U\piatv fiov vnkQ 

Vflßv. 

7. ov iy€vy&rjv äiaxovog. 



23. 



24. 



25. 



Kol. 1. 
ov iyevofirip iya» Ilav- 
hog dtdxovog, 

vvv x^^Q^ ^^ To?f na- 
drj/jiaaiv tmlg vfitSv xal 
avtavctnXrigiiS ra vaj€- 
gi^fiara twv ^Xitpiatv 
rov Xgtffrov iv r^ 
ctc^ fiDOv tmäiQ rov 
awfiarog avrov, • iariv 
ri ixMltiQÜx, 

rig fytvofitfv iydf dut- 
xovog. 



Auch Hof mann erklärt , dass der Stelle Kol. 1^ 24 am näch- 
sten Eph. 3, 1 verwandt sei*). Hier wie dort wird ja ge^seigt^ wie 
des Schriftstellers Freude sei, was er um derer willen leidet, an 
welche er schreibt. Wie sich dieser Scliriftsteller aber Kol. 1, 23 = 
Eph. 3, 1 iyio Ilavlog nennt, so Kol. 1, 23. 25 = Eph. 3, 7 dia- 
xovog, und schon die gleiche Structur der drei Sfttzchen, welche den 
diaxovog zum Subject haben, lässt das Yerws^ndtschaftsverhältniss im 
Allgemeinen als gesichert erscheinen. Dieses Subject soll nun der 
Epheserbrief nach Honig aus dem Kolosserbriefe gewonnen haben, 
tmd zwar so, dass er dabei aus dem vvv xaiqw des Originals %ovi;ov 
Xaqtv machte^]. Freilich lässt sich» wenn man einmal diese beiden 
Formeln mit einander in Beziehung setzen will, ebenso gut sagen, 
der Verfasser des Kolosserbriefes habe das im Epheserbriefe fehlende 
Zeitwort gewonnen, indem er sich durch den Anklang und die innere 
Verwandtschaft von xalqevv und xolqvv leiten Hess.. In der That 
aber klingt in Kol. 1, 24 das vvv %aiQ(o aus 2 Kor. 7, 9 nach, wie 
auch die ^khpsig in derselben Umgebung (2 Kor. 7, 4, vgl. auch 1, 4) 
vorkommen , während der specielle Begriff eines dvravanlrjQ&vv w 
vtneQi^fiata ttSv d-lltpetav rov XQiatirv h t^ aa^xl fiov formell an 
Tt^Qoactvankfi^ovv tä vateQijf^ata %wv &yimv 2 Kor. 9, 12, Tt^oeava- 
Tckfj^oCv To votiqrjpta fiov 2 Kor. 11, 9 '(auch dvaTtlriQoCv t6 vfid- 
T€QOv vtniqjjiia 1 Kor. 16, 17) sich anlehnt. Derselben Art von 
Nachwirkung des zweiten Korintherbriefes begegnen wir aber auch 
in der ganzen Umgebung der Parallelefi des Epheserbriefes , wie aus 
Veigleichung von 2 Kor. 4, 16. 10, 2 mit Eph. 3, 13. 16 hervor- 

» 

geht; Wenn nnn'-atich in nnserem Falle ähnliche Beobaohtmigen 
sich einstellen, indem zu beiden oben angeführten Parallelen 2 Kor. 



1) IV, 2, S. »7. 



t) S. 82 % 



ii 



7. Paulinisohe P«rall8len eu beiden Briefen. 



91 



7, 4^ sowohl was den Begriff der Freude als den der Traurigkeit 
angeht I in deutlichster Beziehung steht (zumal da auch von xav- 
XfJff^S vftig vfjLiov die B.ede ist) y so wird dadurch die Annahme der 
Selbigkeit des Verfassers^ der sowohl im I^eser- wie im Kolosser- 
brief die gleiche Abhängigkeit von der paulinischen Ideenwelt verräth, 
von einer anderen Seite her um so einleuchtender^ als es eine und 
dieselbe Stelle jener Ideenwelt ist^ welche durch den in beiden Briefen 
gleichlaufenden Gedankengang in gleicher Weise berührt wird. Dass 
derartige Fälle^ wo beide Parallelen von einer Paulusstelle gleicher- 
weise beeinflusst sind, vorkommen , lehrt ausser einem Blicke auf 
unser letztes Beispiel auch die oben (S. 38) besprochne Parallele 
Kol. 1, 27 s=s Eph. 3, 8, wo das tva yvfoqlofi vov TtXovrov v^g dd^g 
avTOv Böm. 9^ 23 wenigstens seinen directen Wiederhall im Kolosser- 
briefe, das mit dem ßa&og nlovtov verbimdene dve^ix^iaavog Böm. 
11^ 33 aber seine Reproduction nur im Epheserbriefe findet. 

Um nun wieder zu unserem Falle zurückzukehren, so wäre es 
zwar an sich denkbar^ dass Kol. 1, 24 zunächst eine Steigerung von 
2 Kor. 1, 4 darstellt^ welche nachträglich in Eph. 3, 13 wieder eine 
Depotenzirung erführt ^) ; aber wahrscheinlicher an sich schon ist die 
geradlinig aufsteigende Klimax^ welche die Stellen 2 Kor. 7, 4. 
Eph. 3^ 13. Kol. 1, 24 dann darstellen^ wenn zunächst Eph. 3^ 13 
auf einer Clombination der Bestandtheile von 2 Kor. 7, 4 beruht^ Kol. 
1, 24 aber den so gewonnenen Begriff der d'khpai^ vniq vfuSv erklärt. 



Eph. 1. 



10. avttxhffttXaitaOaad'ai tit 
ndvttt §v T^ Xgtajf, 
t« iv vöig ^v^vois xal 
fa Inl r% y^s 



Viertes Beispiel. 

Kol. 1. 



20. xal ^i avTOV anoxa- 
taXXei^ni tdi narr« iig 
avjov Hgr^mtotriactf 
4ttt tov at/Aatog roif 
aravQov avjov, Si av~ 
TOV, etre ra &rl rijg^ 
yrjs ttt€ jtt iv folg 
ovQteroZg, 



13. 



M. 



15. 



16. 



17. 



Eph. 2. 
iyyvg iysvii&rite iv t^? 
at/j,ati TOV XqiOtov, 

avTog yoQ ioTiv ^ cl- 
qtivri tjfjiiiSv h Ttotfiaag 
Ti oifjupoTeQa &, 

tva Tovg ^vo xTiarjj iv 
uvTifi etg f^va xaivov ap^ 
^Qt^nov,noiihf eiQijvfiv, 

xal dnoxaTalla^y jovg 
afiifori^ovg iv ivl atS- 
fiaTi T$ d-i^ Sia TOV 
oTttv^ov anoxreivag ttjv 
iX^Qf^v iv avTiß. 

xal'iXS'ütv evfffyyMeaf 
ei^rivriv vfiiv Totg fxa- 
XQav xal elQTivriv Toig 
iyyvg. 



^ 



1) Hoekstra, S. 647 %. 



92 Zweites Kapitel. 

Hier begegnet das Wunderbare^ dass beide Briefe unter Ge- 
brauch derselben Ausdrücke von einem aufgehobenen Zwiespalte 
reden ^ der Kolosserbrief aber den Zwiespalt zwischen Gott und 
Crealur, der Epheserbrief dagegen in der ganzen Stelle 2, 13 — 17 
den zwischen Heiden und Juden bestandenen im Auge hat^). Aber 
was die Parallele des zweiten Kapitels im Ausstande lässt, das bringt 
die des ersten ein. Schon das die christologische GrunddilBferenz des 
Autor ad Ephesios von Paulus charakterisirende (vgl. IV, 3, 1) e^ ottöv 
war Eph. 1, 5 zu lesen, und dieselbe universalistische Beziehung, 
welche Kol. 1,20 dTtOTictralld^ai hat , eignet anerkannter Weise 
Eph. 1, 10 dem ävcni€q>akaiwaaaS'ai ; daher denn auch das eire ra 
int rijg y^g uxe %6l hß rolg ovqavolg in Parallele zu rd iv rolg aih- 
Qovoig aal td ijtt rijg y^g Eph. 1, 10 steht ^j. Dass überhaupt Kol. 
1, 20 erst aus Eph. 1, 10 sein Licht empfange, gibt auch Hof- 
mann zu, indem er zugleich das dTtomxTalXdaasiv im Epheser- 
briefe, trotzdem dass es hier nur einmal , im Kolosserbriefe zweimal 
nach einander steht (1, 20. 21), mehr an seiner Stelle findet, als 
Kol. 1, 20 in der Verbindung mit eig avToV'^). 

Nichts ist aber belehrender für das wirkliche Verhältniss unserer 
Briefe zu Paulus als die eigenthümliche Stellung, welche der Re- 
griff der «TTOxctrailAayiJ hier einnimmt. Es wird nämlich noch 
später (IV, 3, 2) nachgewiesen werden, dass der Autor ad Ephesios 
diese Vorstellung wesentlich kosmisch fasst; eine solche Beziehung 
auf das Universum eignet ihm offenbar auch Kol. 1 , 20 in erster 
Linie. Nun schweben ihm aber bei solchen Ausfährungen stets die 
paulinischen Aussagen über die Versöhnung vor, deren Terminologie 
er sich durchweg aneignet. Zunächst nämlich arbeitet er mit den 
Elementen der Grundstelle 2 Kor. 5, 18. 19. Aber ähnlich wie er, 
während Köm. 11, 28 die Juden ix^Qoi um der Heiden willen gewor- 
den sind, Eph. 2, 15. 16 Juden und Heiden zu gegenseitigen i%&qol 
macht und auf die Aufhebung dieser e^qa die naTotkXaYrj xoofiov 
Rom. 11, 15 bezieht, so macht er hier aus 2 Kor. 5, 18 ra da Ttdvta 
hf, rov 9eov rov üaxaXXd^avtog tifiäg eavrtp ein dTronaralld^ai rd 
Ttdvra elg avrdv und versteht das moofiov naTalldaawv 2 Kor. 5, 19 
als aTtoyiaTaXXdaaeiv eive rd ^tzI rijg yijg eYre rd iv rolg ovQavoig. 
Diese Wiederbringung des Alls sollte nun freilich eigentlich als 
Function des Auferstandenen aufgefasst werden, da nach dem Zu- 
sammenhang von Kol. 1, 19 und 20 die volle Einwohnung Gottes 



1) Hofmann, IV, 2, S. 28. 

2) Mayerhoff, S. 84. 

3) S. 175. 



7. Paulinische Parallelen zu beiden Briefen. 93 

in dem Auferstandenen ihre Voraussetzung ist^}. R. Schmidt 
macht einen Ansatz^ diese Gedankenfolge zu vollziehen^ sieht sich 
darin aber durch den Umstand au%ehalten^ dass dennoch sofort der 
Kreuzestod als das die änaxavaXXayi^ vermittelnde Moment auftritt 2). 
Aber auch hinsichtlich des Kreuzestodes^ wodurch nach Kol. 1, 20. 
Eph. 2^ 13 Juden und Heiden sich nahe treten, gilt dasselbe , was 
soeben hinsichtlich des dnoxaralldaaeLV bemerkt wurde. Auch hier 
haben wir es nicht etwa mit einer vollständig freien Gedankenbildung 
zu tbun, die sich einen originalen Ausdruck schafft , sondern die erste 
der beiden Formeln (Kol. 1, 20 diä vov aifuxzog rov arctvqov avrov) ist 
um so gewisser aus Eph. 1, 7 entlehnt, als sie sonst nie in den Paulinen, 
wohl aber in der Apostelgeschichte und dem Hebräerbriefe sich findet, 
also zwei Schnftstücken, die überhaupt mit unseren Briefen in Bezie- 
hung stehen (V, 1, 4 und 5). Einmal nämlich, berührt sich Eph. 1, 7 mit 
Apg. 20, 28 (^v nequTtoifiaato 8ia tov alfiavog rov läiov) auch noch 
überdies durch die gleich Eph. 1, 14 nachfolgende neqmolfjoig. Auf 
der anderen Seite begegnet d$ä %ov aifiavog zweimal auch im He- 
braerbrief, nämlich 9, 12. 13, 12. Besonders die erste dieser beiden 
Stellen, wonach Christus in das Heiligthum eingetreten ist äiä vov 
Idlov a%f4.aTog, ahaviav Xvtqwaiv evQdfisvogy setzt sich auch noch mit 
der d7toJiv%Qwaig Eph. 1, 7 in Beziehung. Der anderen aber entspricht 
im Epheserbriefe bis zum Ausdruck der Vers 5, 26. Die zweite 
dieser Formeln (Eph. 2,13 iv Ttp atficeri) ist zwar an sich paulinisch 
(Rom. 3, 25. 5, 9. 1 Kor. 11, 25), aber von unserem Autor nur in 
Dienst genommen. Denn während dem Paulus iv rtp a%(iotxi Xqkttov 
die Rechtfertigung vor Gott begründet ist, dient das Blut Christi der 
Vorstellung des Epheserbriefes zufolge als ILitt für die einheitliche 
Verschmelzung der Juden- und Heidenwelt. Der verwickelten exe^ 
getischen Operationen, welche nöthig fallen, um Einheit und Sinn 
in die besprochenen Stellen zu bringen, enthebt uns nur die kri- 
tische Beobachtung des Zusammentreffens zweier disparater Begriffs- 
welten, von welchen überdies die eine als Form für die andere auf- 
tritt. Indem nämlich der Autor ad Ephesios die stehende Termino- 
logie (vgl. z. B. aTtoitweheiv Eph. 2, 16 metaphorisch wie Rom. 
7, 11. 2 Kor. 3, 6) der paulinischen Versöhnungslehre als Darstel- 
lungsmittel gebraucht, um eine. dem Paulus fremde Gedankenreihe 
auszudrücken, vermag er das nicht auszuführen, ohne dass selbst in 
solch fremdem Zusammenhange jene Begriffe nach ihrer ursprüng- 



1) Ernesti: Vom Urqprung der SOnde nach paulinischem Lehrgehalt, I, S. 216. 
Vgl. damit Bit sc hl: Altkatholische Kirche, S. 80. 

2) Die paoliniBche Christologie» 1870, S. 209 fg. 



04 Zweites Kapitel. 

liehen Bedeutung hin grayitiren. Daher in beiden Briefi^n die Bezie- 
hung auf das Blut Christi^ durch welche die eben besprochene Unklar- 
heit herbeigeführt wird. Daher aber auch speciell itn Epheserbriefe die 
Erscheinung, dass der Verfasser 2, 16 bei anoxavaUi^ tovg afi- 
(poviqovgy wie dieses sich an den Inhalt Ton 2, 14. 15 anschliesst, 
nur die Versöhnung zwischen Juden und Hcdden im Sinne haben 
kann, während der Beisatz %^ ^e^ die Nachwirkung der ursprüng- 
lichen Bedeutung des Terminus verräth^). Noch auffälliger wird 
diese Unsicherheit im Kolosserbriefe, wo derselbe Ver£user den Aus- 
druck anoxavaXkaaauv zunächst ganz im Sinne von Eph. 1^ 10, also 
in dem einer kosmischen Versöhnung gebraucht, sofort aber durch 
die unaufgelöste Verbindung desselben mit dem Begriffe der zwi- 
schen beiden Menschheitstheilen beigestellten Versöhnung, wie sie 
Eph. 2, 16 vorlag, in die Ideenwelt des Epheserbriefes versetzt wird. 
Denn das elqfpfOTtot^aag Kol. t, 20 muss ebenso als ooncentrirende 
Zusammenfassung von Eph. 2, 14 (^ elfi^rrj ^fiäv 6 ^oii^aag). 15 
[ftoifav ei^vrjv). 17 (evfjyyeXlaavo el^vtjv . . mal ei^vip^) gelten, 
wie in dia tov atfiavog %ov otovqov avtov^ öi avTOv die Elemente 
von Eph. 1, 7 (diä tov atfiarog ccvtov), 2, 16 (3iä vov otovqov). 
18 (ÖL ccvTOv) noch ziemlich un?ermittelt zu Tage treten. Aber nur 
im Epheserbriefe, wo es sich um die Versöhnung zweier feindlicher 
Parteien handelt, ist das elqtjvonotäiv ganz am Platze 2), nicht aber 
im Kolosserbriefe, wo die Feindschaft nur auf der Einen Seite, nicht 
aber auf derjenigen Gottes, gelegen sein kann ') . Im Kolosaerbridfe 
dagegen macht es den Auslegern unsägliche Noth. »Völlig absolut^ 
wie es gesetzt ist, besagt dasselbe nur, dass Gott vermittelst einer 
Friedensstiftung das All zu Christo hingebracht habe.a^) Aber bei 
dieser Friedensstiftung kann er nur an die Ztisammen£suBsung der 
bisher getrennten Theile der Menschheit gedacht habend), welcker 
Gedanke somit ganz imvorbereitet in die Ideenassociation der K^ 
losserstelle hereinragt, wie ja auch das folgende ovwag ijc^'f^S ^^^^ 
1, 21 wieder auf einen Frieden zwischen Gott tmd den Mensc hüP 
hinzuweisen scheint^). Es hat somit mit uq'rjvono^mg une gsiii 
ähnliche Bewandtniss wie sich sofort bezügüch des hf evi owfMen 
iSph. 2, 16 herausstellen wird, und der Interpolator reproducirt und 
concentrirt hier, aber auf eine Weise, welche eben die seonndäre 



1) Honig, S. 81 Ig. 

2) Mayerhoff, S. 84. 

3) Ritschi: Jahrb. 1863, S. 515 fg. 518. 

4) R. Schmidt, 8. 195. 

5) Ernesti, I, S. 216. 

6) R. Schmidt, S. 210. 



7. Paulinische Parallelen zu beiden Briefen. 



95 



Arbeit^ die er dabei verrichtety deutlich herausstellt, den Gedanken 
Ton Eph. If 7. 10. 2^ 13 — 17 , d. h. er bringt die Idee einer kos- 
mischen Versöhnung, wie sie Eph. 1, 10 gelehrt ist, so zum Aus- 
drucke, dass er, geleitet Ton dem Klange der Terminologie, zugleich 
den Gedanken der Versöhnung der Juden und Heiden mit aufniiArot. 
Das Resultat dieser Operation aber ist naturgemäss ein unauflös- 
barer Knoten von exegetischen Schwierigkeiten. 



Fünftes Beispiel. 



Kol. 1. 



21. 



». 



vvvl S^ anoxtt- 
TfjZhxyrjte 

^ 70 atofjtari 

rov (fta Tov d-a- 
vdtov. 



Eph. 2. 



16. 



xal anoxataX- 

rif^ovg h kv\ (f$a- 

(Tia TOV atttv^ov 
anoxreCvag xriv 



Kol. 3. 

15. xal 7f €l(fip>fl TOV 

X^coTov ßgot- 
ßtväTo» iv Tats 
XKQSlais vfjLtaVy 
stg ffv xal ^xAif- 

fiaxi. 



Eph. 4. 
h T^ awöiüfi^ 



ti' aßfJLa xal Vv 
nvfv/*tt xa&(ag 
xal ixi>}&^T€ h 
fjLL^ iXnl6t x^g 
xl'^a£ü}g vfitav. 



Wir haben es hier nur gleichsam mit einer Episode aus dem soeben 
betrachteten grösseren Zusammenhange zu thun. Während im Kolos- 
serbriefe die ganze Haltung und Umgebung beider Stellen an der Ver- 
schipdönheit des Sinnes, in welchem beiderseits der Ausdruck awiia 
Torkommt, gar nicht zweifeln lässt, findet im Epheserbrie:^ eine trübe 
Vermischung beider Bedeutungen statt. 2war bezüglich des Begriffes 
%f awfia Eph. 4, 4 kann so wenig als Kol. 3, 15 ein Zweifel obwalten, 
und beide Parallelen geben zugleich auch darüber Aufschluss, wie das 
unbestimmte iv epl adfiart Eph. 2, 1& gemeint ist. Wenn nämlich dort 
gesagt ist, dass die Christen als werdende Glieder eines eimgen Leibes 
sa dem Frieden Christi berufen worden sind, so verhält sich hier sv 
itßfita zu oi a^JupoteqOL ebenso wie 2, 15 elg &v9q(07toq zu ol dvo^). 
Aber es ist bezeichnend, dass derselbe Ausleger, wdicher jetzt richtig 
erkannt hat, dass Eph. 2, 16 wie Kol. 3, 15, nicht aber Kol. 1, 22 nach 
Eph. 2, 16 ausgelegt sein wilP), früher die letztgenannte Stelle viel- 
mehr nach Kol. 1, 22 vom gekreuzigten Leibe Christi verstanden hat^), 
imd man muss gestehen, dass schon die Epheserstelle, angesichts des 
hf v§ oaQTd avvov und iv avvfp Eph. 2, 15 an ein solches Herüber- 
sehwanken des SinniSB denken lässt , welches dann Kol. 1 , 22 am 

1] Winer, S. 388. 

2) Hofmalin, IV» 1, S. 93. 2, S. 28. 129. 

3) Schriftbeweia, XI, 1, S. 379. 



96 



Zweites Kapitel. 



andern Ende angekommen ist. So reproducirt der Autor ad Ephesios 
also Kol. .1, 22 dia vov d'ovavov in diot vov tnctvgov , und das aus 
^Kol. ly 21 nachwirkende xa%aXXaaa€iv bringt es mit sich^ dass, wie 
dieser Begriff^ so auch der des aäfux Xqiotov wieüer in den Zu- 
samtnenhang der paulinischen Yersöhnungslehre hinübemeigen. So- 
mit ist der Sinn v(tt £ph. 2, 16 ein durchaut schillernder, zwischen 
Kol. 1, 22 und 3, 15 oscillirendy d. h. aber zwischen dem paulinischen 
awfia (Rom. 7^ 4) und dem stehenden Hilde für den Kirchenbegriff 
des Autor ad Ephesios. Denn wenn letzterer auch an Rom. 12, 5. 
1 Kor. 12, 12 einen Anhaltspunkt in der paulinischen Yorstellungs- 
welt bat, so würde doch Paulus nie, wie Kol. 3, 15 geschieht, den 
Begriff der Kircheneinheit, innerhalb welcher die Berufung statt 
hat, mit iv evt awfuxTi ausdrücken — schon dessbalb, weil ihm 
dieser Begriff in der hier vorliegenden, abgerundeten Gestalt mangelt 
(IV, 4, 2). Dagegen hat wer KoL'B, 15 schrieb, diesen Gedanken 
im Zusammenhang mit 1, 24. 3, tl, also zwei i&terpolirten Stel- 
len, gedacht*). Mit dem Verse Eph. 2, 16 aber verhält es sich so- 
mit gerade, wie es sich nach den Resultaten, welche die Bespre- 
chung des vorigen Falles lieferte, mit der ganzen Stelle verhält. 



Sechstes Beispiel. 

Eines der complicirteren Exempel von Abhängigkeit bietet fol- 
gender Fall, indem hier der Epheserbrief nicht blos im Kolosser- 
briefe eine doppelte Parallele, sondern auch im ersten Korinther- 
brief ein oÄnbares Vorbild hat, welchem er in Tdeenassociation und 
Ausdrücken nachfolgt. 

* 1 Kor. 15. Eph. 1. Kol. 1. Kol. 2. 

1) Die Auferstehung Christi von den Todten. 



20. XQtOTOgiyrjysg' 
tai ix vexgiSvf 

XOlflTIfJlivtOV, 

23. ana^r^ Xgiatog 



20. kyElqaq avx^v ix 
viXQWv xa\ ixa- 

avTov iv Totg 
inovqavCotg, 



18 og iativ OQxrjt 
TfQfOTovoxog ix 
TcSv vexQiSv, 



12. rov ^eov t«v 
iyeiQavTog pgii' 
tov in T<UV.; 

XQtSv, 



2) Engelclassen, welche er unterwerfen wird oder 
unterworfen hat. 



24. otav xataQyrjoTi 
näaav a^/^xal 
n&aav i^ovaCav 
«4^ ^vpafiiv 



21. vn€Qdvw ndftrig 
i^ovaiag xal «Q' 
X^ig xa\ Svvd' 
fASatg xal xvqio- 
tfiTog 



16. ffrf S-Qovoi €fTf 
xvQioriitit ttT€ 

aiai 



10. og iaxiv ^ «£- 
ipaXri ndaffgd^ 



1) Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 490. 



7. Pauli nische Parallelen zu beiden Briefen. 



97 



1 Kor. 15., ' Eph, 1. 

3) Alles zu seinen Füssen. 



25. 



»•,.-. 



27 



(xxQt'S ov S-y nav- 
ras Toitg i^^&Qohi 
vjto Tovg noSag 

ttVTOV 

Tieci'Tti yuf) vni' 
raSfv vTih robg 
noSag avroi/. 



22. x«l navra vixä- 
rajev vno rovg 
TtoSag avTov 



16. 



17. 



18 



Kol. l. 

T« TidvTa J«* 
avTov xal eig 
aiftov ^xtiatai 

xal aiiTo^iOTiv 

71Q0 TfävTtOV. 

tva y^rrjrai Iv 
naaiv avjo^ 

TTQÜDTfVfOV 



Kol. 2. 



4, Christus das Haupt der Gemeinde. 



28. 



22. xal avtov ^dufxe 
x€(faXfjv vTt^Q 
navra t^ ixxXtj- 

23. rJTig iarlv t6 
atofia avTov 



5) Das nXijqwfia, 

xal avxog vno- 23. to nli^Qtofia rov 

tay^aerai t^ rä ndvja iv 

vTiorä^avti av- näai nXrjQovfi^- 

7^ rä navta^ tva vov, 
y 6-&ebg ja nav- 
ra 90 ntioiv. 



18. xal avTog iartv 
fj X6(faXr} Tov 
afOfA-atog^ t^gix- 
TcXrjaiag. 



19. iv avrui €vS6' 
Xfjaev näv xo 
nXr^Qiafia xatoi- 
xtjaat. 



9. iv «WTftJ XaTOlX€l 

näv TO nXiJQ(oua 
- Tijg ^eoTrjTog 
aü}fju$€ix(og, 

10. xalian iv avtt^ 

7T6nX7]QÜ)f/,^V0l. 



Hier ist zunächst klar, dass die unmittelbar von 1 Kor. 15, 20. 
23 — 28 abhängige Stelle nur in Eph. 1, 20 — 23 gefunden werden 
Imnn. Ausserdem begegnen, wie im Allgemeinen schon Bruno 
"Bauer bemerkte^), noch Kol. 1, 18 Anklänge und Reminiscenzen 
an 1 Kor. 15, 202). Insonderheit wird der Ausdruck Tti^ioTOTOxog 
hier durch das Medium der angeführten Paulusstelle gefasst und 
daiöit der ursprüngliche Sinn des TtQCJTOToytog Rom. 8, 29 3) genauer 
getroflFen, als Kol. 1, 15, wo Christus dies im kosmischen Sinne ist. 
Ebenso ist Kol. 1, 18, und nur hier, a^/ij, was sonst imöier im 
angelologischen Sinne steht (Eph. l, 21. 3, 10. 6, 12. Kol. 1, 16. 
2, 10. 15), im Sinne von dnaQxrj 1 Kor. 15, 20. 23 gebraucht. Die 
Einwirkung der Paulusstelle auf die erste Parallelreihe des Kolosser- 
briefes steht somit ausser Zweifel. 



1) S. 103. 

2) Ewald: Sendschieiben des Paulus, S. 478. 

3) Vgl. hierüber Pflelderer: Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 
1871, Ö. 509. 

H 1 1 s m ft n n , Kritik der Bplxeser- u. Kolosse rbriefiB. 7 



9S 2weitts Kapitel. 

Dagegen hat Kol. 2, 9. 10. 12 an sich gar keine Verwandtschaft 
mit 1 Kor. 15, 20. 23 — 28 und gewinnt eine solche erst durch die 
Vermittelung des Epheserbriefes. Aber nicht als ob desshalb im 
letzteren die Aussagen des Kolosserbriefes auf das paulinische Maass 
zurückgeführt wären 'i), sondern im Epheserbriefe erst wird klar, 
wie in Gemässheit der durchgängigen Uebertragung der paulinischen 
Gottesattribute (Vgl. tV, 3, 1), also hier des d-eog tä Ttdvra iv na- 
aLv^)y auf Christus dieser zum ndvra nlTjQOVfdsvog wird, und daraus 
wieder erklärt sich Begriff und Bedeutung des sofort in demselben 
Zusammenhange begegnenden nlrjQWfja^), welches andererseits Kol. 
1, 19 in so unvorbereiteter und, verglichen so Wohl mit Eph. 1, 23, 
als auch mit Kol. 2, 9, wo der Genetiv t^g d'^OTrjTog hinzutritt, un- 
klarer Form auftritt^ dass man schlechterdings annehmen muss, der 
Verfasser jener Stelle sei leben von der Abfassung eines anderen 
Schriftstückes hergekommen, in welchem der in Rede stehende Ter- 
minus bereits seine Erklärung gefunden hatte, also unseres Epheser- - 
briefes^). 

Die Ungehörigkeit, Womach der Begriff nJiijQfOfia an nachfol- 
gender Stelle erklärt, an vorangehender aber als bekannt voraus- 
gesetzt wird, fiele hinweg, wenn angenommen werden dürfte, dass « 
die Epheserstelle einerseits Copie von Kol. 2, 9. 10, andererseits 
Origiüat von Kol. 1, 16—19 jsei. Aber Eph. 1, 50—23 findet viel- 
mehr, wie gezeigt, in 1 Kor. 15, 20 — 28 ein directes Vorbild, und 
Kol. 2, 9. 10 bedient sich nicht blos des bereits Eph. 1, 23 auf*^ 
Grund von 1 Kor. 15, 28 ausgemünzten Begriffes nlrjqwfiay ohne doch 
sonst irgendwie mit 1 Kor. 15 sich zu berühren, sondern setzt auch 
den Gedanken, dass die Gemeinde Ttlrj^iofia vov tcc navra iv Tzäai 
TclfjQOtrfiivov sei, in die activische Form um xal iöxe hf avT(p tt«- 
nlij^pievoi. Ist dem aber so, so haben wir in der späteren Stelle 
des Kolosserbriefes auch nicht eine Wiederholung der früheren^» 
sondern beide sind in gleicher Weise von der Grundstelle des Epheser- 
briefes abhängig, dessen Ausdrücke und Gedanken sich hier wieder 
einmal, wie das auch sonst der Fall ist, auf zwei Punkte des inter- 
polirten Kolosserbriefes vertheilen. In der That haben auch die 
beiden Kolosserstellen nur das Christo eignende 7tXrJQ(0fia und die 



1) So Hoekstra, S. 618. 

2) Eine falsche Anwendung dieser richtigen Combination beider Stellen bei 
Mayerhoff, S. 81. 

3) Sabatier, S. 205. 

4) Hofmann: Die h. Schtift N. T. IV, 2, S. 24%. li?6. 

5) So Hoekstra, S. 618. Vgl. audi Ewald: Sendsdd^iben des BkuIus, 
S. 483. 



7. Paulinische Parallelen zu beiden Briefen. 99 

dem Autor ad Ephesios (vgl. 3, 17) angehörige Vorstellung des xa- 
%oiY.eiv mit einander gemein. Davon ist übrigens der letztere Aus- 
druck, für welchen Paulus oixelv geschrieben haben würde (vgl. 
Rom. 7, 17. 18. 20. 8, 9. 11), so wenig paulinisch, als der erstere 
Jiegriff. In Bezug auf alles Andere findet der bemerkenswerthe 
Unterschied statt, dass die erste der beiden Kolosserstellen die ge- 
nau bezeichnete Hierarchie der Engel, die energische Hervorhebung 
des 7ravTa, welches von Christus abhängig ist, und die Vorstellung 
von ihm als Haupt des Gemeindeleibes (vgl. hier namentlich xal 
avTOv edioxe x€q)al7]v Eph. 2, 22 = xal avvog ioziv ij Ti€q>aX'ij Kol. 
1 , 18), wenngleich allerdings in gedrängterer Form ^) , reproducirt und 
dabef zugleich noch den Gedanken von Eph. 1, 10 mit aufiiimmt 
(vgl. in, 3) , während die zweite sich nur an den Gedanken der 
Oberherrlichkeit über die Engel und an die beiden sich ergänzen- 
den Begriffe des nlrjQUfia und des nXrjQOVfievog hält. Der Auf- 
erstehung der Todten aber wird beidemal in ganz verschiedenem 
Zusammenhange Erwähnung gethan, und auch nicht an der Stelle, 
wo diese Vorstellung Eph. l, 20 erscheint, d. h. an der Spitze der 
ganzen Erörterung, sondern vielmehr hinterher. 



2. Sprachliche Untersuchung. 

Schon im Verlaufe unserer bisherigen Erörterungen mussten wir 
gelegentlich ein Moment mit in Betracht ziehen, welches wichtig 
genug ist, um eine durchaus selbständige Behandlung zu verlangen. 
Es handelt sich nämlich um den Sprachcharakter und die aus der 
Bestimmung desselben sich ergebenden Schlüsse hinsichtlich der 
Ver&sserschaft und der Abhängigkeitsverhältnisse unserer Briefe. 
Erst durch das Zusammentreffen der von hier aus gewonnenen Re- 
sultate mit den bisher erzielten würde diesen ein bestimmter Grad 
von consolidirter Wahrscheinlichkeit unbestreitbar zukommen, wenn- 
gleich auch alsdann zur Erreichung völliger Gewissheit noch alle 
jene^ von Form und Gedankengehalt beider Schriftstücke, von ihrem 
paulinischen oder unpaulinischen Gepräge, von ihren geschichtlichen 
Voraussetzungen hergenommenen Entscheidungsgründe ausstehen, 
deren Besprechung erst die folgenden Kapitel bringen können. 

Im Allgemeinen gilt es Vorsicht in der Behandlung der rein 
phücdogischen Seite der Frage. Denn die sprachlichen Momente 
haben das Eigene an sich, dass sie im Einzelnen nie völlige, im 



1) Haxerhoff, S. 80. 

7* 



100 Zweites Kapitel. 

Grossen und Ganzen dagegen absolute Sicherheit bringen. Ist die 
Verschiedenheit des Styls, der Darstellungsweise , des Wortvorrathes 
constatirt, so ist die Unechtheit einer Schrift erwiesen; aber in der 
Bestiuimung der Cirenzlinien am einzelnen Orte muss darum doch 
diejenige Heweglichkeit und Freiheit ersichtlich sein, welche die 
Natur der Saclu» selbst mit sich bringt, wenn doch das Sprachgebiet 
eines Schriftstellers niemals ein absolut festgestelltes ist, und sich 
z. H. zwischen Paulus und Johannes, so charakteristisch verschieden- 
artige Stromgebiete innerhalb des N. T. sie auch darstellen, nicht 
eine so bestimmte Wasserscheide zeichnen lässt, wie etwa zwischen 
Rhein und Donau. 

1. Der Epheserbrief. 



1) Der Zusammenhang der Sprache mit der paulinischen liegt 
auf der Hand. Es kann nicht zufällig sein, dass beispielsweise di< 
Verbindung aga ovv ausser dem Römerbriefe, wo sie achtmal steht, 
nur Gal. 6, 10. 1 Thess. 5, 6. 2 Thess. 2, 15 und Eph. 2, 19 vor- 
kommt, und es erweckt ein günstiges Vorurtheil, dass das beL 
Paulus so beliebte dto im Epheserbriefe fünfmal steht (2, 11. 3. 13. 
4, 8. 25. 5, 14), während es selbst im Kolosserbriefe fehlt. Es ist 
sogar Thatsache, dass 18 Wörter im N. T. eben ausser dem Epheser- 
briefe nur noch in paulinischen Schriften (wozu hier die Pastoral- 
briefe nicht gerechnet werden) sich finden^). Aber eine Reihe von 
Erscheinungen dient dazu, den Eindruck dieser Beobachtung auch 
schon auf dem rein lexikalischen Gebiete wieder in Frage zu stel- 
len oder aufzuheben. Nicht blos verfügt der Epheserbrief über eine 
Reihe von Wörtern, die gerade bei Paulus selten, sonst aber im 
N. T. öfter, besonders auch in den Pastoralbriefen vorkommen 2), 
sondern es sind auch ihrer nicht wenige (39) , die gerade nur bei 
Paulus gar nicht zu finden sind ^) . Wir werden uns nun zwar hüten. 



Evuiölag Eph. 5, 2. Phil. -I, iS) , ^aXmiv, xccf4,7iTfiv , neQixetfaXaia , nltov^xTfiSt 
nolrifjia, ngeaßiveiv ^ ngoeToi/uäCtir , 7f (joaayayyij , TtQOTCd'fad-tti^ vh&aoCa, vniQ' 
ßttXXeiVf vn€(}tx7t6Qi,aaov. Man könnte hierzu auch iyxaxelv rechnen, 'welches 
sonst nur noch einmal steht, und zwar im Bereich der Schule des Paulus (Luc. 18, 1). 

2) ^^xQißüig (bei Paulus nur 1 Thess. 5, 2), ßovXij (bei Paulus nur 1 Kor. 4, 5), 
d^a/ziQSf öofia, Mo^os, &<o()a^, xad-a^CC^tv , xad-sv^itv (bei Paulus nur 1 Thess.), 
xgatttiovad-ai, XQareiv, (uagjvgeaif-at, , fiaraiorris, fitd-vaxaad'ftt ^ voeZv (Pastoral- 
briefe), iitxQCa, aßtvvviiv , avyxoivtovdv , ocdti^q (Pastoralbriefe), (pio j^C^iv (Pa- 
storalbriefe) . "^ 

3) ^'Ayvota, dyQvnvelv, aix/LiaXtoTiveiv (2 Tim. 3, 6?), dxQoytovtaTos (1 Petr, 2, 6), 
ttXvaig (2 Tim. 1, 16), d/ufpongoi, atffiog, nvtivat (Apg. lü, 26. 27, 40. Hebr. 13, 5), 



]. Der Epheserbrief. 101 

liegen Beobachtungen ein allzugrosses Gewicht beizulegen. Wenn 
:. B. Paulus nur Eph. 3,1. 4,1. Philem. 1. 9. 2 Tim. l, 8 das 
Wort deofiiog gebraucht, so hängt das eben zunächst damit zu- 
ammen^ dass er grade diese Briefe als Gefangener schreibt, wie 
luch Apg. 23, 18 vom deafiiog IlavXog die Rede ist, und völlig nur 
iiufall kann es sein, wenn in seinen sonstigen Briefen, soweit sie 
luf Echtheit Anspruch machen können, z. B. iSdwQ ganz fehlt. Indessen 
reten hier zu jener grossen Anzahl von unpaulinischen Wörtern 
kst ebenso viele (37) ana^ kayoixevay Ausdrücke, welche im ganzen 
^. T. nur dem Epheserbriefe eignen ^). Man wird nicht leugnen 
cönnen, dass diese Zahl eine verhältnissmässig grosse ist und ganz 
lazu geeignet, uns auf den besonderen Griffel, dem wir auch sonst 
u unserem Schreiben begegnen, aufmerksam zu machen, zumal da 
luch hier wieder im Einzelnen Gegensätze zu Paulus sich ergeben, 
velcher z. B. xaTccQTiaig ( 2 Kor. 13, 9 ) , ni(!ht aber yLaTaQiiofxog 
Eph. 4, 12) schreibt. 

Wichtiger als die blosen ana^ leyofieva sind übrigens — und diese 
Jeite an der Sache hat bisher weniger Beachtung gefunden (vgl. jedoch 
5. 5 fg.) — so durchaus eigen thümUche Verbindungen oder Formen, 
wie xa TivsviAccTiTia t^g Ttovrjgiag (6, 12) 2) , ayotx^og nQog zt (4, 29), 
iyaitäv Tfjv ixulrjalav von Christus (5, 25), dyanäv tov xvQiov (6, 24 
vie 2 Tim. 4, 8. 1 Petr. 1, 8, während Paulus sagt, dyanäv rov d-eov 
iöm. 8, 28. 1 Kor. 2, 9. 8, 3), fj ayia hcxlrjola (5, 27), to: xaraJ- 
:eQa {fiiQrj) Tfjg yrjg (4, 9, vgl. Phil. 2, 10 xaTaxd'6vioc)j lare yivcianov" 
:€g (5, 5), fieS'OÖeia tov diaßoXov (6, 11. Paulus sagt überhaupt 
lieht öidßoXog, sondern oatavoig) , öidovai Tivd t* (1 , 22. 4, 11) 
lie Form dldote (4, 27, sonst Jot«), die dyantj fierd TiloTecog (6, 23. 
Iinders ist, um von Gal. 5, 6 ganz abzusehen, die Coordination bei- 
ler Begriffe Kol. 1, 4. Philem. 5. l Thess. 3, 6. 5, 8. 2 Thess. 1, 3, 
^gl. 1 Tim. 4, 12. 6, 11. 2 Tim. 1, 13. 2, 22. Tit. 2, 2. Apoc. 



•Trag, anaräv (1 Tim, 2, 14, Jak. 1, 26), amiXi] (sonst nur Apg.), ttTiflni^Hv, 
oforCa (Tit. 1, 6. 1 Petr. 4, 4), 6iäßoXog (z. B. 1 Tim. 3, 6. 7. 2 Tim. 2, 26), evny- 
aXiarrjg (2 Tim. 4,5. Apg. 21, 8;, svanlay/vog, fiaxQav , oqylCtad-aVf oöiotrjg^ 
a(fvg, naiöeCa (2 Tim. 3, 16 und Hebr.), navonkicty naqoixogt nsQi^fopvvfii, nXdrog, 
rof/i^v, TToXtrelcc, aangog^ anTXoff avyxctd-CC^iv, atDTi^QioVf tifiav (z. B. 1 Tim. 5, 3), 
d(OQ, vTCodeXad-ai, vrpogy (fgayfiog, (f'^ovrjaig, /«^trouv, xeiQonolfjTog, 

1) "j^&fog, ttiaxQOTTjgf avaveova&tti, avoi^ig, anccXysTv, aao(pog, ß^Xog, Mrrjg, 
^to^veiv , inMeiv , ^nitpavaxHv , hoi/Liaaltt , avjQansXCa, x^vQiog, Ttttraßqaßtvtiv, 
'.tttaQttafjLog f XttttOTSQog, xXtjqovv , xXvStovl^iad-ai., xoajLioxQcittoQ , x^vfprj, xvßila, 
iiy€d-og, fiExfodfCaj ^jisootoi/ov , /utogoXoyla, nccXijf Tia^ogyiOfiog , TtoXvnolxiXog, 
iQoeXnt^eiVf TiQoxaQT^Qrjais , ^vtCg, avfjifji^joxog , avfinoXlTrii, owaQfioXfyysiv, 
iifvoixo^o/ueTv, avaaiofxog, 

2) Vgl. bezüglich dieser Singularität ^Vf i^^'» ^* ^2^* 



102 Zweites Kapitel. 

2, 19), aq%o}v T^g e^ovalag rov äigog (2, 2, während ä^orceg dem 
Paulus menschliche obrigkeitliche Personen sind, vgl. Rom. 13, 3. 
1 Kor. 2, 6. 8), elg ndoag rag yeveag tov aldivog vwv aidvfav (3, 21 
völlig einzig, da bei Paulus, in der Offenbarung, auch Hebr. 

13, 21. 1 Petr. 4, 11. 5, 11 sonst eig tovg aidjvag oder eig rovg 
alwvag vav alcovwv begegnet, auch eig navrag Tovg aidivag Jud. 25. 
Paulus insonderheit kennt weder yeveat 'rov alfSvog noch einen 
aicjv TiSv aicivwv) , alwveg ineq%6^evov (2, 7 wofür das N. T. sonst 
sagt aliav EQXoiaevog) , eqya äytaQna (5, 11, wozu der positive Gegen- 
satz Tit. 3, 14 sich findet; bei Paulus nur vovg axaqnog 1 Kor. 

14, 15, aber auch Mt. 13, 22. Mr. 4, 19. 2 Petr. 1, 8. Jud. 12 
keine Verbindung mit Bqyov) , dxqißcjg nEqinataiv (5, 15, Paulus 
braucht ersteres Wort nur 1 Thess. 5 , 2 dnQißwg oYdaTs) , Tcaqa- 
7tTü)(,iaTa xat df^aquiav (2, 1 eine Zusammenstellung, die sonst nicht 
vorkommt), dvaXafißdveiv (6, 13. 16 vom Ansichnehmen der Waffen, 
sonst im N. T. gewöhnlich von der Erhöhung des Messias in den 
Himmel oder vom Mitnehmen einer Person, bei Paulus gar nicht), 
avepLog Ttjg didaaxaliag (4, 14 in eigenthümlicher , namentlich der 
Ausdrucksweise des Paulus durchaus fremder Prägung), fjfieQa dno- 
XvtQciaeiog (4, 30, Paulus würde sagen ^^fiiqa nvglov 1 Kor. 5, 5), 
fÄtjycog xat ßd&og xal vxpog (Eph. 3, 18 — Weiterführung von vxfHOfia 
TLal ßdd-og Rom. 8, 39, während Paulus gewöhnlich nur die Dirnen- 
sion des ßad-og nennt, vgl. Rom. 11, 33. 1 Kor. 2, 10. 2 Koi. 
8, 2). Die Analyse des Epheserbriefes (III, 2) wird derartige 
Fälle noch in grosser Anzahl an's Licht führen. Hier sei als au 
ein besonders deutlich redendes Beispiel formeller Uebereinstimmung 
und sachlicher Verschiedenheit nur noch auf die Art und Weise 
hingewiesen, wie 5, 1 von der Kindschaft Gottes geredet wird. Wenn 
Paulus von rinva dyanrjTa spricht, so geschieht es nicht, weil sie 
als solche Gott ihren Vater nachahmen sollen, sondern weil sie 
durch seine Missionsthätigkeit gläubig geworden sind, mithin er 
selbst ihr Vater ist (1 Kor. 4, 14. 17. Vgl. 2 Tim. 1, 2). 

2) Das Hauptgewicht der Entscheidung ruht indessen erst auf 
dem Gebiete der Wort- und Satzverbindung. Selbst dem conser- 
vativen Kritiker und Exegeten fällt immer wieder von neuem diese 
gewaltsame Häufung von Substantiven, diese dunkle und nicht eben 
immer durch Ueberfluss an Stoff und Gedankenreichthum motivirte 
Fülle des Ausdruckes auf. Da und dort begegnet man in apolo- 
getischen Kundgebungen immer wieder gelegentlich dem Geständnisse, 
dass die Ausdrucksweise des Epheserbriefes »sehr schwülstig« sei^). 



1) Bender: Der Wunderbegriff de« Neuen Testamentes, 1871, S. 69. 



1. Der Epheserbrief. 103 

Auch kann sich Niemand der Beobachtung verschliessen^ dass das 
Auftreten eines einzelnen aus einer Gruppe von Ausdrücken, welche 
zur stehenden Terminologie des Verfassers gehören, mit einer ge- 
wissen. Regelmässigkeit immer auch das Erscheinen der übrigen 
nach sich zieht. So gleichen sich die Stellen 1, 18 und 3, 9 nicht 
blos inhaltlich, sondern dem (f(a%ituv hier entspricht auch das TtB- 
gxü^iafievog dort; beidemale folgt, davon abhängig, ein Fragesatz, 
und in der Umgebung werden sicher auch die Worte oiiLOvofxia und 
livOTTj^ov (1> 9. 10.) angetroffen. Es ist der vorwiegende Eindruck des 
Tautologischen, welcher sich im Gefolge dieser Beobachtungen ein- 
stellt. Wenn die Ausleger denselben, während sie von der Beur- 
theilung des Details zu der Formulirung ihres Gesammturtheils fort- 
schreiten, einschlafen lassen, so ist die Selbsttäuschung, welche dabei 
unterläuft, leicht nachweisbar. So bietet z. B. für Bleek der Brief 
in Sprache und Darstellungs weise zwar »etwas Zerflossenes a^),^ »m,an- 
ches Eigene und Schwierige« dar, »was geeignet ist, einiges Be- 
denken zu erregen ((, dies aber »gehörig erwogen« doch nicht thut^). 
Liest man aber von der Einleitung sich in die Exegese hinein, so 
begegnet nicht blos 2, 2 »eine gewisse Breite oder Fülle in der 
Ausdrucksweise a 3) und 2, 7 »wieder etwas Breites«^), sondern 4, 4 
sogar »etwas Ueberladenes « , denn »die Worte ir^g i^lijaewg vfiwv 
könnten fehlen ohne Veränderung des Sinnes « ^) ; sofort erweist sich 
4, 16 als »sehr gedehnt und etwas schleppend« 6) und 6, 18 hat der 
Ausdruck abermals »etwas Breites und Ueberladenes«'^). Auch dass 
es zumeist ein rhetorisches Bedürftiiss ist, was den Verfasser bei 
solcher Bedeführung leitet, entgeht dem Exegeten nicht s). Nur 
entbehren die richtigen Einzelbeobachtungen der entsprechenden 
Folgerichtigkeit des Gesammturtheils. 

Unbefangener urtheilt hier Reuss: »Das Wort hält nicht überall 
Schritt mit dem Gedanken, und die Ungelenkigkeit der Satzfägung 
ist hier ebenso bemerkbar als der freie Schwung der Idee«^). In der 
That ist es mit dem Reden vom »hohen Styl«, von den »kiihnen 
Tropen«, von »ausgesuchten Redensarten«, worin sich der Epheser- 
brief sogar vom Kolosserbrief unterscheiden sollte*^), heutzutage vor- 
bei, und alle von apologetischer Seite gemachten Anstrengungen 



1) Die Briefe an die Kolosser etc. S. 192. 

2) S. 190. 3) S. 217. 
4) S. 223. 5) S. 254. 
6) S. 268. 7) S. 306. 
8) S. 298. 9) S. 106. 

JO) Gegen solcherlei Yelleitäten der Apologeten von Eichhorn bis Guericke 
▼gl. Honig, S. 67. 



104 Zweites Kapitel. 

können die Thatsache nicht aufheben, dass der scharfen, markirten 
Sehreibweise, dem lebendigen dialektischen Gange des Römerbriefes 
gegenüber im Epheserbriefe das Einschachtelungssystem der Perio- 
den oft sehr weit geht. Gleich der erste Satz l, 3 — 14 ist unmässig 
lang, und nicht minder schleppend ist 3, 14— 19. Es ist richtig, 
dass sich wenigstens ähnliche Ungefugigkeiten auch da und dort 
in den unbestrittenen Briefen des Apostels finden^). Hier aber 
machen die schwerfalligen, in's Breite gezogenen Perioden geradezu 
die Regel. Genau genommen bildet nicht blos 2, 1 — 10 einen ein- 
zigen Satz, dessen Vers 4 den Vers 1 2), Vers 8 den Vers 5 wieder 
aufnimmt, sondern die ganze Stelle hängt syntaktisch und logisch 
eng mit 1, 15—23 zusammen, so dass im Grunde 1, 14 — 2, 10 Eine 
Periode darstellt. Ebenso besteht die Gruppe 3, 1 — 12 zwar aus 
zwei Sätzen 3, 1 — 7 und 8 — 12, aber der zweiteist nur die Wieder- 
aufnahme eines im ersten schon vierfach (3, 2. 3. 5. 7) angelegten 
Gedankens, und Vs. 14 nimmt vollends wieder den Anfang des 
Kapitels (3, 1) auf^). Fernere Beispiele liefern Stellen wie 4, 11 — 16. 
17—19. 20—24. 5, 18—23. 6, 5—8. 

3. Der Kolosserbrlef. 

1) In stylistischer Hinsicht hat namentlich schon Mayerhoff 
eine ganze Reihe von schwer zu beseitigenden Beobachtungen gel- 
tend gemacht^), welche den Gedanken an paulinische Authentie 
sehr erschweren. Neuerdings aber stellt selbst Ewald die noch 
von keiner Apologetik irgend widerlegte Behauptung auf, dass man 
gerade im Haupttheile den Apostel schwerer wieder erkenne, als in 
den beiden ermahnenden Schlusskapiteln (vgl. S. 22). Es ist zwar in 
seiner Weise ausgedrückt, aber durchaus richtig wahrgenommen, wenn 
er hier sowohl »den überaus kräftigen Gang und das tanzende Auf- 
springen« der paulinischeu Rede, als auch wieder »das rasche Sam- 
meln und das feste Anknüpfen der Gedanken« vermisst^). Auch 
F. Nitzsch merkt den selteneren Gebrauch von Folgerüngs- und 
Causalpartikeln , überhaupt das Zurücktreten der syllogistischen 
Form an®). 



•1) Hofmann,IV, 1,S.290. Vgl.A.Buttmann,S.331,woRöm. 2, 17fg. 5, 12fg. 
12, 6 fg. 15 fg. 16, 25 fg. als Parallelen neben die Sätze des Epheserbriefes treten. 

2) Die gewöhnliche Erklärung ist im Hecht gegen Hofmann, S. 68. 127. 

3) Winer, S. 527. 

4) S. 6 fg. 13 fg. 28 fg. 34 fg. 

5) Sendschreiben des Apostels Paulus, S. 467. 

6) Bleek, die Briefe an die Kolosser etc. S. 19. 



2. Der Kolosserbrief. 105 

Sogar B, Weiss verschliesst sich nicht gegen die grammatischen 
und lexikalischen Eigenthümlichkeiten unseres Briefes ; er erkennt an, 
dass namentlich im ersten und in der ersten Hälfte des zweiten Ka- 
pitels die Rede sich mehr durch partioipiale oder relative Verknüpfungen 
fortspinnt und nicht in selbständigen, durch Partikeln verbundenen 
Sätzen. Aber das hänge damit zusammen, dass hier der Verfasser nicht 
argumentirt oder polemisirt, sondern mehr durch positive Entfaltung 
der evangelischen Wahrheit die Leser gegen die Irrlehrer befestigt i) . 

Indessen gerade diese positive Entfaltung ist dem paulinischen 
Geist und Standpunkt, der noch nicht Fertiges einfach hinzustellen, 
sondern die Wahrheit im Kampfe zu entwickeln hat, sonst fremd; 
und wer vom Galater- oder Römerbriefe an die Leetüre des Ko- 
losserbriefes herantritt, dem muss schlechterdings auffällig werden, 
dass auch hier, wie im Epheserbriefe, der Satzbau vielfach schwieri- 
ger ist als dort. Eine Stelle wie 2, 23, der an Undurchsichtigkeit 
kaum irgend eine paulinische Stelle gleichkommt, empfangt nur 
dadurch einiges Licht, dass man das de hier hinter fiev ausgefallen, 
also im Gedränge der Composition sogar den formellen Gegensatz 
vernachlässigt denkt 2). 

2) Am bedeutendsten sind hier die Instanzen von rein lexi- 
kalischer Natur. Halten wir uns zunächst an diejenigen Wörter, 
welche der Kolosserbrief allein unter den neütestamentlichen Schrif- 
ten benutzt, so überrascht nicht blos ihre grosse Anzahl — es sind 
ihrer 33 3) — sondern auch ihr theilweise unpaulinisches Aussehen. 
Zwar versteht es sich von selbst, dass das Nicht vorkommen eines 
im Kolosserbriefe erhaltenen Ausdruckes in den sonstigen Paulus- 
briefen zufälliger Natur sein kann. Wenn z. B. Paulus (ji8pi<po(i(XL 
hat (Rom. 9, 19), so wird man ihm pLOpicpt] nicht absprechen dürfen 4), 
und Niemand wird an dem zwar nur einmaligen , aber motivirten 
Vorkommen von aveifjiog (4, 10), Anstoss nehmen. Auch ist schon 
darauf aufmerksam gemacht worden, dass die meisten ana^ Xeyofieva 
sich im zweiten Kapitel finden; im vierten z. B. steht nur das 
einzige TtaQTjyoqia (4, 11)^). Gerade jenes zweite aber umfasst die 



1) Herzog's Realencyklopädie, XIX, S. 722. 

2) Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 467 fg. 488. Vgl. Winer, S. 535. 

3) ^^d^vfjitlVy ttiaxQoXoyia, avfifjiog, avTttvanXrjQoWf ävranodoaigy ansxSv^axhaif 

*^eXo&(}rjax€Ca , eiQrivoironh' , ifißccT€veiv , av/dQtarog , ^foTi;?, finanirelv , fiofiffi], 
^<^njfiTjvCaf o^aTog, naqriyoQCtt j ni^uvoXoyCa, nXr^afxovri ^ TiQoaxovsiv y ngoüijkovvy 
^QiOTtvtiv, angifofjiay avXayatyeiv, aoff^atixcHgf (piloao(p£a, x^igoygafpov. 

4) Mayerhoff,*S. 24. 

5) Mayerhoff, S. 20. 



106 Zweites Kapitel. 

Polemik gegen die Inrlehrer, aus welcher Besonderheit sich Aus- 
drücke wie q>iXoaog)iay vovfitjvlay d(yy(xa%itfitv und OL7t6%Q!rj.otg hin- 
länglich erklären ^) . Aber in diesem selbigen polemischen £xcuxs 
beginnen andererseits auch die Anstösse. Paulus hat für ifißavMV€iv 
(2, 18) bildlose Ausdrücke wie yi^vwaxeiv ^) , und auch srine Termi- 
nologie der Gottesverehrung ist eine andere. Ausdrücke wie -S-^- 
axiia Tüiv ayyihav 2^ 18 und i^iXod'Qrioxela 2, 23 sind daher^ vor- 
erst von ihrem singulären Vorkommen abgesehen^ schon desshalb 
verdächtige weil Paulus nach Rom. 7, 25. Gal. 4, 8. l Thess. l, 9 dov- 
leveiv geschrieben haben würde ^j. Dazu kommt nun aber vollends^ 
dass das eine dieser Wörter ein auffalliges Beispiel jener längeren 
Wortzusammensetzungen liefert ^ deren häufiges Vorkommen gerade 
im Kolosser briefe auffallt. Zwar selbst Mayerhoff behauptet be- 
sonnener Weise nur ein gesteigertes Maass solcher Ausdrücke ^j^ 
denn auch Paulus hat Wörter wie q>iloTVfiela'9'ai (1 Thess. 4, 11), 
artoxagadoxia (Rom. 8^19), avfinaQala(iißdvecv (Gal. 2^ 1), eteifol^vyeiv 
(2 Kor. 6^ 14)^ eldtokoXaTQUa (iKor. 10^ 14. Gal. 5,20, übrigens auch 
1 Petr. 4, 3), wohi auch yievodo^ia (Phil. 2, 3) *) ; und auch wir geden- 
ken desshalb das TtaQaloyl^ea&ai, 2, 4 nicht anzufechten. Was somit 
im Kolosserbriefe Anstoss bereitet, ist nur die unverhältnissmässige 
Häufung, in welcher diese Ausdrücke hier begegnen ^) . Dazu kommt 
ihr nachweisbar unpaulinischer Charakter. Paulus sagt nicht äv- 
Tanodooig (Kol. 3, 24), sondern dm^iad-ia (2 Kor. 6, 13) oder av- 
vanodofjta (Rom. 11,9); er schreibt avofTrAiy^otJv (1 Kor. 16, 17. Phil. 
2, 30), nicht dbev jdvTavanlfjQOvv (Kol. 1, 24). Die Neigung unseres 
Verfassers zu derartigen Dicomposita ist überdies nachzuweisen an 
der aTcexävaig (2, 11) und dem dneyLäveaS'ai (2, 15. 3, 9) , wofür 
Paulus enävead-ai schreibt '^). 

Auch wollen wir nicht zu viel darauf bauen, wenn im Kolosser- 
briefe 15 Wörter begegnen, welche zwar auch sonst im N. T. vor- 
kommen, nur gerade nicht bei Paulus 8). Mayerhoff selbst weist^ 



1) Mayerhoff, 8. 21. 

2) Mayerhoff, S. 24. 

3) Mayerhoff, S. 21. 

4) S. 22. 

5) F. Nitzsch bei Bleek, S. 20. 

6) Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 467. 

7) Mayerhoff, S. 24. 

8) "AXag 4, 6, anoxfiad-ai 1, 5 (2 Tim. 4,8), anoxgivead-eu 4, 6, itnonqwffog^ 
2, 3, aQTjkiv 4, 6 (vgl. Luc. 14, 34), yevta&ai 2, 21, dayfiaU^iv 2, 15 (Paulu»- 
Bchreibt höchstens deuivvv&i 1 Kor. 12, 31), iimkeüf-eiv 2, 14, xgvnveiv 3, 3 (1 Tim^ 
5, 25), nagaloyl^^a^ai 2, 4, nixQaCvHv 3, 19, nXoval(og 3, 16 (PastoralbHef e) , novo^ 
4, 13, axitt 2, 17, avvöovXos \f 7. 



2. Der Kolosserbnef. 107 

darauf hin, dass einzelne derselben wenigstens der pauUnischen 
Schule geläufig waren*). Nur im Verein mit so vielen anderen Be- 
denken, welchen Kol. 3, 16 unterliegt (S. 54 fg.), gewinnt die That- 
sache Bedeutung, dass Paulus sonst Ttlovaiwg nicht gebraucht. Mit 
ebenso wenig Sicherheit ist daraus zu argumentiren , dass etwa 
10 Ausdrücke auffallen, welche Paulus zwar gebraucht, aber sel- 
ten 2). Denn wenn z. B. deofiog sich nur Phil. 1, 7. 13. 14. 17, 
Philem. 10. 13. 2 Tim. 2, 9 findet, so könnte sich dies erklären, 
wie das deafiiog des Epheserbriefes (S. 101). Von grösserem Belange 
schon ist der Umstand, dass von 11 Ausdrücken, welche zwar im 
Kolosserbriefe, sonst aber eben überhaupt nur noch bei Paulus sich 
finden ^) , nur Ixavovv (welches aber zweifelhaft) , iaoTfjgy Tta^og, d-giafi- 
ßeveiv und iged-ll^eiv (letztere zwei in veränderter Bedeutung) sich an 
Stellen finden, welche unseren bisherigen Resultaten zufolge nicht 
direct auf Paulus zurückgeführt werden dürfen, so dass etwa die Hälfte 
dieser Wörter den glücklichen Nachahmer bezeichnet. 

Dass wir es nämlich mit einem solchen , und nicht blos mit 
Paulus selbst zu thun haben, erhellt schliesslich zumeist daraus, dass 
eine Reihe von Ausdrücken ganz vermisst wird, welchen zu begegnen 
man sonst bei Paulus gewohnt ist, wie ömatoovrrjy ömalioatg, dt- 
naliOfiay awTtjQia , dftoiiakvtpig , VTtaxor^, TiiaTevetv, xaTagyelv^ xa- 
TeQyaJ^ead-at y notvog, ytoivtaviay vojnogj öoxi^dCsiVy rfoxe/ti}, do%ifi6gy 
%otvxäad'(xi y Ttavxfjf^cCf neid-eiv, nenoid^aigy dvvaa&aiy Xomogy fiäl- 
Xovy ei firjy ovöij ovt€j ei Ttg, el notij ei Tuagj eineq^ fiovovj ov fio- 
vov 08 . . otXXd ital, Uiiy ovxeti, f^rjxhty t€*). Ganz besonders auf- 
fällig ist auch der Mangel der bei Paulus so häufigen Zusammen- 
setzungen mit v7t€Q^), Dazu kommt endlich das gänzliche Zurück- 
treten der beliebten Folgerungspartikeln dto, öiOTiy aqay aqa ovv 
und das verhältnissmässig nur spärliche Vorkommen von ya^, ja 
selbst von ovv, 

3) lieber solche Beobachtungen meint indessen Hof mann mit 
kaltblütiger Verachtung hinwegsehen zu dürfen*). Dem wirklichen 
Forscher würde freilich kein Gewichtchen zu klein sein, welches einer 



1) S. 15. 

2) *Aywv (2, 1), ttogaTog {\ , 15. 16), axfiQono^tjros (2, 11), ßQtScfis {2 , 16), 
^ffffiog (4, 18), fii^iatdvnv (1, 13) , fiigCg (1, 12) , nagix^iv (4, 1 wie in den Pa- 
störalbriefen), adßßitjov (2, 16), tcc^is (2, 5, nber 1 Kor. 14, 40). 

d) 'Anavtti{1y 5), kSqalog (1, 23), iiwfi (2, 18), kqt^lC^tv (3, 21), &Qia^߀v€iv 
(2, 15), Ixat'ovv fl, 12), iaoTrjg (4, 1), nad-og (3, 5), avvaixf^dXwrog (4, 10), cfvv- 
^dntiiv (2, 12), tpvaiovv (2, 18). 

4) Mayerhoff, S. 9 fg. 28 fg. 

5) Mayerhoff, S. 31. 

6) IV, 2, S. 179. 



108 Zweites Kapitel. 

sorgfältigen Rechnungsführung unter die Augen fallt, und er würde 
sich über eine so lange Reihe derartiger Desiderien nur dann beruhi- 
gen können, wenn das betreffende Schriftstück durch seine ausserge- 
wöhnliche Kürze nichts Anderes erwarten lässt. Sofern sich uns also 
der wirkliche Kolosserbrief kaum auf die Hälfte des gegenwärtigen re- 
duciren wird (III, 4), sind wir eher in der Lage, über das Fehlen solcher 
Wörter hinwegsehen und es dem Zufall zuschreiben zu dürfen, wenn 
das göttliche nvevfia im Römerbrief 30, im ersten Korintherbriefe 24, 
im zweiten 12, im Galaterbriefe 17 mal vorkommt, hier dagegen nur 
einmal i) , und zwar in einer wahrscheinlich interpolirten Stelle. Wäh- 
rend wir aber bezüglich dieses Vorkommnisses im folgenden Abschnitte 
(S. 110) noch weitere Aufschlüsse zu erwarten haben, muss hier noch 
darauf hingewiesen werden, dass es im Allgemeinen gerade die als 
echt zurückbleibenden Theile sind, welche von den in Rede stehen- 
den Ausstellungen weniger oder gar nicht betroffen werden. 

So unterliegt der echte Brief des Apostels z. B. nicht mehr dem 
sonst gegründeten Einwurfe, dass in einer so langen dogmatischen 
und indirect polemischen Partie, wie l , 9 — 23, so wenig Dialektik, 
Beweis und Folgerung begegnen 2) . Man weist darauf hin, dass der 
Kolosserbrief das yaq nur 6 mal zeige, der gleich lange Brief an die 
Philipper 14, der erste an die Thessalonicher 23, der an die Galater 
gegen 40 mal 3). Aber dieses vermisste yaQ stellt sich ja gleich 2, 1 
ein, wo der Verfasser den letzten Gedanken des Eingangs benutzt, 
uin zum wirklichen Gegenstande des Briefes überzugehen, und kehrt 
2, 5 am Schlüsse dieses Uebergangs wieder. 

Die nun folgende Warnung vor dem judaistischen Irrthum führt 
sich sofort 2, 6 ein als eine Folgerung aus dem Thatbestande des 
Christenthums der Kolosser; .vermöge einer neuen Folgerung, und 
zwar einer aus dem kurz dargelegten Wesen der Erlösungsthat 
Gottes in Christus gezogenen, werden dann 2, 16 die Ansprüche 
der Irrlehrer abgelehnt, und mit einer letzten, an Rom. 12, 1 er- 
innernden Folgerung endlich 3, 12 die praktische Summe der ge- 
gebenen Belehrungen eingeleitet. Von diesen echten Theilen des 
Briefes gilt also wirklich, was Hof mann vorschnell vom ganzen 
Schriftstücke sagt: »An Folgerungen fehlt es nicht, so weit der 
Inhalt des Briefes darnach beschaffen ist, sie mit sich zu bringen; 
aber sie vollziehen sich mit ovv , welches Paulus im Briefe an die 
Römer öfter verwendet, als dt.6 in allen seinen auf uns gekommenen 



1) Hoekstra, S. 616. 

2) Mayerhoff, S. 28. 

3) Mayerhoff, S. 12. 



3. Beide Briefe. , 109 

Schriften«^). Nicht minder paulinisch ist der hypothetische Satz 2, 20 
und dann gleich wieder 3, 3 die Beweisführung mit yaQ, Dass in 
dem eigentlich brieflichen Schlusstheile des Ganzen derartige For- 
meln nicht erwartet werden dürfen^ gilt für ausgemacht. Und doch 
begegnet selbst hier noch einmal das yaq (4, 13). 

In den Interpolationen kommt ydq nur 3, 20. 25 vor, und zwar 
einmal als Nachwirkung von Eph. 6, 1. Auch ovv steht zweimal in 
den Interpolationen, aber 3, 1 («t ovv ovvrjyeQ'd'rjTe) als Zusammen- 
fassung von 2, 16 (fÄfj ovv Tig vfiag ytQtverw) und 2 , 20 (ei äns&a- 
veve), 3, 5 (v€KQwaaT€ ovv) aber als Seitenstück zu der echten Stelle 
3, 1 2 (ivdvaaad-e ovv) . Ebenso ist das oti ev avTcp 1,16 Vorweg- 
nahme derselben Formel 1,19, welche hier und 2, 9 als echt stehen 
geblieben ist. Endlich hat sich auch 1, 9 öid tovto als original er- 
wiesen (S. 56.fg.). Wir dürfen daher getrost sagen, dass die Redetheile, 
welche auf Folgerung und Schluss hinweisen, nur gerade in den 
Interpolationen auffallend spärlich vertreten sind, wie umgekehrt die 
Beispiele »rednerisch gespannter Häufung von un verbunden gelas- 
senen Sätzen«, welche Ewald zusammen liest 2), alle entweder ge- 
radezu Interpolationen oder stark interpolirte Stellen betreffen (1, 14. 
20. 25—27. 2, 8. U. 23. 3, 5). 

3. Beide Briefe. 

l) Die Bedenken sprachlicher Art gewinnen erst dann rechtes 
Gewicht, wenn sie gegen beide Briefe zugleich gerichtet werden. 
Wenn z. B. Mayerhoff auf die im Kolosserbriefe beliebten An- 
reihungen mit nat avTÖg hinweist ^) , so gehören in Wahrheit An- 
fangsformeln wie xai adrSg^ avTog yccQf otc iv avT(p oder otl di 
avTOv, iv ((} u. s. f. zu den unentbehrlichen Mitteln des Gedanken- 
fortschrittes in beiden Briefen ; und wenn er bezüglich des Kolosser- 
briefes eine gewisse Unbeholfenheit in der Wiederholung relativischer 
Verknüpfung der Sätze, eine gewisse Gedankenarmuth in der Häu- 
fung synonymer Ausdrücke findet^), so war es leicht, ihm, der den 
Epheserbrief für das echte Original hielt, zu entgegnen, dass sich 
ja Paulus selbst hier ganz in derselben Weise ausdrücke, und Zu- 
sammenstellungen yne dvfibg und oqyrjj noqveia und axa-d-agala, 
Ta7T€ivo(pQoavvr] und TtQaiuTrjg, ipakfioiy ^(ivoi und i^öai in beiden 



1) rV, 2, S. 179 fg. 

2) Sendschreiben des Paulus, S. 468. 

3) S. 29. 

4) S. 29. 46. 



110 ZweitSH Kapitel. 

Briefen begegnen'). Ganz anders aber liegt die Sache unter unseren 
Voraussetzungen. Auf dor einen Seite verlieren , wenn der Inter- 
polatoT des Kolosserbriefes identisch mit dem Verfasser des Epheser- 
briefes ist, alle diejenigen Bedenken g^en das erste Schriftstück 
ihr Gewicht, welche sich aus dem freieren Spielraum, welchen der 
Verfasser im zweiten hatte, bereits hinlänglich erledigen. Es ist in 
der That reiner Zufall, wenn im Kotos serbriefe das Wort nvtvfia 
nur zweimal steht (1, 8. 2, 5), da der Epheserbrief sowohl das TtveGtai 
überhaupt (2, 22. 3,5) als das nvevfia Sytov insonderheit (l , 13. 
4 , 30) ohne Frage kennt. Da aber Paulus von nvevfia lov voög 
(Eph. 4, 23) schwerlich geredet haben würde, wird man es nur io der 
Onlnung finden, wenn von diesem nvevfia, wie der Autor ad Ephe- 
sios es kennt, in den echten Theilen des Koloaserbriefes die Rede 
nirgends ist. Auf der anderen Seite hat schon Baur den Eindruck, 
welchen der Kolosserbrief in sprachlicher Hinsicht macht, treffend dahin 
formulirt, dass er theilweise sei, was der Epheserbrief durchgängig — 
eine gekünstelte, in Wiederholungen synonymer Ausdrücke und 
äusserlicb an einander gereihter Sätze sich fortbewegende Darstel- 
lung^). Umgekehrt finden sich die angegebenen Eigentliümlicb- 
keiten des Koloaserbriefes alle auch im Epheserbrief. Dies gilt 
namentlich von den längeren Wortzusammensetzungen. Denn nicht 
bloB hat sich uns das Ei^ijvofcoieiv Kol. 1, 20 als ein bündiger Aus- 
druck für die Gedanken von Eph. 2, 14—17 enthüllt (S. 94) und hat 
die atax^oXoYia Kol. 3, 8 ihre nächste Parallele in der alaxQÖvijs, 
welche Eph. &, 4 als Suiai ley6ftsvov steht, sondern es finden siel 
auch gerade unter den 10 Wortern, welche im ganzen N. T. blo 
unseren beiden Briefen eignen und somit das eigenste Sprachgebit 
desjenigen darstellen, welcher den einen veriasBt, den anderen intei 
polirt hat, nicht weniger als vier derartige Bildungen, nämlich öt 
9(fanäff»axoq und o^&aXfiodovXsia Eph. 6,6^ Kol. 3, 22, fem 
änaXXtnqiova&at , welches Wort zugleich in engstem Zusamme 
hange mit der eigenthümlichen Ideenwelt des Verfassers ste 
Weil im Grunde das ganze Universum, insonderheit die Menscb 
weit auf Christus angelegt ist, sind die Heiden als solche «mjA 
t^uaftivoi TTJs ^m^S loü ^£ov Eph. 4, IS >j ; so waren einst «uob. 
Kolosser dTtTjUaiQuofievoi Kol. 1, 21, nämlicli, wie Epb. 2, 12 if 
änrjXkozQitafiivoi ttjs nolireiag zov 'loda^i. Der entspre^ 
Gegenbegriff zum »Entftemdetsein» stellt sich ein in ortojcaia." 



1) Hofmann, IV, 2, S, 180. Vgl. flbrigeiu die 
70. 71. 8& und antsn S. 114. 

2) Paulva, II, 8. 39. 
3} WeiiB, S. 470. 




a. Beide Briefe. Hl 

welches Wrm Kol. 1, 20. 21 = Eph. 2, 16 für das eiöfeche xatak- 
Xaeaeiv d«s Paulus sich findet. Auch die noch im Reste bleiben* 
den Wörter gehören theils wi^e ctv^ai^ und «qpij Eph. 4, 16 = Kol. 
2, 19 der eigenthümlichen Gedankenwelt unserer beiden Briefe an 
(auch die in solchen Zusammenhängen sich findende Form av^aiv 
steht nur Eph. 2^ 2t = Kol. 2, 19), theils sind sie gleichgültiger 
Natur wie das Vorkommen von ^i^ova&at Eph. 3, 18 = Kol. 2, 7 
und vfxvog Eph. 5, 19 == Kol. 3, 16. Hat man gegen die Beweis- 
kraft dieses ^genthümlichen Sprachgebietes geltend gemacht, dass 
die Korifttherbriefe am meisten Sna^ XeyofJievct bieten, ohne des- 
halb für iinpaulinisch zu gelten i], und kann man das Gewicht der 
unseren beiden Briefen gemeinsamen &7ta^ keyofieva dadurch noch 
für vermwidett halten, dass von diesen 10 Ausdrücken zwei auch 
nach unseren Voraussetzungen paulinisch sind, nämlich ev^h)07toitlv 
Kol. 2, 13 = Eph. 2, 5 und ^wveyeiQeiv Kol. 2, 12 (3, l) = Eph. 
2, 6, so mögen als Gegengewicht hier noch folgende Beobachtungen 
leifie Stätte finden. 1) Die Zahl der Sna^ Xeyof^eva des Autor ad 
Ephesios stellt sich in der That viel höher, wenn man die a7ta§ 
hyöfjieva beider Briefe zusammen nimmt (10 -f- 33 + 37 = 80). Bringt 
man nun auch diejenigen Wörter in Abzug, welche nach tmseren 
Voraussetzungen nur zufällige Sna^ X&/6ijl6v<x des echten Kolosser- 
Mefes sind (16, von welchen 2 in den Epheserbrief übergegangen), 
80 bleiben imtnet noch über 60 Ausdrücke, welche sonst nie mehr 
bei Paulus steiien. 2) Der Epheserbrief hat ausschliesslich gemein- 
sam mit dem Römerbriefe 7, mit dem zweiten Korintherbriefe 3, mit 
dem ersten Thessalonicherbriefe gleichfalls 3 Werter, mit dem Ga- 
later-. Philipper- und dem ersten Korintherbriefe je ein Wort, da- 
gegen mit dem Kolosserbriefe, wie gezeigt, zehn. Durch diese Ver- 
gleichung erweist sich diese, scheinbar geringe, Zahl thatsächlich 
als eine sehr grosse und der Erklärung benöthigte. 3) Sehr klein 
ist dagegen die Zahl der Wörter, welche unsere Briefe ausschliess- 
lich mit Paulus gemein haben. Es sind ihrer nur fünf: otvrjKei 
(ausser Eph. 5, 4. Kol. 3, 18 nur Philem. 8), &nk6tri^j ivioyeux, 
i^yoiga^eiv und TtagoQyl^ett. 4) Doppelt so gross ist die Anzahl 
Act Wörter, welche unsere Briefe gebrauchen, wrähre&d Paulus sie 
nur ganz selten, und z. Th. in anderer Bedeutung, anwendet^). 
5) Endlich fehlt es auch nicht ^dl Wöttern, welche in unseren 
iEMefeA tmd sonst im N. T., aber nnr gerade nicht bei Pauhis 



1) Bvamne, S. 8. 

2) *An<ir7i , aneid-eia , anox^vntetv , ßdntiafjia (nur It5m. 6, 4) , ytVBti , oi$»^ 



\\*2 Zy^eites Kapitel. 

Stehen^), und unter diesen fällt unseren Resultaten aufolge kein 
einziges in eine paulinisclie Stelle. Dagegen gehört, z. B. das Eph. 
2, 3. 4, 18. Kol. I, 21 begegnende didvoia recht zu dem charakte- 
ristischen Eigenthum unseres Schriftstellers» 

2) Lässt sich solcher Gestalt das von Paulus verschiedene Sub- 
ject des Verfassers des Epheser- und Interpolators des Kolosserbriefes 
auf lexikalischem Wege vollkommen eonstatiren, so dienen einige 
weitere Beobachtungen sprachlicher Art zur Ergänzung und Befesti- 
gung dieser Erkenntnisse. Dahin gehören zunächst eigenthümliche 
Verbindungen , welche das N. T. . ausserhalb unserer Briefe nicht 
kennt, wie ayanav zag y%^vai%ag (Eph. 5, 25. 28. 33. Kol. 3, 19), 
vloi Tfjg anei&Biag (Eph. 2, 2. 5, 6. Kol. 3, 6. Paulus kennt zwar 
die aneid^Bia Rom. 11, 30. 32, nicht aber diese Verbindung), vna- 
TLOvuv TÖig yovevoiv (Eph. 6, l = Kol, 3, 20, wofür Paulus nach 
Rom. l, 30, vgl. 2 Tim. 3, 2, Tcel&ead-at gebraucht haben würde), 
und Aehnliches mehr. 

Eine syntaktische Liebhaberei unseres Verfassers ist es, das 
Participium in der Weise der Constructio ad.synesin, anstatt auf das 
grammatische, auf das logische Subject zu beziehen. Er setzt daher 
das Particip im Nominativ, auch wenn das vorangehende Substan- 
tiv im Accusativ (Kol. l, 10. 12 = Eph. 4, 2) , Genetiv (Kol. 2, 2 
avfißvßaad'dvTegy wofür schon die ältesten Codices , avfißi^ßaa&ivtiav 
corrigiren, und Eph. 3, 18 €QQi^(Ofi€voi statt igQi^wfidywv) oder Dativ 
steht (Kol. 3, 16 iv vpav, dtddaKOVTeg nai vovd'BTOvyteg eav%avg). 
Zugleich zeigen die beiden ersten der angefülirten Fälle, dass ihm 
dies besonders dann leicht begegnet, wenn er seine Ausdrücke in 
die C/onstruction des Originals hereinschiebt. 

Endlich seien noch zwei Beobachtungen erwähnt, welche unter 
einander zusammenhängen, sich aber auf die beiden Briefe verthei- 
len. Eine Eigenthümlichkeit zunächst des Kolosserbriefes bildet 
der Gebrauch von o eativ, und zwar fast ganz im Sinne von scilicet 
und utpote 2) . Diese Neutralform ist 1 , 24 tov adfiavog avTOv o 
iatLv fi hcultjala [og ist blos von CDE und Späteren vertreten) und 
1, 27, wo ABFGH lesen tov fivOTrjQiov o (»CDE u. A. haben 8g) 
eoTLv XQiatog ebenso unanstössig, als sie auffallend klingt in Stellen 
wie 2, 10, wo BDEFG lesen o (äAC u. A. haben og) ioTiv iy xe- 
q>aXri und 3, 14 o botiv avvdeofiog (nur äD haben og, EK und Spätere 
fjttg). Auch 2, 17 liest zwar Recepta a eattv axiä twv (leXkowtop, 



1) ^Atdsiv, afAtofAog^ ßXaatprjfiia (1 Tim. 6, 4), diavoia, öoyfjta, d'Sff^Xiovv, XQa- 
Joe (1 Tim. 6, 16), t^Sri. 

2) Ewald: Sendschreiben des Paulus, S. 467. 4S3. 



4. Verhältniss zum paulinischen Sprachgebrauch. 113 

während S wenigstens durch BFG und Itala bezeugt ist: Weil aber 
alle diese Stellen dem Interpolator angehören, liegt es wenigstens im 
Bereich der Möglichkeit, auch Eph. 5,5 mit Lachmann, freilich 
nur nach KB und einigen weiteren Zeugen, welche dann aber eidwlo-' 
XcttQela haben (FG Itala, Vulgata], zu lesen S hariv sidtokolaTQfjg^). 
Damit berührt sich die andere Eigenthümlichkeit , dass in sol- 
chen Fallen das Relativ sich unregelmässig nach dem Substantiv 
des eigenen Satzes richtet. Das kommt zwar bei Paulus auch vor 
(Gral. 3, 16. 1 Kor. 3, 17), ganz besonders aber im Epheserbriefe 
(1, 14. 3> 13. 6, 17). Damit nun würde Kol. 1, 27 die andere der 
beiden eben verzeichneten Lesarten stimmen. Dagegen Kol. 3, 5 
iJTig iariv eldwloXaTQela gehört nicht hierher, weil sich das Relativ 
nur auf die vorangehende nXeove^ia, nicht aber auf die ganze Reihe 
der hier genannten Laster bezieht^). 



4. TerMltniss zum paulinischen Sprachgebrauch« 

1) Das Verhältniss der Sprache unseres Verfassers zu der pau- 
linischen — ein entscheidender Punkt fiir die Echtheitsfrage — lässt 
sich in nicht seltenen Fällen auf den Ausdruck bringen, dass jene 
sich einzelner Vorkommnisse und Eigenschaften dieser bemächtigt, 
um sie durch verhältnissmässig häufige Anwendung zu wirklichen 
EigenthümUchkeiten zu steigern. Die Sprachbildung macht in sol- 
chen Fällen, die übrigens auch sonst zu beobachten 3), ganz den- 
selben Process durch, wie nach der Transmutation stheorie die phy- 
sischen Qualitäten, durch deren Mehr oder Weniger die Verschie- 
denheit der Arten bedingt wird. 

Dieses Gesetz kommt in zahlreichen Fällen schon in rein lexi- 
kalischem Betreffe zur Anwendung, wie wenn das von Paulus in 
allen zuverlässig echten Briefen gebrauchte yviogi^ecv hier zu einem 
eigentlichen Lieblingswort erhobe'n (Eph. 1, 9. 6, 19. 21. Kol. 1, 27. 
4, 7. 9) und namentlich von dem bemerkenswerther Weise nur Rom. 
16, 26. Phil. 4, 6 vorfindlichen Passiv ein ausgiebigerer Gebrauch 
(Eph. 3^ 3. 5. 10) gemacht wird; wenn ferner des Paulus Vorliebe fiir 
die Ausdrücke heqyeiv^ ivegyelad^cct und ivegyeia wo möglich in ge- 
steigertem Grade angeeignet wird ; oder wenn der rhetorische Effect des 
wvi di (bei Paulus oft, wie Kol. 1,21) auch noch Köl. 1, 26. 3, 8 
ausgebeutet wird. Aber auch die specifisch schriftstellerische Art 



1] A. Buttmann: Grammatik des N. T.liolien Sprachgebrauchs, S. 112 fg. 

2) A. Buttmann, a. a. O. S. 241. Winer, S. 111. 157. 

3) Vgl. meine »Synoptischen Evangelien«, S. 346 fg. 354 fg. 
Holtsmann, Kritik der Epheser- a. Kolosserbrief e. B 



114 Zweites KapiteL 

unserer Briefe ist hierdurch bedingt. Mayerhoff fasst die Häu- 
fung von Synonymen als eine Eigenschaft des Kolosserbriefes ^) ; 
sie begegnet aber ebenso im Epheserbriefe ^ und nicht diese Lieb- 
haberei an sich unterscheidet den Autor ad Ephesios von Paulus 
(vgl. vielmehr z. H. Rom. 2, 7 öö^av xai Tifiifv xai a^agoiap und 
gleich wieder 2, 10 do^a nat Tifirj xai siQrjvtj), sondern nur die zur 
Manier gewordene Stärke^ in welcher sie in beiden Briefen auf Schritt 
und Tritt begegnet (vgl. S. 110). Also nicht z. B. dfy^ und Svfiog 
Kol. 3y 8 hätte Mayerhoff für diese Eigenthümlichkeit des Sprach- 
Charakters citiren sollen^); denn ebenso schreibt Paulus Rom. 2, 8. 
Wohl aber ist auf Häufung der Synonymen in ganzen Stellen wie 
Kol. 1, 9 — 12 hinzuweisen, wo fast jedes Glied doppelt ausgedrückt 
ist; oder auf solche ^ zugleich den rhetorischen Charakter dieser 
Redeweise offenbarende Beispiele eines hoch sich aufthürmenden 
Redebaues^ wie Eph. 3, 6 avyxlrjQOvo/xa xai avaawfia xai aviJLfieTO%a. 
Dass Häufungen von Ausdrücken, die demselben Stamme angehören^ 
wie Kol. 1,11 [h ndatj Svvdfiet dvvafiavfievoi). 29 {xata Tfjv ivi^ 
yeiav ttjv evsQyovfievi^v) . 2, 11 (neQieTfXT^dTjTe neqttoiJLy) , 19 [av^et 
TTjv av^atv) »verhältnissmässig häufiger als in den paulinischen Brie- 
fen« seien, bemerkt May erhoff selbst 3). Sie begegnen aber nicht 
minder oft im Epheserbrief, z. B. 1, 6 (xaQirog h y ixa^ltfacev], 
23 (to TtXrjqfOfJia tov nXrjqov^ivov) . 2, 4 [dia vtjv ayaitiriv §v lyyd- 
nfjaev). Die Gleichheit des Falles im Kolosser- wie Epheserbriefe 
und die nur relative Verschiedenheit von Paulus gibt Mayerhoff 
auf einem andern Punkte selbst zu *) , nämlich bezüglich einer drit- 
ten, an sich nicht minder richtigen Beobachtung, welche die Häu- 
fung von Genetiven betrifft, die von einander abhängen. In der 
That legen Zeugniss für diese Liebhaberei ab nicht blos Stellen wie 
Kol. 1, 12 [fisqlöa rov xXyjqov twv ayliov), 27 [nlovtog %ijg do^g 
tov fivatriQiov tovtov). 2, 2 (ftkovtog tijg 7tXfjQoq)OQlag v^g Cvviaefog). 
1 1 [dnexdvaei tov ittufiatog T^g aaQxog) oder Eph. 1 , 6 {JSitttivov 
do^g tfjg x^^^^ö? avtov). 10 (olxovofilav tov TrlrjQiofiazog tdh xai- 
Q(üv), sondern namentlich auch solche Falle, wo auf diese Weise 
ein dreifacher Genetiv resultirt, wie Kol. 1 , 20 [toil atfiatog tov 
atavQOv avtov), 2, 12 [did t^g Ttlatewg tijg heqyeiag tov x^eöS), 
Eph. 1, 18 [TvXovtog t^g do^g trjg xXrjqovofilag avtov). 19 {ipiq- 
yeiav tov xqdtovg trjg lüxvog avtoC). 4, 13 (ivdtrjta t^g nlatewg 
xai t^g sTtiyvtiaeiog toi; vlov tov d-eov . . . fihqov ^Xixiag tov TtXri- 
Qüfiatog tov Xqiatov). A'ber auch Paulus schreibt gelegentlich 
nicht blos öfioltofia elxovog ipd^aQtov dvd-qwTcov (Rom. 1> 23), sondern 



1) S. 35 fg. 2) S. 36. 3) S. 36. 4) S. 37. 



4. Yerhältniss zum pauUnischen Sprachgebrauch. 115 



^ 



such ftvfifiovBooweg vfiwv toij BQyov Ttjg stiaremq luxl vm Tti^ov 
vfjg ayanr^ (1 Thess. 1^3). rj ayantj hvog eKaatov Ttaviwv vf^wv eig 
oiJs^kovg (2 Thess. 1^3). vov ni,ov%ov vrjg xQi^OTOTtjz^g mal ^^ dvoxiig 
nal €^ fuxKQO^filag avvav (Rom. 2, 4) und gna^iafiov %a^ evcty^^ 
ysJUa» ^g 36^ ^ov XQiOfOv (2 Kor. 4^ 4) , und ao denn auch in^ 
Kolofiserbriefe nicht bloa 1,5 f(f koytfi Ttjg dltj^siag tov evayyeliov, 
sondern auch 2, 18 vjto vav vadg zfjg aagnog avTOv^), 

Eiae ganz ähnliche ßewandtniss hat es mit den Fragewendun- 
g«n £ph. 1, 18 vig imiv ^ ilntg vrjg xlrioeoig ovtov xai tig o nXoS- 
%og ^g do^g. 3, 9 leig ^ oixovoftia tov fJLVovrjqiov^ 3, 18 t/ %6 nka-r 
9og xat fiiJKOg xat ßd-d-og y.cd viljog. Kol. 1, 27 t/ to TtXovxog %^g 
So^f/g. Eine so grosse Liebhaberei der Verfasser für solche Fonnen 
zeigt, und so geläufig sie ihm geworden sind, so hat er sie sich 
doch im Anschlüsse an Paulus angeeignet, wie aus Rom. 12, 2 (tl 
m &ilijfia %ov d^eov) erhellt, welche Stelle der Autor ad Eph^eios 
zweimal r^roducirt (Eph. 5, 10. 17). 

Im Gebrauche der Bezeichnungen (6) ^IfjaoCg, (6) X^iavögy 
^iKfiovg Xquanog, h xvQiag u. s. f. soll nach Mayerhoff 2) ein cha- 
üaktedstiBcher Unterschied, nach Weiss ^j die vollständigste Ueber- 
einstimmung mit den älteren Paulinen statthaben. Nun ist bekannt- 
lich bei Paulus Kgiatogy als reines Nomen proprium, die vorherv- 
«ckende Bezeichnung ^) , und zwar kommen durchschnittlich zwei 
Fälle ohne Artikel auf einen mit Artikel. Viel seltener steht Yn^aoü^ 
Xfiatogy und die Umkehrung des Namens fast nur in der Formel 
ew X^w%(p ^IrjGov ^) . Dagegen heisst Christus sehr häufig (6) TLv^uog 
schlechdiin, in den Adressen gewöhnlich (o) xv^iog ^Irjaovg XQiavdg, 
im Context nicht selten auch 6 xi^iog ^Irjaovg, öfter noch o wifung 
^fÄoh ^Itjaovg X^iatdg *) . Ab«: auch in unseren Briefen ist (6) Xqi-r 
aisig das weitaus Ueberwiegende, während 6 ^If/aovg nur Eph. 4, 21 
steht. Dagegen schwanken die Codices in der Zt^sammensetzung 
des Namens zwischen ^Iijaovg XQiai:6g (so für sich allein und ohne 
Variänitai z. B. Eph. 1, &) und XQtatog ^Iijaovg^ welch letztere Folge 
aueh hier gewöhnlich nur in der Formel iv X^iavifi ^Irjoov {z. B. 
fiph. ^, 21) vorkommt. Schwerlich also dürfte der Gegensatz auf 
diesem Punkte auch niur so zu stellen sein, dass der Paulusschüler 
ausschliesslicher als der Meister sich an das einfache (o) XQurvog 
4iält^).. Wohl aber würde Paulus nie geschrieben haben, wie nach 
iMlen Zeugen Eph. 3, lü gelesen wird: iv ttS X^wcif ^Ifjoov tq 



1) Vgl. Win er, S. 179. 2) S. 8. 3) S. 439. 

4) Mayerhoff, S. 7. 5) Weiss, S. 304. 6) Weiss, S. 305. 

7) Gegen Mayerhoff, S. 73. 87. 

8* 



116 Zweites Kapitel. 

nvqUp ^fiwv, da er in solchen Fällen den Artikel allein zum nvQiog 
setzt. Im Gebrauche des letzteren Titels verhalten sich unsere 
Briefe ganz ähnlich wie die Homologumena^ und auch die Zusam- 
menstellungen desselben mit dem Personennamen stimmen überein 
(6 nvQtog fiiitav ^Irjaovg Xgcarogy xvQiog ^Irjaoüg XQunog) . Zweifelhaft 
ist, ob Kol. 3, 17 hvqcov ^Itjaov (BEK) oder ^Ifjaov Xqiotcv 
(ACDFG Copt. Sah. Vulg.) oder xvqIov ^Ifjaov XQiazov (») oder 
blos xvQiav (L) gelesen werden soll; unpaulinisch wäre keine die- 
ser Formeln, während als entschieden zu beanstanden^), und selbst 
nach Weiss »einzigartig«^), 6 xvgiog XQCOTog Kol. 3, 24 übrig 
bleibt, also in einer eingeschobenen Stelle. Diese Beobachtungen 
schliessen sich somit durchaus unseren schon gewonnenen Resul- 
taten an. 

2) In ganz hervorragender Weise subsumiren sich unter den 
Begriff der Steigerung einzelner Vorkommnisse des paulinischen 
Sprachgebrauches zur Eigenthümlichkeit und Manier folgende Beob- 
achtungen. Um Gedanken, zu deren Ausdruck Paulus Zusammen- 
setzungen mit TtXiov und neqiaaog^), unter Umständen aber auch 
das Zeitwort nlfjQOvv mit seinen Derivaten gebrauchen würde, in 
Worte zu kleiden, bedient sich unser Verfasser fast ausschliesslich 
des letztgenannten und verwandter Ausdrücke. Besonders dann, 
wenn gesagt werden soll, dass ein gewisser Grad, z. B. von £r- 
kenntniss, schon erreicht sei, der aber noch gesteigert werden müsse, 
begegnen daher die Wörter nXtjQOvv und nXtjQOva&at (Kol. 1, 9. 25; 

2, 10. 4, 17. Eph. 1, 23. 3, 19. 4, 10. 5, 18), dvravaTtXtiQOvv 
(Kol. 1, 24), TtXriQOifoqBiod'aL (Kol. 4, 12), nXf]Qoq)OQla (Kol. 2, 2), 
TtXria^ovri (Kol. 2, 23) und nXi^QWfia (Kol. 1, 19. 2, 9. Eph. 1, 10. 23. 

3, 19. 4, 13). Nur wenige von diesen Stellen (Kol. l, 25. 2, 23) 
kommen auf Rechnung des Paulus, während sich andererseits unter 
ihnen Srca^ Xeyöfieva wie dvravaTtXriQovv und eigenthümlich geprägte 
Begriffe wie nXi^QWficc, befinden. 

Wie nun aber F. Nitzsch richtig bemerkt^), hängt mit dieser 
Vorstellungsweise eine weitere Eigenthümlichkeit unseres Verfassers 
zusammen, nämlich seine Vorliebe für den Gebrauch von nag, welches 
nicht blos an allen Stellen, wo vom TtXtjfWfia selbst die Rede ist, 
eine Hauptrolle spielt und unaufhörlich wiederholt wird (vgl. Kol. 
1, 16—20. 2, 9. 10. Eph. 1, 10. 21—23. 3, 19. 4, 10. 13)., son- 
dern auch in zahlreidien anderen Verbindungen vorkommt, wie, um 

1) Vgl. Mayerhoff, S. 8. 

2) S. 439. 

3) Mayerhoff, 8. 12. 23. 

4) Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc., S. 30 fg. 



4. Verhältniss zum paulinischen Sprachgebrauch. 117 

nur Hauptstellen hervorzuheben, Kol. 1,9^ ndatj ao^lif %(ti av- 
viaei = Eph. 1^8^ Ttdaij aoq>i<f xal q>QOv^aei, Kol. 1^ 10 elg näoav 
dqicMtaVj iv Ttavxl eQy(p* 11 iv TtAarj dvvafiaij elg näaav vrto- 
fiovtjv Ttal fAix^oSvfiiav = Eph. 4, 2 ^and Ttdatjg Ta7teivog>goavvfjg 
xai TtQOTüftftog ^ fiera fianQO&v/iilag, Kol. 1, 28 ^ ndtrg aoq>t(f und 
zwei mal ndvra avd-QWTtov. 2, 2 elg näv to nXovtog %rjg TtXrjqO" 
q>oquxg. 19 = Eph. 4, 16 Ttäv t6 owfiot, Kol. 3, 8 %a ndvra = Eph 
4^ 31 Tcaaa Ttmqia^ tfvv Tcdajj xaxitjc. Kol. 3, 11 td Ttdvra xal hf 
Ttäaiv = Eph. 4, 6 irtl Ttdrvwv aal did rcdvtwv aal iv näatv, Kol. 

3, 14= Eph. 6, 16 eTtl näatv. Kol. 3, 20. 22 xora ftdrta. Kol. 

4, 12 Jv rtavrl d-ehljfiaxt. Eph. 1, 3 ^ Ttdarj evXoyuf. 2, 21 Tcaaa 
ohLodofiTj, 3^ 15 Tt&aa Ttaxqid, 21 elg Ttdaag Tag yevedgt A, 1^ und 
5^ 3 ana-d-aqüla näaa, 5 itag noQvog. 9 ev Ttdatj dya&waivjf, 1 3 vä 
TtarrOj Ttäv rb gHxvegovfievov. 20 Tzdvtoxe vneQ ndvxiov, 6, 13 anavta. 
Am bezeichnendsten für diese Liebhaberei ist aber Eph. 6, 18 ötd 
Ttdarjg ngoaev^^g nat deijaewg nqoaev%6pievov h nawi TiaiQtß , , . iv 
Ttdtnj ftqoaxaQTeQi^aei y^al derjoei neql ndvnov. 

Nun ist gewiss 9 dass Paulus selbst von einer derartigen Nei- 
gung nicht frei ist. Man lese nur 1 Kor. 1 ^ 5 (^ Ttavtl^ iv navri 
Xoytp aal nday yvwaei). 2 Kor. 8,7 (iv Ttavrij iv Ttdarj OTtovdy), 
9, 8 (Ttäaav x^Q^'^t ^^ Ttavrl TtdvTOze Ttaaav avTaqueiav^ Ttäv eqyov 
dyad'Sv). 11 (Iv Ttavrl elg Ttäaav aTtXdrrjTa), und die Vergleichung 
von Eph. 1, 3 mit 2 Kor. 1, 3 macht vollends deutlich, wie sich 
unser Verfasser mit dieser, ihn gleichwohl individuellst kennzeich- 
nenden Liebhaberei an Paulus anschliesst. Dass wir von einer 
solchen im Gegensatz zu Paulus reden dürfen, erhellt schon aus der 
Thatsache, dass Ttäg im ersten Thessalonicherbriefe nur 18 mal, 
hn Epheserbriefe degegen fast 50 mal , im Kolosserbriefe fest 40 mal 
erscheint, hier zuweilen selbst noch eingeschoben in die Parallelen 
des Epheserbriefes ^) . Es hängt dies wesentlich mit dem rhetorischen 
BedOrfiiisse unseres Verfassers zusammen, welches ihn auch zuweüen 
veranlasst, derartige Verallgemeinerungen und Steigerungen eines 
abstracten Begriffes da eintreten zu lassen, wo es an eigentlich con- 
creten Vorstellungen gebricht. 

Eben an letzterwähntem Punkte liegt nun auch zumeist der 
Unterschied von Paulus. Dieser schreibt Kol. 4 , 5 iv aoq>l(f Tteqir- 
Ttavetre, unser Verfasser dagegen zweimal (Kol. 1 , 28. 3, 16) 6^ 
Ttdof] aoqtlify imd es wäre ihm wohl auch pterd Ttdarjg aoq)lag nicht 
fem gelegen. Aber mit allen diesen Wendungen ist ja am Ende 
nicht mehr gesagt als mit dem einfachen iv aotpUf. Noch weit- 



1) Mayerhoff, S. 15. 



11g Zweites KapiteL 

bauschiger ist das Gewand, welches durch naatigf fta&fj^ navti und 
nAwwv Eph. 6y 18 der Aufforderung zum Gebet angezogen wird. 
Paulus, sagt dasselbe mit zwei Worten 1 Thess^ 5, 17 aihctk^mtioq 
n^üdv^ead^. Bei ihm erwachsen eben durchgängig Gedanken und 
Form mit Einem Schlag, während der Autor ad Ephesiöe bereits 
fertdge Formen YOrfindety in welche er seine Gedanken kleidet; 
dähör das ungefüge Verhältnisse welches zwischen Sache und Au»* 
druck zuweilen bemerkbar wird. Superlativische Färbung vermittelst 
des Ausdruckes irtäg hat Paulus nur in indicirteu Fällen, und das 
noch stärkere of/ro^ (Eph. 6, 13) ist ihm gauz fremd. 

3) In seinen beiden ersten Kapiteln allein braucht der Kolosser- 
brief gegen 60 mal die Präposition ev. Das Auffallende dabei aber 
, bildet QJoe Lieblingseonstruction, womach , ähnlich wie Kol. 1,11 
/ifCTo %aQ&qy so mehrfach adverbiale Bestimmungen mit Ä^ theils in- 
mitten der Sätze (2, 1 ev aaguL 2 ev ayaTCj]. 11 ip vg atteKÖveu 

qrjala. 3, \% iv r^ ^übqiti. 4, 2 ^y Bv%aqiOTiif, 11 hf yvfiif)^ 
theils aber,, und häuptsächlich, am Schlüsse derselben in kurz ab- 
brechender^ prägnanter Weise stehen. So 1,8 h nvevfieiti. 12 ^ 
T(p ffWvL 29 ^r dvvufiei, 2, 4 ii/ ni^avoXoyiif^ 7 iv €v%ctqiin;ui^ 
3^ 4 Iv do^. 18 und 20 ^i^ xv^iip. 4^ 1 iv ovqavt^. 7 ev xvfup. 
4^ 12 ^ Ttavti 9'ekrjfiaTt vov d^sov. Eine Eigenthümlichkeit des 
Ueberarbeiters ist darin um so mehr zu erkennen, als theils gerade 
seine Iate!rpoUtionen %o endigen (1, 6 iv aXtjS'elif», 28 iv XQiaup* 
2> 15 6)^ «fVTV^. 23 ovTi iv Ttfi'g Tivtjy theils aber auch der I^pheser«- 
bfief dieselbe Ersdieinung darbietet, wie i^ 4 iv ayany, 20 iv %oig 
iMtwQaviotg^ 2, 1 iv X^iavifi 'Irjaov. 22 und 3 , b iv rcvevfMXti. 
4, 2. 16 ^ dyanf], 19 iv 7tleov€^i(f. 5, 24 iv TtavrL 26 iv ^t^om. 
6, i iv nv^^f, 12 iv Toig i7röv^avlo€g, IS iv nvevpuxTi, 24 iv 
a^eoQoiff. Noch mit dem letzten Worte bestätigt sonaich 4er Krief 
di^se Manier als ihm eigenthümlich. Sie ist so charakteristisch fär 
unsere Schriftstücke als die beiden bekainnten Noten, welche in den 
Händel'6chen Oratorien so häufig an die Stelle eines eigentlichen 
Schlusses treten. 

Indessen gibt schon May^rhoff zu^ dass wir diese Schreib- 
weise autdi bei Paulus bioht vermissen^), und. vor Ailemi gik dieb 
ihondem am Schlüsse stehenden iv nvqiifi (Rom. 16, 8. U. 12. 1&..22. 
l.Kor. 4v 17. . 15 > 58. PhiL 3, l. 4, 2. 1 Thess. 3, 8). Aber ateh 
dem iv nvevpuxvv Kol. 1^8 und iv dwa^ei Kol. t, 29 könnle man 
em ^ (dt;yajU6^ v^Röm. I, 4) oder iv dvvafLet Ttvevfjm^eg (Röou 15» i9j 

16) S. 16. , . 



4. Yerhältniss zum paulinischen Sprachgebrauch. 1)9 

wenigstens! iiunitten Aeß Satzes, sogar am Ende des Satzes das xciQä 
iv nvevfian ayl(p Rom. 14, 17, das iv övvdfiet TtvevfiaTog ayiov 
Rom. 16, 13 und iv ävvaf4€i d-eov 2 Kor. 6, 7 zur Seite stellen. 
Es könnte iv ev%aqiG%lq 2, 7 oder iv ovQCtvfp 4, 1, wovon der erste, 
Fall aber streng genommen, weil die adverbiale Bestimmung von 
der gan;sen Aussage unablösbar ist, gar nicbt hierher gehört, so 
gut pauUnisch seip, wie iv za^ei Rom. 1 6, 20. iv aivlyficcTt 1 Kor. 
13, 12, iv avT(fi 2 Kor. 5, 21. iv q)6ß(f d-eov 2 Kor. 7, 1. iv TCoXhfi 
äyävi 1 Thess. 2,2. iv Ttolkij ifci^fxl^ 1 Tbess. 2, 17. In dop- 
pelter Form schliesst sogar ebenso ab der Satz Phil. 4, 19 iv d6^ 
iv XQca%(^ ^Irfiov, Auch hier ist also ein gelegentliches Vorkomm* 
niss des paulinischen Styls zur Manier gesteigert, und wir4 Asihet 
die Entscheidung' im einzelnen Falle gleichfalls nur mit me}^ oder 
weniger Wahrscheinlichkeit, das Richtige getroffen zu haben, ge- 
fällt werden können. Im Allgemeinen lässt sich nur sagen, dass * 
wir zu wenig tbun würden, wenn wir alle Formeln mit iy, nament- 
lich wo sie kurz abspringend den Schluss bilden, stehen lassfn, zu 
viel aber, wenn wir sie alle, namentlich auch die inmitten der 
Sätze befindlichen, streichen wollten. • 

Im Einzelnen wird sich dem beifügen lassen, dass zu den dem 
Autor ad Ephesios zuzusprechenden Formeln vor Allem das iv ayotTtTj 
gerechnet werden muss. Von dydfci]^ dyanäv, dyaTtfjTog und ijya- 
Jtfjfiivog spricht ausser Johannes kein neutestamentlicher Schrift- 
steUer so oft als er (vgl. V, 1, 10). So ist dydfttj das »Band der 
VoUkomme^heit(( Kol. 3, 14, welches darum ȟber Allesa muss an- 
gezogen werden. Darum sollen die Christen iv dydTty » wurzeln (( 
(^h. 3, 18), »wandeln« (Eph. 5,2), »vertjäglich« (Eph.4, 2) und »ver- 
bunden sein« (üol. 2, 2), auch »Wahrheit reden« (Eph. 4, 15), und 
«oU solcher Gestalt des ganzen Leibes oixodofifj geschehen iv dydftjj 
(Eph. 4, 16) ^), kraft welcher auch die einzelnen Glieder desselben zu 
dieser ihrer Stellung prädestinirt siud (Eph. 1, 4). 

Aber auch wo der Verfasser die dydTtrj im Original vojr^det, 
schliesst er an sie eine weitere Bestimmung nach derselben Formel 
an^ wodurch er jenem Worte gleichsam seinen Stempel aufdrückt. 
So Kol. 1, 8 die dydn;t] h nv&ifiavi, wobei der eigenthümliche 
Scdilusston schon durch die Analogien des Epheserbriefes (2, 22. 
3^ 5. 6, |6) als Eigenthum des Interpolators gekennzeichnet wird, 
lorelcher wohl an Rom. 15, 30 did T^g dydTtrjg tov Tivevfiatog ge- 
dacht hat. Paulus würde überdies hier doch wohl ttjv iv TtvevfiaTi 



1) Ueber das Nachdrückliche dieser SchlussateUi^ng yg^. Hofmann, IV, 1, 
8. 169. 



120 Zweites Kapitel. 

geschrieben haben ^ wie er z. B. Rom. 4, 11 von dixaioavvtj t^g 
nlatBfog tijg iv Tjj anQoßvatitjc spricht. 

Nicht minder muss die Schlussformel iv dXtj&eitf Eph. 5, 9. 6, 14. 
Kol. 1, 6 unserem Schriftsteller zugeschrieben werden, zumal da über- 
haupt die ali^&eia bei ihm eine eigenthümliche Rolle spielt. Es ist 
eine lediglich vage Behauptung, dass die dlij^eca in unseren Briefen 
dieselbe Stellung, namentlich auch zur dcxaLoavvrj, einnehme, wie 
in den Paulinen*), der sich folgende Beobachtungen entgegenstellen 
lassen: dass nirgends bei Paulus der aXrjd'BLay wie Eph. 4, 24 ge- 
schieht, dixaioavvTj und öaiori^g zugeschrieben oder gesagt wird, die 
Frucht des Lichtes sei iv dcxaioavvt] xal dli^^ei(fy wie Eph. 5, 9; 
dass Eph. 4, 21 xad-wg ioTtv dXtj^eca iv tt^ ^Irjaov an sich ebenso un- 
paulinisch, als formell aus der Versicherungsformel Rom. 9, 1. 2 Kor. 
11, 10 entstanden ist; dass der XSyog ^njg dlrj^elag Eph. 1, 13 eine 
viel näher liegende F^arallele an 2 Tim. 2, 1 5 als an 2 Kor. 6, 7 hat, 
wo iv X6y(fi dXrjd-eiag einfach heisst: »in Wahrheitsrede«; dass Paulus 
zwar sagt dli^d-eiav liyetv oder igeiv (Rom. 9, 1. 2 Kor. 12, 6), auch 
nävra iv dltj-d-eltjc Iccleiv (2 Kor. 7, 14), nicht aber dXiq&Btav kaJieiv 
wie Eph. 4, 25. 

Das iv Tnd-avokoyiif Kol. 2, 4 erinnert zwar an did Ttjg xf^tjoxo- 
loylag Rom. 16, 18, gehört aber aus Gründen, welche erst die Ana- 
lyse des Briefes entwickeln kann (III, 3), wahrscheinlich ebenfalls 
dem üeberarbeiter an. 

Endlich wird auch iv dvvdpiBi Kol. l, 29 dem Autor ad Ephe- 
sios zuerkannt werden können. Einerseits nämlich gebraucht Paulus 
diese Formel nur in einem ganz prägnanten Sinn vom Gegensatz zum 
sarkischen Dasein (Rom. 1,\4. 1 Kor. 4, 20. 15, 43)^), andererseits 
gehört es überhaupt zu den Neigungen unseres Verfassers, die Be- 
griffe dvvafiig und ivi^ysia zu verbinden. Es musste ihm aber hier 
ein solches iv dvvdjuec um so ungesuchter sich darbieten , als es 
Eph. 3, 7 (xaTa r^ iviqyetav vfjg dvvdfjiewg avTOv), 20 (xaror Tiyf 
dvvafitv iTjv ivsQyovfiivtjv iv fj(,uv) gerade die Parallelstellen zu Kol. 
1, 29 sind, wo er ausser Eph. 1, 19 die Vorliebe für solche Ideen- 
association oder Worthäufung constatirt hat. üeberdies hat auch 
Hof mann hier Abhängigkeit des Kolosserbriefes von Eph. 3, 20 
statuirt^). Dennoch soll die Möglichkeit nicht bestritten werden, 
dass hier die Sache sich umgekehrt verhält und iv dvvdfisi in 
Eph. 3, 7. 20 wieder zum Vorschein kommt, wie wir denn überhaupt 



1) Weiss, S. 434.. 

2) Vgl. Ffleiderer: Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1871, S. 504. 

3) IV, 2, S. 48. 175. 



5. Die Doubletten. 121 

von dem Grandsatze ausgegangen sind, im Kolosserbriefe nur das- 
jenige stehen zu lassen^ was ganz zweifellos paulinisch ist. 

5. Die Doubletten. 

Die Probe von Stylkritik, welche Ch. H. Weisse (vgl. S. 23) 
am Kolosserbrief gegeben hat, charakterisirt sich zunächst durch Ver- 
nachlässigung des Hauptanhaltepunktes, welchen ein solches Ge- 
schäft an dem synoptischen Thatbestand hat, und trägt überhaupt 
noch sehr den Charakter des primitiven Experimentes an sich. 
Schwerlich dürfte ja irgend eine genügende Veranlassung denkbar 
sein, wesshalb ein späterer Verfasser dem fertigen Briefe des Apo- 
stels gerade nur diese wenigen Worte und Verse beigefügt haben 
sollte, welche Weisse streicht i) — nämlich l, 6 mit Ausnahme des 
Eingangs (tov naQÖvtog elg vfiSg). 18 [xal avTog botvv fj Ksq>ak^ 
%ov ocifiaTog, T^g htxXtjalag) . 20 [de ovtov elre rä erci Trjg yrjg evts 
vä ev Tolg ovQavoig), 28 [vovd^Btovvreg Ttdvra av&QWTtov xal diöa- 
axovteg Ttdvra avd^Qtanov iv naarj ooq>l<jc) . 2, 1 (xai Saoi ovx staga- 
xav t6 TtQoofOTtov fiov iv aaQTil), 4 und 8 (ganz). 10 [og iaiav fj x€- 
q>ahfi naarjg agxfjg xal i^ovalag) . \\ (ev tfj dneKÖvaei %ov adfiatog 
xrjg aaQudg, h vj} TtBQtTOfÄfj tov Xqiotov) . 1 2 (^ o5 aal avvrjysQ^riTe 
diä lijg Ttiatewg r^g ivaqyalotg tov d'BOv tov iysiQavTog avTOv sk twv 
vexQtSv), 14 (Totg doyfiaatv 8 ^v VTtevavTlov fifxiv xal avTo). 16 und 17 
(ganz). 18 [d'ihov iv Ta7i€ivoq>Qoavvf] xat d'QtjO'Kelf twv äyyeXwv S 
fi'^ edgaycev ifj,ßaT€vu)v) » 23 und 4^ 9 (ganz). 

Nach unseren Resultaten streicht er bald (1, 18. 20. 28. 2, 10. 18) 
zu wenig, bald (2^ 1. 4. 8. 12. 23) zu viel. Einiges (1, 6. 2, 14) ganz 
mit Unrecht, Anderes (2, 11. 17. 4, 9) mit Recht. Und dennoch 
liegt seinen Operationen wenigstens zum Theil ein durchaus frucht- 
barer und in dem Thatbestand begründeter Gedanke zu Grunde, 
welcher nur richtiger erfasst und sicherer angewendet sei^j will. Sein 
Verfahren hat nämUch insofern einen reellen Anknüpfungspunkt, als 
er gewöhnlich von zwei Stellen, in welchen derselbe Ausdruck vor- 
kommt, die eine streicht. In der That bilden die s. g. Doubletten 
im Kolosserbriefe eine eigene Erscheinung, die darum, dass sie ausser 
dem Genannten, fast blos noch von Mayerhoff in Erwägung ge- 
zogen wurde, nicht minder merkwürdig und der Erklärung bedürftig 
isti» Wir betrachten die einzelnen Fälle — zunächst im Kolosser- 
briefe, an dem die Beobachtung bisher allein gemacht wurde. Es 



1) Vgl. die von Sülze nach des Verfassers Tode herausgegebenen »Beiträge zur 
Kritik der paulinisohen Briefe«, 1867» S, 59 fg. 



122 Zweites Kapitel. 

wird sich dabei herausstellen, dass wirkliche und echte Doubletten, 
d. h. Stellen, wo der Ueberarbeiter Ausdrücke des Originals, welche 
ihm im Ohr liegen, sofort noch einmal wiederholt, zu unterschei- 
den sind von solchen Fällen, wo der Ueberarbeiter blos seiner sty- 
listischen Grundneigung zur Tautologie und Häufung (S. 114) folgt. 

1) Mayerhoff 1) führt als erstes "Beispiel der Wiederholung 
an folgende Stellen: 

Kol. \, b fjv TtQorpiOvaate ev rip XSyip ztjg dXrjd^elag %ov evayyeXlov, 
6 TjKOvaaTS aal eTreyvwte %rjv xdqiv %ov S'BOv iv dXrj'9'eiif. 

In der That bildet die letztere Stelle das erste Beispiel der Ein- 
tragung — und zwar aus Motiven, welche später (IV, 2, 3, 3) zur 
Erörterung kommen werden. Doch kann hier schon hingewiesen 
werden auf das nad^aig , womit 1 , 7 wieder in den unterbrochenen 
Zusammenhang einlenkt. Kurz nach einander zweimal, wie es 1, 6 
begegnet j ist es noch erträglich (vgl. 1 Thess. 4, 1). Dass es aber 
sofort auch zum drittenmal erscheint, hat seinen Grund darin^ dass 
ifidd-ere^ nachdem es durch die eingeschobeneu Lieblingsideen des 
OKOveiv und der iulyvioaig von dgi' ^g fipiBQag getrennt war, einer 
neuen Einführung bedurfte, und diese Dienste leistet nun das deqn 
Interpolator noch von 1, 6 her im Ohr lieg^ide xa^(üg. 

2) Gleichfalls nach Mayerhoff 2) gehen sich zur Seite 

Kol. l, 5 Tov evayysllov. 

6 Tov TtaQOVTog eig vf^ag xaS'wg xat ev itawl T(p noofitp. 
23 tov evayyeliov ov rjnovaavSy tov xrjQvx^ivtog iv Trdmj 
xTiasL ty V7T0 tov ovqccvov. 

Der Gedanke des ökumenüsch gewordenen Evangeliums Js^elul; 
wieder, weil am Schlüsse des ersten grösseren Abschnittes, deii er 
interpolirt hat, der Ueberarbeiter auf dessen Anfang zurückblickt, 
woher er auch das ^novaaTc und die ilnlg (Kol. 1,5) gewinnt. 
Hierauf pajsst also Ewald's an einem andern Orte gemachte Be- 
merkung, dass der Autor ad Ephesios es »so sehr liebt, am Ende 
einer längeren Ausführung zu den Worten und Gedanken des An* 
fSuigs zurückzukehraia^). Aber die bereits das paulinische Maass 
einer rhetorischen Hyperbel in der Bichtung des Phantastischen 
übersteigende Bieproduction von iv Tzavrl Ttff xocfiq) beweist den 
Nachahmer, indem sie zugleich auf eine Zeit hindeutet, wo der 
ökumenische Charakter des Christenthums bereits auffällige That- 
Sache zu werden begann. 



1) S. 46. 2) S. 47. 3) Sieben Sendschreibeii, S. 213. 



5. Die Doubletten. 123 

3) Man vergleiche 

Kol. 1, 6 xal sOTCv xaQ7ioq)OQOVf.ievov xai av^av6f.i€vov nad-wg xat iv 
v^ir, afp 7^ '^fiiqag tj'KOvaotzi nai e7riyv(ai;e ttjv xäqiv tov 
d-eov 8v dltjd^eiif. 
9 öia TOVTO Tiat fjiieig afp r^g tjfiBQag ^xovaa/ÄSV. 
\0 iv nani sqyfp dyad^rp xaQ7toq)OQOvvveg %al av^avofievoL 
eig Ttjv inlyvwaiv tov d^eov. 

Wie am Schlüsse der interpolirten Stelle 1 , 9 — 23 das Tcat ev 
nanl %ff Ti6ofi(fi reproducirt ist, so der übrige Inhalt von Kol. 1, 6 
gleich am Anfange derselben. Weisse hat also die falsche Wahl 
getroffen, wenn er Kol. 1, 6 wegen 1, 9. 10 strich ^J. Auch an sich 
ist es ja das Natürliche, dass die Wiederholung der Grundstelle 
nachfolgt^ nicht aber aus Vorblick entsteht. Die Hand des Autor 
ad Ephesios lässt sich aber auch sichtlich in der Doublette nach- 
weisen. Theils verräth sie sich in der mit elg ausgedrückten Re- 
lation des Wachsthums (vgl. Eph. 4, 15), theils verwandelt sich das 
eine Mal das Medium in das Activ i^aquotpoqovfievov y 'Kaqnotpo- 
Qovweg), und wenn der Verfasser nicht auch av^dvovtsgj was ihm 
nach Eph. 2, 21 := Kol. 2, 19 näher gelegen wäre, schreibt, ist nur 
das diesmal noch nachklingende Original daran Schuld. 

4) Man vergleiche 

Kol. 1, 4 dxoiactPteg njv mlotiv v/awv. 
6 dfp^ ^g fjpiiqas rjxoiaatB. 
^ ^^ TS ^ll^^otg '^Küveapiev, - 

Nicht wie Mayerhoff meint 2), 1, 3. 8, sondern 1 , 4. 6 bildet 
die correspondirende Stelle zu 1, 9., Auch hier ist der Ausdruck das 
erste Mal im Original gegeben, während er das zweite Mal tauto- 
logiscfa erscheint und ganz nur zum Mittel sprachlicher und sach- 
licher Fortbewegung geworden ist. Namentlich soll dadurch dem 
xal fi^eig eine prägnantere Beziehung gegeben werden, als ob daran 
nicht genug wäre, dass Paulus sein Interesse um die Leser an das- 
jenige des Epaphra« anknüpft. 

5) Mayerhoff 3) vergleicht ferner: 

Kol. 1, 7 ^Enaipqa rov dyaTtrjrov avvdovlov fjiJiäv og ioTiv niardg 
V7C€Q v/xaÜv dcaxovog zov Xqcgtov, 
4, 7 Tvxiiiog 6 dyaTcrjzog ddeXg>dg xai maibg didxovog xai avv- 
dovXog iv iiVQl(f. 

Aber wenngleich die Identität des Wortvorraths beider Verse 
1) S. 59. 2) S. 46. 3) S». 46 %'. 



124 Zweites Kapitel. 

aufikllt^ so stehen sie doch schon zu weit von einander entfernt^ um 
als Doublette gelten zu können. 

6) Eine wirkliche, wenngleich an Umfang geringe Doublette 
liegt vor 

Kol. 1, 3 evxccQCOTOVfxev T(p &€(p ticctqL 

12 evxdQiarovvreg T(p Ttatqi, 

Auch hier gehört die erste Stelle dem Original an, die zweite 
ist Wiederholung des Bearbeiters. 

7) May erhoff*) macht auf die beiden auf einander folgenden 
Verse aufmerksam: 

Kol. l, 13 8g iQQvaato fj^iSg ht Tfjg i^ovaiag tov öTcotovg. 
\^ h ifi sxofiev TTjv aTtoXvTQwacv, 

Die zweite Stelle besagt blos in concreto, was in der ersten all- 
gemeiner ausgedrückt ist^j, und in der That ist es die Hand des 
Ueberarbeiters, der wir Kol. 1, 14 zuzuschreiben haben. Eine aus- 
geprägte Doublette aber liegt nicht vor. 

8) May erhoff 3) findet eine Doublette in 

Kol. 1, 15 TCQWTOTOycog naarig xr/crccug. 
1 7 xai (xvTog ioTiv nqo *ndvT(ov. 

Aber auch dies ist, wie man sieht, keine wirkliche Doublette, 
sondern beweist, wie so vieles Aehnliche, nur des Verfassers Vor- 
liebe für gleichförmige Wiederholungen. Noch, eher könnte man ja 
eine Doublette zu dem Ausdrucke von 1, 15 in 1, 18 finden: TtQtth- 
noTOüLog hl .vcSv vengwv, 

9) Dasselbe gilt von Mayerhoff's*) Hinweis auf Kol. 1, 16 
va iv %dig ovqavolg xai %a enl xrjg yrjg und ^ci bqata xai to ao- 
gara, sowie von Weisse's Schluss, wegen derselben Worte sei 
1, 20 «IVc Tci ifcl t^g y^g elV« ta ev %olg oigavoTg zu streichen s). 
Es liegt aber nur die maniermässige Tautologie des Autor ad Ephe- 
sios vor. 

10) Weisse findet auffallig folgende Parallele: 

Kol. 1, 18 avTog iatcv ^ nefpaXrj toy acifiaTog, Tfjg ixuXtjaiag. 
2, 19 t^v K€q)alijvy €§ ov TtSv %6 aw/xa . . . av^ei. 

Er streicht desshalb die erstere Stelle^). Aber sowohl diese Verse 
wie auch 2, 10 (xeqpaZr Ttdotjg dgx^S ^cit i^ovalag) verrathen nur mit 
verdoppeltem und verdreifachtem Gewichte das Hereinragen der Vor- 
stellungswelt des Autor ad Ephesios (1, 22. 4, 15. 5, 23. 30). 



1) S. 47. 2) Honig, S. 78. 3) S. 47. 

4) S. 47. 5) S. 60. *6) 8. 62. 



5. Die Doubletten. 125 

11) Eine scheinbare Doublette findet sich 

Kol. 1, 19 iv avTtp evddKtjaev näv ro nXrJQWfxa xarovnijaaL. 
2, 9 & avTifi yiazoixel n&v rb TtlijQiOfia f^g d-sottirog. 

Mayerhoff macht auf das correspondirende Verhältniss beider 

Stellen aufmerksam^ stört es aber selbst wieder, indem er ihnen 

einen ganz verschiedenen Sinn unterlegt*), während er die beiden 

Sätze vom JtXrjQwiia in Christus 2, 9 und laze TtBTiXrjQWfiivov iv 

avtip 2, 10 als Tautologie missversteht 2). Nun liegt aber gegen- 

theils die Sache so, dass das an sich unklare und vieldeutige nSv rö 

JtUjQüffza 1, 19 seine concrete Bedeutung erst aus dem Zusätze t^q 

^eomfjvog 2, 9 gewinnt, also die frühere Stelle aus der späteren 

(S. 98) , was unseren bisherigen Erfahrungen widerspricht. Eine 

Doublette also haben wir hier, aber keine solche, auf deren Grimd 

die Verschiedenheit der Verfasserschaft zu constatiren wäre, sondern 

beide Stellen sind in gleicher Weise Nachhall aus Eph. 1, 23, welche 

Parallele zugleich auch zur richtigen Beleuchtung des Verhältnisses 

von 2, 9 und 10 dient. 

12) May er hoff 3) macht femer aufmerksam auf 

Kol. 1, 20 dl avTOv dTtOTcavaXXd^ac .... elQrivoTcoirjaag dtd tov 
atfxatog tov atavqov avTOv. 

21 wvt di a7toxaTr]XXdyriZ€ 

22 ^ r(p awfiaTc Tijg aaqxbg avTOv did %ov d'avdzov. 

Aber hier würde sich der echt paulinische Ausdruck gegen die 
Regel erst in der zweiten Stelle (Kol. 1, 22, vgl. mit 20) finden. 
In Wahrheit haben wir es hier nur mit einer schon erklärten (S. 92%.) 
Häufung von ähnlich lautenden Ausdrücken zu thun. 

13) Man vergleiche 

Kol. 1, 21 wvl di dnoTcarriXXdyrjTe. 
26 wvl de €q)avßQwd7]. 

Mayerhoff sieht darin eine eigenthümliche Constructionsweise 
des Verfassers*). In Wahrheit aber ist dies eine echte Doublette, 
und imitirt der üeberarbeiter das zweitemal eine effectvoUe Wen- 
dung seines Originals (S. 113, wie deutlichst daraus erhellt, dass er 
statt yvvl di g)cev€Q€i}&ivy worauf sein Satzbau gefuhrt hätte, die dem 
Original entsprechende Form itpaveqddnrj braucht. 

14) Mayerhoff 5) fuhrt richtig an 

Kol. 1, 23 Ol; iyavof^rjv iyw HavXog ätdxovog. 
25 fjg iyevdfitjv iyd äioMvog. 



1) S. 82 fg. 2) S. 48. 3) S. 47. 4) S. 35. 5) S. 47. 



126 Zweites Kapitel. 

Auch hier, wie fast immer , wo wirkliche Doubletten vorliegen, 
bietet die erste Stelle das Original {ov und n<xvlog), die zweite die, 
diesmal recht schwerfallige Wiederholung, welche nach der Ein- 
schaltung von 1, 24 nöthig war, um die weitere Fortset^^ung des 
Paulustextes daran zu knüpfen. Auch Hof mann bemerkt, es sei 
damit auf die Näherbestimmung ytata trpf oixovofiioiv tov d-eov T^y 
öod'eiaav fxoi abgesehen i). 

15) Mayerhoff 2) führt an 

Kol. 1, 23 httfihf&SB tfj TcUnei red^efieidtofiivoi xal eS(}dioi mal fof 
/4.eTaKivovfi€voi and rijg ilTciöog tov svayyeklov ov i^xotiaftf (. 
2, 7 igQitßOfidvoi xai inomoSofiovfievoi kv avrifi Tial ßeßaioi- 
fi£V0L %fj TtUnu 7ia9(og iSidaxS^s, 

Aber an beiden Stellen wird nur eine ähnliche Gelegenheit be- 
nutzt, um paulinisches Material mit LieMingsausdrücken des Autor 
ad Ephesios auszuschmücken. 

16) Man vergleiche 

Kol. 1, 26 %6 fXVaZT^qiOV TO d7COK€K^l4.fiivOV. 

27 TO TclovTog vfjg dd^tjg. 
^y ^ iv (p elaiv Trdvreg oi ^rjaavQOi T^g aotpiag aal Tijg fm- 
aewg a7t6yLqvq)Oi, 

Diese von Mayerhoff^) erwähnte Doublette ist in Wahrheit 
eine Sachparallele von derselben Art wie No. 10. 

17) Man vergleiche 

Kol. 1, 28 vovd^eTOvvTsg navra avd-qwTtov xai Siöaa%ovteg TtAvto 
avd-qwTCOv iv Ttiajj aoqfltf. 
3, 16 €v Ttdajj aoq)l(f dcddanovreg nat vovd'eTOvvreg kav%ovg» 

Hiermit verhält es sich genau wie mit No. 5. 

18) Man vergleiche 

Kol. 2, 1 TO TtqoawTtov ^lov iv eaqxL 
5 ei yccQ xai Ty aa^i aTteifiu 

Es wird sich unten (UI, 4, 1) herausstellen, dass die Yexse 2, 1-*-^ 
ursprünglich eine um die Hälfte kürzere Fassung darboten. Der 
Ueberarbeiter, dessen Auge diese Folge von Sätzen schon überblickt, 
als er 2, 1 daran geht, sie amplificirt wieder zu geben, hat bief 4ie 
Worte iv aaQxl aus dem Satze 2,5, wozu er sofort überzuleiten 
hatte, entlehnt und damit in der Weise seiner Schlusstöne (S. 118 fg.) 
den Relativsatz gegen das folgende Vva abgegrenzt. Es war die 
sachliche Verwandtschaft beider Stellen, wcflche zu dieser Vorweg- 

1) S. 40. 2) S. 48. 3) 8. 48. 



5. Die Doubletten. 127 

nidime Anlass gab. Weisse hat also hier die Anticipation richtig 
erkannt^ nur zu weit ausgedehnt (auf ^al oaoi ov% iiiqoKav tb 7tQ6- 
öWTtov fiov iv oaQui) ^). 

19) Man vergleiche 

Kol. 2, 2 elg Tiäv to nlovTog T^g rtXrjqöqfO^iag %ijg avve'aeiog, 
elg efciyvtoüiv tov fivaTtjqiov tov d-eov. 

Diese beiden Sätze werden von Mayerhoff selbst nur als Bei- 
spiel von Tautologie angeführt 2) . 

20) M a y e r h o f f behauptet, der Angriff gegen die Irrlehrer werde 
nicht blos zwei-, sondern viermal in ähnlicher Weise eingeführt 3) , 
nämlich 

Kol. 2, 4 Tovxo de liyw ii^a (Xfj^etg vfiäg itaqaXoyll^rjTaL iv Tti- 
S^voloyiif. 
8 ßX^Ttere firj reg satai vfiäg 6 avlayioytSv dca T^g g>iXoaoq)iag. 
16 fii} ovv Tig vfxäg xgcvero), 
18 fifjdeig v/xag xazaßgaßevhw. 

Weisse lässt daher von allen vier Stellen nur die letzte stehen *) . 
Aber gerade diese ist zu streichen, weil die beiden letzteren Fäll« 
eine eigentliche Doublette darstellen, indem der Interpolator die 
Meinung des Originals fast unmittelbar nachher mit nur geringem 
Unterschied des Ausdruckes wiederholt. Dagegen ist 2, 8 schon local 
zu weit getrennt und soll auch nur im Allgemeinen nach der Rich- 
tung weisen, welche dann 2, 16 bestimmter in's Auge gefasst wird. 
Endlich 2, 4 bezieht sich gar nicht auf die Trrlehrer, sondern steht 
in engster Verbindung mit dem Gedanken 2, 1. 5 (vgl. HI, i). 

21) Mayerhoff ^) weist hin auf 

Kol. 2, 11 ^ ^ xai Ttaqietiifj^rfce fvegcTOfif^ axBiqoTVöiriTif, 
iv vy aTtsKÖvasL tov üdf^arog z^g aagyiSg. 

Aber er selbst findet darin nur Tautologie, ähnlich den Doppel- 
sätzen in 2, 13 iv ToTg 7taqa7tTW(.Laai xat tfj ängoßvarltf Ttjg oaq- 
xog^). Will man somit an beiden Stellen Anstoss nehmen, so muss 
man sowohl die Worte 2, 13 xai rfj dxqoßvOTlif tijg üccqoiig vfjmv als 
2y 11 ivvy äftexdvau tov cciftatog v^g aaqonog, als Epexegese (S. 71), 
dagegen die Schlussworte von 2, 11 iv %fj negiroiii^ tov Xgcatov als 
eigentliche Doublette zu t^ nsQttOfifj ax^QOieoiijtffi streichen. 

22) Als Doublette könnte erscheinen das Vierhältniss der Stellen 

Kol. 2, 48 ^ ta7tßivog>qoavvtj nal S'^TjOneit/ twv iyyihav. 
23 iv i&sXo&QrjOHeiff nal taf(Bi¥oq>qoavvji. 



1) S. 61. 2) S. 36. 47 fg. 3) S. 48. 

4) S. 61 fg. 5) S. 48. 6) S. 36. 48. 



. 1 



128 Zweites Kapitel. 

Aber hiermit verhält es sieh genau wie mit No. 10 , und diesmal 
streicht sogar Weisse beide Stellen als Ausflüsse derselben Inter- 
polationsmethode ^) . 

23) Eine Art von Doublette begegnet 

Kol. 3, 15 xal ei%dQia%ot ylveaS-B, 

17 eifxaqiOTOvweg %(^ d'e(^ nottql öi avTOv. 

Nach Mayerhoff betrachtet unser Verfasser diese Stelle als Ab- 
schluss der langen Kette von Ermahnungen Eph. 4, 17— 5, 20 und 
will auch das kürzere Seitenstück Kol. 3^ 5 — 17 mit derselben 
Dankformel abschliessend). Aber in Wahrheit haben wir Kol. 3, 15 
den Sprachgebrauch des Interpolators (S. 77 fg. 96), Kol. 3, 17 dage- 
gen den des Paulus (III, 4, 1) vor uns, so dass hier ausnahmsweise 
(vgl. jedoch No. 18) die Nachahmung dem Original vorangehen würde. 
In der That schreibt auch der Interpolator sein xai eix^Qi^noL yi- 
vcad-e im Vorblick auf Kol. 3, 17, aber mit dem bestimmten Zwecke, 
vor dem Abschlüsse 3, 17 noch 3, 16 aus Eph. 5, 19 den Modus des 
geforderten Danksagens vorangehen zu lassen. Die echte Doublette 
stellt sich aber sofort ein, indem er in der unmittelbar auf Kol. 3, 17 
folgenden Stelle Kol. 4, 2 richtig sein iv evxaqiöniq einschiebt, wie 
wenn er durch diesen Nachklang aus Kol. 3,17 den ursprünglichen 
Zusammenhang der Kette wieder herzustellen sich gedrungen fühlte. 

24) May erhofft) macht aufmerksam auf 

Kol. 3, 17 aal Ttäv o ti iäv TtoitJTS. 
23 8 iav 7ioiiJT€, 

Die' Parallele wird völlig, wenn man an zweiter Stelle mit der Re- 
cepta ebenfalls xal nSv o vi iäv noi^ve liest. Aber wahrscheinlich 
haben die Abschreiber nur fortgesetzt, womit der Interpolator be- 
gonnen hat, und ist die zweite Stelle um so mehr von der ersten 
beeinflusst, als die sonst gut paulinische Partikel idv sich nur an 
diesen beiden Stellen des Kolosserbriefes findet. Eine Doublette 
liegt jedenfalls vor. 

25) Man vergleiche 

Kol. 4, 7 TCt xoT ifii Ttavra yvfOQiaei vfiiv Tvxixog o ayaTtijrdg 
ädelq>og xal Ttiavog diaxovog, 
9 avv ^OvtjatfKp %ff Ttiatif xal ayan^tjf^t^ adehp^^ S$ hsviv ^ 
vfiiSv Ttdvra vfuv yytoQiovaiv %a wde. 

Hier beg^nen wir zum Schlüsse noch einer Doublette in optima 
forma, wesshalb auch schon Weisse^) und Hitzig^) die zweite 



1) S. 62. 2) Mayerhoff, S. 99. 3) S. 34. 102. 

4) S. 64. 5) S. 31. 



5. Öie Doubletten. 129 

Stelle gestrichen haben. Paulus gebraucht sonst dd€lq)6Q allerdings 
meist ohne damit verbundenes Beiwort; nur Philem. 16 steht wie- 
der der ,ad€Xg>dg dyaTttjzog, Ohne hinzugefügtes dd€Xq)6g kommt 
jedoch sowol dyaTVtjTog in Bezug auf Einen (Rom. 16, 5. 8. 9. 12. 
Philem. 1), als dyaTttjtoi als Anrede an Mehrere vor (Rom. 12, 19. 
1 Kor. 10, 14. 2 Kor. 7, 1. 12, 19. Phil. 2, 12. 4, l). Wenn sich 
nun im Kolosserbriefe einmal (1, l) dd€Xq)6g ohne Adjectiv, ein 
anderesmal (4, 14) das blose dyaTvrjtog findet, wenn ferner bei Paulus 
auch dÖ€Xq>oi (iov dyaTttjvoi auf treten (1 Kor. 15, 58. Phil. 4, 1), so 
wird man an dem dya^tirog d3€Xg>6g, trotzdem dass das Adjectiv 
hier vor dem Substantiv steht, keinen Anstoss nehmen dürfen. Um 
80 sicherer aber ist nicht blos Eph. 6, 21 die Parallele zu Kol. 4, 7, 
sondern auch Kol. 4 , 9 Nachbildung und Conservirung jener Form. 
Entspricht es doch dem sonst so knappen und wortkargen Charakter 
des ursprünglichen Kolosser briefes wenig , dass aus 4 , 7 nicht blos 
das Attribut Ttiatog nal dyarcr^bg ddeXfpogy sondern auch die Ab- 
sicht der Sendung mit denselben Worten wiederholt werden soll. 
Das einzige Sätzchen, welches 4, 7 nicht vorkommt, nämlich og 
ioTW i^ v^itjv y ke](irt dafür gleich 4, 12 wieder und ist dort als 
Attribut des Epaphras auch ganz am Platze. Somit bleibt als unserem 
Verse eigenthümlich nur der Name Onesimus, welchem er auch in 
der That, wie wir sehen werden (III, 3) , seine Existenz zu danken hat. 
Dass wir es in Wahrheit nicht mit einer Eigenthümlichkeit des 
Kolosserbriefes , sondern mit einer solchen des Autor ad Ephesios 
zu thun haben, erhellt schliesslich aus der Erwägung, dass die un- 
echten lJk)ubletten , die wir fanden, ihre Analogie in allen jenen 
Fällen haben, welche bezüglich der stylistischen Manier des Epheser- 
briefes Liebhaberei für Häufung von Synonymen, Wiederholungen 
und Tautologien beweisen (S. HO), während die echten Doubletten 
sich immer im Gefolge der Interpolation einstellen und eben dess- 
halb im Epheserbriefe, der mehr freie Reproduction als Interpolation 
ist, seltener angetroffen werden. Nichtsdestoweniger gibt es Fälle, 
welche den im Kolosserbrief beobachteten sprechend ähnlich sind. 
So ergibt sich aus der Reproduction von Kol. 1 , 25 die Doublette 
Eph. 3, 2. 7 xdqiTog tov d'sov vfjg dod^eioTjg fioi (ganz ähnlich wie 
im Kolosserbrief vermöge der Interpolation der Stelle ov iyevofiTjv 
duxjiovog wiederholt wird), und in Eph. 6, 18 wird Kol. 4, 2 yg 
jtQoaevxfj TtQoanaQteQeTfe in einer Weise reproducirt , dass im ersten 
Satztheil der 7tQoaevx^ das Synonym datjocg zur Seite tritt, welche 
dhjaig dann sofort im zweiten Satztheil abermals in derselben Stel- 
lung, nur dfesmal um die TiqooKagteQijGtg zu begleiten, wiederkehrt. 



Holtzmann, Kritik der Eplieser- n. Kolosserbriefe. 



Drittes Kapitel. 

Analyse der einzelnen Schriftstücke. 



1. Allgemeines. 

Nachdem wir sowohl auf dem Wege logischer Vergleichung der 
Parallelen als vermittelst sprachlicher Untersuchungen zu dem Re- 
sultate gelangt sind^ dass in jedem der beiden Briefe Merkmale des 
Ursprünglichen und des Seeundären neben einander her und durch 
einander laufen^ und dass insonderheit im Briefe an die Kolosser 
Spuren der Abfassung durch Pauhis einerseits, durch den Autor ad 
Ephesios andererseits sich gleichfalls durchkreuzen, gilt es nimmehr^ 
die gewonnenen Einzelerkenntnisse zu einer Totalanschauung zu ver- 
einigen. Die erste Frage, welche sich uns stellt, wird sich auf die 
Analyse des Epheserbriefes beziehen und dahin zu präcisiren sein, ob 
die Stellen , welche sich uns als abhängig vom Kolosserbriefe er- 
wiesen haben, sich von den originalen Partien in einer Weise ab- 
heben, dass aus der Ineinanderschiebung beider Bestandtheile sich 
sofort ein klares Bild des Verfahrens ergibt, welches der Verfasser 
des Epheserbriefes dem Kolosserbrief gegenüber innegehalten^ eine 
bestimmte Anschauung des Gesetzes, welches er dabei verfolgt hat. 
In dieser Beziehung machen wir demgemäss im Voraus besonders 
auf den Nachweis der sachgemässen Akoluthie aufmerksam, in wel- 
cher die einzelnen Abschnitte des ursprünglichen Kolosserbriefes 
nach einander im Epheserbriefe zur Verarbeitung kommen. Die 
zweite Frage wird dem Kolosserbriefe gelten, sofern es sich hier um 
die diurchgängige Aussonderung derjenigen Theile handelt, welche 
als ursprünglich gelten müssen. Es wird sich zunächst gleichlalls 
um Herausstellung einer consequenten und mit dem schriftstelle- 
rischen Charakter des Epheserbriefes stimmenden Interpolations- 
methode handeln, und wir weisen gleichfalls schon an diesem Orte 
auf die Folgerichtigkeit hin, mit welcher der Epheserbrief Stück für 
Stück zur Ausfüllung des Kolosserbriefes verwendet wird, während 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 131 

diejenigen Parallelen, welche den geradlinigen Fortschritt der Anlage 
des Epheserbriefes unterbrechen und durchkreuzen, sich auch in der 
That als gar nicht aus dem letzteren übertragen, sondern umgekehrt 
als Originale für ihn erweisen. Endlich wird sich fragen ; ob eben 
diejenigen Bestandtheile des Kolosserbriefes , welche solcher Gestalt 
im Reste bleiben, sich auch wirklich sofort wieder unter einander 
zu einem selbständigen Ganzen zusammenschliessen, und ob das 
auf solche Weise als unterste Grundlage beider Briefe erkannte 
Schriftstück von der Art sei, dass wir es dem Apostel Paulus zu- 
schreiben dürfen oder gar müssen. Es ist klar, dass erst der Aus- 
trag dieser drei Fragen geeignet sein kann, unseren bisherigen 
Untersuchungen einen positiven Werth zu verleihen und sie mit 
einleuchtenden Resultaten unumstösslicher Art zu krönen. 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 

Der Autor ad Ephesios hat von vorn herein fest sein, im Gegen- 
satze zu dem Original, das ihm vorliegt, universell und Ökumenisch 
gestelltes Ziel vor Augen. Daher schreibt er 1, 1. 2 keineswegs 
lediglich Kol. l, 1. 2 herüber, sondern streift auch alles individuell 
und local Bedingte des Originals ab. Wie wir das bezüglich des 
Mitbriefstellers schon beobachtet haben (S. 55 fg.), so geschieht es 
auch bezüglich der Adresse. Daher zwar IlavXog otTtdaioXog Xqi- 
anov ^Ifjoav öia S^elTJfiaTog d'sov am Anfang und xäqig vfiiv y,at 
elQTJvf] anb d-eov TTargog fjiiwv am Schlüsse. Daher aber auch die, 
auf keinerlei andere Weise aufzulösende Schwierigkeit, welche aus 
xdig ovoiv erwächst (vgl. S. 11 — 15). So gewiss damit nach Analogie 
von Rom. 1, 7. 2 Kor. 1,1. Phil. 1, 1 die Adresse angegeben wer- 
den soll (S. 12), so wahr ist es doch, was Hof mann über die ganz 
absonderliche und ungefüge Art bemerkt, wonach hier die örtlich 
einschränkende Näherbestimmung zwischen die beiden durch xal 
verbundenen und einem und demselben Artikel unterstehenden Prä- 
dicate gestellt ist, welche die Leser nach ihrem Christenstande be- 
nennen^). Aber dieser Umstand, welcher ihn abhält, die vom 
Schreiber offenbar angebahnte Adresse anzuerkennen, will eben 
einfach als Folge des mechanischen Abschreibens von Kol. l , 2 to7g 
iv KoXaaoaig ayioig xal TtiöToig adeXq>öig Iv Xqigt^ verstanden 
sein. Zuerst wurde iv KoXaaoaig, weil eine Adresse dahin, über- 
haupt eine Adresse nur an eine bestimmte Gemeinde, für diesen 
Brief nicht in Aussicht genommen war, ausgelassen und zu To7g 

1) IV, 1, S. 5. 



132 Drittes kapitel. 

sofort ceyioig geschrieben. Die Schwierigkeit hängt nämlich allerdings 
damit zusammen, dass der Schreiber den Kreis der Leser, welchen 
dieser Brief zugestellt werden sollte , nicht sofort mit örtlicher Ge- 
nauigkeit anzugeben wusste^). Doch bedachte er, dass der Brief 
jedenfalls irgendwohin laufen müsse. Auch Hof mann erkennt 
in ihm ein Umlaufschreiben und erinnert an die Offenb. 1, H ge- 
nannten sieben Gemeinden ^j. Alle sieben Namen zwischen Toig 
und ayloig einzuschalten, wäre nun völlig unmöglich gewesen. Der 
Verfasser vereinigte also vorab einmal diese beiden durchaus zu- 
sammengehörigen Wörter, um sich dann über den Modus der 
Adresse zu besinnen , wobei er sich für ein To7g ovaiv iv mit je- 
weiliger Ei^änzung des betreffenden Namens entschied. Kaum aber 
ist die Adresse in dieser, allerdings syntaktisch incorrecten Form 
eingefügt, so fährt er wieder ganz im Tone des Kolosserbriefes mit 
%al TtcGTolg iv XQioz(p fort. Stossen wird sich übrigens an der 
Stellung der Ortsbestimmung zwischen tolg ayloig und xal Ttiavoig 
weniger, wer erwägt, dass auch 1 Kor. 1,2 nach richtiger Lesart 
steht fjyiaapiivoig iv XgiaTip ^Itjaov^ vfj ovaj] iv KoQivd^^i , %kr]%oig 
ayioig, und Phil. 1 , 1 die Ortsbestimmung den Worten ovv iTCiaxoTtoig 
xat diaxovoig, wiewohl mit zu ihnen gehörig, vorangestellt ist 3). 

Nicht minder aus dem encyklischen Charakter^ welcher im 
Unterschiede zu anderen gerade diesen Brief auszeichnen soll^ ist 
sein eigenthämlicher Eingang zu erklären, der mit dem Allgemein- 
sten, dem Danke für das, was Gott in Christus der Welt gegeben 
hat, beginnt^). Darum geht im sprechenden Gegensatze zu Rom. 
1, 8. 1 Kor. 1, 4. Phil. 1, 3. Kol. 1, 3. 1 Thess. 1, 2. 2 Thess. 
1, 3. Philem. 4 der Danksagung (1, 15) diesmal ein Lobpreis Gottes 
voran in einer langathmigen , schon formell unpaulinischen Periode 
(I, 3—14), welche indessen heller und durchsichtiger wird theüs 
durch das, anstatt der hergebrachten beständigen Unterordnung und 
Anschliessung abhängiger und in einander geschachtelter Sätze^ von 
Hof mann durchgeführte System coordinirter Bestimmungen^), 
theils durch E w a 1 d ' s treffende Bemerkung, womach die drei Glieder 
des Abschnittes den drei grossen Vorgängen des christlichen Lebens, 
der vorzeitlichen Erwählung, der geschichtlich erlebten Erlösung und 
der fortdauernden Stärkung durch den Geist, gewidmet und dem- 
gemäss je mit einem elg eTtaivov Ttjg do^tjg avtov abgeschlossen und 

1) Bleek: Einleitung, S. 455. Die Briefe an die Kolosser etc., S. 182. 

2) IV, 2, S. 154. 

3) A. Maier: Theol. literaturblatt, 1871, S. 354. 

4) Mayerhoff, S. 75. 

5) z. B. S. 15. 17 fg. 21 fg. 27. 31. 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 



133 



gegen einander abgegrenzt sind*). Sonach bewegt sich die Rede 
des Briefes gleich von vom herein in freier und für die Gedanken- 
bilduug des Verfassers äusserst charakteristischer Weise durch alle 
lätufen der christlichen Heilswahrheit, von der Vorherbestimmung 
bis zur Versiegelung, hindurch 2). 

Nicht minder charakteristisch ist aber die Art, wie der Ver- 
fasser bei aller Selbständigkeit von Form und Inhalt doch auch 
wieder das Bestreben zeigt, sich möglichst im Einklänge mit pau- 
linischer Art und Weise zu halten. Vor Allem kommt in dieser 
Richtung das doppelseitige Verhaltniss zum Kolosserbrief in Be- 
tracht. Es ist nämlich letzterer in seiner jetzigen Gestalt mannig- 
fach von unserer Epheserstelle abhängig , namentlich von den Ver- 
sen 4 (= Kol. l, 22 ctylovg xat dfidfiovg -natevwTaov aitov), 
6 (= Kol. 1, 13 vlog T^g dyaTtrig). 7 (== Kol. I, 14. 20). 8 (= Kol. 
1,9^ fcaaf] ao(pi(f x. t. A.). 9 (= Kol. 1, 26 das fivar^Qiov), 
10 (=Kol. 1, 16. 17. 19. 20). 11 (== Kol. 1, 9 tov »elijfiaTog av- 
Tov. 12 xl^Qog), Dagegen beweist die Parallele Kol. 1, 5 = Eph. 
l, 3. 12. 13, dass unser Abschnitt auf dem Wege einer Erweiterung 
des Rahmens, welchen der Eingang des ursprünglichen Kolosser- 
brtefes einhielt, Entstehung gefunden hat (S. 58 fg.). Schon hier 
also, wie auch immer in den folgenden Fallen geschieht, bildet die 
benutzte Stelle des Originals nur die Einkleidung und die Gelegen- 
heitsursache für die freie Entfaltung der eigensten Gedankenfolge 
des Verfassers. Die Ideen und Ausdrücke des Kolosserbriefes über- 
nehmen lediglich die Einführung des neuen Gedankenvorrathes und 
dienen demselben auf diese Weise gleichsam zur Legitimation. 

Ja es wird schon hier, wie fast durchweg im ersten Theile des 
Epheserbriefes, der Kolosserbrief kaum stärker und ausschliesslicher 
benutzt, als auch die übrige paulinische Literatur, die dem Verfasser 
auf Schritt und Tritt gegenwärtig ist. Namentlich ist es der Eingang 
des zweiten Korintherbriefes, welcher ihm von Anfang an vorschwebt. 



2 Kor. 1. 

3. (vXoyriTOs 6 d-tbg xal tikttiq tov xv- 
qIov iifjifov ^frjaov XQiarov .... 

4. 6 naQaxaläiv rjfAae inl nday Tj} 

&Xi^H fjfitSv 6ia TTJg naga- 

xX^aetos fjg nagaxalovfjit&tt itifTol 
vno TOV S-eov, 

5. ort xaS'WS mgiaoivH ta nad-rjfiatit 
TOV Xgiatov eis ^fiäs . . . 



Eph. 1. 
3. evloyrirbg 6 d'ibg xol nnrriQ tov 
xvq(ov rffidiv *fTi(fov XqiOtov^ 6 ev' 
Xoyijaag rjfiag iv nnarji fvkoyC(f nviv^ 
fiaTixtf. 

6. dg htaivov So^tfi Tijg /«^fcxof av- 
Tov iv Tj l^ttQlTOiaev rifjLttg . . . 

8. r^g ineglaatvasv (ig fj/^iag. 



1) Sieben Sendschreiben, S. 170 fg. 

2) Honig, S. 69. 



134 Drittes Kapitel. 

Man sieht, wie die Parallele von vom herein (1, 3) eine be- 
wusste und beabsichtigte ist, mit der Zeit aber nur noch in unbe- 
wusst nachklingenden Structurverhältnissen sich geltend macht, zu- 
letzt noch im Gebrauch des gut paulinischen Wortes Ttegiaoeveiv 
(l, 8). »Die Bezeichnung Gottes als Ttaxrjq nijg do^fjg (Eph. 1, 17) 
hat ihre Analogie in 2 Kor. 1, 3 (Ttat^q rdSv oixTiQfiuh) a ^) . Aber 
auch dem prädestinatianischen Ausspruche 1, 5 (nf^ooqlaag r/ftag eig 
viod'eoiav dia ^Iyjoov Xgcatov) liegt eine Reminiscenz aus Rom. 8, 29 
(oUSg TtQoiyvWj xal TtQOWQiaev ov^ifx()Qg)Ovg %'^g eluovog %ov viov 
avtov) und Gal. 4 , 5 (Iva tipf viod^ealav aTioXafiwfxev) zu Grunde, 
wie auch der Begriff der Ttgod-eacg 1 , 9 direct aus Rom. 8, 28. 9, 1 1 
stammt 2) . Deutlicher noch ist die Einwirkung des paulinischen Lehr- 
begriffes und der paulinischen Sprache 1, 7 (^i^ ^ 8%0fxevTfjv aTtoXvTQU^ 
aiv diä tov a%f.ia%og avTOv, v^v aq)€aiv twv TtaQaTtTWfidrtüv) , insofern 
nicht blos diese Form der näher bestimmenden Apposition paulinisch 
(Rom. 8, 23 vlo&eaiav aTceycdexofxevoiy zrjv äjtolvtgwaiv tov ad/uccrog 
ijlKjiv) , sondern auch die Vorstellung der OLJtoXvtQwaig selbst der 
Stelle Rom. 3, 24 entnommen und nach Rom. 3, 25. 11, 26. 27 mit 
dem Sündopfer und der Sündenvergebung in Beziehung gesetzt ist ^) . 
Auch 1, 10 begegnen wir ähnlichen Operationen, indem das von 
Paulus (Rom. 13, 9) im Sinne verbaler Zusammenfassung gebrauchte 
ävax€q)akaiovv (sonst nie im N. T.) für den Begriff einer realen 
Zusammenfassung in Anspruch genommen und die Bildung von 
t6 7tXi^Q(0fxa zdh TcaiQOjv 1, 10 im Anschlüsse an ro jtXrjqiapia ravxQovnv 
Gal. 4, 4 vorgenommen wird. Ebenso entstammt dem Gralaterbriefe 
(3, 14 iVa T'^v ijtayyeXiav tov 7tvevfia%og Xdßwfxev diä T^g Ttiarewg) 
das Wort Eph. 1, 13 TticfTevaavreg iaq)Qayia^T€ rip nvei^ceci rfjg 
iitayyeXlag r^ otyup, wobei für die Vorstellung des Versiegeins noch 
ausserdem 2 Kor. 1, 22 zu vergleichen ist. Auf letztere Stelle sowie 
auf 2 Kor. 5, 5 weist dann auch 1, 14 die Bezeichnung des Geistes 
als aQQaßaivy wiewohl nicht ausser Acht zu lassen ist, dass dem 
Paulus der Geist selbst das Pfand ist (dqqaßwv rov Ttvevfiatog)^ wäh- 
rend er hier nur als »Angeld auf das Erbe« [dgQaßwv v^g ycXriQOvO' 
f^iag) auftritt, wozu indessen Rom. 8, 16. 17 wenigstens Anlass bot. 
Aehnlich erinnert auch eig dTtoXvtqiaaiv wieder an Rom. 8, 23, 
woran sich des Verfassers ausgeweiteter Begriff von dnoXvtqioaig 
(vgl. IV, 2, 2) anschliesst. 

1) Weisg, 8. 441. 

2) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 208. 

3) Ewald (Sendschreiben des Paulus, S. 476) notirt sogar zu der Parallel— 
stelle Kol. 1, 14: »nach Köm. 3, 21—26.« Vgl. Kitschi: Altkatholische Kirche, 
S. 98. Jahrbücher für deutsche Theologie, 1863, S. 512. 



2. Die Compositioii des Epheserbriefes. 135 

Im neuen Abschnitte erscheint nun nieder zunächst^ nämlich 
1^ 15. 16, der Eingang des Kolosserbriefes , und zwar nicht blos 
Kol. I9 9, sondern (vgl. S. 56 fg.) auch Kol. 1, 3. 4 — letztere Stelle 
in einer, durch die Yoranstellung des Lobpreises vor die Danksagung 
veranlassten Inversion (Eph. 1, 15 = Kol. 1 , 4 und Epb. 1,16 = 
Kol. 1,3). Im Fortgange begegnet 1,17 die Optativform d(fr^y 
denn so ist hier und 3, 16 zu schreiben, während 4, 29 sicher dffi 
(vgl. 1 Kor. 14, 8) steht; wie Lachmann übrigens auch 3, 16 liest. 
Nun kommt jenes d(frj zwar in den Fastoralbriefen, bei Faulus aber 
nur Rom. 15, 5. 2 Thess. 3, 16 vor, und gerade hier nicht nach 
&a, wie der Autor ad Ephesios auffalliger Weise zweimal schreibt. 

Wenn Kol. 1, 5 an die 1,4 erwähnte Ttlatig und dyaTttj sofort die 
iXTtlg sich anschliesst, so liegt auch der Nachdruck der weiteren 
Ausführungen des Epheserbriefes auf der 1,18 erwähnten ilTtlg ^) . 
Aber schon hier ist der Gedankenfortschritt selbständig geworden, 
indem der Verfasser 1, 16 an den Hauptgedanken des Originals, 
d. h. an die Danksagung, in der Weise von Fhilem. 4. Bömr 1, 9 
die Versicherung stetiger Fürbitte und an diese sofort ihren Gegen- 
stand anknüpft — Letzteres wieder in einer langen Periode (1, 17 — 23), 
welche schon 1, 18 [Ttsqm'siafiivovg rovg dq)d'alf4.ovg = 2 Kor. 4, 6). 
19 {v7ta(fßdXXov =3 2 Kor. 3, 10. 9, 14) wieder Reminiscenzen aus den 
Korintherbriefe verräth, ganz besonders aber am Schlüsse (1,20 — 23) 
unmittelbar von 1 Kor. 15, 20. 23 — 28 abhängig ist, wie die vollstän- 
dige üebereinstimmung der Ideenassociation zeigt. Denn nicht blos 
gehen beide Gedankenfolgen von der Auferstehung Christi aus, 
sondern berühren auch die Hierarchie der Engel (l Kor. 15, 24 = 
Eph. 1, 21), um von da auf die Vorstellung einer allgemeinen Unter- 
werfung unter die Füsse Christi (1 Kor. 15, 25. 27 = Eph. l, 22) 
überzugehen und endlich mit dem Gedanken td Ttdvva h Ttäatv 
(iKor. 15,28 = Eph. 1, 23) abzuschliessen (S. 96 fg.). Dagegen klingt, 
wie Eph. 1, 17 in Kol. 1, 9, Eph. 1, 18 in Kol. 1, 12. 27, Eph. 1, 19 
in Kol. 1, U, so auch Eph. 1, 20 — 23 nach in Kol. 1, 16 — 19. 
2, 9. 10 (vgl. S. 98 fg.). 

Auch Ewald hat nach Hofmann's Vorgang (vgl. S. 66fg. 104) 
auf die Zusammengehörigkeit von Eph. 1, 15 — 23 und 2, 1 — 10 
hingewiesen^) ; denn 2, 1 — 6 stellt das, was Gott an uns gethan, in 
Parallele mit dem, was er nach 1 , 20 — 23 an Christus gethan hat, 
imd 2, 7 kehrt zu dem Ausgangspunkt 1, 19 zurück, während 2, 8 — 10 
nur ein durch den Zwischenruf 2, 5 veranlasster Anhang ist^). Wie 
aber die erste Hälfte dieses grossen, solcher Gestalt von 1, 15 bis 



1) Schenkel, S. 22. 2) Sieben Sendschr., S. 175, 3) S. 179. 



136 Dritteß Kapitel. 

2, 10 sich erstreckenden Abschnittes gleichsam an den sicheren An- 
haltspunkt einer paulinischen Stelle aus dem Eingange des Kolosser- 
briefes befestigt erscheint^ so auch die zi/veite. Dabei ist es nun 
von Bedeutung, die Auswahl zu verfolgen, die der Verfasser trifft. 
Zwischen den bisher benutzten Stellen Kol. 1, 1 — 5 und 9 bot sich 
zunächst 1, 6 — 8, d. h. eine Stelle, die um ihrer directen Beziehung 
auf die persönlichen Verhältnisse der Kolosser und auf die Ver- 
dienste des Epaphras nicht zu brauchen war. Ganz das Gleiche 
gilt von Kol. 2, 1 — 5, wo die Verhältnisse des Paulus zu den Ge- 
meinden von- Kolossä und Laodicea zur Sprache kommen. Was 
zwischen Kol. l, 9 und 2, 1 in der Mitte stand — nur ganz wenige 
Verse des ursprünglichen Kolosserbriefes — das wird theilweise eben- 
falls übergangen, um später seine Dienste zu thun. Namentlich spart 
der Autor ad Ephesios die Stelle Kol. 1, 10 (vgl. S. 84), wie sofort 
auch 2,6 — 8 passend für seinen paränetisehen Theil auf. Dafür 
aber hält er sich an die Partie Kol. 1, 19 — 22 und combinirt damit 
die auf das bisher in Betracht Gezogene unmittelbar folgende Stelle 
Kol. 2, 11 — 14. Schon Eph. 1, 20 war solches Vornehmen zu be- 
merken an der vorauseilenden Einwirkung von Kol. 2, 12. Das 
zweite Kapitel aber ist nach S. 65 fg. 69 gleichsam eine zweigetheilte 
Predigt über den Doppeltext Kol. 1, 19 — 22, oder richtiger (vgl. 

5. 65-67. 71) 1, 13—22 und 2, 11—14, wobei der äussere Anlass 
zur Combination in der formellen Gleichheit von Kol. 1,21 und 
2, 13 ruht. Dennoch bewegt sich die Rede, sobald sie einmal glück- 
lich in den Haken von Kol. 2, 12. 13 eingehängt ist, ganz frei und 
originell weiter, abgesehen von gewissen paulinischen Reminiscenzen 
allgemeinen Charakters, wie sie 2, 3 [qwoev = Gal. 2, 15). 6 (= Rom. 

6, 6—11. Phil. 3, 20). 8 (= Rom. 3, 24. 28). 9 (= 1 Kor. 1, 29). 
10 (=2 Kor. 5, 17. Gal. 6, 15) begegnen. 

Erst nach vollständiger Ausführung des beabsichtigten Gedan- 
kens macht der Verfasser einen neuen Anfang in 2, 11. Die Heiden 
sind hiemach ol Xeyofievov dxQoßvaTla, nämlich von den Juden so 
genannt. So heissen sie auch wirklich Rom. 2, 26. 27. 3, 30. 4, 9. 
Gal. 2, 7, während die Juden hier und Rom. 2, 28 iy ^ aaQfKi 
TtSQiTO^iTj sind. So sehr aber hiemach die ganze Stelle im Sinne 
von Rom. 2, 26 — 29 gehalten ist^), so ist der Ausdruck ol leyofjiepoi 
aTigoßvarla dem Paulus doch fremd. Uebrigens verräth der Ver- 
fasser von 2, 11. 12 zugleich einiges Gedächtniss der Aussage 1 Kor. 
12, 2 und lässt auch die Bündnisse und Verheissungen Israels aus 
Rom. 9, 4. Gal. 4, 24 nicht dahinten. Während diese Parallelen 



1) Ewald; Sieben Sendschreiben, S. 181. 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 137 

aber nur auf vielleicht uubewusster Erinnerung beruhen , greift er 
mit Bedacht und üeberlegung auch im Beginne dieses zweiten Ab- 
schnittes des Kapitels wieder auf Kol. 1^ 21. 22 zurück^ um jetzt erst 
die Reproduction des Inhalts dieser Stelle zu vollenden (S. 69%.), na- 
mentlich Kol. 1, 22 in Eph. 2, 16 zu umschreiben (S. 96) ; und zwar 
setzt sich auch nunmehr die 2, 1 fg. begonnene Combination mit Kol. 
2, II %. fort, wie namentlich Kol. 2, 14 in Eph. 2, 15 auflebt. In 
der Hauptsache aber bewegt sich unser Verfasser, nachdem er den 
neuen Redekranz an die beiden eingeschlagenen Nägel seines Ori- 
ginals aufgehängt, durchaus selbständig in der Entwickelung seines 
Themas, welches der Einführung der Heidenchristen in eine mit 
Israel ebenbürtige Stellung im Gottesreiche gilt. Denn in allen 
weiter noch begegnenden Parallelen liegt die Abhängigkeit wieder 
auf Seiten des Kolosserbriefes ; so Kol. l, 10 = Eph. 2, 10. Kol. 
1, 20. 21, soweit die Stelle interpolirt ist, = Eph. 2, 3. 12—17. 
Kol. 2, 7 [ijtovKodofiovfiBvoi) = Eph. 2, 20. Kol. 2, 11. 13 = 
Eph. 2, 11. Kol. 2, 14 [xdig doy^aaiv) = Eph. 2, 15. Kol. 3, 6. 7 = 
Eph. 2, 2. 3. Kol. 3, 15 == Eph. 2, 16. Dagegen ist im Epheser- 
briefe 2, 18 der Einfluss von Rom. 5, 2, ferner 2, 20. — 22 ein solcher 
theils (Grundstein und Bau) von 1 Kor. 3, 9 — 11, theils (Gemeinde als 
vadg ayiog) von 1 Kor. 3, 16. 17. 6, 19. 2 Kor. 6, 16 bemerklich. 
Auch im zweiten Kapitel also begegnet wesentlich dieselbe Erscheinung 
wie im ersten : innerhalb des allgemeinen Rahmens paulinischer Welt- 
anschauung relativ originale Gedankenreihen, welche mit Hülfe 
passender Stellen des Originals eingeführt werden, darüber aber die 
dem Paulus eigene planvolle Anbahnung und Vorbereitung ver- 
missen lassen^). 

Der Ausführung eines ganz neuen Gedankens ist das dritte 
Kapitel gewidmet, indem es zeigt, wie das Geheimniss Gottes, wor- 
xxach auch die Heiden zum Heile berufen sind, seinen Träger und 
ilerold im Apostolate des Paulus gefunden habe. Auch hier schliesst 
^ich der Verfasser wieder an ein Datum des Kolosserbriefes an; er 
K^^ehrt nämlich zu der zuvor ausgelassenen Stelle Kol. 1, 23 — 29, 
c^. h. aber zunächst zu den vom heidenapostolischen Berufe des 
K^aulus handelnden Versen Kol. 1, 23. 25 zurück, deren Inhalt er 
i- :n»pas8endster Weise an die vorangegangene Ausführung über den 
^^Sintritt der Heiden in die Kirche anknüpft. Während aber die 
^jrTundstelle im Zusammenhange des Eingangs des Kolosserbriefes 
^^aiir ein fliessendes Moment ist, muss ihr Subject iyw IlcevXog hier 
^sinen neuen An&ng bilden, über welcher Procedur vorläufig das 



1) Honig, S. 71. 



]38 Drittes Kapitel. 

Prädicat verloren geht (vgl. S. 90). Zugleich wirkt auch der mit 
ei ye beginnende Bedingungssatz Kol. 1 , 23 in der an sich so selt- 
sam und unmotivirt scheinenden Redeform ä ya tjnavoavs v^v ohio- 
vofiiav 3y 2 nach, die übrigens in ihrem weiteren Inhalte einer 
unbewussten Erinnerung an den Gegensatz Gal. 1 , 13 i^xoüacnr« 
Tfjv i^rjv ävaavqoqffjv Tcore iv t^ ^lovdaiofKp entflossen sein mag^). 
Die Herübernahme des fX ye aber ist um so merkwürdiger, als der 
Autor ad Ephesios, wo er zum zweiten Mal ein eX y% gebraucht 
(4, 21) , die im ursprünglichen Kolosserbriefe dem Verse 1, 23 ganz 
benachbarte Stelle Kol. 2, 6. 7 reproducirt. Ferner stammt die ohudvo-- 
Uta T^g xcr^ero^ tov ^eov T^g do&slarjg fioi sig vfiag Eph. 3, 2 aus 
Kol. 1, 25 (S. 59). Wenn der Verfasser aber diesen Ausdruck an 
die Stelle der oixovoinia tov d-eov fj do&eioa jlioc des Originals setzt 
und bei abermaliger Reproduction (vgl. S. 129) desselben Eph. 3^ 7 
von einer dwQsa vrjg x^Q'''^^S ^^ d'sov ^ dod^eiad fdoi redet, so ist 
er von der Erinnerung geleitet, dass Paulus die Kegriffe x^Q^S ^uid 
didovai so und ähnlich sonst zu verbinden pflegt (Rom. 12, 3. 6. 
15, 15. 1 Kor. 1, 4. 3, 10. 2 Kor. 8, 1. Gal. 2, 9. Vgl. 2 Tim. 

1, 9), wie auch namentlich die Form id&di], welche bei der dritten 
Reproduction an die Stelle des Particips tritt (Eph. 3, 8), auf dem 
Nachklang beruht, welchen Stellen wie 2 Kor. 12, 7. Gal. 3, 21 
(vgl. 1 Tim. 4, 14) im Geiste des Verfassers zurückliessen. Andere pau- 
linische Reminiscenzen , die ihn unbewusst leiten, liegen zu 3, 2 in 
Gal. 1, 16 [anonahüipai %6v v\6v avTov €v ifioi^ %va evayyekl^wfiai 
avTOv iv Tolg e&veaiv). 2, 7 (ftenlatevfiai vo evayyiliov), 8 (eig 
Ta ed^tj) und zu 3, 3 in Gal. 1, 12 {Tta^dlaßop di aTtoxalvipewg). 

2, 2 (ytatä aTroxalvipiv. Vgl. Rom. 16, 25). Auch die missliclie 
Stelle 3, 4 (vgl. S. 7) mag wohl ursprünglich Nachahmung von 
2 Kor. 1 1 , 5. 6 sein und soll hier nur noch einmal auf die «nt- 
scheidende Wichtigkeit der im zweiten Kapitel vorangegaDgenen 
Ausfuhrungen hinweisen. 

Kaum aber hat solcher Gestalt unser Verfasser mit Mitteln des 
Originals und anderer pauUnischer Aussagen den Begriff eines dem 
Apostel anvertrauten Offenbanmgsinhaltes erreicht, so fühlt er sich 
auf dem Punkte, wo er eine ihn besonders beschäftigende Idop des 
Weiteren aus einander legen kann, nämlich die des s. g. fivavTjQ^v 
als eines auf die Allgemeinheit des Heiles zielenden göttlichen Welt- 
planes , bezüglich* dessen vor der neutestamentlichen Zeit absolutes 
Dunkel geherrs6ht hat. Gewonnen hat er auch diese Anschauupg 
allerdings aus Paulus. Sie ist eine Frucht des Nachdenkens über 



1) B. Bauer^ 8. 107. 



2. Die Composition des Epheserbriefes, 139 

1 Kor. 2, 1. 7—11 und Rom. 9, 23. 11, 33. Wie l Kor. 2, 1 von 
einem fivtni^Qiov %ov d-eov , l Kor. 2 , 7 von der aoq)la tov d^eov 
^ a7ioxei€QVfifjiivf] die Rede ist, welche Paulus nur iv f^ivaTrjQitj) ver- 
kündet, so Eph. 3, 3. 4 von einem ^vav/jqiov, in dessen Besitz Pau- 
lus ist, und 3, 9 von einer ohiovo^ia nov ^vartjQiov \tov dTtoxexQVfi- 
iJL&fOv. War es aber nach letzterer Stelle arto %wv aldvwv iv %(fi 
9-6^ und nach 3 , 5 ereqaig yevealg (das Wort in den Faulinen nur 
Phil. 2, 15) ovx iyvwQUfdTi , so ist auch dies nach 1 Kor. 2, 7 zu 
verstehen, wo es von der verborgenen Weisheit Gottes heisst ijv 
TtqowQiaev 6 S-eog tvqo twv alwvwv elg do^av '^fdojv. Dem entspricht 
genau Eph. 3, 10. 11 iva yvwgiady fj aoq>la tov d-eov natä TtQd- 
9bolv vüiy alwvwv. Die do^a aber erscheint 3, 16 in der prägnan- 
ten Verbindung t6 TtXovtog t^q do^tjQy welche aus Rom. 9, 23 ge- 
wonnen ist (S. 91) und selbst wieder an das ßd-d'og tvXovtov Rom. 
11, 33 erinnert, wo auch die dvB^i%vlaa%OL oöot avrov vorkommen. 
Daher fliesst Eph. 3, 8 die Bildung %b äve^ixviaatov TtXovnog tov 
X^iOTOv. Nur in diesen beiden Stellen kommt avs^i^vlaoTog im 
N. T. vor — ein Beweis der bestimmten Abhängigkeit. Die Vor- 
stellung endlich, dass Gott uns geoffenbaret hat, was kein Auge 
gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen 
(1 Kor. 2, 9), wird Anlass zu einer Grundthese des Epheserbriefes, 
womach erst den »heiligen Aposteln« (so nie sonst im N. T.) das 
von Alters her verschwiegene Geheimniss kund gethan worden sei 
(3, 5 vvv d7t€xalvq>d7] ToXg ccyloig ctTtooToXotg avTOv xat 7tQoq)rjTaig 
ev TUveviiKXTi = 1 Kor. 2, 10 ij^uly de dneKaXvipev 6 d-eog öiä tov 
Ttv^vfiOTog avTOv) . Den Inhalt dieses Geheimnisses aber bildet nach 
3, 6 die Wissenschaft, dass die Heiden seien crvyyclriQOvdfia nai avfx- 
fieroxa ^g €7vayyeXlag — nach Gal. 3, 29 [a^a tov J^ßgaä/x OTtiq^ia 
ioTe HOT irtayyeXlav y^krjqovofioi ^ vgl. Rom. 4, 12 — 16). Ganz an- 
erkannter Weise endlich ist 3, 8 ifiol Tip ilaxi'OtOTiqq) ndvTwv dylwv 
ed69ri fj %dqig avTi] nach 1 Kor. 15, 9. 10 und iv Tolg edveaiv evay- 
yeXlaaad'ai t6 Ttkovrog tov XfOtaTOt; nach Gal. 1, 16 geformt. Wenn 
Paulus sagt d'iaTQOv iyen^dTj^sv dyyiloig (1 Kor. 4, 9, vgl. auch 
1 1 5 1 0) , so wird dies für unseren Verfasser um so mehr Anlass, 3,10 den 
durch die Apostel publicirten Weltplan Gottes Talg dgxatg aal Talg 
i§ovalaig iv Tolg iTtovqavioig kund gethan werden zu lassen. Im 
XJebrigen wirken noch folgende paulinische Momente auf seine Denk- 
und Ausdrucks weise ein: Rom. 5, 2 (die Ttqoaayibyfj durch Christus 
zum Vater = Eph. 3, 12). 7, 22 (der saw äv&qwTtog = Eph. 3, 16). 
11, 4. 14, 11 (die Kniebeugung vor Gott = Eph. 3, 14). 1 Kor. 
2, 14 {yvwvac = E^h. 3, 19). 8, 1. 13, 2. 8 (die die yvwaig über- 
steigende dydnri = Eph. 3, 19). 8, 5 [uTe iv ovQovtf filW iTcl y^g = 



140 Drittes Kapitel. 

Eph. 3, 15 ip ovQavotg xal iitl y^g). 2 Kor. 4, !6 {fitj iyyiax€iv'= 
Eph. 3, 13. 6 kaw&€v äv»Q(07tog = Eph. 3, 16. Vgl. S. 90). 7,4 
(die Hitpig = E^h. 3, 13 (Vgl. S. 91), vielleicht auch Phil. 2, 10 
(= Eph. 3, 14). 4, 7 (= Eph. 3, 19). 

Innerhalb dieses allgemeinen Rahmens der paulinischen Ideen- 
welt erfolgt die Ausführung des oben angegebenen Lieblingsthemas 
auch hier in selbständiger und eigenthümlicher Weise, so dass wir 
in Kol. 1, 26 nur einen minder klaren, zusammengepressten Auszug 
der Eph. 3, 3. 5. 9 aus einander gelegten Gedankenreihen erkennen 
konnten (S. 49 fg.), wogegen umgekehrt Eph. 3, 9 <pünlaai navrag 
in Kol. 1, 28 vovd-evovvreg vtdvra avd'Qwnov Yxxi diddaxovreg Ttdvra 
avd-Qwnov eine breitere Ausfuhrung findet. Original ist femer Eph. 
3, 9. IG (gegen Kol. 1, 26. 27). 13 (gegen Kol. 1, 24). 16 (gegen 
Kol. l, 11). 18 (gegen Kol. 2, 7). Mit 3, 19 ist die Rede zu ihrem 
Ausgangspunkt 1, 17 — 1 9 zurückgekehrt ; es folgt daher der Abschluss 
3, 20. 21 = 1, 3 — 14^). Erst bei Compositiou dieser volltönenden 
Schlussverse greift der Verfasser wieder auf das Original, und zwar 
richtig gleichfalls auf den Schluss des parallelen Abschnittes, also 
auf Kol. 1, 29 zurück 2), welche Stelle er schon 3, 7 einmal, aber 
nur um sofort eine selbständige Ausführung daran zu knüpfen, ge- 
streift hatte. 

Nachdem so der Kolosserbrief bis 2, 15 die Motive zu den Aus- 
fuhrungen der ersten Hälfte des Epheserbriefes geliefert hat, fallt in 
letzterem die Stelle Kol. 2, 16 — 3 , 4 , weil der Polemik gegen Irr- 
lehrer gewidmet, also dem allgemeinen Zwecke der Encyklica fremd, 
aus. Dass der Verfasser aber die echten Theile jener Stelle kannte, 
erhellt theils aus der Charakterisirung des vofiog twv ivroXwv Eph. 
2, 15 durch den aus KoL 2, 20 fliessenden (S. 73) Zusatz iv dSyfiaaiv, 
theils aus dem ^vaxrjQiov aTcoxexQVfdfiivov ßv «r^ &e(p Eph. 3, 9, 
welches deutlich an Kol. 3, 3 ^ ^w^ vfiwv nenqvTtxac iv nß ^&&ß er- 
innert*^). Da nun aber Kol. 3, 5 — 11 selbst Interpolation ist (S. 78%.), 
so beginnt der Verfasser seinen zweiten Theil Eph. 4, 2 richtig mit 
Reproduction von Kol. 3, 12. 13, um nach Einschub einer vom Ko- 
losserbriefe unabhängigen Schilderung der sittlichen Zustände des 
Heidenthums wieder eben hierauf zurückzugreifen (4, 32. 5, t. 2), 
wie das oben (S. 76 fg.) nachgewiesen ist. 

Wir gehen von dieser allgemeinen Uebersicht des vierten Ka- 
pitels zur Construdtion desselben im Detail über. Weil gemäss den 



1) Ewald, S. 187. 

2) Ewald, S. 188. 

3) Bleek, S. 243. 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 141 

nach voraufigehendem Amen neu anhebenden Charakter desselben 
sein Eingang einer gewissen Feierlichkeit bedarf, erinnert sich der 
Verfasser zunächst an das TtaQCCKaXw ovv vfiäg^ womit Paulus Rom. 
12 y 1 nach gleichfalls vorangegangenem Amen seinen praktischen 
Theil eröffnet^). Schon Theodor von Mopsuestia hat auf diesen 
gleichförmigen Anfang des praktischen Theiles beider Briefe auf- 
merksam gemacht^). Der Briefsteller bezeichnet sofort noch einmal 
das Subject der ganzen Ansprache förmlich als iyw o dea^iog h 
xvQUfi y wie 3, 1 ähnlich geschrieben war, um sodann diejenigen 
Theile des Kolosserbriefes zu reproduciren , welche er sich als Ma- 
terial für diese zweite Hälfte theils zurückgelegt, theils vorersehen 
hatte. Jenes war der Fall mit Kol. 1,10 neQinavrjaai vfiäg a^iwg 
Tov 9^eov, was er, weil es ihm den Uebergang zur Paränese zu früh 
bahnte, bisher nicht hatte brauchen können (S. 136). Die Abwand- 
lang des d^iwg %ov ^eov in ä^iwg Trjg -AXrjaewg geschieht in Er- 
innerung an 1 Thess. 2, 12 (d^iwg tov xalovvcog vfiag) und ganz 
in dem Sinne, wie Paulus seinen Gemeinden als, nhfiioig dyloig schreibt 
(Rom. !,•?. 1 Kor. l, 2), um sie sofort an den allgemeinen Christen- 
beruf zu erinnern 3). Es ist damit nur ein anderes Stadium dessel- 
ben Processen hervorgehoben, an welchen auch die Anrede Kol. 3, 1 2 
hüiexvot TOV '9'eov ayioi mal i^yaTttjfiivoi erinnert. Schon hier also 
schwebt Kol. 3, 12. 13 vor, welche Stelle jetzt auch wirklich re- 
producirt wird (S. 76 fg.), während umgekehrt Eph. 4, 3 auf Kol. 
3, 14 und das ^ owfia Eph. 4, 4 auf Kol. 3, 15 einwirkt. Denn. . 
schon Eph. 4,3 war der Punkt wieder erreicht, wo des Verfassers 
eigene Ideenwelt lebendig wird. Wie nämlich der Begriff der Kirche 
das Centrum derselben bildet, so fasst sein paränetischer Theil jetzt 
(4, l — 6) vor Allem diejenigen Pflichten in's Auge, welche sich aus 
:ihrer Allgemeinheit und Einheit ergeben, um erst von da zu der 
Vielheit von Lebensstellungen überzugehen , welche sich für die 
<3rlieder der Gemeinde ergeben (4, 7 — 16)^). Hier also tritt wieder 
^er Fall ein , dass die Rede vom Original des Kolosserbriefes sich 
«mancipirt, um nur in allgemeineren paulinischen Reminiscenzen 
^weiter zu schreiten. Doch hat in dem, was 4, 3 von der Liebe 
gesagt ist, Rom. 13, 10, und in dem, was 4, 4 von ^V owfia nai )bv 
r^tvevfjia steht, t Kor. 10, 17. 12, 4. Rom. 12, 5 sein Echo. Dass 
^bei %aXelv statt des beliebten elg vielmehr mit kv construirt wird, 
geschieht in Gemässheit von 1 Kor. 7, 15. Fer^ier klingt 4, 5 in 

1) Ewald, S. 188. 

2) Bei Pitra, a. a. O. S. 97. 

3) Ewald, S. 1S9. 

4) Ewald, S. 188. 



142 Drittes Kapitel. 

elg xv^og 1 Kor. 8^ 6. 12 ^ 5 und in )h ßaTVTiafia 1 Kor. 1, 13^ 
ebenso 4^ 6 in sig ^sög b Ttav/jq Rom. 3^ 30. 1 Kor. S^ 6. 12, 6^ 
endlich 4, 7 in der individuellen Vertheilung Aer xaQig^RJam, 12, 3 — 6. 
1 Kor. 12, 7 — 11 an^j. Dass die Reihenfolge der Aemter 4, 11 auf 
1 Kor. 12, 28 (vgl. auch Rom. 12, 6 — 8) fusst, ist ziemlich allgemein 
anerkannt, und ergeben sich, wie sich zeigen wird (V, 2, 1) aus der 
Differenz beider Stellen wichtige Folgerungen. Auch in nqbg Toy 
xataQTiaiJ.dv rcDv ayiwv . . . elg oiTLodofirjv tov awfuxtos tov Xqiotov 
4, 12 drückt sich vielleicht noch eine Erinnerung an 1 Kor. 14, 26 
ndvta TtQog olnodofiriv yivia&w, noch mehr an 2 Kor. 12^ 19 va di 
7tav%a VTtBQ vrjg v(j,wv olnodofi'^g , in d^fjxP'evovreg iv dyanj] 4', 15 
eine solche an Gal. 4, 16 (nur an diesen beiden Stellen findet sich 
das Wort) ab, während die ausführliche Beschreibung der Einheit 
des Allgemeineren und des Besonderen im Organismus 4, 16 auf 
Rom. 12, 5. 1 Kor. 12, 12 ruht, wiewohl der intransitive Gebrauch 
von av^dveiv 4, 15 darthut, dass wir es nicht mit Paulus selbst zu 
thun haben, welcher das Wort nur sensu transitivo gebraucht (1 Kor. 
3, 6. 7. 2 Kor. 9, 10). 

Das Yerhältniss zum Kolosserbriefe kommt in dieser ganzen 
Partie, a.bgesehen von dem Nachklang von Epb. 4, 16' in KoL 2, 2 
(S. 50). 19 (S. 51 fg.), nur 4, 14 in Frage. Es ist dies die einzige 
Stelle, welche von dogmatisch-polemischem Klang begleitet ist und 
desshalb schon an sich dem Thema des Kolosserbriefes, srpeciell aber 
der Stelle Kol. 2, 8 correspondirt. In der That entspricht das nsot- 
ifiqeiv Eph. 4, 14 dem oykayfoyelv Kol. 2,8, die dcdaffnaXia dort 
der q>iXoaog)la hier, der navovQyla und ^ed^odsia dort die x«i^ dnctTf/j 
hieri, der xvßsia twv dvd-qwndov dort die Ttagadooig %iaif dv&QiiTtmif 
hier. Nun wird sich aber zeigen (III, 3) , dass die xev^ dfBaTrj des 
Kolosserbriefes zwar dem Ephescrbriefe , aber gerade nicht dieser 
Stelle, sondern einer späteren (5, 6) ihre Entstehung verdankt, und 
für die naqadoaig twv dvd^wnwv wird sich gleichfalls eine andere 
Quelle darbieten (V, 1, 3). Im üebrigen steht Kol. 2, 8 unab^ 
hängig da; aber auch im Epheserbriefe ist die ganze Ausführung 
der Warnung so original, dass man höchstens eine nebenher lau<- 
fende Einwirkung der Erinnerung an Kol. 2,8, soweit die Stelle 
ursprünglich ist, also namentlich an die Warnung vor dem avkaytih- 
yeiO'd'ai did v^g q)iXoao^letg annehmen kann, und auch diese Ab- 
nahme findet ihre Bestätigung nach S. 60 erst darin, dass im un- 
mittelbar Folgenden Reminiseenzen aus dieser Partie des Kolosser- 
briefes fortdauern und noch stärker hervortreten. 



1) Hoekstra, S. 647. 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 143 

Erst jetzt tritt der Verfasser seinem Publicum naher ^ indem er 
den heidenchristlichen Charakter desselben schärfer in's Auge fasst ^) . 
Wie aber bei den bisher noch aufgesparten Theilen deh Kolosser- 
briefes (S. 136) zu Beginn des vorigen Abschnittes Kol. 1,10 (=Eph. 
4y 1) zur Verwendung gekommen war, so nach dem oben (S. 60) 
Festgestellten jetzt Kol. 2, 4. 6—8 (= Eph. 4, 17. 20. 21). Weiter- 
gehende Abhängigkeit vom Kolosserbriefe findet auch in dem nun- 
mehr zu besprechenden Abschnitte Eph. 4, 17 — 24 nicht statt, wohl 
aber ist es der Epheserbrief, welcher nicht blos die Ausdrücke aTtfjl" 
kovQuafiiifovg Kol. 1, 21 (^= Eph. 2, 12. 4, 18) und dxa&aQola mit 
Ttleeve^ia Kol. 3, 5 (= Eph. 4, 19), sondern auch Kol. 3, 9 — 11 
die Unterbrechung der Paränese durch die Reproduction von Eph. 
4, 22—24 (vgl. S. 81. 83) veranlasst hat. 

Wie nun aber in unserem Abschnitte die Paränese 4, 1 selbst 
der Form nach wieder aufgenommen wird, so auch die dort schon 
unternommene Reproduction von Stellen des Römerbriefes. Nur ist 
es diesmal der Abschnitt Rom. 1, 21. 22. 24, im Anschlüsse an 
welchen einleitungsweise (S. 81) Eph. 4, 17 — 19 ein Bild der mo- 
ralischen Sachlage in 'der Heiden weit entworfen wird. Dabei verräth 
schon die den Heiden zugeschriebene äyvoia 4, 18 den Nachbildner 
(soost noch Apg. 3, 17. 17, 30. l Petr. 1, 14). Nach Vollendung des 
Gremäldes wird 4, 20.21 sofort an den absoluten Gegensatz des christ- 
lichen und des heidnischen Bewusstseins erinnert, welcher identisch ist 
mit dem Gegensatze des naXai6g und des xaivog av&quMtog 4, 22 — 24. 
Auch diese letztgenannten Begriffe ruhen übrigens auf paulinischer 
Grundlage 9 da der nahxibg avd-gwTtog in Rom. 6, 6, der q>S^€iQÖ- 
ßt9Pog 4 , 22 in 2 Kor. 11,3, die Aufforderung zum dvaveovad-ai^ 
T(ß TipevfxaTL Tov voog 4, 23 in Rom. 12, 2 {fi€Taf40Qq>ovad'ai ifj 
dvamaivwaei lov voog) , der %aiv6g av&QWTtog 4 , 24 sowohl in der 
Maiponjg ^(oijg Rom. 6,4, als in der Aussage 6 €G(o&€v av&Qtoftog 
^iptncaivwTai 2 Kor. 4, 16 und in der xaiv^ xTlaig Gal. 6, 15. 2 Kor. 
h, 17, das Bild hdvea&ai endlich in Rom. 13, 12. 14. 1 Kor. 
15, 53. 54. Gal. 3, 27. 1 Thess. 5, 8 hinreichende Parallelen hat 2). 
»Nach dieser noch immer mehr allgemein gefassten Ermahnung 
laset sich nun die Rede 4, 25 — 5, 21 näher in die einzelnen Tugen- 
den und Laster herab , jene empfehlend , vor diesen - ernst war- 

"mend als wollte er hier einen neuen christlichen Dekalog ent- 

-^erfen«»). Während aber ' die Parallelen Kol. 3, 8 — 10 alle auf 



1) Ewald, S. 188. 193. 

2) Hoekstra, S. 647. 

3) Ewald, S. 194. 



144 Drittes Kapitel. 

Eph. 4, 22—26. 29. 31. 5, 4 zurückzuführen sind (S. 80 fg. 82 fg.), 
lehnt sich der Autor ad Ephesios bei Ausfährung dieser seiner 
Sittenlehre so viel wie möglich an paulinische Stellen an. So wirkt 
gleich 4, 25 in ort iofiiv aXhfiXwv fiSXrj Rom. 12^ 5 (oi noiJioi ev 
awfid eofiav iv KgiaTtp, to de xad^ alg äXltjltay fiiXt]), in 4^ 26 {xal 
fiij afiaQTcivsve) 1 Kor. 15^ 34, in 4, 27 ijirjdi didote tÖtvop v€^ dia- 
ßöXqf), zumal da unmittelbar vorher von oqyLCaadtLi und Tiagof/tofiog 
die Rede ist, Rom. 12, 19 (doze %6nov tg oqyfj) nach^ und das 
(xäXXov de xOTnävo} iQya^ofiSVog %o aya&ov taig %eQaiv 4, 28 ist £Etst 
wörtlich aus 1 Kor. 4, 12 (xat -Konmfiev iQya^dfievoL vatg iöiaig x^Q^ 
alv, wozu vgl. auch 1 Thess. 4, 11. 2 Thess. 3, 12 entlehnt^ wozu 
überdies für egya^ead-ai x6 aya&ov noch Rom. 2, 10. Gal. 6, 10 
kommen. Endlich stammt das Tcvevfia %6 ayiov vov -^eov h t^ iaq>Qa- 
yla%)'rjT£ i , 30 wieder (vgl. S. 134) aus 1 Kor. 1, 22, die Zusammen- 
stellung von OQyrj und Sv^og 4, 31 aber aus Rom. 2, 8 (vgl. auch 
Gal. 5, 20). Der Kolosserbrief aber ist blos gegen Ende des Ka- 
pitels wieder zu Rathe gezogen, indem Kol. 4, 6 in Eph. 4, 29 
(S. 61) und Kol. 3, 12. 13, soweit die Stelle nicht Eph. 4, 2 zur 
Verwendung kam, in 4, 32 reproducirt wird (S. 76 fg.). 

Im fünften Kapitel setzt sich diese Methode einfach fort, da 
der Verfasser bei ylvead^e ^iififjtai und in der Anrede tAcvct ayoTt^a 
5, 1 von leiser Erinnerung an 1 Kor. 4, 14. 16 (vgl. S. 102), von einer 
bestimmteren 5, 2 theils an Kol. 3, 13 (vgl. S. 77), theils an Gal. 2, 20 
('cov dyaTttjoarsog /uß xat nagadovrog kavTOv inig ifiav) gelltet 
erscheint. Zu oag^ij evwöiag ist überdies auch Phil. 4, 18 zu ver- 
gleichen. Die Ausdrücke aber 5, 3 nogvela^ dua-S'aQaiaj nlaove^ia 
sammt der 4, 19 schon vorausgenommenen döikyua finden sich Rom. 
1, 24. 29. 1 Kor. 6, 18. 2 Kor. 12, 21. Gal. 5, 19. 1 Thess. 2, 3. 

4, 3. 6. 7 (vgl. S. 88 fg.) beisammen, während tä ovx dvrj%ov%a 5, 4 
aus Rom. 1, 28 %d fiij Tia^Tpcovray die Erinnerung daran, dass solche 
Sünder keine ulTjQOvofiia ev t^ ßaoiXel(f tov Xqkftov xal d^eav haben 

5, 5 aus Gal. 5, 21. 1 Kor. 6, 10, die bei dieser Gelegenheit und 
in solcher Gesellschaft genannten eidioloXaTgai gleichfalls aus l Kor. 

6, 9. 10 stammen. Femer ist von der OQy^ %ov %^eov , welche 5, 6 
über die Menschen kommt, nach Anleitung von Rom. 1, 18 die Rede 
(S. 88), und ebenso verhält sich das f^fj yiveaOe av/nfievoxoi av%&v 5, 7 
zu 2 Kor. 6, 14, das rjze a^tog, vvv de qxSg und Texvaynovog'b, 8 
zu 1 Thess. 5,5, der xaqnbß vod qxovög ev Ttday dyad'toavvfj xat 
äixaioavvfj xat dXrjS^eiq, 5, 9 zu Gal. 5, 22 (o xaQ7tbg nov nvevfiavog 
iaziv . . . dyad-ufovvt] y welches Wort sonst nur noch Rom. 15, 14. 
2 Thess. 1,11 steht), das öoxi^d^ovreg xl iaxiv evageoTOv t^ xvQiiit 
5, 1 zu Rom . 1 2, 2, das fit] avyKOivwvelte zoig eqyoig toig dxaQnoig 



2. Die Composition des Epheserbriefes. 145 

Tov OTtOTOvg 5, 11 zu 2 Kor. 6, 14 und Rom. 13, 12, der Sachinhalt 
von rä xßv^^^ yivogneva, welches alaxQOv xat liyeiv ist 5, 12, formell 
zu 1 Kor. 11, 6. 14, 35. Tit. l, 11, materiell zu Böm. 13, 13. Dass 
überhaupt die Stelle Rom. 13, 11 — 13 in dieser Partie des Epheser- 
briefes ganz besondera berücksichtigt ist, erhellt schon aus dem Bis- 
herigen. Das Bild von Nacht und Tag war aus Rom. 13, 12. Eph. 
5, 8 erschienen, ebenso die l'^a tov axotovg Eph. 5, 11; das vom 
Aufwachen aus dem Schlafe aus Rom. 13, 1 1 kommt Eph. 5, 14. Nicht 
minder ist das Bvo^Yj^oviog TreQiTtarelv aus Rom. 13, 13 in aytqißüq 
neqmatBhe Eph. 5, 15 verwandelt, und der Gegensatz zu xwfioig 
'Kai fii-9'aig xat daelyelaig folgt in nat firj ^le&vOKeaS'e oXrip Eph. 
5, 18 nach, wie äno'ciS'ivai und ivdvea&ai aus Rom. 13, 12. 14 
schon Eph. 4, 22. 24. 25 vorangegangen war. Aber auch sonst er- 
innert Eph. 5, 15 [ßX^Ttere . . . nwg) an 1 Kor. 8, 9 (vgl. 3, 10), 
Eph. 5, 17 theils [avvUvueg ti to d-eltj^ia tov tcvqiov) noch einmal 
(vgl. S. 115) an Rom. 12, 2, theils {^fj yivead-t atpQOveg) an 2 Kor. 
12, II [yiyova aq>QWv) , endlich Eph. 5, 20 an 1 Thess. 5, 18 (^ 
Ttavrl evxccQiaTeiTe) . 

Was nun aber das Verhältniss dieses Abschnittes zum Kolosser- 
briefe betrifft, so ist eine abermalige Einwirkung der Stelle, bei 
deren Reproduction wir zuletzt angekommen waren, Kol. 3, 12. 13, 
auf Eph. 5, 1. 2 nicht zu verkennen (S. 77), während umgekehrt der 
Autor ad Ephesios 4, 19 und 5, 3 im Kolosserbriefe (3, 5) combinirt 
und reproducirt hat. Somit begegnet auch hier die Abhängigkeit 
nur am Anfange des Abschnittes, während der Fortgang selbständig 
ist- Denn auch aXXä fiälXov eixagiatia 5, 4 ist keineswegs, wie 
£leek und Ewald meinen, aus evxocQiaTOc yiveaS^e Kol, 3, 15 ent- 
standen, und noch weniger ist Eph. 5, 6 abhängig vom Kolosser- 
l3riefe. Zwar einen Nachklang der Form der Warnung Kol. 2, 4 
in fifjSelg vfiSg aTcaTaTw haben wir oben schon anerkannt (S. 60) ; 
^dieselbe braucht aber ebenso wenig bewusster Natur zu sein, als die 
^anz ähnliche Stelle 2 Thess. 2, 3 /nrj tig vftag i^anaTT^or] xorra jmi;- 
^4ya tQSnov eine Nachbildung der Epheser- und Kolosserstelle sein 
:snu8S. Dagegen üben umgekehrt die xevot löyoi der ersten Hälfte 
^on Eph. 5, 6 ihren Einfluss auf xsvfj aTtartj Kol. 2, 8 (S. 154), wie 
^ie zweite Hälfte jenes Verses auf Kol. 3, 6^). Man hat zwar be- 
hauptet, im Epheserbriefe sei in jener ersten Hälfte um so mehr 
1)108 ein hereingeschobener Zwischensatz zu erkennen, als das folgende 
dca tavva yaQ sich nicht auf nevolg löyoig, in welchem Falle Paulus 
dl ovg geschrieben hTiben würde, sondern auf die 5, 3 — 5 genannten 



1) Mayerhoff, S. 93. 
Holtzmann, Kritik der Epheser- xx. Kolosserbriefe. 10 



146 Drittes Kapitel. 

Laster beziehe^ die aber doch wohl Niemand im Ernste als mit dem 
Christenthum vereinbar gepredigt haben werde ^). Aber wir kennen 
ja die antinomistische Gnosis aus den Johannes- und Judasbriefen, 
und überdies hat die Warnung Eph. 5.^ 6 auch gerade mit Bezug 
auf specielle und feinere Unsitten^ wie evzqaTtekla und fKOQQlayia 5, 4 
ihren guten Sinn. Wie sonach Eph. 5^ 6 in Kol. 2, 8. 3^ 6^ so 
wirkt Eph. 5, 8 in Kol. 3, 7, E^h. 5, 19 aber in Kol. 3^ 16 nach, 
ja selbst die aloxQoloyla Kol. 3, 8 ist offenbar Nachklang vou ctl- 
ax^injg xal (iwqoXoyla Eph. 5^ 4. 

Aber auch die gewohnte Weise des umgekehrten Yechältnissee 
verleugnet der Epheserbrief in diesem Abschnitte, nicht. Schon oben 
fanden wir den Verfasser plötzlich auf den Schluss der eigentlichen 
Ausführungen des Kolosserbriefes^ auf Kol. 4^ 6 überspringend. (S. 144) . 
Von hier liest er jetzt eine Weile rückwärts^ bis die entstandene 
Lücke wieder ganz ausgefällt ist. So reproducirt er also zunächst 
Kol. 4, 5 in Eph. 5, 15. 16 (S. 60 fg.), dann, Kol. 4, 2-^4 absieht- 
lieh aufsparend, Kol. 3, 17 in Eph. 5, 20, letzteres so, dass er aus 
^Bog TtaTfjQ die in dieser Absolutheit bei Paulus nur 1 Eor. 15, 2.4, 
und hier im bestimmten Gegensatze gegen das Werk des Sohnes 
stehende Formel ^edg xat TtattJQ macht. Die Disposition der ganzen 
Stelle aber hat Ewald wenigstens übersichtlicher und behaltUcher 
gemacht, wenn er darin eine Art von christlichem Dekalog erken- 
nen lehrt, dessen erste Tafel das Lügen (4, 25), Zürnen (4^ 26. 27), 
Stehlen (4, 28), faule Bede (4, 29. 30) und bittere Gesinnung (4, 31. 32) 
verbietet, wahrend die zweite, mit 5, 1 neu anhebend, aus den Ge- 
boten der Liebe (5, 1. 2), der Keuschheit (5, a — 5], des Wandels 
im Lichte (5, 6 — 14), der sorgfaltigen Zeitbeachtung (5, 15 — 17) und 
der gottesdienstlichen Begeisterung (5, 18 — 20) besteht 2). 

Mit 5, 21, wozu Phil. 2, 3 eine Sachpavallele bildet > gibt der 
Verfasser in der Form einer Ermahnung zu gegenseitiger Selbst- 
unterordnung der Christen als solcher eine allgemeine Ueberschrift 
zu dem Kapitel von den Standespflichten (5-, 22 — 6, 9). Gleich 
der erste Abschnitt (5, 22 — 33) ist übrigens in einem GeUte ge- 
halten, welcher dem Apostel, der sich selbst 1 Kor. 7, 2 so individuell 
zeichnet, fremd, wo nicht widersprechend ist. Nichts desto weniger 
ist 5, 23 die Vorstellung, dass der Mann nsquxl^ ywainag ist, aus 
1 Kor. 11, 3^), und 5, 27 die Beschreibung der Braut als fleckejiJoBer 
Jungfrau, welche dem Herrn »dargestellt« wird, aus 2 Kor. 11^ 2^) 5 

1) Hoekstra, S. 649. 

2) Sieben SencUchreiben , S. 194^. 

3) Hoekstrsi S. 648. 

4) Ewald, S. 202. 



;2.^ Die Composition des Epheserbriefes. 147 

das &alffteiv Trp^ ecwvov atxQxa 5^ 29 aus 1 Thess. 2, 7, die ^eXfj vov 
(Ho/iiiXTog^ die wir selbst sind 5^ 30^ wieder aus Rom. 12; 5. 1 Kor. 
6, 15; das Citat von Gen. 2, 2^ erfolgt 5, 31 nach Vorgang von 1 Kor. 
&^ 16, wie auch die eingehende Erörterung über das Sklavenver- 
hältnisB 6, 5 — 9 »lediglich eine Illustration zu 1 Kor. 7, 22« ist^). 
Man vergleiche insonderheit noch zu eni Ttjg yrjq 6, ^ dieselbe, 
gleichfalls in rinem Citat vorkommende Formel Rom. 9, 28 und zu 
noiricffj äyad-ov Eph. 6, S den gleichen Ausdruck Rom. 7, 19. 13, 3. 
Yeihältnissmässig selbständig wie der Eingangssatz 1, 3 — 14 ist 
die, diesem auch an rhetorischem Schwung gleichkommende ^j Schluss- 
periode 6, tO — ^20. Aber wie jener von Kol. 1 , 5 ausgeht, so hat 
diese in Kol. 4, 2 — 4, einer zwischen den zuletzt reproducirten 
Stellen Koh 3, 17 und 4, 5 gerade in der Mitte stehenden, also 
nachzutragenden Partie, ihren Zielpunkt, dem sie zustrebt. Den 
Leser der Poulusbidefe erkennt man freilich auch schon vorher in 
der charakterietiechen Metamorphose, welche, das einfache xgataiova&s 
1 Kor. 16, 13 erfahren hat, wenn es Eph. 6, 10 lautet hdwafiovad'B 
iv T0 XQaTei Ttjg iaxvog avrov, und 6, 12 in der freilich invertirten Auf- 
nahme der pauliniechen Verbindung aoQ^ xalalfii» Gal. 1,16. 1 Kor. 
15, 50. Eben desshalb wird aber auch das Bild 6, 11 — 17 direct durch 

1 Thess. 5, 8 veranlasst^), nicht aber Jes. 59, 17 als die gemein- 
same Wurzel beider Stellen zu denken sein. Nur sind zu Panzer 
und Helm nach Anleitung von 2 Kor. IO3 4 noch andere SnXa Tr^g 
(jv^faTisiag. fififjjnt getreten. Endlich lenkt 6, 18 wieder mit Hülfe einer 
Participialverbindung nach dem Originale ein. Dabei werden die Sätze 
Kol. 4, 2 %y TTQoasvxfj TtQfta'naQTeQeiTe und y^rjyo^ovvteg iv (xvtfj ver- 
möge) des Gesetzes der Doublette (S. 129) und eines zugleich damit 
wirksamen Nachklanges von Rom. 13, 6 [alg avvo %ovto 7CQoa%aq%Bqovv-' 
«sg) so verschränkt, dass der zweite mit aal eig aird dyQVTWOvvreg be- 
ginnt, während die Sprachfarbe des Epheserbriefes nach S. 117 sowohl 
an ävotTtio^g nqooBvxrjg xal d&^aewg als an iv fcdaij nqoaxaq'ceqriaBi xal 
dei^aei^ zu erkennen ist. Die Gombination fCQoaevx^ nnd dir/aig steht 
noch Phil. 4, 6. 1 Tim. 2, 1. 5, 5. Aber Paulus verbindet mit ditjaig 
i»eistWe(Röm. 10, 1. 2Kor. 1,11. 9,14. Phil. 1,4. 1 Tim. 2,1. 5,5. 

2 Tim. 1, 3, nur Phil. 1, 4 ini, nicht aber TteQi). Das blos bei Paulus 
und, den paulinischen Schriftstellern vorkommende TtqoaKaQTeqetv ist 
zum Substantiv TtQogwxQriQtjaig geworden. Bei der avoi^ig tov a%6^ 
lia%og 6, 19 war der Verfasser unbewusst von 2 Kor. 6, 11 (S. 87), 



1) Weiss, S. 479. 

2) Ewald, S. 205. 

3) Ewald, S. 206. 

10^ 



148 Drittes Kapitel. 

bei dem öo^ vielleicht von Gal. 3, 22, bei yv(o(flaai to fivavtjQiov 
von Rom. 9, 22 {yvc^giaai t6 dvvaxbv ctvxov) , bei TtQeaßevta 6, 20 
wohl von 2 Kor. 5, 20 abhängig. 

Das Briefliche 6, 21. 22 ist aus der^ nach den schon reprodu- 
cirten Theilen des Kolosserbriefes unmittelbar folgenden Stelle Kol. 
4, 7. 8 übertragen^) und bei dieser Gelegenheit auch das pauli* 
nische avto Tovto aufgenommen^). Desgleichen wird vor vfieig 
ein die Abfassungsverhältnisse des Briefes verrathendes (S. 25) xai 
eingeflochten, und aus rd tcsqI v^wv vrird Ta nefi fjfifov, weil der 
Leserkreis des Epheserbriefes unbestimmter gehalten ist, also von 
rd nsQl vfiiSv keine Rede sein kann 3). Ein selbstsmdiger Epilog 
folgt 6, 23. 24. Er gilt aber, entsprechend dem durchgehenden 
Charakter des Universalismus unseres Briefes^), nicht vfuv^ sondern 
»allen Brüdern, die den Herrn lieben in Unvergänglichkeit«, was zum 
Schlüsse noch einmal theils an 1 Kor. 15, 42 (iv äg)S'aQai<jc)^ theils an 
l Kor. 16, 22 (el tig ov (pilsl %6v xvqiov, ijtto avad-efia] erinnert. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 

Den ursprünglichen Eingang des Briefes haben wir noch KoL 
1,1 — 8 fast intakt vor uns. Nur 1, 6 lassen sich in '^iwvaave tuxi 
^TtdyvwTS trjv %aQiv tov &bov h dlrjd^eiif die ersten Töne des fremd- 
artigen Themas vernehmen (vgl. IV, 2, 3), Welches dann je in den 
zweiten Hälften der Verse 1, 9. 10 (= Eph. 1, 8. 11. 17. 2, 10) 
schon voller angeschlagen wird (vgl. S. 84 fg. 122 fg.). Zum Eigen- 
thum des Autor ad Ephesios ist nach S. 85 auch xal ahovfd^&fOi 
zu schlagen. Paulus hat dieses Verbum nur 1 Kor. 1 , 22, und zwar 
im Activ, während auch Eph. 3, 13. 20 das Medium steht. Wie aber 
von der Erinnerung an sein eigenes Werk, so ist der Bearbeiter auch 
von paulinischen Reminiscenzen beeinflusst. So in 1,9 (7tXr]Q(adTjTB 
tfjv iTtiyptaaiv tov ^ekrj^aTog avrov iv ndar] ooq>i(f) von Böm. 1 5, 1 3 
(TtlfjQwaai. vfiäg ndatjg xo(9a&)^und 14 (avtol ineavoi ia%B dya&wavvrjgy 
7te7tXr]Q(o^evoc ndofjg yvüiaewg] , so 1, 10 von l Thess. 4, 1 (to TctSg 
del vfiSg negcTtateiv Tuxi dgioxeiv &€(ß = elg Ttäaav dgianBiav 
welches Substantiv nicht paulinisch ist, wohl aber dgioxeiv), und i, 11 
{dwa^ovftevoi) von Rom. 4, 20. Der Hauptsache nach findet die 
letztgenannte Kolosserstelle ihr Original freilich in Eph. 1, 19. 3^ 16 
(S. 85 fg.). Auch 1, 12 kommt noch ganz auf die Rechnimg desselben 



1) Ewald: Sieben Sendschreibfen, S. 157 fg. 160. 207.. 

2) Mayerhoff, S. 105. 3) Honig, S. 87. . 4) Braune, S. 4. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 149 

Interpolators^ da evxccQiOTOvvTeg Doublette (S. 124) und der kI^qoq twv 
ayitov im Sinne der ulrjQOvo/ila h zoig ayioig Eph. 1 , 18 und des 
hltjQiidTj^ev Eph. 1,11 zu nehmen ist i) . Man merkt hier also durch- 
weg dieselbe Nachbarschaft des Epheserbriefes, aus welcher auch die 
vorangehenden Zusätze entstanden sind. Selbst der Schluss iv tq) 
gHOTiist charakteristisch für den Verfasser des Epheserbriefes (S. 118), 
welcher sich hier nur mit T(p [xaXiaavTL naty so B) Ixavciaävri an den 
Sprachgebrauch des Paulus (2 Kor. 3, 6) anlehnt, aber schon mit 
T(p TtccTQi wieder davon weit genug entfernt. 

Soweit die Stelle 1, 9 — 13 echt ist, leitet^sie den Wunsch ein, 
die Leser möchten d§lwQ tov &€0v wandeln (l, 10) im Bewusstsein 
der ihnen zu Gute gekommenen Erlösungsthat Gottes (1, 13). So- 
mit stellt aber erst 1,21 wieder unmittelbaren Anschluss an 1 , 13 
dar, während der dazwischentretende christologische Excurs nach der 
einstimmigen Erklärung sämmtlicher Ausleger seine Entstehung nur 
einem Vorblicke auf die Irrlehre verdankt. Nun bezieht er sich 
aber durchaus auf diejenigen Th eile der Irrlehre, welche selbst erst 
einen späteren Farbenauftrag auf das ursprüngliche Gemälde dar- 
stellen (V, 3, 2). Den angelologischen und christologischen Thesen der 
Gegner will, umi sie im weiteren Verlaufe desto sicherer zu schla- 
gen, der Ueberarbeiter jetzt schon seine Christologie gegenüber- 
stellen. Daher das Gezwungene und ünmotivirte der ganzen Stelle 
1, 14 — 20. Nicht blos Honig ist trotz seiner durchgeführten Vor- 
liebe für den Kolosserbrief nicht unempfänglich für das Tendenziöse 
dieser Ueberleitung^), sondern "selbst der in dieser Beziehung ganz 
anders stehende Hof mann findet, wenn auch nicht schon 1, 14, 
so doch 1, 15 zwar grammatisch angesehen nur einfache Fortsetzung 
der Relativstructuren , sachlich angesehen aber den Beginn einer 
Aussage vom Sohne Gottes, welche durch die vorangehende Ge- 
dankenreihe keineswegs mit Noth wendigkeit gefordert war 3). Da 
sich nun der Inhalt von 1, 19. 20 ebenso auf 1, 14 zurückbezieht, 
wie 1, 16 — 18 auf 1, 15*), so haben wir in- der ganzen Stelle einen 
Einschub zu erkennen, welcher so zu l^tande gekommen ist, dass 
zuerst in dem blos überleitenden und erkennbar angeschweissten 
(S. 48) Verse 14 die Stelle Eph. 1, 7 angeschlossen, sodann aber 



1) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 176. 

2) S. 70 : »Es wäre, um dem Wunsche, dass die Leser Christi würdig wai^deln 
möchten, Nachdruck zu verleihen, genügend gewesen, auf die Erlösung durch Christus 
hinzuweisen, wie das auch 1, 13. 14 und wieder von 19 an geschieht; überflüssig 
aber war eine Episode wie Vs. 15 — 17.« 

3) IV, 2, S. 14. 

4) R. Schmidt, S. 182 fg. 



150 Drittes Kapitel. 

ihrer relati vischen Form in 1, 15 eine weitere Parallele geschaffen 
wurde ^ deren Inhalt die Betrachtung erst recht entschieden auf 
Christi Person fixirt. Weiterhin wird zunächst 1^ 16 — 16 der Inhalt 
von I5 15 erklärt^), und 1^ 19. 20 leitet wieder in den ZuMinmen* 
hang des Originals mit theilweiser Benutzung seiner Ausdrücke zu* 
rück. Der christologische Excurs selbst aber zeigt Abhängigkeit 
von paulinischen Briefen, namentlich 1,15 von 2 Kor. 4, 4 [Hg iaviv 
elxtbv %ov 9eov]'^)y und 1, 18 (Sg iativ aQxAi ^^onwonog hc rwv 
veycQtSv Yva y^rjTat iv näaiv avtog 7iQ(a%€V(ov) der Form nach viel* 
leicht von 2 Kor. 6; 14 (fifj ylvea&e hegotivyovvtBg) , der Sache nach 
entschieden von 1 Kor. 15, 20 (XQiacog ^iy^yeqtai ht vsxqwv aitaq^ 
T(3v Ttexoififjfiiviüv) ^) . 23 (^aatog iv rip idiif täyfiatty ancLQxrj Xqi- 
at6g)y endlich auch noch (vgl. S. 97) von Rom. 8, 29 {elg to elvac 
avTOP TtQfaTOTOnov iv Ttokkotg ad€Xg>o7g). 

Während aber im Allgemeinen Kol. 1^ 15 — 16 zu den wenigen 
Stellen gehört, in welchen, gemäss seinem, bei der üeberarbeitung 
des Kolosserbriefes befolgten, speciellen Zweck der Interpolator eine' 
relative Selbständigkeit des Gedankens offenbart und nicht wesent- 
lich nur sich selbst aus dem Epheserbriefe wiederholt, tritt er dafür 
mit den Worten 1, 18 xai av%6g ia%w ^ iieq>akfi tov adfiarog wie- 
der ganz in die Ideensphäre des Epheserbriefes zurück, d. h. er sagt 
dasselbe, was er auf dem Gebiete des Epheserbriefes schon 1, 22 
[avtov edwxsv 7i€4paXfjv vftiq navta vfj htultjolif). 23 {fJTig ioi^lv tö 
Oiafia av%ov), 4^ 15 [fig itnt/v fj %Bq>ahrj). 5, 23 (6 XqiOTog negHxl^ 
trjg ixxXfjaiag). gesagt hatte. Wie sehr es ihm aber auch hier auf 
diesen Gedank-en, dessen Motivirung selbst Hof mann Kol. 1, 18 
»minder deutlich« findet als Eph. 1, 22^), ankommt, erhellt daraus, 
dass derselbe zwar formell dem Zusammenhange der ganzen Stelle 
eingegliedert, aber durch das nachdrucksvoll wiederholte <iV€6g zu- 
gleich davon abgehoben erscheint^). 

Es läfist sich sogar noch mehr behaupten. Der Verfasser hat 
in der Stelle 1, 16 — 19 fast durchaus im Anschlüsse an Eph. 1, 20 — 2S 
gearbeitet (S. 98 fg.), wendet sich daher jetzt folgerichtig jzum zweiten 
Kapitel des Epheserbriefes, dessen wesentlicher Inhalt in den Versen 
Kol. 1, 20. 21 zusammengedrängt erscheint (vgl. S. 66 fg. 91 fg.). 
Aber auch aus dem ersten Kapitel stellen sich nachträglich noch 
einige verwandte Elemente ein. Wenn im Allgemeinen Kol. 1 , 20 

1) R. S<jhmidt, «. 182. 

2) Hoekstra, S. 647. 

3) Hoekstra, S. 647. 
4} IV, 2, S. 174. 

h) Hofmann, S. 19. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 151 

nur aus Eph. 1, 10 verständlich erscheint (S. 92), €o ist nicht ausser 
Augen zu lassen, dass dieselbe Stelle auch schon den leitenden Ge- 
duiäken des Einschubs von 1 , 16 an enthält. Wie nämlich Kol. 
l, 16 einerseits nur näher präcisirt, was Eph. 3, 9. 10 gesagt ist, 
dass Gott d^ i^ct notvtct Tcclaag 2U dem Zwecke sei, um in der 
Jetztzeit den agx^i %ai i^ovalav die abschliessende kosmische Be- 
deutung seines Sohnes zu offenbaren, so klingt andererseits sowohl 
in Ta iv voig ovQOvoig Kai xa inl trjg y^g, r« ÖQaTa xtre t« äoqaTa 
£ol. 1, 16, als auch in elVc ta inl xrjg yfjg €vte vä iv T&lg ov^voig 
KoL 1, 20 das t« iv toig ovqavoXg %di tot inl Trjg yrjg Eph. 1, 10 
xiach. Aber auch die Aussage, dass ta Ttdvra iv avr^ üwirnnj^ev 
Kol. 1, 17, hängt sachlich zusammen mit dva7i€q>al(H(üGcia^ac rä 
i^iSnfta iv tip X^iatip Eph. l, 10 (vgl. IV, 3, 3), wie nicht minder 
such der ganze Inhalt von 1, 19i). Dass dabei der Verfasser von 
1, 20 zugleich von Erinnerung an Rom. 11, 28. 2 Kor. 5, 1"8. 19 
geleitet erscheint, hat sich schon früher herausgestellt (S. 92fg.], 
"und wahrscheinlich ist bezüglich des Gebrauches von aveyytlijTovg, 
^wodurch Kol. 1, 22 über Eph. 1, 4 hinausgeht, auch Erinnerung an 
1 Kor. 1,8 (8g xofi ßeßaiciaev vfiäg ^(og tilovg aveyyMjTOvg) im 
Spiele. Sonst kommt nämlich gerade dieses Wort nur noch in den 
Paetoralbriefen vor. Dagegen braucht Paulus nie das Prftdicat a^«- 
fiog (selbst Phil. 2, 15 ist dfi(6fif]Ta zn lesen), und überhaupt würde 
er schwerlich geschrieben haben, wie Kol. l, 22 gelesen wird, son- 
dern etwa ^ig tb TtaQiatdveiv vfiSg^). Dass dagegen der Autor ad 
Eiphesios sich dieses paulinische (Rom. 6, 13. 16. 19. 12, 1. 14, 10. . 
1 Kör. 8, 8. 2 Kor. 4, 14. 11, 2) Zeitwort »u eigen gemacht hat, 
geht schon aus Eph. 5, 27 hervor, wo allein auch die Adjective «ytog 
imd apLio^og in ähnlichem Zusammenhange wieder zum Vorschein 
kommen. So erst gewinnt ein früher (S. 47) noch unbestimmter 
hingestelltes Resultat volle Beweiskraft;. 

Ueberblicken wir diese erste, am Schlüsse (1, 23) zu ihrem 
eigenen Ausgangspunkte zurückkehrende (S. 122), Interpolation, so 
erhellt, wie die Parallelen fast alle in den beiden ersten Kapiteln 
des Epheserbriefes beisammen liegen. Während Anklänge an spätere 
Stellen nur vereinzelt sind und blos die Identität des schriftstelle- 
rischen Moments darthun, wird anzunehmen sein, der Verfasser 
habe, bevor er Kol. 1, 9 — 23 so erweiterte, wie die Stelle jetzt vor- 
liegt, die beiden ersten Kapitel seines Epheserbriefes durchgelesei^ 
ja sie vor sich gehabt. Daher die vielfach gleiche Akoluthie der 



1) Hofmann, IV, 2, S. 25. 

2) Mayerhoff, S. 31. 



152 Drittes Kapitel. 

Parallelen Kol. 1,9 = Eph. 1, 8. 17. Kol. 1, 10 = Eph. 2, 10. 
Kol. 1, 11 = Eph. l, 19. Kol. 1, 12 = Eph. 1, 11. 18. Kol. 1, 13 = 
Eph. 1, 6. 2, 2. 3. Kol. 1, 14 = Eph. 1, 7. Kol. 1, 15—20 = Eph. 
1, 10. 20—23. Kol. 1, 20. 21 = Eph. 2, 3. 13—17. Kol. 1, 22 = 
Eph. 1,4. Wäre nicht der Eingang des Epheserbriefes bei der 
Ueberarbeitung des Kolosserbriefes gleich von vom herein vorzugs- 
weise wirksam gewesen, so wäre ebenso auch die umgekehrte That- 
sache unerklärlich, dass die zahlreichen Parallelen zu Eph. 1, 3 — 14 
sich alle im ersten Kapitel des Kolosserbriefes zusammenfinden. 

Wie aber mit Kol. 1, 20. 21 zum zweiten, so schreitet der 
Ueberarbeiter mit Kol. 1, 23 zimi dritten Kapitel des Epheserbriefes 
weiter, welches er gleichfalls durchgelesen hat, ehe er die Stelle 
Kol. 1, 24—29 componirt (vgl. S. 140). Merklich wird dies schon 
jl, 23 an dem Einschub des dem Paulus fremden Wortes d^efAsJiiovv, 
zumal dasselbe ganz in der Form von Eph. 3, 18 steht (S. 50). Im 
Uebrigen aber arbeitet der Verfasser hier unter dem Eindrucke der- 
selben Paulusstellen, welche schon die Gestalt der Parallelen im 
Epheserbrief bestimmt hatten (S. 90 fg.). Namentlich klingt Kol. 1,24 
das vvv xaiqo} aus 2 Kor. 7, 9, die -d^kltpeig im Allgemeinen aus 2 Kor. 
1,4. 7, 4 nach, während der Ausdruck avravaTtXrjQw %ä voTBQfjfiata 
Tüip d^Xlipetov Tov Xqlgtov iv tfj aagul fiov formell aus 1 Kor. 16, 17. 
2 Kor. 9, 12. U, 9, der ganze Gedanke des zu Gunsten der Leser 
erduldeten Leidens aus Eph. 3, 13 sich erklärt (vgl. übrigens IV, 2, 5). 
Dem Paulus ist vielleicht keine Aussage des Kolosserbriefes so fremd 
wie die eben besprochene (S. 21 fg.). Auch würde er sich einen 
öiaycovoQ ixKlrjalag wie Kol. 1, 24. 25 schwerlich genannt haben, 
da dieser Ausdruck nach Rom. 16, 1 das Subject von Leistungen 
bezeichnet, welche einer Einzelgemeinde zu gut kommen. Die Verse 
1, 26. 27 stellen sich als Eigenthum des Verfassers von Eph. 1, 9. 18. 
3, 3. 5. 9 schon durch die Formel aTto (wofür 1 Kor. 2, 7 Ttfo) %&v 
alwviovy femer durch die Frageform tI tö tcIovtoq (S. 115) und 
durch das ganze logische und sprachliche Verhältniss der Parallele 
(S. 49 fg.) heraus. Nur er stellt mit vvvl de iq)av€Q€id7j die Gegenwart 
der Ewigkeit gegenüber, während das paulinische wvt di 7taq>aviQunai 
Rom. 3, 21 einfach zwischen Jetzt und Früher unterscheidet.. Im 
folgenden Verse 28 könnte zwar an sich jeder einzelne Satz pau- 
linisch sein — streicht doch Weisse das vovd-STOvwBQ Ttdvra av- 
^QUTCov X. T. L nur als Parallele von 1 Kor. 4, 14^), und hat doch 
die Betonung der gewissenhaften Bemühung um jeden Einzelnen 
ihres Gleichen in 1 Thess. 2, 11. Aber wie an letzterer Stelle der 

1) S. 61. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 153 

Plural im Zusammenhange begründet ist^ so stört er dagegen Kol. 

1, 28, wo der Singular voranging (1, 25) und nachfolgt (1, 29). 
Dazu kommt, dass der Vers schon an sich nur den Inhalt von 1, 25 
wiederholt ^) , ja sogar mit sich selbst verglichen rein tautologisch 
ist, wie der zweimal wiederholte Begriflf des Belehrens und das drei- 
mal wiederholte Ttawa avd-QWTtov beweisen. Ueberdies verräth iv 
Ttaat] ooq>Uf hinter öiddaxovteg den Verfasser von 1, 9. 3, 16, und 
der avd^QtOTtog rikecog den Verfasser von Eph. 4, 13. Kleinere und 
zweifelhaftere Interpolationen des ersten Kapitels, wie 1, S iv nvBv- 
fittti (S. 119), 1, 9 dq>^ ^g '^f.iegag rj^ovöotfiav (S. 123), 1, 23 %^g il- 
niöog (S. 122) und iv dvvdf^et 1, 29 (S. 120 fg.), mögen schliesslich 
noch Erwähnung finden. 

Im zweiten Kapitel steht der Kolosserbrief verhältnissmässig am 

originalsten und selbständigsten da, und Reuss will die Parallelen 

sogar auf Kol. 2, U. 13. 14 = Eph. 2, 5. 11. 15 reduciren?). Aber 

^e gezeigt (S. 126), fangen die Schwierigkeiten bereits an dem 

Schlusstone von 2, 1 an, indem Paulus nach Gal. 1, 22. 1 Thess. 

2, 17 das iv caQui entbehrlich erachtet haben würde, während es 

die nicht blos räumliche, sondern auch zeitliche Entfernung eines 

"Verfassers verräth, der den Apostel bereits dem Fleische entrückt, 

im Himmel weiss. Im folgenden Verse (2, 2) entstammt das mit 

cvfLißißaa'^ivTBg anhebende Satzglied lediglich einem Rückblicke auf 

das soeben (Kol. 1, 23 — 29) reproducirte dritte Kapitel des Epheser- 

l>riefes. Eine Erinnerung an die Einführung Christi als -d^eov aoq)la 

1 Kor. 1, 24. 30 mag hinzu getreten sein 3). Der Hauptinhalt von 

Xol. 2, 2. 3 aber entspricht der Stelle Eph. 3, 18. 19 (S. 50. 142), 

"WOZU noch das iivarrjqiov aTtoxenQVfifiivov Eph. 3, 9 kommt, welches 

«ow^ohl in dem (ivötriqiov Xqiotov Kol. 2,2 als in den d-rjOavQOi 

^Tt6%ijvq)0v Kol. 2, 3, einem übrigens dem Paulus durchaus fremden 

ausdrucke, nachklingt. Zu bemerken ist noch, dass die nhiqoq>OQi(x 

'zijg ovvdaeiog Kol. 2, 2 jedenfalls mehr an die nXriQoq>oqia Tfjg lA- 

^nidog Hehr. 6, 11 oder 7tlrjQoq)OQia Ttiatswg Hebr. 10, 22 erinnert 

ads an den paulinischen Begriff der nkr}Qoq>OQia (1 Thess. 1, 5. Rom. 

-4, 21. 14, 5). 

Solcher Gestalt schliesst sich tovto Kol. 2, 4 fast unmittelbar 
sm den Vers 1 an, auf dessen Inhalt es ohnehin bezogen werden 
:xnass. Denn es kann nur dieselbe Aussage meinen, auf welche an- 
^rkanntermaassen auch 2, 5 zurücksieht, also 2, 1. Somit erklärt 

2, 4, wesshalb Paulus die Leser wissen lassen will, wie sehr er nach 



1) Mayerhoff, S. 47. 

2j S. 104. 3) Hoekstra, S. 647, 



154 Drittes Kapitel. 

2j i sich um sie bemüht. Niemand soll ihnen das ausreden iv m- 
&avokoyi(f. Der Ueberarbeiter, welcher den Vers missverständlich 
bereits als Einleitung der Invective gegen die Irrlehrer fasst, hat 
wahrsclieinlich diese erklärende Beifügung veranstaltet, wdcfhe ab- 
gesehen von ihrer Eigenschaft als Schlusston (S. 120) auch insofern 
Bedenken erregt, als Paulus Mohl geschrieben haben wärde h 
nei&otg aoq>iag koyoig 1 Kor. 2, 4, während der Autor ad iEphesios, 
welcher Kol. 3, 8 aiaxifokoyia geschrieben hat, solche Zusammen- 
setzungen liebt ^) und hier geradezu die Ausdrucke 1 Kor. 2, 4 und 
Rom. 16, 18 zu combiniren scheint. 

Mit um so grösserer Sicherheit läs9t sich die Hand des Iitteiv 
polators im unmittelbar folgenden Abschnitte nachweisen, insofern 
ihn das TtaQekdßBre top Xqiarbv ^Irjaovv Kol. 2, 6 in den Zusammen- 
hang theils von Eph. 3, 17 [r.atoi%ijaai %bv Xqicrbv iv ralg xcr^- 
dlaig viÄtSv), theils von Eph. 3, 18 {ytatalaßiad^ai) versetzt. Ueber- 
dies hat ja auf letzterer Stelle sein Blick schon Kol. 2, 2 geschwebt, 
als er avf.ißißaad'ivvBg in der Structur von i^gv^fopiivoi schrieb (8. 50). 
Letzteres bildet jetzt geradezu das erste Wort in dem Einschub, 
welcher Kol. 2, 7 erfolgt und als solcher schon daraus zu erkennen 
ist, dass die Bilder i^QL^tofnivot viai inoixodo^ov^ievot zu der Vor** 
stellung des 7V€QmaT€iv€ Kol. 2, 6 so wenig passen, dass Schenkel 
sogar einen neuen Satz damit zu eröfihen versuchte 2). Derselbe 
Grund spricht auch gegen ßeßatovfievoi^), welches an sich paulinisch 
ist (ausser 1 Kor. l, 6. 8. 2 Kor. 1,21. Rom. 15, 8 nur noch Hebr. 2, 3. 
13, 9. Mr. 16,20). Dem nächsten Einschub begegnen wir alsdann 
inmitten von Kol. 2, 8, wo derselbe Verfasser, welcher Eph. 5, 6 fifj^ 
dsig vfiiäg drtatdtio ytevoig loyaig geschrieben hat, die Worte xai 
xe^fjg andtrjg dem vorangehenden <pikoaoq>lag beifügt, seiner Lieb- 
haberei für Häufung von Synonymen folgend *) und zugleich .seinem, 
im Kolosserbriefe maassgebenden Interesse an Oegenüberstellung von 
wahrer und falscher Lehre Genüge thuend. Aber schon um ihrer 
Artikellosigkeit willen würden die Worte xai yievfig dndtijg bei Pau- 
lus auffallen *) . Dazu kommt nun noch ein Weiteres. Während näm- 
lich die xevol loyoi Eph. 5, 6 einen runden Begriff geben, wird das 
Adjectiv, wie es Kol. 2, 8 zu der aus dTtavSv entstandenen Andttj 
tritt, gerade ebenso überflüssig, wie wenn derselbe Verfksser Kol. 
3, 5 von einer iTtiydvpila xan^ schreibt, während es sich dem Paulus 
von selbst versteht, dass alle invd'vpila auch yiaiiri ist. Ueberhaupt 

1) Mayerhoff, S. 22. 95. 2) S. 188. 

3) Mayerhoff, S. 24. 

4) Mayerhoff, S. 88. 

5) A. Buttmann, S. 87 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 155 

aber findet sich aTtdtr] bei Paulus nur noch in einer kritisch zweifel- 
haften Schrift (2 Thess. 2, 10), während der Interpolator auch Eph. 
4, 22 von ifudvfiicLL t^g dmdTTjg spricht, wohl der ancnri %ov 
nko'6i;ov Mt. 13, 22 = Mr. 4, 19 gedenkend, wa« desshalb wahr- 
scheinlich wird, weil wir in den folgenden Worten xor« %^v fcagd- 
doaiv T(av dvikQmtfovy die überdies auch den Gedanken xcrrä rd 
(noix&kt Tov TcwfÄOv theilweisc Torwegnehmen , einer directen Ein- 
wirkung der Synoptiker begegnen werden (V, l, 3). 

Im Folgenden (Kol. 2, 9) benutzt der Interpolator zttm zweiten 
Mal (vgl. 1, 16. 19) das oti iv xxvvffi als einen Haken, in welchen 
er seine eigenen Gedanken einhängt, bevor das Original selbst Fort- 
Setzung findet. Wir haben bereits gesehen, dass der gesammte 
sachliche Inhalt von Kol. 2, 9. 10, so gut wie die frühere Parallel- 
stelle Kol. 1, 18. 19, als Uebertrag aus Eph. 1, 21—23 zu begreifen 
ist (S. 98 fg.) . Aber auch die erklärenden Zusätze Kol. 2, 1 1 h ttj 
afrendvasv tov awfictvog Tfjg aaignog, iv tfj negitofifj tov Xqiötov 
sind zu streichen, nicht etwa blos, weil drc^dvatg unpaulinisch ist 
(S. 106) und Paulus in solchem Zusammenhang statt von owfjia ir^g 
aaq%6g Tielmehr von aw^ec xijg afiiaiftlag Böm. 6, 6 oder awfia tov 
&apihov Rom. 7, 24 spricht, sondern weil jener indilSerente Aus- 
druck kurz vorher (Kol. 1, 22) in ganz anderer, wohl gewählter 
(weil auf Christus hinzielender) nnd auch, wie sich zeigen wird, 
echt paulinischer Beziehung v<irkam. Man wende nicht ein, durch 
die 'Gleichheit des Ausdruckes trete die principielle Einheit der 
äftixdvaig auf unserer Seite mit der Dahingabe auf Christi Seite 
hervor^). Denn während nach Rom. 6, t der alte Mensch im Acte 
der Taufe nur an's Kreuz geschlagen ist, sein Fleisch aber noch erst 
allmälig abstirbt {tva xctraQyf]&^ xo öeSfia t^ ApiotqTiagy vgl. 7, 25. 
6^ 13), ist die Vorstellung hier schon dahin weiter geschritten, dass 
das amiAa trjq aa^og einifach und momentan ausgezogen wird. Die 
CTfaristen empfangen die christliche Beschneidung, indem sie des 
IPleischesleibes entledigt werden, und dass dies eben im Gegensatze 
sjvok vorchristlichen Typus die eigentliche nBQttOfiri Xqloxov ist, 
"TOrd, iiach dem Vorbilde von Rom. 2, 28. 29. 1 Kor. 7, 19 2), in 
^ner weiteivn erklärenden Beifügung ausdrücklich gesagt. Dann ist 
«J>er, um hier von der geringfügigen Interpolation in Kol. 2, 12 
'xdcht zu reden (S. 70 fg.), mit höchster Wahrscheinlichkeit auch die 
jenen Bestimmungen correspondirende Bestimmung 2, 13 x&l Tfj 
^KQoßvoTltjc t^g oaQ'Aog vfiaiv zu streichen, zumal da Paulus, ab- 



1) HofmanH (S. 68), R. Schmidt (S. 189). 

2) Hoekstra, S. 647. 



156 Drittes Kapitel. 

gesehen von dem bei ihm nicht vorfindlichen Ausdrucke (vgl. da- 
gegen ^ Iv aagul neqiTOfxrj Rom. 2, 28) nach Rom. 2, 26. 27 schwer- 
lieh die änQoßvaria in dieser Weise mit den TrafaftvoifiaTa als 
Grund des Todtseins coordinirt hätte. In Bezug auf beide Verse 
finden wir also eine früher (S. 71 fg.) aufgestellte Wahrscheinlich- 
keit jetzt bestätigt. Im Uebrigen aber bleibt 2, 13 paulinisch^ und ist 
dabei zu bemerken, dass der Apostel xori vfiäg vexQOvg ortag zur 
nächst als Fortsetzung der Bezeichnung Gottes als vov iyeigawog 
avtbv ix, Tüjv v&igiSv 2, 12 meinte, somit ursprünglich av^cDonoirj" 
aavTog schreiben wollte. In Folge eines der vielen Impulse zu 
Structurveränderungen , welche in der Methode des Dictirens ge- 
geben sind und sich in allen seinen Schriftstücken geltend machen, 
gab er die Participialverbindung auf imd wiederholte das Subject, 
d. h. er betrachtete den Vers als einen selbständigen Satz^)» worin 
der Interpolator ihm auch Eph. 2, 4. 5 -gefolgt ist. 

Die Stelle 2, 14 hat sich uns schon oben als Eph. 2, 15 gegen- 
über ursprünglich erwiesen (S. 64). Doch soll nicht verschwiegen 
werden, dass bezüglich des TOig doyfiaoiv eine absolute Sicherheit 
schwerlich zu gewinnen sein wird. Wenn sich uns aber bereits die 
Interpolation dieser Worte aus allgemeinen Gründen als höchst 
wahrscheinlich erwiesen hat (S. 73 fg.) , so dürfen wir jetzt auch 
darauf hinweisen , dass unter allen lediglich unseren Briefen ge- 
meinsamen Ausdrücken (vgl. S. 112) doyfia der einzige wäre, welcher 
sich gleichwohl als paulinisch erwiese, wenn jenes %oig ddyfiaoif 
bereits dem Original angehört haben sollte. Man mag sagen (S. 10&), 
go gut Paulus Kol. 2, 20 doyfiavl^eiv schreibt, könne er auch doyfia 
schreiben. Aber regelmässige Art des Autor ad Ephesios ist es, 
aus paulinischen Zeitwörtern die entsprechenden Substantive zu bil- 
den, wie Kol. 1, 10 dgeaneia aus dgeaneiv, Eph. 4, 16 inixoQi^yia 
aus imxoQrjyeiv und Eph. 6, 18 TtQoaTcaqtigtjaig aus TtQoaxa^eqeh. 

Endlich kommt noch in Wegfall der diese Partie zum Ab- 
schlüsse bringende Satz Kol. 2, 15, welcher, rein exegetisch be- 
trachtet, unauflösliche Schwierigkeiten bietet, wie ja gegenwärtig 
auch in der That Ritschi 2) und Hof mann 3) gegen alle Vorgänger 
im Rechte sind, während die Misslichkeit ihrer eigenen Erklärung 
von R. Schmidt dargethan wird^). Nun steht aber die Stelle 
wirklich »ausser allem Zusammenhang mit dem Vorigen«*), oder 
vielmehr sie unterbricht geradezu den Uebergang des Gedankens 

1) Hofmann, IV, 2, S. 73. 

2) Jahrbücher f. d. Theol. 1863, S. 522. 

3) Schriftbeweis, I, S. 350 £g. Die heiüge Schrift N. T., IV, 2, S. 82 fg. 

4) S. 190 fg. 5) F. Nitzsch bei Bleek, S. 96. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. . 1 57 

m 2, 14, wo die Polemik gegen den Judaismus der Irrlehrer vor- 
reitet war, zu 2, 16, wo dieselbe beginnt. Ueberdies wird es 
Ibst Ewald hier unheimlich, und er entdeckt, »dass die Zeich- 
mg künstlicher angelegt und zugleich ruhiger ausgearbeitet ist, 
s wir es bei Paulus sonst finden«*). Statt dieses Orakels hätte er 
eilich besser darauf hingewiesen, dass deiyfictrll^eiv ganz unpau- 
lisch und ^qvoLfxßeveiv in einer Bedeutung gebraucht ist, welche 
; 2 Kor. 2, 14 nicht hat. Hauptsache aber ist, dass Kol. 2, 15 
ir aus dem Zusammenhange von Vorstellungen zu erklären ist, 
ie sie Eph. 3, 10 2) und Kol. l, 20^), ferner Eph. 4, S*) und end- 
;h Eph. 2, 15. 16 begegnen, welche letztere Stelle, wie sie sich im 
ofange mit Kol. 2, 14 berührt, zugleich die Ideenassociation be- 
uchtet und gleich Kol. 2, 15 mit dem Schlusstone h avtfp endigt. 
tich die zu Tage liegende Rückbeziehung auf Kol. 2, 10 Sg iativ 
xBqxxXfj ndatiQ agxrjg xat i^ovaiag, sowie das vorbereitende Ver- 
iltniss, in welchem beide Stellen zu den Aussagen von der Er- 
.benheit des Sohnes Gottes über die Engel 2, 18. 19 stehen^), lassen 
utlich den fremden Faden erkennen, welcher hier in das pau- 
Lische Gewebe eingesponnen worden ist. 

Die polemische Stelle 2, 16 — 23 ist in noch stärkerer Weise als 
[es Bisherige von Interpolationen unterwoben, weil der Autor ad 
)hesios hier in das Bild der Irrlehre des apostolischen Zeitalters 
e entwickelteren und ausgesprocheneren Züge, welche dieselbe 
•äter angenommen hatte, hineinzeichnet (vgl. V, 3, 2). Jenes ur-> 
irüngliche Bild ist 2, 16 noch am klarsten zu erkennen, wogegen 
eich 2, 17 unmöglich paulinisch sein kann. Nur hier würde (Tioftia 
iter die Kategorie der Substanz statt der Form fallen o), und wenn 
an zu To inelkovja auch Rom. 5, 14 Sg iativ tvTtog rov (Aillovtog 
si^leichen könnte, so sind doch gerade hier noch viel auffalliger 
ad auch für Weisse^) entscheidend die starken Berührungen mit 
em Hebräerbriefe, an welchen den Interpolator die ßQwaig xcre Ttoaig 
Loi. 2, 16 (vgl. Hebr. 9, 10), sowie die daneben erwähnten heiligen 
leiten (vgl. Hebr. 9, 6. 9. 25. 10, 1. 11) erinnerten. Der ganze 
^ers Kol. 2, 17 ist ein Auszug aus dem Hebräerbrief, nämlich aus 
en eben angeführten Stellen bezüglich des Präsens der gesetzlichen 



1) S. 485. 2) Ritschi: Jahrbücher f. d. Theol. 1863, S. 522. 

3) Mayerhoff, S. 63. 

4) Schenkel (S. 61), K. Schmidt (S. 193). Vgl. Ewald: Sieben Send- 
c^hreiben, S. 191 : »Die den Götzen entsprechenden bösen Geister führte er aus 
er Hölle, um sie als Gefangene zu zeigen vor dem göttlichen Thron. « 

5) R. Schmidt, S. 192. 

6) Vgl. Holsten: Zum Evangelium des Paulus, S. 377. 7) S. 62. 




158 Drittes Kapitel. 

Anordnung^;, aus Hebr. 9, 11. 10, 1 bezüglich der fiilkovra, aus 
8, 5. 10, 1 bezüglich der axia. Auch Hitzig hält die Stelle Kol. 

2, 17. 18 für interpolirt; sie hätte ursprünglich gelautet: 8g hni 
%0¥ Xqlovov xaS'Blwp eint^ ipvaiavfievog imo rav voog r^g aoQxog^f. 
Dies wäre freilich das einzige Heispiel dafür, dass ursprüngliche 
Paulusworte über der Bearbeitung verloren gingen. Sicher aber ist 
allerdings auch 2, 18, so wie der Vers jetzt lautet, auf keine Weise 
zu verstehen. Man vergleiche, um von allen firüheren Experimenten.^^M 
zu schweigen, nur wieder des neuesten Auslegers Kunst und Mühsal, 
um die beiden Hauptanstösse, welche Weisse kurzweg eliminirt^), 
d-iJixay und das & (fi^) ecigax&f zurechtzubringen^). Dazu kommt dei 
unpaulinische Charakter der Ausdrücke in 2, 18. 23 (vgl. S. 106) ; 8elb8^>^ t 
die %a7teivoq>Qoavvf]y wie man sie auch erkläre, bedeutet jedenfalls nich^^ t 
das, was in der nicht interpolirten Stelle Kol. 3, 12 und ihrer 
Eph. 4, 2. Hat sich nun aber schon oben (S. bi %.) herausgeatdt 
dasB Kol. 2, 19 Uebertragung aus Eph. 4, 16 ist, so gibt sich de: 
unpaulinische Charakter des Verses noch speciell in dem von Ga] 

3, 5. 2 Kor. 9, 10 abweichenden Sinn, in welchem hier iftixoffffBi: 
gebraucht wird, zu erkennen^). Auch der Ausdruck ooj^bi fi^i 
av^aiv ist nicht paulinisch, sondern gehört, in Bezug sowohl au 
das Substantiv (vg^. Eph. 4, 16), als das intransitiv gebrauchte Actii 
(vgl. Eph. 2, 21. 4, 15), dem Autor ad Ephesios, nicht aber 
Verfasser von Kol. 1, 6 an. Liegt die Sache aber so, so bleiben ii 
der ganzen Umgebung nur noch die Verse 2, 20. 21 als sicher, 
rend gleich 2, 22. 23 wieder äusserste Schwierigkeiten bietet. Hitzig 
bemerkt hierzu: »Dass der Text Vs. 17. 18 und 22. 23 verdorbei»' 
ist, hätten die Ausleger merken gedurft, imd wird derjenige merkien^ 
welcher einen Blick wirft auf die Mühsal ihres Gebahrens, auf i] 
unsicheres Herumrathen, auf die Haltlosigkeit und den Wideratreil 
ihrer Behauptungen«^). Dies gilt in excessivem Grade nament 
von den beiden, durch das Folgende ausgeschlossenen, Schlussvei 
des Kapitels 7), und hier wieder besonders von den letzten Wortei 

1) Hofmann, 8. S7. 2) S. 25. 3) S. 62. 

4) Hofmann, S. 90 fg. 93 fg. 

5) Mayerhoff, S. 90 fg. 

6) S. 26. Vgl. Monatsschrift des wissenschaftlichen Vereins, Zorich, 1856, S. 65 

7) Vgl. Hitzig: Kritik der paulinisohen Briefe, S. 23: »Als etaan Bestand- 
theil der Ueberarheitung betrachte ich eben die Worte Kol. 3, 1. 2: »Wenn il 
nnn mit Christo auferweckt seyd, so trachtet nach Dem, was droben ist, 
Christus zur Rechten Gottes sitst; sinnet auf Das, was droben, nicht was. an- 
der Erde ist. « Ei ovy auifriyiQ(hjT€, — woraus wird diese Auferwiedkang gefbl- "• 
gert ? worauf besieht sich dieses ovf ? Man müsste über eilf Verse miAckgreifen ^^ 
in weliohen von ganz anderen Dingen, s. B. Cap. 2, 20 Tom Sterben, die Bede ist ^ 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. '^ 159 

ci-K hf Tifi'g Ttvl TtQOg nXrjOfjLOvrjv TtJQ aoQxos, wo der Widerstreit 
und die Confusion alter und neuer Auslegungen fast beispiellos ist. 
Noch Hof mann 9 indem er seine Vorgänger zu nichte machte wie 
diese die ihrigen , weiss sich, nicht anders zu helfen , als mit der 
ausseist gewagten XJebersetzung : »nicht so^ dass Ehre irgendwem 
j^eschieht, sondern zur Sättigung des Fleisches <( ^) . Aber dass dem Ver- 
ÜEisaer die schlechterdings erforderliche Partikel des Gegensatzes ver- 
loren ging (S. 105), versteht sich nur^ wenn man einerseits Sieine Nei- 
gung zmoi Anschlagen eines Schlusstones mit iv (S. US), andererseits 
^n Umstand zu Rathe zieht, dass in ngog Ttkrjofiovr^v Trjg ßagxog eben 
ein noch im Beste befindliches Stück Original wohl oder übel anzu- 
^chweissen war. Dass dieses Unternehmen hier fehlschlug, hat in 
^er Vielheit von Gesichtspunkten s^en Grimd^ die hier dem In- 
tmipolator vorschwebten, wozu u. A. die dunkle Erinnevung an Rom- 
13^ 14 gehört. Was aber ito^^ov fiev ^ovira ao^/ag heisst, ist Schein- 
"weisheit und steht als solche im Gegensatz zu aog)la ymI avvsaig 
stvevfiatixt] Kol. 1, 9,^ hat aber eben desshalb mit diesem Ausdrucke 
^Ueselbe polemische Tendenz und denselben YerBEisseir gemein. Dass 
4ie8er nicht Paulus wax, ergibt sich schon daraus, dass in Kol. 
3, 22l 23 die Evangelien (Mt. 15, 9 =«= Mr. 7, 7) nachklingen (V, 1, 3) 
uindt die Pastoralbriefe (l Tim. 4, 3. S) ein Seitenstück gewinnen 2). 
SiQlllst gegen das unter den drei Verboten allein schwerer verstand- 
Hohe ^rji4 -^iytjg Kol. 2, 21 könnte sprechen, dass d^^yxavuv sonst 
um N. T. nur noch Hebr. 11^ 28. 12, 20 vorkommt, also in dem 
^miki Kol. 2, 17 sich ankündigenden Schriftstück. Weisse lässt 
übrigens wenigstens Kol. 2^ 23 aus^), und Hitzig zieht 2, 22. 23 



und mit diesem {a7T€&dv€Tt yccg) wird V. 3 die Aufforderung begründet, welche 
"Vers 1 aus der Auferweckung hergeleitet hat. Warum schreibt der Verfasser V. 3 
a&oht awtjyi^&fjTe yccQ^ — »Denn gestorben seyd ihr u. s. w.«; allein daraus folgt 
^eine Auferweckung, sondern aus dieser ist a^f ein vorher gestorben sein zu 
«chUesaen. Aber nicht nur der bedingende, sondern auch der Folgesatz wird billig 
l>ean8tandet, weil das Verlangen : trachtet nicht nach Irdischem, sondern nach Dem, 
-was im. Himmel, mit : denn ihr seyd gestorben u. s. w., nicht gehöilg motivirt wird. 
^n€d'äv€7i yccQ geht auf et äne&avere x, r. A. Cap. 2, 20 zurück: wenn ihr mit 
Christus abgeetorben seyd den Anfangsgründen der Welt etc. Nach des Apostels 
^Ceinung ist dies wirklich der Fall; desshalb kehrt in Cap. 3, 3 der Bediagungs- 
9at9 aU solcher des Grundes zurück : (Es ist davon zu reden, denn ihr seyd wirk- 
lich gestorben) ; und übrigens erhellt , dass letzterer sich unmittelbar an die Kate- 
gorie, welche er begründet, anschliessen muss. Eben hiermit aber unvereinbar ist 
auch die Integrität des Textes W. 22. 23., welchen die Ausleger heruminterpre- 
tiren, als befände er sich in der besten Ordnung.« 

1) S. 105 fg. 

2) Vgl. Hofmann, S. 103. 3) S. 62. 



160 Drittes Kapitel. 

in das kurze ürtheil zusammen: « iotiv elg (p&ögäv ifj dnoxgi^oei 

Derselbe Gelehrte weigt uns auch darauf hin (vgl. S. 158), dass 
von 2, 20—23 nur Ein gegliederter Satz reiche, »auf welchen 3, 3 
zurückschlägt«, so dass also 3, i. 2 ausfiele. In der That ist der 
Ausdruck tä av(o durch i; av(0 ^legavaali^ia Gal. 4, 26 und ^ aVai 
Alrjoig Phil. 3, 14 noch nicht als paulinisch erwiesen, und auch 
do^OLv nai Tifxrjv %ai äq>d^0Lqaiav ^rjteiv Rom. 2, 7 und ijfuSy tö no- 
XlT€Vfji(x iv ovqoLvoXg Phil. 3, 20 entspricht lange nicht der Prägnanz 
dieses Wortes, welches alles Dichten und Trachten des Gläubigen 
ebenso auf den Himmel fixirt, wie Eph. 1,3. 2, 6 geschieht. Denn 
nicht »das nächste Vorbild« hat die letztgenannte Stelle in Kol. 
3, l. 2 2), sondern eine Parallele, welche auf Identität des Verfassers 
und der Zeitverhältnisse führt ^). »Den Belang der Mahnung, nach 
dem was droben ist, zu trachten, wird richtig würdigen, wer vor- 
aussetzt, dass irdischer Hoffnimg der Boden hinweggezogen vrar«^). 
Die Verse setzen die Zerstörung aller, an den Bestand der Theo- 
kratie geknüpften Hofihungen voraus und berühren sich direct mit 
Hebr. 12, 22^). Auch das »Sitzen zur Rechten« Kol. 3, 1 kommt zwar 
Avie hier und Eph. l, 20 nicht bei Paulus (Rom. 8, 34 steht wie 

1 Petr. 3, 22 nur hg iatcv h de^t^ tov d-eov), wohl aber im Hebräer- 
brief (l, 3. 8, 1. 10, 12. 12, 2) vor. Die Herkunft unserer Stelle 
vom Autor ad Ephesios erhellt sonach zumeist aus der Einheit 
der Vorstellung, welche sie mit Eph. 2, 6 verknüpft, wo die Idee 
der Lebensgemeinschaft mit dem im Himmel zur Rechten Gottes 
sitzenden Christus »bis zu dem kühnen Ausdruck verfolgt wird, dass 
Gott die mit Christo lebendig gemachten mit ihm im Himmel nieder- 
gesetzt hat«^). 

Ebenso nimmt der Interpolator nach dem ersten Verse 3, 3 
gleich 3,4 als Ausleger und Paraphrast wieder das Wort. Denn 
mit Recht hat schon Mayerhoff das (paveqova&cti beanstandet ?)• 
Unter allen paulinischen Parallelen, die man für letzteres anführen 
mag, als da sind Rom. 3, 21. 1 Kor. 3,13. 4,5. 11,19. 12,7. 14,25. 

2 Kor. 2, 14. 3,3. 4,2.10.11. 5,10.11. 7,12. 11, 6, ist keine von 
der Art, dass sie eben hier den Ausdruck (paveqovod'ai eher als 
djto'^akvnTead'aL erwarten Hesse; die Form unserer Stelle scheint 
vielmehr erst gebildet auf Grundlage von 2 Kor. 4, 10. 11, wo aber 



1) S. 25 fg. 2) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 179. 

3) Bleek, S. 115. 4) Hitzig, S. 26. 

5) Die Zeitverhältnisse des Hebräerbriefes betreffend vgl. meine Nach Weisungen 
in der »Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie 1867, S. 1 fg. 

6) Weiss, S. 466. 7) S. 14. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. \ß\ 

der Gedanke wesentlich ein anderer ist. Ist dagegen der Inhalt 
einer paulinischen Parallele verwandter Natur, wie namentlich Rom. 
S, 17 — 21, so spricht Paulus eben hier von einer fiiXXovaa do^a 
rx7roxalvg>^vcu (8, 18), nicht q>av€Qto-9fjvai , und von aTTOxälvxfßigy 
nicht aber (paviQ(oaig , twv viwv d-eov (8 , 19). Femer heisst Kol. 
B, 4 Christus Üljtori'y ebenso Kol. 1, 27 eXftiqy Eph. 2, 14 elQTjvrj^ wie beim 
vierten Evangelisten ausser ^oiij auch (fwg, dvdataaiQy dX-fj^eia, 
3der bei Ignatius dyaTtri, Nicht minder verräth auch der Schlusston iv 
3o^ (S. 118) den Verfasser des Epheserbriefes. Dass es auch seine 
Vorstellungswelt ist, der wir hier begegnen, lehrt eine Erinnerung an 
üe xlrjQOvofAia iv TOig ayioig ^^h. 1, 18, wozu Hof mann bemerkt: 
>Die Herrlichkeit der Kinder Gottes ist eine schon gegenwärtige, 
Qur aber innerliche. Sie brauchen nur als das, was sie sind, geoffen- 
biart zu werden, so erscheint die Herrlichkeit der Gemeinde sicht- 
biarlich und überführt die Welt, dass hier wirklich Gottes Erbe und 
ESigenbesitz ist«^). In der That ist damit die Ideenassociation ge- 
-ToflFen, welche Kol. 3, 4 und Eph. 1, 18 verbindet. 

Entschieden unpaulinisch, aber ebenso erkennbar in allem Detail 
^uf paulinischen Reminiscenzen ruhend, ist der Abschnitt Kol. 
Fi, 5 — 11, welcher als negative Kehrseite dem ivduaao&s ovv 3, 12 
^orangeschickt wurde (S. 74). Paulus spricht von d-avaTOvv Rom. 
^,13 oder aravQOvv vqv aagi^a avv rolg Tta'drjfxaaiv xai Tolg inid'V' 
Lilaig Gal. 5, 24, nicht aber von vexgovv rd fieXri, Ausdrücke wie 
^epSTCQWitiivog und vixgtoaig gebraucht er vielmehr im sittlich neu- 
tialen Sinn vom Absterben dessen, was sterblich an uns ist (Rom. 
^, 19. 2 Kor. 4, 10). Dazu gehören allerdings auch die fiilrj; die- 
selben können aber, unbeschadet dessen, dass sie dem Process der 
^exQtoaig unterworfen sind, nach Rom. 6, 13 ebenso gut als "nla 
iiTiamavvfjg denn als Hnka ddi%iagy nach Rom. 6, 19 ebenso gut als 
9avXa nrj dmaioavvf] denn als dovXa TJj duad-aQaiff auftreten, je 
:Mjichdem id na^f^f^ata rwv dfiagTitHv Rom. 7 , 5 als o vofiog Trjg 
ifiaQTlag oder aber o vofxog zov voog Rom. 7, 23 darin herrscht, 
»«/elcher die nqd^etg %ov aw^iarog tödtet (Rom. 8, 13); sie können 
>eispielshalber nach 1 Kor. 6, 15 ebenso gut zu piiXri XqKnov als zu 
^iXri TtOQVfjg werden; der vi%qwaig aber sind sie in beiden, Fällen 
■unterworfen . Nun sucht unser Verfasser das Schiefe der Verbindung 
^-eKQOvv TO (nilf] freilich zu corrigiren durch den T^eisatz t« in:i Ttjg 
^'9jgy aber gerade diese ihm geläufigen Worte (Paulus würde nach 
L Kor. 15, 40. 2 Kor. 5, 1. Phil. 2, 10. 3, 19 rd iTrlyeia gesagt 
"Laiben) verrathen vollends den Verfasser von Kol. 1, 16. 20. 3, 2. 



1) IV, 1, S. 45. 

Holtzmann, Kritik der Epheser- a. Kolosserhriefe. 1 1 



\ 



1(52 Drittes Kapitel. 







Eph. 1, 10*), keineswegs aber den von 2, 11 2). Was bedeuten nun 
aber diese, selbst nach Ewald »wie unter Voraussetzung der Bilder 
Rom. 7, 23«-*) erscheinenden fiilrj irtl t^q yfjgf Die Vorstellung 
von irdischen Gliedern im Gegensatze zu himmlischen ist einfach 
unvollziehbar, und so verwandeln sich denn die ^Htjy deren eigent- 
lichen Sinn Paulus in den oben citirten Stellen stets festhält, 
unserem Verfasser sofort in die vermittelst ihrer verübten Laster 
die Werkzeuge in die Froducte^). Daher die ganz ungleichartig 
Apposition noQveia, duad'aQala y irdd'og und i/ti'^f.ila nani^y wobei 
zu beachten, dass der letztere Ausdruck schon an sich dem Paulus^ 
der die einfache i/iixh^/ula immer sensu malo fasst, fremd ist*)^ 
Diese ganze Gedankenbildung ist somit vager Natur und ve: 
den Nachbildner, dem zwar paulinische Vorstellungen und Ausdrück^^ e 
geläufig, nicht aber ihr Ursprung und Wachsthum im Geiste de^ ss 
Paulus selbst durchsichtig geworden ist. 

Im Einzelnen hat der Verfasser > wie sich schon herausgestell 
hat (S. 75. 79 fg. 88 fg.), den Inhalt der Stellen Eph. 2, 2. 3. 4,19 
5, 3. 5. 6 in der kurzen Form Kol. 3, 5 — 7 vereinigt. Das aue -«s 
Eph. 2, 2. 3. 5, 8 sich ergebende Ttore wurde 3, 7 schliesslich noch iiii ^ \t 
VTE eCrjtE iv Tovroig tautologisch, wie die Manier des Verfassers ist — 9; 
aber unter dem Einflusso einer Erinnerung an l Kor. 6 , 11 (S. 88 -^^) 
erklärt, um dann in vvvi d^ 3, 8 seinen Gegensatz zu finden*) 
Ebenso ist Kol. 3, 8 — 10 Zusammenfassung von Eph. 4, 22 — 26 -^• 

29. 31. 5, 1 (8. 53 fg. 80 fg.), wobei vielleicht auf die Eigenthüm 

lichkeit des Ausdrucks in 3 , 9 (avv ralg TtQa^eatv avuov) Rom — ^' 
8 , 13 eingewirkt hat. Vorzugsweise charakteristisch ist aber derr" r 
SchlusRvers dieses Abschnittes Kol. 3, 11, insofern er auf den 
Anblick so paulinisch als nur immer wünschenswerth lautet: S/r 
ovx EVI ^'Elkr/v Y,ai ^lovdalog, fregiTOfiti ytal dycQoßvGTia , ßaqßaqog 
Sxvd'rjgy doukogy ilevd'eQog, dXla za ndvra xai iv Tt&aiv Xqi 
Zählt doch der Apostel nicht blos 1 Kor. 12, 13 ganz ebenso auf eixi 
^lovdctloi elre^'Ellrjveg, Htb, öovXoi Htb, ilevx^SQOiy schreibt er dochnich' -^^ 
blos l Kor. 7, 21 . 22 sachlich dasselbe wie Gal. 3, 28 ovx evt dovlo^ ^ 
ovöi akevd-EQog, sondern an letzterem Orte auch ovTt h^i ^lovdaiog ovd^- ^^ 
'^ElXrjv ' ndvTBg ydq vfieig elg iate iv Xqigtm, Vollständig dasselb^^ ^® 
sagen ferner Stellen wie Gal. 5, 6 iv Xqiarip ^ttjoav ovze neqitofii^ -^ 
TL iöxvBi ovT€ dnQoßvatla und Gal. 6, 15 ovte Ttegitof^i^ %i iativ ovf- "^^ 




1) Mayerhoff, S. 92. 

2) Gegen Bleek, S. Wl. 

3) Sendschr. d. Paulus, S. 489. 4) Win er, S. 494. 

5) Mayerhoff, S. 15. 

6) Mayerhoff, S. 94 fg. 



3. Die Interpolation des Elolosserbriefes. 163 

dxQoßvavla dXXä i^aivrj xTiaig und Rom. 10, 12 ov ydq bötiv dia- 
OToktj ^lovdalov v€ xat ^'ElXrjvogy 6 ydq avrog '^vqiog ndwwv. Aber 
schon Mayerhoff hat auf die Consequenz hingewiesen, womit in 
allen aufgezählten Stellen, denen noch Rom. 1, 16. 3, 9 zuzufügen, 
nicht blos, wie auch Kol. 3, 11 geschieht, die »Heschneidung«, son- 
dern auch der »Jude« voranstehen ^) , und so haben Baur^) und 
Hoekstra^) auf Abhängigkeit der Kolosserstelle erkannt ^) , welchem 
Urtheile um so mehr beizutreten ist, als auch der Gegensatz ßdg^ 
ßagog und S'Kvdifjg mindestens gezwungen erscheint gegenüber den 
natürlichen Gegensätzen ^loväaiog xal "EXXrjV (Gal. 3, 28) und ^'Ekkrjv 
xal ßdgßagog (Köm. 1, 14). Ausserdem wird hier das Prädicat t« 
Tidvia von Gott (1 Kor. 15, 28) auf Christus übertragen, worin sich 
eine charakteristische Eigenart des Autor ad Ephesios spiegelt 
(IV, 3, 3). ^ 

Sehen wir auf den Abschnitt 3 , 5 — 11 zurück , so ist es , von 
der, durch den Sachzusammenhang motivirten Reminiscenz aus Eph. 
2, 2. 3 abgesehen, die ganze Stelle Eph. 4, 17 — 5, 20, welche der 
Interpolator , auch hier genau dem Gang seines Epheserbricfes fol- 
gend, zuerst gelesen, dann nach logischen Gesichtspunkten disponirt 
und in's Kurze umgearbeitet hat (S. 82 fg.). Einzelne Elemente 
jenes zu Grunde liegenden Abschnittes kommen übrigens erst nach- 
träglich zur Verwendung, nachdem der Verfasser von der negativen 
zur positiven Seite seiner Aufgabe übergegangen war, also in der 
Partie 3, 12 — 17 (S. 74). Eingeleitet wird letztere durch die aus 
dem paulinischen Kolosserbriefe stehen gebliebenen Verse 3, 12. 13 
(S. 76 fg. 82 fg.). Dann aber sieht sich der Interpolator nach der 
Fortsetzung um, welche dieselben bei ihrer zwiefachen Ueberarbei- 
tung im Epheserbriefe erfahren hatten. So fanden wir nämlich 
bereits oben (S. 77 fg.) die Worte Kol. 3, 14 hii 7raacv di Tomotg 
tfiv dydntjv motivirt, wobei zu beachten, dass schon die Einfiihrungs- 
form den Verfasser von Eph. 6, 16 verräth. Ebenso begegnet ovv- 
daofjiog ausser Apg. 8 , 23 nur noch in den beiden Parallelstellen 
Kol. 3, 14 = Eph. 4, 3, ausserdem noch in der Interpolation Kol. 
2, 19; es ist also zum Sprachgebiet des Autor ad Ephesios zu schlagen. 
Dem Gedanken an sich mag eine Erinnerung an 1 Kor. 13, 13 zu 
Grunde liegen. Die Verbindung aber anlangend, in welcher avvÖBO/iog 
hier mit TeleiOTfjg erscheint, ist die Bemerkung Hofmann's zu 
beachten, wonach letzteres Wort hier ganz in dem Sinne vorkommt, in 
welchem es im Hebräerbriefe (6, 1) die Völligkeit des Christenstandes 



1) S. 15. 2) Paulus, n, S. 38. 3) S. 647 

4) Selbst Ewald (S. 490) schreibt, etwas zweideutig : »nach Gal. 3, 28 so gesagt«. 

11* 



164 iDrittes Kapitel 

bedeutet^). Es ist abermals Rücksicht auf den Epheserbrief^ was 
den Zusammenhang von Kol. 3, t4 mit 15 bedingt (S. 78). Das 
Zeitwort ßgaßeveiv 3, 15 wird^ trotz des ßgaßeiov 1 Kor. 9^ 24. 
Phil. 3, 14, demselben Verfasser angehören, welcher auch 2, 18 
xaraßQaßeveLv schreihi^) . Um von der Vorstellung der Kirchenein- 
heit hier zu schweigen (S. 96), ist auch ev^a^torog so unpaulinisch 
wie svanlayxyog Eph. 4, 32. In Kol. 3, 16 vollends ist fast jedes 
Wort unpaulinisch, und diese Bemerkung verleiht unserem oben 
(S. 54 fg.) noch schwankend aufgestellten Urtheile hinsichtlich dieser 
Stelle nachträglich seine volle Stärke. Wieder ist es der Verfasser 
des Hebräerbriefes, welcher 6, l 6 Xoyog tov Xqkjvov schreibt; 
Paulus hat dafür 6 Idyog tov d'eov (vgl. Kol. l , 25) oder %ov xv- 
Qiov (l Thess. 1, 8. 4, 15. 2 Thess. 3, 1). Ebenso ist die Zusammen- 
stellimg ilfalfiotg, vfivoig, (^dalg dem Paulus fremd ; die (^drj kommt 
bei ihm überhaupt nicht, der vfivog sogar im ganzen N. T. nicht mehr 
vor ^) . Das Zeitwort ^deiv ündet sich, vom Original Eph. 5, 1 9 ab- 
gesehen, nur in der Apokalypse, und selbst das Adverbium nXovaiiog 
ist unpaulinisch (vgl. S. 107. Auch das Adjectiv steht nur 2Kor. 8, 9), 
hängt aber mit der Vorliebe unseres Verfassers für den Gebrauch 
von TilovTog zusammen. Ebenso deutlich enthüllt sich dieser Schrift- 
steller in dem Anschlüsse des Particips im Nominativ (S. 112), femer 
in dem iv Trday aocpitf (S. 117) und überhaupt in der fast wörtlichen 
Parallele Kol. l, 28 (vgl. S. 126). Endlich gibt iv zy %aQLtL nur 
in der Fassung Hofmann's einen erträglichen Sinn, ist dann aber 
ebenso fem vom Sprachgebrauche des Paulus, wie demjenigen un- 
sers Verfassers, welcher sich durchaus an der Leetüre von LXX 
(Ps. 138, 5) gebildet hat (V, l, 1), angemessen. Sollte aber mit der 
Recepta der Artikel weg zu lassen sein, so kann solches h x&ißiJi 
um so weniger von demselben Schriftsteller herrühren, welcher es 
4/6 in ganz anderem Sinne gebraucht. 

Dem Gange des Epheserbriefes fortwährend treu bleibend, schiebt 
der Iiiterpolator nunmehr aus Eph. 5, 21 — 6, 9 die Haustafel ein, 
bezüglich welcher wir unser Urtheil oben (S. 40 — 46) allerdings noch 
unentschieden gelassen haben. Für den paulinischen Ursprung der 
Kolosserstelle spricht am meisten das Vorkommen von Ausdrücken 
wie evagearog 3, 20 (vgl. Rom. 12, 1. 2. 14, 18. 2 Kor. 5, 9. Phil. 
4, IS), ige^L^etv 3, 21 (vgl. 2 Kor. 9, 2) und ddtxelv 3, 25 (vgl. 
für diese engere Bedeutung l Kor. 6, 7. 8. 2 Kor. 7, 2. 12. Gal. 4, 12. 
Philem. 18). Auch der xlrjQOvofiia 3, 24 begegnen wir bei Paulus 



1) IV, 2, S. 1-27. 2) Mayerhoff, S. 23. 

a) Mayerhoff, JS. 9S. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 155 

Gal. 3, 18, und wer Gal. 1, 10. 1 Kor. 7, 23 schrieb, scheint 
gedacht zu haben, wie der Verfasser von Kol. 3, 22. 23. Nament- 
lich aber dürfte die Ermahnung an die Herren Kol. 4, 1 im Epheser- 
briefe (6, 9) amplificirt und paraphrasirt , bei dieser Gelegenheit 
aber auch die gut paulinische laorfjg (2 Kor. 8, 13. 14) mit dem un- 
verständlicheren Ausdruck t« avza wieder gegeben worden sein ^) . 

Genau besehen liegt aber die Sache doch anders. Dass einmal 
svaQeatog auch dem Sprachgebiete des Epheserbriefes angehört, geht 
«chon aus Eph. 5, 10 hervor. Ja gerade dieser Schriftsteller liebt, 
wie wir soeben (S. 164) gesehen haben, solche Zusammensetzungen. 
Sollte es also der Autor ad Ephesios selbst sein, welcher sich hier 
«opirt, so hätte die Ersetzung von dixaiov durch evaQeoTOv nichts 
Auffälliges. Das Wort ddixelv kommt auch bei den Synoptikern, 
xiamentlich aber in der Apostelgeschichte und Apokalypse vor, wäh- 
Trend bei Paulus häufiger das in unseren Briefen fehlende Substantiv 
^dmlct steht. Femer gebraucht Paulus eged-iteiv nicht, wie hier 
^schiebt, sensu malo. Die laorrjg aber wird durch ihre, an sich 
«chon in der Manier des Autor ad Ephesios gelegene (S. 45. 1 1 0Not. 1) 
'Verbindung mit to dUaiov verdächtig. Theils steht nämlicl) bei 
Taulus nie dieses Neutrum als Substantiv, so gern er das Wort selbst 
9uch braucht, theils bezieht es sich hier, mehr dem classischen, als 
dem paulinischen Sprachgebrauch entsprechend (mit Ausnahme von 
Phil. 1,7. 4,8), auf das Verhältniss des Menschen zu anderen Menschen, 
80 dass diesmal auch Weiss auf einen Nachlass der strengeren Lehr- 
sprache stösst^). Aehnlich ist die anXoTrig Kol. 3, 22 = Eph. 6, 5 
ein Wort, welches im N. T. nur in den paulinischen Briefen (vgl. 
namentlich zu iv anXcTtiti Rom. 12, 8. 2 Kor. 1, 12) vorkommt; 
aber gerade von einer aTrkoTrjg T^g nagdlag lesen wir bei Paulus 
xiichts, und der Ausdruck ist wohl der anknzijg Trjg noivwviag 2 Kor. 
^,13 nachgebildet. Wie aber diese, scheinbar paulinische, «TrAoiriyg, so 
"fcietet die jedenfalls unpaulinische Epheserstelle (6, 8. 9) auch das xo^ 
^laetai Kol. 3, 25, welches durch 2 Kor. 5, 10, und die TrQoaioTtolrjilfla, 
reiche durch Gal. 2, 6 in ein gleich günstiges Licht zu treten scheint, 
dass ein überwiegender Eindruck des Paulinismus wenigstens auf 
«Siese drei Ausdrücke nicht begründet werden darf. Gut paulinisch 
i«t ja nach 1 Kor. 2, 3. 2 Kor. 7, 15. Phil. 2, 12 gerade die Formel 
/^«ra ipoßov xal tqo^ov Eph. 6, 5, welche aber der Kolosserbrief in 
^poßavfisvoi rbv xvqwv verwandelt hat — nach Mayerhoff, weil er 
sie zu stark befiinden hättet). 

Anderes endlich spricht direct gegen den paulinischen Ursprung 



1) Hitaig, S. 22 fg. 2) S. 433. 3) 8. 102. 



y 



166 Drittes Kapitel. 

der Kolosserstelle. So zeigt eben die angerufene Parallele Gal. 1^ 10^ 
dass i^aiilus eher avd'QW7ioig aqianeiv als dvd-QWTidQeaytog (worüber 
vgl. S. 110) schreibt. Auch die dvTaTtoäoaig Kol. 3, 24 (vgl. S. 106) 
entspricht mehr der Liebhaberei des llebräerbriefes für die auf ig 
endigenden Substantiva. Paulus schreibt zwar T(p TtvQiifi davJLevovteg 
Rom. 12, II, aber die Formel t(^ Tivgitp Xqio%(^ dovXevaiv 3, 24 
ist ihm in jeder Beziehung fremd (vgl. S. 116). 

Dazu kommt nun aber endlich, dass eine derartig ausgefacherte, 
nach dem aristotelischen Schema des Familienlebens (Pol. I, 3) an- 
gelegte Pflichtenlehre, der Anfang eines Systems der specielle 
Ethik'), dem Paulus überhaupt ferne liegt. Auch Meyer weiss 
Kol. 3, 18 bezüglich der Frage, wesshalb eine Haustafel nur i 
unseren beiden Briefen angebracht sei, blos zu sagen, dieselbe »be 



ruhe völlig auf sich«. In Wahrheit beantwortet sie sich, wie au 
bezüglich der Pastoralbriefe, aus den späteren und entwickelterer 
Verhältnissen der Gemeinden, welche die nachpaulinische Literatur: 
voraussetzt. Dass übrigens nur die I Beziehungen zwischen Sklav 
und Herren einc^ weitere Ausführung finden, hat, wie schon Ewal 
richtig gesehen 2) , seinen Grund in der Combination, in welcher decr -*r 
Kolosserbrief mit dem Philemonbriefe gedacht ist, worauf ausserdenr^^n 
auch die Doublctte 4, 9 beruht (S. 128 fg.). 

In 4, 2—8 begegnet blos die Doublette h evxaqiötUf 4, 2 un< sri 

die kleine Interpolation 4, 3. 4 dt o xat dedaficii %va (pavegwoto aw 
aus Eph. 6, 20. Ausser dem hierüber schon S. 87. 118. 128 Bemerkten 
befestigt uns in diesem Urtheil auch noch die Wahrnehmung, dass Pau- 
lus dieiv sonst nur metaphorisch gebraucht (Rom. 7, 2. 1 Kor. 7, 27. 39 
Vgl. 2 Tim. 2, 9). In dem Abschnitte 4, 10—14 hat der Interpolatorr- -r 
blos 4 , 12 nach der Erwähnung der angestrengten Bemühungen^^^ 
[dyojvitofievog absolut wie l , 29) des Epaphras diese letzteren als J® 
gebetsweise geschehend aufgefasst und den Inhalt solcher Fürbitter-^trn 
in einem Satze eingefügt, welcher ganz an die gleiche Eiufiihruu^^-^ 
1, 9 erinnert, und dadurch die unmittelbare Beziehung des ydg 4, Ic^ ^ 
verdunkelt. Denn nicht der Inhalt der beständigen Gebete des 
Epaphras, den Paulus erst von diesem selbst hätte erfahren müssen, 
sondern der identische Gegenstand alles seines Dichtens und Trach — 
tens ist ein denkbares Object der Bezeugung seitens des Apostels. 

Stellt aber einmal die Thatsache fest, dass der Verfasser dee 
Epheserbriefes den Kolosserbrief überarbeitet und so beide 
als ein inhaltlich und formell verwandtes Paar in die Welt geschickf 



1) Vgl. Weiss, S. 478: »Er entwickelt fast systematisch die sittlichen Pflichten 

2) Sendschreiben des Paulus, S. 491. 



3. Die Interpolation des Kolosserbriefes. 167 

hat^ SO sieht man sich mit Fug schliesslich auch nach einer Nota 
dieser Zusammengehörigkeit um. Dieselbe liegt in der That vor 
Kol. 4, 16, welche Stelle sich nur mit Rücksicht auf den Epheser- 
T)rief aufhellt, und zwar unter der Voraussetzung, dass derselbe als 
ein Umlaufsschreiben gedacht ist, welches zuletzt in Laodicea an- 
langen wird (S. 14). Hitzig erklärt daher die ganze auf Laodicea 
"bezügliche Stelle 4, 15 — 17, welche den Zusammenhang der Grüsse 
4, 14. 18 aus demselben Orte an die Selben unterbricht, für ein- 
geschoben i). Auf jeden Fall wird nun von diesem ürtheile das 
■3ial %rjv &t ^aoÖLyteiag %va %al vfielg avayvÜTB betroffen, welches, 
-wenn noch an Ttoii^aaTS angehängt, den Sinn verschiebt, da die 
Xolosser nur machen können, dass sie jenen Brief z\\ lesen bekommen, 
nicht aber, dass sie ihn lesen, oder aber, wenn als selbständiger Satz 
zu denken, sofort den Verfasser von Eph. 4, 29. 5, 27. 33 (vgl. S. 61) 
verräth^). Dazu kommt, dass 4, 15 die Lesart avtaiv (ä A. C. Copt. 
Meyer) die ursprüngliche sein muss, da sich aus ihr die beiden 
andern — avvav und cevi^g — erklären, je nachdem man das Vorher- 
gehende von einem Nymphus (Recepta, Bleek, Schenkel, 
Hitzig, Hofmann) oder von einer Nymphe (B, Lachmann) ver- 
stehen zu sollen glaubte. Ist dem aber so, so verdankt die Stelle 
4, 15 ihre Entstehung allerdings »nur einer unzeitigen Erinnerung 
an 1 Kor. 16, 19 und Rom. 16, 5 «3), vielleicht auch an Philem. 2, 
und könnte Nymphus oder Nymphe symbolischer Name sein (Apoc. 
21, 9. 22, 17. Clem. Hom. HI, 27)4). Die Stelle 4, 17 mag man 
rieh allerdings am leichtesten mit Ewald so zurechtlegen, dass 
wahrend der Abwesenheit des Epaphras ein jüngerer Gemeindevor- 
steher mit Namen Archippus (vgl. Philem. 2) zu nachsichtig gegen 
die Irrlehre gewesen war^). Aber gerade dann fällt auf, dass der 
Gemeinde, an welcher Archippus ein Amt zu verwalten hat, eine 
solche Ermahnung au ihn aufgetragen wird, zumal wenn wirklich 
gleichzeitig der Brief des Apostels an Philemon, also an das Haus 
des Archippus fiele, welcher seiner Ueberschrift nach auch diesem 
galt. Hitzig's Instanzen gegen die Stelle sind so erheblicher Na- 
tur^), dass auch Hof mann sich ihrer nur mit dem Vorgeben er- 



1) Zur Kritik paulinischer Briefe, S. 30. 

2) Hofmann, S. 152. 

3) Hofmarin, S. 151. Vgl. Hoekstra, S. 647. 

4) Hitzig, S. 31. 

5) Sendschreiben des Paulus, 464. 

6) S. 31 fg. Vgl. S. 32: »Es hätte doch einer besondren Veranlassung für 
^en Apostel bedurft zu einer so kränkenden Aeusserung. Seine Worte besagen 
^^tweder nichts, oder sie sin4 eine unwürdige Insinuation. Entweder hat Archip- 



\ 



168 Drittes Kapitel. 

■ ■ 

wehren kann, Archippus habe gar kein Gemeindeamt gehabt | son- 
dern sei ein »Evangelist« gewesen, wie Timotheus 2 Tim. 4, 5, der 
daher auch OTQaTLOJTrjg 2 Tim. 2, 3 wie Archippus Philem. 2 avtnqa- 
'CLWTtjg heisst^). Aber auf die Pastoralbriefe ist kein Schluss zu 
bauen, und die »Evangelisten« gehören überhaupt erst einer späteren 
Schicht neutestamentlicher Literatur an (Eph. 4, 11. 2 Tim. 4, 5. 
Apg. 21, 8). Wir betrachten somit die Stelle Kol. 4, 15—17 als 
die Klammer, vermöge welcher der Autor ad Ephesios aus seinem 
eigenen Werke, aus dem interpolirten Kolosserbriefe und aus dem 
Sendschreiben an Philemon eine zusammengehörige Trias gemacht hat. 




4. Der ursprüngliche Eolösserbrief. 
1. Nachweis der paulinischen Authentle. 

Der ursprüngliche Kolosserbrief ist von Paulus in GemeinschafU^^^^ 
mit Timotheus und, weil dictirt (4, 18), wahrscheinlich durch die 
Hand des letzteren geschrieben (1 , 1) , daher im Anfang durch- 
gehends der Plural auftritt (l, 3. 4. 7 — 9. Nicht hierher gehört aus 
exegetischen Gründen 1, 12 — 14). Erst 1 , 23 [iyüß Ilavlog, wie 
2 Kor. 10, 1. Gal. 5, 2) kommt Paulus auf seinen persönlichen Be- 
ruf. Es tritt daher der Singular ein (1, 25. 29), welchen der Bear- 
beiter 1 , 24 noch fest gehalten hat , während er schon 1 , 28 den 
Plural um so ungeschickter einschiebt, als dann der Singular 1 , 29 
sogar innerhalb desselben Satzgefüges auftritt (S. 153). Dagegen stellt 
Paulus im engen Anschlüsse an 1, 29 auch die ganze polemische Aus- 
führung passend gleichfalls unter Schutz und Verantwortlichkeit 
seines eigenen' Namens (2, 1. 4. 5), um nur vorübergehend mit der 
Aufforderung zur Fürbitte (4, 3) noch einmal in den ebenso wie im 
Anfange motivirten Plural zurückzukehren. Sofort aber bricht sich so- 
wohl beim Bearbeiter [öl o ytal öeösfiat und 2, 4 tva ipaveqwaio aitS) 
als bei Paulus selbst [wg dal fie XaX^aai) wieder der Singular Bahn 
(S. 87), durch welchen der Apostel auch 4, 7 mit ta Y.a% ifie sich 



pus seine Dienstptiicht erfüllt, und dann ist es ungehörig, ihn zu mahnen, ja 
mahnen zu lassen; oder nicht, und dann gebe Paulus bestimmte Thatsachen an.« 
Schliesslich vermuthet Hitzig (S. 33), der Ueberarbeiter habe den Flavius Ar- 
chippus im Sinn getragen , einen Philosophen aus Brusa am Olymp , den der 
jüngere Plinius (Ep. X, 66 — 68. 85) als wegen Fälschung in metallum yemrtheilt 
erwähnt. Es scheint, dass der bei dieser Gelegenheit erwähnte Proconsul Paulus 
dabei als Kichter fungirt hatte. 
1) S. 155. 



4. Der ursprüngliche Kolosserbrief. )69 

persönlich von Timotheus unterscheidet. Der Singular bleibt dann 
bis zum Schlüsse (4, 8. 10. 11. 13. 18). 

Im Grusse (1, 1. 2) ist auffällig befunden worden, dass die 
Angeredeten döelq)oi heissen ^) . Es hätte gleich auch noch darauf 
hingewiesen werden können, dass die Zusammensetzung Ttioioi 
adeXq>oi bei Paulus nicht mehr vorkommt. Indessen treten gerade 
in diesem Theile der Adresse auch sonst freie Variationen innerhalb 
des im Allgemeinen feststehenden paulinischen Rahmens ein. Paulus 
schreibt gewöhnlich an eine »Gemeinde« oder an »Gemeinden«, 
unter Umständen aber auch an »die berufenen Heiligen« (Rom. 1,7), 
oder etwa auch an »alle Heiligen« (Phil. 1, 1); hier e;iidlich, nach- 
dem eben der »Bruder« Timotheus genannt war, an »die heiligen 
und gläubigen Brüder«. Freilich soll auch der Beisatz h XQiOTtp 
(statt iv XQia%(^ ^Itjoov) zu adeXipdig unpaulinisch sein 2). Aber von 
ädsXq)o7g iv Xqiütc^ kann so gut geredet werden, wie Rom. 16, 9 
von einem avvegydg iv Xqiotio, Dass zuvor Rom. 16, 3 övveqyol 
iv Xqiotc^ ^Ifjoov steht, zeigt wie vollkommen promiscue Paulus 
solche Formeln gebrauchen kann, und wie wenig bezüglich ihrer 
auf stereotype Ausdrucksweise zu rechnen ist. Immerhin kommt es 
dem paulinischen Charakter der Stelle zu statten, wenn die vier 
letzten Worte gelesen werden dürfen (S. 55 fg.). 

Stellen wir zuvörderst die Bestandtheile zusammen, welche sich 
schon in den einleitenden Erörterungen (S. 56 — 59) als original er- 
wiesen haben, so begegnet uns in ihnen ganz der herkömmliche 
paulinische Typus, wonach der Apostel mit einem Danke gegen Gott 
für den Christenstand der Leser beginnt. Unter den echten Briefen 
ist es besonders der erste an die Thessalonicher , welcher von der 
Zuschrift in ganz ähnliche Geleise übergeht, indem nicht nur der 
Inhalt von Kol. 1, 3 dem von 1 Thess. 1, 2 (vgl. auch Phil. 1, 3. 4) 
gleich ist, sondern auch der Christenstand der Thessalonicher dort 
{1 Thess. 1, 3) , der Kolosser hier (Kol. 1, 4. 5) nach den Gesichts- 
punkten der paulinischen Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung 
aus einander gelegt wird. Das äxovaavTeg t'^v nioxtv vfxwv 1,4 
(vgl. Philem. 5 axovwv öov zfjv dy(i7Cf]v xai rijv jriaTiv) steht ganz 
wie Gal. 1 , 13 fii^ovaa^e trjv ifirjv dvao%qoq)rjVy und die dyamq eig 
^avzag wie Rom. 5, 8. 1 Thess. 3, 12. 2 Thess. 1,3 [l Petr. 4, 8)." 
Gregründeteren Anstoss als an iv XQiazip ^Irjoov 1 , 4 3) könnte man 
inamerhin 1, 5 an allen zwischen öia ttjv iXnida und tov evayyeXlov 



1) Mayerhoff, S. 38 fg. 

2) Mayerhoff, S. 39. 73 fg. 

3) Mayerhoff, S. 76. 



170 Drittes Kapitel. 

stehenden Worten nehmen. Theils nämlich begegnet die so resul- 
tirende Formel ilnlg tov evayyellov gleich 1, 23 wieder (vgl. auch 
ilftig vf^g do^g Böm. 5^ 2 und ilnig diycaioavvrjg Gal. 5^ 5)^ theils 
findet sich d/tOTceiad'ai sonst bei Paulus nicht. Dafiir begegnen aber 
die Nachwirkungen dieser ilTilg dnoxeifiivr] sowohl 2 Tim. 4,8 
[d/toTceiTal (loi 6 a'e€q>av6g) als auch Hebr. 6, 18 (iXntg nQOxeiinivtj) , 
und bei der umgekehrten Voraussetzung müsste der Einschub die 
Stelle Eph. 1, 3. 12. 13 zur Quelle haben. In der That besteht eine 
gewisse Versuchung^ das iv %dig ovQavolg aus iv roig iTCOVQOvioig 
Eph. 1 , 3, das nqorjyiovaaxs aus 7tQor]l7ti,7i6'eag Eph. 1 , 12 zu er- 
klären, namentlich aber in der schwerfalligen Verbindung iv Tip 
I6y(p TTJg dXrj&slag tov evayysllov eine aus Eph. 1, 13 tov loyov 
T^g dlrjä'elag, %d evayyehov entstandene Verdunkelung zu erblicken. 
Indessen hat der loyog T'^g dXrjd'slag mit 2 Kor. 6, 7, wovon ihn 
Hoekstra abhängig erklärt^), sachlich nichts zu thun, wohl aber 
die ähqd^BLa lov evayysllov an Gal. 2, 5. 14 eine ausreichende Par- 
allele, und der combinirte Ausdruck ist von Meyer richtig erklärt 
und formell aus 2 Kor. 4, 4 erläutert worden (vgl. S. 115). Femer aber 
würde der Autor ad Ephesios, wenn er sich selbst hier copirt hätte, 
sicher auch im Kolosserbriefe iv %oig iTtovqavLoig geschrieben haben, 
und wir fanden (S. 58) gerade in nQorjlTtcxoTag einen Beweis der 
Eph. 1,12 wieder anhebenden Berücksichtigung von Kol. 1, 5. Ueber- 
haupt aber stehen und fallen die Worte dieses Verses mit den un- 
mittelbar sich anschliessenden. Wenn nun diese zunächst 1,6 
besagen, das Evangelium sei bei den Kolossem einheimisch gewor- 
den TiaO^wg Tcal iv Ttavrl iip xoafKfi, xal sarcv naqnoipoqov^evov %al 
av^avofxBvov Tta&wg xat iv vfiivy so darf man sich weder an de 
Hyperbel 2), noch an dem kurz nach einander wiederholten xad'iig 
stossen. Denn jene ist so wenig unpaulinisch als die gleichen Aus- 
drücke 1 Thess. 1, 8. Rom. 1, 8, und ist überdies zu beachten, dass 
alle drei Stellen gleicher Weise im Eingange der betreffenden Briefe 
stehen. Nicht minder aber ist auch bezüglich des nadtig, sowie 
des ganzen Inhaltes von Kol. 1,6 die am Eingange eines anderen 
Briefes begegnende Wendung xa^cig to iiaqtvQiov tov KgiaroS iße- 
ßaiuidTj iv vfiiv (1 Kor. 1, 6) zu beachten. Noch genauer entspricht 
Köm. 1, 13 €v v^tv Kad'wg utal iv Tolg lomolg e&vsacv, insofern das 
xal vfilv 1, 15 sofort wiederholt wird, wie hier das nadwg nal iv 
vfilv. Endlich kommt noch 1 Thess. 1 , 5 ('nad'wg ol'darß) in Be- 
tracht, wo überdies in gleicher Weise daran erinnert wird, wie das 





1) 8. 647. 

2) Gegen Hilgenfeld: Zeitschrift f. w. Th. 1870, S. 246. 



4. Der ursprüngliche Kolosserbrief. 171 

Evangelium den Lesern nahe getreten sei [fyevi^dTj eig vfi&g = Kol. 
l, 6 %ov Ttagoveog Blgvfiag), Auf diese Weise sind, ganz wie Paulus 
pflegt, die Beziehungen der Leser zur christlichen Sache Anlass ge- 
worden, auch der persönlichen Beziehungen derselben zu den per- 
sönlichen Trägem und Ausrichtern des Evangeliums Erwähnung zu 
thun, und unter diesen muss in unserem Falle dem Epaphras (1, 7) 
Paulus selbst nachstehen. Denn jenem, als seinem dyaTttj^dg öxjv- 
dovXog (welche einzigartige Verbindung, statt dyaTtrjtog «(JßAgpo^, 
eb(Bn in der Eigenthümlichkeit des Falles begründet ist) und nto%6g 
vTteQ viidiv didyLOvog ^Itjaov Xqiotov (vgl. 2 Kor. 11, 23 didxovot 
Xgcoiovy sonst &€0v), verdanken die Leser ihren Christenstand (1,7 
ifidS'ets dnb ^E7taq>Qa, vgl. zu piav^dveiv Rom. 16, 17. 1 Kor. 4, 6. 
14, 35. Phil. 4, 11, zum absoluten Gebrauch desselben 1 Kor. 14, 31, 
zur Verbindung mit dyioveiv Phil. 4, 9 und mit dno xivog Gal. 3, 2) 
und Paulus selbst die Kunde davon (1 , 8 dtjXwaag fjfilv rrp^ v^üv 
dydnrjv, vgl. 1 Kor. 1, 11 idtjXwdTi ydg fioc Ttsqi vfiwv). 

Mit gewohnter Leichtigkeit und Feinheit des Uebergangs nähert 

sich Paulus im neuen Abschnitte seinem Ziele , indem er 1 , 9 in 

der Botschaft des Epaphras einen Grund findet, auch seinerseits 

stets für die Leser im Gebete thätig zu sein (did tovto xat fjiiislg 

ov TtavoiJLBd'Ct y wie 2 Kor. 4, 1 did tovto B%ovTeg . . oi>x cyxaxoiJ- 

(lev). Der mit %va beginnende Satz wurde als unecht erkannt (S. 85), 

und in der That schreibt Paulus, wie er sonach jetzt hier schreibt, 

nämlich Ttqooev^ofxevoi TtegcfiaT^aai vfÄ&gy auch sonst, z.B. 2 Kor. 6, 1 

7(aQaxakov^€v ^tj eig y,ev6v Trjv xdqiv tov d^sov de^aad'at vfiäg. 

10, 2 deofiai t6 iiij naqvjv &aqQrjaat. 13, 7 svxofied'a TTQog tov d^eov 

fifj noirjöai, vfiag naxov f^rjdiv. Er kann auch die andere Construc- 

tion wählen und sagen 1 Thess. 4, 1 SQWTWfisv vfiag xat fca^ana- 

Xovfiev naS'Cjg TtaqeXdßeTe naq fjjaüjv to Tcaig del vfxag TtegiTiaTelv 

x,al dgeansiv B^ecS y iva TreQiaaevrjTS fxäXXov, Nicht aber lassen 

sich beiderlei Constructionen einfach neben einander stellen, wie in 

Folge der bereits notirtcn Einwirkung des eben citirten Pauluswortes 

(S. 148), Kol. 1, 9. 10 geschieht. Uebrigens erhellt sowohl aus letzte 

berührter, als auch aus einer anderen Stelle des ersten Thessalonicher- 

triefes (2, 12 fiaqTvqcfÄEvoL eig to 7ieQi7taTelv vfxäg d^iwg tov Beovy 

Vgl. Rom. 16, 2 d^iwg twv ayicov, Phil. 1, 27 d^icog noXiTevea&at tov 

^ayyellov) der gut paulinische Inhalt des Objectes der Bitte, welcher 

^ahin geht, die Leser möchten würdig wandeln des Gottes, welcher 

sie berufen hat aus der Gewalt der Finsterniss und versetzt in das 

ISreich seines Sohnes (1, 10 — 13). 

Die letztere Aussage (1, 13) gibt noch zu einigen Bemerkungen 
"Veranlassung. Für entschieden unpaulinisch muss hier nur die Formel 



172 Drittes Ktpitel. 

i vtne T^fi öyrijrijfi avjov erklärt werden , sofern sie durch Stellen, 
wo die paulinische ChriRtolc^e sich mit der Idee der göttlichen 
Liebe berührt (Rom. 8, 37. Gal. 2, 20), noch lange nicht gedeckt 
erscheint. Doge^n kann darin, dass anderwärts (Gal, 1, 4. 3, 13. 
5, 1) von Christus ausgesagt werde, was hier von Gott, angesichts 
Ton 1 Kor. 1,8. 2 Kor. 5, 18. 19 keineswegs ein Gegensatz'), am 
wenigsten eine auf den Autor ad Ephesios, dessen Tendenz vielmehr 
die gerade entgegengesetzte ist [IV, 3, 1 und 3), hindeutende Spur 
gefunden werden. Wie sehr wir es vielmehr lediglich mit freiem 
Wechsel der Anschauung zu thun haben, zeigt die entgegenstehende 
Wahrnehmung, dass zwar Kol. 4, it, wie sonst immer, von ßaatXaüi 
vov &eov , hier dagegen von ßaatXtla inv vlrtv avtov die Rede ist. 
Und doch macht gerade diese auf^ligc Ausdrucksweise es un- 
zweifelhaft, dass hier die Hand des Apostels thätig war. Denn 
nicht hlos zeigt 1 Kor. 15, 24, wie das Gottesreich vorläufig immer 
unter der Form des Christus reich es zu denken ist, sondern es bieteb 
auch I Kor. 1, 9 insofern eine frappante Parallele, als aus hil^&ijr^^ 
eis xoiviovlav %ov v'tov aizov hervorgeht, wie Paulus, und zwar gerades 

im Eingang seiner Briefe, heidenchristlichen Leeem leicht und ge n 

die Veränderung ihres ganzen Standpunktes mit Hülfe derartigere 
Formeln zu Gemüthe führte, und wie dann der neue Bereich, i^^ 
welchen jene eintreten, speciel] als ein Hereicb des Sohnes gedach — 
wird. Die ßaatlela tov vtnv aviov ist somit Kol. 1 , 13 genai^a 
motivirt wie die xoivfovia tov viov avjov 1 Kor. I, 9. Und weni^« 
der Act des Versetzcns mit fteSiaTÜvetv ausgedrückt wird, so komm — » 
dieses Wort wenigstens 1 Kor. 1 3, 2 bei Paulus vor, und selbst wenni« 
es gar nicht wieder erschiene, würde Gal. 1, 6 ftetari^saSe äne^ 

■tov v.aXf.attvtng darthun, wie nahe gerade eine solche Zusammen 

Setzung in solchem Zusammenhange lag. Aller Zweifel wir^^ 
schliesslich dadurch gehoben, dass auch die gemeinsame Verarbd— — 
tung, welche Kol. 1, 13. 21 in Eph. 2, 1—3 findet [S. 65 fg.), d«^ 
schlagenden Heweis dafür liefert, dass der Autor ad Ephesios una W . | 
Stelle nicht blos gelesen, sondern auch — ertgegen dem jetzig^H 
Text — in engstem Zusammenhange mit Kol. 1, 21 gelesen hat. ^M 
Haben wir daher schon früher (S, 149) gefunden, Aann der gatl^ai 
Gedankengang nur gewaltsam auf den unterbrechenden christolo iass T! 
sehen Excurs hingetrieben wird , so gewinnt diese Hemerkuiig jj 
ihre positive Ergänzung durch die ErkenntniBS, dass sich 1 
unmittelbar an die 1, 13 ausgedrückte Idee der Erlösni^ 
»Uns« [ijfiäg iqQvaaxo) hat der Apostel gesagt; 

1] Gegen Mftjerhoff, S. 63. 



'> / 



4. Der ursprüngliche Kolosserbrief. 173 

lies der Fortschritt zum Folgenden — gilt es speciell auch von den 
^esem^ was soeben ganz allgemein von »unserem« neuen Yerhält- 
lisse^ in welchem wir zum Reiche des Sohnes Gottes stehen, gesagt 
«rar: Sri ev av%(^ evdöxrjaev xavaUd^ai aal vfiäg no%i ovrag ix' 
fqovg. Das Subject des ganzen Satzes, welches im überarbeiteten 
(olosserbriefe bedenklich wechselt, bleibt bei dieser Herstellung des 
Textes fortwährend Gott, von welchem 1, 19 formell Aehnliches 
usgesagt wird, wie auch Gal. 1, 15. 16 (ot€ di evdoxtjaev . . . a/ro- 
ahvxfjai %6v viov avrov iv ifioi) oder 1 Kor. 1,21 [evddxijasv 6 
^^eog . . . awaat tovg Ttiotevovrag) , In 1, 20 bleibt freilich nur das, 
[1 dem unpaulinischen Dicompositum steckende, echt paulinische 
maXXa^ai stehen. Dasselbe Wort kehrt gleich 1, 21 wieder, wo 
ibrigens anstatt des noch von Hof mann vertretenen arcoxaTi^lla^ev 
Qit Lach mann und Schenkel zu lesen ist aTtoxarrjlXdyrj're. 
kheinbar zwar stehen nur B und wenige untergeordnete Zeugen 
ur diese Lesart ein, aber in Wahrheit zeugt auch die abendländische 
Variante aTtoxatallay^vreg (Itala, Irenaeus, Hilarius, DFG) dafür i), 
V'ährend der Vers in seiner jetzigen Gestalt bei allen Lesarten ein 
Lnakoluth bildet, verschwindet jeder syntaktische Anstoss, sobald 
lan in nal vfiäg das Object zu dnoxaTakXd^ac 1, 20 erblickt und 
lit wvt Ö€ dTcaxaTfjlkdyrjre einen neuen Satz beginnt; und eben 
afiir spricht zum Ueberflusse auch die Parallele Eph. 2, 13 {wvl di 
Yevfj&tjTe) bei der oben (S. 69 fg.) coustatirten Abhängigkeit dieses 
^erses von unserer Stelle. Dabei ist überdies noch zu beachten^ 
.ass bei Paulus xaTaXXdoaeiv in Verbindung mit ttp &€(p oder aber 
oit d-eog als Subject steht, und unter begleitendem Hinweis auf den 
rermittelnden d-dvaiog Xqiarov (2 Kor. 5, 18 — 20), wobei die Vor- 
lussetzung ist , dass die Christen in ihrem früheren Zustande ixd'qoL 
in activen Sinne waren (S. 94). Derselbe Gedanke liegt aber auch 
Kol. 1, 21 vor. Daselbst erfordert übrigens der Gegensatz wvl de 
^^oxaTTjXXdyrjte um seiner rhetorischen Wirkung willen eine voraus- 
gehende nähere Bestimmung des Ausdrucks ix^QOvg, welche der 
•tztere auch findet in den, somit keineswegs rein abundirenden 2) , 
>ndem den Gedanken der Gottesfeindschaft xjoncreter darstellenden 
i^orten iv roig eqyoig rolg novtjQolg, welche im Vergleich mit dem 
•tzigen Texte kürzere Form durch die Parallelen des Epheseifbriefes 
-Ibst bestätigt ist (S. 69). So gewinnen wir eine sprechende Pa- 
llete , formell zu dem, was Rom. 7, 6 von den Juden gesagt ist wvl 
^ naTTjQyrjdTjfiev dnb tov vofiov, sachlich zu dem, was 1 Kor. 6, 1 1 



1) Bleek: Die Briefe an die Kolosser, S. 56. 

2) Gegen Mayerhoff, S. 47. 



t 



174 Drittes Kapitel. 

die Heiden zu hören bekommen xot %avTa itvag rfCSj aXXa ä^iehov- 
oaad'B, aXXoL ^yido^rjtey aXXä idmaiaiihjts. »Vorher in bösen Wer- 
ken gottfeindlich, jetzt versöhntet, und zwar letzteres iv %(p awfiOTi. 
rrjg oaQxog avTOv (vgl. S. 95 fg.), wie es ganz entsprechend der 
paulinischen Grundanschauung heisst, wornach eben der Begriff der 
adg^ überall von der entscheidendsten Bedeutung fiir die Art des 
Yersöhnungstodes ist i) . Dass aber in solchem Zusammenhang auch 
von awfxa die Rede sein kann , geht aus Böm. 7 , 4 (i-d-avaTii^irjTe 
diä TOu ocifiaTog TOv Xqiozov) hervor*-^), und ganz unverkennbar die 
Hand des Paulus ist es, welche noch hinzufügt de ye (vgl. 2 Kor. « 
5, 3. Gal. 3, 4) sjci^evsTe tfj 7110x81 (vgl. Rom. 6,1. 11 , 22. 23) 
hÖQaloi xal (irj fÄerayiivov^uvoL (1 Kor. 1,8. 15, 58) dno tou euay- 
yeXiov» Die Formel tfj 7iiot€L edgaioi, ohne das dazwischenein- 
geschobene (vgl. S. 152) T€d^€f.i€Xi.wf4ivoi, findet sich übrigens au< 



> 







bei Ignatius Eph. 10, wozu die Herausgeber richtig Kol. 1 , 23 al^^ s 
Quelle citiren. 

Lassen wir sammt den als Wiederholung nachgewiesenen (S. 122)iC_ ") 
Theilen von 1 , 23 auch den sachlich unpaulinischen Vers 24 aus 
so macht von nun an Vieles gegen den Schluss des Kapitels de 
immer steigenden Eindruck paulinischer Authentie. Zwar ist ei 
nur abermals Wiederholung (vgl. S. 125 fg.), dass sich der Verfasse 
zweimal nach einander didytovog nennt (l , 23. 25) , und dicntovo 
hixXrjaiag insonderheit ist unmöglich (S. 152). Dagegen erinne 
das Wort an sich an Rom. 11,13. 1 Kor. 12, 5. 2 Kor. 3, 6. 6, 4 
während eine solche Charakterisirung nicht im Geiste des Autor a 
Ephesios liegt, der sonst die Unterschiede der Amtsbezeichnun 
streng festhält (Eph. 4, 11) und, da er die Diakonen schon aus Rom 
12, 7. 16, 1, um von Phil. 1, 1. 1 Petr. 4, 11. 1 Tim. 3, 8 fg. 
schweigen, kennen musste, jene Anwendung des Begriffes ölcchovo 
auf einen duooToXog schwerlich wagen kann. 

Müsste man, wozu einige Versuchung besteht, 1, 23 die Worten -^^ 
ov '^xovaats stehen lassen, so wäre der Genetiv freilich nicht nachr^-" 
dem Vorbilde von Rom. 10, 14 ov ovx iJKOvaav (vgl, Meyer hierzu) ^^ vJ' 
sondern als Attraction zu fassen, wie Rom. 4, 17. 1 Kor. 6, 19— ^^ 
Indessen würde Paulus schwerlich die beiden Relativsätze einfaclci^^' 
neben einander gestellt, sondern nach dem hierfür classischen Musteisr 
1 Kor. 15, 1 wohl geschrieben haben ov ijxotoate, ov nat iyd üixvXog^ 
eyevof^irjv dcdnovog (vgl. 1 Kor. 2, 3J. Dann aber liesse sich nur nichts' 



1) K. Schmidt, S. 189. 

2) Vgl. über den Unterschied von ociq^ und awfia rijg üagxog Holsten: ^ 
Zum Evangelium des Paulus und des Petrus, 1868, S. 370. 377. 



4. Der ursprüngliche Kolosserbrief. 175 

erklären 9 wesshalb der Interpolator gerade das so passend stehende 
nai gegen seine bisher befolgte Praxis ganz sollte ausgelassen haben. 
Somit bleibt nichts übrig, als ov tjxovaaTe zu streichen, zumal da es 
auch sowohl zu der Compositionsweise (vgl. S. 122) als zu der eigen- 
thümlichen Lehranschauung (vgl. IV, 2, 3) des Interpolators stimmt. 
Auf diese Weise ergibt sich folgende Verbindung zwischen 1, 23 
und 25: f^tj fi€Tax,ivov^evoi ctTib tov evayyeXiov ov iyevof^tjv iyai 
Ilavkog dianovog xarä tijv oixovofiiav lov ^eov tijv äo&BiöCLv fioi ßig 
vfiag. Das paulinische Gepräge des letzten, auch schon S. 59 als ori- 
ginal erwiesenen Satzes, bedarf angesichts der Parallelen Rom. 12, 3 
{diä v^g /cr^tirog T^g do&eiarjg fioi) . 6 [yiaTa tfjv %aqiv ttjv do&elaav 
fjfilv), 15, 15 und Gal. 2, 9 (v^v %<XQtv ttjv öo^eiaav (loi), 1 Kor. 
3, 10 (xoTO triv %6iQLv lov &eov trjv äod'eiadv fiot), 4, 1 [olt^ovo- 
fiovg /iivaT7]Qi(ov -S^eov). 9, 17 (olnovof^iav 7C€7cia%€Vfiai) keiües Er- 
weises. Dass das bei Paulus (aber nicht in den Philemon- und 
Philipperbriefen) gegen 50 mal stehende dtdovai im Kolosserbriefe 
nur hier vorkommt, gehört mit zu den Beweisen für die gerade an 
dieser Stelle thätige Hand des Paulus. Hierauf ist weiter zu lesen : 
fcXr^Quiöai %6v Xoyov tov d-eov, elg 8 nai 7i07ii(f dywvil^o^evog xata 
trjv ivfQysicev avTOv zfjv heqyovfisvrjv iv ifioL Anstatt zu sagen wie 
Rom. 15, 19 nXrjQOvv lo evayyiXiov setzt Paulus hier den gewöhn- 
lichen Ausdruck Xoyov xov d^eov (vgl. z. B. 1 Thess. 2, 13). Der 
Schlusssatz endlich 1 , 29 fährt richtig (S. 168) im Singular fort. 
Das yLOTtiw in der hier vorkommenden speciellen Bedeutung hat in 
Rom. 16, 12. 1 Kor. 15, 10. 16, 16, besonders aber wegen der 
Verbindung mit elg in Rom. 16, 6. Gal. 4, 11 und mit dem Parti- 
cipium in 1 Kor. 4, 12 Ttonicjiiiev iqyatpfievoi seine Parallele, und 
das aywvitofievog verräth nicht blos den Verfasser von 1 Kor. 9, 25 
(jtäg de 6 aywv^Cofievog) , sondern kommt auch in unserem Briefe 
selbst (4, 12) ähnlich vor^) und wird überdies seinem Inhalte nach 
sofort in 2, 1 [rjXUov dydßva) aufgenommen (vgl. die Nachbildung 
1 Tim. 4, 10). Auch xara ttjv eveqyeiav hat in Phil. 3, 21 seine 
Parallele, und eveQyelo&ai vollends ist ganz paulinisch als Medium 
gebraucht — nur bei einem persönlichen Subject bedient sich Pau- 
lus des Activs. Dass übrigens schon der Verfasser des Epheser- 
"briefes den Schlussvers des Kapitels unmittelbar nach Kol. 1, 25 las, 
geht aus der, in ihrer ersten Hälfte diesen, in ihrer zweiten un- 
seren Vers, und zwar etwas ungeschickt (S. 59), reproducirenden 
Stelle Eph. 3, 7 hervor. Einige Schwierigkeiten bereitet hier nur das 
hf dvvdfieiy welches in Rom. 1, 4 seine Parallele und in der dad^iveia 



1) Hofmann, S. 47. 



176 Drittes Kapitel. 

2 Kor. 13, 3 sein begriffliclies Gegenbild hat^), wahrscheinlich aber in 
dieser Stellung am Schlnsse dem Interpolator angehört (vgl. S. 120 fg.). 

Die Stelle 2, 1 ^iXta yaQ vfiSg sldivai fjXixov aydiva e%fo neqi 
v^wv, die für Ewald etVas Auffallendes zu haben scheint 2), er- 
weist sich als paulinisch durch 1 Kor. 11, 3 d'^lw de vfiSg eHivai, 
und leitet vom Eingange ab und auf die Sache über, wie 2 Kor. 
1, 8 ov yaQ d^ikofiev vfiäg dyvostv V7ceQ Tfjg d-lixpswg und Phil. 1,12 
ytvwaneiv 3i vfiäg ßovXofiai (vgl. auch 1 Thess. 4, 13. l Kor. 10, 1. 
Rom. 11, 25). Am nächsten aber liegt die Erinnerung an Rom. 
l, 13 ov d'iha de vfiäg dyvoslv Sit noXXayug TtQOB&if.iriv iX&eiv nqbg 
vpL&g^ weil hier der Apostel sich ebenso dafür rechtfertigt, bisher noch 
nicht persönlich nach Rom gekommen zu sein, wie er Kol. 2, 1. 4. 5 
versichert, sein leibliches Fernbleiben schliesse die intensivste gei- 
stige iktheiligung an dem Heile der ihm persönlich unbekannten 
Kolosser und Laodicener nicht aus. Auch kommt 2, l vermöge 
unserer Annahme, dass 1, 9 — 29 grösstentheils eingetragenes Material 
aus dem Epheserbrief darstellt, dem Anfang des Briefes sogar noch 
näher zu stehen, und wird eben dadurch die Parallele mit den ent- 
sprechenden Formeln Rom. 1,13. 2 Kor. 1, 8 nur um so schlagen- 
der. Geht man nun davon aus , dass 2 Kor. 1 , 3 — 7 , wie soeben 
gezeigt, auf einen mit Kol. 2, 1 parallelen Satz in 2 Kor. 1, 8 aus- 
läuft, zieht man femer in Erwägung, dass 1 Kor. 1,4 — 9 mit einem 
an Kol. 1 , 3 erinnernden Satz anhebt, so wird man nach Analogie 
beider Korintherstellen zvdschen Kol. 1,3 — 8 und 2 , 1 eine über- 
leitende Partie erwarten, deren wesentlicher Inhalt etwa hinausläuft 
auf eine Bezeugung der Hoffnung des Apostels, die sich an dasselbe 
hält, wofür zuvor der Dank ausgesprochen war, femer auf eine 
Kundgebung seiner Ansichten bezüglich der Festigkeit des Christen- 
standes seiner Leser, auf eine bündige Recapitulation des christ- 
lichen Heilsinhaltes, auf Andeutung der mit seinem Amte verbun- 
denen Mühen und Nöthen. Dies findet sich nun aber in der That 
in den echten Theilen der Stelle Kol. 1, 9 — 29 vor, und so hat 
sich uns nachträglich noch einmal von Kol. 2, 1 aus die Richtigkeit 
der das erste Kapitel betreffenden R;esultate bestätigt. 

Unter diesen Verhältnissen wird man nicht zu viel Gewicht dar- 
auf legen , dassv fjXiKOg bei Paulus sonst nicht mehr ^steht und dy۟V 
hier innerliche, dagegen 1 Thess. 2, 2. Phil. 1, 30 äusserliche Leiden 
und Kämpfe bezeichnet (vgl. übrigens 1 Tim. 6, 12. 2 Tim. 4,7. 
Hebr. 12, 1 ) ; zumal da dafür das Zeitwort von Paulus übereinstim- 
mend mit dem Sinne unserer Stelle gebraucht wird (1 Kor. 9, 25. 



1) Holsten, S. 425. 2) S. 467. 



4. Der ursprüngtliche Kolosserbrief. 177 

Rom. 15^ 30). Mit Uebergehung des iv aaQxl (vgl. S. 126) ist hinter 
ro TtQdawndv fiov sofort 2, 2 weiter zu lesen tva TtaQoycXij^d/aiv al 
xaqdiai avrmv (vgl. 4^8 %va TtaQaxaiJoT] Tag Kardias vfidßv). Die 
ganze Stelle betreffend findet es freilich Mayerhoff auflallig und 
unpaulinisch, dass die Angriffe auf die Irrlehre mehrfach mit ganz 
ähnlichen Formeln eingeführt werden^ und zählt als erste derselben 
2, 4 auf ^) . Wenn es sich aber mit unserer Zurechtstellung von KoL 
2, 1 — 5 richtig verhält, so kann 2, 4 (wozu vgl. S. 106) von dem 
Dogmatismus der Irrlehrer noch gar keine Rede sein. Vielmehr hat 
Hof mann richtig gezeigt, dass es sich hier blos um die Vorspie- 
gelung handle, als kümmere sich Paulus um Gemeinden, die er 
persönlich nicht kenne, eben desshalb auch weniger^). »Gemein- 
den, die er selbst gesammelt hatte, konnte dies nicht so leicht ein- 
geredet werden, da sie das Gegentheil aus eigener Erfahrung wussten. 
Wohl aber konnten sich solche, die eine so sonderliche Weisheit zu 
Markte brachten, bei den nur mittelbar durch seine Fredigt ent- 
standenen Gemeinden mit diesem Vorgeben Eingang schaffen, indem 
sie sich damit den Anschein gaben, als wollten sie nur einem von 
ihm unbefriedigt gelassenen Bedürfnisse genügen und das ergänzen, 
woran er es fehlen lasse« 3). Es wurde schon gezeigt, wie trefflich 
auf diese Weise der Vers 2, 5 motivirt erscheint (S. 153 fg.), welcher 
aber auch mit seinem dlXa in apodosi an Rom. 6,5. 1 Kor. 9, 2. 
2 Kor. 4, 16. 5, 16. 11, 6. 13, 4, materiell an den Stellen 2 Kor. 
10, 11. 13, 2. 10. Phil. -1, 27, besonders aber an 1 Kor. 5, 3 spre- 
chende Farallelen hat. Ebenso ist der Satz ßXiTtwv vfiwv t^v vä^cv 
xal %b axeqiwiia %f^g Big Xqlgtov rclatewg vfiuiv mit 1 Kor. 1, 26 
ßJLinsT€ TTjv TLlfjöiv vfiujv zusammen zu halten. Die durch Gal. 2, 1 6 
ijtia%€vaaiiBv eig XqiOTOv ^Itjoovv als paulinisch nachweisbaren Schluss- 
worte halten auch das unzertrennlich damit verbundene OTSQewfia 
aufrecht. Begegnet letzteres Substantiv auch nicht wie ra^ig (1 Kor. 
14, 40. 15, 23) sonst bei Faulus, so ist es doch ungerechtfertigt, 
dafür ßeßauoaig (Fhil. 1,7), äaqxxkeia (1 Thess. 5, 3) oder xaTaQrLOig 
(2 Kor. 13, 9) zu verlangen ^) , da auch jeder dieser Ausdrücke 
bei Faulus eben nur einmal begegnet. Hier aber haben wir es mit 
siner gewählten, militärischen Fointe des Ausdrucks (»Schlachtord<- 
mung und Bollwerk«) zu thun^), und überdies kennt wenigstens 
die paulinische Schule auch OTSQsog und ateqeovv. Was aber die 
SNiulinische Urheberschaft schliesslich noch über allen Zweifel stellt. 



1) S. 48. 2) S. 54 fg. 3) S. 55. 

4) Gegen Mayerhoff, S. 24. 

5) Hof mann, S. 56. 

Holtsmann, Kritik der Epheser- n. Kolosserbriefe . 1 2 



178 Drittel Kapitel. 

ist ein inneres Moment, sofern »der Apostel wie in seinen Briefen 
so yielfach, so auch hier das schonende und milde Verfahren be- 
folgt, dass, wo er Veranlassung hat, bei den Lesern etwas zu rügen 
oder sie vor inneren Gefahren zu warnen, er zuvor möglichst das 
Gute hervorhebt, dessen er sich bei ihnen freuen konnte«^). 

Nachdem er sich also mit der Versicherung, wie sehr er sich 
abmühe, die ihm persönlich Unbekannten in die volle Wahrheit 
einzuführen, zu denselben in eine persönliche Beziehung gesetzt hat, 
geht er 2, 6 mit Ausdrücken, welche durch Gal. 1, 9. 12. 1 Thess. 
2, 13. 4,1 gesichert sind, ad rem. Nicht minder ist 2, 7 TteQia- 
aeveiv ev tivi gebraucht wie Rom. 15, 13. 2 Kor. 8, 7. Dass femer 
Paulus Warnungen, wie die 2, 8 ausgesprochene, wirklich so ein- 
zuleiten pflegt, wie hier geschieht, erhellt aus den Parallelen Gal. 
5, 15 (ßXiTtece firj) und Gkl. 1,7, wo in ei firi mvig elaiv oi Tagia- 
aovteg vfiäg der Artikel ebenso neben den ausdrücklich gesetzten 
unbestimmten Personalbegriff tritt, wie hier in jmiJ rig earac vpä^ 
6 avlayioywv. Der Indicativ nach firj ist überdies nach Gal. 4, II 
zu begreifen. Die den Zusammenhang unterbrechenden Worte 2, 8 
xat nev^g aTtdrTjg xoto Tfjv Ttaqctdoaiv t(ov avd'QWTtiov haben sich 
bereits als Einschub dargestellt, während Anfang und Schluss des 
betreffenden Verses so paulinisch sind als nur irgend eine Stelle des 
Kolosserbriefes. Von aroLxeia rov tcoo^ov insonderheit im Gegensate 
zu XQiorög ist ebenso die Rede Gal. 4, 3. 9. Fassen wir damit das 
früher (S. 154 fg.) bezüglich der Interpolationen Bemerkte zusammen, 
so ergeben sich als paulinische Grundlage der Stelle Kol. 2, 8— U 
die Worte ßXinere (jirj xig eörac vfiag 6 avXaywydiv dta Ttjg qptio- 
aoipiag xccra xä oxoL%eia %ov ytoofiov ytat oi xara XQiaxov , &t h 
avx^ TceqiexiiriyHfCB neqiTOpiy dxsiQOTtoirjxq), Letztere Bezeichnung 
hat an der oiala axeiqoTtoLrfvog 2 Kor. 5, 1 ihre Parallele (vgl. 
Mar. 14, 58) ; »mit Händen gemacht« ist das irdische Bild, »nicht 
mit Händen gemacht« das himmlische Wesen der Dinge. Dass die 
Leser über jede Verführung zu einer, die Forderung der Beschnei' 
düng involvirenden, Weisheitslehre hinaus sind, ergibt sich mithil^ 
schon aus der Thatsache, dass die christliche Taufe, welcher sie 
sich unterzogen haben, dasselbe auf der höheren Stufe der ErfüUuixS 
darstellt, was alttestamentlicher Weise die Beschneidung ist 2). Jt^ 
dieser Ausfuhrung ist übrigens Kol. 2, 11. 12 durch Stellen wi^ 
1 Kor. 10, 1 — 4. Gal. 3, 27 und besonders Rom. 6, 4 hinreicher^^ 
gedeckt. 



1) Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc., S. 76. 

2) Vgl. Bau r (Neutestamentliche Theologie, S. 262. 275), Hof mann (S. 6 



4. Der ursiiraiigtiche Kolosserbrief. ff 9 

■ * 

Der 2^ m. 13 auBgedräckte . Gedanke , womach die in der Auf- 
evstehnng Christi und in der geistigen Erweckung der Gläubigen 
sich auswirkende ivB^eia xoi ^sev wesentlich identisch iBty k^i^t 
bei Paidus z. B. 2 Kor. 4, 14 wieder^ und das göttliche nv^ioonoieiv 
2^ 13 ruht auf demselben Grunde der Vorstellung, wie die Bezeich- 
nung Gottes als zov t,of07toiov7Tog Tovg vtnQOvg Rom. 4, 17. Letztere 
Stelle mit ihrem Genetiv passt hieiiier um so mehr, als der Apostel 
aus der Construction gefallen ist, indem er ursprünglich <n;^fti07roti^- 
0avvog schreiben wollte (S. 156). Der Ausdruck xa^M7dju«9'0$ i^jorZy 
tA TtaqaTttwfiaTa ist genau die positive Kehrseite zu 2 Kor. 5, 19 
juv) koyi^ofuvog avTOig va TtctQOCTtv^^ctTOi^)^ und die Afissarge Koi. 

2, 14 ist nach der oben {S. 64] gegebenen Erklärung der Stelle in 
ihrer Gleichartigkeit mit der paulinischen Lehre vom Hdlswerthe 
des Todes Jesu nicht anzufechten. Das aiqBiv (dieses Wort steht 
bei Paulus sonst nur noch 1 Kor. 6, 15) ^ %w /i^ov versteht sich 
ganz wie 1 Kor. 5, 2, und das Anheften der Sohuldurkunde an das 
Ki«uz berührt sich in freier Weise mit dem Gedanken von Gal. 

3, 10. 13, wie auch das XBiq6Yqaq>w theils verwandt, theils aber 
auch wieder specifisch verschieden ist von dem y^dfifia Rom. 2, 29. 
2 Kof. 3, 6. 

Von unverkennbar und unnachahmlich paulinischem Gepräge 
ist -die Invective selbst, in welcher 2, 16 — 23 der ganze, von 2, 1 
aidiebende Abschnitt gipfelt. Die Einführung fi^ ovv Tig vfi&g xqI" 
9h€o erinnert an 2, 4 der Form, an 1 Kor. 8 , 8 dem Inhalte nach, 
msonderheit aber an Rom. 2, 1. 14, 3. 4. 10. 13. 22 bezüglich des 
n^iveiv tivä ev tivi ; das sv iiiqu ist nur die verallgemeinerte Rede- 
wendung, die auch 2 Kor. 3, 10. 9, 3 (^ toi;t^ t^ ii^bi) beg^net. 
IMe ß^Mfig steht ebenso Rom. 14, 17. 1 Kor. 8, 4. 2 iLor. 9, 10. 
Der Gedanke selbst endlich ist durchaus derselbe wie Gal. 4, 10. 
Böm. 14, 2 fg. 17. Im unmittelbaren Anschlüsse an 2, 16 folgt dann 
«öS 2, 18 der Schluss «tx^ (vgl. 1 Kor. 15, 2. Rom. 13, 4. Oal. 3, 4) 
^auwfievog (vgl. 1 Kor. 5, 2. 8, t. 13, 4) vfco xov voog tfjg aaQKog 
airov (vgl. S. 115). Für den letzteren Ausdruck bietet allerdings Rom. 
7, 2*5 nur eine allgemeinere Parallele. Dennoch aber ist gerade er sicher 
pat^msch. d Paulus hat in den vier Briefen zwar nicht den Aus- 
druck aber die Sache «2). Wenn es der scharfsinnigsten Analyse des 
paulinischen Begriffes der ^aQ^ gelungen ist, aus Prämissen, wie die 
pamünischen Homol(^mena sie biegen, die Zugehörigkeit des povg 
zu der Sphäre der aaQ^ zu erschliessen 3) , so wird der, nur im Ko- 



1) Weiss, S. 440 fg. 2) Holsten, S. 394. 

3) Holsten, S. 381 fg. 

12 



180 Drittel Kapitel. 

loBserbriefe sich einstellende^ runde Ausdruck für diese äusserste Con- 
Sequenz paulinischer Anthropologie zu einem unabwendbaren Zeugen^ 
und die Hand des Paulus ist gleichsam Ire avToq>6Q(p entdeckt. 

An diese Stelle schliesst sich, vorbereitet durch 2, 11. 12^), so- 
fort die Deductio ad absurdum 2, 20 an, welcher Vers an Gal. 5, It 
der Form nach, sachlich aber an Rom. 6, 2. 6 — 11. 7^ 4. 6. GaL 
2, 19. 20. 4, 3. 8 — 10 die schlagendsten Parallelen hat. Namentlich 
aber ist zu beachten, dass nur hier die Aufhebung des Gesetzes 
echt paulinisch, d. h. für den Einzelnen subjectiv vermittelt durch 
sein Gestorbensein mit Christus (Böm. 6, 8. Gal. 2, 20), vorgetra- 
gen wird, ^während sie sonst in unseren Briefen objectiv gedacht ist, 
wie dies Weiss ganz richtig bemerkt^). Es verschlägt somit nichts, 
wenn gerade die Form aTCB&avets bei Paulus nur Kol. 2, 20. 3, 3 
vorkommt. Hierdurch erledigt sich zugleich der Einwand May er- 
hoff 's, dass aTto^vrjöTLeiv Rom. 6, 2. 10. Gal. 2, 19 mit dem Dativ, 
nicht mit UTto construirt werde ^). Letztere Verbindung findet sich 
nämlich nur, wenn der Gegenstand, dem man abstirbt, unmittelbar 
daneben steht. Hier aber schiebt sich avv XgcOTip dazwischen, und 
es muss der Deutlichkeit halber anstatt des abermaligen Dativs eine 
Präposition gebraucht werden. Als solche aber bietet sich aTco, wie 
solches 2 Kor. 11, 3 bei tp&elqeiv^ Gal. 5, 4 bei xata^yeiv und vor 
Allem Rom. 7, 6 in einer Weise steht, dass man einen Augenblick 
zweifeln könnte, ob es zu aTcodm^axeiv oder zu yLaxaqyeiad'ai gehöre 
{x.aTr]Qyi^xhifi€v and tov vofiov dTto&avovreg iv ^ Ko^eixoiied'a). An 
2, 20 schliesst sich 2,21 nothwendig an (zu aipy vgl. 1 Kor. 7, i. 
2 Kor. 6, 17), während dagegen von 2, 22. 23 nichts übrig bleibt 
als die, genau den Sinn von 1 Kor. 6, 13 ausdrückenden Worte 
& iaviv eig q>9oqäv ty anox^osi ttqoq Ttlrjafiovfjy vfjg caQx6g 
(S. 159 fg.). 

»Wenn ihr mit Christus gestorben seid« — hiess es 2, 20. »Und 
ihr seid es ja wirklich a — sagt mit ausgesprochenster Beziehung 
der unmittelbar folgende (S. 160) Vers 3, 3, welcher nur den in's 
Kurze gezogenen Inhalt von Stellen wie Rom. 6, 8 — 11. 7, 4. Gal. 
2, 19. 20 (ferner liegt schon Phil. 1, 21 ifioi ro t;^v XQundg) , nicht 
aber ihre Nachahmung darstellt^). Wenn aber ^ ^fi>^ vfiwv x&tdvnrcu 
avv T(fi XQtOTffi iv T(fi ^€(fi, so wird in der sich unmittelbar daran 
schliessenden und auch logisch direct aus 3,3 folgenden Ermah- 
nung 3, 12 aus jener Vorstellung des in Gott »Beschlossenseins« 



1) R. Schmidt, S. 192. 

2) S. 470. 3) S. 34 fg. 

4} Gegen Hoekstra, S. 647. 



4. Der ursprflngliohe KoloMorbrief. Igl 

zunächst die Anrede inXexTot rov S-eov motivirt. Heisst es weiter 
Sycoi xal riyaTCi^iiivoiy so erinnert dies sowohl an die ayarnffvol d-eoSy 
nXrjTol Syioiy Rom. 1^1, als an die d3elg)oi i^yaTttjfiivoc V7tb d-BOÜ 
1 Thess. l, 4 (vgl. 2 Thess. 2, 13. Jud. 1). Anziehen sollen nun 
aber die also Charakterisirten OTtXayxva ohtTLQfiov, Dass Paulus 
sonst (Rom. 12^ 1. 2 Kor. 1^ 3) oixriQfiol statt des Singulars sagt^)^ 
ist söhon richtig, aber dafür ist hier der im Plural liegende He- 
braismus schon in OTtldyxvcc ausgedrückt. Diesen werden Phil. 2, 1 
die olxTiQfiol zwar coordinirt, wo sie aber von jenen als Genetiv 
abhängen, liegt kein Grund mehr zur Setzung eines weiteren Plu- 
rals vor. 

Auch hier ist auf die enge Geschlossenheit des Gedanken- 
ganges zu achten, welche sich ergibt, wenn wir die Verse 3, 3. 
12. 13. 17 unmittelbar an einander reihen. Wie die Christen nach 
3, 3 mit Christus in Gott verborgen, gleichsam Gottes OTtXdyxva 
sind, so soll göttliches Wesen ihre OTtldyx^cc bilden. Wie aber diese 
Beziehung sich unbewusster Weise ergeben haben mag, so resultirt 
auch die Angemessenheit des 3, 13 erwähnten Vorbildes des Ver- 
gebens Christi wie von selbst daraus, dass die es ihm nachthun 
sollen, ja ihrem wahren Lebenstriebe nach mit Christus in Gott 
ruhen (3, 3) . Dieselbe Concentration der ganzen Lebensführung im 
Gedauken an Christus kehrt noch einmal wieder, wenn im unmit- 
telbaren Anschluss an das specielle xad^wg xat 6 Kgiarog ixaqlaato 
vfiiv ovTwg ycat vfislg (3, 13] eine Verallgemeinerung desselben Ge- 
dankens sich anschliesst in nat nav o ti idv Ttoiijts iv X6y(p rj hf 
^yipj ndvTCL kv ovofiatt kvqIov ^Iijaov (3, 17). Hier verschwindet 
der Umstand, dass die Formel 6 xvQvog ^Itjoovg bei Paulus wenigstens 
nicht die gewöhnlichste ist (vgl. S. 116), wenn er überhaupt in's 
Gevricht fallen könnte, hinter der unüberwindlichen Sachparallele 
1 Kor. 10, 29 — 31, welche der ganzen Gedankenentwickelung gilt, 
wie sie zwischen Kol. 2, 16 und 3, 17 sich vollzog. War Kol. 
2, 16 gesagt worden. Niemand solle es sich einfallen lassen, die 
Christen iv ß^daei xat iv 7i6au zu richten, so entspricht 1 Kor. 
10, 29 iva tI ydq fj ilevd-eQta fiov xQlverai vtvo aXXrjg avvEidfjaeiog. 
Stellt dem der Apostel sofort 1 Kor. 10, 30 den Satz entgegen el 
iyw xdQitv fierexfOy tI ßlaoqnjfiovfiai vTieQ ov iytu evxaqunüy so 
liefert fiir ein ähnliches Urtheil die Aufforderung Kol. 3, 17 «v^a- 
ffiorovvceg Tcp d'Sfp TtavQl die Voraussetzung, und wenn solche dank- 
bare Gesinnung zugleich dahin präcisirt wird, dass vermöge ihrer 
die Christen in den Stand gesetzt sind, Alles, was sie in Wort oder 



1) Mayerhoff, S. 34. 



182 Drittel Kapital. 

Werk thun, im Namen des Herrn Jesu zu thun^ so mundet auch 
der Gedankengang im ersten Korintherbrief in der Forderung aus 
10^ 31 Site avv ia9lsTe «IVc nlvete elre tl noiehe^ Ttdvra elg do^av 
^60v TtoiahBy wie es auch Rom. 14^ 6 heisst b iad'uav xvglfp io^Ui^ 
€v%aqiaTBi yaq %ffi d'€(p. Und diese Parallelen^ von welchen die 
erstere auch den Wortvorrath unserer Stelle theilweise darbietet^ 
sind hier um so schlagender^ als es sich ja auch im ganzen Zur 
sammenhange des Kolosserbriefes um ein eod'Uiv und nivuv handelt, 
so dass wir also 3, 17 richtig am Schlüsse der ganzen, gegen die 
ascetische Irrlehre gerichteten Ausfuhrung angekommen sind und 
im Uebrigen nur noch den Epilog erwarten. An dem Schlusssatze 
eixceQunovvreg t(p ^€(ß natQi öl avtov darf man übrigens keinen 
Anstoss nehmen, da die Verbindung d'sog narTjQ (so, ohne xa/ ist 
wohl mit KABC zu lesen) durch Gal. 1, 1. 3. Phil. 2, U. 1 Thess. 
1, 1. 2 Thess. 1, 1. 2 (Kol. 1, 3 ist das xat mit b(AEKL zu lesen) 
hinreichend gedeckt ist und di av%ov dem diä ^Itjaov XQiorov Köm. 
1, 8. 7, 25 entspricht. 

Beim Wegfall der Standespredigt 3, 18 — 4, 1, die genau be- 
sehen nur den Zusammenhang unliebsam unterbricht, schliesst sich 
4, 2 als Aufforderung zum Gebet sehr passend sowohl an den Begriff 
des Ttoisiv Ttdvza kv 6v6(xa%i, %vqiov ^IiijaoVf als auch an das «v- 
XaQiOTOvvreg ,T(p d'€(ß Kol. 3, 17 an. Eine Sachparallele zu der be- 
treffenden Aufforderung bietet 1 Thess. 5, 17 adiakeiTtrwg tvqoc- 
eixBod'e. Die Relative 4, 2. 3 yQtjyoQOvvreg h avt^j 7tQOGW%6iiBm 
äfia xat Tcsql fiiiüv folgen sich wie etwa Rom. 12, 12, wo unter 
Anderem auch vq nqoaevj^j nqomaQZhQOvvcag steht. Damit ist aber 
die erste Hälfte des Verses 4, 2 gedeckt, wie durch l Kor. 16, 13 
(YdfjyoifilTB) 1 Thess. 5, 6 [ygriyoQwiAev) die zweite. Statt afia kommt 

1 Thess. 4, 17. 5^ 10 zwar &iia avv vor, aber wenigstens im Citati» 
Rom. 3, 12 findet sich auch jenes allein. Zum Inhalte von 4, 3 
liefern, was die Aufforderung zur Fürbitte für den Briefsteller be — ' 
trifft, Stellen wie 1 Thess. 5, 25 (TtQoaevxsod'e Tteql fjfiäv) un^ 

2 Thess. 3, 1, hinsichtlich des Gebrauchs von hxXuv 2 Kor. 4, 1^ 
und endlich in Betreff des fivattjQiov tov Kgiarov 1 Kor. 4, 1 aus — 
reichende Parallelen, darüber man das sonstige Fehlen der Phrase 
del (IS Xal^aac 4,4 billig übersehen darf, zumal da 2 Kor. 2 , ^ 
wenigstens edev iie steht. Wie gut paulinisch endlich 4, 5 gedacht 
ist, erhellt aus 1 Thess. 4, 12 %va 7teQi7ta%fl%B evaxtjfiovwg nqb^ 
%ovg 1^01 (vgl. auch 1 Kor. 5, 12). Das i^ayoqdJ^Biv ist ebenso aucli^ 
Gal. 3, 13. 4,5 anzutreffen, und der Gedanke des Verses Rom.-- 
12, 11, wenigstens bei der Recepta xat^^, vertreten. 

Paulinischer begegnet überhaupt im ganzen Briefe kaum etwa^ 



4. Der urspirt^igliche Kolosserbrief. J83 

ak die Stelle Kol. 4, 2 — 5^ durch welche der Apostel zum Schlüsse 
das geistliche Band^ welches ihn mit seinen Lesern verknüpft, fester 
schlingt. Wenn Mayerhoff die Verse 4. 5. 6 in ihrer Stellung 
etwas preisgegeben und isolirt findet^), und auch Meyer zu 4, § 
eine lose und unvermittelte Anknüpfung notirt, so sind solche XJr- 
theile nur dann berechtigt, wenn man die Stelle Kol. 3, 5 — 11 zum 
ursprünglichen Briefe schlägt. Denn da sich Kol. 3, 8. 9 mit 4, 6 
berührt, so wäre letzterer Vers besser schon dort angebracht ge- 
wesen (S. 81). Anders liegt die Sache unter unseren Voraussetzun- 
gen, und nichts ist natürlicher, als dass dem am Schlüsse des so 
kurzen Sendschreibens stehenden Apostel sich noch der Gedanke 
aufdrängt, es sei das Verhalten der christlichen Kolosser gegenüber 
ihrer heidnischen Umgebung doch wenigstens noch mit einigen 
grossen Zügen und allgemeinen Umrissen zu normiren. 

Im Uebrigen sind 4, 6, also in einem Verse, der sich Eph. 4, 29 
gegenüber bereits als Original ausgewiesen hat (S. 61], doch einige 
Wörter aufgefallen,, welche Paulus sonst nicht benutzt (vgl. S, 106}. 
Aber gerade hier ist ja Paulus insofern wirklich nicht original, als er 
sich an den Ausspruch Christi Luc. 14; 34 (lav xb alag fitoQavd^ 
hf Tvvi aqxvdifioevaL) anlehnt. Die Worte aXag und aqtiaiv kommen 
im N. T. ausser beiden besprochenen Stellen nur noch in den ver- 
wandten Aussprüchen Mt. 5, 13. Mr. 9, 50 vor. Um so sicherer liegt 
hier eine Reminiiäcenz an einen Ausspruch Jesu vor, ähnlich wie 
iKor. 7, 10. 12. 25. 9,14. Rom. 10, 10. 12, 14. iThess. 4, 15. 5,2. 
Apg. 20, 352). Wie aber schon eine flüchtige Vergleichung unserer 
Stelle mit Mt. 5, 13. Mr. 9, 50. Luc. 14, 34 darthut, ist hier von 
keinem Citat die Kede, und wenn nicht etwa Matth. 5, 13 3), sondern 
die Form bei Lucas am meisten Verwandtschaft mit Kol. 4, 6 hat, 
so erhellt daraus eben wieder die Abhängigkeit des Schülers vom 
Meister. Das del aTcayiQivead-aL macht keine Schwierigkeiten, da 
Paulus nicht blos del öfter absolut gebraucht, sondern auch 1 Thess. 
4^ 1 schreibt ^wg dei vfi&g negiTtazelv (vgl. 2 Thess. 3, 7 TtiSg du 
fiifuia&ai fifiSig), Das Wort aTtonQivea'&ai kommt freilich nicht 
blos sonst bei Paulus, sondern überhaupt in der gesammten episto- 
lischen Literatur des N. T. nicht mehr vor. Es gehört sachlich in 
die Darstellungen des persönlichen Auftretens und mündlichen Ver- 
kehrs Jesu und der Apostel, begegnet daher in den historischen 
Büchern fast 250 mal. 



1) S. 104. 

2) Vgl. Keim: Geschichte Jesu, I, S. 37. 

3) Gegen Ewald: Sendschreiben des Paulas, S. 492, 



184 Dritte« Kapitel. 

Die brieflichen Theile 4^ 7. 8. 10—14. 18 bieten keine erheb- 
lichen Momente dar. Tychikus ist 4^ 7 Ttiarog dianovog xal avv" 
dovlog, wie 1 Kor. 3^ 5 Paulus und Apollos didxovoi sind. In 
seiner Mission i, 8 steht das iva yvtp oder auch yvwve wie 2 Kor. 
2, 4. Auch nach dem Zeitpunkte, wovon Gal. 2, 1. 9. 13 die Bede^ 
wird Bamabas l Konr. 9^ 6 erwähnt^ sodass sein Auftreten Kol. 4, 10 
nicht befremdet. Wie 4, 14, so erscheint Demas auch 2 Tim. 4, 10. 
Philem. 24 in Gemeinschaft mit Lucas. Wenn Epaphras 4, 12 Troy- 
Tove aywvi^6fi€V0Q inig vfiwv ist, so bittet Paulus Rom. 15, 30 dafür 
seine Leser ^ awaywviaaa^ai fiov iv raig Tcqooevxaig VTtsq e^ov, 
wonach der Ueberarbeiter die Stelle ergänzt (S. 166). Endlich steht 
nicht blos aoTtaHlfiTat (4, 10. 12. 14) bei Paulus am Briefschlusse oft 
genug, sondern auch der doTtaGfidg %^ ifi^ X^''Q^ (^i 1^) begegnet 
ebenso 1 Kor. 16, 21 (vgl. 2 Thess. 3, 17). 



2. Unterschied der panlinlschen Parallelen, welche fdr Identltitt 
des Yerfassers sprechen, von deigenigen, welche Abhängigkeit 

und Nachahmung beweisen. 

Hoekstra hat eine Reihe von paulinischen Parallelen zum 
Kolosserbriefe gesammelt, aus welchen der Charakter des letzteren 
als einer imitirenden Nacharbeit erhellen soU^). Sowohl die von 
ihm gebrauchten, als auch noch weiter hinzutretende Stellen der 
echten Paulusbriefe vertheilen sich nun aber bei unserer Methode 
in die Abschnitte S. 148 fg. und S. 168 fg., d. h. sie treten in der 
scheinbar widerspruchsvollen Eigenschaft als Beweismaterial theils für 
den echt Paulinisches nur nachahmenden Charakter der Interpolation, 
theils for die unmittelbar paulinische Authentie der als echt zurück« 
bleibenden Grrundlage des Kolosserbriefes auf. Dieses Verfahren 
beruhte nun aber keineswegs auf Willkühr. Denn in der That ist 
der beweisende Charakter dieser Parallelen von wesentlich verschie- 
dener und entgegengesetzter Art, wie sich auf Grund von folgen- 
den Erwägungen herausstellen wird. 

Suchen wir zunächst an einigen Beispielen den Punkt, darauF^ 
es ankommt, herauszustellen! Nach Hoekstra soll Kol. 2, 5 von^ 
1 Kor. 5, 3, und Kol. 2, 12 von Rom. 6, 4, endlich Kol. 2, 16 von — 
Gal. 4, 10. Rom. 14, 2 %. 17 abhängig sein 2). Aber das letzte 
dieser drei Parallelitätsverhältnisse ist ganz offenbar in der Aehnlich^ — 
keit der besprochenen Falle ausreichend begründet; indessen be— 



1) S. 647 %. 2) S. 647. 



4. Der ursprOngliohe Kolosserbriel 1g5 

treffen auch die beiden anderen blos die Gedankenbildung und lassen 
es als eine dem Paulus geläufige Sache erscheinen y der leiblichen 
Abwesenheit die geistige Gegenwart gegenüber zu stellen oder die 
Taufe als ein Mitbegrabenwerden mit Christus vorzustellen. Dagegen 
wird gerade das vermisst^ woran sich sonst die Nacharbeit kenntlich 
macht; die Imitation des Ausdrucks. Dieser variirt vielmehr in 
beiden Stellen frei; 1 Kor. 5^ 3 ist von Abwesendsein %ifi odfiaTi, 
Kol. 2; 5 von einem solchen t^ aaQTci die Bede^ dort ist Paulus 
geistlich Ttagtiv, hier geistlich avv vfiiv. Wie letztere Stelle aber 
auch sonst noch durch eine sprachliche Eigenthümlichkeit feinerer 
Art ihre Prägung durch die Hand des Apostels ausweist (vgl. S. 177)^ 
80 birgt auch Kol. 2, tl. 12^ so weit die Verse echt sind^ bei aller 
Verwandtschaft mit verschiedenen Parallelen (S. 178 fg.), zwei charak- 
teristische Eigenthümlichkeiten. Während nämlich Paulus sonst an 
verschiedenen Orten von Beschneidung und von Taufe spricht (Rom. 
2y 29. 6, 4), sind hier beide Begriffe combinirt und wird dem Mit- 
begrabensein mit Christus ausdrücklich auch das Miterwecktwerden 
zur Seite gestellt i). Wie aber letzteres stillschweigende Voraus- 
setzung auch von Rom. 6, 4, so ist jenes durch die typologischen 
Grundsätze 1 Kor. 10; 1 — 4 als innerhalb des paulinischen Gedanken- 
kreises durchaus möglich erwiesen. Es verhält sich hier im Kleinen 
ähnlich wie bei jenem eclatanten und jeden Verdacht der Nach- 
ahmung ausschliessenden. Falle in Betreff des vovg r^g aagnog 2, 18 
(8. 179 fg.) . Während somit der individuelle Charakter von Kol. 2,11.12 
nicht gegen Paulus spricht, erweist sich die Stelle gerade dadurch, 
dass der Gedanke im Vergleich mit den Sachparallelen formell und 
sachlich original ausgedrückt ist, als echt paulinisches Product. 
Einer ähnlichen Beurtheilung unterliegen auch diejenigen Parallelen, 
aus welchen Mayerhoff die Abhängigkeit des Kolosserbriefes er- 
schliessen wollte. Er fuhrt z. B. Gal. 3, 10. 13 als Quelle von Kol. 
2, 14 an 2), während hier das Anheften der Schuldverschreibung an 
das Kreuz nur indirect mit der Abrogation des Gesetzes zusammen- 
hängt (S. 73 fg.) und unter allen Umständen ein mit Gal. 3, 10. 13 
allerdings verwandter Gedanke (S. 179) in ganz originalem, selb- 
ständig gewählten Gewände auftritt^). 

Wie es sich mit dieser ersten Classe von Parallelen verhält, 
mag noch an folgendem Falle anschaulich werden: 



1) Weiss, S. 443. 

2) S. 61 fg. 

3) Bitschi: Jahrbücher f. d. Theologie, 1863, S. 526. 528, 



186 



Drittes KaplteL 



Kol. 1, 10 negi-narijöai v/jiSg a^itag lov 



13 oc iQQvaato tj/xäs ix j^g 
i^ovaias rov axorovg 

xai (xeiiOTTiatv efg t^ ßaai- 
Xiiav rov vlov avjov. 



1 Tkess. 2, 12 etg TO negmareZv vfiag 
a^iatg tov &€ov rov xalovvrog vfias 
eig ripf iavrov ßaailitav. 

Gal. 1 , 4 OTttog i^^Xrirai r^^äg i* rov 
ivtardirog aidSvog, 

Köm. 13, 12 ano&ta(jL6&a rä t^a rov 
axorovg, 

1 Kor. 1 , 9 o d^sog Si ov ixXtj&rjrs sig 
xoivfovCav rov vlov avrov ^ItiOov Xqi" 
arov rov xvqCov tifißv. 



Jeder Gedanke au Nachahmung ist hier ausgeschlossen^ wenn 
neben der allgemeinen Verwandtschaft dieser Parallelen doch wieder der 
freieste Wechsel eintritt theils zwischen dem ht tov evetncSvog alävog 
dort^ dem hc t^g i^ovalag tov axotovg hier^ welch letztere Form 
ihrerseits durch die SQya tov axotovg am dritten Ort gehalten wird^ 
theils zwischen der xoivwvla tov vlov avtov dort^ der ßaatXela tov 
vlov avtov hier^ welch letztere Form aber sofort wieder in dem sis 
t^v eavtov ßaaikeiav am dritten Orte als ebenfalls möglich erscheint. 
Gleich bleibt beiderseits die Vorstellung^ dass der Vater es ist, 
welcher uns aus einem gegebenen abnormen Zustande in das Beich 
seines Sohnes versetzt (S. 172). 

Auf ein ähnliches Resultat führt femer die Betrachtung einer 
Beihe von Stellen^ welche einen zu grossen Reichthum von ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen zu den verschiedenartigsten^ unter 
sich weit aus einander liegenden Stellen der unbezweifelten Briefe 
darbieten, mehr inhaltlich nach der einen, mehr formell nach der 
anderen Seite, als dass auf Abhängigkeit von vorliegenden Origina- 
len erkannt werden dürfte. So 1, 29 (S. 175). 2, 8 (S. 178). 13 
(S. 179). 16 (S. 179). 20 (S. 180). 4, 3 (S. 182). Zu 3, 13 x«?*- 
^6fi€vov kavtoig xa'^wg xal 6 XQiatog ixaqlaato vfiiv macht Meyer 
die feine Bemerkung, dass der Typus dieser Stelle der, zufallig im 
Kolosserbriefe fehlenden , paulinisehen Formel ij %Aqig tov TtVQiov 
fjfKov ^Ifjoov XjQvatov genau entspreche. Nicht minder erhellt die 
Identität des Verfassers des ursprünglichen Kolosserbriefes mit Paulus 
gerade aus solchen Parallelen, wo das individuell Bezeichnende in 
der Bildung und vorstellungsmässigen Vermittlung eines Gedankens 
genau wiederkehrt, während, natürlich innerhalb eines gegebeneiv 
Rahmens paulinischer Rede, Ausdrucksweise und Form in lexikalische^' 
und grammatischer Hinsicht frei variiren. So Kol. 1, 1. 2 (S. 169) ^ 
7(S. 171). 25 (S. 175). 2, 22. 23 (S. 180). 3, 3 (S. 180). 17 (S. 181 fg.) - 
In solchen Fällen mag dann auch einmal ein aTta^ layöfievov hin---' 
genommen werden, wie fietaxivovfxevoi Koh 1, 23, woran Mayerhof ^ 



4. Der urspxtlngliölie Kolosserbrief. 187 

sich stösst ^] . Aber in dem Zusammenhange , wie dieses Wort hier 
steht ^ ist es schlechterdings von derselben Hand gesetzt^ welche 
1 Kor. 15^ 58 geschrieben hat sögalov ylvea&Sy afiezaxivifjtOL. Es 
versteht sich ja von selbst^ dass ein schriftstellerisches Bewusstsein 
lexikalisch niemals unwiderruäjch abzugrenzen ist (S. 100). 

Andererseits wird darauf aufmerksam gemacht^ dass ein so gut pau- 
linisches Wort^ wie didovai, gerade im Epheserbriefe häufig (1^ 17. 22. 
3, 16. 4, 8, 11. 27. 6, 19) und zwar, wie in den oben (S. 175) an- 
geführten paulinischen Parallelen, in der Verbindung mit x^Q^Q 
(3, 2. 7. 8. 4, 7. 29) sich finde, während es im Kolosserbriefe nur 
einmal (1, 25) stehe ^). Aber gerade die Gewissenhaftigkeit, womit 
der Verfasser des Epheserbriefes sich an die Formeln dvdovav xa^ii^, 
XaQig sdodnfjy x^Q'^S So&siaa halt, könnte auch den Nachahmer ver- 
rathen, da Ptolus selbst Kol. 1, 25 in freier Variation von lauter 
Ausdrücken, über welche er auch sonst, und zwar gerade in 
der hier wiederkehrenden Bedeutung, gebietet, tijv oi%ovo(iiotv %av 
&€0v %'^v dod'eioav (xol schreibt. Macht nun daraus die Parallele 
des Epheserbriefes 3, 7 tipf diogectv r^g x^Q'''^^S ^^^ '^eov %i]v öo- 
&eioav fioiy so ist solche Annäherung an die gewöhnlichste Manier 
des Paulus um so weniger für original zu halten, als ja der Haupt- 
aiLstoss, die oixovofila, in der gleichfalls parallelen Stelle Eph. 3, 2 
gleichwohl schon reproducirt war, und zwar eben nur hier in der 
paulinischen Bedeutung des Wortes, nicht aber in dem abgewandelten 
Sinn, welchen der Autor ad Ephesios damit verbindet (S. 59). 

Am auffälligsten aber sticht es von der Schärfe, womit die un- 
nachahmbare Feinheit paulinischer Gedankenübergänge in Stellen 
wie 1, 9 — 29 (vgl. S. 171. 176) getroffen wird, oder von der über- 
raschenden Uebereinstimmung, womit ähnliche Gedanken und Wen- 
dungen an bestimmten Stellen der paulinischen Briefe auftauchen, 
wie Kol. 1, 6. 7 (S. t70fg.). 2, 1 (S. 176). 5 (S. 177) ab, wenn der 
Nachahmer den paulinischen Charakter seiner Kede dadurch her- 
zustellen sucht, dass er nicht blos einzelne Sätze copirt, sondern 
sogar die gesammte Gedankenfolge einer längeren Reihe von Versen 
zur Unterlage seiner Composition macht, wie Eph. l, 21 — 23 bezüglich 
1 Kor. 15, 24—28 (S. 135), Eph. 3, 3—5. 9—11 bezüglich iKor. 2, 1. 
7—10 (S. 139) und Eph. 5, 8. 11. 12. 14. 15. 18 bezüglich Rom. 
13, 11 — 13 geschieht (S. 145). Damit verwandt sind die Fälle, wo der 
Nachahmer Ausdrücke und Gedanken paulinischer Stellen sichtlich 
sammelt und combinirt, wie z. 6. Eph. 3,8. 16 = Böm. 9, 23. 
11^ 33 der Fall ist (S. 139). Dabei geräth die Nachahmung bald 



1) S. 24. 2) Mayexhoff, S. 10 fg. $7, 



Igg Drittes Kapitel. 

Überhaupt ungeschickt^ wie Eph. 3, 4 (S. 138), bald begegnen we- 
nigstens mitten in ihrem Verlaufe falsche und verrätherische Aus- 
drücke, wie Kol. 1, 22 (S. 151). 3, 24 (S. 166). Eph. 4, 15 (S. 142). 
18 (S. 143). Damit verwandt sind die Fälle gesuchter und gezwun- 
gener Steigerung paulinischer Manier, wie solche vorliegen Kol. 
1, 24 = 1 Kor. 16, 17. 2Kür. 9, 12. 11, 9 (8. 152) und Eph. 3,8 = 
1 Kor. 15, 9. 10 (S. 139). Ueberhaupt tritt zuweilen der Anklang an 
paulinische Rede- und Denkweise recht auffällig, die Aufmerksamkeit 
gleichsam provocirend, auf, während bei näherer Betrachtung die 
scheinbare Parallele sich sogar in Gegensatz und Widerspruch auflöst^ 
wofür die Stelle Kol. 3, 11 ein classisches Beispiel liefert (S. 162 fg.), 
deren Inversion paulinischer Verbindungen f^lXrjv xat ^lavdatog] 
aber auch in Eph. 6, 12 (alfia xal caq^) ihres Gleichen hat. Granz 
insonderheit kennzeichnet sich der Interpolator dadi&ch, dass er 
paulinische Ausdrücke mit Bedacht ausreift, sie aber unbewusst mit 
fremdartigem Inhalte erfüllt. So verwandeln sich unter seinen Häor 
den Sinn und Bedeutung nicht blos, worüber oben gehandelt, von 
oinovofila, sondern auch von dvaxeq>aXaiovv Eph. 1, 10 (S. 134), 
aQQaßwv Eph. 1, 14 (S. 134), vixpa oiyaTirfva Eph. 5,1 (S. 102), 
yLatalXaaaeLv Eph. 2, 16. Kol. 1, 20. 21 (S. 92 fg.), öß(ia Kol. 2, 17 
(S. 157), iTtixoQTjyeiv Kol. 2, 19 (S. 158), vexQOvv und fiili] Kol. 
3, 5 (S. 161 fg.), TO dUawv Kol. 4, 1 (S. 165) und dhiv Kol. 4, 3 
(S. 166); und so kommt es schliesslich nicht selten dazu, dass In- 
halt und Form geradezu aus einander fallen^ indem nur das eine 
Moment paulinisch ist, das andere nicht, wie z. B. Kol. 3,4 
(S. 160%.). 14. 15 (S. 163 fg.) geschieht. 

3. Einheitlicher Inhalt des orsprfinglichen Briefes. 

1) Vergleichen wir den ursprünglichen Kolosserbrief mit seiner 
gegenwärtig vorliegenden Gestalt, so springt sofort in die Augen, * 
wie der letztere nur durch seine Reduction auf den Inhalt des er- 
steren Uebersichtlichkeit und Klarheit des Gedankengangs, Einheit^ 
des Themas und Geschlossenheit des gesammten Baues gewinnt. 

Die Stelle 1, 9 — 23 widerstrebt, so wie sie jetzt vorliegt, eigent — 
lieh jedweder exegetischen Behandlung. Zwar dass der Schluss mi^ 
seiner Mahnung, fest zu bleiben, auf den anfangs ausgesprochene!]^ 
Gedanken der Fürbitte zurückblickt, liegt zu Tage. Aber vergeh-— 
lieh sucht man in dem weitbauschigen Gewände, welclves die Für—' 
bitte schon 1, 11. 12 angenommen hat, noch den ursprünglicher^ 
Zweck der Bede zu entdecken, und von 1, 14 ab ist derselbe gam^ 
hinter dem neuen christologischen Gesichtspunkte, der plötzlich zu^ 



4. Der unprfingUohe Kolosserbrief. Ig9 

Hauptsache wird, verschwunden; aber hinsichtlich der logischen 
Disposition dieser Digression [1^ 14 — 22) haben sich die Ausleger 
bis zur Stunde nicht verständigen können^ während schon Mayer- 
hoff an der Möglichkeit eines Verständnisses überhaupt verzweifelte ^) 
und die nicht unebene Bemerkung machte ^ Paulus verfahre sonst 
systematischer im dogmatischen Theil seiner Briefe, während der 
praktische eine losere Verbindung verrathe; hier dagegen begegne 
gerade im Gegensatze zu den beiden letzten Kapiteln in den beiden 
ersten ein befremdlicher Mangel an disponirter Gedankenfolge ^) . 

Die Ursache dieser Erscheinung ist darin zu suchen^ dass in der 
besprochenen Partie das ursprüngliche und natürliche Gedanken- und 
Wortgefüge ganz unterwebt und durchwirkt ist von dem Material 
des Epheserbriefes. Um die ursprünglich beabsichtigte Richtung 
inne zu halten und sich von dem Winde^ der aus dem Epheserbrief 
weht^ nicht allzuweit verschlagen zu lassen^ muss man den Gegen- 
stand der Fürbitte TteQiTcaTijaai vfiaq a^lwg tov d^eov 1 , 10 streng 
als Leitstern im Auge behalten, der auch 2, 6. 7 sofort wieder sicht- 
bar wird. Dann aber verräth sich die secundäre Arbeit in Kol. 
1^ 9 — 23 sofort dadurch; dass lange nicht AlleS; was der Bedestrom 
dieser Verse mit sich fährt, im Programm und Zweck des Kolosser- 
briefes selbst originale und ausreichende Begründung findet. Ja 
sogar die Interpolationen stehen nicht rein um ihrer selbst und um 
des vom Interpolator modificirten Zweckes unseres Briefes da, son- 
dern führen mancherlei Stoffe mit sich, welche ohne die Rücksicht 
auf den Epheserbrief nicht vorgefunden würden. 

In ihrer Weise und unter gewissen Voraussetzungen unbefrie- 
digender Art kommt selbst Hof mann 's Exegese zu keinem anderen 
Resultate. Denn wenn ihr zufolge was Kol. 1, 16 fg. 18 fg. von 
Christus gesagt ist, nur den Nachweis bezwecken kann, dass der 
Christ schon vermöge seiner Zugehörigkeit zu Christus in einem 
vollständig befriedigenden Verhältnisse zu Gott steht und der Ein- 
haltung jener von Menschen ausgedachten Gebote nicht mehr be- 
darf, so handelt es sich allerdings weder 1, 16 fg. noch 1, 18 fg. 
um den Gegensatz des Himmlischen und Irdischen, sondern der 
Zweck dieser Verse liegt in ihrem aaderweitigen Inhalte 3). Wenn 
aber nichts desto weniger 1, 16. 20 jene Gegensätze in dreifachem 
Ausdrucke aufgeführt werden, so ist hier in erster Linie nicht der 
auszudrückende Gedanke, sondern die Nachwirkung von Eph. 
X^ 10. 21 maassgebend gewesen. Es verhält sich genau ebenso auf 
einem anderen Punkte, wo Hofmann gegen Baur im Recht und 



1) S. 45. 2) S. 43 fg. 46. 3) IV, 2, S. 182. 



190 Drittes Kapitel. 

Unrecht zugleich [ist. Im Gegensatze nämlich zum Epheserbriefe^ * 
der diesem Thema absichtlich nachgeht, ist im Kolosserbriefe von 
dem Verhältnisse, in welches Juden und Heiden dadurch zu ein- 
ander versetzt sind, dass sie eben beiderseits zu Christen geworden 
sind, nicht die Bede ^) . Aber trotzdem, dass dieser Gedanke ausser- 
halb des specifischen Zweckes unseres Briefes liegt, spielt er dod 
nicht blos da herein, wo zur Unterstützung der Forderung allum- 
fassender Liebe ausgeführt wird, dass im Christenthume an die SteUe 
der nationalen Unterschiede der neue Mensch getreten ist (3,9 — 11) ^, 
sondern auch 2, 14. 15 liegt, wenigstens nach Hofmann 's Er- 
klärung, die Rücksicht auf die gleichmässige Emancipation zu Grunde, 
welche Juden und Heiden, wenn gleich in verschiedener Richtung, 
erfahren haben ^]. Unter allen Umständen aber steht 1 , 20 das ei- 
qrpfOTtoirjaaq diä rov aUfxcerog %ov atavQOv avuov im Zusainmenhav^f 
etwas verloren da und würde ohne Eph. 2, 13 — 17 gar nicht ex.V 
stiren (S. 94). 

Im Fahrwasser des 1, 10 angelegten Gedankenganges sind v^i^ 
sichtlich erst 1 , 23 wieder angelangt. Unmittelbar an die ErwS-l> 
nung des würdigen Wandels anschliessend spricht dieser Vers tLae 
Erwartung aus, die Leser werden in dem Christenstande, in den e^ic 
versetzt worden sind, bis ans Ende beharren. Auch Honig maclit 
eine derartige Beziehung von l, 22. 23 auf 1, 10 ausfindig^). Ab^^ 
nur nothdürftig lassen sich einzelne wenige Momente des christ^>' 
logischen Excurses in der Mitte als motivirende Grundlagen fÜ' 
1, 22. 23 betrachten (vgl. S. 36), während, wenn jener ganz ausfällst?) 
der Anschluss sofort ein wirklich »unmittelbarer« wird. 

Den weiteren Fortschritt sucht Honig darin, dass die Mal»' 
nung zum christlichen Wandel, wie sie bisher begründet war durcjl 
den sittlichen Zweck der Erlösungsthat Christi nunmehr von eiii^^ 
anderen Seite her eine Motivining in dem Leiden des Apostels finA* 
(1, 24), welches ja auch der Herstellung des avS-qwTtoq Tileiog gel"*^ 
(1, 28)5). Aber dieses Leiden selbst, welches so sehr den Haup;^>' 
gedanken von 1, 24 — 29 bilden soll, dass auch der Epheserbri^^* 
immer wieder darauf zurücklenke (3, 1. 13), ist ja nur Kol. 1, ^^* 
berührt und bildet selbst im jetzigen Kolosserbrief einen nur g^^^ 
legentlichen, in Wahrheit aus Eph. 3, 1. 13 eingetragenen Zug. üi::^^** 
hat sich die persönliche Wendung, welche die Rede nimmt, nur a^ '^ 
Vorbereitung von 2, 1 herausgestellt, wo sich der Apostel dire— -^^ 
mit seinem Anliegen an die Kolosser wendet (S. 168. 175 fg.). 



1) IV, 2, S. 183. 2) Baur, Paulus: n, S. 42. 46. 

3) S. 84 fg. 164. 183. 4) S. 70. 73. 5) ß. 70. 






4. Der ursprOngliche Kolosseibrief. i$l 

Der ursprüngliche Kolosserbrief geht somit viel schneller ad rem, 
als der jetzige Text thut. Was aber hauptsächlich m beachten , ist 
der Umstand, dass diese Res von Anfang bis zu Ende nur eine ein- 
zige ist, nicht aber in die beiden Hemisphären eines theoretischen 
und eines praktischen Theiles, wie die gewöhnliche Unterscheidung 
lautet, aus einander fallt. 

2) Einen theoretischen und einen praktischen Theil zu unter- 
scheiden, ist überhaupt nur im Epheserbriefe erlaubt, welcher sich 
genau in diese zwei Hälften spaltet und daher auch 3, 20. 21 in 
aller Form abbricht. Der Kolosserbrief dagegen stellt ein organi- 
sches Ganze dar. Schon im Galaterbriefe kann eigentlich von einem 
praktischen Theile in dem Sinne, wie ihn der Römerbrief aufweist, 
keine Rede sein, da die betreffende Partie Gal. 5, 13 — 6, 10 viel- 
mehr nur zeigen will, »dass die Freiheit vom Gesetz keine Auf- 
hebung der Nothwendigkeit des sittlichen Verhaltens ist«^), folglieh 
eng mit der dogmatischen Begründung zusammenhängt. Aber noch 
viel mehr ist dies in unserem Briefe der Fall. Richtig hebt ja 
Honig hervor, dass derselbe schon von vom herein (1, 10) eine 
praktische Tendenz aufweise, auf welche der Schriftsteller auch 
immer wieder zurückkehrt und zwar schon in der ersten Hälfte des 
Briefes (1, 22. 28. 2, 6); vollends aber seien aus den 2, 11 — 13 
entwickelten Gedanken des Mitsterbens und Mitauferstehens 3, 1 — 4 
nur die ethischen Oonsequenzen gezogen, und werde damit jene 
Gedankenreihe eröffnet, die man gewöhnlich als den praktischen 
Theil dem theoretischen entgegenstellt 2). Auch Hof mann 's Er- 
klärung hat sich dadurch ein Verdienst erworben, dass sie, anstatt 
des Einschnittes, den man zwischen dem zweiten und dritten Ka- 
pitel statuirt, vielmehr den zwischen 2, 5 und 6 wirklich statthaben- 
den Einschnitt constatirt«"^). Ferner hat auch Sabatier den Punkt, 
auf welchen es hier ankommt, getroffen, wenn er den moralischen 
Theil des Briefes als directe Antithese gegen den unfruchtbaren 
AscetiBmus der Irrlehrer auffassen lehrt ^). Und wenn Schenkel 
den Gedanken: »Anstatt dass ein Bedürfhiss vorhianden wäre, be- 
sondere Veranstaltungen zur Ertödtung der Sinnlichkeit zu treffen, 
so genügt zur Erfüllung der wahren Lebensaufgabe der Wandel in 
dem Herrn Jesus Christus«, im zweiten, panlnetischen Theile des 
Briefes weiter ausgeführt findet*), so ist, da er hierfür 2, 6. 11 fg. 
21 fg. citirt, von hier nur noch ein Schritt zu der Anerkennung, 



1) Baux: Paulus, I, S. 286. 

2) S. 73 fg. 3) rV, 2, S. 56 fg. 107. 144: 164. 
4) S. 192 fg. 214. 5) Bibel-Lexicon, HI, S. 569, 



192 DrittM Kapitel. 

dass in jenem Gedanken geradezu das einheitliche Thema des ganzen 
Briefes ruht^ dessen ursprüngliche Gestalt auch in der That nichts 
bietet^ was irgend darüber hinausginge. Die beiden letzten Kapitel 
verhalten sich zu den beiden ersten also nicht wie die praktische 
Kehrseite zu einer theoretischen Auseinandersetzung, sondern ent- 
halten einfach die positive Seite zu der gleichfalls auf wesentlich 
praktische Dinge sich beziehenden Antithese, welche Paulus Yoran- 
gestellt hat. Es sind nur die christologischen Eintragungen der beiden 
ersten Kapitel, welche die richtige Erfassung des schon 1, 10 aus- 
gesprochenen Themas erschwerten und solches in dem »Nachweis der 
centralen heilsmittlerischen Würde Jesu Christi a^] suchen liessen. 

Jetzt aber wird der Gedankengang des zweiten Kapitels voll- 
kommen klar und durchsichtig. Die Kolosser sollen wissen, dass 
sie dem Briefsteller nicht gleichgültig sind (2, 1), was er ihnen aus- 
drücklich sagt, um gegen etwaige Missdeutung seiner bisherigen 
Zurückhaltung gesichert zu erscheinen (2, 4. 5). Was er ihnen mit- 
zutheilen hat, war zwar 1, 10. 22. 23 in Form einer Fürbitte schon 
dagewesen, wird nun aber 2, 6. 7 direct ausgesprochen. Dieser Er- 
mahnung, treu festzuhalten an dem sittlichen Charakter des ihnen 
überlieferten Christenthums tritt sofort die Warnung vor drohendem 
Irrsale entgegen (2, 8). Erwehren werden sich desselben die Leser 
im Bewusstsein, dass die vom Apostel gepredigte Erlösung in dem 
Mitbegrabensein und Miterstandensein mit Christus besteht (2, 11 — 14). 
Eben desshalb, weil sie der Welt abgestorben sind; können die dof- 
fiata der Irrlehrer, welche ja dem Bereiche der aTOi%Bia tov yLÖafiw 
angehören, keine Macht mehr über sie ausüben (2, 16 — 23) 2). Diß 
echt paulinische Dialektik, welche gerade diese argumentirenden 
Theile der Briefe durchwaltet, wurde schon oben (S. 108 fg.) nach- 
gewiesen. 

Die in die Augen fallendste Eigenschaft des reconstruirten Briefes 
und zugleich diejenige, welche die Aufforderung zur erweiternden 
Interpolation in sich schloss, ist seine Kürze. Aber an eine ihm 
persönlich unbekannte Gemeinde sehreibend, konnte Paulus in 
doppelter Weise verfahren. Entweder sollte der Brief geradezu den 
Mangel persönlicher Anwesenheit ersetzen; dann wurde er zu einer 
ausführlichen Darlegung und Rechtfertigung seiner Theorie und 
Praxis, wie der Römerbrief; oder aber das paulinische Evangelium 
hatte in der betreffenden Gemeinde schon seinen persönlichen Träger, 
Vertreter und Herold. Dann fiel der Anlass, welchem die Gemeinde 



1) Schenkel, S. 570. 

2) Vgl. auch Honig, S. 72. 



5. Analogien. 193 

ZU Rom ihren ausführlichen Paulusbrief verdankt, hinweg, und wenn 
je eine Gelegenheit dazu aufforderte, auch dorthin einen Brief zu 
senden, so war dies eben in jeder Beziehung ein Gelegenheitsbrief. 
Epaphras, welcher doch wohl späterhin zurückkehrend gedacht wer- 
den muss (vgl. 4, 12], wird alsdann schon selbst wissen, was er als 
des Paulus avvdovXog in Kolossä zu sagen und zu thun haben wird; 
es bedarf nur eines kurzen Documentes von der eigenen Hand des 
Paulus, welches den Epaphras der Gemeinde als seinen Freund und 
Gesinnungsgenossen darstellt (1, 7) und zugleich das Thema alles 
dessen, was Epaphras predigen wird, als eigensten Gedanken des 
Paulus erscheinen lässt. Dieses Thema bildet nun aber in der That den 
durchaus einheitlichen Inhalt des Briefes, der sich dahin zusammen- 
fasst : » Statt ascetischer Quälereien und Abmarterungen empüehlt der 
Apostel die Tugenden der Barmherzigkeit, des Wohlwollens, der 
Demuth, der Sanftmuth, der Verträglichkeit, der Bruderliebe, der 
Friedfertigkeit, und ermahnt zu gegenseitiger Belehrung und Er- 
bauung im Namen Jesu«^]. 



5. Analogien. 

Etwas wirklich Befremdendes kann unser Resultat mindestens 
für denjenigen nicht haben, welchem die Arbeitsmethode der Schrift- 
steller und die Entstehungsweise der literarischen Producte jener 
Zeit überhaupt geläufig geworden sind. Schon die unendliche Ver- 
zweigung der synoptischen Evangelienliteratur kann eine Vorstellung 
davon erwecken, wie leicht eine Zeit, die von kanonischem Ansehen 
des Buchstabens nichts wusste, von der blosen Reproduction des- 
selben zu einer förmlichen Erneuerung des betreffenden Schriftstückes 
fortschreiten konnte, in deren Folge es geeignet und fähig werden 
sollte, auch einer fortgeschrittenen Zeit, welcher neue Gesichtspunkte 
und Bedürfnisse aufgegangen waren , oder aber anderweitigen Krei- 
sen, für welche es ursprünglich nicht bestimmt war, zu genügen. 
Es fehlt daher nicht an Schriften , die wie die Hebräerevangelien, 
die der Simons- und Petrussage dienende Literatur, die Kindheits- 
geschichten, Pilatusacten u. a., in einem stetigen Transmutations- 
processe begriffen sind , indem sie, je nach dem besonderen Zwecke 
und dem kirchlichen Bedürfnisse der Zeit, immer wieder umgearbeitet, 
bald verkürzt, bald erweitert, bald in einzelnen Theilen völlig erneuert 
werden. 



1) Schenkel, a. a. O. S. 569. 
Holtzmann, Kritik der Epheser- vl. Kolosserbriefe. 1 3 



194 Drittes Kapitel. 

1) Ein sehr instructives Beispiel für ein derartigcfs Anwachsen von 
Stoffen, mit denen einmal ein glücklicher Wurf geschehen war, 
bieten die Ignatiusbriefe , welche bekanntlich in einer längeren, 
früher bekannten, und in einer später aufgefundenen, kiirzeten Form 
vorliegen. Diese befasst nur sieben, jene zwölf Briefe in sich. 
Während nun aber bis zu Anfang unseres Jahrhunderts beide Be- 
censionen vielfach für Ueberarbeitungen eines verlorenen Originals 
gehalten wurden, standen sich später die Meinungen so gegenüber, 
dass für die verhältnissmässige Ursprünglichkeit der längeren ' Form 
z. B. F. K. Meier auftrat^), für die Echtheit der kürzeren dagegen 
Richard Rothe^). Aber nun fand sich eine dritte, noch kürzere 
Form in syrischer Sprache, die zuerst Cureton veröffentlichte'). 
Dieselbe enthielt nur die drei Briefe an die Römer, Epheser und 
Polykarp. Man glaubte nachweisen zu können, dass hier zumeist 
der Märtyrer, nicht aber der Hierarche und Ketzerfeind rede, und 
so sahen Bunsen^), Weiss*), Ritschi*) in dieser Form den 
echten, durchaus selbständigen Grundstock des Ganzen. Insonder- 
heit hat Lipsius mit einer, alle Vorgänger weit hinter sich lassen- 
den Allseitigkeit scharfsinnigster Begründung, wiewohl im Einzelnen 
nicht ganz ungezwungen , zu erweisen gesucht, dass die kürzere 
griechische Form in ihren Ansichten von der Person Christi und 
vom Episkopat etwa in's Jahr 140 weise, während der syrische Text 
eine rein modalistische Christologie von sehr alter Färbung auf- 
weise, ohne schon den Doketen gegenüber auf die Menschheit 
Christi ein besonderes Gewicht zu legen. Dagegen kennzeichne 
sich eine weitere syrische Recension als eine Ueberarbeitung des 
kürzeren Syrers nach dem Griechischen 7) . Andererseits hat die 
syrische Form überhaupt entschiedene Gegner gefunden, besonders 
in Baur, der alle Recensionen für gleich unecht, die syrische 
insonderheit nur für eine willkürliche Verkürzung der griechischen, 
das Ganze für eine im Interesse des Episkopats veranstaltete Fiction 



1) Studien und Kritiken, 1836, S. 340 fg. 

2) Anfänge der christl. Kirche, 1837, S. 715 fg. 

3) The ancient syriac version of the epistles of S. Ignatius, 1845. Vindiciae 
Ignatianae, 1846. Corpus Ignatianum, 1849. 

4) Die drei echten und die vier unechten Briefe des Ignatius, 1847. Ignatius 
Ton Antiochien und seine Zeit, 1847. Hippolytus und seine Zeit, 1852. I, S. Aifg. 

n, S. vnfg. 

5) Keuter's Repertorium, 1852, September, S. 169^ fg. 

6) Die Entstehung der altkatholischen Kirche, 2. Ausg. 1857, S. AO^tg: 599. 

7) Zeitschrift far historische Theologie , 1856, S. 3 fg. lieber das Y erhaltnin 
des Textes der drei syrischen Briefe des Ignatius zu den übrigen Becensionen der 
Ignatianischen Literatur, 1859 (Abhandlungen für die Künde des Morgenlandes, 1,5). 



5. Analogien. 195 

erklärte 1). Auch Schwegler^), Hilgenfeld 5), Vaucher*) 
und Sqhplten^j sind diesem Urtheile auf totale Unechtheit bei- 
getreten^ während Dressel nirgends wenigstens einen ganz echten 
Text anerkennen kann ^) . 

Indessen gibt es der Formen, in welchen die ignatianische Li- 
teratur auftritt, noch mehr. So hat der genaue Kenner der armeni- 
schen Literatur, Petermann, eipen armenischen Text der 13 Briefe 
, herausgegeben, den er für die Uebersetzung eines syrischen Textes 
halt, aus welchem die drei Briefe Cureton's nur einen Aufzug 
darstellen sollen 7) . Dann zeigte Merx, dass es eigentlich zwei sy- 
rische Uebersetzungen schon der sieben Briefe gab; aus der älteren 
derselben sei der Text Cureton's verkürzt s). Aber auch die sie- 
ben griechischen Briefe, deren sich noch Uhlhorn^) und Junius *®) 
annahmen, ja sogar, die drei syrischen werden verdächtig durch den 
längst geführten Nachweis, dass der Partherkrieg Trajan's und sein 
daxnit in Verbindung stehender Aufenthalt in Antiochia erst in das 
Jahr 115 fallt ^^j. Damals überwinterte der Kaiser in Antiochia. 
• Gleichzeitig trat am 13..December ein furchtbares Erdbeben ein, 
iwelches halb Antiochia zerstörte. Da nun die Märtyreracten des 
Ignatius ihn von Trajan selbst verurtheilt werden lassen und seinen 
Tod auf den 20. December (freilich eines viel früheren Jahres) an- 
setaen, so ist nach Yolkmar^^) anzunehmen, dass er in Folge jenes 
Erdbebens dem Amphitheater ausgeliefert worden , folglich in An- 
tiochia gestorben sei. Bei dieser sehr wahrscheinlichen Annahme 
.würde aber die Beise nach Rom, und mit ihr alle drei oder vier 
Formationen des Briefes fallen, in welcher Reihenfolge man sich 
auch. ihre. Entstehung vorstellig machen mag. 

i Die Methode der Interpolation ist in allen Briefen dieselbe und 
bezüglich des Verhältnisses der drei zu den sieben Briefen von Lip- 



1) Die ignatianisclien Briefe, 1848. 
. 2) Das «achapostolische Zeitalter, 1846, II, S. 159 fg. 

3) Die apostolischen Väter, 1853, S. 274 fg. 

4) Recherches critiques sur les lettres d'Ignace, 1856. 

5) Oudste Getuigenissen, S. 56 fg. 

6) Patrum apostolicorum opera, 1857, S. XXTV. XXVII. 

7) Ignatii qnae feruntur epistolae, 1849. 

8) Meletemata ignatiana, 1861. Zeitschr. f. wiss. Theol. 1867, S. 91 fg. 

9) Herzog's Beal-Encyklopädie, VI, 1856, S. 630. 

10) De oorsprong en de waarde der Brieven yan Ignatins, 1859. 

11) Francke: Zur Geschichte Trajans, 1837, S. 253 fg. 

12) Jtheinisches Museum für Philologie, 1857, S. 492 fg. Handbuch zu den 
Apokryphen, 1860, I, S. 121. Ursprung unserer Evangelien, S. 52. Vgl. jedoch 
Lipsius: Text der drei syrischen Briefe, S. 7 fg. 

13» 



196 Drittes Kapitel. 

sius in alle Einzelheiten verfolgt worden. Bezüglich des Verhält- 
nisses der sieben zu den zwölf steht sie im Allgemeinen in der 
Mitte zwischen der durchaus freien Weise , worin der paulinische 
Kolosserbrief in unserem Epheserbriefe variirt^ und der sorgsam den 
Wortlaut conservirenden , in welcher jener in unserem jetzigen Ko- 
losserbrief erweitert erscheint. Ist aber auch so die Art der Nach- 
arbeit eine eigenthümliche^ wie ja auch von vom herein nicht anders 
zu erwarten^ da die beiden interpolirenden Subjecte gar nichts soDSt 
mit einander gemein haben ^ auch vielleicht um Jahrhunderte aus 
einander treten und Niemand auf eine technische Tradition für 
diese Art von literarischem Betrieb rechnen wird: so fehlt es doch 
im Einzelnen keineswegs an fruchtbaren Analogien sowohl zu der 
Methode, die in unserem Kolosser-^ als. auch zu derjenigen, welche 
im Epheserbriefe befolgt ist. 

Wir haben gesehen, dass der Interpolator des Kolosserbriefes 
seine Erweiterungen hauptsächlich dadurch gewinnt, dass gleichen 
Schritt mit seiner Reproduction des paulinischen Originals die Leetüre 
des Epheserbriefes hfilt, und zwar so, dass letztere in grossen Ab- 
schnitten erfolgt, deren summarischer Inhalt dann im interpolirten 
Kolosserbriefe zwischen die Glieder des ursprünglichen Gedanken- 
ganges eingeschoben erscheint. Vergleichen wir nun z. B. den er- 
weiterten Ignatiusbrief nach Ephesus mit dem nicht interpolirten 
griechischen Brief, der übrigens selbst wieder bedeutend länger als 
der syrische Text ist, aus welchem ihn Lipsius Stück für Stfiok 
herleitet i) : so tritt deutlich zu Tage, wie der Ueberarbeiter durchweg 
die Methode befolgt, einen oder wenige Sätze seines Originals erst 
zu lesen, dann aus unmittelbarer Erinnerung sofort niederzuschrei- 
ben, wobei sich natürlich nichtsdestoweniger zahllose Variationen 
besonders im Detail ergeben, von der Art, wie wenn gleich in der 
Ueberschrift aus xaqLTi X^QV» ^^^^ ^P- ^ ^*^ ovof^a der Epheser 
aus einem jcolvayaTirjTOv ein noXvnod'rjTOv wird u. s. w. Nicht 
selten erlaubt sich aber auch der Verfasser, den Gedanken des Ori- 
ginals in wesentlich neuem, meist weitbauschigerem Gewände wieder- 
zugeben, wobei oft nur einzelne Ausdrücke an die Quelle erinnern 
(Kp. 4. 5. 6. 8. 10. 12. 14. 19. 21)*; und ganz besonders tritt solche 
freie A^iedergabe des ungefähren Sinnes dann ein, wenn im Original 
Ausdrücke und Pointen von gesuchter Schwierigkeit und künstlichem 
üeziehungsreichthum begegnen, welche dann in der Regel theils- 
umgangen, theils dem trivial Populären nahe gebracht werden 
(Kp. 3. 4. 15. 16. 18. 20). Wie es aber in unserem Falle der Epheser- 



1) Zeitschrift f. lii-;torische Theol. 1856, S. 104 fg. 



5. Analogien. 197 

brief ist, mit dessen Inhalt der Interpolator des Kolosserbriefes die 
Kosten seines erweiterten Verfahrens bestreitet, so entstehen die Er- 
weiterungen des ignatianischen Epheserbriefes meist durch Herbei- 
ziehung theils von alttestamentlichem Beweismaterial (Kp. :7. 10. 
17. 18), theils von verwandten Stellen des N. T., die aber im Gegen- 
satze zu der ursprünglicheren Gestalt der Ignatianen hier als förm- 
liche Citate auftreten (z. B. aus Johannes Kp. 3. 4. 5. 7. 9). Ganz 
besonders gilt diese Bemerkung bezüglich der paulinischen Briefe, 
unter welchen unser, dem Interpolator natürlich als paulinisch gelten- 
der Epheserbrief eine besondere Rolle spielt (Kp. 6. 9. 13), wiewohl er 
schon in der kürzeren griechischen und auch syrischen Form mehr- 
fach bestimmt gestreift wird (vgl. V, 2, 3). Wie femer das prak- 
tische Motiv für die Erweiterungen, welche der Kolosserbrief er- 
fährt, zum guten Theile in der Beziehung gelegen ist, welche dem 
ursprünglichen Schriftstücke auf naq}ipaulinische Irrgeister gegeben 
werden soll, so treten auch im ignatianischen Epheserbriefe Er- 
weiterungen in Gestalt formlicher dogmatischer Excurse da ein, wo 
die Irrlehre besprochen wird (besonders Kp. 7 und 9 — Stellen, 
welche ebenso bezeichnender Weise in der syrischen Form Cure- 
ton 's ganz vermisst werden). Ganz an die Erweiterung, welche 
Kol. 2, 16 — 23 erfahren hat, erinnert es z. B., wenn der Interpolator 
den Satz seines Originals Kp. 9, wonach die Leser als Steine im 
Tempel Gottes den Verführern gegenüber die Ohren verschlossen 
haben, dazu benutzt^ das nXavov Ttvevfxa erst ausführlichst nach 
allen Richtungen zu schildern, um dann endlich mit einem ^vosTav 
vf^Sg ^Irjaovg b Xgcatog < d'ef^elioiaag vfiäg im rrjv nirqav c5g Xi- 
d-ovg hiXextovg in den verlassenen Zusammenhang wieder einzubiegen. 
Selbst der Wechsel des Singulars und Plurals in der Bezeich- 
nung der redenden Person, -womit sich der Autor ad Ephesios verräth 
(S. 168), kehrt hier (Kp. 2) wieder, und wenn im Kolosserbriefe 
vielfach einzelne Satzglieder mit neuen, vom Interpolator eingeführ- 
ten Seiteugängem versehen werden, so ist Aehnliches auch hier gar 
nicht selten der Fall. Nur um in dieser Richtung einen Begriff von 
der Interpolationsweise zu ermöglichen, stehe hier beispielsweise der 
Eingang des siebenten Kapitels in beiden Formen. 

eUl&otat yaQ nveg tvvig de q>avX6tctT0t elw&aai 

ioXip TCOvtjQip To ovoiia 7t€Qiq)€Q€cv, aXXa riva TtQaaaovreg dvd^ia S-eov 

ycai q)QOvotvT€g evavtia Ttjg rov 
Xqlgtov didaanallag, en oXed-Qff 
ectvTwv mal räv nei^Of^iivtov ayroig, 

o9g del vfiäg wg d'rjqia htTillveiv. 



198 Drittes Kapitel. 

Wenn ferner der Art, wie die Ausdrücke des EpUeserbriefes im 
Kolosserbriefe reproducirt werden, auch eine erklärende Tendienz 
keineswegs ferne liegt, so ist Aehnliches z. B. der Fall, wenn gleich 
Kp. i unseres ignatianischen Briefes anstatt iTtiq tov tioivoG 6v6^ 
fiatog aal iXnldog gesetzt wird VTciQ Xqiaroij tijg xotv^g iXvtidog 
und eben daselbst ein erklärendes ^e wie Kp. 2 ein erklärend^^s 
vfiäg beigesetzt wird. Wenn endlich der zweite Ausdruck, al'sb die 
Form des Kolosserbriefes , in der Regel kürzer ausgefallen ist als 
die erste, im Epheserbriefe vorliegende, so ist auch dies nicht ohne 
Analogien in den beiden Formen des ignatianischen Epheserbriefes. 
So ist, um bei Kp. 1 stehen zu bleiben, das überflüssige ETtitvx^tv und 
Ev accqui ausgefallen. 

2) Eng an das Schicksal der Ignatiusbriefe schliesst sich die 
Beurtheilung an, welche der s. g. Brief des Polykarp gefunden hat. 
Schweglef^) und Hilgenfeld^) hielten den letzteren so gut 
für erdichtet wie die ersteren, während Bunsen die von ihm äff 
den Briefen des Ignatius durchgeführte Interpolationshypothese auch 
auf den Brief dös Polykarp anwandte 3) und Ritschi geradezu döft 
bündigen Nachweis erbrachte, dass der letztere von dem Verfasser 
der sieben Ignatianen interpolirt worden ist*). Auch Lipsius^), 
Volkmar^) und Schölten^) haben sich für die letztere Auffas- 
sung des Verhältnisses erklärt. Eben dieser Fall bildet nun aber die 
sprechendste Analogie, welche wir für die Behandlung, die der ur- 
sprüngliche Paulusbrief an die Kolosser von Seiten des Autor ad Ephe- 
sios zu erfahren hatte, anzuführen haben. Wie der interpolirte Ko- 
losserbrief an seinem Schlüsse (4, 15. 16) die von Ephesus nach 
Laodicea laufende Encyklica nicht blos erwähnt, sondern auch sieb 
selbst in eine directe Beziehung zu derselben stellt, gerade so bietet 
der Brief des Polykarp in seinen Interpolationen nicht nur das 
älteste Zeugniss für das Vorhandensein der Ignatianen, sondern 
nimmt auch Stellung zu den Aufträgen, welche diese ertheilen, 
und setzt ein ähnliches Communicationssystem voraus^ wie Kol. 
4, 15. 16 8). Und zwar hat der Verfasser der sieben Ignatianen^ 
nach Ritschi also zugleich der Ueberarbeiter der drei echten Briefe^ 



1) Nachapostolisches Zeitalter, II, S. 154 fg. 

2) Die apostolischen Väter, S. 271 fg. 

3) Ignatius yon Antiochien und seine Zeit, S. 107 fg. 

4) A. a. O., S. 584 fg. 

5) Text der drei syrischen Briefe etc. , S. 14 fg. 

6) Religion Jesu, S. 411. 505. Ursprung unserer Evangelien, S. 43 fg. 

7) Oudste Getuigenissen, S. 45. 

8) Lipsius, a. a. O. S. 13. \ 



5. Analogien. 199 

das Schreiben des Polykarp darum in den Kreis seiner Thätigkeit 
gezogen, um dufeh die verhältnissmässig unbedeutenden Verände- 
rungen, welche er mit demselben vornahm, die viel weiter gehende^ 
Operation, welche er mit den Briefen des Ignatius vornahm, zu ver- 
decken*). Eben dies war aber das wirksame Motiv, wesshalb der 
Autor ad Ephesios, nicht zufrieden damit, auf das kurze Schreiben 
des Paulus an die Kolosser einen längeren Paulusbrief gepfropft zu 
haben, welcher in der Itjumde vou j^^ei^us bis Laodicea gelesen 
werden sollte, auch noch jenes Original selbst im Geiste dieses s. g. 
Epheserbriefes übeiarl^eitete. Der auf diese Weise resultirende 
Kolosserbrief ist halb pauliniseh, halb ephesinisch, und hat durch 
seine verbindende Mittelstellung dazu beigetragen, den Hiatus, wel- 
cher zwischen den paulinischen HomolQgumenen und dem Epheser- 
briefe besteht, bis auf den heutigen Tag weniger fühlbar erscheinen 
zu lassen. 



1) lElitsclil, S. 600 



Viertes KapiteL 

Der gemeinsame Lehrgehalt. 



1. 

1) Während man bis vor Kurzem in der Darstellung des pau- 
linischen Lehrbegriffes Stellen aus den s. g. Homologumenen in 
bunter Mischung mit solchen ^ die den aus der Gefangenschaft ge- 
schriebenen Briefen angehören, zu benutzen und zu verwerthen für 
angemessen und erlaubt gehalten, stimmen die drei neuesten Dar- 
stellungen des paulinischen Lehrbegriffes darin unter sich, aber auch 
mit Baur^), freilich ohne seine kritischen Voraussetzungen zu thd- 
len, überein, dass sie der theologischen Begriffswelt der Epheser-, 
Kolosser- und Philipperbriefe eine getrennte Darstellung widmen. 
Es ist ohne Frage ein wirklicher Fortschritt zu nennen, wenn so 
Weiss 2), R. Schmidt^) und Sabatier*) in den »Gefangen- 
schaftsbriefen « eine neue Form der paulinischen Lehrweise an- 
erkennen, welche freilich nach ihrer Ansicht aus den veränderten 
Zeitverhältnissen leicht zu erklären sein, auch die Grundeigenthüm- 
lichkeiten des älteren Paulinismus noch deutlich durchscheinen lassen 
soll. Weiter haben sich die eben genannten Vertreter der heute 
herrschenden Theologie mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass 
dem äusseren Fortschritte des Missions werk es des Paulus auch ein 
innerer Fortschritt seiner Gedankenwelt zu immer um&ssenderen 
Gesichtspunkten entspreche. Fällt doch die Idee des Werdens und 
der Entwickelung ganz bestimmt herein in das Bewusstsein eines 
Mannes, welcher sowohl schreiben kann, dass er, da er ein Kind 



1) Der Apostel Paulus, 2. Ausg. 1866, II, S. 3 fg. Neutestamentlicbe 
Theologie, 1864, 256 fg. 

2) Biblische Theologie des N. T. 1868, S. 223 fg. 433 fg. 

3) Die paulinlsche Christologio, 1870, S. 7. 160 fg. 

4} L'apötre Paul, S. 193 fg. Vgl. meine Kritik dieser und der Schmidt'- 
schen Schrift in der »Protestantischen Kirchenzeitung«, 1871, No. 23, S. 499%. 



1. Allgemeines. 201 

war^ redete wie ein Kind und Anschläge fasste wie ein Kind^ als 
Mann aber abthat ^ was kindisch war (1 Kor. 13, 11), als auch er- 
klären, dass er das Vollkommene immer noch nicht ergriffen habe, 
sich aber darnach ausstrecke (Phil. 3, 12 — 16) *). Gewöhnlich con- 
struiren wir den paulinischen Lehrbegriff nur aus den Briefen an 
die Galater, Korinther und Römer. Und mit Recht, insofern diese 
Briefe nicht blos allein über jeglichen Verdacht der Unechtheit er- 
haben, sondern auch zweifelsohne der Ausdruck des männlich ge- 
reiften Denkens des Apostels sind. Aber sollten wir nur den Paulus 
der 4 Jahre kennen, innerhalb welcher diese vier Briefe zu fallen 
kommen? Wissen wir nichts von dem Paulus der 17 vorangegan- 
genen und der 6 nachfolgenden Jahre? Setzt nicht die reife Aus- 
bildung der centralen Phase der Entwicklung eine einfachere vor- 
aus? Wie, wenn sich ein solches primitives Stadium der Gedanken- 
welt in den Thessalonicherbriefen und in den Reden, wie sie noch 
der Verfasser der Apostelgeschichte seinem Helden in den Mund 
legt, nachweisen liesse? Erst eine tiefer gehende Krisis, wie sie 
Sabatier in dem Gal. 2, 11 — 21 erwähnten Streit mit Petrus zu 
Antiochia nachweisen zu können glaubt 2), veranlasste den Apostel, 
das Princip seines Evangeliums strenger zu formuliren und zu sagen : 
»Wir sind an Jesus Christus gläubig geworden, um aus dem Glau- 
ben an ihn und nicht aus Gesetzeswerken gerecht zu werden, denn 
aus Gesetzeswerken wird (überhaupt) kein Fleisch gerecht« (Gal. 
2, 16). Damit sei nun jedenfalls ein Schritt hinaus über den (vor- 
ausgesetzten) Compromiss des Apostelconvents geschehen, auf wel- 
chem Paulus sich noch damit begnügt hatte, wenigstens für di^ 
gläubig werdenden Heiden der Beschneidung enthoben zu sein. 
Jetzt behauptet er, auch den Juden nütze sie nichts, und auch Ju- 
den, die sich auf Gesetzeswerke verlassen, gehen dadurch nur ver- 
loren. Jetzt kann er, auf eine frühere selbsteigene Praxis zurück- 
sehend, schreiben, wie Gal. 5, 11: »Wenn ich noch die Beschnei- 
dung predigte, wozu würde ich dann (von Juden) verfolgt?« 3) 

Bestimmter noch, als eine frühere, hebt sich jedenfalls von den 
unzweifelhaften Hauptbriefen eine spätere Epoche ab, welche von 
einem doppelten Einflüsse bedingt ist. Auf der einen Seite entzieht 
die Gefangenschaft zu Cäsarea und Rom den Apostel der prak- 
tischen Thätigkeit und bannt ihn in die Einsamkeit der Meditation. 
Auf der anderen Seite erscheint jetzt, uachdem das Bedürfhiss der 



1) Sabatier, S. 6 fg. 2) S. 14 fg. 

3) Reuss (Histoire de la th^ologie chr^tienne au siecle apostolique, 3. Ausg., 
I, S. 345 fg.), Sabatier (a. a. O. S. 4 fg.). 



202 Viertes Kapitel. 

Begründung^ und Vertheidigung der Antithese gegen das einfiushQ 
Judenchristen thum weggefallen war^ jene zuerst in der Abschieds- 
rede zu Milet (Apg. 20, 29. 30) in's Auge gefasste, ascetisch-iheo- 
sophische Grestalt des judenchristlichen Gegensatzes , welche dan^ 
den Uebergang zum Gnosticismus bilden sollte. Beides t^rug da^. 
bei 9 den Lehrbegriff des Apostels nach der metaphysischen Bjch- 
tong weiterzubilden und namentlich diejenigen Seiten in, üvp;^ zu 
entwickeb^^ auf welchen die Tiefen einer, jedes wahre Erkenntniss- 
streben befriedigenden Weisheit sich aufthaten. So kam Paulus 
dazu, seine Christologie im Sinne unserer Briefe zu vollenden i). 
Auch Sieffert suchte neulich die späteren Briefe durch Annalune 
einer derartigen 9 fortschreitenden Entwickelunga zu retten, welche 
zu einer tieferen Erkenntniss der praktischen und theoretischen Ob- 
jectivität des Christenthums getrieben habe^j. 

Anders als so zwischen Paulus imd Paulus unterscheidend wird 
man der Verlegenheit, welche die letztgenannten Briefe in Bezie- 
hung auf ihren dogmatischen Gehalt bieten, jedenfalls nicht mehr 
Meister werden, und nur das kann heuzutage sonach noch wirklich 
und ernsthaft in Frage kommen, ob die Linie, welche von dem 
Christus der Römer- und Korintherbriefe zu demjenigen der Ko- 
losser-, Epheser- und Philipperbriefe fährt, innerhalb des wachsen- 
den Umkreises eines individuellen Denkens möglich ist, oder ob 
sie darüber hinaus fuhrt und zur Annahme eines anderen, späteren 
Verfassers drängt. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass manche Momente für die erste 
Alternative sprechen. Vorab dies, dass wir die Umbildung der 
paulinischen Begriffe unter dem Einflüsse von Erfahrungen, welche 
nachgehends zu machen waren y auf nicht wenigen Punkten noch 
genau verfolgen können. Der bedeutendste dieser Fälle betrifft die 
Frage, ob der Apostel die Wiederkunft des Messias und die Auf- 
richtung des messianischen Reiches noch zu erleben hoffte. Halten 
wir den frühsten und den letzten der als paulinisch überUeferten 
Briefe neben einander, so ist klar, dass in dem Bewusstsein des 
Apostels in dieser Beziehung eine Bewegung sich vollzogen hat. 
Während er 1 Thess. 4, 15 sich und seine Leser zusamifien&sst 
imter die gemeinsame Bezeichnung ^f^aXg ol ^cSweg qI Tt^iXecTtih 
fiBvoL Big %rpf Ttaqovaiav rov xvglovy ist Phil. 1 , 23 die Rede von 
einer iTii&vfila als ^o dvaXvaat^ %al avv Xqlot^ elvau Uebrigens 
brauchen wir uns gar nicht des angefochtenen Philipperbriefes zu 



1) Beuss (Geschichte, S. 102 fg.), Sabatier (S. 15 fg. 184 fg. 191%.). 

2) Jahrbücher fOr deutsche Theologie, 1869, S. 250 fg. 



1 . Allgemeinen. 203 

bedienen. Denn wenn wir genauer zusehen^ so liegt der Wendepunkt 
schon zwischen den beiden Korintherbriefen. Noch im ersten der- 
selben- denkt er sich die Weltkatastrophe so nahe^ dass er^ die 
Möglichkeit des Todes fiir den Einen oder Anderen ganz ausser 
Acht lassend^ schreiben kann: »Wir alle werden nicht entschlafei^^ 
sondern alle verwandelt werden« (15^ 51). Gleich darauf aber trau- 
ten jene gefahrvollen Ereignisse ein^ in den^n sich der Apostel zum 
erstenmal, wie er 2 Kor. 1, 9 es ausdrückt, »das Todesurtheil sprach«. 
Freilich durfte er die Erfahrung machen, dass ihn Gott »von so 
argem Tode errettete« (2 Kor. 1, 10). Gott wusste das »Scherben- 
geföss« (2 Kor. 4, 7), in welchem der himmlische Schatz ruhte, 
durch die heftigsten Stösse hindurch zu retten und zu erhalten. 
Dabei füihlte Paulus aber doch, dass, während der innere Mensch 
von Tg^. zu Tag zunimmt, der äussere dagegen dem Verderben ent- 
g^engehe (2 Kor. 4, 16). Die herbsten Erfahrungen hatten ihm 
den Gedanken nahe gelegt, dass gelegentlich auch ein wirkliches 
Sterben ihn treffen könne. Dagegen hatten die mit diesen Gefahren 
verbundenen Errettungen auch wieder seinen Glauben an die Auf- 
erstehungskraft Christi, die er darin wirksam fühlte, befestigt; die 
künftige Auferstehung wurde ihm dadurch unter den Gesichtspunkt 
eines, alle bisher schon erfahrene Wunderhülfe Gottes abschliessen- 
den und dieselbe krönenden Werkes gestellt (vgl. 2 Kor. 1,9. 
4, 10. 11). Eben in diesem Zusammenhange wird dann schon hier 
die Höhe des Philipperbriefes erreicht , wenn es 2 Kor. 5,8 heisst 
evöoxavf^iev fiaXXov hidrifjLrjaai^ an rov odfiatog xat ivdrjf^fjoat Ttqbg 
Tov xvQiov^), In diese letzten Zeilen scheint nun auch Kol. 1, 5 
zu weisen, wo die I^eser statt auf die baldigst zu erwartende Wieder- 
kunft, auf die iXnlg änoxeif^hrj iv odgavoig verwiesen werden.^ 

Aber auch in einer anderen Beziehung bietet die Eschatologie 
Veranlassung zu derartigen Beobachtungen. Nicht blos trägt sie in 
den Thessalofnicherbriefen überhaupt noch eine ungleich materiali- 
stischere Farbe als in den Korintherbriefen, sondern das z. B. in dem 
ytctrexov 2 Thess. 2, 6 nur angedeutete Moment der Entwickelung 
muss, wenn die Parusie nach 1 Kor. 15, 23 fg. 35 fg. 42 fg. 50 fg. einen 
total neuen Weltzustand einleitet, auch namentlich gedacht werden 
als die vorherige Ausbreitung des Evangeliums über den Erdkreis 
in sich schliessend, und noch etwas später hat Paulus Böm. 11, 25 
ausdrücklich den Eintritt des rtlrgiafia %fav id'väv und die dadurch 



1) Aehnliche Bemerkungen, wie sie in »Bunsen's Bibelwerk «c Vni, S. 418 fg. 
und in meinem Werke » Judenthum und Christenthum« S. 565 fg. gemocht sind, 
vgl. auch bei Krenkel: Paulus, S. 231. 



204 Viertes Kapitel. 

bewirkte Bekehrung Israels namhaft gemacht^). An sich also durfte 
es keineswegs aufTällig erscheinen ^ wenn in dieser Richtung auch 
die Gefangenschaftsbriefe noch einen Schritt weiter gehen würden. 
So würde namentlich die Bemerkung May er hoff 's zu yerwerthen 
sein^ dass die Ttaqovala tov Xqiotov im Kolosserbriefe gar nicht 
mehr vorkomme ^j , und nicht minder auch die Beobachtung 
R. Schmidt's^ dass im Gegensatze zu 1 Kor. 15, 24 fg. der 
Epheserbrief eine ewige Herrschaft des Sohnes Gottes lehre ^). 

Aber die letztere Seite an der Sache, deren Richtigkeit sich 
später (TV, 3, 1) allerdings herausstellen wird, führt uns sofort weiter 
auf den Hauptpunkt, auf welchem beide Briefe über alle früheren 
Documente paulinischer Lehrweise hinausgehen, auf die Christologie. 
An sich kann es nun gewiss nicht auffallen, wenn in einem späte- 
ren Briefe Seiten der paulinischen Lehre von Christi Person und 
Werk zu Tage treten, welche in den früheren Briefen noch mehr 
im dunkeln Hintergrunde verharrten. Denn auch in diesen früheren 
Briefen selbst steht es nicht anders ^j . In den Briefen an die Thes- 
salonicher ist es die künftige Wiederoffenbarung, also dasjenige 
Moment, wovon nachweisbar der ganze Process des christologischen 
Gedankens überhaupt ausging, was zur Darstellung gelangt. Das 
specifisch Paulinische dagegen macht sich geltend im Galaterbriefe, 
welcher Christus als den zur Erlösung vom Fluch und Zwang des 
Gesetzes in die Welt Gekommenen und Gestorbenen feiert. Im 
ersten Korintherbriefe wird dann sofort das Hauptschlagwort aus- 
gesprochen, von welchem aus die ganze Christologie des Apostels 
ihre gebührende Beleuchtimg empfangt: der Gedanke des zweiten 
Adams. Der zweite Korintherbrief lehrt in diesem av&qtanog CTtov- 
Qaviog zugleich die göttliche Kehrseite, die alxwv tov d-eov , wür- 
digen. Der Römerbrief erklärt den in seinem Gehorsam und süh- 
nenden Tode gegebenen weltgeschichtlichen Wendepunkt des Ver- 
hältnisses Gottes und der Menschheit. Jedenfalls wird die, in den 
Thessalonicherbriefen noch ganz zurücktretende Lehre vom Werke 
Christi im Römerbriefe in einer vollendeteren Gestalt vorgetragen, 
als in irgend einem früheren Briefe des Apostels. 

Durch solche Erfahrungen belehrt, werden wir allerdings an 
der Thatsache, dass im Kolosserbriefe auch die Person Christi eine 
Auffassung erfahrt, welche noch über das Maass dessen hinausliegt, 
was die Korinther- und Römerbriefe mehr nur gelegentlich bieten, 
keineswegs schon an sich einen derartigen Anstoss nehmen dürfen, 



1) Vgl. H. Schmidt: Jahrb. f. d. Theol. 1870, S. 496. 

2) S. 63. 3) 8. 198. 4) Vgl. Hofmann: IV, 2, S. 187 fg. 



1. Allgemeines. 205 

dass wir darauf hin sofort die Echtheit desselben in Abrede stellen. 
Denn nachdem der gewöhnliche Judaismus überwunden war, wendet 
sich nun der Kolosserbrief gegen eine neue Weisheitslehre, welche 
den Heidenchristen die Heilsnothwendigkeit einer selbsterdachten 
äusserlichen Heiligkeit einreden will. »Wollte der Apostel die ko- 
lossischen Christen gegen dieses Vorgeben durch den Beweis ver- 
wahren, dass mit der Zugehörigkeit zu Christo der ganze und keiner 
Ergänzimg bedürftige Heilsbesitz gegeben sei, so musste er die volle 
Erkenntniss bei ihnen voraussetzen können, dass Christi Verhältniss 
zur Welt ein solches sei, das jede Möglichkeit eines durch die Zu- 
gehörigkeit zu ihm nicht be£riedigteu Bedürfnisses ausschliesse«^). 
So sieht sich selbst 'Hof mann, trotzdem dass er den Gedanken 
einer fortgesetzten Weiter- und Umbildung des paulinischen Lehr- 
begriffes verwirft, doch sachlich zu demselben Schlüsse gedrängt — 
nämlich dass Paulus »dazu kam, Gedanken der Heilswahrheit aus- 
zuführen, denen er selbst vor diesem Anlasse nicht bis -in solche 
Höhen und Tiefen nachgegangen war. Insofern mag man sagen, 
dass seine Lehrweise hier mehr als vordem speculative Art habe«^). 
Die ganze Erscheinung würde sich sonach einfach daraus erklären, 
dass der Apostel an keiner andern Stelle so gleichsam ex professo 
und in aller Ausführlichkeit Christologie treibt. 

2) Was nun einer solchen Auffassungsweise des Verhältnisses 
weiterhin zu statten kommt, ist die feststehende Thatsache, dass 
sämmtliche Grundbegriffe, mit welchen der Verfasser unserer Briefe 
operirt, durchaus die paulinischen sind. Schon der Umstand, dass 
thatsächlich der paulinische Lehrbegriff mehr als einmal mit wesent- 
licher Richtigkeit construirt werden konnte, ohne dass bezüglich der 
Quellen desselben zwischen unseren und den älteren Briefen irgend 
welcher Unterschied gemacht worden wäre, ist Beweis genug fiir 
die allgemeine Identität der beiderorts vorliegenden Begriffswelt. 
In dieser Beziehung erkennen wir also, soweit nicht specielle Be- 
richtigung nachfolgt, einfach an und setzen als zugestanden voraus, 
was mit eingehender Sorgfalt zuletzt noch Weiss über die anthro- 
pologischen und religionsgeschichtlichen Anschauungen unserer Briefe 
und über ihre Heilslehre im Allgemeinen zusammengestellt hat^j. 

3) Endlich ist noch von Wichtigkeit die Frage, ob etwa zwischen 
unseren Briefen selbst ein Lehrgegensatz statt habe. Ein relativer 
Gegensatz ist nie in Abrede gestellt worden ; vielmehr unterscheidet 
man herkömmlicher Weise beidis Stücke eben dahin, dass im Epheser- 
briefe die Philosophie des Evangeliums unabhängig von örtlichen 



1) Hof mann, S. 188. 2) S. 190. 3) S. 433 fg. 442 fg. 



206 Viertes Kapitel. 

.Bedürfnissen^ in grossartigem Universalismus vorgetragen werde ^]> 
während im Kolosserbriefe die Rücksicht auf eine bestimmte Ge- 
meinde hinzutrete^) ^ daher diesem Schreiben das Specielle imd 
Individuelle^ vornehmlich die Rücksicht auf die Irrlehre (2^8. 16 — 23) 
und auch die Fersonalia (1^7. 8. 4, 10 — 17) vorbehalten seien, 
während der Epheserbrief die Bestimmung habe^ den. allgemeinen 
Inhalt des Kolosserbriefes weiter auszufuhren 3) . Es tritt daher im 
^pheserbriefe besonders die Lehre von der Einheit und Herrlichkeit 
der Kirche^ auch die von der Yorherbestimmung hervor. Während 
dagegen im Kolosserbriefe jene • ganz fehlt , klingt auch diese 
höchstens nur an^ wie auch umgekehrt das christologische Thema 
des Kolosserbriefes im Epheserbriefe nur an Stellen wie 1, 10. 21 — 23 
angedeutet erscheint. 

Sollten übrigens^ wie sich allerdings herausstellen wird^ beide 
Briefe in ihrer jetzigen Gestalt dem Zeitalter der werdenden Kirchen- 
einheit angehören^ so wäre der Unterschied dahin zu formuliren^ 
dass der Kolosserbrief jene Katholicität durch Ausscheidung der 
gnostischen Parteien, der Epheserbrief durch Vereinigung der Juden- 
christen und Heidenchristen in einer neuen Einheit fördert. Baur 
fuhrt desshalb in allen seinen Schriften Stellen aus beiden Briefen 
promiscue an als wesentlich ein imd dasselbe Bewusstsein aus- 
drückend*). Unter den Kritikern, welche beide Briefe dem Paulus 



absprechen, hat erst Hoekstra in seiner »Yergleichung der Briefe 
an die Epheser und Kolosser mit Bezug auf ihren Lehrbegriff (( feinere 
Unterschiede nachzuweisen und einen theilweisen Gegensatz der 
Theologie und Christologie durchzufuhren unternommen^). Es wird 
Sache der nachfolgenden Erörterungen sein, im Zusammenhang mit 
den übrigen Punkten auch diese Frage zur Entscheidung zu bringen. 



2. Oleichmässig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 
1. Judenthnm, Heidenthnm und duristenthnm. 

1) Dass der ursprüngliche Kolosserbrief das Verhältnies von 
Gesetz und Evangelium in ganz paulinischer Weise darlegt, kann 
nach den zu 2, 11. 13. 14. 16. 20 gegebenen Nachweisungen 
(S. 178 %• 185) nicht mehr bestritten werden. In missaohtender 

1) Braune, S. 4. 174. 2) Reuss, S. 104. 107 fg. 3) Baur, H, S. 47. 

4) Paulas, II, S. 3 fg. Das Christenthum der 3 ersten Jahrhunderte, S: 105 4- 
Neutestamentliche Theologie, S. 256 fg. 

5) A. a. O. S. 599 fg. 



2. Gleiohmfissig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 207 

Weise ist in diesen Stellen vom Gesetze als einer lediglich mensch- 
lichefn Institution nirgends die Rede^j. Bietet 2^ 21 allerdings eine 
pol^misöhe Beziehung auf Lev. 5, 2^ so kann man schon um dieser 
jStelle willen dem Kolosserbriefe wenigstens nicht alle alttestament- 
lichen Anklänge absprechen (vgl. übrigens auch V, 1) 2). Dem Begriffe 
der öTOf>xsia tov xocfiov wird das Gesetz, wie 2, 8. 20, so auch Gal. 
4, 3. 9 untergeordnet, und dass hier neben den mosaischen Geboten 
auch die selbstersonnenen , in Umfang und Motivirung über das 
"mosaische Gesetz hinausreichenden Auflagen der Irrlehrer in den- 
selben 'Begriff mit anfgenommen erscheinen, widerspricht dem pau- 
Hnischen Lehrbegriffe anerkannter Maassen nicht. Eben darum ist 
auch 2, 20 der allgemeine Ausdruck doyfiarl^ea&ai gewählt, welcher 
mosaische und aussermosaische Satzung in gleicher Weise umfasst. 
Auffallen würde dagegen, wenn, auf 2, 20 vorbereitend, wirklich 
schon 2, 14 von dSyi^ccra die Rede wäre, sei es insofern vermöge 
dietseiben das xeiqoyqaipöv fiir uns zur feindlichen Macht wird (S. 72), 
i^lei es insofern die Handschrift selbst durch diesen Zusatz nach- 
ttSglich als das Gesetz sollte sigüälisirt ^wterden, während der Aus- 
druck %£t^o;/^a9)Ov an und fär sich das Gesetz jedenfalls gar nicht 
ditect bezeichnet, also auch nicht zur Herabsetzung desselben dienen 
kann (S. 64). Da nämlich der Begriff der doyfiara auch hier im 
'BinbUcke auf die Erweiterung, welche' das mosaische Satzungs- 
Wei^en in den ascetischen Forderungen der Irrlehre erfahren hatte, 
zu vierstehen wäre 3), so würde im ersten Falle die Inconvenienz sich 
^etgfeftön, dass nicht blos dem göttlichen Gesetze, sondern auch mensch- 
Kcher Satzung die Kraft zugesprochen würde, zuwiderlaufende Hand- 
lungen als Sünde und Schuld zu constatiren; im zweiten dagegen 
^rde das x^^^Q^YQ^V^^ zum Gesetze gestempelt werden sollen durch 
eMto Begriff, welcher in diesem Zusammenhang mit aller Be- 
stimlfntheit über das Gesetz 'hinauslangt, umfassender ist als dieses. 
Wie sich oben gezeigt hat (S. 74), liegt der letztere Fall hier 
wirklich vor. Eben darum hat aber auch nicht der seine Begriffe 
genau umgrenzende Paulus volg döyfJLaatv geschrieben, sondern der 
Verfasser vonEph. 2, 15 diesen Zusatz hier eingeflickt (S. 156). XJeber- 
haüpt föiigt die eigene Gedankenwelt des Autor ad Ephesios da an, 
wo nicht blos Kol. 2, 14 in einer Weise reprodücirt wird, in welcher 
' diese' Stelle eine entschiedene Beziehung auf das durch den Sühnetod 
beseitigte Gesetz gewinnt (S. 63. 185), sondern auch dieses so auf- 
gehobene Gesetz vorzugsweise in seiner Eigenschaft als Zaun Israels 



1) Gegen Hoekstra, S. 642 fg. 2) Gegen Hoekstra, S. 640. 

3) Vgl. Weiss (Herzog's Bealencyklopädie, XrX, S. 722), Hofmann (S. 181), 



208 Viertes Kapitel. 

und Scheidewand gegenüber der Heidenwelt in Betracht gezpgen 
mrd, wie Eph. 2, 14 — 16 geschieht. Der weittragendste und ori- 
ginellste aller Gedanken ^ über welche unser Verfasser verfügt, liegt 
eben in dieser Ausfährung vor^ wonach Christus die den Heiden 
verhasste^ peinliche Lebensordnung des jüdischen Volkes durch 
seinen Versöhnungstod abrogirt und auf diese Weise mit der Ur- 
sache der Feindschaft auch diese selbst vernichtet i) oder, wie der 
Verfasser das bildlich darstellt^ das ^eaoroixov zov {pqayixov abge- 
brochen hat. Die Vorstellung selbst ist auf die paulinische Gesetzes- 
und Versöhnungslehre, die sie zur Unterlage hat, aufgepfropft, und 
es gewinnt auf diese Weise namentlich die Gal. 3, 13 ausgesprochene 
Beziehung des Sühnetodes auf die Abrogation des Gesetzes die neue 
Bedeutung, dass dadurch zwischen den beiden bisher getrennten 
Theilen der Menschheit Friede gestiftet wurde. Beide sind jetzt in 
Einem Leibe vereinigt und haben in Einem Geiste Zutritt zu dem 
Vater (Kol. 1, 21. 22. Eph. 2, 16. 18). Insofern verhalten sich also 
beide vorchristlichen Religionsformen durchaus gleich zum Christen- 
thum, welches 6 koyog Ttjg dltjd'siag (Eph. 1, 13] sowohl dem Juden- 
thum als dem Heidenthum gegenüber ist. 

2) Aber gerade auf diesem Punkte haben Mayerhoff 2) und 
Hoekstra^) es versucht, den Gedankengehalt beider Briefe aus 
einander zu halten, und zwar so, dass nur der Kolosserbrief das 
universalistische Princip rein durchführe, während der Epheserbrief 
der Prärogative Israels Rechnung trage imd im Zusammenhange 
damit Ausdrücke mit sich führe wie Tteginolrjaig (1, 14), vio^eaUx 
(l, 5), TiXtiQüifia Twv naiqvjv (1, 10), inayyeXla (1, 13. 2, 12. 3, 6), 
TLltjQQvof^ia und ycXrjQOvad-ai (1, 11. 14. 18. 5, 5; vgl. hierzu jedoch 
Kol. 1, 12. 3, 24)4); daher auch Paulus Eph. 3, 1. 2. 7. 8. 13. 
4, 19. 20 blos als Heidenapostel, Kol. 1, 23. 28 dagegen als univer- 
saler Apostel auftrete^). Sogar die Annahme eines organischen Zu- 
sammenhanges des Christenthums mit der alttestamentlichen Religion 
ist dem Kolosserbriefe abgesprochen worden ö). 

Es muss nun allerdings anerkannt werden, dass nur der Epheser- 
brief innerhalb der gemeinsamen Stellung, welche dem Judenthum 
wie dem Heidenthum gegenüber der neuen Religion zukommt, wie- 
der einen bestimmten Unterschied setzt zwischen 7teqi%oinq und 
aTtQoßvoria (2, 11). Während die Heiden vorher unter der Bot- 
mässigkeit dämonischer Mächte standen (2 , 1 . 2 ) , in Finstemiss 



1) Weiss, S. 470. 2) S. 59 fg. 3) S. 643 fg. 
4) Hoekstra, S. 639 fg. 5) Hoekstra, S. 646. 

6) Hoekstra, S. 638 fg. 



2. Qleichmfissig in beiden Briefen vertretener Lebrgehalt. 209 

wandelten (4, 17 — 19) und selbst Finstemiss waren (5, 8), gab es 
andererseits eine Ttohteia %ov ^laga'^l, und war dieses Israel allein 
BundesYolk gegenüber Gott und Träger aller Hofihung gegenüber 
der Menschheit (2, 12). Somit befinden sich auf dem Standpunkte 
des Autor ad Ephesios die Juden schon zuvor im Besitze des Heiles^ 
und besteht der wesentliche Erfolg des Christenthumes eben darin^ 
dass die noXirela %ov ^laqarjX sich zur Weltgemeinschaft erweitert^ 
indem nunmehr die Heiden »nahe gebracht« und mit aufgenommen 
werden in die Theilnahme an den göttlichen dta^xat und inay- 
yeXlai (2, 13. 17. 19. 3, 6) i) , so dass es auf diesem^ zuvor Israel 
allein eignenden Boden^ jetzt zu einem Zusammenschlüsse von Juden 
und Heiden kommt 2). Und zwar bildet nach Eph. 2, 12 — 20 dieses 
Hereintreten der Heiden, in Folge dessen sie jetzt GVfiTcoXltat tüv 
ayuov xat olxelov tov d-BOv sind, das bedeutsamste Moment des im 
Tode Christi sich vollziehenden Versöhnungsprocesses. Indessen 
ist wohl zu beachten, dass auch Kol. 2, 13 ganz ebenso von dem 
früheren Zustande der Heiden geredet wird, wie in den angezogenen 
Stellen des Epheserbriefes , und wie diese Stelle, abgesehen von 
dem, die Identität der Vorstellungswelt beider Briefe erst recht be- 
weisenden xai %fj anQoßvOTLif t^q aaqxog vfiiavj echt paulinisch ist, 
so geht ja überhaupt auch jener im Epheserbrief gewahrte Vorzug 
Israels nicht hinaus über das bekannte paulinische Maass (Rom. 
1, 16. 2, 10. 3, 1. 2. 9, 4. 5. 11, 28. 29. 15, 8. 9). Insonderheit 
sind die Ausdrücke diadijycai und iTcayyeXia (Eph. 2, 12) aus Rom. 
9, 4, wie andererseits die religiöse Charakterisirung des Heiden- 
thums Eph. 2^ 2. 12. 4,18 aus Rom. 1 , 20 fg. gewonnen ist. In 
dieser ganzen Anschauung schliesst sich somit unser Autor blos an 
den Paulinismus an, innerhalb dessen jene Verse ein wesentliches 
Moment bilden. 

Dagegen überschreitet schon der Epheserbrief die paulinische 
Linie zu Gunsten der Heiden damit, dass er Gal. 2, 15 fifjia'lg qrvaet 
^lavdctioi xat ovx i§ idi^wv a^aQTwXoi überbietend schreibt ijfxed-a 
vhcva qrvaei ogy^g wg ycai ol Xoinoi (2, 3). Ohne Frage ist dieses 
im Namen der geborenen Juden abgelegte Bekenntniss dahin zu 
verstehen, dass auch die Juden, welche ja nicht beschnitten zur 
Welt kommen, abgesehen von dem auf Gottes Gnade gegiündeten 
Bundesverhältniss, mit den Heiden auf gleicher Linie stehen 3) . Nur 
das Gesetz begründete einen vorübergehenden Unterschied. Sobald 



1) B. Bauer, S. 106. 

2) Baur (Paulus, II, S. 45), Schwegler (S. ä85 fg ). 

3) Bit sc hl: Altkatholische Kirche, S. 66. 

Holtzmann, Kritik der Epheser- a. Kolosserbrief e. 1 4 



210 Viertes KapiteL 

aber seine Scheidewand weggefallen ist^ werden Feme nnd Nahe in 
gleicher Weise herbeigeführt (Eph. 2, 13. 17)^ und sind die ävo elg Sra 
Tcaivöv av&Qwnov (Eph. 2, 15) vereinigt, welcher seiner eigenen^ über 
die jüdische und über die heididsche hinaus liegenden Lebensordnung 
folgt ^). Dieser neue Mensch, der sich im Christenthum nach Auf- 
hebung der alten Gegensätze der Menschheit darstellt, wird nun 
aber gleicher Weise auch Kol. 3, 11 beschrieben, und zwar im engen 
Anschlüsse an paulinische Parallelen, namentlich an Gal. 3, 28. 
Wenn nun aber Vorstellungen wie Eph. 2, 12 einerseits und Kol. 
3, 1 1 andererseits sich im paulinischen Gedankenkreise nicht wider- 
sprechen, so brauchen sie auch in unseren Briefen nicht gegen- 
sätzlich gedacht zu sein. 

Eine solche Gegenüberstellung beider Briefe wird aber auch 
dadurch hinfällig, dass ja der ganzen Stelle Eph. 2, 11 fg. im Ko- 
losserbriefe (2, 17) die^ Anschauung von der alttestamendichen Re- 
ligion als einer oxicr, deren awf^a Christo angehört, entspricht. 
Damit ist ein- für allemal die specifische Beziehung von alter und 
neuer Oekonomie Gottes gewahrt 2) , allerdings mehr in der Weise 
des Hebräerbriefes als des Paulus ^) . Die paulinische Polemik gegen 
die Gesetzesgerechtigkeit als gegen eine unberechtigte Forderung 
der jüdischen Lebensordnung, tritt hier hinter der typischen Auf- 
fassung des Gesetzes zurück^). Als das dem Christenthiun voran- 
gehende Schattenbild enthält sonach das Judenthum Analogien zum 
Christenthum, Züge^ die im Christenthum erst in ihrer vollen Wahrheit 
erscheinen. Darunter gehört z. B. nach Kol. 2, U — 13 die Beschnei- 
(lung. In ihrer Erweiterung durch den Verfasser des Epheserbriefes 
zeigt diese Stelle, dass ihm die Taufe — mit der realen Wirkung einer 
momentanen (vgl. S. 155) Reinigung von der Schuldbefleckung (Eph. 
5, 26) — vorzüglich die »christliche Beschneidung« (Kol. 2, 11 ^ 71&' 
QiTO^if] Tov XqiGTOv) ist ^) . Und zwar hängt es eben mit jener prin- 
cipiellen }^etonung des blos typischen Charakters des Gesetzes zu- 
sammen, wenn die Beschneidung, deren wirkliche Bedeutung Rom. 
2, 25. 3, 1. 2. 4, 11. 12 noch stark hervorgehoben wird, auch 
Eph. 2,* 11 als eine leyo^evri , d. h. als eine nicht wirkliche, be- 



ll Weiss, S. 471. 

2) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 275. 

3) Mayerhoff, S. 60. 4) Weiss, 8. 433. 471. 

5) Baur (Paulus, II, S. 46) erinnert hier an die Parallelen der Clementinen. 
Aber der Tendenz unserer Briefe viel verwandter sind die Acta Petri et Pauli, 
wo Paulus sagt (Kp. 63) : n()o tov rifiag iTiiyvtSyat trjv dlfjd^eiav, aa^xog iaj^fiif 
7i€(jiTofii]V ore .dk iipttvfj tj «Xi^^-tiu, iv rj rrjg xu^lag niQitofA^ xai ne^teftvo- 

fie&a Xul 7riQlT4/LlVOf4€V, 



2. Gleichmässig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 21 1 

zeichnet wird. »Die Beschneidung an sich hat ihre Bedeutung ver- 
loren^ nachdem sie im typischen Sinne erfüllt ist«^). Wenn gleich- 
wohl Kol. 3,11 diese neqiTOfiij vor der äy^oßvoTla genannt wird, so 
erhellt daraus, dass man auch aus der unmittelbar vorhergehenden 
unpaulinischen Stellung "Ellrjv xal ^lovdaiog nicht zu viel Capital 
schlagen darf, als enthalte sie eine consequente Zuspitzung des 
Gegensatzes gegen das jüdische Volk 2). 

Schliesslich liegt die erhabene Stellung, welche das Christen- 
thum trotz des relativen Unterschiedes zwischen Juden thum und 
Heiden thum doch gleichmässig über beiden Religionen einnimmt, 
am sichersten in der sofort (S. 214 fg.) darzulegenden Auffassung des- 
selben als eines der ganzen Welt verborgen gewesenen Geheimnisses, 
das zur bestimmten Stunde allen Menschen geoffenbart wurde, be- 
gründet. Da nun aber diese Idee beiden Briefen gemeinsam ist, 
so ist auch bezüglich der Vorfrage jede Differenz beider Schrift- 
stücke ausgeschlossen. Wenn durch die Offenbarung des Neuen im 
Christen thum nach Eph. 3, 10 selbst die Engel überrascht wurden, 
so werden auch die Juden zuvor nicht besser unterrichtet gewesen 
sein, und wenn der innerste Kern des » Geheimnisses (c im christ- 
Uchen üniversalismus , in dem Charakter des Heiles als eines Ge- 
meingutes aller Heiligen (Eph. 3, 18) besteht, so ist ja das gerade 
der Punkt, für welchen die Juden thatsächlich am wenigsten Ver- 
ständniss zeigten. In der That ist unser Verfasser auch der Meinung, 
dass nicht einmal die Propheten des A. T. den eigentlichen Inhalt des 
göttlichen Heilsrathschlusses gekannt haben, was zwar mit Gal. 3, 8 
streitet, aber Eph. 3, 5 ausgedrückt ist'^). Wenn also gleichwohl 
zwar nicht im Kolosserbriefe , wohl aber im Epheserbriefe eine Be- 
weisführung aus alttestamentlichen Weissagungen sich findet, so ist 
daraus kein Gegensatz beider Briefe zu construiren *) . Bieten doch 
auch die Briefe an die Thessalon icher. Philipper und au Philemon 
keine alttestamentlichen Citate. Vielmehr ist aus Kol. 1 , 26 zu 
schliessen, dass dem Autor ad Ephesios in Uebereinstimmung mit 
dem Lehrbegriffe der Petrusbriefe das ganze A. T. ein Orakel ist, da- 
von kei^ einziges Wort Idiaq inilvoewg yivexai, (2 Petr. 1, 20) oder 
■d'eXiiiJLttTV äv&qwnov rjvax&ri 7to%E (2 Petr. 1, 21). Mindestens wäre 
zu sagen, dass die Empfänger dieser Gottessprüche ov% kavrolg fj^lv 
de dcrpcovovv ccvtcc, elg S im&vfjLOVGLv ayyelov TtaQomvxpai, (1 Petr. 
\y 12). Genau so ist es nämlich zu verstehen, wenn nach Eph. 3, 5 



1) Weiss, S. 472. 

2) Gegen Mayerhoff (S. 15) und Hoekstra (S. 643). 

3) Hoekstra, S. 638. 4) Gegen Hoekstra, S. 639 fg. 

14* 



212 Viertes Kapitel. 

das Geheimniss des göttlichen Heilsrathscblusses den Menschen- 
kindern vorhergehender Generationen nicht so kundgethan worden 
ist^ wie es sich jetzt geoffenbart hat. Die Apostel erst wissen^ was 
die Propheten geredet haben. 

2. Glaube nnd Werke. 

In diesem Betreff schliessen sich unsere Briefe so eng an Pau- 
lus an 9 als es dem Verständnisse des nachpaulinischen Zeitalters 
überhaupt möglich war. Aber wiewohl sie hierin nicht blos über 
die sonstige Literatur des zweiten Jahrhunderts^ sondern namentlich 
auch noch über die Petrus- und Pastoralbriefe hinausgehen^ er- 
reichen sie doch die strenge Geschlossenheit des paulinischen Sy- 
stems nicht mehr ganz. Man sieht^ dass das Interesse, den Glauben 
als ausschliessliches Princip der Rechtfertigung festzuhalten^ erlahmt 
ist. Es ist überwiegend von aq>eoig züv afiaqriwv oder naqamw- 
fiaTWv (die Bezeichnung der Sünden als Ttagaßaaeig und ihres Prin- 
cips als avofilot fehlt) ^ femer von dTtokvTQWotg und aTtoytaTallayi^, 
nicht aber von dtxalwaig die Rede. Zwar heisst es Eph. 2, 8 aus- 
drücklich Ttj yotQ %6lqi/cI iatB aeawainivoi dtä Tciateiog, xat tovto ovx 
i^ vfiwvy d'eov To dwQOv, und 2,9 ovx i^ eQydDv, tva ftrj Tig xav- 
X^^orjraty womit wenigstens alles vorangehende Verdienst der Werke 
ausgeschlossen erscheint; aber sofort wird die bekannte katholische 
Synthese von Glauben und Werken hergestellt, indem neben jenem 
auch diese als »für uns in Bereitschaft gestellt«, mithin in die 
Vorherbestimmung und den göttlichen Schöpfungszweck aufgenom- 
men gedacht werden : aviov yaQ iofuev Ttoltifia, xxtad'evTeg iv XQuntp 
^Itjaov inl eqyotg äyad'olg olg TtQorjfiolfiaosv 6 d'eög %va h av%oig 
TtegcnoTi^OfOfiev (2, 10). Sicherlich sind daher die »guten Werke« 
nach dieser Stelle, in welcher auch Ewald »Paulus lebendigsten 
Mund« jedenfalls »weniger« findet i), ein nothwendiges Moment 2). 
Desshalb wird 3, 17 der Glaube nur genannt, um sofort 3, 18 auch 
der Liebe Erwähnung zu verschaffen, und 6, 23 werden el^rrj xat 
äyant] angewünscht nur fierä nloTSwg^), welche Formel genau zwi- 
schen Gal. 5, 6 niatiQ di aydnrjg und 1 Tim. 1, 14 fietä nunewg 
xat dyanrjg in der Mitte steht. 

Gleicherweise soll nach Baur auch der Kolosserbrief »am lieb- 
sten Glauben und Werke zusammen begreifen in der sittlichen Praxis 



1) Sieben Sendschreiben, S. 180. 

2) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 269 fg. 

3) Schwegler, S. 387. 



2. Gleichmäsflig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 213 

des christlichen Lebens «i). Die hierfür aufzubietenden Stellen 
(1^ 10. 22. 28. 3, 9. 4, 12) sind in der That alle Eigenthum des 
Interpolators , und für einen Gedanken, wie er Kol. l, 22. 28 vor- 
liegt^ fuhrt auch Ritschi ausser Eph. 2, 10. Tit. 2, 14. 3, 8 keine 
weiteren paulinischen Parallelen an 2). 

Beiden Briefen gemeinsam dagegen ist die echt paulinische An- 
schauung von der Gnade. Den oben besprochenen Aussagen des 
Epheserbriefes entspricht im Kolosserbriefe ausser den paulinischen 
Stellen 1, 2. 4, 18 auch noch l, 6. Und zwar erscheint diese xciQiQ 
als ein neuschaffendes Princip. Wie 2 Kor. 5, 17 so muss etwas 
im Vergleich mit dem vorigen Zustande ganz Neues auch Eph. 
4, 22 — 24 = Kol. 3, 9. 10 aus dem Menschen werden. Ein nolrj^a 
Gottes sind die Christen Eph. 2, 10, von welchem die die Völkerdiffe- 
renzen der natürlichen Menschheit kennzeichnenden Merkmale ab- 
gestreift sind Kol. 3, 11 = Eph. 2, 15; in immer neuen Wendungen 
wird Kol. 1, 13. 13. Eph. 2, 1 — 6 dieser neue Zustand beschrieben. 
Der alte Mensch gehört mit seinen Gliedern der Erde an (Kol. 3, 5), 
der neue ist bereits mit Christus in den Himmel erhoben (Eph. 2, 6) 
und trachtet folglich nur nach dem, was droben ist (Kol. 3, 1. 2). 
Was vom Haupte des Leibes gesagt wird, gilt solcher Gestalt auch 
von Allen, die als Glieder seines Leibes mit Christus identisch sind 3). 
Diese mystische Auffassung des Verhältnisses ist sicherlich in den 
paulinischen Schriften begründet. Aber es bleibt immer der cha- 
rakteristische Unterschied bestehen, dass die Homologumenen den 
Glauben ausschliesslich als das die Einheit mit Christus vermittelnde 
Princip, unsere Briefe dagegen in erster Linie die aus dem Glauben 
hervorgehende sittliche Vollendung der Menschen in's Auge fassen *) . 
Die Verbindung, in welche der neue Zustand mit dem Sühnetod 
versetzt wird, ist daher eine allgemeinere, unbestimmtere, als z. B. 
im Römerbriefe. Die aq>€aig nüv aftaQttwv, welche die Genossen 
der ßaatXela rov vlov nach Kol. 1, 13. 14 durch Christus bleibend 
besitzen , erscheint hier als ein Merkmal davon , dass Gott sie aus 
der Gewalt der Finstemiss gerettet habe, wie umgekehrt fortwäh- 
rendes Sündigen ein Merkmal der Unterwerfung unter diese Gewalt 
sein würde ^). Insofern dient die aq>€aLg %üv afiaQTiwv zur Erklä- 
rung des Begriffes (XTColvTQtoaig. Ebenso verhalten sich beide Be- 
griffe auch in der Parallele Eph. 1 , 7 , wo die anoXvxqwoig in di- 
recte Beziehung zum Begriffe des x^^t^ (1, 6) gebracht und zum 

1) Paulus, n, S. 44. 

2) Altkatholische Kirche, S. 98. 

3) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 263. 

4) Baur, S. 272. 5) Ritschi, S. 513. 



214 Viertes Kapitel. 

Zeichen^ dass die paulinische Vei-söhnungslehre nicht gerade ver- 
gessen ist, dca tov atfiaTog avTOv beigefügt wird, während die 
dnolv%Q(oaig Eph. 1, 14. 4, 30 wie Lue. 21, 28 der aantjQia über- 
haupt entspricht — eine Verallgemeinerung des Sinnes, welche an 
Rom. 8, 23, wo aber der Genetiv der näheren Beziehung (tov ati- 
fia%og) die Modification bemerklich macht, mehr noch an 1 Kor. 
1, 30 eine Parallele hat, wo aTtolvtQtoaig ohne nähere Bestimmung 
die Gesammterrungenschaft dessen, welcher öinaLoavvt] und &ycaafi6g 
erlangt hat, andeutet. 

3. Das Christenthnm als Theosophie. 

1) Wie aber laut vorigem Abschnitte als Sache der Praxis einer- 
seits, so erscheint das Christenthum in unseren Briefen andererseits 
als Sache des Wissens. Auch Hof mann gewinnt aus Eph. 1, 17. 
Kol. 2, 1 — 3 den Eindruck, dass der Hauptzweck derselben in der 
Vermittelung voller, vertiefter und gewisser Erkenntniss an die Ge- 
meinden zu suchen sei^). Es verlohnt sich nun vor Allem der 
Mühe, die Anknüpfungspunkte, welche der Briefsteller hierfür bei 
Paulus findet, und die Art ihrer i^enutzung in's Auge zu fassen. 

Der zu Grunde liegende Paulusbrief gebraucht das Wort aog)ia 
im Sinne praktischer Lebensweisheit (Kol. 4, 5). Wenn unmittel- 
bar vorher (4, 3) von einem ftvoTrjQLOv tov XQta%ov die Rede ist, 
dessen Verkündigung dem Apostel obliegt, so geschieht dies ganz 
in Uebereinstimmung damit, dass auch 1 Kor. 4, 1 die Apostel ohLO- 
yd/iioi fivOTTjQiwv d^eov sind, also noch nicht einmal in dem speci- 
fischen Sinne, in welchem dieselben Personen unter Umständen auch 
d-sov aog>iav iv fivaTtjQiip Trjv aTtoy^exQVfiiaev'ijv /Jv ngotigiaev 6 d'Bog 
Ttqb TcSv alcivcjv (l Kor. 2, 7), verkündigen, oder eindringende Be- 
lehrungen des Apostels zweimal (Böm. 11, 25. 1 Kor. 15, 51) in 
Mittheilung eines fivatiJQiOv gipfeln. Wohl aber schliesst sich unser 
Verfasser an die letzterwähnten Stellen, besonders an 1 Kor. 2, 7 
(vgl. S. 139), in seiner, von ihm recht mit Liebhaberei gepflegten 
Idee vom verborgen gewesenen, zur bestimmten Zeit offenbar ge- 
wordenen Geheimnisse an. Aber erst er macht aus der beiläufig 
unterlaufenden, adverbiellen Bestimmung ev (iva%riqi(fi den Haupt- 
begriff, auf welchen er sowohl das dnonQvmead'at als das aTtoxa- 
hintead'ai bezieht ^) , und spricht in demselben Zusammenhange 
regelmässig auch von q)av€QOvv, von alwveg, ysvsal n, s. f. ^). Auch 

1) IV, 2, 8. 189 fg. 

2) Lucht: Heber die beiden letzten Kapitel des Bömerbriefei , S. 104. 

3) Mayerhoff, S. 87 fg. 



2. Gieichmftssig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 215 

das ist charakteristisch; dass derselbe Verfasser aus dem fivartjQiov 
Tov Xqianov Kol. 4, 3 ein fivatriQiov tov evayyekiov Eph. 6, 19 
macht; denn evayyeXiov ist für ihn eben der Titel fiir jene ganze 
Welt von Geheimnissen , welche Christus der Menschheit gebracht 
hat (Eph. 2, 17 avfjyyekioaTo) . Noch deutlicher wird der Sinn, in 
welchem unser Verfasser das paulinische fivatrjqtov tov XQtaTOv auf- 
fasst, in der Stelle Kol. 2, 2, wo — namentlich bei der richtigen 
Lesart ^) — Christus selbst als das ftvan^Qcov i;ov d'EOv erscheint, 
in welches die iTclyvwaig immer tiefer eindringen muss. Dass 
Christus es ist, von welchem Kol. 2, 3 gesagt wird, in ihm seien 
Tcansg ol -d'fjaavqot z^g aog)lag Ttai zrjg yvviaetog a7z6y.qv(pOL, und dass 
diese ganze Aussage nichts Anderes als eine Erklärung des Begriffes 
des christlichen Mysteriums beabsichtigt, erhellt namentlich aus Kol. 
1, 26. 27, womach dieses f^voTi^gtov , o ioziv XQLOTog ev vfuv 
(Christus in der Heidenwelt) ein a7toY,e'/,qvfA,(xivov änh %üv altiviov 
war, jetzt aber Bqtaveqw^rj TOig ayloig. Liegt sonach schon im 
Kolosserbriefe die ausgebildete Vorstellung des Verfassers vom My- 
steriencharakter des Christen thums vor 2), so ist vollends der Epheser- 
brief »ganz erfüllt von dem erhabenen Gedanken, dass was von 
Anbeginn der Welt an auch den heiligsten Männern Gottes, den 
Patriarchen und Propheten verborgen geblieben war, gerade jetzt 
den Aposteln und Propheten geoffenbart wurde «3). 

Das Christen thum erscheint sonach als ein von Anfang der 
Welt vorherbestimmtes, über alles Andere unendlich hinaus liegendes, 
von Ewigkeit her in Gott verborgenes Geheimniss, welches der 
Menschheit erst auf einem bestimmten Punkte ihrer Entwickelung 
geoffenbart wurde, als nämlich Christus und seine Apostel und Pro- 
pheten der Welt predigten. In diesem Sinn ist die Rede von einem 
fivan^Qiov TOV d-ahfjficLTog Gottes (1, 9) , welches er «ig oinovofiiav 
TOV TtlrjQWfiaTog Twv xaiQWv (1, 10) zurechtgestellt. Wie aber schon 
hier der Zweck dieser gesammten Veranstaltung in das avayteg>a-' 
Xatwoaa&at toi Ttavra ev T(p XqiOTi^ verlegt ist, so ergibt sich auch 
die Zusammenfassung der bisher getrennten Menschheit in dem für 
Alle gleichen Heil als Hauptinhalt jenes geoffenbarten Geheimnisses. 
Es ist daher der Heidenapostel Paulus, welchem xara ccTtoxalviptv 
eyv(OQla&r] to /^voti^qlov (3, 3) , der daher eine ganz specifische avv- 
eaig ev Tqi fivOTfjQiq) tov Xq^otov besitzt (3, 4). Aber nicht blos 
diesem Einen, sondern überhaupt Tolg ayloig anooToXoig avTOV nat 



1) Vgl. darüber Hof mann, S. 52 fg. 

2) Hoekstra, S. 635 fg. 

3) Schenkel: Die Briefe an die Ephater etc. S. 43. 



216 Viertes Kapitel. 

TiQoqn^taig ist iv TtvevfictTt jene Offenbarung zu Theil geworden 
(3y 5), dass nämlich die Heiden avyxlfjgovofia xal avaawfia yuxi cvfi" 
fihoxcc T^g inayyeXlag seien (3, 6). Somit ist die Berufung der 
Heiden der geschichtliche Wendepunkt, mit welchem die Offen- 
barung des Geheimnisses des göttlichen Weltplanes aufbitt: dies 
der Gedanke der olxovofiia tov fivartjQiov %ov aTroxenQVfifiivov äno 
%ßv aldvwv iv ttp d'eto (3, 9). Eine ganz besondere Seite dieses 
Mysteriums besteht dann aber in dem Verhältnisse, in welchem der 
erhöhte Christus zu dieser, aus Juden und Heiden gesammelten, 
hcxltjola steht, und davon ist 5, 32 gesagt to fivan^Qiov tovto iiiya 
iarlv. Es ist daher unzulässig und schon durch die Solidarität der 
betreffenden Ideenreihen in beiden Briefen, durch die genauen Paral- 
lelen, welche insonderheit Eph. 3, 3. 5. 9 in Kol. 1, 26. 27*), der 
Sache nach aber auch in Kol. 1, 21 findet, verboten, dem fivavf^qiov 
im Kolosserbriefe eine andere Bedeutung zu geben wie im Epheser- 
briefe und es im Gegensatze zu diesem Schriftstück auf die höhere 
Christologie zu beziehen 2). 

2) Der solcher Gestalt immer wiederkehrende Begriff des fiV" 
ccriQtov weist darauf hin, wie sehr hier das Christenthum Inhalt und 
Gegenstand des Wissens geworden ist ^j . Die avveaig und eTrlyvtoaig 
»geben den Schlüssel an die Handa^) , um das fivazi^Qiov aufzu- 
schliessen. Wie bei Paulus fivarrJQiov und yvaiacg (1 Kor. 13,2) 
verwandte Begriffe sind^), so hier fivaTrjgiov und iTclyvioaig, welch 
letztere im Unterschied zur blosen yvotaig die das Object erfassende, 
eindringende Erkenntniss bedeutet (Kol. l, 6. 9. 10. 2, 2. 3, 10), 
während Paulus beide Worte nur unterscheidet wie schwächeren 
und stärkeren Ausdruck für dieselbe Sache (1 Kor. 13, 12). Ueber- 
haupt aber wiegt bei ihm ebenso der Gebrauch von yviSatg vor, 
wie hier der von iTtlyvtooig, und auch die avveacg haben die echten 
Briefe nur zweimal, während sie im Kolosserbrief allein zwei-, im 
Epheserbrief noch einmal steht *^j. Wie nun aber von avvsaig, yvü- 
aigy iTtiyvioaig und aoq>ia immer wieder die Rede ist^) und sogar 
unter den Eigenschaften Gottes die intellectuellen oben an stehen 

1) Bleek (Die Briefe an die Kolosser S. 65) und Hofmann (IV, 2, S. 169) 
leugnen die Identität des Inhaltes, aber so, dass sie in der Bestimmung der an- 
geblichen Begrifisverschiedenheit des /jvari^giov in beiden Briefen sich direet 
widersprechen. 

2) Gegen Hoekstra, S. 635 fg. 

3) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 272. 

4) Schenkel, S. 188. 

5) Heinrici: Die Valentinische Gnosis und die h. Schrift, 1871, S. 164. 

6) Mayerhoff, S. 14. 

7) Baur: Paulus, II, S. 21. Neutestamentliche Theologie, S. 272. 



2. Gleichmässig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 217 

(z. 13. Eph. 3^ 10), SO läuft überhaupt Alles auf Intellectualismus^ 
auf Kenntniss^ Einsicht, Wissen und Begreifen hinaus^). Das dir- 
daaneiv Ttdvta avd-qwnov iv Ttaajj aog>uf ist es, was aus jedem Men- 
schen einen ävd'QWTtog reXeiog mBLcht (Kol. 1, 28. Vgl. 3, 16. Eph. 
1, 8); Ttegxatiofiiyovg tovg 6q>9'aX(AOvg Ttjg xagdiag Eph. 1, 18 muss 
er in allervorderster Linie besitzen. Selbst dass die yvwacg hinter 
der ayaTttj vov Xqiotov zurückbleibt, müss man wieder yvtSvai 
(Eph. 3,. 19) , und die kvofrjg trjg nloTetog ist zugleich eine ivoTtig 
T^g httyvwaefag nov v\ov %ov d'Bov (Eph. 4, 13)2). 

So steht denn auch eine ganze Menge von, in dieses Kapitel 
einschlagenden Ausdrücken unserem Briefsteller zu Gebote, wie 
äytoveiv y äli^'9'€ia, dXtjd'evsiv, dTCOndXvtpig ^ dTtoxalvitTeiv, aTtonQv- 
TtTSiv, aq>Qü}v y yivwaxeiVy yvaiatgy didaanaklay diddaxeiVy eidivaVy 
iTttyivoiaxeiv y inlyvwaig, fxavd^dveiVy fivarriQtoVy voelvy vovgy Jtkdvtjy 
OKOTl^saS-aLy anoxogy aoq)ia, aoq>6gy avveaig, avviivac, q>cLveqovö9^(xi^ 
^pcüfg, qxoTl^SLv. Kommen diese Wörter auch bei Paulijs vor, so ist es 
eben ihre Häufung, welche beim Autor ad Ephesios aufföUt. Dazu 
treten nicht Mos eigene Formen (ididdxSTjTe steht ausser Eph. 4, 21 = 
Kol. 2, 7 nur 2 Thess. 2, 15, der passive Aorist nur noch Gal. 1, 12. 
Matth. 28, 1 5), eigene Bedeutungen [didaanakia Eph. 4, 14 = Kol. 2, 22 
nicht wie Eöm. 12, 7. 15, 4, sondern in pejorem partem wie 1 Tim. 4, 1), 
sondern vor Allem eine Reihe von Verbindungen, welche durchaus 
Singularitäten unserer Briefe darstellen. Um z. B. gleich beim ersten 
der oben angeführten Ausdrücke stehen zu bleiben, so heissen ol 
miavovTsg Eph. 4, 29 die Zuhörer, wie nicht bei Paulus, aber in den 
Pastoralbriefen (1 Tim. 4, 16), und ist von dnovsiv tov X6yov oder 
t6 evayyeXiov die Rede (Eph. 1, 13. Kol. 1, 6. 23), wovon die erste 
Form wenigstens nicht mehr bei Paulus (aber 2 Tim. 1, 13), die 
zweite aber sonst gar nicht vorkommt, so wenig als dxoveiv trjv 
olxovofiiav (Eph. 3, 2) oder dnovecv tov XQtarov (Eph. 4, 21). Dazu 
kommen femer Ausdrücke wie ^ VTtBqßdXXovaa rijg yvciaetog dyaTttj 
tov Xqlotov (Eph. 3, 19), 6 avef.iog tilg didaaiiaXlag (Eph. 4, 14), 
tö Ttvevfia dnoxaXvtpetog (Eph. 1, 17). Nur unser Verfasser ver- 
bindet femer dno'KQvmBiv y dnoTtaXvTttetv y yviogl^etv und qxxveqovv 
mit t6 fivazi^Qtov y während bei Paulus zum ersten dieser Begriffe 
fj aog>ia (l Kor. 2, 7), zum zweiten ^ Ttlatig (Gal. 3, 23) oder fj 
dixaioavvrj d'sov (Rom. 1, 17), zum dritten ro evayyiXiov (Gal. 
1, 11. 1 Kor. 15, 1), zum vierten dvKaioavvtj (Rom. 3, 21), ßovXij 
(1 Kor. 4, 5), artovdrj (2 Kor. 7, 12) oder dergleichen etwas das 



1) Hoekstra, S. 610 fg. 

2] Hiermit erledigt sich die Einrede von Weiss, S. 452. 



218 Viertes Kapitel. 

Object bildet i) (bezüglich Rom. 16, 25. 26 vgl. Y, 5, 2). Schliesslich 
besitzt unser Briefsteller als Ergänzung zu obigem Verzeichnisse und 
abgesehen von den beiden auf Rechnung des Paulus kommenden 
Wörtern jiaQaXoyiCßO&ai und g>tXoaog>iay noch eine ganze Reihe 
▼on eben dahin einschlagenden Ausdrücken und Bezeichnungen, 
die sich bei Paulus nicht, zum Theil auch überhaupt nicht mehr 
im N. T. finden, wie ayvoca^ anax&Vy aTton^q^og, aooq>og, diavoia, 
iTtiipavaxeiv j naraXafxßäveod'ai , xevoi loyoif koyog ootTtqogy fxtoqo- 
Xoyice, 6g)&alfj,ol naQdiag^ TCi&avoloyiaf nvavfiot aog>iag und q>Q6vrj6ig. 

Gewöhnlich will nun diese ganz eigen thümliche Seite, von 
welcher das Evangelium in unseren Briefen entgegentritt, einfach 
aus dem Gegensatze erklärt werden, in welchen sich der Apostel 
zu seineu Gegnern in Kolossä gestellt fand. Je mehr die gesunde 
Entwickelung des christlichen Lebens durch die falsche Theosophie 
gerade auf dem Gebiete der Erkenntniss bedroht war, desto mehr 
musste das Evangelium als die wahre Weisheitslehre dargestellt und 
der Irrlehre durch Beförderung der echten Gnosis entgegengearbeitet 
werden^). Aber dann sollte man ausschliesslich oder doch vorzugs- 
weise im Briefe an die Kolosser die beschriebene doctrinäre Farbe 
vertreten finden. Schon die Thatsache, dass vielmehr gerade der 
Epheserbrief die in dieser Richtung classischen Stellen enthält, be- 
weist hinlänglich, dass wir es hier nicht mit einem zufällig ver- 
anlassten Darstellungsmittel ad hoc, sondern mit einer Grrundeigen- 
thümlichkeit zu thun haben, welche gleicher Weise in der Indivi- 
dualität des Verfassers wie in den geistigen Interessen der Zeit 
wurzelte. 

3) Schliesslich lohnt es sich, auf die Bestätigung hinzuweisen, 
welche dem Resultate unserer literarischen Kritik aus dieser Unter- 
suchung des dogmatischen Gehalts beider Briefe zu Theil wird. 
Genau genommen verhalten sich dieselben nämlich in dieser Be- 
ziehung nicht gleich, sondern es ist der Autor ad Ephesios, welcher 
die intellectualistische Richtung mit Liebhaberei pflegt und sie auch 
in den Kolosserbrief erst einträgt, während der letztere an und für 
sich durchaus praktische Gesichtspunkte verfolgt. 

Die bewusste Zweitheilung, wonach der ganze Gehalt des Ephe- 
serbriefes in zwei Hauptmassen zerfällt, die sich als Iheoretiseher 
und praktischer Theil unterscheiden lassen (vgl. S. 1. 140. 191), 
bringt es mit sich, dass er den Kolosserbrief überwiegend erst im 
zweiten Theile zu verwerthen in der Lage ist. In denselben hat 



1) Vgl. Lucht, S. 97. 103. 

2) Weiss, S. 449. 451 fg. 



2. Cneichmässig in beiden Briefen Tertretener Lehrgehalt. 219 

der Veyfasser wirklich so ziemlich den ganzen paränetischen Inhalt 
des Kolosserbriefes aufgenommen. Wo jener sich dagegen innerhalb 
der drei ersten Kapitel mit dem Kolosserbriefe berührt, da setzt er 
die praktischen Grundgedanken des letzteren regelmässig in theo- 
retisch gewendete Formeln um^). Er reproducirt also Eph. 1, 15 fg. 
die Stelle Kol. 1, 9. 10 so, dass die Fürbitte des Paulus um einen 
sittlichen Wandel seiner Leser zu einer Fürbitte um das Ttvevfia 
aoq>iag xal ajtoycaXvxpswg (Eph. 1, 17) und um die 1, 17 — 19 weiter 
beschriebene höhere Einsicht in das christliche Mysterium wird 2), 
und spart sich das Tteqtnarijaat vfiag a^ltog tov d-eov (Kol. 1, 10) 
auf den Anfang seines praktischen Theils auf (Eph. 4, 1). Dafür 
Yersetzt er aber den Kolosserbrief selbst mit seinem ganz anders 
gearteten, theoretisch gewendeten Material, indem er schon Kol. 1,6 
ein ifciyvwTe frjv %ctqiv tov d^eov ev aXfjd^eitf als allgemeinsten Aus- 
druck für das neue, von ihm in den Brief übertragene Thema ein- 
schiebt, welche Stelle zugleich den Positiv bildet für den in der näch- 
sten Einschiebung enthaltenen Comparativ (vgl. S. 148). Denn so ist 
es zu bezeichnen, wenn der Verfasser bei Wiedergabe von Kol. 1 , 9 
noch vor das nsQirtaT^aai ein tva nXtiQiod^TS ttiv eniyvwaiv tov S'e- 
XfjfiaTog avTOv iv Ttday öoq>i(f xat avvsaei nvevfiariTtfj — lauter Aus- 
drücke aus Eph. 1, 8. 11. 17 — und mitten in den paulinischen Satz 
Kol. 1, 10 die Worte iv rtavri BQyiff ayad-({f ytaQ7toq)OQOvvteg aal 
ttv^avofÄevoi elg t^v ervlyviaatv — theils in Reminiscenz an Kol. 
1, 6, theils an Eph. 1, 17. 2, 10 — einfügt. Nach solchen Vor- 
bereitungen bringt er dann in dem grossen Einschub 1, 14 — 20, 
gleichsam dem Superlativ dieser Reihe von Interpolationen, den 
wesentlichen Inhalt seines fivoTiJQiov. 

Ganz ebenso hat Kol. 1 , 23 — 29 die Erwähnung des Apostels 
im ursprünglichen Briefe eine praktische Veranlassung, die in dem 
Anschlüsse von 2 , 1 an 1 , 29 deutlichst hervortritt. Paulus er- 
wähnt seine Mission, um den Lesern zu zeigen, dass auch sie mit 
in den Bereich seiner Sorgen fallen. Wie aber im Epheserbriefe' 
die Erwähnung des Apostolates sofort benutzt wird, um wieder das 
fivOTTjQioVy dessen Träger es ist (3, 3. 5. 6. 9 — 11) nach seinem 
ganzen Inhalte zur Darstellung zu bringen 3), so schiebt derselbe 
Verfasser auch Kol. 1, 26. 27 seine Lehre vom ftvoTi^giov dazwischen, 
und keine andere Bewandtniss hat es auch mit der Interpolation 
Kol. 2, 2. 3, wo die Unterbrechung des Satzbaues und des pau- 



1) Honig, S. 74. 

2) Honig, S. 69 fg. 

3) Honig, S. 71. 



220 Viertes Kapitel. 



linischen Textes nur dem einzutragenden Begriffe der inlyvwoig zu 
lieb geschieht^). Wesentlich ebenso ist im Grunde auch 2^ 9. 10. 15. 
3^ 10. 4^ 12 zu beurtheilen. 



4. Die Angelologie. 

Die Christologie beider Briefe steht in unlöslichem Zusammen- 
hang mit jenem geflissentlichen Verweilen des Verfassers in über- 
irdischen Regionen, welches zumeist im Kolosserbriefe auffallig ge- 
funden wird^ aber nicht minder auch dem Epheserbrief eigenthümlich 
ist. Wie die höhere Würde Christi durch Prädicate verherrlicht 
wird, welche ganz jenem Gebiete entnommen sind^ so ist der Blick 
des Verfassers überhaupt in die transcendenten Räume der höheren 
Geisterwelt gerichtet^ wo sich ihm die Geheimnisse einer himm- 
lischen Welt aufthun^). Aber nicht sowohl die Vorstellung des 
präexistenten Christus ist es, welche das so mit sich fuhrt^ sondern 
maassgebend hierfür ist nach Kol. 1^ 16 fg. Eph. 1, 20 fg. vielmehr 
die Anschauung von dem nachirdischen oder verklärten Christus und 
die damit zusammenhängende Schätzung des auch die himmlischen 
Wesen umfassenden Heilswerthes seines Todes 3). 

Im Kolosserbriefe mag sich diese Erscheinung bis auf einen 
gewissen Grad aus der Reflexion auf die Irrlehre erklären *). Aber 
nicht blos hat sich uns auf dem Wege der Textvergleichung heraus- 
gestellt^ dass in das Bild dieser Irrlehre die angelologischen Züge 
selbst erst nachträglich eingetragen sind (S. 149), sondern die auch 
Eph. 1^21. 3^ 10 genannten verschiedenartigen Himmelsmächte 
zeigen^ dass wir es in beiden Briefen mit einer durchschlagenden 
Richtung des Denkens zu thun haben ^ wie ja auch der Ausdruck 
TOL iTtovgdvta far die Regionen der übersinnlichen Welt erst im 
Epheserbriefe zu Hause ist. Dass derselbe im Kolosserbriefe sich 
nicht findet^ stellt sich übrigens als bioser Zufall heraus angesichts 
der Thatsache, dass ei^ roig ovQavoig \, 5 gar nicht auf Rechnung 
des Interpolators kommt, dagegen 1, 16. 20 der Gegensatz zu tu 
iTtl tfjg yfjg anstatt des Ausdrucks tä kTtövqavta das Substantiv mit 
einer Präposition verlangte^ wie ja aus demselben Grunde selbst in 
der Parallel- und Originalstelle Eph. 1^ 10 diesmal zoi iv oder ifti 



1) Schenkel, S. 187. 

2) Baur, Paulus, II, S. 8 fg. 

3) Weiss (S. 461), R. Schmidt (S. 196). 

4) Weiss, S. 460 fg. 



2. Qleichmässig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 221 

toig ovQavolg steht; ähnlich correspondiren sich auch Eph. 6^ 9. 
Kol. 4, 1 in der Vermeidung von vä ijtovQavia, zu welchem Aus- 
drucke dafür TCc avca Kol. 3^ 1. 2 in ausgesprochener Analogie steht ^). 

In seinen Aufisählungen himmlischer Geisterreihen schliesst sich 
nun der Verfasser zunächst an 1 Kor. 15, 24. Rom. 8, 38 an, wo 
ayyeXot, oiqxaL^ i^ovoiai, övvdfisig erscheinen. Aher nur Kol. 1, 16 
treten hierzu d'QOvoty nur hier und Eph. 1, 21 auch 'MjQtotrfCEg. 
Beide Parallelstellen fuhren zunächst die gut paulinischen und als 
Hauptfactoren auch Eph. 3, 10 allein genannten aqj(,ai xat i^ovolai 
als ein Paar auf, welchem ein anderes entspricht. Dieses hesteht 
erstens in heiden Stellen aus nvQiOTfi'^eg , zweitens aus övvdfteig im 
Epheser-, aus d'QOvoi im Kolosserbrief. Es erhellt somit, dass die 
paulinischen öwd/neig unserem Verfasser gleichbedeutend mit d'qovoi 
sind, dass er aber die paulinische Trias zu einer Doppelheit von 
Paaren weiter bildet. Der Unterschied der Reihenfolge Eph. 1, 21 
und Kol. 1, 16 ist aber einfach mit Meyer und Bleek auf die 
rhetorische Figur der Klimax und Antiklimax zurückzufuhren. Wei- 
tere dogmatische Tendenz ist darin nicht zu suchen ^j, eben so wenig 
aber der von den meisten Auslegern richtig statuirte Gedanke einer 
Rangordnung in Abrede zu stellen ^j. 

Aber auch die Dämonologie hat bereits einen entschiedenen 
Schritt über Paulus hinaus gethan. Die i^ovaia %ov axoTOvg Kol. 
1, 13, die aQXoneg tov aidSvog tovtov (1 Kor. 2,8) sind zu einer 
gegliederten übersinnlichen Macht herangewachsen, mit welcher der 
Christ beständig im Kampfe liegt. Und zwar erfüllen diese xoa/iio- 
nqmoQsg tov axozovg tovtov, diese TtvevfiaTixa z^g TtovtjQtag iv zoig 
hcovQavtoig Eph. 6, 12 die ganze Atmosphäre, nach einer bei den 
Rabbinen und gleichzeitigen griechischen Philosophen nachweisbaren 
Form der Vorstellung*). Ihr Oberhaupt ist der didßolog (Eph. 
4, 27. 6, 11) oder TtovtjQog (Eph. 6, 16) als aQX(Jt)v vijg i§ovaiag tov 
digog (Eph. 2, 2) . Aber durch die überraschende Erfahrung, die auch 
die aQxcti xat i^ovalai iv tolg inovqavioig am Anblick des auf der 
Erde vor sich gehenden Erlösungswerkes machen, geht eine Kata- 
strophe in der höheren Geisterwelt überhaupt vor, auf welche wir 
an einem späteren Orte noch einmal zurückkommen werden (vgl. 
IV, 3, 2) . Eine bestimmte Vorstellung von ihr lässt sich, namentlich 
sofern ihre Tragweite sich auch auf die Dämonen erstreckt, kaum 
gewinnen, und jedenfalls geht Baur zu weit, wenn er nach Kol. 

1) Zeller: Theologische Jahrbücher, 1843, S. 540. 

2) Gegen Hoekstra, S. 608. 612. 

3) Gegen Weiss (S. 461) und Hofmann (S. 17. 184). 

4) B-leek: Die Briefe an die Kolosser etc. S. 218 fg. 



222 Viertes Kapitel. 

2^ 15 dem Tode Christi eine auf die übersinnliche Welt sich be^ 
ziehende Bedeutung in der Weise gibt^ dass er ihn als einen Sieg 
über die bösen Mächte darstellt, welche Christus ihrer Gewalt ent- 
kleidet und öffentlich zur Schau gestellt habe^). Denn es ist so 
gut wie allgemein anerkannt^ dass nicht Christus^ sondern Gott das 
Subject jenes Satzes ist^)^ und für den Sinn der ganzen Stelle kommt 
der Tod Christi gar nicht in Betracht^ »sondern damit hat Gott einen 
vor der Welt offenbaren Triumph über die im Heidenthum walten- 
den Greistmächte gefeiert und sie in ihrer Nichtigkeit als Ungötter 
zur Schau gestellt^ dass er diejenigen^ welche ihnen gedient hatten, 
durch die Verkündigung Christi zu sich bekehrte und ihnen ab- 
gewann«^) , ein Gedanke, welchem schon die Bezeichnung Christi 
als yceg)al'^ ndar/g oqxvS ^(^i i^ovaiag Kol. 2, 10 präludirt hatte. 
Ganz verwandt damit ist nun aber, was wir Eph. 3, 10 lesen ^ wo 
die Geister des Himmels sich angesichts der überraschenden Erfolge 
des Gottesreiches von ihrer Unfähigkeit und Ohnmacht überzeugen, 
mit eigenwilligem Eingreifen in den allumfassenden, aber erst all- 
mälig in das Bewusstsein der Menschen und EngeH) tretenden 
Weltplan Gottes die Verwirklichung des letzteren zu vereiteln, da 
vielmehr Gott über einen Reichthum von Mitteln und Wegen ver- 
fügt^ um an sein Ziel zu gelangen, welchem alle Gegenbestrebun- 
gen schliesslich nicht gewachsen sein werden. 

5. Das Pleroma. 

1) Zu den am meisten in die Augen fallenden Eigenthümlich- 
keiten unserer Briefe gehört der wiederholt angewandte Begriff des 
TtkrjQwiLia. An den allgemeinen paulinischen Gebrauch dieses Wortes 
(vgl. Rom. 11, 25 TtXiqqwfia twv idywv, 15, 29 TrXriqwfia evXoylaq. 
\ Kor. 10, 26 nXrjQWfjia Ttjg yfjg) schliesst sich aber nur die von Gal. 
4, 4 [nXriQiOfia nov xqovov] abhängige Stelle Eph. 1, 10 [nhfiQWfJia 
%üiv xaiQtov) an. Beiderorts bezeichnet nämlich TcXi^QWfia den Punkt, 
woselbst die Zeiten das Reservoir, welches sie gleichsam einnehmen 
sollen, bis zum Rande angefüllt haben. Es ist für die Flüssigkeit 
der Begriffswelt des Autor ad Ephesios bezeichnend, dass sein Termi- 
nus technicus, wie er ihn gewöhnlich gebraucht, sich an diese Be- 
griffsbestimmung zwar anlehnt, sie aber verallgemeinert in der 



1) Paulus II, S. 43 fg. 

2) So auch Baur: NeutestamentUche Tlieologie, S. 2&2. 

3) Hofmann, IV, 2, S. 84. 184. 

4) Vgl. Henoch 16, 3 und dazu Dillmann: Das Buch Henoch, S. 113. 



2. Gleichmflssig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 223 

Richtung^ welche unserem deutschen Wort »Fülle« eignet. R. 
Schmidt^ der dies anerkennt ^j^ erklärt sich zugleich mit Fug und 
Hecht gegen jede Spaltung des einheitliehen Begriffes dieses TtXri- 
QWfia^) , wie sie nicht blos von Meyer und Hof mann in Bezug 
auf Kol. 1; 19. 2, 9, sondern consequenter noch von Hoekstra 
zu Gunsten der von ihm behaupteten Differenz der Anschauungs- 
kreise unserer Briefe versucht worden ist^ als bedeute im Gegen- 
satze zum ontologischen Terminus des Kolosserbriefes das nXrjQfofjta 
des Epheserbriefes die Fülle der Geistesgaben ^) . Für letztere Auf- 
fEtssung^ die übrigens Meyer gerade zu Kol. 1^ 19 geltend machen 
will; könnte man sich mit einigem Schein blos auf eine Stelle be- 
rufen^ der auch Hof mann jeden Zusammenhang mit der sonstigen 
Terminologie dieser Briefe abspricht *) — nämlich auf Eph. 3, 19 
%va nXrjqtüdiJTB €ig rc&v iro TcXi^QWfia %ov &eov (vgl. Kol. 2, 1 alg 
7t&y to nlovTog z^g 7tXrjQoq>OQlag Ttjg ovveaecog) . Nun ist aber, wie 
unter den Auslegern besonders Bleek nachdrücklich hervorhebt*), 
"Eph. 3, 19 eine Parallelstelle zu Kol. 2, 10 nai iate h avtfp Tteitlfj- 
qmfihoty und sind beide Aussagen der Sache nach identisch. Es er- 
gibt sich somit allerdings, dass das volle TtXrjQiafiot Christi nichts 
Anderes als das nkijQw^a Gottes selber ist^). Zugleich aber ist zu 
beachten, dass (nach S. 98) der Begriff TtBTtXrjQWfievoi Kol. 2, 10 
seine Unterlage an dem unmittelbar vorangehenden nhfjQWfia T^g 
'^eoTfjTog 2y 9 hat, folglich auch Eph. 3, 19 im Zusammenhange mit 
der Terminologie dieser Grundstelle gedacht sein muss. »Die Fülle 
der Gottheit, welche in Christo wohnt (Kol. 1, 19. 2, 9), ist nicht 
verschieden von dem TtXi^QWfia d^eovy zu welchem die Gemeinde von 
ihm erfüllt wird (Eph. 3, 19), und eben desshalb, weil die erstere 
in Christo wohnt, sind die Gläubigen in ihm Erfällte (Kol. 2, 10). ?)« 
Anstatt der völlig verunglückten Auslegung Hofmann's^) hat es 
daher bezüglich des TteTckrjQfafiipoi Kol. 2, 10 sein Verbleiben bei 
der von Steiger, Huther, De Wette, Dalmer, Bleek ge- 
troffenen Ergänzung von Ttäv to nXrjQWfjia ifjg ^eörriTog, und ergibt 
sich als Gedanke des Verfassers, dass wie in Christus Ttäv to TtXti" 
qfofia T^ d'BOTTjfTog wohnt, ihn also Gott ganz erfüllt, so die Ge- 
meindeglieder an dieser Fülle, aber nur sofern sie Glieder seines 



1) S. 200. 2) S. 201. 3) S. 618 fg. 4) IV, 1, S. 278. 

5) Die Briefe an die Kolosser etc. S. 83. 250. 
%) Weiss (S. 459. 468), Schmidt (S. 204). 

7) R. Schmidt, S. 201. 

8) IV, 2, S. 66 : »Wie Christi leibliches Leben den Inbegriff alles dessen, was 
Qott ak Qott ist, in sich schliesst, so sind sie vermöge ihrer Beschlossenheit in 
ihm das yoU nnd ganz, wessen sie bedürfen.« 



224 Viertes Kapitel. 

Leibes sind^ Theil haben. Jenem wohnt das nXriQWfia Tijg ^^eoTijvog 
unmittelbar von Gott her ein, diesen nur vermittelt durch Christus, 
also als Fülle Christi*). Nur unter der Voraussetzung von Eph, 
3, 1 7 Y.a%otTirjacLL %bv Xqiazbv ev Toig xaqdiaig ifuSy, kann sowohl das 
Verhältniss der angeredeten Christen zu Christus beschrieben wer- 
den mit xai iare sv av%ffi TcenXfjQwinevoi Kol. 2, 10, als auch ihre 
Beziehung zu Gott durch iva TtXrjQW-d^Te eig näv ro TiliJQiOfia %ov 
9eov Eph. 3, 19. Jedenfalls aber hat letztere Stelle eine Anwendung 
des in Rede stehenden Begriffs auf Christus in seinem Verhält- 
nisse zu Gott, und zwar im Sinne von Kol. 2, 9, bereits zur Voraus- 
setzung, und iresultirt als allgemeines Schema des mit Hülfe unseres 
Terminus ausgedrückten Gedankens die Proportion: Wie Gott sich 
verhält zu Christus, so Christus zur Gemeinde 2). Der Begriff des 
Tthq^fiay wie er hier vorkommt, dient somit ausschliesslich der 
Gottes- und Christuslehre, die er zugleich in eine bestimmte Be- 
ziehung zur Idee der ixTckrjoia setzt. 

2) Sehen wir uns somit immer auf Kol. 2, 9 als die Grund- 
stelle zurückgewiesen, so fragt sich noch, wesshalb hier das Ttlrj- 
qwiia TTJg &€6TfjTog in Christus gerade aw/naTiTLuig wohnt. Schon 
Augustin (Ep. 187 al. 57 ad Dardanum: de praesentia Dei, 39) fährt 
die beiden im Grunde allein möglichen Erklärungen an. Entweder 
nämlich ist dies wie awftaTtxi^ etdat Luc. 3, 22 zu nehmen und be- 
sagt, Christus schliesse als ein leiblich Lebender Alles in sich, was 
Gott, der der Geist ist, zu Gott macht 3), wobei — was eine nahe- 
liegende Modification ergäbe — insonderheit daran gedacht werden 
mag, dass ja die exxArycr/ä, welche nach Eph. 1, 23. 4. 12. 13 nli^ 
qwiia XqtOTOv ist, nach denselben Stellen auch sein awfia heissen 
kann *) ; oder aber es ist an den Gegensatz von awfia und aiua zn 
denken, welchen der Verfasser von Kol. 2, 9 sich selbst commen- 
tirend 2, 17 nachbringt, so dass im Gegensatze zu den Schatten- 
bildern der o%otxeia vov xoafiov Christus als das reale Gottesbild 
geltend gemacht wird^). 

Von Kol. 2,9 ist nun aber direct auf 1, 19 zu schliessen, wo 
das Ttäv TO Ttki^QWfia nicht Gott selbst^), oder »das einheitliche 



1) R. Schmidt, S. 201. 2) Sabatier, S. 206. 212 fg. 295. 

3) So die meisten Neueren, zuletzt namentlich noch Weiss (S. 459). Hoek- 
stra (S. 607. 615) und Hofmann (S. 64 fg. 184 fg.) 

4) Baur: Paulus, ü, S. 15. Neutestamentliche Theologie, S. 258. Schen- 
kel, S. 189. 

5) So die meisten Aelteren, neuerdings Bleek (S. 82), Holst en (a. a. O. 
S. 378), R. Schmidt (S. 191) und A. Maier (Theol. Literaturblatt, 1871, S. 359). 

6) Gegen Ewald (S. 478), R. Schmidt (S. 208 fg.) und Weiss (S. 459). 



2. GleichmäBsig in beiden Briefen vertretener Lehrgehalt. 225 

Ganze dessen^ was ista^)^ oder gar nur die geistigen Theile des- 
selben 2j^ sondern vielmehr nach den meisten Auslegern 3) eben 
wieder das nli^QWfia T^g d'edTtftog ist^ welches nach Gottes^ nicht 
etwa nach Christi*), Wohlgefallen in letzterem Wohnung nehmen 
sollte. »Man wird aber — hören wir einwenden s) — schwerlich 
leugnen können, dass sich, wenn 6 ^eo^ Subject von evöoxrjoev und 
Tiäv 10 TcXriQWfiot so viel ist, als nav zb nlijQwiiia zov ^«ov, schlechter- 
dings nicht absehen lässt, warum der Apostel nicht lieber näv %b 
ftXr^qfoiia ovtov geschrieben, sondern den Leser in einer Ungewiss- 
heit gelassen haben sollte, die weder 2, 9, noch Eph. 3, 19 statt 
hat.« Aber dafür schreibt eben auch nicht »der Apostel«, sondern 
interpolirt der Verfasser des Epheserbriefes, indem er die Gedanken- 
welt des letzteren schon als fertig voraussetzt (S. 173). So gewiss 
Kol. 1, 18 Parallele zu Eph. 1, 22, so gewiss entspricht Kol. t, 19 
dem Gedanken von Eph. 1, 23. 

Liegt die Sache aber so, so muss Eph. 1, 23 aus demselben 
Gusse des Gedankens geflossen sein wie Kol. 1, 19. In der That 
ist der Unterschied nur der, dass hier Gott der Erfüllende ist gegen- 
über von Christus, dort Christus gegenüber der Gemeinde. Heisst 
letztere aber »die Fülle dessen, der Alles in Allem erfüllt a, so er- 
klärt sich dieser eigenthümliche Zug daraus, dass sich der Verfasser 
das TtlrjQQvv als fortschreitenden Process denkt ß). Und zwar ge- 
schieht dies sowohl in Bezug auf die Gemeindeglieder, welche heran 
wachsen elg näv to nhfiqwfjta %ov d-eov (Eph. 3, 19), oder, was 
wesentlich das Gleiche '') , elg ^irqov '^Icxlag %ov nkrjQWftavog %ov 
Xqlotov (Eph. 4, 13) , als auch in Bezug auf Christus, welcher im 
TtXrjQOvv %a Ttavxa (Eph. 4, 10) begriffen ist. Dieser TtXriqiSv ist 
nun in der sachlich parallelen Stelle^) Eph. 1, 23 in Rückbeziehung 
der Handlung auf das handelnde Subject, welches Alles »von sich 
aus« erfüllt, zum nXriqovfievog geworden^), während zugleich deut- 



1) Holzhausen (Tübinger Zeitschrift für Theologie, 1832, 4, S. 242) und 
Hofnjann (Schriftbeweis, II, 1, S. 29 fg. 358 fg. Die h. Schrift N. T. IV, 2, 
S. 184). Vgl. dagegen R. Schmidt, S. 207 fg. 

2) Mayerhoff, S. 82. 

3) Bahr, Olshausen, Steiger, Huther, Bleek, Böhmer, EUicott, 
Schenkel, Dalmer, zuletzt Hoekstra, S. GIG. 

4) Gegen Hofmann, a. a. O. S. 25. 

5) Hof mann, S. 24 fg. 

6) Hofmann (Schriftbeweis, H, 1, S. 539), K. Schmidt (S. 204 fg.). 

7) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 192. 

8) Vgl. Schenkel, S. 62. 

9) So Baumgarten- Crusius, Meyer, Winer, Bleek, EUicott, 
Hofmann, K. Schmidt, S. 200. 

Holtzmann, Kritik dnr E pheser- n. Kolosserbriefe« 1 5 



226 Vierte« Kapitel. 

licher der speculative Hintergrund der Vorstellung heraustritt. Man 
denke sich concentrische Kreise^ unter welchen die hcxltjola den- 
jenigen darstellt^ welchen Christus dermalen bereits erfüllt hat. 
Ausserdem aber existiren zahllose weitere Kreise der Schöpfung^ 
welche von ihm aus in fortschreitender Bewegung noch erfüllt wer- 
den sollen^ so dass »das immanente Verhältnisse in welchem Christus 
zur Kirche steht^ nur als die concretere Form des allgemeinen Ver- 
hSltnisses aufgefasst wird^ in welchem er zur Welt überhaupt steht« i). 
Zunächst also ist die Gremeinde »die verkörperte Fülle des in Christo 
Beschlossenen«^). Aber* aus der so erwachsenden Identität der Be- 
griffe TtXriqiopLix und üw^ia erklärt es sich^ dass der Begriff des Tthfi- 
QWfiiXy welcher zimächst den Leib als ein vom Haupte aus mit dem 
Geist desselben E^rfülltes darstellt , auch wieder hinüberschw$mkt in 
den Begriff dessen ^ was Christum völlig machte ihn ergänzt'). 
Schwegler hat daher mit complementum übersetzt ^) ^ und B a u r 
bemerkt^ dass der activische und passivische Sinn von nXriQiafia hier 
ineinander übergehen , weil ja das Erfüllende ^ Vollmachende auch 
wieder das Vollgewordene ^ das mit seinem bestimmten Inhalte Er- 
füllte ist^). Es »bedarf nicht nur die Kirche^ als der Leib^ Christi^ 
als des Hauptes (Kol. 2^ 19. Eph. 4^ 15. 16) ^ sondern der Apostel 
wagt das kühne Wort^ dass auch Christus der Kirche bedarf als 
seines Leibes^ als dessen ^ was zu seiner Ergänzung gehört ^ sein 
Wesen erst ganz voll macht (Eph. 1, 23)«^). Dass wirklich eine 
derartige Vorstellung dem Verfasser gelegentlich der erörterten Gre- 
dankenreihe mit zugewachsen ist^ erhellt aus dem ävtavoutktjqiMf 
%a vateqvjfiaxa twv d-Xitpetav tov Xqiotov Kol. 1 ^ 24 ^ wonach das 
Leiden des aüfia als »Complement«^) des Leidens der %eq>aXiq auf- 
tritt. »Es steht dies — sagt richtig Schenkel ^j — mit der Vor- 
stellung des Apostels von der Gemeinde als dem Leibe Christi über- 
haupt in engerem Zusammenhange.« Wie aber Paulus selbst den 
Kol. l, 24 ausgesprochenen Gedanken sogar negirt haben würde, so 
ist ihm auch die Voraussetzung desselben, diese ganze Vorstellung 
vom nXiJQiOfia, mindestens fremd. 

1) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 257. 

2) R. Schmidt, S. 200. 

3) Hofmann: IV, 1, S. 64. 278. 

4) Nachapostolisches Zeitalter, II, S. 384. 

5) Paulus, II, S. 14. Vgl. Sabatier, S. 212: »Christ lui-m^me a besoin de 
r^glise pour manifester toute la pl^nitude de yie qtd est en lui. . . . Ce terme de 
atS^a n'obtient toute sa signification que de celui de nlriQfofia, qui ezprime au 
fond la m^me id6e sous tme autre forme.« 

6) Weiss, 8. 467. 7) Bleek, S. 63. 

8) Die Briefe an die Epheser etc. S. 183. Aehnlich Sabatier, S. 213. 



3. Vorwiegend im KolosBerbriefe vertretene Seite. ^7 

3) Anhangsweise schliesst sich an das Kapitel vom nXriqwfia 
noch die Erwähnung von Hoekstra's Bedenken bezüglich des 
Lehrbegriffs vom h. Geist an. Für diesen soll nämlich im Kolosser- 
brief darum ^ dass nav %b nhqqwfia v^g d^aotrjftog in Christus be- 
schlossen liegt; kein Raum mehr sein^ daher er auch nur 1^ 8 bei- 
läufig erwähnt werde ^ während im Epheserbriefe der Herr und der 
Geist auseinander fallen (4^ 4. 5)^ und letzterer nicht weniger als 
13 mal (1, 13. (14.) 17. 2, 18. 22. 3, 5. 16. 4, 3. 4. 30. 5, 18. 
6; 17. 18); und zwar in engerem oder weiterem Anschlüsse an pau- 
linische Ausdrucksweisen^ vorkommt ^) . Aber so auffallend auch diese 
Erscheinung auf den ersten Blick sein mag^ so hat sich uns nicht 
blos schon oben (S. 110) ihr zufalliger Charakter enthüllt ^ sondern 
auch gerade die gegebene Motivirung aus dem analogen Verhält- 
nisse des nXrjqwiia zum paulinischen nveCfia, welche übrigens in 
einer von Hoekstra ganz unabhängigen Weise auch durch R. 
Schmidt bestätigt wird 2) ^ schliesst jede Möglichkeit einer Dif- 
fetenzirung des Lehrbegriffes beider Briefe auf diesem Punkte aus, 
sofern ja beiden, wie wir gesehen, ein und derselbe Begriff des 
Ttl^QfOfia zu Grunde liegt. 

3. Vorwiegend im Kolosserbriefe vertretene Seite. 

1. Christus als Weltziel. 

Es erleidet zunächst gar keinen Zweifel, dass die Christologie 
beider Briefe sich an die paulinische anschliesst (vgl. S. 21). Selbst 
Hoekstra gesteht zu, dass der Schritt von der sixwv tov ^eov 
1 Kor. 11, 7. 2 Kor. 4, 4 zu Kol. 1, .15 kein grosser war^). Ebenso 
naturgemäss reihen sich an die aTtaQx^ %wv xsxoiiniijinivdjv 1 Kor. 
15, 20. 23 und an den nqiatduoxog kv noXXolg ddeXg>oig Rom. 8, 29 
die Prädicate Kol. .1,18 an. Immerhin aber klingen Ausdrücke, wie 
elxiov %ov S-eov tov aoqdtovy Ttqwrotoxog Ttaatjg xtlasiog Kol. 1, 15 
und ciQ)[^ y TtQtotötoxog in tüv veiiQCJV Kol. 1, 18 im Vergleiche mit 
jenen paulinischen bestimmter und voller. Während der Christus 
der paulinischen Homologumenen als zweiter Adam immer in einem 
bestimmten, geschichtlichen Verhältnisse zur Menschenwelt gedacht 
wird, ist der Christus des Kolosserbriefes eine metaphysische und 
rein himmlische Grösse. Er ist eixwv tov ^eov y d. h. »Reflex 
Oottes«^), und weil er dies natürlich sichtbarer Weise sein muss, 

1) S. 616 f. 628, 2) S. 199. 201. 206. 3) S. 605. 

4J Baur: NeutestamentUche Theologie, S. 256. 

15* 



228 Viertes Kapitel. 

heisst Gott ihm gegenüber »der unsichtbarea'] ^ womit die philo- 
nische ünterscheiduhg des unbekannten und des offenbaren Gottes 
doch mindestens gestreift ist^). 

Entschieden überschritten wird die paulinische Linie wenigstens 
auf Einem Punkte y insofern nämlich Christus nicht blos als Welt- 
Vermittler^ sondern als Weltziel ^ in welchem erst alles Geschaffene 
culminirt; erscheint. Was in dieser Beziehung Mayerhoff^), 
Köstlin^); Baur^)^ ja auch Weiss^) geltend gemacht haben^ 
das macht selbst auf Hof mann wenigstens so viel Eindruck, dass 
er dies als die alleinige Instanz von Werth und Bedeutung behan- 
delt ^j. Es handelt sich theils um eig av%6v Kol. 1, 20, theils, und 
vor Allem um Kol. 1^ 16^ wo das iv av%(fi hctladrj vä navsa sich 
zerlegt in ein %a navta dt ccvvov xai eis ovvdv eKfiavai. Von den 
beiden letzteren Formeln ist nun entschieden nur die erste pau- 
linisch, die andere nicht. Dies geht zunächst aus 1 Kor. 8, 6 {eXg 
^eog o naTtjQ, i^ ov tä nävta ycai ^fielg eis ceujov, xal elg xv- 
Qios *Ii]00vs XqiotoSj dl ov ja ndvra xal tjfieis di avvov) hervor. 
Hier lehrt Paulus die Verschiedenheit des Verhältnisses der Welt 
zum Vater und zum Sohne als in dem zwischen den beiden letzte- 
ren selbst obwaltenden Verhältnisse begründet erkennen. Dabei 
vermeidet er sogar mit Beeinträchtigung des formalen ParallelismuSy 
von dem xvqios zu sagen fjfieis eis ovtovy sondern Gott ist ihm 
Urquell einerseits ^ Ziel andererseits für das AU, während dem 
xvQios die zwischen beiden Bestimmungen liegende Bedeutung des 
Vermittlers zufällt^). Im Kolosserbriefe dagegen kommt der Sohn 
nach den beiden mit dt avtov und eis avtov benannten Beziehun- 
gen dem Geschaffenen gegenüber als Schöpfer zu stehen^}, und wird 
somit auf ihn übertragen, was Rom. 11, 36 [e^ avtov xai dt av%ov 
Tcai eis avtov w narva) von Gott ausgesagt ist^®). Gehört es also 
zum paulinischen Lehrbegriff, dass die Person Christi »n'est ni la 
cause suprdme ni le but final «^^), so sind die Verhältnisse im Ko- 
losserbrief in einer Weise verschoben, die das dem ganzen Pau- 



1) So De Wette, Meyer, Hofmann, S. 14. 

2) So Usteri, Bahr, Steiger, Huther, Olshausen, Reuss, Dal- 
mer, Hoekstra, S. 606%. 3) S. 69. 

4) Lehfbegriff des Johannes, S. 356 fg. 

5) Paulus, II, S. 9. 41. Neutestamentliche Theologie, S. 257. 

6) S. 456. 7) IV, 2, S. 181. 

8) R. Schmidt, S. 197. 

9) Hofmann, S. 18. 185. ^ 

10) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 257. 

11) Sabatier, S. 290. 



3. Vorwiegend im Kolosserbrief^ vertretene Seite. 229 

linismus zu Grunde liegende Subordinationsverhältniss des Sohnes 
zum Vater aufhebt , und es ist ordinäre Advocatenkunst, hier von 
Gründen des Zusammenhangs und anderen Ursachen zu reden, 
welche daran Schuld sein sollen, dass 1 Kor. 8, 6. Böm. 11, 36 
nicht im Kolosserbrief, und Kol. 1,16 nicht in den Römer- und 
Korintherbriefen angetroffen wird^). 

Eine Beobachtung ist es, welche vor Allem das Siegel der 
Wahrheit auf dieses unser Resultat drückt. Ist nämlich Ttdvta eig 
Xqujtov geschaffen, so kann auch seine Herrschaft nicht mehr, wie 

1 Kor. 15, 24 — 28 gelehrt wird, eine Art Interregnum zwischen 
der Herrschaft des Todes und der endlichen Allherrschaft Gottes, 
sie muss vielmehr selbst das vilog bilden. In der That hat unser 
Verfasser über Paulus hinaus, ja im Gegensatze zu ihm, diese Con- 
sequenz gezogen. Und gerade hier ist es der Epheserbrief, welcher 
den Aussagen des Kolosserbriefes ergänzend zur Seite tritt. Denn 
ausdrücklich wird Eph. 1, 21 gelehrt, dass Christi Machtstellung ov 
(i6vov iv t(p alwvi TOv%(f äXXä Tcal h %(p fx^Xlom bestehe. Schon 
diese synoptische Unterscheidimg (vgl. 6 alwv ovrog Mt. 12, 32. 
Luc. 16, 8. 20, 34, b vvv alwv der Pastoralbriefe, imd 6 ahov 6 fj.il- 
Xtav Mt. 12, 32. Hebr. 6, 5 oder 6 aitjjv SKsivog Luc. 20, 35 oder 

'b aiwv SQxofievog Mr. 10, 30. Luc. 18, 30) wäre bei Paulus, wie- 
wohl er 6 alwv ovTog (Rom. 12, 2. l Kor. 1, 20. 2, 6. 8. 3, 18. 

2 Kor. 4, 4) und ö iveOTtoi alwv (Gal. 1, 4) schreibt, auch alwveg 
kennt (1 Kor. 10, 11], nur hier nachweisbar, was auch Ritsch 1 
aufiallig findet 2). Aber sie ist eben auch hier so unpaulinisch, wie 
der Gedanke von Eph. 5,5, wonach an die Stelle des Unterschie- 
des zwischen der Herrschaft Christi und der Herrschaft Gottes, wie 
selbiger übrigens auch in den Pastoralbriefen bereits aufgehoben 
zu sein scheint (2 Tim. 4, 1. 18), ^ ßaailela tov Xqiovov %ai 
d'eov tritt. Auch Weiss kann nicht umhin, diese stillschweigende 
Negirung der Mittlerherrschaft »eigenthümlich« und »über die Chri- 
stologie der älteren Briefe hinausgehend« zu finden^), während 
R. Schmidt den Gegensatz zwischen Eph. 1, 21. 5, 5 und 1 Kor. 
15, 24—28 offen anerkennt*). 

Die Sache liegt demnach keineswegs so, dass der Kolosserbrief 
mit der besprochenen metaphysischen Betrachtung Christi als des 
»Weltzieles«*) etwa über den Epheserbrief hinausginge^) oder ihm 

1) Gegen Hofmann, S. 185%. 188 fg. 

2) Altkatholische Kirche', S. 54. 

3) S. 446. 4) 198. 456. 

5) Weiss (S. 456), R. Schmidt (S. 197). 

6) Baur: Paulus, II, S. 9. 41. 



230 Viertes Kapitel. 

gar widerspräche 1) . Meint doch J. P. Lange den direct umgekehr- 
ten Satz vertheidigen zu sollen ^ dass Christus im Kolosserbriefe als 
dgx^ y im Epheserbriefe als relog der Schöpfung auftrete 2). In 
Wahrheit ist das dargelegte Verhältniss die allerdings nur im Ko- 
losserbriefe direct ausgesprochene Consequenz eines beiden Briefen im 
Gegensatze zu Paulus gemeinsamen dogmatischen Principes^ welches 
vorläufig dahin formulirt werden kann^ dass Christus überhaupt 
Gott möglichst nahe gerückt erscheint und insonderheit auf mehr 
als einem Punkte ^ namentlich also auch bezüglich der letzten Ziel- 
punkte alles Geschehens 9 eine Stellung einnimmt ^ welche Paulus 
noch ausdrücklich dem Vater im Gegensatze zum Sohne reservirt 
hatte. 

Sobald man diese Verschiebung von Positionen eingesehen hat, 
die in den echten Paulusbriefen mit Bestimmtheit behauptet werden 
und einen integrirenden Bestandtheil des durchdachtesten aller bi- 
blischen Systeme darstellen^ geht es aber nicht mehr an, von Weiter- 
bildung, Entwickelung, Fortschritt u. s. w. innerhalb eines und des- 
selben Bewusstseins zu reden. Man verkennt ganz den Unterschied 
der Zeiten. Was uns eine »leichte Modificationa der Christologie 
erscheint, bedeutet einem Geschlechte, das noch ungebrochenen 
Glaubens an die Realität der religiösen Ideen sich erfreut, unend- 
lich viel mehr, und der Apostel Paulus insonderheit hätte diesen 
XJebei^ang in sich nicht vollziehen können, ohne dass sein mono- 
theistischer Gottesbegriff, das Festeste von allem Festen, was er 
kennt, wäre in Mitleidenschaft gezogen worden. Auf diesem Punkte 
hat scharfsinnigen und sonst unbefangenen Forschem, wie Sab am- 
tier 3) und R. Schmidt^), gegenüber sogar ein Phantasietheologe 
wie Gess vollkommen in's Schwarze getroffen, wenn er bemerkt: 
»Hiernach könnte man meinen, Christus sei dem Apostel von der 
Gefangenschaft an ein viel höherer gewesen, als noch in den Briefen 
an die Korinther und Römer. Wäre Christi Person dem Apostel vor 
der Gefangenschaft eine niedrigere gewesen als während derselben, 
wie konnte er es wagen, dieser Person nun auf einmal ein Werk 
von kosmischer Tragweite zuzuschreiben ? « *) . Derartige theologische 
Wandlungen sind in der That lediglich Vorkommnisse modernen 
Datums, charakteristisch für eine Zeit, deren Glauben unter Noth- 
dächem Schutz sucht, deren Theologie daher wesentlich in Com- 
promissen besteht und darüber des Compromittirenden vergessen 

1) Hoekstra, S. 607 fg. 

2) Bibelwerk, VI, S. 11. 16 fg. 

3j S. 207 fg. 4) S. 198. 207. 

5) Jahrbücher fttr deutsche Theologie, 1871, 6. 164. 



3. Vorwiegend im KcdoMerbhefe yertretene S^ite. 23] 

kann 9 was die Veränderung einer reli^ösen Stellung für den aus- 
gereiften Menschen in sich birgt. 



2. Christus und die Weltrersohnung. 

Mit der eben besprochenen Eigenthümlichkeit, wonach Christus 
das Weltziel; sein Reich das Reich Gottes schlechthin ist^ hängt 
aurs Engste die weitere ^ unseren Briefen gleichfalls ausschliesslich 
eignende^ Vorstellung von der Zusammenfassung des Irdischen mit 
dem Himmlischen in Christus zusammen ^) . Der Zusammenfassende 
aber ist Gott^ und dieses sein Thun wird Kol. 1^20 tnerkwürdiger 
Weise als ein »Versöhnen« im weitesten Sinne ^ als ein aTtoxavair- 
XaooBiv %a ndvra bezeichnet. Nun hat freilich auch bezüglich 
der Versöhnungslehre Mayerhoff einen Gegensatz zwischen Kol. 
1; 20. 21 und Eph. 2, 11 — 18 darin finden wollen ^ dass dort 
Gott; hier dagegen Christus versöhnend wirke ^); wogegen mit etwas 
mehr Recht Hof mann den Gegensatz so stellt, dass 2 Kor. 5', 18 
Gott 6 ytaralkd^ag ^fiSg iavrt^ sei, während im Kolosserbriefe ein 
Gleiches von Christus ausgesagt werde ^) . Allerdings ist die in äno- 
nceiaXXd^av Kol, 1, 20 und dTtonaTtjlXdyriTe Kol, 1, 21 vorausgesetzte 
wirkende Ursache Gott selbst; dafür aber entspricht den Wor- 
ten dl avTOv Kai elg avzöv Kol. 1^ 16 auch Kol. l, 20 nicht blos 
ein öv ccvtov y sondern ebenso ein eig avT((y, welches auf Christus 
bezogen werden muss^), so dass dieser jedenfalls Ziel der nataXXayrj 
wird. Vermöge einer in localer Beziehung veranschaulichenden 
Pointirung wird zugleich bei unserem Briefsteller aus der KccsalXayi^ 
eine aTtona'raXXay^y welchem Begriff, weil er eine andere Richtung 
der d^OTtctzaXXayivTsgy als die bisher von ihnen eingehaltene in sich 
schliesst, der gleichfalls unserm Verfasser angehörige Ausdruck 
dTtrjXXoxqiwiiivov elvai correspondirt*). Bei dieser, von den neueren 
Exegeten anerkannten, weiteren Bedeutung von dnonaraXXdaaeiv 
sagt dann aber Eph. 1, 10 dvax€q>aXaiwaaad-ai %d ndvta iv v(p 
Xqiartfi vollkommen dasselbe aus^j. Uns hat sich ohnedies schon 
ergeben, dass dem Verfasser von Kol. 1, 20 die Ideenassociation von 
Eph. 1, 10 vorschwebt (S. 92), und mit vollem Recht nimmt daher 
Bleek an, dass der Sinn der letzteren Stelle an ersterer nur noch 



1) B. Schmidt, S. 196. 2) S. 62. 

3) IV, 2, S. 32. 

4) So Bahr, Huther, De Wette, Balmer, Steiger, Böhmer, 01s 
hausen, Hofmann, Baur, R. Schmidt, Weiss, S. 456. 

5) Bitschi: Jahrb. f. deutsche Theol. 1863, S. 518. 

6) R. Schmidt, S. 184. 



232 Viertes Kapitel. 

bestimmter zum Ausdrucke gebracht werde*). Ebenso Ewald, in- 
dem er ausser an Kol. t, 20 auch noch an Kol. 2, 10 erinnert, wo 
die KLBipixXri Ttäatjg aQxijs ^ctt i^avaiag zur directen Erklärung des 
Ausdrucks avceii€g>aXaiavv Eph. 1, 10 dient ^). Ist dem aber so, so 
fallt auch von vom herein ein Verdacht des Missverständnisses auf 
den Versuch Hoekstra's, beide Schriftstücke in Gegensatz zu 
einander zu bringen, als ob im Epheserbriefe Christus und sein 
Werk nur zur Menschen weit in einem Verhältniss stehe , während 
Kol. 1, 20 durch sein Blut nicht blos der. Menschen^ sondern auch 
der höheren Geister Sünden gesühnt erscheinen 3) . Ist doch schon 
die zu Grunde liegende Vorstellung, als ob, was Eph. 2, 12 — 20 
über die in Folge des Kreuzestodes Christi geschehene Vereinigung 
der zuvor gespaltenen Menschheit bemerkt wird, dem Paulinismus 
näher stehe, als die Heilslehre des Kolosserbriefes , durchaus ver- 
fehlt, weil gerade jene Auffassung^ wonach der Versöhnungstod vor 
Allem die Wirkung einer geschichtlich herbeigeführten Coalition der 
Juden und Heiden hat^ den tieferen Grundgedanken der religiösen 
Anthropologie des Apostels einen neuen Vordergrund schafft, der fast 
ausschliesslich das Interesse der Betrachtung in Anspruch nimmt ^). 
Nachdem ebenso unbefangene, wie auch der Hinneigung zu gnosti- 
sirender Auslegung des Neuen Testamentes unverdächtige Forscher 
wie RitschH) und R. Schmidt ß) offien anerkannt haben ^ dass 
Kol. 1, 20 die im Kreuzestod gewirkte %ataXi.ay7j auch auf die 
himmlischen Wesen ausgedehnt wird*^), dürfte es als überflüssig er- 
scheinen, sich mit denjenigen Auslegern weiter auseinander zu 
setzen, welche jegliches Factum, das ihren Capricen zuwiderläuft, 
mit Gelassenheit zu leugnen unternehmen. Aber auch ob die Stelle 
auf eine Bekehrung der Dämonen^), oder aber auf ein Hiob 4, 18. 
15, 15. 1 Kor. 6, 3. 11, 10. Gal. 1 , 8 als möglich, 1 Petr. 3, 19. 
Jud. 6 als wirklich gesetztes Sündigen der Engel ^), oder endlich 
blos auf die durch die Sünde der Stenschen zerrissene Harmonie 
der Geisterwelt lö) ^^ beziehen sei, ist fiir uns verhältnissmässig 
ohne Gewicht. Wir constatiren blos die Thatsache, dass die pau- 
linischen Aussagen über die nataXXayrj Rom. 11,15. 2 Kor. 5, 19 
nur von der irdischen Welt, nicht aber von himmlischen Sphären 
wissen^*), Hebr. 2, 16 letztere Vorstellung sogar ausgeschlossen ist. 
Aber auch mit dem Lehrbegrifie des Paulus ist sie unvereinbar, weil 

1) S. 55. 202. 2) S. 174. 3) S. 623. 625. 628. 

4) Baur, S. 46. 5) S. 521. 6) S. 187. 

7) Vgl. auch Weiss, S. 462. 8) Mayerhoff, S. 62 fg. 

9) Hoekstra, S. 624 fg. 10) Weiss, S. 461 fg. 

11) Baur fS. 42), Hilgenfeld (Zeitschrift f. w. Theol. 1870, S. 251 fg.). 



■ 3. Vorwiegend im Kolosserbriefe vertretene Seite. 233 

dessen ganze Auffassung vom Erlösungswerke an der Bedeutung 
der aaq^ hängt. R. Schmidt^ der diese treffende Bemerkung 
macht, tröstet sich auffallender Weise darüber mit dem Vorgeben, 
dass ja daneben, nämlich Kol. 2, 11. 12, auch die specifisch pau- 
linische Auffassung des Heilsgrundes erscheine und zwar unter Vor- 
aussetzung des paulinischen Begriffes der accQ^^). Aber von der 
bezüglich des Inhaltes letzterer Stelle unterlaufenden Täuschung ab- 
gesehen (S. 1 55) , wäre ja damit nur ausgesprochen , was sich uns 
auch von ganz anderen Voraussetzimgen schon ergeben hat: die 
Doppelheit der im Kolosserbriefe zu Tage tretenden Begriffswelt. 
Ebenso wenig fuhrt die von Ritschi 2) und R. Schmidt 3) mit 
vollem Rechte getroffene Combination der Stellen ]^ol. 1, 20 und 
Kol. 2, 15 über jenen Hauptanstoss hinaus, indem sich eben die 
angeführten Stellen in gleicher Weise als unter sich wohl überein- 
stimmende Theile desselben Bewusstseins, welchem auch Eph. 3, 10 
entstammt, erweisen, dagegen in einem durchaus disparaten Ver- 
hältnisse zur paulinischen Ideenwelt stehen, innerhalb welcher alle 
Voraussetzungen zu einer Vorstellungsreihe wie die Kol. l, 20. 2, 15. 
Eph, 3, 10 vorliegende ist, fehlen. 

Gegen die Behauptung Hoekstra's, es habe der Gedanke von 
der Weltversöhnung im Epheserbriefe, wo vielmehr blos vom Frie- 
denstiften zwischen Juden und Heiden die Rede sei, keine directe Pa- 
rallele 4), stellen wir somit als unser Resultat den Satz, dass Kol. 1,20 
vielmehr auf ursprünglich paulinischen Grund die Farben des Epheser- 
briefes aufgetragen erscheinen (S. 150 fg.). Wahrscheinlich denkt 
der Verfasser bei dem aus Eph. 2, 14. 15. 17 herübergenommenen 
elQrjvoTCOii^aag , dem sofort ein eYte ra ijtt tfjg yrjg ette vä h %oig 
nvQavotg folgt, daran, dass auf Erden die dfiq)6v€Q0i Eph. 2, 16 nach 
Durchbrechung des f^eadroixov 2, 14 in Ein awfia vereinigt werden, 
an welcher Thatsache dann aber nach Eph, 3, 10 im Himmel, durch 
dessen Räume ihr Reflex sich sofort verbreitet, die Geister den Welt- 
plan Gottes verstehen und sich auch ihrerseits ihm einfügen lernen, 
so dass im Universum jetzt nach Eph. 1, 10, welche Stelle z. B. von 
Harless, Bleek und Schenkel richtig in diesem Sinne gedeutet 
wird, alle Entfremdung aufgehoben und die Harmonie des in Chri- 
stus zusammengefassten Alls hergestellt ist. Damit ist aber die Com- 
patibilität der Vorstellungswelt beider Briefe auch auf diesem Punkte 
erwiesen. Der im Kolosserbrief mehr hervortretende kosmische 
Process ist nur der Abschluss des im Epheserbrief deutlicher aus- 



1) S. 189. 2) S. 522 fg. 

3) S 190. 195. 4) S. 626. 



234 Vierte« Kapitel. 

gedrückten weltgeschichtlichen Verlaufes. Aber in keinem von bei- 
den Schriftstücken fehlt es ganz an der entsprechenden Kehrseite. 
In beiden ist es vielmehr eine Ghoindanschauungy dass der geschicht- 
lich sich verwirklichende Heilsrathschluss mit dem in der Schöpfung 
anhebenden Weltplan aufs Engste susammenhängt i) . 

Hoekstra geht nun aber noch weiter und erklärt von der, 
angeblich dem Kolosserbriefe eigenthümlichen Annahme der Yer* 
söhnung des ganzen Universums aus den Mangel von mehr speciell 
lautenden Aussagen, namentlich solchen^ wonach Gott »uns« geliebt, 
Christus sich für »uns« gegeben hat, während der Epheserbrief ge- 
rade an ihnen reich ist (1, 5. 6. 8. 12. 14. 2, 4. 5. 7)2). Aber im 
Kolosserbriefe sind eben an die Stelle der im Epheserbriefe abwech- 
selnd berücksichtigten Juden- und Heidenchristen ausschliesslich Hei- 
denchristen getreten, und wie durch diese Vereinseitigung des Ge- 
sichtspunktes die Differenz der Haltung überhaupt bedingt ist^ so 
insonderheit der häufige Gebrauch des vfieig als Anrede an die heiden- 
christlichen Leser ^) . Wie übrigens die zweite Person auch Eph. 2, 8 
sicher und 5, 2 wahrscheinlich steht, so dagegen fifiiv nach den besten 
Zeugen Kol. 2, 13 und sicher fjinwv und '^fuv Kol. 2, 14. Wenn 
endlich gar im Zusammenhange mit der vom Epheserbriefe ge- 
priesenen Liebe Gottes gegen uns, auch unsere Bruderliebe hier 
(3^ 18. 4, 32. 5, 2. 30) eine merklich grössere Rolle spielen soll, 
als im Kolosserbrief (1, 4. 8. 2, 2. 4, 3)^), so widerlegen schon die 
eben angegebenen Parallelen diese ganze Behauptung , wie denn 
überhaupt an allen diesen Entdeckungen nichts ist, was nicht durch 
die Verschiedenheit der Anlage und Bestimmung beider Briefe seine 
vollständige Erledigung fände. 

Kehren wir zum christologischen Ausgangspunkte dieser Er- 
örterungen zurück, so lässt sich ihr Resultat in Folgendem zusam- 
menfassen. Im Mittelpunkte der dogmatischen Begriffswelt unserer 
Briefe steht jedenfalls nicht mehr der aus den Römer- und Korinther- 
briefen bekannte avd'QWTtog iTtovqdviog, der öevveQog ^ddfi, welcher 
in seinem Kreuzestod die Gesetzesknechtschaft angehoben und in 
seiner Auferstehung die Geistesaustheilung an die Gläubigen ver- 
mittelt hat; sondern das am Kreuze geschichtlich vollbrachte Er- 
lösungswerk erscheint hier auf der Folie eines allgemeinen welt- 
geschichtlichen Erlösungsprocesses aufgetragen, welcher Irdisches 
und Himmlisches, Sichtbares und Unsichtbares umfasst. Diese Lehre 
vom Process und kosmischen Central wesen mag nun immerhin nicht 



1) Weiss, S. 454. 2) S. 627 fg. 

3) Hoekstra, S. 644. 4) Hoekstra, S. 634 fg. 



3. Vorwiegend im Kolosserbrlefe vertretene Seite. 235 

den Ausgangspunkt der ganzen Betrachtung bilden, von wo erst der 
Uebei^ang zur geschichtlichen Verwirklichung des Heilswerks er- 
folgt ^) : ihr bloses Dasein beweist den späteren Standpunkt. Denn 
sie ist keine Consequenz des Begriffes des Idealmenschen, sondern 
Moment einer neuen und selbständigen Gedankenreihe, innerhalb 
welcher die neutestamentliche Christologie so ausgebildet wird, dass 
nur noch die eine Steigerung übrig bleibt, die sie im johanneischen 
Logosbegriff erfährt 2). 

3. Christas und Gott. 

« 

Hoekstra hat die überraschende Behauptung aufgestellt, die 
Christologie des Epheserbriefes stehe derjenigen der paulinischen 
Homologumenen näher als die des Kolosserbriefes, insofern jener den 
Sohn dem Vater subordinire, dieser coordinire. Die im Kolosser- 
briefe vorliegende Apotheose Christi werde im Epheserbriefe wieder 
gedämpft. Dies soll schon daraus erhellen, dass nirgends im Epheser- 
briefe dem Sohne eine Präexistenz zugeschrieben werde, wie Kol. 
1, 15. 17 geschieht, nirgends auch er dort als weltschöpferisches 
Princip auftrete wie Kol. 1, 16 3); vielmehr gewinne die ihm nach 
Kol. 1, 15 — 18 von je her zukommende Stellung der Christus des 
Epheserbriefes (l, 20. 21) erst in Folge seiner Erhöhung^). Nun 
ist jedenfalls zuzugeben, dass die angeführten Stellen des Kolosser- 
briefes in ihrer Bestimmtheit mindestens als sehr weit verlängerte 
Fortsetzung der Linien gelten 'müssen, welche Paidus in Bezug auf 
die Präexistenz Gal. 4, 4. 1 Kor. 10, 4, in Bezug auf die Welt- 
schöpfung 1 Kor. 8, 6 höchstens nur andeutet. Jedenfalls ist die 
Selbständigkeit und Bedeutung, in welcher die Präexistenz Christi 
im Kolosserbrief hervortritt, den älteren Briefen fremd. Aber auch 
in dieser Beziehung ist die Position des Epheserbriefes vollkommen 
ebenso weit vorgeschoben, wie die des Kolosserbriefes. Zwar sind 
die Worte dia ^IrjaoH Xqiotov Eph. 3, 9 zu streichen, aber x^Q'^S 
Xqujtov Eph. 2, 12 ist auch nach Hoekstra parallel mit 1 Kor. 
10^ 4 5), und wenn Kol. 1, 16 der Vorgang der Weltschöpfung in 
Christus begründet ist, so ist dasselbe Eph. 1 , 4 auch in Bezug auf 
den, erst unter seiner Voraussetzung denkbaren Vorgang der Er- 
wählung der Fall**). Gewiss ist Kol. 1, 17 za Ttavta iv avzffi avv- 



1) Vgl. Weiss (S. 454 fg.), R. Schmidt (S. 184). 

2) Baur, Neutest. Theologie, S. 256. 

3) S. 604 fg. 608 fg. 4) S. 609. 5) S. 608. 
6) Hofmann: IV, 2, 8. 16 fg. 



236 Viertes Kapitel. 

iattpiev in seiner fast an den philonischen Logos oder an den xoofiog 
vorjTog erinnernden Bestimmtheit ^) durchaus nur speculativ zu begrei- 
fen; aber dasselbe gilt von Eph. 1^ 23 vov to nana iv naai TtXrjQOv- 
fiivovy wo überdies etwas von Christus ausgesagt wird, was sonst 
(Jes.- 6, 3. Jer. 23, 24. 1 Kor. 15, 28) nur von Gott gilt. Ebenso 
bezieht der Epheserbrief 4, 8 auf Christus, was Ps. 68, 19 unmittel- 
bar von Gott ausgesagt ist, wie man ja überhaupt die Ei^änzung 
des Gottesbegriffs durch die Christologie immer allgemeiner zur Er- 
klärung der stärkeren Redeformen und sinnlicheren Bilder des A. T. 
benutzte 2). Es ist sonach auch nicht im Gegensatze zu einer Stelle 
des Kolosserbriefes , die nur im gleichen Fall mit Eph. 1, 23 ist, 
nämlich zu Kol. 3, 1 1 [ra Ttdvra Tcal iv Ttaaiv Xqia%6q) aufzufassen, 
wenn Eph. 4, 6 -d'eo^-xai TtaTrjQ heisst inl navrwv Ttat dia Ttavrofv 
Tcai ev Ttaaiv^]. 

Auf den angeblichen Gegensatz von Eph. 3, 9 zu Kol. 2, 2. 3 
legt Hoekstra selbst kein Gewicht^). Um so mehr betont er, dass 
der Epheserbrief Ausdrücke wie o Xoyoq tov XqiOToy (Kol. 3, 16), 
6 XQiOTog f] fcö^ '^fiwv (Kol. 3,4), 6 Xqiovoq ^ iXnig t^g do^g 
(Kol. 1, 27) vermeide; als ob nicht ganz in demselben Style Eph. 
2, 14 Christus ij eiqi^vrj fjfjäv hiesse. Als Vorgänger Hoekstra's 
hatte übrigens schon Mayerhoff befunden, die elTtig, als deren 
Gegenstand bei Paulus (Rom. 5, 2. 5. 8, 24. 15, 13. 2 Kor. 3, 
12 — 18) und Eph. 1 , 18 Gott erscheine, gehe Kol. 1, 27 ganz auf 
in Christus^). Ebenso könnte man finden, Kol. 2, 3 seien alle 
Schätze der aoq>la und yvaiaig in Christus verborgen, Rom. 11, 33 
dagegen in Gott vereinigt. Femer soll im Gegensatze zu der be- 
schriebenen Ausdrucksweise des Kolosserbriefes im Epheserbriefe vom 
^^fia d'sov (Eph. 6, 17), von ^ ^(ofj tov d^eov (Eph. 4, 18), von ij 
ilTitg Ttjg xlrjaewg (Eph. 1,18. 4, 4) die Rede sein und an die Stelle 
der 8V€Qy€ta 'avtov ^ hsQyov^ivq iv kfjLol kv dvvctfiei (Kol. 1, 29) 
die hiqyeia Trjg dvväfjiewg rov S'sov (Eph. 3, 7) treten; anstatt 
TteQiTtazrjaai d^lwg rov kvqIov (Kol. 1, 10) sage der Epheserbrief 
(4, 1) a^uag vfjg TcXi^aewg und vom TteqiTtateiv ev rtp %vqi(fi ^Ifjaov 
(Kol. 2, 6) schweige er ganz , wie er auch 5, 20 die Mahnung^ Alles 
iv 6v6(ia%i tlvqIov ^Itjoav zu thun (Kol. 3, 17), weglasse und 4, 3 
zwar vom avvöeofiog zrjg eiQTjvtjg, aber nicht, wie in der Parallele 
Kol. 3, 15 geschieht, von der elQrjvrj %ov XQiazov rede^). 



1) So Bahr (Brief an die Kol., S. 69), Böhmer (Sendschr. an die Kol., S. 56), 
Neander (S. 618), Hoekstra (S. 607), Beyschlag (S. 245. 250. 252). 

2) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 190. 

3) Gegen Hoekstra, S. 609. 

4) S. 619. 5) S. 58. 6) Hoekstra, S. 629. 



3. Vorwiegend im Kolosserbriefe yertretene Seite. 237 

Den Umstand; dass Kol. 3^ ],3 Christuä vergibt ^ Eph. A, 32 
Gott, hat auch Hof mann nicht als zufitllig, sondern »im Zusammen- 
hange mit der durch den Anlass des Briefes gebotenen vorwiegen- 
den Betonung Christi und unseres Verhältnisses zu ihm« befunden^). 
In der That ist es ein bezeichnendes Wort für den Kolosserbrief 
vä ndvra xai h Tiäaiv XQi(n6g (3, 11) , aber im Zusammenhang mit 
der Aufhebung des Unterschiedes zwischen Grieche und Barbar, 
Heide und Jude entspricht ihm doch das avanaqxiXatwaaad'av %a 
jidvta hf v(fi XQLOTip Eph. 1, 10 und das 6 noL'^aag vä a^q)6faqa 
%¥ Eph. 2, 14 völlig. Aus der mit Eph. 1 , 10 sachlich identischen 
Stelle Kol. 1, 20 leitet aber Hof mann selbst auch jene Vorstel- 
lung vom vergebenden Christus richtig ab^). Dass femer die chri- 
stologische Stelle Kol. 2, 9. 10 in einem Gegensatze zum Epheser- 
brief gedacht sei, ist bei unserem Nachweise, wonach sie vielmehr 
der Stelle Eph. 1, 23 nachgebildet ist (S. 98 fg.}, geradezu unmöglich; 
und zwischen Kol. 2, 19 und Eph. 4, 16 könnte man höchstens in- 
sofern einen Unterschied machen, als die schliessliche Rückbezie-' 
hung auf Gott nicht, wie man nach Hoekstra erwarten sollte, 
im Epheserbrief, sondern diesmal gerade im Kolosserbrief [wi^ai trjv 
cni^aiv %ov ^eov) zu finden ist. Wenn schliesslich das »Gewurzelt 
und Auferbautsein in Christus« Kol. 2, 7 eine ganz wörthche Wieder- 
holung Eph. 3, 18 nicht findet, so wird doch vorher Christus als 
der genannt, welcher in unseren Herzen wohnt (3, 17), und nach- 
her als der, dessen Liebe alle Erkenntniss übertrifft (3, 19). 

Es erhellt somit als eine Eigenschaft nicht blos des einen, son- 
dern beider Briefe, dass jede Gotteswirkung so sehr in Christus 
vermittelt erscheint, dass Gott und Christus promiscue als Subjecte 
derselben Aussagen auftreten, und es findet in dieser Beziehung 
keineswegs gerade im Kolosserbriefe eine Bevorzugung des Namens 
Christi statt. Wenn vielmehr Eph. 3, 19, die ayanrj Xqtazov betont 
wird, so heissen die Gläubigen dafür Kol. 3, 12 Gottes tjyaTtrjfiivoi, 
und wenn Eph. 5, -25 Christus die Gemeinde bis zur Selbstauf- 
opferung geliebt hat, so hat dafür Kol. 2, 13 Gott den Gläubigen 
ihre Sünden auf dem Gnadenwege erlassen. Dass aber dasselbe in 
demselben Briefe (3, 13) auch wieder von Christus ausgesagt wird, 
beweist eben, wie geläufig unserem Verfasser überhaupt die Ver- 
tauschung beider Subjecte geworden ist, und eben diese Thatsache 
hat wieder ihren letzten Grund in der vergleichungsweise gestei- 
gerten Christologie, die er vertritt. 

Dennoch ist der Unterschied zwischen Gott und Christus auch 



1) IV, 2, S. 171. 2) S. 126. 



238 Viertes KapiteL 

hier noch nicht au^ehoben. So absolut nämlich ChristuB, von 
der Welt aus gesehen ^ über allem Geschaffenen steht und gleich- 
sam als Versinnlichung Gottes (S. 227 ig,) erscheint, so sicher fallt er, 
wie das Kol. 1, 15 gleich neben eimav tov d-eav stehende TtQünS" 
TOKog Ttaatjg xzlaetag beweist, von Gott aus gesehen, mit der nviaig 
zusammen^, erscheint im göttlichen Gedanken in Einer Kategorie 
mit der Welt; ja auch in seinem eigenen Bewusstsein ist Gott 
nicht blos sein Vater, sondern auch sein Gott (Eph. 1, 17), wie 
Beyschlag aufrichtig anerkennt^). Weiss dagegen leugnet^ ohne 
einen andern Grund dafür zu kennen, als dass es ihm anders besser 
gefallt^). XJebrigens hat uns auch hier die ehrliche und gewissen- 
hafte Darlegung, welche die besprochene exegetische Thatsache 
durch R. Schmidt gefunden hat'), jeder weiteren Auseinander- 
setzung überhoben. Für Gott erscheint Christus immer in der Be- 
zogenheit zur Welt, und sein Verhältniss zu dieser ist nach 1, 16. 17 
geradezu das der Immanenz^). »In diesem 7iqun6%o%og hat Gott 
die ganze Welt mitgeschaffen (ort iv avitfi hcTla-^ tä novra), sie 
entwickelt sich nun durch ihn im Einzelnen [za ndvra dt avTOv)<i^). 
Den Widerspruch, welchen dieser ganze Standpunkt zu denken be- 
fiehlt, hat übrigens Baur im Auge, wenn er im Kolosserbriefe den 
Anfang zur christologischen Zweinaturenlehre gemacht sieht ^). 



im Epheserbriefe vertretene Seite. 
1. Die Yorherbestimmnng. 

)>Der transcendenten Christologie dieser Briefe und ihrer darauf 
beruhenden Anschauung von dem Alles umfassenden und über Alle« 
übergreifenden Charakter des Christenthums ist es ganz gemäss, 
dass sie in der Lehre von der Beseligung der Menschen auf eine 
überzeitliche Yorherbestimmung zurückgehen. « '') 

Aber nur im Epheserbriefe lässt sich dies im Gbiinde nach- 
weisen. Der Kolosserbrief berührt nur gelegentlich die paulinischen 



1) S. 204. 2] S. 460. Vgl. auch Hofmann, S. 16. 

3) S. 211^. Aehnlich früher schon Usteri, Beuss, Baur. Vgl. auch 
Sabatier, S. 209. 290. Beyschlag findet S. 227 wenigstens ein »weltver- 
wandtes Wesen«, »das göttliche Weltprincip « damit bezeichnet. 

4) Baur: Neutestamentiiche Theologie, S. 257. 

5) Mayerhoff, S. 69. 

6) Neutestamentiiche Theologie, S. 256. 

7) Baur, S. 270. Hitzig: Zur Kritik, S. 26. 



4. Vorwiegend im Bpheserbriefe vertretene Seite. 239 

Vorstellungen Ton xalei^^av (3, 15^ vielleicht auch 1^ 12) und ^xJU- 
ysaS'ai (3, 12, wo übrigens die hcleüTol %ov S'sov einfach wie Rom. 
8, 33, nicht aber in der allgemeinen Weise von 2 Tim. 2, 10. Tit. 
1, 1. 2 Joh. 1, 13 aufzufassen sind)^). Endlich liegt auch dem 
'^d'dJLfjaev 1, 27 die Ansicht zu Grunde, dass schon die menschliche 
Emp&nglichkeit für Gottes Wirkung selbst Gottes Wirkung ist^). 

Viel bestimmter tritt der Prädestinationsbegriff allerdings Eph. 
i, 4 hervor, wonach Gott i^ele^txvo ^fiäg iv av%(p tvqo Tuxtaßok^g 
xoüfAOVy elvai ^fiäg ayiovg ncal afiwfiovg xazevciTtiov avuov. Wie 
hier Alles, was sich auf die Seligkeit des Menschen bezieht, über 
das zeitliche Dasein hinaus verlegt wird, so wiederholt sich sofort 
auch die gan^e prädestinatianische Terminologie des Römerbriefes ^) . 
Es ist die Rede von ytaXeia&ai (4, 1. 4), TcXrjaig (1, 18. 4, 1. 4), 
ßovXrj (1, 11), evdoxla (1, 5. 9), 7tQO€%oifiat^£iv (2, 10), nqo^eaig 
(1, 11. 3, 11), TtQorld'ead'ai (1, 9), nQOOQi^etv (1, 5. 11). Auch das 
^ikfjfia Gottes tritt 1, 5. 9. 11 in diesen speciellen Zusammenhang 
ein, während es Kol. 1, 9: 4, 12 mehr die sittliche Forderung über- 
haupt bezeichnet. 

2. Die Kirche. 

Der Epheserbrief wird in der Theologie gewissermaassen als Lo- 
cus classicus für die Lehre von der Kirche betrachtet, und Stier 
hat darnach gleich den Titel seines Commentars eingerichtet^). In 
der That erscheint hier die Vereinigung der Juden und Heiden in 
der Kirche als der eigentliche Centralpunkt der Betrachtung, wozu 
»sich alles üebrige nur als die peripherische Aussenseite verhält«^). 
Selbst die aufgehobene Trennung zwischen der Menschenwelt und 
der höheren Geisterwelt ist gewissermaassen nur ein metaphysisches 
Seitenstück zu der aufgehobenen Scheidewand innerhalb der Mensch- 
heit (S. 233 fg.). 

Aber nicht blos Eph. 1, 23. 4, 12. 16. 5, 23 heisst die Kirche 
aäfia Xqkjvov, sondern auch Kol. 1, 18. 24, und nicht blos Eph. 
4, 15 ist Christus die x€q)aX^ %ov ad/xaTog, sondern auch Kol. 2, 19. 
Es kann somit nicht behauptet werden, im Epheserbriefe trete die 
Gemeinschaft der Christen unter sich der im Kolosserbriefe hervor- 



1) Gegen Hoekstra, S. 638. 2) Mayerhoff, S. 71. 

3) Hoekstra, S. 639. 

4) Die Gemeinde in Christo Jesu. Auslegung des Briefes an die Epheser, 
1848 und 1849. 

5) R. Schmidt, S. 197. Vgl. Baur (Neutestamentliche Theologie, S. 276) 
und Braune (S. 5 fg.). 



240 Viertes Kapitel. 

gehobenen Gemeinschaft derselben mit Christus gegenüber^). Viel- 
mehr erscheint auf diesem Punkte die Solidarität der Anschauung 
beider Briefe um so gesicherter^ als beide sich eben damit in cha- 
rakteristischer Weise von den paulinischen Lehranschauungen ent- 
fernen. Denn nicht blos spricht Paulus gewöhnlich von ixKltjalai 
(1 Kor. 11 9 16), von »Gemeindena, wie solche z. B. in Cralatien, 
Korinth u. s. f. existirten, und geht unsere einheitliche Zusammen- 
ÜEissung der Christenheit unter dem Gesichtspunkte der Gresammt- 
kirche sogar über die hcxXifjaia vov S-eav Gral. 1, 13. 1 Kor. 10, 32. 
15, 9 hinaus 2), sondern auch die ganze Vorstellung von Christus 
als der x€g>aXrj %ov awfiatog ist mit nichten »ganz paulinischa^]. 
Erst auf Grund von 1 Kor. 11, 3 Ttavvdg äyäQog ij 7C€q>al'^ b XQunog 
itniVy xeg>aX^ de ywamog 6 äviJQ einerseits, andererseits aber der 
bekannten Ideenreihe, wonach die Gemeinde ein organisirter Leib 
und als solcher sensu mystico 6 XQi4n6g ist (1 Kor. 12, 12), konnte 
jene Auffassung erwachsen (S. 96) . Der Unterschied aber liegt darin^ 
dass bei Paulus wir Viele &^ aiSfia iv XQtatf^ (Rom. 12, 5. 1 Kor. 
12, 13) sind: unter einander fiiXtiy zusammen avU^a Xqiotov (1 Kor. 
12, 27). Folglich ist Christus nicht als ein einzelnes Glied dieses 
Leibes, auch nicht als xsg)aXijy sondern als das den Leib beseelende 
7cvevfia gedacht (1 Kor. 6, 17. 12, 13). Das adif^a unseres Briefes 
dagegen ist genau genommen ein Bumpf^). Angewandt auf 1 Kor. 
11, 3 würde sich die unzulässige Vorstellung ergeben, dass das 
Weib adßfia des Mannes, der Mann awfia Christi, Christus awfia - 
Gottes sei — was Paulus gewiss nicht gedacht hat. Die beider- 
seitigen Gedankenkreise sind somit incompatibel. 

Dagegen ist es der Verfasser des Epheserbriefes, welcher eine solche 
Consequenz wirklich gezogen hat, indem er das Verhältniss zwischen. 
Christus und der Gemeinde als dem Haupte imd dem Leibe zugleich, 
unter der Form eines ehelichen Verhältnisses auffasst (5, 23 — 32). 
Von dem mit 1 Kor. 11, 3 stimmenden Ausgangspunkte S%i avtjQ x€— 
(paX'q iaziv t^g yvvamog schreitet er 5, 23 dazu weiter, dass 6 XQir- 
<ndg x€q)al^ trjg htulrjalag ist. Wie nun die Kirche awfia XQiavov, 
so sind für die Männer die Weiber tä ictvTwv atofiata (5, 28). Wie 
Mann und Weib eine organische Einheit bilden, so auch 6 XQiavdg 
und fj ^xlfjala^). Ln Kolosserbriefe seinerseits würde sogar die 



1) Gegen Hoekstra, S. 634%. 

2) Hilgenfeld: Zeitschrift f. w. Theologie, 1870, S. 246. 

3) Mayerhoff, S. 80. 

4) Hoekstra, S. 630 fg. Unter den deutschen Theologen hat blos Bieder* 
mann (Christliche Dogmatik, 1SG9, S. 285) diesen Unterschied bemerkt. 

5) Weiss (S. 407), öabatier (S. 213). 



4. Vorwiegend im Epheserbriefe yertretene Seite. 241 

weitere Consequenz vorliegen, dass auch Christus als awfxa T^g 9b6- 
TfjTog erscheint^), wenn das awfiaTixwg 2, 9 wirklich diese Deutung 
vertrüge (vgl. S. 224). 

Als %Bq>aXij tov awfiorog ist Christus nun aber das Princip, von 
welchem aus die Kirche sich zur innerlich gegliederten Einheit aus- 
gestaltet; alle Glieder sind vom Haupte aus belebt, durchdrungen, 
zusammengehalten (Eph. 4, 16. Kol. 2, 19); sie wachsen heran zu 
seinem Leibe (Eph 4, 15), den er so in ihrer organischen Zusammen- 
fassung sich erbaut (Eph. 4, 12). Auch von dieser Seite betrachtet 
(vgl. S. 225 fg.) hängt also an der Vorstellung des nX'^qwfj.a der Begriff 
eines Processes (Kol. 2, 19 cai^aig vov d'eov), dessen Zielpunkt der 
ist, dass Ol navreg xazavTi^afOfisv eig ttjv ivontjTot Trjg TtiaTSwi %al 
T'^g iTCiyvciaecjg rov viov tov -d^eov ^ eig avdqa Tileiov, eig fiirqov 
'^Xixiag tov TtlrjQWfiatog %ov Xqiotov (Eph. 4, 13). Die mensch- 
lichen Werkzeuge, deren sich Christus bei Förderung dieses Werkes 
bedient, Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph. 
4, 11), die vom Himmel her mit den verschiedenen Geistesgaben 
ausgerüstet werden (Eph. 4, 7), sind nur einzelne Gelenke und Fu- 
gen dieses aus Christus heraus und in ihn hinein wachsenden Leibes 
(Ep];i. 4, 16). Aber gerade diese in den Kirchenämtem gegebene 
Gliederung ist es, welche die Gemeinde befähigt, allen Versuchungen 
der Zersplitterung siegreich zu widerstehen (Eph. 4, 14. 15)2). 

So wird denn schliesslich im Bewusstsein der Macht der Juden 
und Heiden trennenden Gegensätze und der Nothwendigkeit ihrer 
Vermittelung alles Gewicht auf die Einheit der Kirche gelegt (Eph. 
4, 3—6), welche durch Christi Tod, der alle Schranken und Unter- 
schiede aufgehoben hat, begründet ist und in ihm selbst, welcher 
der einheitliche. Alles tragende und zusammenhaltende Centralpunkt 
des Universums ist, sein Princip hat. So ist die Einheit das eigent- 
liche Wesen der Kirche und mit Nothwendigkeit im Christenthum 
selbst gegeben und enthalten 3). 



1) Baur: Paulus II, S. 15. 

2) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 259. 

3) Baur, S. 276 fg. 



Holtzmann, Kritik der Epheser- n. Kolosse rbriefe. 1 6 



Fünftes Kapitel. 

Entstehungsyerhältnisse und geschieht 

liehe Lage. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestament- 

liohen Literatur. 

Wenn ee sich um die Aufgabe handelt^ die geschichtliche Stel- 
lung eines neutestamentlicben Schriftstückes mit möglichster Sicher- 
heit zu bestimmen^ so ergibt sich als erste der zu erledigenden 
Vorfragen die genaue Fixirung seines schriftstellerischen Verhält- 
nisses JEU denjenigen Producten^ welche im Allgemeinen derselben 
Olasse angehören. Auch in unserem Falle wäre daher zunächst 
eine Erörterung darüber zu pflegen^ welche Schriften des N. T. 
unser Verfasser in der Vergangenheit bereits hinter sich , welche 
dagegen er neben oder gar erst in der Zukunft noch vor sich hat. 
Einleitungsweise wird dabei noch sein Verhältniss zum A. T. in 
Betracht gezogen Werden müssen. 

Bei dieser ganzen Reihe von Untei^uchungen sind wir uns wohl 
bewusst; wie wenig mit blos le^^ikalischen Berührungen ausgerichtet 
ist^ und wie sehr unsere lückenhafte Kenntnis« der ältesten Literatur 
des Christenthums einerseits und der keineswegs ausschliesslich lite- 
rarische Charakter der frühesten Tradition andererseits Vorsicht ge- 
bieten. Eben desshalb woUeü abi^r die sofort mitzutheilenden Paral- 
lelen des Ausdrucks, von denen jede für sich ja nur auf eine mehr 
äusserliche und flüchtige Berührung schliessen Hesse, immer nur in- 
sofern in Betracht gezogen sein, als theils ihre Masse einer Erklä- 
rung aus reinem Zufall ernstliche Schwierigkeiten bereitet, theils 
einer auf der Hand liegenden Verwandtschaft des Sprachgebrauches 
auch von Seiten des beiderorts zum Ausdruck gelangenden Gedankens 
der Charakter einer specifisch schriftstellerischen Beziehung verliehen 
wird. Dies zur Abwehr nahe liegender Missverständnisse I 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentllchen Literatur. 243 

1. Terhältniss zum A. T. 

In dieser Beziehung steht vor Allem die Belesenheit des Ver- 
fassers in LXX durchaus fest ^). Und zwar gilt dies schon bezüg- 
lich der Interpolation des Kolosserbriefes. An LXX lehnt sich 
Kol. 1, 18 an, nicht blos im Gebrauch des Wortes TtqtneveiVy son- 
dern auch in der Coordination von aQxri und frqandroiiog; denn 
Deut. 21, 17 ist a^tj vixvwv gleich ftQtat&covtSg f^ov. Aehnlich hat 
sich der Verfasser aus LXX Wörter angeeignet wie dvvafioCv (1,11), 
TtvKQalvBLV (3, 19, in LXX eTtVTtmqaiveiv) und i^vfielv (3, 21, im 
N. T. nicht). Wahrscheinlich ist auch d'eXtav 2, 18 im Sinne von 
»iUiv h %ivi, l Sam. 18, 22. 2 Sam. 15, 26. 1 Kön. 10, 9. 2 Chron. 
9, 8, und h vy xdqiTi 3, 16 im Sinne von Ps. 138, 5 (vgl. S. 164) 
zu nehmen. Auch der Ausdruck awfia v^g aagnog^ wie er 2, 11 
gebraucht ist, kann möglicher Weise der Leetüre von Sir. 23, 23 (16) 
entflossen sein. Nach Ewald wäre femer Kol. 1, 15 mit Bezug 
auf Prov. 8, 22 fg., Kol. 2, 15 mit Bezug auf Nah. 3, 6 geschrie- 
ben 2). Die ivraXfiata xae didaaxaXlai rßv dvxß-QdTttov 2, 22 könnten 
auf Jes. 29, 13 zurückweisen, wenn Mt. 15, 9 = Mr. 7, 7 nicht noch 
näher läge (vgl. S. 249). 

Klarer liegt die Sache freilich im Epheserbrief, dessen Verfesser 
sich offenbar ganz an der Leetüre von LXX (nächst den Paulinen) 
herangebildet hat. Attractionen wie 1, 6. 4, 1 kommen zwar auch 
bei Paulus vor (z. B. 2 Kor. 1, 4), sind aber doch in der Gestalt, 
wie sie hier begegnen , der Sprechweise von LXX nachgebildet 
(z. B. 1 Kön. 8, 29 vrjg ftqoaevx^g ^5 TtQoaevx^^') y u^d nicht min- 
der gilt dies von der Form Ttäg ov (4, 29. 5, 5). Aus LXX ent- 
nimmt der Verfasser speciell die Verbindung von aog>ta und q>Q/vfj- 
aig {iy S vgl. z. B. 1 Kön. 4, 29), die Ausdrucksweise avveaig iv %(^ 
(ivavriqUf (3, 4. Vgl. Dan. 1, 17 avveaiv xal g)q6vfiaiv iv ndarj aoq>tg)y 
den Gebrauch von g>ünt^eiv mit dem Accusativ der Person (3, 9, 
ein Hebraismus), den d'eog nXovaiog &v iv iUei (2, 4. Vgl. Ex. 
34, 6 ileriiiwv %ai Ttolvileog. Ps. 51 , 3 t6 fifya ileog aov %ai vb 
TtXij&og vwv olyiTiQiiwv aov), die fiegiTtoltjoig (1, 14. Vgl. Ex. 19, 5. 
Mal. 3, 17), das avtav ycrg iüfier nolruna ytrtaS^hreg htl e^Y^ig iya- 
Svlg (2, 10. Vgl. Jes. 64, 8 ^fieig ¥Qya %wv x^^f^^ ^^ netweg), 
die vier Dimensionen (3, 18. Vgl. Hiob 11, 8. 9), die »bösen Tage« 
(5, 16. Vgl. Pred. 12,1), endlich auch die Verbindung ftQoaevxfj 
xat öifjaig 6, 18, welche, wiewohl auch Phil, 4,6. 1 Tim. 2,1- 



1) Hoekstra, S. 640 fg. 

2) Sendschreiben des Paulus, 8. 477. 485. 

16 



244 Fflnftes Kapitel. 

5,5 vorkommend, ursprünglich in LXX zu Hause ist (Ps. 6, 10. 
55, 2. 1 Makk. 7, 37). Ausserdem will Ewald finden, dass Eph. 
4, 23 nach Ps. 51, 12, Eph. 4, 24 nach Gen. 1, 27 i) , Eph. 4, 25 
nach Ex. 20, 16, Eph. 4, 28 nach Ex. 20, 15 gearbeitet sei 2), wäh- 
rend die Combiiiation von yvwvaL und nXri^^üd'av in der Richtung 
auf Gott 3, 19 in Jes. 11, 9 (otl hfBTthfiO'^ fj avfinaaa tov yvwpai 
tov xvQiov) wurzele^). 

Dazu kommt nun aber noch . eine ganze Reihe von Stellen, 
welche theils den Charakter bioser Anspielungen haben, theils sich 
der Form des Citates nähern, theils förmliche Citate darstellen. Aus 
LXX hat unser Verfasser 1, 22 das Anschauungsbild des über Alles 
Erhöhten (Ps. 8, 7), daraus die persönliche Benennung fj eiqrjftnfj 2, 14 
(Mich. 5, 4) und die Friedensverkündigung an Nahe und Feme 2, 17 
(Jes. 49, 12. 52, 7. 57, 19), daraus das Bild des Ecksteins 2, 20 
(Jes. 28, 16. Ps. 118, 22) , daraus die Vorstellung vom Betrüben des 
heiligen Geistes 4, 30 (Jes. 63, 10), von der oüfiri evioöiag 5, 2 
»nach der bekannten altheiligen Redensart des Pentateuchs«*) (Lev. 

1, 9), daraus das »geistliche Zeughaus« Eph. 6, 13 — 17 (Jes. 11, 5. 

50, 11. 59, 17, vielleicht auch Weish. Sal. 5, 18—22), daraus den 
Grundsatz von der Unterordnung des Weibes 5, 23 (Gen. 3, 16), 
daraus das Bild von der Gliedschaft am Leibe Christi 5, 30 (Gen. 

2, 23). Dazu kommen endlich annähernde Citate wie die Ermah- 
nung zur Wahrheit 4, 25 (Sach. 8, 16), das Wort »Zürnet und sün- 
diget nicht« 4, 26 (Ps. 4,5), woran sich auch die Vorstellung vom 
Untergang der Sonne (Deut. 24, 13. 15) anschliesst, und 5, 31 die 
Reproduction von Gen. 2, 24, wohl aus einem Exemplar, in welchem 
statt ^euev tovtov gelesen wurde avzl vovvov^). Derselben Quelle 
entstammt femer 6, 2. 3 die Anführung von Ex. 20, 12. Deut. 5, 16. 
Auch das dco XiysL 5, 14 sieht aus wie ein Citat und könnte durch 
irgend ein Medium ebenso gut auf Ps. 44^ 24 ^} als auf Jes. 26, 19. 21. 

51, 17. 52, 1 und besonders 60, 1. 2*^) gehen. Diese Stellen liegen 
mindestens ebenso nahe als die von Hilgenfeld^) citirte Esra- 
Apokalypse. In ganz unzweifelhafter Form wird freilich nur 4, 8 
ein Citat eingeführt, nämlich Ps. 68, 19, und zwar mit einer Ab- 
weichung, welche wörtlich mit der Fassung des chaldäischen Para- 
phrasten und mit der altsyrischen Uebersetzung stimmt®). 



1) Sieben Sendschreiben, S. 194. 2) S. 195. 3) S. 187. 

4) Ewald, S. 197. 5) Ewald, S. 214. 

6) Hitzig: Die Psalmen, I, S. 245. 

7) So Harless, Olshausen, Hof mann: lY, 1, S. 215 fg. 

8) Messlas Judaeorum, S. XLVI. 

9) Vgl. Meyer und Engelhardt, S. 117. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neatestamentlichen Literatur. * 245 

2. Terhaltniss zur Apokalypse. 

Ausser den echten Paulusbriefen, zu welchen ein durchgehendes 
schriftstellerisches Abhängigkeitsverhältniss constatirt wurde, ist keine 
neutestamentliche Schrift mit grösserer Sicherheit zu den schriftstel- 
lerischen Voraussetzungen unseres Briefstellers zu zählen als die Apo- 
kalypse. Dies hat schon Hitzig vorzugsweise im Zusammenhang 
mit seiner Erklärung der Adresse des Briefes an die sieben klein- 
asiatischen Gemeinden durchgeführt, deren Liebe zu allen Heiligen, 
weil sie Offenb. 2, 4 als einst dagewesen erscheint, Eph. 1, 15 (vgl. 
4, 15. 16. 5, 25. 28) gepriesen werde ^). Wenn femer 2, 20 Apo- 
stel und Propheten als S-efislvog der Kirche erscheinen, so sind 
Offenb. 21, 14 die Namen der ersteren gleichfalls d^efiilvoi der 
himmlischen Stadt, und die Syi^oi anoatoXoi nal Ttqoqn^rai 3, 5 
stammen ebenso direct aus Offenb. 18, 20 (nach der Lesart von C 
und Vulg.), wie denn auch das denselben geoffenbarte f^variJQCov 
und 1, 17 das Ttvevfia anoKalvipewg auf Weissagungen von der Art 
der Apokalypse zu beziehen sei. 

Die Sache verhält sich in der That nicht anders. Das Wort 
fiV(ni^Qiov wird 5, 32 in dem Sinne von Offenb. 1, 20 gebraucht 2), 
und die Stelle 3, 5 ist sogar geradezu schriftstellerisch abhängig von 
der Apokalypse, wie zunächst aus folgender Zusammenstellung er- 
hellt : 



Eph. 3, 5. 
(to fJtvari^Qtov Tov XQiarov) o kri- 
Qttig Y^vealg ovx lyviOQla(hri (og vvv 
an€xaXv(pS^ roig ayioig anooro' 
lo ig avTov xal ngoiptiraig iv 
nvevfAati. 



Offenb. 10, 7. 
(XQOvog ovxiri iatai) ctlX iv ratg tj/nl- 
Qaig T% (fiavijg rov ißdofiov ayyiXov, 
OTttv fiillrf aalnCCniv, xal ireXiaSti to 
(UV arriQtov tov &€ov (ag €vriyyili- 
aev Toifg iavrov dovXovg rohg 
TtQOipi^tag. 



Beidemal begegnet die Vorstellung eines bestimmten Momentes, 
bis zu welchem ein fwattJQiov sei es tov d'eov oder tov Xqiotov 
verborgen und nicht in der Weise bekannt war, wie (wg beide- 
mal) Gott es dann seinen Propheten eröffnete. Dabei gebraucht der 
Epheserbrief geradezu den Ausdruck d7teiialvq>d7], was an das Ttvevfia 
aTtonaXvipewg 1, 17 erinnert. Diesem letzteren entspricht Offenb. 
19, 10 das Ttvsvfia Ttjg 7tQoq>r]veiagy während der Epheserbrief den 
specifischen Gebrauch, welchen der Apokalyptiker 10, 7 von evay- 
yeXtt^BLv und 14, 6 von evayyilcov im Sinne prophetischer Offen- 
barung macht 3), vermeidet. Dagegen sind für Eph. 3, 5 noch die 

1) Beiträge, S. 27 fg. 2) Hoekstra, S. 636. 

3) Volkmar: Die Evangelien, S. 6. 



246 Fflnftea Kapitel. 

Stellen Offenb. 11, 18 (voig öovXotg aov voig 7tQoq>rjrai>g aal tolg 
ayloig) und 22, 6 [d€li(ti tolg Sovlotg cevtüfi 8 del yeviad^ai), be- 
sonders aber, bezüglich des iv Ttvwfiavi am Schlüsse, Offenb. 1, 10. 
4y 2. 17, 3 von Einfluss gewesen. Auch hat der Briefsteller zu den 
TtQog^vai, die er 2, 20. 3, 5. 4,11 neben den Aposteln erwähnt, 
ohne Zweifel den Apokalyptiker selbst gerechnet nach Offenb. 22, 9 
(vujv ädaXfpüv aov xvÜv TtQognjtwv). 

Damit sind aber die Beziehungen noch lange nicht erschöpft, 
welche zwischen beiden, in erster Linie an dieselbe Gemeinde (in 
Ephesus) adressirten Schriftstücken statt haben. Denn wenn nach 
Eph. 2, 13 Juden und Heiden iv %q! aifiavi %ov X^iOTOv Eins ge- 
worden sind, so stimmt auch dies mit Offenb. 1, 5. 7, 14, besonders 
aber mit 5)9, wonach aus allen Geschlechtem und Völkern das 
Lamm sich Etliche iv zi^ al/^ari avvav erkauft hat; und dass die 
Wirkungen dieses Sieges Christi auf die ganze Geisterwelt sich er- 
strecken (1, 10. 21. 3, 10), konnte erschlossen werden aus Offenb. 
5, 3. 13, auch aus 7, 12, wo das Amen, welches erschallt, den Ein- 
klang der ganzen Geisterwelt mit der auf Erden vollzogenen Er- 
lösungsthat verkündigt^}. 

Auch Ewald hat übrigens eine Abhängigkeit des E^heserbriefes 
von der Apokalypse behauptet; während er aber die treffendsten 
ParaUelen übersieht, weist er, abgesehen von der Brautschaft der 
Gemeinde ^) , meist nur auf ganz vage und müssige Analogien hin, 
wie wenn er zu %a inovQavia Eph. 1, 3. 2, 6 Offenb. 1, 6. 20, 4 fg. 
citirt»), zur dö^a v^g Ai^qovofiiag Eph. 1, 18 Offenb. 20, 1—22, 5*), 
zum Tckr}qüvtf9ai Big Ttav %6*7ihfjqwiin xnv d'BOv Eph. 3, 19 Offenb. 

21, 22—27*), zum (ivü%^qiov Eph. 5, 32 Offenb. 17, 5. 7«), zum 
S^XWvEph. 2, 2 Offenb. 12, 7—9. 20, 3'). Ebenso unnütz ist es, 
für den amv fieXhav Eph. 1, 21 sich auf Offenb. 21, 14») und für 
die alwveg inegxof^evoi Eph. 2, 7 auf Offenb. 19 — 21*) zu berufen, 
während höchstens darauf hinzuweisen wäre, dass die Formel elg 
Toirg ctlwvttg väv aUAvtdv, welche der Epheseibrief 3, 21 (vgl. damit 
Offenb. I, 6) noch steigert, hauptsächlich in der Apokalypse (l, "6. 18. 
4, 9. 10. 5, 13. 7, 12. 10, 6. 11, 15. 15,7. 19,3. 20,10. 

22, 5; ohne Artikel 14, 11) zu Hause ist (vgl. S. 102), wogegen 
Paulus gewöhnlich elg tovg aldivag (Rom. 1, 25. 9, 5. 11, "SO. 16, 27. 
2 Kor. 11, 31) sagt und täv aULvwv hochistens nur zweimal noch bei- 
fügt (Gul. 1, 5. Phil. 4, 2t). Vgl. 1 Tim. 1, 17. 2 Tim. 4, 18). Ebenso 

1] J. P. Lang«« Die Oflenbaning des Johannes, S. 103. 110. 124. 
2) S. 201. 3) S. 171. 179. 4) S. 176. 5) S. 187. 

6)8. 203. Die Lehre der Bibel toh Go(t> I, S. 359^. 
7) Sieben Sendschr., 8. 209. 8) S. 177. 9) S. 179. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 247 

wäre zu erwähnen gewesen^ da8s alxfAahoaUx nur Eph. 4^ 8 und 
Offenb. 13^ 10^ ^detv ausser unsem Briefen (Eph. 5^ 19 s= Kol. 3; 16) 
nur in der Apokalypse steht. An die Christologie beider Briefe er- 
innert auch das Prädicat b Ttqixtög nai 6 eaxcizog Offenb. 1, 17. 
22, 13. Weil Christus das Princip ist^ muss er auch das Endziel 
sein, wie besonders Kol. 1, 16 hervorgehoben wird*). Gana speciell 
berührt sich übrigens der Kolosserbrief durch TCQünoTOxog Ttaofjg xrt- 
aewg 1, 15 und qqxV ^Q^^QIfOTiOg ht, rwv pskqüv 1, ^8 theils mit 
Offenb. 1, 5 (o TtQWTotoxog %wv vexQtav) , theils mit Offenb. 3, 14 
(^ ^QXV ^^^ Kvlasmg voC ^sav). Ferner klingt Kol. 1, 16. 20 an 
Offisnb. 5, 3. 13. 7, 11 an, und selbst za avto Kol. 3, }. 2 erim^ert 
an Offenb. 3, 12. 21, 2. 

Uebrigeus beruht die schriftstellerische Berührung unserer beiden 
Briefe mit der Apokalypse weniger, wie das z. B. beim yierten Evau- 
gelium der Fall ist, auf speeieller Vergegenwärtigung einzelner Stellen 
des hochangesehenen Offenbarungsbuches und darauf fussender ab- 
sichtlicher Bezugnahme. Nur unbewusst schreibt der Verfasser 3, 9 
das unpaulinische d^siß T(fi va Ttdvta %%ljaav%i nacl^ Analogie von 
Offsnb. 4, U ai) envi^ijog %a ftavta (vgL 10, 6), imd nioht andere 
ist das (Xfj ifvpcoivmvsi're Eph. 5, 11 durch das fi'^ avyyioiv(ov9]oriif§ 
O&nb. 16, 4 bedingt Nachweisbarer sind ähnliche apokalyptisiohe 
Beminiscenzen schon in der Stelle Eph. 1 > 4. Nicht blpß die u^r 
paulinische nataßolrj xoafuov sl;ammt aus Offenb. 13, 8. 17, 8, son- 
dern auch die ^^o nataßolfjg xoafiov dazu Ausersehenen, aycot xal 
ccfiwfioi yiav^viimov avrov zu sein, sind identisch mjüt jener aTCOQxf 
%if d'B^ Offenb. 14, 4, welche ivvmiov %ov i^gdvov stehet 14, 3, und 
deren Gliedern bezeugt wird, dass sie afuofiol el^iw 14, 5. W^nn 
dieselben, als CoUectivperson gedacht, die hacXtiaia ayla xal aiim- 
fiog jdamtellen, die nach Eph. 5, 27 die Braut Christi ist, ßo liegen 
auch zu dieser Vorstellung die ersten Keime im apokalyptiaphei^ 
yafu>g %ov d^viov und der yvvi^ und vvfiqni Offenb. 19, 7. 9. 21»2.9. 
22, 17. Und wenn Eph. 3, 18 davon die Ueie ist, d^asis ajile H^gen 
begreifen sollen, ti ro n^ldrog nai fi'^iMg xat ßA&og xo^t vxfßog, wo- 
bei nach Hof mann 's richtig!^ Erklärung die Vorstellung einer ^le 
Christen umfiisfienden Baulichkeit zu Grunde liegt ^), so versteht 
sich dieses dunkel gelassene Bild wiederum aus der Apokalypse. 
Deonm wie der Tempel des irdischen Jerusalem (11, 1) , so ist isucb 
der himmlische niessbar (21, 15. 17), und auf jene vier Dimensionen 
fukvte direct der Außi^ruch Offenb. 21, 16 icat fj nSUg v^^dytovog 



1) Lange, S. 76. 259. 261. 

2) IV, 1, S. 138. 



248 Fünftes Kapitel. 

nelTaCy xat zö firjxog ctvjijg Saov aal %d nXätogy i^ozu J. P. liange 
bemerkt: »Hier also erscheint die typische Kubusform der Stifts- 
hütte verwirklicht im höchsten Sinne^ und die Breite^ Länge^ Tiefe 
und Höhe des göttlichen Heilswaltens nach Eph. 3^ 18 hat sich nach 
der Analogie »Das Wort ward Fleisch« in symbolischer Bedeutsam- 
keit verkörpert«^). 

3. Terhftltntes zu Matthäus and Harens. 

Unser Verfasser hat ohne Frage den ältesten Stamm der syn- 
optischen Evangelienliteratur bereits gekannt. Dies geht schon aus 
einzelnen Ausdrücken und Redewendungen hervor, welche er dorther 
entnimmt. So bieten sich zu 7täaa ßlaaq>if]fiia dq&iji^w dq>* vfiwv 
Eph. 4, 31 als nächste Parallelen Mt. 13, 12. 21,43. 25, 29. Mr. 
4, 25. Luc. 8, 18. 19, 26, zum Imperativ insonderheit Mt. 21, 21 = 
Mr. 11, 23 dar, während Paulus (1 Kor. 5,2 = Kol. 2, 14) aigeiv 
ht iiiaov vfiwv schreiben würde. Die Zusammenstellung 7tQoaev%eod'ai 
xal aheiöd'ai findet sich ausser Kol. 1, 9 nur noch Mr. 11, 24. Dem oh 
fiovov iv %fp alwvi xovxip aXXct xat iv T(p fiiXXovxv Eph. 1, 21 tritt 
als nächste Parallele Mt. 12, 32 ov%e hf rovrq) t^ aiwvi avre ev r(p 
fiillovti zur Seite. Die dem Paulus fremde Verbindung näaa dxa- 
9aqalot Eph. 4, 19. 5, 3 stammt aus Mt. 23, 27, wo das Substantiv 
ausserhalb der Paulinen einzig noch anzutreffen ist. Wenn sich Jesus, 
an alttestamentliche Stellen anknüpfend, mit einem XiS'og vergleicht 
(Mt. 21, 42 = Mr. 12, 10 = Luc. 2ü, 17. 18. Vgl. Apg. 4, 11. 1 Petr. 
2, 7), so heisst derselbe zwar in den angefahrten Stellen %eq>aXrj yvh- 
viag nach Ps. 118, 22, Eph. 2, 20 dagegen, was sachlich auf dasselbe 
herauskommt, anqoywvialog nach Jes. 28, 16 (vgl. 1 Petr. 2, 6). Der 
aqjmav %'^g i^avalag tov äiqog Eph. 2, 2 erinnert an den aq^iiav vwp 
dai^ovuov Mt. 9, 34. 12, 24. Mr. 3, 22. Luc. 11, 15, und die 
aq>€aig rwv afiaqriwv Kol. 1, 14 ist ein stehender Artikel in den 
synoptischen und apostelgeschichtlichen Reden, während der Aus- 
druck bei Paulus fehlt. Dasselbe gilt von der Form %d (^ifvq)^) yv- 
v6iieya Eph. 5, 12. Das Wort daiy^aviCjBiv Kol. 2, 15. begegnet nur 
noch Mt. 1, 19, 86iia Eph. 4, 8 ausser Phil. 4, 17 nur noch Mt. 
7, 11 = Luc. 11, 13. Bis in die christologische Terminologie des 
Verfassers hinein erstreckt sich der Einfluss der synoptischen Leetüre. 
Aehnlich wie Justin den metaphysischen Hintergrund von Kol. 
1^ 15 (vgl. V, 3, 1,2) mit einem vorzugsweise synoptischen Christus- 
bilde verbindet, so ist es auch Kol. 1 , 19 doch schliesslich die 

1) S. 254. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neu testamentlichen Literatur. 249 

evdoiiia des Vaters^ in Christus seine ganze Fülle wohnen zu lassen — 
was unmittelbar an Mr. 1,11= Mt. 3, 17 = Luc. 3, 22 erinnert i). 
Es ist nicht nöthig, solcher Berührungen, die allerdings nur 
durch ihre Menge einige beweisende Kraft haben, noch mehrere 
anzuführen; denn es lässt sich direct beweisen, dass der Autor ad 
Ephesios das Matthäus-Evangelium kennt. Ewald meint zwar, er 
denke bei Eph. 4, 26 an Mt. 5, 23—25, bei den Kindern und Nach- 
ahmern Gottes 5, 1 an Mt. 5, 48, bei den inovgdvia Eph. 1, 3 an 
Mt. 19, 28. 29 2). Aber ebenso gut könnte Mt. 6, 20. 33 zu Grunde 
liegen, wie dies Kol. 3, 1 . 2 sogar wahrscheinlich der Fall ist. Yor 
Allem aber kann es nicht zufallig sein, wenn das von unserem 
Verfasser so viel behandelte Wort iiva%rjqiov in den Evangelien 
nur Mt. 13, 11 (= Mr. 4, 11) steht, aber in einem Sinne [vfiiv di- 
öorai yvdjvai %a (ivüTriQia v^g ßaaiXelag, ixelvoig di ov diöozai), 
welcher nicht blos die stehende Verbindung mit dem Begriffe der 
yrwaig anbahnt (S. 216), sondern auch unmittelbar auf die von un- 
serem Verfasser ausgeführte Idee der apostolischen Prärogative (Eph. 

3, 5 = Kol. 1; 26) hinleiten musste. Einleuchtend ist dann aber 
auch, dass Kol. 2, 22 xatä zä ivrdlfiata xal SidaOTtaXiag %wv av- 
&Qia7t(av nach Mt. 15, 9 = Mr. 7, 7 gebildet wurde. Es fällt sogar 
von hier aus auf die Worte narä t^v Ttaqddoaiv %fav dvd-qtOTttav 2, 8, 
worauf die eben betrachtete Stelle Kol. 2, 22 zurückblickt, nur ein 
vermehrter Verdacht, sofern sie aus Mt. 15, 2. 3= Mr. 7, 3. 5 stam- 
men könnten, während zugleich aTtdtfj 2, 8 an Mt. 13, 22 = Mr. 

4, 19 erinnert (S. 155). Auch sieht av yiQaTwv tyjv xeq>aXfjv Kol. 
2, 19 aus wie Nachklang aus Mr. 7, 3 [nQaTOvvreg ttjv Ttaqddoaiv 
%äv Ttqeaßvriqmv) . 4 (aAAa TtoXkot iatcv S TtaqiXaßov yLQUTeiv), End- 
lich hat der Verfasser von Eph. 4, 29 n&g Xcyog oanQog hc tov 
avofioTog vf^dSv (xii hiTtoqevia&m offenbar sowohl an Mt. 12, 36 näv 
^ficc dgyov 8 Xali^aavaiv ol avd'QWTtoi^) , als an Mt. 15, 11 ro ht- 
ftOQ9v6(i€vov ix Tov OTOfiaxog vovro xotvol röv avd'QfOTtov und Mt. 
15, 18 T« de ixTCogevofieva sk tov OTOf^arog hi Trjg %aqdiag i^igxsvat 
gedacht. Da Parallelen zu den letztgenannten Stellen bei den an- 
deren Synoptikern theils fehlen, theils gerade die beweisenden Worte 
nicht enthalten, so ist klar, dass bereits für unseren Verfasser das 
Matthäus-Evangelium das Norm gebende ist. Nur es hat z. B. den 
Ausspruch, wonach Gott »euer Bedürfen« kennt Tcqo %ov vfx&g ah- 
vraav avv6v 6, 8, welchen Eph. 3, 20 frei reproducirt [vneq&ineqiG'' 



1) Beyschläg, S. 232. 254 fg. 2) Sieben Sendschreiben, S. 171. 195 fg. 

3) Ewald, S. 195. 



250 FOnftes Kapitel. ^ 

i. Tertiältnlss zu den Incanischen Schriften. 

Nicht selten erstrecken sich die Berührungen unserer Briefe 
mit den beiden älteren Synoptikern zugleich auch auf den dritten 
im Bunde^ ja sie gehen den letzteren unter Umständen sogar näher 
an als jene. So ist zu Eph. 6, 18 dia ftäarjg , . detjoetag TtQoaev- 
XOfisvoi h narti %ai^ . . . xat elg avto ay^Ttvovweg zunächst 
Luc. 21^ 36 ay^Ttvsite iv 7tav%i xacQfp deofMvoL zu yergleicheu. 
Weniger verwandt sind die Stellen Mr. 13, 33 (äyqvTtveUe und xai- 
Qog, wogegen ytal 7t(ioo€v%aad'e zu streichen], Mt. 26, 41 = Mr. 14, 38 
(itQoasvxea&Bf aber ^^r/yo^cZr«) . Fast scheint somit unsere Stelle, 
von der aus dem paulinischen Sprachschätze geflossenen 7tqoa%aQ- 
ni^aig abgesehen (S. 147), auf einer combinirten Erinnerung an 
Mr. 14, 88 [ftQOOfv^g . . TtQoasvxofisvoi) und Luc. 21, 36 {d&^aefog . . . 
ö&jaei) zu ruhen. Einige andere Beobachtungen sind wenigstens 
geeignet, die Aufmerksamkeit bestimmter auf diesen Punkt zu len- 
ken. Die Eph. 3, 9 = Kol. 1, 26 begegnende Verbindung des Wortes 
auiv mit aTto kommt sonst nur in lucanischen Schrifiten vor, hier 
aber allerdings stets im Singular (aTV aiwvog Luc. 1, 70. Apg. 3, 21. 

15, 18) und in der Bedeutung »von Alters her«. Die Phrase Luc 
1,51 didyoia yuaqilag avtiov könnte Eph. 1, 18 zu den beiden Les- 
arten T^g %aqdiag und Trfg diavolag Veranlassung gegeben haben. 
Zu der Verbindung ev dvKaioovvrj ytai baiottftt Eph. 4, 24 ist Luc. i, 75 
zu vergleichen, , zumal da das Wort Soimrjg nur diesen beiden Scelleii 
eignet. Der Ausdruck ro iUaiov (vgl. S. 165) steht wie Kol. 4, 1 
(vgl. Phil. 4, 8) nur noch Luc. 12, 57 [ov XQÜ^eve to dUatav). Die 
Worte TiaQ7toq)OQOvvTeg ncal av^avofuwoi elg. , . . n&aav vTtofiovfff 
Kol. 1, 10. 11 verrathen ebenso wenig eine blos zutällige Beziehung 
zu Luc. 8, 15 KaQftoq>OQOvaiy |y in:opLOvy, als die oaqwag Tteqi^jU^ 
Ofiivai Luc. 12, 35 zu Eph. 6, 14 neQL^ioüdfievoi ti^v oüifvitj xxpA 
auch die nicht weit davon (Eph. 6, 11. 13) begegnende nrnfonJUa 
findet sieh sonst nur noch Luc. 11, 22, welche Stelle ihrerseits auch 
in ihrem Inhalte stark an Kol. 2, 15. Eph. 4, 8 erinnert. Das dem 
Autor adEphesios angehörige (v^. S. 73 fg. 112) Wort i6yiia (Eph. 
2, 15 = Kol. 2, 14) ist sonst nur lucanisch (Luc. 2, 1. Apg. 

16, 4. 17, 7), und dasselbe gilt von iqyaala (Eph. 4, 19. Luc. 
12, 58. Apg. 16, 16. 19. 19, 24. 25), avyxaS^l^evif (Eph. 2, 6 und 
Luc. 22, 55), %a^%ovv (Eph. 1, 6 und Luc. 1, 28) und ^ovtfaiig 
(Eph. 1, 8 und Luc. 1, 17). Auch die vielgenannte aivwsig unserer 
Briefe (S. 216) erscheint ausser 2 Tim. 2, 7 noch Luc. 2, 47 (Mr. 
12, 33 und 1 Kor. 1, 19 sind Citate), wie auch crio/iiar^xo^ nur Kol. 
2^ 9. Luc. 3, 22 und 1 Tim. 4, 8 sich findet, und awviffiog ausser 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 251 



Eph. 6, 17. Tit. 2, 11 nur noch in den lucanischen Schriften (Luc. 
2, 30. 3, 6. Apg. 28, 28). Wir beschränken uns vorläufig auf diese 
Beispiele und weisen nur noch djU'auf hin, dass die Verwandtschafit, 
auch wenn wir blos den TtQÜxog Xoyog des Lucas in's Auge fassen, 
nicht selten das blos le^kalische Gebiet überschreitet. So erinnern 
die Beden des Zacharias, der Elisabeth, der Maria und des Symeon 
in der lucanischen Vorgeschichte, was Zusatnmenfügung und Eigen- 
thiimlichkeit des Gedankengangs anlangt, an Perioden wie Eph. 
1, 3 — 14, wie denn auch Luc. 1, 68 mit evXoyrfibg 6 •^eog (= Eph. 
1, 3) beginnt. 

Brennend wird freilich die lucanische Frage erst durch die auf- 
fallenden Parallelen, welche die Apostelgeschichte zu beiden Briefen 
bietet. Als schlagendstes Beispiel stehe folgendes voran: 



Apg. 26, 18. 
avoiSat 9q>&aXfiovs avtmv, rot) ^zrt- 
at^dy/cu anh axotovg eig 4pws 
xal tijg i^ovaiag tov aatava inl 
lov d-eov^ TOV XaßeTv avrovg atpe- 
aiv ctfiaQTtüiv xal xXrjgov iv 
T^Zg fiyiaafiivotg nttnei rj €ig 



Kol. 1. 

12. T^ IxavtoaccPTi rifjtag itg trjr fiegCSa 
tov kX^qov TtSv ayiwv iv r^ 
tpiot£, 

13. og ^QQvaato f\iJLäg ix ttjg i^oV' 
alag jov axotovg 

14. iv ip ^0^€V TtlV CCTIoXvTQtOÜiVf tipf 

a(peatv rdSp a/4^a(iti(Sv, 



Hoekstra beruft sich mit Recht auf diese durch drei Verse 
hindurchlaufende Identität der Gedanken und Ausdrücke ^j , und 
Ewald citirt zur Kolosserstelle überdies auch noch Apg. 8, 21 ovx 
&s%w öot, fu^tg ovdi nk^qog ip %(p X6yip %ovvip^). Sofern der Zu- 
sammenstellung von fJieqlg und Y,i£qog Ps. 16, 5 Kvq^og fieftg rtjg xAiy- 
Qin^fiiag fiov zu Gnmde liegt, ist daran zu erinnern, dass, wie unser 
Schriftsteller (S. 243 fg.), so auch Lucas nachweisbar seine Sprache 
an der Lectüre von LXX gebildet hat^}. Von zufalliger Berührung 
kann gleichwohl nicht die Rede sein, zumal da neben Apg. 8, 21 so- 
fort 8, 23 der avvdeafiog (auch dieses Wort hat sonst nur noch unser 
Verfasser, vgl. S. 163) adixiag als Gegenstück zum avväeofxog r^^g 
zeXevirritog Kol, 3, 14, neben Apg. 26, 18 sofort 26, 23 der Ttqärog 
i^ avaavaaefag = Kol. 1, 18 TtqwtovtnLog h, rdh ve%Qwv steht, und 
schliesslich auch noch Luc. 22 , 53 die i§owfla tov ttxotovg (Kol. 
1, 13) sich einstellt. 

Wie nun aber diese letzte der drei Vertheidigungsreden, welche 
der Verfasser der Apostelgeschichte in der Darstellung des Processes 
des Apostels anbringt, so erinnert auch die ktzte der drei, damit 



1) S. 641 fg. 2) Sendschreiben des Paulus, S. 476. 

3) Vgl. meine Synoptischen ETangelien, S. 332%. 



252 



Fünftes Kapitel. 



parallelen 1) Missionspredigten des Paulus fast ebenso stark an die 
Epheser- und Kolosserbriefe. Auch hier lenken wir die Aufmerk- 
samkeit zunächst auf diejenige Stelle^ wo die Berührung am eviden- 
testen hervortritt: 



Apg. 20, 28. 
TiQoaix^re ovv kavrolg xal navxl 
T^ TToifirVitp, iv (p vfirug ro nvevfxa 
To ttyiov t^d-Eto imaxoTiovg , not' 
fxalvBtv Trjv ixxXtjaCav rov 
xvgiov , "^v n €Q 1,^71 oiriaaxo S la 
rov atfiatos rov idlov. 



Eph. 

4, 11 avjog^dfoxEv .,tohg6knoifiivaq, 

5, 25 XQiOtog ijyaTiriaev tijv ixxlti- 

alav xai iauTov naQtStaxev vnlq 
avtrjg» 

1, 14 eig anolvjQfaaiv xr^g negmoi- 
rjaetag. 

\f 7 Tfjv anolvTQfoOiV Sia zov atfxa- 
%og airtov (= Kol. 1, 20). 



Nachdem schon S. 93 auf die, den Autor ad Ephesios von 
Paulus unterscheidende Formel dia rov aXixazog (tov atccvQOv) ccv- 
%ov und auf ihre, ihn dafür dem Verfasser der Apostelgeschichte 
näher bringende Combination mit der nefCTtoirjOcs aufmerksam ge- 
macht worden ist, bedarf es hier nur eines Hinweises auf die, gleich- 
falls für den nachpaulinischen Standpunkt charakteristische Weise, 
wie beiderorts die von Christus oder dem heiligen Geiste einge- 
setzten Gemeindebeamten hier weniger als solche, als vielmehr als 
Kirchenbeamte erscheinen, wie ja schon die inuXriaia %ov xvqIov 
hier nicht die ephesinische Gemeinde, sondern die Kirche be- 
zeichnet^). Nach dieser Richtung findet somit die milesische Rede 
des Paulus ihre Parallele ebenso sehr im Epheserbriefe, wie in Bezug 
auf anderweitige, die Irrlehrer angehende Punkte in den JPastoral- 
briefen ^) . 

Aber die Nachwirkungen unserer beiden Briefe verrathen sich 
auch noch an anderen Stellen der besprochenen Rede. Man ver- 
gleiche: 

Apg. 20, 18 aTto TtQtüTTjg fifjL^qag onp ^g = Kol. 1, 6. 9. 
19 dovlevfop %(^ yivqUf = Kol. 3, 24. 

fietä rräofjg xa7tuvoq>Qoavvrjg = Eph. 4, 2. 
23 deaiAOL %ai d'Uipetg = Kol. 1^ 24. 4, 18. 

Eph. 3, 1. 4, 1. 



1) Vgl. hierüber De Wette = Overbeck: Kurze Erklärung der Apustel- 
geschichte, 1870, S. 189. 365. 

2) Overbeck, 8. 348. 

3) Overbeck, S. 350. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neut^tamentlichen Literatur. 253 

Apg. 20^ 24 dvanovlav i)v i%aßov diafia^Tv- 

qaad^at %6 BvayyiXiOv t^s %a- 
QCtog Tov d'kov = Kol. 1, 23. 25. 

Eph. 3, 7. 8. 
27 nSaav zijv ßovXijv rov d'eov =Eph. 1, 11. 

31 yQfjyoQSiTe = Kol. 4, 2. 
vov&iTWv ^va hiaoTOv = Kol. 1, 28. 

32 z(P dvva(ihf(ff = Eph. 3, 20. 
inoLyLodoiifjaav = Eph. 2, 20. Kol. 2, 7. 
%at dovvai xXrjQOvOfziav = Eph. 1,14. Kol. 3, 24. 
^ toig rjYiaofxivoig näaiv = Eph. 1, 18. Kol. 1, 12. 

Je charakteristischer für' den Autor ad Ephesios z. B. eine Wen- 
dung wie jtierä TtdariQ Ta7teivoq>Qoavvr]g ist (vgl. S. 117), desto befremd- 
licher ihre wörtliche Wiederholung im Munde des Paulus der Apostel- 
geschichte. Auch hier jedoch liegt die Harmonie noch mehr in der 
Sache wie im Ausdrucke. Richtig bemerkt De Wette, dass ßovlrj 
Apg. 20, 27 ungefähr das bedeute, was sonst Paulus t6 fivazi^Qiov 
nennt ^) , worin wir unsererseits einen Lieblingsbegriff unseres Ver- 
fassers erkannt haben (S. 214 fg.], und ganz in der Phraseologie des 
letzteren bewegt sich der aus Apg. 20, 32 angeführte Satz. 

Sollte sich nun herausstellen, dass die unzweifelhaft vorliegende 
Abhängigkeit des Verfassers der Acta von den paulinischen Homolo- 
gumenen auch auf unsere beiden Briefe ausgedehnt werden muss, so 
ist es gewiss charakteristisch für seine ganze Auffassung des Apo- 
stels, wenn er gerade in der Redaction seiner Reden sich mit Vor- 
liebe an diejenigen Paulinen hält, welche selbst schon den Paulus 
nur mittelbar zum Wort gelangen lassen und ihn den Zeitverhält- 
nissen jenes Autors um ein l^eträchtliches näher rücken. Anderer- 
seits wäre es freilich ebenso möglich, dass der letztere dasselbe 
Verfahren, welches er den paulinischen Briefen gegenüber einschlägt, 
auch in Bezug auf die paulinischen Reden der Apostelgeschichte 
beobachtet. 

Wir kommen also über die Constatirung des schriftstellerischen 
Verhältnisses nicht hinaus. Ein solches aber ist freilich mit aller 
Bestimmtheit zu behaupten. So ist nicht blos der Ausdruck, son- 
dern auch die Vorstellungsweise identisch, wenn z. B. Apg. 2, 39 
(vgl. auch 22, 21) die Heiden ol slg f^axqdv heissen, wie Eph. 2, 13 
oi ovteg iiovlq&v. Wenn ferner in Uebereinstimmung damit Eph. 
2, ]7 Christus evfjyyeXiaaTO siWjvriv zolg iia^qdv xat roXg iyyvg, so 
wird die letztere Richtung auf Apg. 10, 36 [top loyov ov aTtioTuXev 

1) A. a. O. S. 347. 



254 Fünftes Kapitel. 

%oig vioig ^lagaijl evayyeXi^dfievog elqT^vfjv dicc ^Irjffov Xqiotov) be- 
sonders betont. Nicht minder erinnert die Art, wie Kol. 1, 26 and 
tav yevewv steht, an Apg. 14, 16 ^ Toig ^aqtpx^fiipaig yeveaig und 
15, 21 ht yevewv a^xaltav. Auch natqui ist Eph. 3, 15 im Sinne 
von Apg. 3, 25 gebraucht^). Sachlich fallen zusammen die Stellen 
Eph. 1, 20 und Apg. 3, 15, sofern beiderorts gezeigt wird, wie Gott 
den Messias damit, dass er ihn von den Todten erweckt, zu einem 
Urheber des Lebens für die an ihn Gläubigen gemacht hat. Ebenso 
ist das von dem gen Himmel gefahrenen ausgesagte ^dfouev dofiata 
toig avd'qwTtoig Eph. 4, 8 ganz im Sinne von Apg. 2, 33 {vipwd^etg 
Ttjv inayyeXiav %ov Ttveuficcrog tov äylov laßwv Ttaqa tov Ttcnqbg 
i^ixeev tovTo) gemeint. Höchst auffällig ist auch die beiden Schrift- 
stellern gemeinsame Vorstellung vom gebundenen Paulus. Während 
das Zeitwort disiv bei Paulus nur metaphorisch steht (S. 166), kommt 
es Kol. 4, 3. Apg. 12, 6. 21, 11. 33. 24, 27 im eigentlichen Sinne 
vor, meist mit Bezug auf Paulus, welcher Apg. 23, 18. Eph. 3,1. 
4, l (Philem. 1,9. 2 Tim. 1 , 8) 6 deafiiog heisst und Eph. 6, 20. 
Apg. 28, 20 die Slvaig trägt. Noch mag bemerkt werden, dass das 
Wort aTteiXf] ausser Eph. 6, 9 nur Apg. 4, 17. 29. 9, 1, A' oXiy^ 
Apg. 26, 28. 29 ganz wie Eph. 3, 3 steht und die Eph. 1, 15 be- 
gegnende Ersetzung des Possessivpronomens durch xata mit dem 
Personalpronomen sonst besonders in der Apostelgeschichte häufig 
ist (vgl. 17, 28. 18, 15. 26, 3). 

Dass man jedoch bei Beurtheilung der in diesem Abschnitte 
beregten Fälle sehr auf der Hut sein muss, erhellt, wenn man sich 
erinnert, dass ja Lucas selbst in Erzählui^sform , Darstellung und 
Wortvorrath von Paulus abhängig ist 2). Wenn sich mithin die 
Formel dtädvai tÖTtov rcvi nur Rom. 12, 19. Eph. 4, 27 und Luc. 
14, 9 findet, so ist schwer zu sagen, ob beide Nacharbeiter des 
Paulus hier gleichmässig ihm selbst folgen oder ob überdies noch 
einer von ihnen auf den Spuren des anderen einhergeht. Dass 
Lucas jedenfalls auch den Kolosserbrief des Paulus gelesen hat, er- 
hellt z. B. aus den üTtlayxva ikiovg Luc. 1, 78, worin die OTiXdyxy^ 
olxtiQfiov Kol. 3, 12 nachklingen, aus der Vorstellung eig to i^aistr- 
q)9ijvai vpiwv %äg a^aqviag Apg. 3, 19, die mit Kol. 2, 14 identisch 
ist, aus der ganz einzigen Bedeutimg, welche tvqooq&v Apg. 21, 29 
(»vorher sehen«, sonst »vor sich sehen«) nach Analogie von nqoa- 
KOV€iv Kol. 1,5 hat. Ebenso ist es die echte Stelle Kol. 4, 6 S Idyog 
vfiwv ftavTOXB iv xaqiTiy aXari i^QTVfidvog, welche nicht blos in der 



1) Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc., S. 247. 

2) Vgl. meine Synoptischen Evangelien, S. 316 fg. 



i^ 



1. 'Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 255 

eigenthümlichen Fassung Luc. 14^ 34 (vgl. S. 183)^ sondern auch 
Luc. 4^ 22 in den l6yoig v^g x^Q^'^^^S v^'^S hLnoQevofiivoig hc %ov 
inofiavog avvov nachklingt. Aber gerade der Zusatz macht wahr- 
scheinlich» dass Lucas auch schon die Parallele Eph. 4^ 29 X6yog 
aafCQog hi %ov a%6^ot%og vfiwv (n^ i^ftOQSvia^io älX tva öip x&qlv 
%oig omovovatv gekannt hat und beide ähnlich lautende Stellen in 
seinem Ausdrucke combinirt. Ebenso scheint Apg. 9, 31 in dem 
Tropus »Erbauen« (vgl. auch 20^ 32) zunächst nur der in dem ersten 
Korintherbriefe so häufig begegnende paulinische Sprachgebrauch 
zu Tage zu treten; aber ausser der Yerbalform erinnert namentlich , 
die Zusammenstellung der inconcinnen Vorstellungen hoiXfjaia oi- 
%odofiavfiivri xat fSOQevofiivf] %(S g>6ßqt %ov kvqiqv an Kol. 2^ 6. 7 
hf ctvviji nBQiffta%ßi%ä iQfi^wfiivoi Kai iTtomodofiovfievoi h avT(^ 
(vgl. S. 154). 

. Wir werden daher bei dem Urtheile stehen bleiben müssen^ 
daoB unsere Briefe mit den lucanischen Schriften durch eine eigen- 
thümliche, nicht auf blosem Zufall beruhende Verwandtschaft des 
Sprachcharakters und des Anschauungskreises verbunden sind^ welche 
Erscheinung mit grösster Wahrscheinlichkeit auf ein Abhängigkcits- 
verhältniss des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte zurück- 
zufuhren sein wird. 

6« Terhältniss zum Hebräerbriefe. 

Die Stellung imserer ßriefe zu den lucanischen Schriften ist 
der zum Hebräerbrief in vieler Beziehung ähnlich; nur spricht hier 
die grössere Wahrscheinlichkeit für die entgegengesetzte Erledigung 
der sich in gleicher Weise ergebenden Alternative. Schon in den 
Nachweisungen über das Abhängigkeitsverhältniss des Kolosserbriefes 
von den Paulinen (S. 148%. 168 fg.) haben wir promiscue mit den 
letzteren auch den Hebräerbrief auftreten lassen, erinnern daher hier 
nur an den gemeinsamen Gebrauch von Substantiven auf ig [ävta- 
Ttodoatg, vgl. S. 166), von Formeln wie o Xoyog %ov XQtatov (S. 164), 
von Wörtern wie 7tXrjQoq>o^a in dem bestimmten Sinne von Kol. 

2, 2 (S. 153) und von %eXei6%rjg in dem bestimmten Sinne von Kol. 

3, 14 (S. 163 fg.), ferner an die sachliche Berührung zwischen Kol. 
3, 1. 2. und Hebr. 12, 22 (S. 160), an die Zusammenstellung der 
ß^aig xai 7c6aig mit dem heiligen Kalender (S. 157. Vgl. auchS. 159), 
vor Allem aber an die genau identische Auffassung des Gesetzes als 
eines Typus und Schattens zukünftiger Wahrheit (S. 157%. 210). 

Nicht minder wandelt der Autor ad Ephesios aber auch in sei- 
ner Christologie auf den vom Hebräerbriefe eröffiieten Spuren. Denn 



256 Fünftes Kapitel. 

in letzterem Schriftstücke begegnen wir zuerst jener eigenthümlichen 
Synthese des Widersprechenden, welche Veranlassung gab, nament- 
lich den Kolosserbrief schon als Präformation der Zweinaturenlehre 
aufzufassen. Auf der einen Seite ist aTtavyaofxa v^g öö^g Tiai %a- 
QaxTriQ T^g vTtoavdaaiog cevtov Hebr. 1, 3 identisch mit der Betrach- 
tung des Sohnes als des Sichtbaren an Gott (Kol. 1, 15 ehta^ %üS 
d-BOv tov äoQaTOv} ; heisst doch im Unterschiede zu ihm Gott selbst 
ausser im Kolosserbriefe nur noch Hebr. 1 1 , 27 und 1 Tim. 1,17 
6 ddqctrog. Andererseits kehrt wie Kol. 1, 15.* 18 auch Hebr. 1, 6 
der Titel ftganoTOxog wieder, und zwar in entschiedener Beziehung 
zur olxovfxirrjy also nicht in dem Sinne eines menschheitlichen Ver- 
hältnisses, wie Rom. 8, 29, sondern diirchaus kosmisch. Dass aber 
auch der Hebräerbrief die Consequenz des Ausdruckes gerade so 
zieht, wie wir sie im Kolosserbriefe gezogen fanden (S. 238), ist 
3, 2 [niotov ov%a T(p Ttoctjaavri avrov) mit dürren Worten gesagt. 
In Bezug auf das, im Hebräerbriefe ausgeführte, hohepriester- 
liche Heilswerk ist schon oben (S. 93) auf die Uebereinstimmung 
der Stelle Hebr. 9, 12 mit Eph. 1, 7 in Bezug auf die beiderorts 
gelehrte [d7to)lvtqwaig diä lov Idlov (oder avTOv) alf^atog hin- 
gewiesen worden. Auch sonst findet gerade auf diesem Gebiete 
eine weitgehende Gemeinsamkeit der zu Gebote stehenden Termi- 
nologie statt. So kommt das Wort ayid^eiv zwar bei Paulus vor, 
gehört aber doch recht eigentlich in das Sprachgebiet des Hebräer- 
briefes, wo es so oft begegnet als in allen echten Paulinen zusammen- 
genommen (6 mal). Nach Paulus sind die Christen ^yiaofiivoi h 
Xqcotffi (1 Kor. 1,2, 6, 11) oder h TtvevfiaTi, aylq) (Rom. 15, 16) 
und heiligen darum, wiewohl selbst stetiger Heiligung auch fürder 
bedürfend (1 Thess. 5, 23), selbst wieder diejenigen, welche mit ihnen 
in Berührung kommen (l Kor. 7, 14)^ Aber ausdrücklich in den 
ayiaaf4.6g setzt Paulus den Zweck des Versöhnungstodes nicht, wel- 
cher vielmehr in der Rechtfertigung beruht. Wohl aber sagt der 
Hebräerbrief 13, 12 dio xat ^Itjaovg tva ayidorj did tov idlov aljtia- 
%og TOV labv e^u) %rjg nvXifjg €7ta&evj und zum Theil bis aufs Wort 
übereinstimmend wird Eph. 5, 26 der Zweck der liebevollen Dahin- 
gabe Christi an die Gemeinde darein gesetzt Iva avv^v ayiaatj 
(vgl. damit auch Hebr. 2, 11. 10, 10. 14. 29). — Schliesslich noch 
einige Bemerkungen von mehr lexikalischer Art. Während nur 
Paulus das Substantiv dyqvnvia kennt (2 Kor. 6, 5. 11, 27), kommt 
das Zeitwort dyqvnvelv in der gesammten epistolischen Literatur 
blos Hebr. 13, 17 und Eph. 6, 18 vor, und zwar in demselben prä- 
gnanten Sinn. Häufig wie die Paulinen gebraucht der Hebräer- 
brief das Wort a7/uor. Während aber die gewöhnliche Formel aopS 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 257 

xat alfia lautet (Mt. 16^ 17. 1 Kor. 15^ 50. Gal. 1, 16)9 bieten die 
Stellen Hebr. 2, 14 und Eph. 6, 12 die Folge alfna xai adg^, — 
AufiPallig ist die blos Hebr. 3, 12 und Kol. 2, 8 sich findende Ver- 
bindung ßkifcetB fiTj [Ttoxe] saTai. — Die inayyekia ist Eph. 3, 6 
gerade so speciell auf die messianische Verheissung zu beziehen^ 
wie Hebr. 6, 15. 17. 10, 36. 11, 39, was jedoch allerdings nicht 
ohne Analogie bei Paulus ist. — Das Wort nqavyq kommt in der 
epistolischen Literatur des N. T. blos Eph. 4, 31 und Hebr. 5, 7 
vor. — Die Formel eig otTtoXvrqwaiv (Eph. 1, 14 == Hebr. 9, 15) ist 
unpaulinisch. — Wie Eph. 1, U ist ßovXri auch Hebr. 6, 17 ge- 
braucht, anders 1 Kor. 4, 5 (sonst nicht bei Paulus). — Der dtcr- 
ßoXoq des Epheserbriefes (vgl. S. 5) kommt auch Hebr. 2, 14 vor. — 
Paulus kennt nicht das Wort rjkiyLia (Eph. 4, 13 = Hebr. 11, 11). 
— Dem hf (p Sxofusv ttjv TtagQi^alav xat vfjv 7tQoaay(oyi^v Eph. 3, 12 
entspricht TtqooBqxwiJie^ ovv fueta naQQi^aiag Hebr. 4, 16. — Die 
unpaulinische naraßol'^ ndcfiov begegnet, wie Eph. 1,4, so auch 
Hebr. 4,3. 9, 26, freilich auch sonst im N. T. — Ebenso ist das 
htdd'iaev iv delia ^eov zwar synoptisch, in der epistolischen Literatur 
aber ausser beim Autor ad Ephesios (l, 20) nur noch im Hebräerbriefe 
vorfindlich (vgl. S. 160). — Das Wort VTveqavw findet sich nur Eph. 
1, 21. 4, 10. Hebr. 9, 5, und zu iiteqavw TtavrtDv tfSv ovQavwv Eph. 
4, 10 citirt überdies Bleek treffend als Parallelen Hebr. 4, 14. 
7, 26 ^). Reuss endlich citirt als ein Wort, welches man im Epheser- 
brief für unpaulinisch ausgebe, etwas spöttisch »sogar ag)€aiQii^). 
Aber wenigstens in der gesammten epistolischen Literatur findet 
sich dieser bedeutende Terminus in der That nur Eph. 1, 7 = Kol. 
1, 14 und Hebr. 9, 22. 10, 18. 

6. Terhältniss ^u den Pastoralbriefen. 

Der spätere Paulinismus, welchen wir im Epheserbriefe wahr- 
nehmen, berührt sich mehrfach mit dem Sprachgebrauche, dem Wort- 
vorrath und dem Vorstellungskreise der Pastoralbriefe, wodurch unser 
Resultat nur an Festigkeit gewinnen kann. Wir brauchen übrigens 
in dieser Beziehung nur an gelegentlich schon Bemerktes zu erinnern, 
wie an die beiderlei Briefstücken gemeinsame Vorstellung vom ge- 
fangenen Paulus (Kol. 4, 3. Eph. 3, 1. 4, 1. 6, 20. 2 Tim. 1,8), 
an die Uebereinstimmung, womit hier wie dort die christliche Ethik 
sich bereits in eine, die einzebien Stände berührende Pflichtenlehre 
gliedert (S. 166), während der spiritualistischen Askese dieselbe Op- 

1) S. 259. 2) S. 107. 

Holtxmann, Eritik der Epheser- n. Eolosserbriefe. 1 7 



258 Fünftes Kapitel. 

Position geboten wird (S. 159). Ebenso übereinstimmend ist die 
Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen der Herrschaft Christi 
und der Herrschaft Gottes (S. 229) , die Bezeichnung des Teufels 
(S. 5. 101)9 die Bestimmung des Verhältnisses von Glaube und Liebe 
(S. 212), der eigenthümliche Gebrauch von dtdaaxakia (S. 217), die 
Bezeichnung des Publicums durch oi dytovovTeg (S. 217), die Op- 
tativform diprj (S. 135), die Verbindung der Begriffe x^Q^S und dt- 
dovai (S. 138), so wie auch die von Ttqoaevxrj und dhjaig (S. 147). 
Im Gebrauche derartiger Bildungen und Verbindungen sind 
übrigens wahrscheinlich die Pastoralbriefe abhängig von unseren 
Schriftstücken, wiewohl die mit einiger Sicherheit zu constatirenden 
Fälle nur den ursprünglichen Kolosserbrief betreffen. So wirkt Kol. 

1, 5 in 2 Tim. 4, 8 (S. 170), Kol. 2, 1 theils in 1 Tim. 4, 10 (S. 175), 
theils in 1 Tim. 6, 12. 2 Tim. 4, 7 (S. 176) nach. Sollte sich end- 
lich ergeben, dass die Doxologie Rom. 16, 25 — 27 vom Autor ad 
Ephesios herrührt (V, 5, 2) , so müsste eine Abhängigkeit der Pastoral- 
briefe von letzterem vorab mit Bezug auf 1 Tim. 1, 17, zumal bei 
der Lesart aog>tp ^) , ausserdem aber noch bezüglich aller der von 
Lucht^) aufgeführten Stellen angenommen werden, in welchen die 
Pastoralbriefe sich sonst noch mit jener Doxologie berühren. 

7. Terhältniss zum Jakobosbriefe. 

Mayerhoff hat aufmerksam gemacht auf das Jak. 1, 22 vne 
Kol. 2, 4 erscheinende TtaQaloyl^ead'ai^) und die Jak. I, 26. 27 vide 
Kol. 2, 18 auftretende d^Qfjaytela (sonst nur Apg. 26, 5) 4). Dem könnte 
^XUoQ, was ausser Kol. 2, 1 nur noch Jak. 3, 5 steht, femer der 
eigenthümliche Gebrauch von i^evog Kol. 2, 8. Eph. 5, 6 und Jak. 

2, 20, endlich auch noch die Parallele von näaa mxQla xai &v^dg 
xat ogyij Eph. 4, 31, und Jak. 3, 14 ^fjlog 7tiy.q6g an die Seite ge- 
setzt werden. Aber Beweisendes haben alle diese Beobachtungen 
nichts. Eher Hesse sich die Abwandlung des Ttaxrjq %wv ohtTiQiiäv 
2 Kor. l, 3 in einen nat^Q T^g dö^g Eph. 1, 17 (vgl. aber S. 134) 
aus hereinspielender Reminiscenz an Jak. 2 , 1 i XQiarog r^g do^tjg, 
oder die negative Mahnung Eph. 4, 27 fitjdi diöote %6nov zip diU" 
ß6X(ff als Nachwirkung der positiven Kehrseite Jak. 4, 7 avrlaTtjTß t^ 
diaßSlfp ytai g)ev^€tai ä(p v^ifSv erklären. 



1) Vgl. Lucht, S. 95. 113. 

2) S. 99 fg. 104 fg. 

3) S. 23. 4) S. 21. 



i* Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentliehen Literatur. 259 



S. Terhältniss zum ersten Fetrnsbriefe. 

Ungleich mehr Anhaltspunkte für ein vergleichendes Verfahren 
bietet der erste Petrusbrief, auf dessen eigenthümliches Verhalten zu 
unseren beiden Schriftstücken schon Schwegler hingewiesen hat^). 

Wir betrachten zuerst die Parallelen des Kolosserbriefes. 



Kol. 1. 
3. ivxagiatovfAiv rt^ ^€(p .... 

5. Sitt TTfv Ihnl^tt Ttiv anoxitfiivtjv 
vfilv iv roTg oigavotg, ^V ngorpcov^ 
aaxe. 



1. Petr. 1. 

3. evhyyritog o d-eog . . . o avayivvi^aag 
Tjfiag ifg (Xnlda (üiQaVf 

4. efg xXfjQovofniav . . . TeTrjQrjjuivrjv iv 
ovQavoTg 

10. TrQOif'fjTivaavteg 

1 1 . nqofAaQtVQOfXivov. 



Der Kolosserbrief bietet hier m bündigem Gedankengange die 
Elemente^ welche der Petrusbrief behandelt^ was besonders in der 
Ausführung über die himmlische Garantirtheit der Hofihung deut- 
lich wird; auch der rein äusserlich scheinende Nachklangt welchen 
die Zusammensetzung mit nqo findet^ gewinnt an Bedeutung^ wenn 
man sich der ähnlichen Nachwirkung erinnert, welche TtqoanovBiv 
in dem nqooq&v der Apostelgeschichte (vgl. S. 254) gefunden hat. 



Kol. 1. 

12. r^ natgi r<^ IxaviadavTi '^fiSg eig 
rijf fiiglStt Tov xXriQov rtSv ayiüiv 
iv T^ (fforlf 

13. og iQQvaaTorjfnag ix rijg f^ovaCag tov 
axoTOvg xal /LiiTiatijasv efg tr^v ßa^ 
aiX^ittv TOV vlov tr^g dyccTTtjg avrov. 



1 Petr. 2. 
9. Xaog efg negmoirjaiv oncDg tag äge- 
rag iiayydXrjre tov ix axoTove vfxag 
xaXiaavtog efg ro d-avfiaajov uv- 
tov (fcSg, 

10. of nore ov Xaog, vvv Sk Xaog 9eov, 



Es ist im Wesentlichen dieselbe Thätigkeit Gottes, welche be- 
schrieben wird, wobei zu beachten, dass auch 1 Petr. 2, 10 durch 
den Gedanken der Berufung alg tijv fieqlda tov hXi^qov twv ayiwv 
veranlasst ist. In beiden Fällen muss daher mit Hoekstra auf 
Abhängigkeit des Petrusbriefes erkannt werden^). 



Kol. 1. 

22. ^1^ T^ atofiart r^; auQxbg avrov . . 

23. ry nlaxei red-efieXtiof^ivot xal i^gaiot 
xal fifi (Ltetaxixovfievoi, 



1 Petr. 
2, 24. iv T^ atofiari uvrov. 

5, 9. aregeol ry nlaxei. 

5, 10. xaragtiaei, arrjQi^ei, ad^evtoaeij 
d^efjLeXitaaei, 



Allerdings nicht mehr als Anklänge. Aber zufallig ist es doch 



1) Nachapostolisches Zeitalter, II, S. 8 i%. 



2) S. 650. 



17* 



260 



Fflnftes Kapitel. 



nicht, dass d^e/ieXiovv ausser Mt. 7, 25 = Luc. 6, 48 nur in der nach- 
paulinischen Briefliteratur (vgl. S. 50) gebraucht wird. 



Kol. 



yriv ^vfxw *axiav ßXaatpfifiiav at» 
axQoXoyluv ht xov arofiatog vfji^v. 



1 Petr. 
2, 1. anod-i^Evoi nSaav xaxCav xal nav' 
ra SoXov xal \moxQ(0€ig xal ip^- 
vovs xal Tiaaas xarakalidg. 



Hier wie dort ist in ganz ähnlichen Ausdrücken vom Ablegen 
der Zungensünden die Rede. Der Umstand, dass Kol. 3, 9. 10 vom 
Ausziehen des alten und Anziehen des neuen Menschen gesprochen 
wird, konnte möglicher Weise sogar für den Verfasser des Petrusbriefes 
eine Veranlassung werden, mit wg aQTiyiwrjTa ßqiqnj 2, 2 fortzu- 
fahren. Allein abgesehen davon, dass die Idee der Wiedergeburt 
ja auch kurz zuvor (1 Petr. l , 23) berührt war, begegnet eine ganz 
ähnliche Gedankenverbindung auch im Epheserbriefe, wo die Auf- 
forderung zur Erneuerung von einem äTtoi^eai^ai (4, 22) und dno- 
d'ifievoi TÖ xfjevdoQ (4, 25) eingefasst erscheint. 



Kol. 



3, 17. Ttdvxa iv ovofiait, xvqCov *IfiaoVy 
svxagiarovvTSs r^ &i^ nar^l 6C 



avTOv, 



3, 25. 6 yciQ ttStxeSv xofila^jai o rjd^xtj- 
asv xal ovx ^aiiv ngoatanoXrifixpla. 



1 Petr. 
4, 11. iva iv näai So^a^r^jai 6 &€6g Sia 
*lTiaov Xqiatov. 

1, 17. Tov angoatonoXrifiTTTüis xqCvovra, 



Bezüglich der ersten Parallele findet wenigstens eine Verwandt- 
schaft des Gedankens statt; die zweite legt es nahe, den Ausdruck 
und Begriff des ohne Ansehen der Person Richtenden aus Kol. 
3, 25 oder auch Eph. 6, 9 abzuleiten. Dass aber beide Briefe in 
der Beurtheilung des Verhältnisses der alttestamentlichen Prophetie 
zur neutestamentlichen Erfüllimg übereinstimmen, wurde schon oben 
(S. 211) nachgewiesen. 

Zum Epheserbriefe liefert der erste Petrusbrief so viele Paral- 
lelen, dass man beide durchgehends mit einander vergleichen kann ^). 
Wie der Epheserbrief als ein Rundschreiben gedacht ist (S. 132), 
so wird der Petrusbrief (l, 1) ausdrücklich als ein solches bezeichnet. 
Ganz auf der Hand liegend ist die schriftstellerische Beziehung 
gleich in der Eingangsperiode beider Briefe. 



1 Petr. 1. 
3, , svloyrirbs 6 &€6g xal narriQ tov 
xvqIov rifi&v ^Iriaov Xgiarov, 6 ava» 
y€vvi^aag fifiag^ 



Eph. 1. 
3. fvXoyfiTog 6 ^€0; xal nartig rov 
xvqIov r^fiüv ^Iriaov Xqiarov, 6 cv- 
loyijaag rffiäg. 



1) Credner: Einleitung, S. 635 fg. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 



261 



1 Petr. 1. 

5. (pQOVQovfxlvovg 

8. ov ovK idovreg ayanäre 

9. xofii^ofxivot, 

10. mqX iig 

11. iQewdSvieg 

12. olg 

13. <f«o ttvaiaCitfievoi 



Eph. 1. 
5. nqooQlaag fffiag 

7. iv (j) h'xoii€v 

8. i}( inBQiaaevaev 

9. yvoiQiaag 

11. ji' ^ TiQooQia&ivTeg 

13. ^ ^ xcel . . . axovaavr€( 
^v ^ . . . . niarivaavres 

14. oV 

15. <fio; Tovto xdyto axovaag. 



Die Regelmässigkeit 9 womit hier nach der identischen Doxo- 
logie Participien und Relative sich ablösen , bis die Periode abge- 
wickelt ist und mit di6 eine neue anheben kann, entzieht sich um 
so mehr jeder etwaigen Erklärung aus Zufall , als auch der Inhalt 
der Periode sofort wieder mit dem Epheserbriefe^ und zwar zumeist 
mit der unmittelbar folgenden Periode Eph. 1, 15 — 23 stimmt. 
Man vergleiche 



1 Petr. 1. 

3. 6 xark to noXv avtov MX^og ava^ 
y^w^aag rifji&g elg iXniSa (tSauv 
SC dvaardastog *Iiiaov Kgiarov ix 
vixq&v 

4. üg xXfiQovofiiav .... 



5. xovg iv SwdfiEi d-Bov (pQovgovfii- 
vovg Sid nCaxBfag. 



Eph. 1. 

18. n^iftOTiafxivovg ... ilg to etSivai 
vfjL&g j(g iariv 17 iXnlg Ttjg xXriOiiug 
avTov xal rtg 6 TiXoHrog rijg So^fig 
rrig xXriQOVOfiCag avtov iv roZg dyloig, 

19. xal tC jo v7t€QßdXXov fjifyid-og rijg 
SvvdfietDg avtov €ig tjfiäg rovg ni- 
at€vovtag xard r^v ivi(fy€tav tov 
xgdtovg rijg taxvog avtovt 

20. tjv ivi^qyria%v iv rip Xgiat^ iyaCgag 
avtov fx viXQtSv 

(2, 4 6 d-eog nXovaiog äv iv iXiei 
Sid tijv noXXrjv dydnriv avtov) 



Hier ist zu beachten, wie beiderorts die ikTtig hervorgehoben 
und als ihr Gegenstand die. xAi;^oyOju/a ^genannt wird, beiderorts die 
Auferstehung Christi als letzter Grund derselben erscheint, beiderorts 
die dvpafiiQ d^eov in eine Beziehung zur Ttiattg gesetzt ist; nicht 
minder, wie die Verbindung xat vlg b nXovfog tilg ydr^QOvofilag av%ov 
in der Weise aufgelöst wird, dass aus dem nkovvog imd einer Re- 
miniscenz aus Eph. 2, 4 das xcrira' %d noXv ovtov €%€og er- 
wächst, während die xltjQOvofjila verselbständigt und der iXrtlg 
ooordinirt wird. 

Eine nicht minder auffallige Parallele bietet sich dar zwischen 
1 Petr. 1, 10—12 und Eph. 3, 5. 10. Schon oben (S. 211) sahen 
wir, dass beiden Stellen, und nur ihnen im N. T., gemeinsam ist 



262 



Fanftes Kapitel. 



der Gedanke 9 dass der Inhalt der prophetischen Weissagung nicht 
sowohl ihren ersten Verkündigem, als vielmehr erst uns ein Gegen- 
stand klaren Bewusstseins geworden sei. Aber auch die Wahl der 
Worte lässt über das Parallelitätsverhältniss keinen Zweifel übrig. 



IPetr. 1. 

10. TTQOtpiJTai 

11. iQ€vrtSvtsg etg tlva . . . xaigov Uif- 
lov ro iv avToZs nvivfia 

12. ois anexaXvif&ij ort ov^ iavroh 
^fiTv ^h ^iijxovovv avtd, a vvv 
avfiyyiXij, 



Eph. 3. 
5. irigats yeveais ovx iyvtaQla&fi . . . 
tag vvv tt7iixalv(f&'>i toTs . . . 9rpo- 
(fr^TUig iv nvev/Äari 

10. fr« yviOQtad-^ vvv . . . 



Nur geht der Verfasser des Petrusbriefes dadurch noch über 
den Autor ad Ephesios hinaus, dass er das d7r€yLaXvq>-9'rj, welches 
dieser erst den Zeitgenossen der Erfüllung beilegt, schon auf die 
Propheten selbst bezieht, so dass diese durch Offenbarung ein Wissen 
um ihr Nicht -Wissen bezüglich des Inhalts der Offenbarung em- 
pfangen haben. In dieser Beziehung correspondiren sich später auch 
noch die Stellen 1 Petr. 1, 20 und Eph. 3, 9. Und wenn nach Eph. 
3, 10 die Engel das Heilswerk, welches ihnen bisher ein Geheimniss 
war, zu ihrer Ueberraschung erfahren, so geben sie sich 1 Petr. 1, 12 
wenigstens Mühe, in dasselbe einzudringen. 

Ebenso klar zu Tage liegt die Parallele zwischen den Stellen 



Eph. 2. 
3. iv olg xal rifxilg navres aviar^d- 
(ffjfjiiv TTore iv rais ini&v/dittis rijg 
aaqxog rjfidjVf noiovvT€g ra O-ik^fia" 
ra tijs aagxbs xal rtSv SiavoUiv. 



1 Petr. 1. 

13. dva{aiadfi€vot rag oatpvag r^g ^la- 
voCag . . . 

14. fjLi] ava^tifianCofievoi ratg nqotBqov 
iv t^ ayvoCtj^ vfiav iniß-vfiiaLg, 

15. aXla . . . ayioi iv ndai) avaatgotp^ 
yevij^re 

1 7 . dvaaTQttif'ijTe, 

Abgesehen von der etwas künstlichen Stellung, welche der Aus- 
druck des Epheserbriefes dveaTQäq>tifi€v im Petrusbriefe {tov %qimv 
dvaoTQaifVfCB) gewinnt, ist schon die Aufnahme dieses Zeitwortes 
selbst zu beachten, so wie seine Umbildung in das übrigens auch 
Eph. 4, 22 stehende Substantiv dvaatQoqnj. Ebenso werden aus den 
iTti^fiiai t^g aaQ^og die aaQxixai im^^uai 1 Petr. 2, 11, aus 
d'iktifia Tfjg aaQTidg das d'iXtjfia [ßovktjfia) tüv i9vuiv 1 Petr. 4, 3, 
und kehrt das dem Autor ad Ephesios specifisch eignende Wort ' 
dUtvoia in dem etwas gewagten Bilde dag^eg T^g diavolag wieder. 

Unverkennbarer Anklang liegt auch vor: 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 263 



Eph. ' 

4, 17. firixiti . . . negmarstv xad-atg xal 
rä koina fdvtj niqinarel iv fnaraio* 
TiyTt Tov voos aifTcSv 

1, 4. i^eXi^aro ijfzäg iv axnt^ tiqo xa- 
tttßok^g xoOfnov (hat r^fiag ayiovg 
xal äfioifiovg xarevtaniov avrov 

7. ^i' ^ txofiiv Tt^v anokvTQüjatv 6ia 
tov aTfiaros «vrov. 



1 Petr. 1. 

18. ikvrQ(6dijT€ ix T^g fiatalag vfivSv 
avaaTQOffijg ntttgoTiagaSoTOv, 

19. dXla Ttfiiffi aXfxttti ng afivov afxta» 
fiov xal aanCXov Xqiatov 

20. nQoiyvfoafiivov fih 7t gb xaraßoXijg 

XOOfJLOV, 

Von der ayvota^ von welcher der Epheserbrief gleich nachher 
(4, 18) redete hat der Petrusbrief gerade zuvor gesprochen (1, 14). 
Das aus der zweiten Stelle des Epheserbriefes im Rest bleibende 
i^ekd^aro klang schon in 1 Petr. 1 , 1 ixlenTOig an. Die dritte ist 
mit 1 Petr. 1, 18 durch den Begriff der Loskaufung^ mit 1 Petr. 1, 19 
durch das sie vermittelnde Blut Christi verbunden. Heisst Christus 
1 Petr. 1, 19 äfÄWfiOQy was nach Eph. 1, 4 der Christ werden soll, 
80 hat dieses Wort Ser Petrusbrief mit aanikog verbunden, wie Eph. 
5, 27 mit anlXog. Endlich besagt 1 Petr. 1, 19 in Verbindung mit 
dem Folgenden, dass uns Gott durch den prädestinirten Christus er- 
löst, Eph. 1, 4 dagegen, dass er uns zur Erlösung durch Christus 
prädestinirt h^be — also wesentlich das Gleiche. Eine Vermittelung 
beider Formen liegt übrigens schon Eph. 1,9 vor, wie sich hier 
überhaupt folgende Stellen entsprechen: 



1 Petr. 
1, 20. nqoEyvtaafjLivov nqo xaraßol^g 
xoOfjLOV^ (pavsQfoS-ivTog dh in dax«- 

TOV T(Sv j^^WCüf. 



Eph. 
1,4. i^sXi^aro rjfiag iv avT(p nqo xara- 
ßolfjg xoOfjLOV, 

9. yvtogiaag tifxlv . . . xara rriv €v» 
öoxiav avrov fjy ngoid-iro iv avr^ 

3, 5. vvv a7rixaXv(p&rj 

9. (ptotiaai ndvtag rig ri oixovofiia 
TOV fivojfiQCov tov dnoxEXQVfifjiivov 
ano rwv aioivtav. 

Oben wurde gezeigt, dass die Stelle 1 Petr. 2, 1. 2 im Allgemeinen 
zu Eph. 4, 22 — 25 stimmt (S. 260) ; so correspondirt auch dem XQ^^ 
OTog 1 Petr. 2, 3 nach Gedanken und Ausdruck die xq^otottiq Eph. 
2, 7. Deutlicher noch wird das schriftstellerische Verhältniss in 
folgenden Parallelen: 



1 Petr. 2. 

4. ngog ov ngoaegx^f^^^^^ t XlS-ov 
CfSvra . . . 

5. xal avrol (og kCdai ^Avtsg oixoSo^ 
f£ita&€, olxog nvevfiarixog 

6. . . . Xl^ov axQoytoviaTov . 



Eph. 2. 

18. 6C avTov }^xofi%v rrjv TtQOßaytoyfiv 

19. ... oixSlOt TOV d-sov, 

20. inoixoSofjiii&ivT€g inl t^ ^SfiekCip . . . 
ovTog ttxgoytoviatov avrov Xgiarov 
Utjaov, 



264 Fünftes Kapitel. 



1 Petr. 2. 



Eph. 2. 

21. iv (p näaa ohoJofitj .^. . av^ei eis 
vaov Syiov iv xvQltp, 

22. iv (p xal v/i€Tg rsvvoixoSofiilaS'B stg 
xarcixtiT-^QUiv tov d-€Ov, 

Die auch 4, 17 wieder erscheinende Vorstellung vom olycog tov 
d'eov hat der Briefsteller sichtlich aus dem Epheserbriefe (xaTOixij- 
Ti^Qiov TOV d'sov) , wic aüch sein olycodofisia^e an das (fwoinodo- 
fieiad'e hier erinnert, und das Citat Jes. 28, 16 durch den Eph. 2, 20 
vorfindlichen äiigoycovialov veranlasst ist. ' 

Auf dieselbe Epheserstelle kommt, nachdem 1 Petr. 2, 9 vor- 
übergehend die TreQiTcolrjaiQ aus Eph. 1, 14 angeklungen, der Ver- 
fasser gleich 1 Petr. 2,11 wieder zurück, wo die TtaQOixoc ncai naq- 
€7tlÖ7f]fioi (vgl. 1, 17) an die ^evoc xat Tra^otxot Eph. 2, 19 erinnern, 
und von einer fi^iqa iftiaxontjg redet 1 Petr. 2, 12 wie Eph. 4, 30 
von fifiiqa dnolvTQciaetog, Bei der Ermahnung an die Sklaven 
1 Petr. 2, 18 scheint Eph. 6, 5 um so mehr vorgeschwebt zu haben, 
als nicht blos das v7iOTaaa6fievoi an die allgemeine, von unserem 
Verfasser auch 1 Petr. 5, 5 wiederholte Ueberschrift der Haustafel 
Eph. 5, 21 erinnert, sondern auch das iv navri g>6ß(p sowohl an iv 
q>6ß(fi Xqigtov Eph. 5, 21, als an fuetä g)6ßov nat TQOfiiov Eph. 6, 5 
seine Parallele hat. Ganz unzweifelhaft bestätigt wird diese Ver- 
muthung, wenn gleich 1 Petr. 3, 1. 5 {al yvvai^eg vnotaaaofievai toig 
idioig dvÖQciaiv) das vTtoxaaao^avoi Eph. 5, 21 wieder aufgenommen 
und mit seinem Fortgang (Eph. 5, 22 al yvvaiyLeg tolg idioig dv- 
ÖQdaiv) begleitet erscheint. Sogar noch innerhalb der an die Weiber 
gerichteten Ermahnung erinnert 1 Petr. 3, 4 der nQvmog t^g ytagdlag 
avd'Qfanog an den lao; av^Q(07tog Eph. 3, 16, und zum Schlüsse 
werden 1 Petr. 3, 7 die Männer nach Vorbild von Eph. 5, 25 an- 
geredet und ermahnt. 

Entschiedener tritt die Anlehnung an den Epheserbrief wieder 
hervor gegen Schluss des dritten Kapitels, wo nicht blos 1 Petr. 
3, 18 das Iva fjfiäg Ttqoactydyt] T(p ^€(p an Eph. 2, 18 [öl ovtov 
^opLBv tijv TtQoaaytoy^ Ttqog %bv TcaTeqa) erinnert, sondern nament- 
lich die Stelle vom Descensus ad inferos 1 Petr. 3, 19. 20 die älteste 
Auslegung von Eph. 4 , 8 — 10 darstellt. Der Schluss aber bringt 
eine vollständige Parallele. 



1 Petr. 3. 

22. og iativ iv df^i^ rov &iov nogsv' 
&elg €ig ovgavov, 

vnoiayivjtov nvi^ äyyiXfav xal i^- 
ovaitSv xal Svvd/4i(ov, 



Eph. 1. 

20. ixa^iQiv iv Si^i^ avtov iv roig inov- 
QavCoig 

21. v7t€Qdv(o ndatig dgx^i ««^ i^ovaing 
xal SwafjL%tog . . . 

22. xal ndvra vnixa^ev. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamenüichen Literatur. 265 

Im vierten Kapitel entspricht die Beschreibung des heidnischen 
Wandels 4, 3 einigermaassen der Stelle Eph. 4^ 17 ^ noch mehr 
Einiges in der Art^ wie 4^ 10. 11 unter Erinnerung an Rom. 12^ 3 — 6 
die verschiedenen xctqla^aja behandelt werden^ den gleichfalls von 
jener Paulusstelle abhängigen Versen Eph. 4, 7. 11. 12. Besonders 
erinnert ^-Aaatog nad^wg ilaße xdqiO^ia 1 Petr. 4^ 10 an m d^ Ixcrarij^ 
fiiJiäv ido&rj 17 X^Q^S Ejih. 4, 7. 

Auffallend ist^ dass^ wie der Anfang , so auch der Schluss des 
Petrusbriefes die deutlichste Berücksichtigung des Originals verräth^ 
wie aus Vergleichung von l Petr. 5, 8. 9 mit Eph. 6, 10 — 17 her- 
vorgeht. Wie Eph. 6, 11 so heisst auch 1 Petr. 5, 8 der Wider- 
sacher dtdßoXogy nicht aataväg (so bei Paulus] , wie dort n^ög t6 
dvvaad'ac vfnäg ar^vat nqbg tag ^i€9odelag tov diaßoXov die Ten- 
denz der ganzen Rede angibt , so 1 Petr. 5^9^ avriavrjfüB aTeqeoi 
Ty Tiloxai. 

Bei solcher Sachlage bilden die beiden mit einander vergliche- 
nen Briefe wieder ein Problem für sich. Die Lösung desselben kann 
aber auf keinen Fall darin liegen , dass man den Epheserbrief in 
Abhängigkeit vom ersten Petrusbriefe setzt ^), welche Annahme bei 
Voraussetzung der Echtheit des ersteren sogar zum haaren Nonsens 
fuhrt ^) ; sondern ein genügender Erklärungsgrund kann nur in der 
umgekehrten Annahme gefunden werden, es sei denn, dass sich aus 
anderen Gründen die Identität des Urhebers als wahrscheinlich er- 
wiese, welcher auf diese Weise das eine Mal den Paulus, das an- 
dere Mal den Petrus zum Wort gelangen liesse — eine Annahme, 
welcher indessen schon chronologische Bedenken entgegentreten 
dürften. Aber in einem möglichst engen Verhältnisse stehen beide 
Briefe jedenfalls zu einander. Dafür spricht nicht blos das nach- 
gewiesene Parallelitätsverhältniss im Allgemeinen, sondern auch der 
weitere Umstand, dass sich die einzelnen Gedanken und Ausdrücke 
genau an derselben Stelle vorfinden, Anfang und Schluss nach der- 
selben rhetorischen Schablone gebildet sind und im Grossen und 
Ganzen auch die Disposition beider Briefe sich gleicht. Die Ge- 
dankenwelt ist hier wie dort die paulinische mit etwas erweitertem 
Rahmen und verblassteren Farben. Wer sich aber gegen diesen 
Eindruck etwa mit dem theologischen Funde, dass Petrus, wie er sich 
im ersten Briefe gibt, der »Apostel der Hoffnung« (vgl. 1, 3. 13. 3, 15) 
in unterschiedenster imd ausgesprochenster Form sei, zu wappnen 

1) Weiss (Petrinischer LehrbegrifT, S. 426 fg. 433 fg.), Ewald (Sieben Send- 
schreiben, S. 7. 156 fg.) 

2) Vgl. meine Nach Weisungen in Schenkel's Bibel-Lexikon, Art. »Erster 
Petnisbrief . « 



266 Fanftes Kapitel. 

unternehmen wollte^ möge vorher erwägen, dass die üjclg im Epheser- 
briefe YoUkommen dieselbe Stellung einnimmt. Gleich 1, 18 [elg ro 
eiSivai vfiag vig kniv tj ÜTtig xrjg xXija€(og avtov) erscheint sie als 
Mittelpunkt des Christen thums , wesshalb die Heiden , so lange sie 
noch nicht gläubig geworden waren, 2, 12 ilTtiöa fni^ e^^vteg heissen. 
Den Christen aber, die aus Heiden und Juden gesammelt sind, wird 
4, 4 zugerufen iKl'^d-rjTe iv fii^ iXTcidi vijg nXrjaewg vfxwv. 

Schliesslich empfiehlt sich dieser specifische Verwandtschafitszug, 
welchen der erste Petrusbrief, wiewohl im Allgemeinen die paulinische 
Gedankenwelt vertretend, zu dem selbst erst nachpaulinischen Ephe- 
serbrief verspürt, auch insofern der Beachtung, als dadurch aber- 
mals (vgl. S. 212) die eigenthümliche VermittelungsroUe constatirt 
wird, welche die Epheser- und Kolosserbriefe als Uebergangsglieder 
zwischen dem echten Paulinismus und dem Heidenchristenthum der 
katholischen Kircheneinheit spielen. Ohne eine derartige Zuberei- 
tung, wie die paulinischen Ideen sie zuerst in unseren beiden, dann 
im ersten Petrusbriefe erfuhren, hätte der Paulinismus sich nicht 
mehr geeignet, auch nur dem Namen nach einen Factor des, inner- 
lich ihm fast ganz entfremdeten Bewusstseins zu bilden, welches 
seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts als allgemeiner Niederschlag 
der vorausgegangenen Gährungen den fruchtbaren Boden der kirch- 
lichen Pflanzungen bildete. • 

9. TerMltniss zum Judas- und zum zweiten Petmsbriefe. 

Diese beiden Schriftstücke stehen unseren Briefen femer als die 
gesammte übrige neutestamentliche Literatur. Nur auf dem schon 
oben (S. 258) angedeuteten Umwege über Rom. 16, 25 — 27 liesse 
sich eine Berührung herstellen, da sich die Doxologie Jud. 24. 25, 
wovon die Stelle 2 Petr. 3, 18 abhängig ist, zu jenen Schlussversen 
des Römerbriefes ähnlich verhält wie 1 Tim*. 1,17. Wie die letztere 
Stelle, so würde sich auch die Doxologie des Judasbriefes, wenn 
nach KL in Vs. 25 fiöy^ aoqxp ^«^ zu le^en wäre , geradezu als 
abhängig von Rom. 16, 27 herausstellen, während ohne jene Worte 
Lucht beide Stellen nur für verwandt halten vnlP). Genau be- 
sehen dürfte sich jedoch das Urtheil auf ein blos verwandtes Ver- 
hältniss nur mit Bezug auf die Parallelen Eph. 3, 20. 21 = Rom. 
16, 25 — 27 aufrecht erhalten lassen, während die von Lucht selbst 
nachgewiesene Uebereinstimmung, in welcher beide Stellen sich 
bezüglich der ganzen Form der Satzbildung (t<jT de dvvafiivip . . . 



1) S. 95 fg. 101 fg. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 267 

fiiv^ d^e^ dia ^Itiaov Kgiarov . . . 66^a . . eig . . %ovg ahS- 

vag' afii^v) befinden ^)^ auf Nac^ibildung schliessen lässt. Aber eine 
directe Abhängigkeit vom Epheserbiiefe lässt sich nicht beweisen^ 
da sowohl %a%ev(07iiov tfjg do^g avTOv äfiwfiovg Jud. 24 (= £ph. 
1, 4) als TtQO TcavTog tov aloivog eig navtag tovg alwvag [= Eph. 
3, 21) dazu nicht hinreichen. ' 



lÖ. Terhältniss zu Johannes. 

Schon Schwegler hat unsere beiden Briefe vorzugsweise unter 
den Gesichtspunkt des Ueberganges vom paulinischen zum johannei- 
sehen Lehrtypus gestellt , und zwar so^ dass der Kolosser brief sich 
als Vorstufe zum Epheserbriefe^ wie dieser zum johanneischen Evan- 
gelium verhalte^). Jedenfalls tritt das johanneische Gepräge im 
Epheserbriefe in demselben Maasse stärker hervor^ wie überhaupt 
erst dieser Brief alle Eigenschaften^ welche man als beiden gemein 
betrachten darf, recht bestimmt ausprägt. 

Indessen meint Hoekstra auch bezüglich des Kolosserbriefes^ 
derselbe stehe bezüglich der Frage nach der Zi|lassung der Heiden 
mindestens auf derselben Linie mit Johannes 3). Auch hier hängt 
der praktische Universalismus mit der universalistischen Christologie 
zusammen^ und in der That drückt die elytwv tov ^bov tov äoqa- 
TOü, in welcher rot Ttdvra avveoTijyiev (Kol. 1, 15. 17), wesentlich 
denselben Gedanken aus wie Joh. 1, 1 — 3. 18. 6, 46. 14, 9 4), In- 
sonderheit entspricht dem Ttdvra öl avtov iyive%o Joh. 1 , 3 die 
Aussage Kol. 1, 16 b%i h avxtfi htxia9rj %d Ttavra. Es fehlt blos 
noch der runde Ausdruck des Logosbegriffes. Wenn femer Christus 
nach Kol. 1, 18 überhaupt dqxv ^^^9 ^^^ yevr/Tai iv naaiv avtog nqw^ 
TBVwVj so liegt darin die directeste Parallele zu dem bekannten jo- 
hanneischen Oxymoron Joh. 1, 15. 27. 30. Wie das iowfivwaev 3o\i, 
1, 14,. so ruht auch das ^.atoi'^eiv Kol. 1, 19. 2,9 auf der Vorstel- 
lung der Schechina, und zu dem damit gleichlaufenden Begriffe 
des nhfjqcDiia in Christus (Kol. 1, 19. 2, 9) und des Erfolltseins in 
ihm (Kol. 2, 10) citirt Bleek nachdrücklichst Joh. 1, 16 h, tav 
TtXrjQWfiatog avtov^). Femer erinnert der Gebrauch von rd av(o 
Kol. 3, 1. 2 an Joh. 8, 23, wo allein dieser Ausdruck noch vorkommt. 
Ewald vergleicht auch zu iv naQQTjaitf Kol. 2, 15 die Stellen Joh. 



1) S. 95. 2) S. 328 fg. 330 fg. 333 fg. 388 fg. 3) S. 611. 

4) Hoekstra (S. 607), Hofmann (IV, 2, S. 15), Beyschlag (S. 229) 

5) Die Briefe an die Kolosser etc. S. 51. 83. 



268 FOnftes Kapitel. 



» / 



7, 4. 11, 54 ^), und Winer zu Kol. 3, 15 aiqrjvrj tov Xqitnov wegen 
des Genetivus subjecti das Wort Job. 14, 27 ^j. 

Aber freilich tritt die Parallele mit Jobannes erst im Epheser- 
briefe in ihrer vollen Bedeutung zu Tage. Zwar ist auch hier der 
Logosgedanke nicht ausgesprochen, aber doch thatsächlich präformirt, 
wenn 1, 10 das All als eine Vielheit von Einzelheiten, Christus aber 
als der Einheitspunkt dargestellt wird, in welchem das vielfach zer- 
spaltene Weltall seine Zusammenfassung findet ^) . Sofern aber unser 
Brief diesem christologischen Grundgedanken eine besondere Anwen- 
dung auf das Verhältniss von Juden und Heiden verleiht (2, 13 — 22. 
3, 6), finden sich ja auch hierzu bei Johannes bedeutsame Parallelen 
(10, 16. 11, 52. 17, 20. 21). Im Weiteren sind es besonders die 
Begriffe yvcüaig und ayaTcrj^ welche beiderorts Alles beherrschen. 
Von letzterer spricht der Epheserbrief zehnmal (vgl. S. 119), und die 
meisten dieser Stellen sind johanneisch gedacht, wie 1,4, wo die 
Liebe Gottes als Grund der Vorherbestimmung auftritt, und 2, 4, 
wo das neue christliche Leben auf sie zurückgeführt wird. In con- 
creto ist die Liebe Gottes äydnt] XQiatov, welche 3, 19, an Job. 
15, 13 erinnernd, vneQßailovaa genannt ist. Andererseits ist Chri- 
stus wieder 6 tjyaTtrjiievog 1 , 6, der absolute Gegenstand der gött- 
lichen Liebe, wie Job. 3, 35. 10, 17. I5,9uid ganz besonders 
17, 23. 24. 26. Namentlich berührt sich in dieser Beziehung Job. 
17,24 {fjyaTtTjadg fi€ TtQO naraßol^Q xoofjiav) sowohl mit dem ^yanrj^ 
fidvog Eph. 1, 6 als mit dem, in den paulinischen Schriften nicht vor- 
kommenden, TtQO xaraßolrjg ytoofiov Eph. 1,4, wobei nicht blos hier, 
sondern auch Job. 17, 24 die Idee der Prädestination mit herein- 
spielt*). Aber auch unsere Liebe hat in Christus ihr concretes Ob- 
ject; wie Johannes (8, 42. 14, 15. 21. 23. 24. 28. 21, 15. 16), so 
spricht im Gegensatze zu Paulus Eph. 6, 24 vom äyanav tov xvqiov 
(nämlich Xqiatov wie 1 Petr. 1,8). Dies hat darin seinen Grrund, 
dass Chiistus uns geliebt hat, wie Job. 13, 1. 34. 15, 12 gesagt 
wird in üebereinstimmung mit Eph. 5, 2. Vermittelst dieses Liebes- 
bandes, welches die Christen mit Christus verknüpft, sind auch die 
Christen ti^vci dyanfjrä Gottes Eph. 5 , 1 , gerade wie l Job. 3, 2 
gesagt wird dyaTirjfüoiy vvv Th,va d^eov iofniv. Nach Job. 17, 26 will 
Christus die Liebe Gottes zu ihm übertragen auf die an ihn Gläu- 
bigen, und in diesem Sinne erwähnt Eph. 2, 4 Gottes nokXriv ayä- 
Ttrjv ^v riyanrjüBv rjfjidig, wobei namentlich auch die Gleichheit im 



1) Sendschreiben des Paulus» S. 485. 

2) S. 175. 3) Hofmann: IV, 1, S. 19 fg. 
4) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 171. 



1. Stellung der Briefe innerhalb der neutestamentlichen Literatur. 269 

Ausdrucke (Joh. 17, 26 ^ dyanif] rjv rjyaTttiodg ^e) in's Auge zu 
fassen ist. Und wenn schliesslich oft geltend gemacht wurde, dass 
die Verbindung der Christen mit Christus und hinwiederum auch 
seine eigene mit Gott im johanneischen Evangelium im Grunde von 
derselben, sittlich vermittelten, Art sei, wie die der Christen unter 
sich (vgl. Joh. 15, 13. 17, 23. 26), so beruht die Vergleichung der 
Liebe Christi zu den Seinen mit dem menschlichen Verhältnisse der 
Ehe (Eph. 5, 25 — 32) auf ähnlichen Voraussetzungen^). Bei dieser 
Gelegenheit mag die Vorstellung von Christus als Bräutigam (Eph. 
5, 27 = Joh. 3, 29) noch besonders hervorgehoben werden. 

Nach dieser letzten Seite an der Sache wird es begreiflich, 
wie Gott sowohl Eph. 1, 17 als Joh. 20, 17 Gott auch im Verhalt- 
niss zu Christus heissen kann. Ein absoluter Unterschied zwischen 
diesem und uns bleibt desshalb doch immer insofern bestehen, als 
wir nur durch ihn ttjv Ttqoaaywyrv ngog %dv nariga haben nach 
Eph. 2, 18. 3, 12, was dasselbe ist, wie wenn der johanneische 
Christus sich Joh. 14, 6 odog nennt, denn ovdetg eQx^cci nqog %6v 
naxeqa ei (xrj dt ifiov. Tritt hier zu der Bezeichnung als 666g 
noch die dkrj^eta, wie auch Joh. 18, 37 geschieht, so hat dies am 
X6yog trjg aAi;^€/a$ Eph. 1, 13 wenigstens eine entferntere Parallele. 
Den bei Johannes beliebten abstracten Bezeichnungen der persön- 
lichen Bedeutung Christi (vgl. S. 161) tritt im Epheserbriefe auch 
noch 2, 14 zur Seite, wo Christus elqrjvtj heisst, wie er 2, 17 den 
Frieden predigt, was wieder an Joh. 14, 27 erinnert, wo er den 
Seinen den Frieden gibt. Ebenso entspricht es, wenn Christus, der 
nach Eph. 3, 17 in den Herzen der Seinen wohnt, dieselbe Art des 
Wohnungmachens Joh. 14, 20. 23 in Aussicht stellt. 

Das Erlösungswerk tritt bei Johannes ganz besonders unter den 
Gesichtspunkt des ayiaC^eiv (17, 17. 19. Vgl. auch 10, 36). Ebenso 
geschieht Eph. 5, 26 2). Ist hier übrigens von einem ayid^eiv die 
Rede, welches Christus xad-aglaag . . iv ^i^f^ati vollbringt, so ent- 
spricht auch dieser Vorstellung Joh. 15, 3 lia&aQog diä %6v XSyov, 
Die Wirkung aber, welche Christus an denen, die geheiligt werden 
— Beuss vergleicht die Syioi Eph. 3, 5 mit den fjyiaofievoi Joh. 17, 
17. 19 3) — ausübt, wird als eine Erweckung und Lebendigmachung 
geistig Todter wie Joh. 5, 21. 25. 28, so Eph. 2, 5. 6 dargestellt; 
nur thut, was im Epheserbriefe den Gläubigen durch und mit Chri- 
stus wiederfahrt, im vierten Evangelium dieser selbst. Die so le-^ 
bendig Gemachten leben erst recht und ewig. Dieser bekannten 



1) Vgl. Hoekstra, S. 635. 

2) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 201. 3) S. 107. 



270 



Fünftes Kapitel. 



Idee der Immanenz , welche Johannes mit dem Begriff ^(o^ auiviog 
verbindet, entsprechen im Epheserbriefe nicht blös Stellen wie 1, 3, 
wonach wir jetzt schon im Besitze der himmlischen Güter sind, und 
2, 6, wonach die Gläubigen bereits in den Himmel versetzt wurden, 
sondern namentlich auch 6 nXovtog t^q öo^vjq 1 , 18 von gegen- 
wärtigem Besitz und innerer Verklärung zu verstehen ^) , vrie Joh. 
17, 22 Christus seine göttliche do^a den Jüngern ein für allemal 
vermacht hat. Wenn vermöge dieser Einwohnung göttlicher do^a 
die Gemeinde der Gläubigen ein vadg ayiog ist Eph. 2, 21, wie 
andererseits auifia Xqiotov (S. 241), so erinnert diese Vergleichung 
der Gemeinde bald mit einem Tempel, bald mit einem Leibe an 
die nach beiden Richtungen hin ausgelegten Worte Joh. 2, 19 — 21. 
Und ist die Gemeinde insonderheit ein xarotxi^Tiy^tov tov &eov h 
nvev/iaTi Eph. 2, 22, so baut auch der johanneische Christus 4, 23. 24 
an der Stelle des steinernen ein geistiges Gotteshaus, darin der Vater 
ev TtveviaaTi angebetet wird. 

Dem Lichte, welches Christus bringt, steht in beiden Schrift- 
stücken die Macht der Finstemiss gegenüber, deren Beherrscher Joh. 
12, 31. 14, 30. 16, 11 aq%(av tov noofiov tovvov heisst, vrie Eph. 
2, 2 ciQxtüv T^g i^ovaiag tov aiqog imd seine Trabanten 6, 12 xo- 
afioxQdTOQeg tov anoTOvg tovtov. Die im Lichte wandelnden Er- 
lösten (Eph. 5, 8 == Joh. 12, 35] haben nun die sittliche Aufgabe, 
die Werke der Finstemiss an's Licht zu ziehen und ihre Thäter zu 
beschämen (Eph. 5, 11. 13 = Joh. 3, 20. 21). Die Parallele, welche 
die Stelle Eph. 5, 8 — 13 gerade zu den eben angeführten Johannes- 
worten — Ewald vergleicht sie weniger treffend mit Joh. 1, 4 — 9. 
1 Joh. 1, 5 — 7 2) — bildet, ist auch dem Ausdrucke nach so auf- 
fällig und zur Annahme eines schriftstellerischen Verhältnisses nö- 
thigend, dass hier ausdrücklich darauf hingewiesen sein muss: 



Eph. 5. 
8. ag xixva (ftatog negiirartire 

1 1 . fxaXXov Sh xol iXfyxfte (nftmlich die 
i^gya rov axorovg), 

13. ra Sk navra iXsy/o^eva vno tov 
(parog (pavegovrai * näv yaq jo ^a- 
v€Qovf4evov if(Sg icfriv. 



Joh. 
12, 35. nsQinajitTt tag ro (füg Ifx^Tf. 

3, 20. nag yuQ 6 tpavXa Tr^aaaav fitaet 
rb (füig xal oim ^gx^rai ngog ro fpwg 
tva fifj iXiyx^V ^^ i'Qy^ avvov, 

3, 21. 6 äk noiiSv rrfV aXi^&Heev ^Q^etat 
ngog to (fiSg tva (f>a9f€Qti»&y avtov 
Tff l^gya. 



Wie hier, was im Epheserbriefe in einem geschlossenen Zu- 
sammenhange beisammen liegt, an zwei local getrennten Orten des 
vierten Evangeliums erscheint, so tritt derselbe Fall, nur noch viel 



1) Hofmann, S. 45 fg. 



2) S. 199. 



• 



1. Stellung der Briefe inneriialb der neutestamentlichen Literatur. 271 

deutlicher^ ein, wenn wir Eph. 4, 8 — 10 mit Joh. 3, 31. 7, 39 zu- 
sammenhalten ^j. Die Beziehungen auf den Epheserbrief fangen im 
Grunde schon bei Eph. 4, 7 an, wonach jedem unter uns fj xa^t$ 
xcnra To (xhqov %^g dwQeäg rov Xqiotov gegeben wird. Davon ist 
nämlich Joh. 3, 34 die Eine Ausnahme, wo die Geistesmittheilung ovtc 
SK fi€TQOv erfolgt, in einer Form gemacht, welche erst verständlich 
wird unter Voraussetzimg der im Allgemeinen entgegengesetzten Aus- 
sage des Epheserbriefes^j. Als specifischer »heiliger Geist« ist nun 
aber das nvev^ia nach Joh. 7, 39 erst seit der Erhöhung Jesu vorhan- 
den, wesshalb auch seine Sendung und ständige Einwohnung erst 
durch den Hingang; Jesu bedingt und vermittelt erscheint (Joh. 16, 7). 
Auch diese Anschauung berührt sich mit dem Epheserbriefe, sofern 
dieser Geist nicht blos Eph. 1, 14. 17 als der eigentliche Vollender 
des Erlösungswerkes 3), sondern auch Eph. 4, 8 — 11 als eine durch 
das avaßalveiv Jesu in den Himmel vermittelte Gabe erscheint 4). 
Schon der Ausdruck weist auch hier auf schriftstellerische Vermit- 
telung hin: 



Eph. 4. 
9. To avißtj tllariv ei fjiri oti xal xutißm ; 

10. o xaraßag avrog iariv xal 6 avaßag 
vniQtivto navTOiv rwv ovgaviSv, 



Joh. 3. 
13. ovSilg avaßißfixev stg tov ovgavov 
et firi 6 ix rot; ovgavov xaraßdg. 



Auch hier wird die Johannesstelle erst unter Voraussetzung 
einer Beminiscenz aus unserem Brief durchsichtig. Dabei ist noch 
zu beachten, dass avaßalveiv als Terminus technicus von der Er- 
höhung Christi in den Himmel vom vierten Evangelisten überhaupt 
adoptirt ist (Joh. 6, 62. 20, 17), sonst aber nur noch Apg. 2, 34, 
bei Paulus Rom. 10, 6 in einem wenigstens ähnlichen Sinne vor- 
kommt. Allein gerade an dieser Stelle citirt Paulus blos, und in 
allen anderen Fällen gebraucht er das Wort nur in seiner ganz ge- 
wöhnlichen Bedeutung (Gal. 2, 1. 2. 1 Kor. 2, 9). 

Anhangsweise sei noch bemerkt, dass das Abhängigkeitsverhält- 
niss sich wohl auch auf den johanneischen Brief erstreckt, wie aus 
der Vergleichung von 1 Joh. 1, 6 mit Eph. 5,8, von 1 Joh. 2, 28 
mit Eph. 3, 12, von 1 Joh. 3, 2 mit Kol. 3, 4 und von 1 Joh. 5, 4 
mit Eph. 6, 16 wahrscheinlich wird. 



1) B. Bauer, S. 109. 

2) B. Bauer, S. lOS. 

3) B. Bauer, S. 107. 

4) Seh wegler (S. 379 fg.) und B. Bauer (S. 108). 



272 Fünftes Kapitel. 



2. Die Zeitlage des Epheserbriefes. 

t) Die Verliältnisse der Zeit^ welchen der Briefsteller dienen 
will, lassen sich mit relativer Sicherheit aus den entwickelten Grund- 
gedanken seines Systems erkennen. Denn »in die metaphysische 
Höhe schwingt sich die Betrachtung nur darum hinauf, um aus ihr 
zur unmittelbaren Gegenwart und den praktischen Bedürfhissen der- 
selben herabzusteigen. Auch hier gibt es Gegensätze, deren aus- 
gleichende und versöhnende Einheit nur Christus sein kanncc^). 
Daher wird neben der Heiligkeit ganz insonderheit 4, 3— 6 die Ein- 
heit der Kirche in einer Weise hervorgehoben, welche an die igna- 
tianischen Briefe erinnert, schwerlich aber in die erste Gährüngszeit 
passt und insonderheit dem Gesichtskreise des Apostels Paulus fremd 
ist (S. 240). Dagegen hat sich vor den Augen unseres Briefstellers 
bereits eine Heidenkirche ausgestaltet; ' seinen Geist beschäftigt die 
überraschende Neuigkeit einer Weltkirche, in welcher sich geborene 
Juden und Heiden zusammenfinden sollen. Wenn, um diesem Ein- 
drucke zu entgehen, Hof mann behauptet, weder im ersten noch 
im zweiten Theil des Briefes sei eine Unterscheidung von Juden- 
christen und Heidenchristen irgendwie bemerkbar 2), so ist das an- 
gesichts von Stellen wie 2, 11—22. 3, 4—6. 4, 3—6. 13. 16, wo theils 
der ganze Inhalt des göttlichen Geheimnisses in der Herzufuhrung 
der Heiden gefunden, theils den inneren Gefahren der dadurch her- 
beigeführten Situation begegnet wird, eine sehr kecke Behauptung 
zu nennen^). Die Zeit unseres Schriftstellers kann mithin im All- 
gemeinen keine andere sein, als jene zukunftsreiche Epoche der 
werdenden Kircheneinheit, da die heterogenen Elemente sich immer 
mächtiger von einander angezogen fühlten, während ein tiefgehender 
Scheidungsprocess , der die häretisch werdende von der kirchlichen 
Gnosis trennte, eben im Anzüge war. 

Dagegen macht man nun freilich geltend, dies alles führe nur 
im Leben des Paulus tiefer hinab, also in seine spätesten Zeiten, 
nicht aber geradezu über sein Leben hinaus, in die nachapostolische 
Epoche. »Die Idee der Kirche« — so legte sich z. B. Rothe die 
Sache mit Bezugnahme auf Eph. 4, 3 — 6 zurecht — »entwickelte sich 
in Paulus erst später, in natürlichem Zusammenhange damit, dass 
ihm die Nähe der Parusie Christi mehr zurücktritt und der Gedanke 
einer nothwendigen geschichtlichen Entwickelung des Reiches Christi 



1) Baur: Paulus, II, S. 40. 2) IV, 1, S. 288. 

3J Vgl. Literarisches Oentralblatt, 1871, S. 603. 



2. Die ZeiUage des Epheserbriefes. 273 

aufzugehen beginnt« i). Allein der uns bekannte Paulus steht über- 
haupt auf jeder Station seines Lebens mitten in der Arbeit am 
unfertigen Werke , und die fiinf Jahre , welche noch nach seinen 
grossen Briefen liegen^ haben darin schwerlich eine Aenderung^ am 
wenigsten eine solche gebracht^ in deren Folge seine ganze Position 
eine neue geworden wäre imd an die Stelle der praktischen Polemik 
gegen die Gesetzesgerechtigkeit ^ wie sie die Briefe an die Galater, 
Korinther und Bömer ausfüllt^ jene mehr theologische und typologi- 
sirende Auffassung des Gesetzes, wie sie im Sinne des christlichen 
Alexandrinismus lag 2), hätte treten können. Die Christenheit, wie 
sie sich von dem Zeithintergrunde unseres Briefes abhebt, erweist 
sich durchgängig als von ganz anderen Fragen bewegt, als diejenigen 
waren, welche die Gemeinden der paulinischen Briefe beschäftigen. 
Und im Vergleiche mit diesen begegnen wir daher auch bei unserem 
Verfasser nicht blos jener, wenngleich noch nicht so weit, als in 
den Petrusbriefen vorgeschrittenen, Abschwächung der Rechtferti- 
gungslehre, die so charakteristisch für den kirchlichen Instinkt des 
werdenden Katholicismus ist (S. 266) , sondern auch einer Chris to- 
logie, deren Tragweite das individuelle Bewusstsein des Paulus als 
einen Widerspruch mit seinen eigenen theologischen Prämissen em- 
pfanden hätte (S. 230). 

Der historische Paulus hat ferner die Arbeit seines Lebens in 
einem, um gelinde zu sprechen, theilweisen Gegensatze zu seinen 
Mitaposteln geführt. Dagegen bilden für unseren Brief bereits alle 
Apostel als einheitliche Kategorie gedacht, den Grundstein des Gottes- 
hauses (2, 20) 3), Der Aufbau aber, von welchem mehrmals die Rede 
ist^ weist schon an sich eben in dieselbe spätere Zeit, deren Interessen 
auch bereits dem einheitlichen und uniformen Charakter des Ganzen 
zugewandt waren 4). Dass nun allerdings ein Symbol dieser Einheit 
wie die bald so hochgeschätzte Eucharistie gerade in unseren Briefen 
nicht betont wird ^) , lässt uns richtig den Abstand ermessen , der 
immer noch zwischen unseren und den ignatianischen Briefen be- 
steht; aber in die paulinische Epoche sind wir darum noch keines- 
wegs' zurückgewiesen. Wohl aber werden wir etwa an den Hirten 
des Hermas erinnert, dessen Ausführungen sich bekanntlich um die 
Idee der Vollendung des Kirchenbaues bewegen, vorher aber noch 
das Eintreten einer letzten grossen Drangsal weissagen ^) . Eine solche 



1) StiUe Stunden, S. 243. 

2) Weiss: Biblische Theologie, S. 223 fg. 433. 471. 

3) Schelten: De Apostel Johannes in Klein-Azi@, 1871, S. 14. 

4) Schwegler, S. 381 fg. 5) Schenkel, S. 57. 
6) Zahn: Der Hirt des Hermas, S. 319 fg. 

Holtzmann, Eiitik der Epheser- n. Kolosserbrief e . 1 8 



274 Fünftes Kapitel. 

aber wird^ wie Schenkel richtig bemerkt^) ^ auch Eph. 6^ 13 in 
Aussicht genommen. Es wird diese Drangsal zugleich eine Zeit 
der Reinigung und Sichtung sein für die christliche Gemeinschaft^ 
die ihrer sehr bedarf. Halten sich doch nach 4^ 28 sogar schon 
Diebe in derselben auf. XJeberhaupt geht hier bereits Alles um ein 
Merkliches irdischer und menschlicher zu als in der Epoche der 
Stiftung. Wie das apostolische, so gehört auch bereits das prophe- 
tische Charisma nach 2^ 20. 3, 5 der Vergangenheit an^ und die 
eigentlich wunderbaren unter den 1 Kor. 12, 28 aufgezählten Geistes- 
gaben sind in der Parallelstelle 4, 11 mit Bedacht ausgelassen (vgl. 
S. 142j. Andererseits werden den Aposteln, Propheten und Evan- 
gelisten gegenüber ol nocfiivsg xai diddaxaXoi — eine Zusammen- 
stellung, welche überhaupt nur hier b^egnet — zu einer Einheit 
zusammengefasst und damit die Personalunion angedeutet, welche 
bereits zwischen xvßiQvtjacg und didaaxaXla eingetreten war. Die 
Einwendungen von Weiss 2) erledigen sich für eine richtige Wür- 
digung der schriftstellerischen Situation des Autor ad Ephesios von 
selbst, welcher nach S. 101. 251 fg. den evayysXcoTi^g nur im Sinne 
von Apg. 21, 8, die noifievsg nur im Sinne von Apg. 20, 28 (vgl, 
1 Petr. 2, 25] gemeint haben kann. Eine ganz homogene Erscheinung 
ist es auch, wenn 4, 13. 14 bereits vor Verfälschung der Lehre und 
XJmherschwanken zwischen verschiedenen Systemen gewarnt wird, 
wie solche mit- den einfachen Gegensätzen des eigentlichen aposto- 
lischen Zeitalters, welches mit dem Jahre 70 schliesst, nichts zu 
thim haben. »Hier — bemerkt Ewald treffend s) — merkt man 
handgreiflich genug, dass dies geschrieben wurde, als Keiner mehr 
so wie früher Paulus wirkte, wohl aber eine Menge von Gnostikem 
durch ihre selbst wieder sehr verschiedenen neuen Schulen die weite 
christliche Heidenwelt allein zu beherrschen suchte.« Aber diese 
Seite der Sache wird noch einer besonderen Betrachtung bedürfen 
(S. 290 fg.). 

2) Schwegler*), Baur*) und B. Bauer ö) statuiren überdies 
Berührungen mit dem Montanismus. In der That scheinen die Or- 
gane der neuauflodemden Prophetie 2, 20. 3, 5. 4, 11 mit den 
Aposteln zusammen genannt zu werden. Aber in die Zeiten der 
via nqoqnftela würde, dies doch wohl nur dann weisen, wenn die 
Kirche durch solche Propheten vollendet werden sollte, statte wie 
hier geschieht, begründet. Dem Verfasser des Epheserbriefes liegen 
die Propheten, die er in dieser Combinat\on mit den Aposteln ein- 



1) S. 101. 2) S. 474. 3) S. 192. 

4) n, S. 331 fg. 375 fg. 5) 8. 25 fg. 6) S. 105. 107 fg. 



2. Die Zeitlage des Epheserbriefes. 275 

&ch aus 1 Kor. 12^ 28 entnommen hat^ bereits in derselben Feme^ 
wie die Apostel. Beide sind an der Grundlegung der Kirche be- 
theiligt — ausschliesslich Erscheinimgen des Ursprungszeitalters des 
Ohristenthums ^ wenigstens wie dieses im Spiegel der Vorstellung 
unseres Verfassers sich gestaltet. Hof mann ^ der dies zugibt^ sucht 
sich der daraus resultirenden Schlussfolge auf nachpaulinischen Ur- 
sprung dadurch zu entziehen^ dass er die so gestellten Propheten 
geradezu fiiir identisch mit den Aposteln erklärt ^j . Dies aber schei- 
tert an 4^ 11 y wo beide als unterschiedene Amtsträger auftreten^ und 
insonderheit gehört ja, wie wir S. 246 sahen, der neutestamentliche 
Apokalyptiker, also der Presbyter Johannes, in die Reihe der Prophe- 
ten. Dass nun aber gerade im Epheserbriefe das Offenbarungsprincip 
des Prophetismus, das TtvsvfitXy mit besonderer Emphase hervorgehoben 
werde, können wir weniger finden. Denn 1, 13 oder 4, 30 besagt 
nicht mehr als 2 Kor. 1, 22. 5,5. Rom. 8, 23, und 1, 17 hat in 
1 Kor. 2, 12, ebenso 2, 18 in Gal. 4, 6. Rom. 8, 15 sowohl Parallelen 
wie Vorbilder 2). 

Von grösserer Bedeutung ist eii:^ anderer Punkt, welcher zu 
Gunsten des Montanismus geltend gemacht wird. Jene 4,11 ge- 
nannten »Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer cc 
bewirken nämlich durch ihre Gesammtarbeit nach 4^ 12 die oixodofifj 
TOt; otüfiavoQ Tov Xqitnov y und zwar 4, 13 fi^Qi naravTi^awfÄSv ol 
ftavtss ^Is '^^^ kvoTrira T^g Ttlavswg xal ttjq i/tcyyoiaewg tov viov 
%ov d'SOü, sl$ avÖQa tiXeiov, elg f^ivQOv fjlixlccg tov 7thriqw(.iaTog tov 
XQiavov. Hier soll nun die montanistische Idee nicht blos von 
einer, in bestimmten Momenten sich entwickelnden und in der 
Periode des Geistes sich vollendenden Offenbarung, sondern auch 
von der Reife des Mannesalters, zu welcher die Kirche in dieser 
Periode nunmehr gediehen ist, vorliegen. Aber die allerdings vor- 
handene Verwandtschaft des Gedankens dieser Stelle mit der be- 
kannten Ausführung des TertuUian (De vel. virg. I.) ist als Ab- 
hängigkeit des letztem zu erklären, abgesehen davon, d!ass Eph. 4, 13 
48ich zugleich auf die Individuen bezieht. Ferner ist die Vergleichung 
der Ehe mit dem Verhältniss Christi zur Gemeinde auch abgesehen 
von der montanistischen Einehe, zu verstehen, während diese auf jener 
Darstellung basirt. Einfach unrichtig ist es, dass 5, 5 der Ehebruch Ab- 
götterei heisse^). Ebenso wenig wird 5, 18 der Weingenuss als Kehr- 
seite zu 1 Tim. 5, 23, sondern nur die Berauschung verboten*). Die 



1) S. 102. 279. 2) Hofmann, S. 279. 

3) Gegen Schwegler, S. 383. 385. 

4) Gegen Schwegler, S. 390. 

18 



276 Fünftes Kapitel. 

Verwandtechaft zwischen 4^ 27 und Homil. XIX> 2^ zwischen 4^ 26 
und Polykarp. 12; Constit. 11^ 53 soll nach Schwegler auf das 
Hebräerevangelium zurückweisen ^) . Aber diese Berührungen er* 
klären sich auch anders (vgl. S. 277 fg.)^ und hier verläuft die Kri*- 
tik offenbar nach allen Seiten in's Unsichere. Einer solchen Er- 
klärung zufolge könnten &st alle paulinischen Briefe montanistisch 
sein. Unser Brief ist schon desshalb für vormontanistisch zu halten^ 
weil ihn bereits Marcion hat; und Beziehungen zu der^ für den. Ver- 
fasser unseres Briefes noch nicht vorhandenen Richtung können nur 
in jenem allgemeinsten Sinne zugegeben werden^ als »der Montanis- 
mus aus Elementen hervorging, welche längst vor seinem angeblichen 
Stifter vorhanden und nichts weniger als häretisch waren «^). So 
z. B. ist namentlich zu beurtheilen, was Schwegler bezüglich der 
im Epheserbriefe hervorgehobenen Heiligkeit der Kirche bemerkt^). 
Wir können somit unser Schriftstück höchstens für in derselben 
Weise montanistisch halten , wie auch der Hirte des Hermas nnd 
das vierte Evangelium montanistisch sind. 

3) Ueberhaupt dürfte die Zeit der Abfassung unseres Briefes der 
8. g. Johanneischen Epoche am nächsten gelegen sein, mit deren Er- 
zeugnissen er sich so auffällig berührt (S. 267 fg.). Aber so lajige 
die Kritik des vierten Evangeliums noch nicht abgeschlossen ist, 
fährt auch diese Erwägung zu keinem bestimmten Datum. Volk- 
mar setzt für den Epheserbrief etwa 130 an^). Hitzig geht auf 
Trajan's Zeiten zurück^) und Ewald lässt sich, um auch hier ein 
Uebriges zu thun, sogar die Jahre 75—80 gefallen 6). Vorsichtiger 
gibt Schölten das Jahr 80 als den denkbar frühesten Termin an 7). 
In der That wird man in dem also abgesteckten Zeiträume von einem 
halben Jahrhundert gerade die Mitte als verhältnissmässig gesicher- 
ten Platz für Abfassung unseres Schriftsti^ckes bezeichnen, dieses 
also etwa auf dem Wendepunkte der Jahrhunderte entstanden denken 
dürfen. Benutzt ist es ja mit Sicherheit erst in den Petn^briefen 
(S. 265) und wohl auch vom vierten (S. 271)^ vielleicht sogar schon 
vom dritten Evangelisten (S. 255). Schwankend bleibt vor der Hand 
auch noch seine Stellung zum Briefe des römischen Clemens. Wäh- 
rend nämlich Zahn nur Kp. 32 als Parallele zu Eph. 2, 8. 9 und 
Kp. 46 zu Eph. 4, 4 — 6 notirt^), fahrt Hoekstra die iq>^€Ji4Aoi 



1) S. 391 fg. 2) B^ur, S. 25. 3) 8. 333. 378%. 

4) Mose Prophetie, S. 161. 5) S. 30 fg. 32 fg. 

6) Geschichte des Volkes Israel, VII, 2. Ausg. S. 243 fg. Sieben Sendschrei- 
ben, S. 160. 

7) De Apostel Johannes in Klein- Aziä, S. 14. 

8) Der Hirt des Hermas, S. 478. 



2. Die Zeitlage des Epheserbriefes. 



277 



%^g yLOqdlag (Kp. 36) auf Eph. i^ IS^ das vfmtaaoiad^w hcatnog t^ 
fclrjolov ccvTOv (Kp. 38) auf Eph. 5, 21, diö Mahnung ovxl &'« ^bov 
&X^l^BV %(ii hfct XQiOTiv xcri ^v nfsviaa v^g x^Q'''^^S ^^ hixv^^ ^9 
il^i&g xa$ iJila Til^aig hf X^iat^; .... äate iTnla&ia&ai^ ^h^g &Vt 
fiilf] iüfiiv dllrjliov (Kp. 46) auf Eph. 4, 4—6. 25. 5, 30 zurück i). 
Aber absolute Sicherheit ist hinsichtlich der Entstehung des Clemens- 
briefes dermalen noch weniger vorhanden als hinsichtlich des Her- 
mas, welcher übrigens unseren Brief wahrscheinlich gelesen hat, 
wie namentlich aus der Phrase kvTtnjv indyeiv Ttp nifevpi.(nt (Mand. 
3 1= Eph. 4, 30) erhellt 2). Im Briefe des Polykarp wird unser Brief 
gansi sicher vorausgesetzt (Kp. 1 = Eph. 2, 8. 9. Kp. 12 = Eph. 
4, 26) , und in beiden griechischen Becensionen des Ignatiusbriefes 
nach Ephesus (Kp. 12) begegnet der jedenfalls ungenaue, vielleicht 
an Eph. 3, 4 sich anlehnende Ausdruck TlavXov avpiiivaxoii 8$ iv 
TtAari iTViotokrj fivrjfxovevei vpiüv. Indessen selbst in der syrischen 
Form bietet der Ignatiusbrief gleich in seiner Au&chrift eine Aus- 
wahl von Wörtern und Begriffen, welche sich kaum anders denn 
als erleichternde Zusammenfassung der schwerfälligen Periode Eph. 
1, 3 fg. verstehen lassen 3), wie aus folgender Parallelenreihe erhellt: 



Ignatius 
tJ avXoyrjjLiivri iv fxsyid^H &£ov na- 
rgog .... 

T^ TtQOtOQlCfflivri TIQO ttl(6p(0V slvttt 

... sfg 66^av .... 

ixXiXeyfjiivrjv iv nqo^iaH aXr}&a^ag 
iv ^iXfifjiaii tov nargog. 



Eph. 1, 

3. evXoyrjrbg 6 ^aog xai narrjg . . . o 
evXoyijaag 

4. Xa&ibg i^eXi^ato ^fiag . . , ftgb xa- 
taßoXijg Koa/iiov efvai rifzSg . . . 

5. ngooglifag tijuSg eig vltS-Botav . . . 
utara r^ ivSoniav tov ^iXiifiarog 
avTov 

6. €fg intcivov öo^rig , . . 

9. Ttara rriv ^itSoxCav avxov r^v ngo- 
i&ijo iv tti/Ttß , , . . 

11. ngoogiad-ivng xata ngod-eaiv .... 
€fg t6 slvai, fifiag €tg ^natvov dortig 



avtov. 



In der längeren griechischen Recension wird der Epheserbrief 
formlich citirt (S. 197), während in der kürzeren nut noch unbe- 
stimmte Spuren begegnen (Smym. 6 = Eph. 1, 21. Trall. 11 *t= 
Eph. 4, 25. 5, 30. Eph. 1 = Eph. 5, 1. 2. Polyc. 5 = Eph. 5, 25). 
Bei Bamabas erinnert Kp. 2 {^fiegcSv oiaßy TtovtjQcSv) an Eph. 5, 16, 
Kp. 19 (cTTTo veÖTTiTog didd^eig q>6ßov d^eov) an Eph. 6, 4 und (ov 



1) S. 650. 2) Zahn, S. 412. 

3) Lipsius: Zeitschrift far historische Theologie, 1856, S. 74 fg. 



278 Fünftes Kapitel. 

fifj initd^fjg 6ovk(p aov i] naidlawß iv nix(fi<f) an Eph. 6^ 9^ ohne 
da86 hieraus ein bestimmtes Abhängigkeitsverhaltniss könnte er- 
schlossen werden. Ebenso ist zweifelhaft, ob die petropaulinischen 
Acta Petri et Pauli, deren Grundlagen bis gegen die Mitte des 
zweiten Jahrhunderts zurückreichen, mit xorcr %d ilaog avTOv i^- 
eXi^ato fjfiäg (Kp. 28) gerade auf Eph. 1,4 zurückblicken^). Um 
so gewichtiger wirkt das Zeugniss der Häretiker. Nicht blos hatte 
Marcion den Brief in seinem Kanon, sondern auch die Yalentinianer 
beriefen sich unter allen neutestamentlichen Briefen am häufigsten 
und mit unverkennbarer Vorliebe auf den Epheserbrief^), und zwar 
scheint es fast, als sei derselbe in ihrer Schule förmlich commentirt 
worden und hätten dann yerschiedene Abschnitte dieses Commentars 
den sie bekämpfenden Kirchenvätern vorgelegen, da alle in den 
Philosophumenen begegnenden Citate dem dritten, alle in den Aus- 
zügen aus Theodot vorkommenden dem vierten und sechsten, alle 
im Briefe des Ptolemäus an Flora sich findenden dem zweiten, end- 
lich alle bei Irenäus erhaltenen Citate mit einer einzigen, Eph. 3, 21 
betrefienden Ausnahme dem ersten und fünften Kapitel angehören, 
mithin trotz der Häufigkeit der Citate kein einziges in einer Quelle 
mit einem anderen in irgend einer anderen Quelle\usammentrifi% 3). 

Valentin selbst hat den Logos ähnlich wie Eph. 1, 6 den d Gelieb- 
ten« genannt^) und wie tief eine solche Anschauung, die ja auch 
das ganze Johannes - Evangelium durchzieht (S. 268), in der Zeit 
begründet lag, lehrt auch ein Blick auf Hermas (Sim. IX, 12 6 vlog 
6 ^yanrjfiivog in aitov). Auch in den clementinischen Homilien 
scheint eine Reminiscenz an Eph. 4, 27 zu begegnen (XIX, 2 fitj 
dots nQ6q>aaiv T(p novtjQtp), und den vorhergehenden Vers (Eph. 4^ 26) 
kennen die apostolischen Constitutionen (II, 53). Der Brief hat also 
jedenfalls schon in den früheren Decennien des zweiten Jahrhunderts 
apostolischen Werth erlangt. Aehnlich wie das vierte Evangelium 
scheint er daher, weil er das Bedürfniss und den Drang der Zeit 
theilte, rasch in Aufnahme gekommen zu sein^). Er steht in der 
Itala und Peschito, auch bereits im Muratorischen Kanon, und seit 
Irenäus, Clemens und Tertullian .ist vollends kein Schatten von 
Zweifel an seiner vollen Ebenbürtigkeit mit den übrigen Paulinen 
-nachzuweisen. 



1) Li peius: Die Quellen der römischen Petrus-Sage, S. 67. 70. 

2) Vgl. Baur (U, S. 10), Hoekstra (S. 612), Heinrici (S. 24. 50. 52. 
53. 55. 56. 58. 80. 86. 97. 99. 101. 107. 111 fg. 116. 121. 189. 190. 192). 

3) Heinrici, S. 184 fg. 192. 

4) Heinrici, S. 67. 

5) Hoekstra, S. 650 fg. 



3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 279 



3. Der zeitliolie Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 

1. Doppelte Zeitspnren überhaupt. 

1) Betrachten wir den Kolosserbrief in denjenigen Theilen^ 
welche sich uns als authentisch paulinisch herausgestellt haben ^ so 
macht der Nachweis der Zeitlage ^ aus welcher er hervorgegangen 
ist^ wenig Schwierigkeiten. Jedenfalls hat er erst in einer Lebens- 
periode des Paulus Entstehung gefunden^ welche hinter der Zeit 
der Thessalonicher-^ G^later-, Korinther- \md Römerbriefe hegt. 
Das Evangelium ist bereits an Orte gedrungen^ wo Paulus selbst 
nicht gepredigt hat^ und der Römerbrief ist es zuerst^ der uns ge- 
legentlich (14^ 1 fg.) eine Erscheinung des Gegensatzes kennen lehrt^ 
die derjenigen gleichkommt^ mit welcher es der Apostel dann im 
Kolosserbriefe recht ex professo zu thun hat. 

An sich gehören die Kolosser zu des Paulus Missionsgebiet (!> 25) ; 
als Heidenapostel sollte er eigentUch selbst unter ihnen erscheinen^ 
imd es ist auch keineswegs Gleichgültigkeit^ wenn er ihnen bisher 
sich nicht genähert hat (2^ 4. 5). Er strebt auf jede Weise eine 
persönUche Berührung mit der Gemeinde an (1^ 29. 2^ 1)^ braucht 
ihr aber, da seine persönlichen Verhältnisse bereits Gegenstand ihrer 
Sorge geworden sind (4^ 7)^ gar nicht erst aus einander zu setzen^ 
wesshalb es dazu jetzt nicht kommen kann^ sondern die Kolosser 
sich nach wie vor an den Mittelsmann Epaphras halten müssen. 
Ayf einen Zustand positiver Verhinderung deutet auch A, 3 der 
Wunsch nach einer geöfiheten Thür für die Wirksamkeit der Predigt, 
imd 4, 10 erscheint geradezu ein avvatxiicLXwtog. 

Die Frage, in welche Gefangenschaft wir bezüglich unseres 
Briefes verwiesen werden, kann aus dem vorliegenden Material 
schlechterdings nicht beantwortet werden. Zu einer bestimmten 
Entscheidung gelangt man nicht einmal dann, wenn man nach der 
gewöhnUchen Methode die Untersuchung auf alle s. g. Gefangen- 
schaftsbriefe ausdehnt. Eine solche einheitliche Betrachtungsweise ist 
bis zu einem gewissen Grade allerdings möglich, weil die Briefe an 
Philemon, an die Kolosser, Epheser und Philipper einen gemeinsamen, 
von den unzweifelhaften Sendschreiben verschiedenen Charakter an 
sich tragen. Ihre Echtheit nun aber einmal vorausgesetzt, fragt es 
sich, in welche Periode des Lebens des Paulus sie gehören. SicherUch 
entstammen sie einer Gefangenschaft (Philem. 1. 9. 10. 23. Kol. 
1, 24. 4i, 3. 10, 18. Eph, 3, 1. 13. 4, 1. 6, 20. Phil, l, 7. 13. 14. 17), 
Weil nim aber Phil. 1,' 13 das Prätorianerlager und 4, 22 »des Kaisers 



280 Fünftes Kapitel. 

Haus « erwähnt werden^ setzte man altherkömmlicher Weise alle vier 
Briefe in die römische Zeit. Zuerst trat gegen diese Meinung auf 
David Schulz^ Welcher geltend machte^ die in den Briefen er- 
wähnten Freunde^ Timotheus, Aristarch^ Lucas ^ Marcus, Demas^ 
Epaphras, Tychikus, Onesimus, Jesus Justus suche man eher in 
Cäsarea als in Rom. Nur Timotheus , Aristarch und Lucas begleite- 
ten den Apostel dorthin (vgl. Apg. 27, 2. Phil. 1, 1). Der Sklave 
Onesimus sei eher nach Cäsarea als nach Rom »entlaufen«, zumal 
da die Polizei der Sklavenaufspürer (fugitivarii) in Born nicht eben 
lockend war. Auch sei Epaphras im Auftrage der Kolosser schwer- 
lich bis nach Rom gereist^]. Diesen Wahrscheinlichkeitsgründen 
schloss sich Schott an^); gegen Beide schrieb Graul ^) , und gegen 
diesen wieder Böttger, der auch den Philipperbrief nach Cäsarea 
verlegte. Daselbst sei ja der Apostel nach Apg. 24, 23 im Prätorium 
gefangen gesessen, so dass seine Freunde ihn sehen durften. So sei 
Phil. 1, 13 aufzufassen, wo es heisst, die Sache Christi sei im ganzen 
Prätorium bekannt geworden. Man brauche nicht einmal anzuneh- 
men, Paulus habe alle Prätorianer, die ihn bewachten, bekehrt, was 
abenteuerlich wäre, sondern durch die Besuche seiner Freunde im 
Prätorium konnte er eine bekannte Person werden und einige Be- 
kehrungen sich daran schliessen ^j . 

Uebrigens wurde gerade hinsichtlich des Philipperbriefs die Ab- 
fassung in Cäsarea am wenigsten glaublich gefunden. Wiggers^), 
Meyer ^j, Reuss*) u. A. verlegten zwar drei Briefe nach Cäsarea, 
den Philipperbrief aber nach Rom , hauptsächlich um der kritischen 
Situation willen, die er verräth. Derselbe ist, wie unter den Neue- 
ren nur Bleek, und auch dieser nur unsicher, bestreitet^], wenn 
überhaupt von Paulus, so jedenfalls nach den drei anderen ge- 
schrieben. Für Cäsarea spricht, dass unter dem Prätorium 1, 13 
und Kaiserhaus 4, 22 auch der Palast des Herodes daselbst, als das 
bedeutendste öffentliche Gebäude, verstanden sein könnte, dass Pau- 
lus 2, 24 die bestimmte, noch über Philem. 22 hinausreichende Hoff- 



1) Studien und Kritiken, 1829, S. 612 fg. 

2) Isagoge in libros Novi Foederis sacros, 1830, S. 272 fg. 

3) De Schulzii et Schottii sententla, 1836. 

4) Beitrage zur historisch-kritischen Einleitung in die paulinischen Briefe, 1837, 
II, S. 37 fg. 

5) Studien und Kritiken, 1841, S. 436 fg. 

6] Kommentar Aber das N. T., VIII, 3. Ausg. 1859, S. 15 fg., IX, 2, 3. Ausg. 
1865, S. 175 fg. 

7) Geschichte der heiligen Schriften N. T. 1864, S. 99 fg. 

8) Einleitung in das N. T. 2 Ausg. 1866, S. 460 fg. Die Briefe an die Ko- 
losser, den Philemon tind die Ephesier 1865, S. 6 fg. 



3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 281 

nung ausspricht 9 frei zu werden , endlieh aber dass Epaphroditus 
derselbe Name sein könnte mit Epaphras^ in welchem Falle die 
Selbigkeit der Situation im Kolosser- und Philipperbrief deutlicher 
hervorspringen würde. Allein eben diese Selbigkeit beider Namen 
und Personen ist keineswegs erwiesen; 1^ 13 passt besser auf das 
Prätorianerlager^ 4, 22 geht auf kaiserliche Diener überhaupt. Vor 
allem aber weisen die judaistische Opposition , mit der Paulus es 
zu thun hat, im Philipperbriefe (3, 2 fg.), und die ihm zum Ver- 
drusse geübte christliche Lehrthätigkeit (1, 15. 17), mit Entschieden- 
heit nach Rom^). Zuerst seufzt Paulus blos darüber, später aber 
eifert er heftig. Schliesslich treten auch die mancherlei Hoffnungs- 
strahlen, die hervorbrechen, wieder zurück hinter dem Gedanken 
an das nahe Ende. Stellen wie 1, 20 fg^ 2, 17 fg. 3, 10 fg. fehlen 
in den drei anderen Briefen gänzlich. Es ist das Testament des 
Apostels, das wir vor uns haben — und das schrieb er wohl in Bom. 

In neuerer Zeit gilt daher als ausgemacht und entschieden, dass 
der Brief an die Philipper, falls überhaupt echt, von Rom aus ge- 
schrieben ist, und nicht minder kam man in der Anerkennung der 
Thatsache überein, dass die drei anderen gemeinsame Abfassimgs- 
^verhältnisse voraussetzen. Dahin führte sowohl das von uns be- 
handelte Verwandtschafbsverhältniss, als auch die Identität des histo- 
rischen Hintergrundes und des üeberbringers Tychikus. Auf keinen 
Fall darf man daher noch mit Schneckenburger den Epheser- 
brief allein in Palästina abgefasst sein lassen^). 

Für Rom treten indessen noch in die Schranken Neander^), 
Bleek^), Guericke^), Harless^), Wieseler^), Lange^ 
Ewald^), Braunei<>), Davidson^*), Langen^^j^ Hane- 



1) Hofmann, IV, 3, S. 169. 

2) Beitrage zur Einleitung, 1832, S. 143 fg. Vgl. auch Rinck: Studien und 
Kritiken, 1849, S. 956 fg. 

3) Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durch die 
Apostel, 5. Ausg. 1S62, S. 388 fg. 

4) Einleitung in das N. T. 2. Ausg. 1866, S. 434 fig. Die Briefe an die Ko- 
loBser, den Philemon und die Ephesier, 1865, S. 3 fg. 

5) Gesammtgeschichte des N. T. 1854, S. 333 fg. 

6) Brief an die Ephesier, 2. Ausg. 185S, S. LXV. 

7) Chronologie des apostolischen Zeitalters, S. 420 fg. 433 fg. 

8) Bibelwerk, VI, S. 10 fg. 

9) Sendschreiben des Paulus, S. 464 fg. Sieben Sendschreiben, S. 184. 

10) Die Briefe St. PauU, S. 10 fg. 241 fg. 

11) An introduction, II, S. 361 fg. 

12) Einleitung, S. 107. 111. 



282 FOnftes Kapitel. 

berg*), Weber 2) und Hofmann ^); Hitzig wenigstens für den 
Brief an den Philemon und die echte Grundlage des Kolosserbriefes^). 
Durchaus schwankend verhielt sich De Wette ^ indem er von Rom 
(1826) auf Cäsarea (1830—42), von da wieder auf Rom (1843—47) 
und endlich von Rom abermals auf Cäsarea (1848) übersprangt). 

Bei der Alternative, ob Cäsarea, ob Rom, sind noch folgende 
Gesichtspunkte, die übrigens alle etwas Zweideutiges an sich haben, 
in Betracht gezogen worden. Man beruft sich auf 2 Tim. 4, 12, wo 
Tychikus von dem in Rom gefangenen Paulus nach Ephesus ab- 
gesandt wird. Aber 2 Tim. 4, 6 — 21 sind ganz andere Verhältnisse 
vorausgesetzt als Eph. 6, 19 — 22, und wenn der zweite Timotheus- 
brief echt wäre, so könnte er nur in einer zweiten römischen Ge- 
fangenschaft geschrieben sein. Unsere Briefe aber müssen dann um 
so mehr in die erste verlegt werden, als nur so die Differenzen 
zwischen ihnen und den Pastoralbriefen eine nothdürftige Erklärung 
empfangen. Ist jenes Schreiben an Timotheus aber nur theilweise 
echt, so könnte die Sendung nach Ephesus allerdings an sich iden- 
tisch sein mit der Sendung nach Kolossä, dafür aber stehen uns dann 
hinsichtlich des Entstehungsortes der 2 Tim. 4, 12 erhaltenen Notiz 
dermalen nur Hypothesen zu Gebote. 

Auf ein verhältnissmässig frühes Datum weist auch der Um- 
stand, dass Kolossä um jene Zeit durch ein Erdbeben theilweise 
zerstört wurde; Tacitus (Ann. XIV, 27) sagt wenigstens, dass das 
benachbarte Laodicea im siebenten Jahre Nero's, also 61, zerstört 
worden sei. Nach Eusebius (Chron. Ol. 210, 4) hat das Erdbeben 
ausser Laodicea auch Hierapolis und Kolossä betroffen, fiel aber in 
das zehnte Jahr Nero's. Paulus Orosius (Hist. adv. pagan. VII, 7) 
setzt es sogar in das vierzehnte Jahr. Das Wahrscheinlichste gibt 
Tacitus. Nun steht aber im Kolosserbrief nichts von einem Erd- 
beben. Folglich soll er eher fniher als später, eher in Cäsarea als 
in Rom abgefasst sein. 

Onesimus kehrte in Begleitung des Tychikus (Kol. 4, 7 — 9) nach 
Kolossä zurück. Der letztere sollte dann (Eph. 6, 21) auch den 
Ephesem ihren Brief überbringen. Dagegen sei Onesimus im Ephe- 
serbriefe nicht mehr erwähnt, weil er als in Kolossä zurückgelassen 



]) Geschichte der göttlichen Offenbarungi 3. Ausg., 1863, S. 654. 

2} Einleitung in die hl. Schriften A. und N. T. 3. Ausg. 1870, S. 274 fg. 

3) Das N. T. IV, 2, S. 190 fg. 217 fg. 

4) Zur Kritik paulinischer Briefe, S. 26. 

5) Vgl. die fünf Ausgaben seiner »Einleitung in das N. T.« Ton 1826, 1830, 
1834, 1842, 1848 in §. 141 und die Einleitung zu den beiden Ausgaben seines 
»Exegetischen Handbuches«, II, 4 Ton 1843 und 1847. 



3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 283 

gedacht werde. Daraus soll hervorgehen^ dass die Reiseroute des 
Tychikus von Osten nach Westen geführt habe. Aber der Epheser- 
brief ist ein Rundschreiben ^ die ganze Stellung des Onesimus im 
Kolosserbriefe kritisch zweifelhaft (S. 166)^ und schwer abzusehen 
ist^ was ihn in die palästinische Hafenstadt^ zumal zu Fuss^ geführt 
haben sollte. Leichter wird denkbar gemacht^ dass der fliehende 
Sklave nur möglichst rasch ein Schiff zu gewinnen suchte^ um in der 
Weltstadt Rom sowohl Versteck als Unterhalt zu finden. XJeber- 
haupt liegt Cäsarea zwar geographisch näher bei Ephesus und Kolossal 
als Rom^ aber der Verkehr zwischen Kleinasien und Rom war ohne 
Vergleich leichter und lebhafter. Unter Umständen liegt auch uns 
Amerika näher als z. B. Odessa^ wenngleich letzteres zu Land er- 
reichbar ist. 

Aristarch^ welcher Kol. 4, 10. Philem. 24 bei Paulus ist (als 
awacx^dkanog) ^ kann nach Apg. 19^ 29. 20^ 4. 27^ 2 ebensowohl 
in Cäsarea^ als in Rom gesucht werden. Dasselbe gilt von Lucas^ 
welcher^ weil mindestens der Verfasser des Reiseberichtes^ wo nicht 
der ganzen Apostelgeschichte^ nach Apg. 27^ i — 28^ 16 den Paulus 
von Cäsarea nach Rom begleitete und 2 Tim. 4^11 an letzterem 
Orte vorausgesetzt ist. Schon mehr für Rom spricht^ dass Lucas 
Kol. 4^ 14 mit Demas zusammen genannt ist^ der den Apostel nach 
2 Tim. 4^ 10 in Rom verlassen hat^ während wir ihn sonst in Cä- 
sarea nicht finden. Letzteres gilt auch von Timotheus^ welcher 
doch Phil. 1^ 1. 2y 19 wieder bei Paulus ist. Marcus (vgl. 2 Tim. 
4y 11) war nach 4^ 10 eben im Begriffe^ nach Kleinasien zu reisen^ 
vielleicht — denn darauf könnten die ivtoXai zielen — um daselbst 
eine CoUecte zu betreiben i). Diese Mission war von beiden Orten 
aus denkbar. Für Rom spricht allerdings die zuerst beim alexan- 
drinischen Clemens (Euseb. K. G. 11^ 15) erhaltene Notiz^ dass Mar- 
cus daselbst gelebt und geschrieben habe^ und eben dahin weist es^ 
wenn Kol. 4^ 11 heidnische und jüdische Lehrer unterschieden^ und 
aus der Zahl der letzteren nur wenige als in einer dem Apostel 
freundlichen Weise thätig vorausgesetzt werden. Aehnlich ist die Si- 
tuation Phil. 1, 15 — 17. 3» 2, wie überhaupt die starke Polemik gegen 
das Judenthum (vgl. Kol. 2, 11 — 14. 16. 17) zum gemeinsamen Cha- 
rakter der Kolosaer- und Philipperbriefe gehört 2) J 

Endlich wird aus dem Charakter der beiden Gefangenschaften 
argumentirt. In Cäsarea lag der Apostel im Gefängnisse; in Rom 
besass er eine eigene Miethwohnung^ worin er nur von einem an 



1) Ewald, Sendschreiben des Paulus, S. 466. 

2) Ewald, S. 484. 492. 



284 Fanftes KapiteL 

ihn gefesselten Soldaten bewacht wurde (Apg. 28 , 16. 20. 23. 30), 
und predigte fiera ndavig naQQtjalag dxtolvtwg (Apg. 28> 31). Dassu 
stimme die freiere Wirksamkeit Eph. 6^ 19—22. Kol. 4, 3. 11^ wo^ 
mit sich wieder Phil. 1> 12 — 14 combiniren lässt. Zwar sprechen 
jene Stellen in erster Linie blos die Sehnsucht des Apostels nach 
einer solchen Wirksamkeit aus, und auch in Cäsarea hatten seine 
Angehörigen freien Zutritt zu ihm; es konnte also auch vorkommen, 
dass Freunde seine Gefangenschaft theilten, um sich mit ihm tu 
unterreden. Freilich wird dies Apg. 24, 23 in einer Weise erzählt, 
die Weitergehendes auszuschliessen scheint. Wenn Kol. 4^ 3. 4 
wirklich gesagt wäre, seine Haft habe, wie vordem seine Freiheit, 
den Zweck, das Evangelium offenbar zu machen (vgl. jedoch S. S6), 
so würde auch dies eher auf die Zustände in Rom als in Cäsarea 
fuhren. Denn aus Apg. 24, 23. 27. 26, 29 geht hervor^ dass an 
letzterem Orte seine Haft keine sogenannte freie, sondern eine mili- 
tärische war^). Es ist höchst gezwungen, Apg. 24, 27 so auszu- 
legen, als hätte erst Felix beim Abgang ihn binden lassen 2). In 
der Beziehung stehen sich also beide Gefangenschaften mindestens 
gleich. Wenn aber der Apostel sich Herberge in Kolossft bei Phi- 
lemon (Vs. 22) bestellt, so konnte er das zwar nicht ausschliesslich 
nur von Rom aus. Denn an den Kaiser appellirte er erst am Ende 
seiner Gefangenschaft (Apg. 25, 11. 12. 26, 32). Unter Felix hin- 
gegen scheint er mehr Hoffnung auf Befreiung gehabt zu haben und 
könnte möglicher Weise gedacht haben, die kleinasiatischen Gemein- 
den auf seiner Reise nach Rom zu besuchen. Aber nach Apg. 23, 1 1 
stand ihm während der ganzen Haft in Cäsarea, auch schon unter 
Felix, Rom als das nächste Ziel^ das ihm zu erreichen obliegt, vor 
der Seele. Sein Blick war nach der Welthauptstadt gerichtet, uttd 
erst an letzterem Orte scheint der Gedanke aufgekeimt zu sein^ den 
Schauplatz früherer Wirksamkeit noch einmal zu besuchen (Phil. 
2, 24). Eins in's Andere gerechnet, darf man desshalb Rom für 
den wahrscheinlicheren Abfassungsort der Gefangenschaftsbriefe, so- 
weit sie echt sind, erachten. Somit würde für unseren Kolosser- 
brief die Periode zwischen Frühjahr 62 und Sommer 64 als muth- 
massliche Entstehungszeit resultiren. 

2) Indessen ist der Kolosserbrief erst in Folge seiner Ueber- 
arbeitung in weiteren Kreisen bekannt geworden. In <tieser Ge- 
stalt taucht er möglicher Weise schon bei den apostolischen Vätern 



1) De Wette = Overbeck: Erklärung der Apostelgeschichte, 4. Ausg. 
8. 421. 

2) Gegen Bleek: Die Briefe an die Kolosser etc. S. 6. 



3. Der zeitliche Gegemsatz innerhalb des Kolosserbriefes. 285 

SLuf, wiewohl sich anjsdrückliche Spuren so wenig finden^ als z* B. 
auch beiügUch der Thessalonicherbriefe der Fall ist. Wenigstens 
einmal scheint unser Brief (3^ H) bei Clemens anzuklingen (Cor. 
I^ 49 TOP deafiQV t^q äyanrig rov d^eov) . Im Barnabasbriefe stimmen 
die auf Christus bezüglichen Worte Omnia in illum et per illum facta 
sunt (Kp. 17) allerdings mit Kol. !> 16^ aber sie fehlen im griechi- 
schen Text und stellen nur die Schlussdoxologie des lateinischen 
Uebersetzers dar. Bei Ignatius scheinen Reminiscenzen zu be- 
gegnen an Kol. 1, 16. 20 (ad Smyrn. 6j. 23 (ad Eph. 9 hdqaioi ty 
nltnei). 25 (ad Eph. 18)^ und wenn bei ihm Christus to adtmqiTOv 
ffÄiSv t,rjv heisst (ad Eph. 3]^ so kann man dabei theils an Kol. 3^ 4^ 
theils an Phil. 1^ 21 denken. Zweifellos bekannt war der Brief be- 
reits der Schule Valentin's, die ihn als Autorität gebraucht^ wie so- 
wohl aus Irenäus als aus den Excerpten des Theodot erhellt^). Im 
Verlaufe der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts muss er sonach 
zur Geltung als apostolische Schrift gelangt sein. Es lehnen sich 
daher an die Bezeichnung »Erstgeborener aller Creatura Kol. 1^ 15 
an sowohl Justin (Oial. 100: yvovi^g avtdv TiQWtdTOnov fiiv tov 
d'BOv xai nqb ndvTxav taiv utiofidtwv) als Theophilus von Antiochia 
(ad Autol. n^ S. 100: tovTOv tov köyov iyivvrjae nqotpoqi'Kov, Ttqia" 
toTOnov TcdarjQ TCTlaeiog) . Mareion hatte den Brief in seinem Kanon^ 
und seit Irenäus^ der ihn zuerst namentlich citirt (III, 14^ 1]^ worin 
sich ihm aber sofort Clemens^ TertuUian^ Origenes u. s. w. an- 
schliessend wird er als paulinisch und kanonisch allgemein und ohne 
irgend welchem Widerspruch zu begegnen^ gebraucht. 

Es würde somit nichts im Wege stehen^ den jetzigen Kolosser- 
brief mit Volkmar etwa um 125 anzusetzen^). Aber auch ein 
Vierteljahrhundert früher findet gleiche Möglichkeit statt. Schon 
die Analyse des Briefes hat ergeben^ dass zur Zeit seiner jetzigen 
Redaction die jüdische Theoki*atie entschieden der Vergangenheit 
angehörte (S. 160], das Christenthum dagegen theils mit allen concre- 
ten Beziehungen des Lebens in ein Verhältniss getreten war und sich 
aus einander zu setzen angefangen (S. 166), theils überhaupt eine 
bereits ökumenische Bedeutung gewonnen hatte (S. 122). Dahin 
weist auch die schon von Mayerhoff ^) bemerkte Allgemeinheit^ 
in welcher trotz der im Anschlüsse an Kol. 1, 5 vom Interpolator 
hervorgehobenen ikitlg (\, 23. 27) die eigentliche Eschatologie gehal- 
teii ist (3, 24) ; wenigstens 3, 4 sieht fast so aus, als denke sich der 



1) Vgl. Heinrici» S. 50. 56. 85. 101. 116. 120. 121. 184. 187. 190. 192. 

2) Mose Prophetie, S. 161. Evangelien, S. 619. 

3) S. 63 fg. 



286 FOnftes Kapitel. 

Verfasser bei der Wiederkunft das irdische Leben derer ^ welche er 
darauf vertröstet^ als abgeschlossen. Ebenso weist der Zusatz zu 
2, 1 darauf hin^ dass Paulus dem Fleische nach nicht mehr auf 
Erden weilt (S. 153). Endlich ist auch der Gedanke einer Yer- 
mittelimg des Verhältnisses der Engel zu Grott durch Christus (1, 20) 
dem Geiste des zweiten Jahrhunderts homogen imd z. B. bei Her- 
mas (Sim. IX^ 12. Vis. UI^ 4) constatirt^)^ wahrend alle diese Data 
einer Abfassung zwischen 62 und 64 widersprechen. 

2. Die Irrlehrer insonderheit. 

1) Erst jetzt kann ein theologisches noXv&Qvkltitov ersten Rangs 
zur Sprache kommen, die Frage nach den »kolossischen Irrlehrem«. 
Der Gegensatz^ welchen unser Brief voraussetzt, ist nämlich, wie 
schon Keuss gesehen hat 2), nichts weniger als ein einfacher. Erst 
die Doppelheit der Verfasserschaft bringt Licht in die Sache: wir 
haben daher schon bei Gelegenheit der Sonderung beider Schriften, 
aus denen unser kanonischer Kolosserbrief gebildet ist, diesen Punkt 
berührt (S. 149. 157. 220). In diesem Schriftstücke beanspruchen, 
wie fast ausnahmslos die Ausleger zugeben, die christologischen Ex- 
curse 1, 15 — 20. 2, 9. 10 die Bedeutung einer positiven Kehrseite 
zu der Antithese 2, 17 — 20. Aber diese Position ist nicht blos der 
Negation vorangeschickt, sondern auch in so ungleich ausführlicher, 
ja in doppelter Darstellung gegeben, dass Baur die Sadie umzu- 
drehen und in der Negation nur eine beiläufige Wendung zu er- 
blicken vermochte, durch welche das anderswo liegende Hauptthema 
des Briefes begründet werden solle ^). Denn im jetzigen Briefe sind 
dessen Ausführungen über die überweltliche Natur und centrale 
kosmische Stellung Christi offenbar durchaus die Hauptsache, die er 
im weiteren Verlaufe seiner Ausfiihrungen allerdings auch am Gegen- 
satz zu den angelologischen Theorien der Irrlehrer, deren Wider- 
legung schon 1, 16. 2, 10. 15 vorbereitet war, entwickelt. Hiemach 
wäre also der hervorstechendste Zug der Irrlehre der, dass sie das 
richtige Verhältniss verfehlte, welches zwischen Christus und den 
iiQXCii ^cci i^ovoiai statt hat. 

Anders dagegen steht die Sache unter Voraussetzung unseres ge- 
reinigten Textes, da dann, wie S. 188 fg. gezeigt, der Brief aller Di- 
gressionen und Excurse ledig geht und einen continuirlichen, streng 
geschlossenen Gedankenfluss darstellt, in dessen Mittelpunkt die pole- 
mische Pointe trifft. Es erhebt sich nun zunächst die Frage, gegen 

1) Zahn, S. 266 fg. 273. 2) S. 108. 3) S. 31. 



3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 287 

wen dieselbe gerichtet sei. Unter Voraussetzung dieser Resultate 
verstellt es sich lediglich von selbst^ dass wir in den^ mit nur ganz 
wenigen Worten gekennzeichneten Gegnern nicht verschiedenartige 
Menschenclassen (Grotius^ Heinrichs)^ also auch nicht bald 
Gnostiker (2, 8— 10), bald Ebjoniten (2, 11. 14. 16 — 23) vor uns 
habend), sondern eine einheitliche geschichtliche Erscheinung. Dann 
aber darf jedenfalls als im Grundsatze falsch die von Aelteren, wie 
Grotius, Calixt und Heumann vertretene Meinung abgewiesen 
werden, welche in den Irrlehrern Anhänger irgendwelcher heid- 
nischen Philosophie oder gar der chaldäischen Magie (Hug) sucht. 
Vielmehr tragen dieselben ganz offen eine specifisch jüdische Grund- 
farbe zur Schau. Hat man sie darum früher geradezu für Juden 
gehalten (Schöttgen, Eichhorn), so konnte man sich hierfür 
wenigstens auf ihre Beobachtung der Speise- und der Festordnung 
(2, 16), wahrscheinlich auch der Beschneidung (2, 11) 2), vielleicht des 
Gesetzes überhaupt (2, 14), auch wohl der Tta^ädooig twv avd^qw- 
nwv (2; 8) berufen. Aber was wir vom Inhalte der letzteren weiter 
erfahren, führt sofort auf eine bestimmte theosophische Richtung. 
Man liess daher die Polemik unseres Briefes einem speculativen 
Judenthum (Schneckenburger), oder speciell dem Johannes- 
christenihum (Heinrichs) oder Alexandrinismus (Junker) gel- 
ten. Aber wenn die Gegner sich nicht an das Haupt halten (2, 19), 
so heisst das noch nicht, dass sie dieses Haupt gar nicht anerkennen. 
Es handelt sich nicht um Abfall, sondern um Festwerden im Glau- 
ben (1, 23) und demgemässen Wandel (2, 6). Seit Böhm er 3) und 
Rheinwald 4) hält man die Gegner daher jedenfalls für Christen, 
und zwar aus den angegebenen Gründen für Judenchristen. 

Dann aber liegt zunächst die grosse Verwandtschaft dieser 
judenchristlichen Gegner mit den in Galatien aufgetretenen auf der 
Hand. Denn dem Werthlegen auf den Festkalender Kol. 2, 16 
entspricht Gal. 4, 10, und der Unterordnung dieser Dinge unter 
den Begriff der atoixeia %ov xdaiiiov Kol. 2, 8. 20 ganz ebenso 
Gal. 4, 3. 9. Nur dadurch ging diese etwas spätere Erscheinung 
des judenchristlichen Gegensatzes über jene frühere und damit auch 
überhaupt über die gemeinjüdische Sitte hinaus, dass ihr Dogma- 
tismus (vgl. 2, 20) sich auch auf ßQwaig xat ndaig (2, 16) erstreckte, 
wovon wenigstens letzterer Artikel entschieden alle im Penta- 

1) Hilgenfeld: Zeitschrift f. w. Th. 1870, S. 250. 

2) Dass diese gefordert worden sei, behauptet z. B. Bleek (Briefe an die 
Kolosser etc. S. 13. 84), leugnet dagegen Hofmann (IV, 2, S. 75. 157). 

3) Isagoge in epistolam ad Colossenses, 1829. 

4) De pseudodoctoribus Colossensibus, 1834. 



288 Fünftes Kapitel. 

teuch allgemein verbindliche Diät überbietet. Daher die Verbote 
^ij ail^u ^fidi yBvay fifjöi 9lyrj (2, 21), welche Speise- und Reini- 
gungsvorschriften 2, 8 fcoLQadoatg %wv avS^oirctüv und 2, 22 m 
ivvd^iceta xat didaoKalla twv dvd-QWTtwv heissen. Nun beg^^nen 
uns aber dieselben Züge auch schon bei den »Schwachen« su Kom, 
fiir welche es sich , wie um Beobachtung der jüdischen Festzeiten 
(Rom. 14, 5. 6), so auch um Enthaltung von Fleisch- und Wein- 
genuss (Rom. 14, 21) handelte. Somit stellen die kolossischen Irr- 
lehren durchaus keine dem Zeitalter des Paulus fremde Erschei- 
nung dar. Wird ihre Lehre 2, 8 eine q>ckoaog>la genannt, so ist die- 
ser Ausdruck, welchen übrigens auch Philo (Vita Mosis, II, S^ 168) 
imd Josephus (Alterthümer, XVIII, 1, 2) auf die jüdische Theologie 
anwenden, hier nicht im Sinne eines bestimmten Systems zu neh- 
men, sondern er kann recht wohl, im Einklänge mit dem 1 Kor. 
1, 19 — 28. 2, 4—6. 13. 14. 3, 19. 20 über die menschliche Weis- 
heit gefällten TJrtheile, eine methodische Bemühung um Erkenntniss 
bezeichnen i), welche ihren Anhaltspunkt an Dingen dieser sinnlichen 
Welt sucht, also z. B. in der Enthaltung von Fleisch und Wein. 
Darin sieht der Apostel etwas dem Christenthum prindpiell Frem- 
des. Wenn er sagt: xorä rä otoix^ia tov nLOöfiov nai ov xata 
XQiatov (2, 8), so liegt darin der Gegensatz von Kosmologie und 
Theologie^). Wie die Schwachen in Rom, so werden auch die 
Irrlehrer in Kolossä ihre Verbote in ähnlicher Weise naturphiloso- 
phisch und in der Weise der gleichzeitigen Essäer begründet haben. 
Und insofern gehen die Christen zu Kolossä wieder über die zu 
Rom hinaus, als diese sich nur selbst ein Gewissen daraus machen. 
Alles ohne Unterschied zu gemessen, während die Irrlehrer unseres 
Briefes aus solcher Enthaltung eine Bedingung des Heils för Alle 
zu machen unternahmen^). Würde unser Brief somit über die ge- 
gebenen Elemente hinaus nichts mehr ziur Charakteristik der Irr- 
lehrer darbieten , so könnten wir stehen bleiben bei ihrer Bezeich- 
nung als theosophische Judenschristen^), welche den Heideachristen 
zur Vervollständigung ihres Heilsstandes eine theils auf das jädisehe 
Gesetz, theils auf naturphilosophische Lehrmeinungen gegründete 
Heiligung des äusserlichen Lebens zumutheten ^) . 

2) Von der Naturphilosophie zur Metaphysik imd Speculation 



1) Vgl. Bleek (Die Briefe an die Kolosser etc., S. 79) und Hof mann 
{IV, 2, S. 61. 156. 160 fg.). 

2) Baur, S. 35. 

3) Hofmann (S. 157) und Sabatier (S. 186). 

4) So De Wette, Neander, S. 390 fg. 

5) So Hofmann, S. 160. 



3. Der zeitliche Gegentats innerhalb des Kolosserbriefes. 289 

fortzuschreiten^ nöthigen uns aber erst die in das ursprüngliche Bild 
des Kolosserbriefes vom Ueberarbeiter hineingemalten bestimmteren 
Farben. Wie auch der Wortverstand von id-eXod'qfjansla (2, 23) sich 
feststellen möge ^) , die damit verbundene %anuvoq>^oavvYi' weist auf 
die ta7t€ivoq>iioavvti xai d-Qrjanela wv ayyihav 2, 18^ folglich auf 
eine dualistische Weltanschauung zurück^ der zufolge der^ der Ma- 
terie entstammte Mensch zu niedrig ist^ um unmittelbar mit Gott 
zu verkehren, daher der Vermittlung engelischer Kräfte bedarf ^j. 
Wie also praktisch als Ascese, so stellt sich die Irrlehre nun auch 
theoretisch als Verehrung der Engel dar. Sie verstieg sich somit in 
die transcendenten Regionen einer höheren Geisterwelt (2, 18) und 
fährte in dieser Richtung Vorstellungen mit sich , durch welche die 
einzigartige Stellung Christi beeinträchtigt ersehien (2, 19). So 
verstehen sich dann auch die christologischen Digressionen der bei- 
den ersten Kapitel, wiefern solche eine Erkenntniss von Christi 
Person und Werk sicher stellen, vor welcher die Irrlehre von selbst 
zu Boden fallt. Es scheinen also die Engel insonderheit an der 
Weltschöpfung in einer für Christus präjudicirlichen Weise bethei- 
ligt gedacht (1, 16. 17). Möglich aber auch — denn Bestimmtes 
wird nicht mitgetheilt — dass die Sonderlehre sich geradezu auf 
Person und Würde Christi selbst erstreckt hat, sei es nun, dass 
sie ihn für einen blosen Menschen und Propheten der Wahrheit^), 
sei es für ein Engelwesen gehalten habe^). Jedenfalls führen die 
Ang^riffenen ihre rigorose Ascese auf eine theosophische Unterlage 
zurück. Wir haben es also hier nicht mehr mit jener Gnosis zu 
thun, deren sich die »Starken« in Korinth rühmen (1 Kor. 8, 1}, 
sondern mit einem christlichen Essäismus, welcher d bereits in vol- 
lem Uebergang zum Gnosticismus begriffen ist«^). 

Ohne daher bis auf die Kabbala herabzugehen, die jedenfalls 
eine zu späte Erscheinung ist ^) , wird man die Irrlehrer des Ko- 
losserbriefes zwar nicht selbst für Essener halten ; solche gab es nur 
in Syrien, und gerade ihr specifischer Ordensverband, Geheimniss- 

1) ^gl. gegen die gewöhnliche, aber richtige Erklärung von »willkürlichem 
Gottesdienst« Hofmann, S. 102 fg. 

2) Schenkel (Die Briefe an die Epheser etc. S. 196) und Bleek (Die Briefe 
an die Kolosser etc. S. 102 fg.). Dass wirklich von Engeldienst die Rede ist, be- 
weist R. Schmidt, S. 193 fg. 

3) So F. Nitzsch (Bleek's Vorlesungen über die Briefe an die Kolosser 
u. s. w. S. 16) und Schenkel (Bibel-Lexikon, III, S. 567 fg.). 

4) So Ritschi (Altkatholische Kirche, S. 233) und Baur (Neutestamentlicbe 
Theologie, S. 274). 

5) Lipsius: Schenkers Bibel-Lexikon, II, S. 498. 

6) So Herder, Kleuker, Oslander: Tübinger Zeitschrift, 1834, 3, S. 96 fg. 
Holtzmann, Kritik der Epheser- n. Kolosserbriefe. 1 9 



290 Pfinftes KapiteL 

krämerei^ Waschungen, Ehelosigkeit, Reinheitsgrade u. s. f., sind im 
Porträt der kolossischen Irrlehrer nicht nachweisbar. Sind es aber 
auch nicht eigentliche Essener, so hängen sie doch gleich diesen 
mit den Principien der alexandrinischen Beligionsphilosophie zu- 
sammen^). Sie sind also geradezu mit den meisten Auslegern 2] 
für in die christliche Sphäre übergegangene Asceten und Theoso- 
phen essenischer Art, noch bestimmter mit Baur^), Hoekstra^), 
Lipsius^], Sabatier^) für gnostische (theosophische] Ebjoniten 
zu halten. F. Nitzsch nennt sie »ein Mittelglied zwischen dem 
Essäismus und dem Kerinthismusa^). An Kerinth insonderheit hatte 
schon Mayerhoff erinnert s), und in der That findet sich sowohl 
die Angelologie, als auch die Ascese auf beiden Seiten. Hat man 
die Lehre vom Demiurgen im Kolosserbriefe vermisst^), so trat 
solche auch bei Kerinth keineswegs schon in dualistischer Form 
auf. Ein umgekehrtes Versehen ist es, wenn Hilgenfeld den 
richtigen dualistischen Gnosticismus bekämpft werden lässt^^j. Auch 
darf man nicht etwa auf Seiten der Irrlehrer den Ursprimg des Aus- 
druckes t6 nhfjQtaiia suchen ^^) . Nicht nehmen will der Brief ihnen 
diese ihre Idee, sondern beibringen will er ihnen eine solche; mit 
ihrer Hülfe sollen sie dann das Yerhältniss Christi sich zurecht- 
legen und begreifen, dass er eh^uv tov &eov und Wohnstätte des 
göttlichen nXi^qtofxa ist (1, 15. 19. 2, 9), der durch das Blut seines 
Kreuzes Frieden und Versöhnung gestiftet hat (1,20. 22. 2, 14). 
Allerdings »klingt das wie Polemik gegen jene ebjonisirende . Christo- 
logiea^^j. Indem der Verfasser das, was die Gegner von der Gei- 
sterwelt aussagten, vielmehr auf Christus bezieht (1, 19. 2, 9), wel- 
cher Schöpfer und Erlöser sei, und zwar auch für Engel, greift er 
zu einem Ausdrucke, mit dessen Gebrauche er selbst mehr auf die 
Seite der eigentlichen Gnosis tritt gegenüber jener ihrer juden- 
christlichen Vorgestalt ^3). 



1) Schenkel: Bibel-Lexikon, III, S. 567 fg. 

2) So Storr, Fla tt, Rhein wald, Credner, Meyer, Ewald, Thiersch, 
Bit sohl, zuletzt Wittichen: Der geschichtliche Charakter des Eyangeliums Jo- 
hannis, S. 75. 

3} S. 32 fg. 4) S. 631. 

5) Schenkel's Bibel-Lexikon, II, S. 497 fg. 

6) S. 185 fg. 7) A. a. O, S. 17. 8) S. 107 fg. 148 fg. 
9) Schenkel: Bibel-Lexikon, III, S. 568. 

10) A. a. O. S. 247. 

11) Gegen Weiss (Bibl. Theologie, S. 458 fg.) , Reuss (Histoire de la th6o- 
logie chrötienne, ed. 3. n, S. 74), Sab,atier (S. 187). 

12) F. Nitzsch, S. 16. 

13) Hilgenfeld, S. 249. 



3. Der zeitliche Gegensatz innerhalb des Kolosserbriefes. 291 

Somit stellt sich unser Resultat bezüglich der Irrlehrer dahin, 
dass in beiden Formen des Briefes dieselbe Gegnerschaft berücksich- 
tigt ist, die sich aber ganz sachgemäss in dem früheren, paulini- 
€chen Briefe auf dem früheren, im interpolirten Briefe dagegen auf 
dem späteren Stadium ihrer Entwickelung darstellt. Dort haben 
wir wesentlich die äa&evovvreg des Bömerbriefes vor uns, deren 
Charakterzüge, namentlich Scheu vor Fleisch- und Weingenuss, die 
späteren Ebjoniten nach den Clementinen (XIV, 1) und Epiphanius 
(Haer. XXX, 15. 16) beibehalten haben, gleichwie nach demselben 
Schriftsteller (XXX, 2. 16. 17) auch die Werthschätzung des jüdi- 
schen Kalenders. Hier dagegen hat sich aus der essäischen Engel- 
lehre (Josephus : Bell, jud.n, 8, 7) ein reicherer Hintergrund übersinn- 
licher Phantastik entwickelt, wie er bereits die Zeiten der werdenden 
Gnosis verräth und bekanntlich zur charakteristischen Zubehör des 
späteren Ebjonitismus gehört ^) . Den Irrlehrern der eigenen Gegen- 
wart stellt daher Paulus nur dieselben Grundsätze hinsichtlich der 
üTOx^ia vov xdaiÄOV, die wir aus Gal. 4, 3 — 5. 9. 10 kennen, den 
Ebjoniten der späteren Zeit stellt der Autor ad Ephesios seine hö- 
here Christuslehre entgegen : ist Christus xeq)akrj ndatjg aQxrjs xot 
i§ovaiag Kol. 2, 10, so der Anhänger der Engellehre ein ov XQazwv 
%rjv K€q)aXi^v Kol. 2, 19. Mit der Anschauung Christi als des, das 
All zusammenfassenden Centralwesens ist jedwede andere Yermitte- 
lung des Menschen mit Gott unvereinbar, und erscheinen somit die 
Aufstellungen der Irrlehrer als eine Beeinträchtigung des absoluten 
Charakters des Christenthums ^) . 

Essäische Elemente in christlichen Gemeinden sind im eigent- 
lichen apostolischen Zeitalter jedenfalls nur. ganz sporadische Erschei-- 
nungen. Der Apostel bekämpft sie zuerst von Korinth aus in Rom, 
dann von Rom aus, wo er persönliche Bekanntschaft mit ihnen ge- 
macht, in Kolossä. Erst nach der Zerstörung Jerusalems sind die 
Essäer in grösserer Masse zum Christenthum übergetreten ^) , und 
erst seit Anfang des zweiten Jahrhunderts bildet sich der eigent- 
liche Elkesaitismus aus^), und werden ins Grosse gehende Versuche 
gemacht, das Christenthum im Sinne einer ascetischen Theosophie von 
jüdischem Gepräge durchzubilden und auszugestalten — Versuche, 
für deren Bekämpfung im interpolirten Kolosserbriefe das früheste 
Datum vorliegt. Eine Irrlehre, der zufolge sich das nkijqwfia nicht 

1) Vgl. BauT (S. 33} und Bleek (Die Briefe an die Kolosser etc. S. 104). 

2) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 273 fg. 

3) Ritschi (Altkatholische Kirche, S. 220), Bleek (Die Briefe an die Ko- 
losser etc. S. 15), Wittichen (Evangelium JohaAnis, S. 75. 80). 

4) Vgl. mein Werk »Judenthum und Christenthum«, S. 577 fg. 

19* 



292 Fünfte» Kapitel. 

in Christus zusammenfasst, sondern über die ganze höhere Geister- 
welt ausbreitete]^ ist im apostolischen Zeitalter ebenso unnachweis- 
bar^ als im Zeitalter der Gnosis selbstverständlich. 

4. Verhältniss beider Briefe zur Onosis. 

t) Es ist allgemein anerkannt^ dass die grossen gnostischen Partei- 
häupter mit ihren ausgebildeten Systemen unter Hadrian aufgetreten 
sind^ nachdem höchstens ein Menschenalter zuvor Kerinth geblüht 
hatte. Da nun aber eine philosophische Entwicklung ihre reifsten 
Früchte nicht gleich am Anfang abwerfen wird^ steht zu vermuthen^ 
dass die Ansätze einer Bewegung^ welche um 130 ihren Höhepunkt 
erreichte^ noch in das erste Jahrhundert^ vielleicht sogar bis in die 
apostolische Zeit^ herabreicheft werden. In der That haben das 
Vorhandensein gnostischer Secten schon um die Mitte des ersten 
Jahrhunderts neuerdings angenommen Thiersch^) und Lutter- 
beck^) von apologetischem^ Noack^) von entgegengesetztem ra- 
dicalen Standpunkte aus^ während Lipsius^j und Hilgenfeld<^) 
eine Ausgleichung im Sinne wissenschaftlicher Unbefangenheit ver- 
mittelt haben. 

Dabei hat jener mehr das formale^ dieser mehr das materiale 
Moment an der Sache im Auge. In jener Beziehung hängt die 
ganze Bedeutung der yvuiaig an ihrem Gegensatze zur TtUntg, Aber 
auch nicht gleich von vom herein zugespitzt darf man sich diesen 
Gegensatz denken; vielmehr weisen die Jahrhunderte unmittelbar 
vor und nach Christus eine Reihe von charakteristischen Versuchen 
auf ^ unter voller Anerkennung der alten Autoritäten des Glaubens 
eine neue Vorstellungswelt als höhere Weisheit in sie hineinzulegen. * 
So verfuhr das mythendeutende Heidenthum in den nachgeborenen 
philosophischen Systemen^ so bekanntlich vor Allem das alexan- 
drinische Judenthum. Ueber der Tiiatig steht dem Philo die höhere 
Form der durch allegorische Interpretation gewonnenen yvoiaig als 
etwas Esoterisches 9 als eine Art mystischer Geheimlehre. Etwas 
freilich nur entfernt Analoges begegnet im ältesten Christenthum, 



1) Weiss, S. 458 fg. 

2) Visuell zur Herstellung des historischen Standpunktes fflx die Kritik der 
N. T.lichen Schriften, 1845, S. 231 fg. Einige Worte über die Echtheit der N. T.- 
lichen Schriften, 1846, S. 14 fg. 

3) Die N. T.lichen Lehrbegriffe, n, 1852, S. 3 fg. 

4) Psyche, m, 1860, S. 257 fg. 

5) Schenkel's Bibel-Lexikon, H, S. 490 fg. 

6) Zeitschrift f. w. Th. 1870, S. 233 fg. 



4. Verhältniss beider Briefe zur Gnosis. 293 

insofern als nach Mt. 13^ 1 1 das Wissen (yvävai) um die fivatijQia trjg 
ßaüiXelaS tcSv 6vQavc5v es ist^ was die Inessianische Oetheiüde vom 
geitieineh Judenthum scheidet^ und so bestand denn auch die yvdi- 
aig der ersten Gemeinden im Besitz des Schlüssels zu einem Schrift- 
verständnisse ^ welches den Gegendatz des nationalen Messiasbildes 
zu der in Jedus eingetretenen Wirklichkeit ausglich und vetschwindeti 
lieds. Aber erst Paulus hat das andvdaXov tov atavqov definitiv 
beseitigt durch seinen Nachweis der göttlichen Nothwendigkeit des 
in den Mittelpunkt der religionsgeschichtlichen Betrachtung gestell- 
ten Kreuzestodes des Messias. So^ als Gnosis vom Kreuzestod^ hat 
Holsten den paulinischen LehrbegrifF dargestellt ^) ^ und in der 
That führt der Apostel selbst sein Evangelium ein als yvcSaig tov 
'9eov 2 Kor. 2, 14. 10, 5, speciell als yvcSaig trjg dd^g tov d^sov 
iv TtQOOWTtf^ XQiatov^ 2 Kor. 4, 6. In der Weise der alexandrini- 
fichen Speculation unterst-heidet daher Paulus Buchstaben und Geist 
des Gesetzes > ja er lässt jenen durch diesen überwunden werden. 
Alle anstössigen Seiten seiner Predigt weiss er durch eine neue Art 
von pneumatischer Schriftauslegung zu beseitigen; zuweileti alle- 
gorisirt er geradezu (1 Kor. 10, 1 — 11. Gal. 4, 21 — 31), und aus 
1 Kor. 10, 3. 4 {nvevfiaTi.x6v) .. Gal. 4, 29 (xara ad^a und ytatct hvsvfio) 
geht hervor, dass er diese Entschleierung der Geschichte durch Alle- 
gorie unter den Gesichtspunkt der Gnosis stellte ^j. Jedenfalls kannte. . 
er ein x^Q^^P^^ yvdaewg (1 Hör. 12, 8. 13, 2. 8. 14, 6), dessen G^e- 
fahr freilich in seiner Isolirung, in einem von der Liebe getrennten 
Auftreten besteht (1 Kor. 8, 1 — 3); er spricht auch von yivdoxeiv 
und yvdSaig stets nur mit bestimmter Beziehung auf jenen Mittel- 
punkt seiner Heilsverkündigung. Im richtigen Gefühle, mit seinem 
theologischen System und seiner pneumatischen Schriftauslegung über 
das Gebiet des populären Heilsglaubens hinausgegangen zu sein, 
unterscheidet er gleichwohl unter den Christen selbst wieder fn^rtioi 
oder 'kpvxinol und tiistoi oder nvBVficitiMl (1 Kor. 2, 14. 15. 3, 1. 3) ; 
nur für die letzteren ist die höhere aotpla bestimmt (1 Kor. 2, 6; 
vgl. auch 8, 1 fg.). 

In materieller Beziehung kommen als Präformationen gnostischer 
Gedanken bei Paulus insonderheit in Betracht der schroffe Gegen- 
satz von aaq^ und nvevfxa als die natürliche und allgemeinste Unter- 
lage aller gnostischen Speculation; dann aber auch die Unterschei- 
dung dessen, was wie Verheissung und Sendung des Messias von 
Gott selbst und unmittelbar ausgegangen ist, von dem durch unter- 



1) Zum Evangelium des Paulas und Petrus, 1868, S. t02 fg. 

2) Heinrici, S. 166. 



294 FOnftet Kapitel. 

geordnete Engel vermittelten Gesetz Gal. 3^ 19; femer der Begriff 
der atoixela tov xoofiov, der Grrundstoffe dieser Welt, Sonne, Mond 
und Planeten, von denen die jüdische Gesetzesreligion so gut beein- 
flusst ist, als die heidnischen Religionen Gal. 4, 3. 9. Kol. 2, 8. 20 1), 
endlich die afxovreg %ov alcSvog tovTOv 1 Kor. 2,8 und der d-scg 
tov aliüvog tovtov 2 Kor. 4, 4. Dagegen sind die falschen Apostel 
und Satansdiener 2 Kor. 11, 13 — 15 so wenig Gnostiker, als um- 
gekehrt die Bileamiten und Nikolaiten Offenb. 2, 14. 15. 20. 

Formell identisch mit der paulinischen Gnosis ist diejenige des 
Hebräerbriefes. Nicht blos begegnen wir derselben Unterscheidung 
der atoixeia t^g äfx^S ^^^ XoyUov tou d^eov 5, 12 und der teXBionrig 
6, 1 , sondern es wird auch dem durch Engel vermittelten Gesetze 
2, 2. 3 die directe Offenbarung durch den Sohn gegenüber gestellt. 
Materiell neu, und wesentlich Präformation des späteren Alexan- 
drinismus^), ist freilich, dass an die Stelle der Heilsgeschichte, welche 
bei Paulus Object der yvcSaig ist, hier die transcen deuten Sphären 
der idealen Welt, des Himmels, treten. Wie die wahre Vollendung 
in einem nicht blos zeitlichen, sondern auch räumlichen Jenseits 
erwartet wird, so besteht auch die yvwaig darin, in dem mosaischen 
Cultusinstitut, welches an sich keine objective Bedeutung hat, Ab- 
bilder himmlischer Verhältnisse, in Gestalten der alttestamentlichen 
Ge^schichte, wie Melchisedek, Moses, Aaron, Josua, Typen auf Chri- 
stus zu finden. Demgemäss ist auch die Auslegung hier weniger 
allegorisch, als bestimmt typologisch. 

Eine Art von Parallele dazu bietet im Allgemeinen der Brief 
des Clemens an die Korinther, insofern ihm die Aufgabe der Gnosis 
darin liegt, die höhere Bedeutung der alttestamentlichen Typen, na- 
mentlich im Ceremonialgesetze und in der israelitischen Geschichte 
zu erkennen. Aber einen entschiedenen Schritt weiter, und zwar 
ganz in der Richtung des Hebräerbriefes, macht der Brief des Bama- 
bas, indem er den Fortschritt vom einfachen praktischen Heilsbe- 
wusstsein zur tieferen Gnosis gleich von vom herein als Zweck angibt 
(Kp. 1 : Hva fierä tijg Ttlarewg v^idiv Tskelav ix^s xai t^v yväaiv), 
ohne jedoch schon zwischen beiden Stufen einen qualitativen Unter- 
schied eintreten zu lassen. Vielmehr gesellt sich die yvuiaig den 



1) Zur Erklärung des Begriffes ist eine Stelle aus der Praedicatlo Petri et Pauli 
dienlich bei Hilgenfeld: Novum Testamentum extra canonem receptum, IV, 
S. 58 : fAviSk xarä *Iov<Saiovg ai߀0&€ * xal yuQ fx€Tvoi fiovoi oiofAEvhi ihv ^€ov yi- 
vt6ax€iv ovx in^aravrai, ?MTQ€vovT€g ayyiXois xal agxccyyiloig, jufjvl xal afX^vri' 
xal ittv firi a^XiivTi (pav^ , aaßßarov ovx äyovai ro X€y6fi€vov ngtSjov ovdk vsofiti' 
viav ayovaiv otjdk aCvfja ovSk ioQtrjv ovdh fi€yalriv rifxigav, 

2) Heinrici, S. 167. 



4. Verhältniss beider Briefe zur Gnosis. 295 

Übrigen christlichen Tugenden allmählich bei (Kp. 2). Was bringt 
nun aber diese Gnosis? ti Idyst 17 yvdSaig; fragt er (Kp. 6), ehe er 
zur allegorischen Erklärung von Ex. 33^ 1. 3 übergeht. Gnosis im 
engeren Sinne bedeutet dem Verfasser somit eine, dem gewöhnlichen 
Blicke verborgene Erkenntnisse welche vermöge eines pneumatischen 
Schriftverständnisses gewonnen vrird. Auf diesem Wege erkennt man 
nämlich^ dass das Gesetz nach seinem buchstäblichen Sinne geradezu 
verwerflich ist, nach seinem geistigen aber die ganze Wahrheit ent- 
hält. Hier wird nun zuerst die fleischliche Auffassung des Gesetzes 
geradezu auf dämonische Urheberschaft zurückgeführt, indem ein 
böser Engel, der den Juden jenes Missverständniss eingab, eben da- 
mit zum Urheber des Judenthimis erhoben wird (Kp. 9). 

Dieselbe Vorstellung von einer widergöttlichen Thätigkeit der 
Engel war im Buche Henoch schon zur Erklärung der Entstehung 
des Heidenthums verwendet worden. Da nun Judenthum wie Hei- 
denthum unter den Begriff der atoixela tov x6afj.ov fallen, der an 
das Körperliche gebundenen Religion^ so lag es nahe, die von der 
göttlichen Absicht losgerissenen Engel auch schon bei der Ent- 
stehung der Körperwelt selbst thätig sein zu lassen, womit der 
Standpunkt Kerinths, des ersten eigentlichen Gnostikers der Ge- 
schichte, gekennzeichnet ist. Der Unterschied verschiedener Reli- 
gionsformen ist so zu einem Unterschiede verschiedener Gottheiten 
geworden; der Kosmos steht als getrübte Offenbarung der reinen 
Offenbarung des überweltlichen Gottes in der christlichen Geistes- 
religion gegenüber. 

So sind die in den Paulus-, Hebräer- und Bamabasbriefen ent- 
haltenen Ideen von einer Vermittelung der Gesetzgebung durch Engel, 
und zwar, wie sich die Sache allmählich stellte, durch abgefallene 
und gottwidrige Engel, zu Anknüpfungspunkten für den heidnischen 
Dualismus im christlichen Bewusstsein geworden. Anders steht es 
mit den deuteropaulinischen und deuterojohanneischen Schriften. In 
diese Literatur ragt, wie sich sofort zeigen wird, die Gnosis schon 
selbst irgendwie hinein, nicht blos ihre Präformationen. 

2) Bekanntlich (vgl. S. 3. 6. 19 fg.) hat zuerst Baur beide Briefe 
einer Zeit zugewiesen, »in welcher die eben erst in Umlauf kom- 
menden gnostischen Ideen noch als unverfängliche christliche Spe- 
culation erschienen«^), und, seinen Ausführungen 2) wesentlich fol- 
gend, bringen sie unter den Heutigen namentlich Lipsius^) und 



1) Paulus, n, S. 25. 

2) A. a. O. S. 8 fg. Neutestamentliche Theologie, S. 256 fg. 
3] Schenkers Bibel-Lexikon, 11, S. 504. 



296 Fünftes Kapitel. 

Hilgenfeld^] bald in nähere, bald in entferntere Beziehung zur 
Gnosis. Zur Abwehr gegen die übertreibende Consequenzmacherei^ 
welcher man heutzutage sofort ausgesetzt ist, wenn man von gno- 
stischen Anklängen in diesen Briefen redet, sei übrigens sofort be- 
merkt, dass von eigentlichem Grnosticismus hier nicht die Bede sein 
kann. Von den späteren Systemen unterscheidet sich unser Brief- 
steller prindpiell schon dadurch, dass er den sich realisirenden End- 
zweck der Schöpfung nicht in die aoq>la, wie die Gnostiker, sondern in 
die hcTÜLfjola^) f und demgemäss auch den Zweck der E*rlÖ6ung zwar 
nicht mehr mit Ausschliesslichkeit, aber doch mit überwi^endem 
Nachdruck auf das sittliche Gebiet verlegt. Gerade darum warnt 
ja der Kolosserbrief (2, 4 fg. 18 fg.), in allgemeinerer Weise auch 
der Epheserbrief (4, 14 fg. Vgl. 20. 21. 6, 16) vor Verfiihrung durch 
falsche Lehre und trügerische Philosophie. Beide wollen eine scharfe 
Demarcationslinie zwischen wahrer und falscher Gnosis ziehen, in- 
dem sie dieser das nur den Aposteln (Eph. 3, 5), nicht aber be- 
liebigen Sectenföhrem geoffeubarte, wahre Mysterium Christi, und 
dem zerflattemden Sectenwahne mit seinem wechselnden ava/iog tfjg 
didaaxaliag (Eph. 4, 14) die Einheit seiner Kirche gegenüberstellen, 
welche, auf dem Gnmde der heiligen Apostel und Propheten er- 
baut (Kol. 1, 23. 25. Eph. 2, 20 — 22), sich als ein mit dem er- 
höhten, einheitlichen Haupte unzertrennlich verbundener Leib orga- 
nisch zusammenfügt (Kol. 1, 21 fg. 2, 5 fg. 19. 3, 11. 15. Eph. 
1, 10. 22. 23. 2, 13 fg. 18 fg. 3, 6. 4, 3 fg. 12. 15. 16. 5, 23. 25 (g. 
6, 13 fg.), innerhalb dessen es keinen Unterschied von nia%ig und 
yvuiaig gibt (Eph. 4, 13), zumal da die äyatttj tov XqujvoS alle 
yviSoiS übertrifft (Eph. 3, 19). 

Wir verwahren uns demnach ausdrücklich gegen die beliebte 
Unterstellung, als mache die Kritik aus unseren Briefen Producte 
der gnostischen Schulen. Unter den letzteren kommt, wie wir sahen 
(S. 278. 285), vorzugsweise die valentinianische für unsere Briefe in 
Betracht. Sind diese aber um die Wende des ersten zum zweiten 
Jahrhundert entstanden, so kann nicht Valentin, der erst um 140 
nach Rom kam 3), ihr Urheber oder Veranlasser gewesen sein. Die 
Briefe würden auch anders aussehen, wenn gno^tische Hände sich 
an ihrer Abfassung oder Ueberarbeitung betheiligt hätten. Weder 
würden dann die Valentinianer veranlasst gewesen sein, das aM/Mi- 
tixwg Kol. 2, 9 zu umgehen 4), noch würde Theodot, der in diesem 



1) Zeitschrift für wiss. Theol. 1S70, S.- 247 fg. 

2) Baar: Paulus, II, S. 16.. 

3) Heinrici, S. 10. 4) Heinrici, S. 56. 



4. Verhältnias beider Briefe zur Gnosis. 297 



Punkte sich den Text gefallen läs8t^j^ dafür in die Lage gekommen 
sein^ sich bezüglich der Kol. 1^ 15 verbundenen Begriffe elxwv und 
ftQonoTOxos im Gegensatze zum Apostel zu wissen^). 

Heinrici, welcher das in Rede stehende Verhältniss unbefan- 
gener auffasst, als apologetischer Seits gewöhnlich geschieht, gibt 
zu, dass ein wahlverwandtschaftlicher Zug die Gnostiker gerade zu 
solchen Schriften führen konnte, welche, wie der Kolosserbrief, einen 
universalistischen Christus, in dem iKtin&rj tot ndwa und Ttäv to 
nhfiqmfiOL evdoKtjae natoin^oai, predigten, oder, wie der Epheserbrief, 
die Verbindung von Christus und der Kirche unter dem Bilde einer 
Syzygie auffassen lehrten^]. Aber auch von der Tübinger Schule 
wollte ja nie das valentinianische System in unseren Briefen nach- 
gewiesen werden, es ist vielmehr immer der Satz vorangestellt wor- 
den, dass was für die Gnostiker in eine bunte Vielheit von Geister- 
reihen, in eine weitläufige Aeonenreihe auseinanderfalle, sich hier in 
dem Einen Christus als dem concreten Centralpunkte des Geister- 
reiches organisch zusammenschliesse ^) . »Die christologischen Aus- 
sagen dieser Briefe sind die paulinischen Grundgedanken, gegen die 
Gnosis gekehrt, aber selbst in der Form der Gnosis a^). Ihrem Inhalte 
nach bezeichnen sie genau die Stelle, wo vom Paulinismus her det 
Seitenw^ nach der Gnosis sich öfihet. So steht schon gerade jenes 
kosmische Centralwesen selbst zwischen dem paulinischen »Himmels- 
menschen«, dessen Steigerung es darstellt, imd dem gnostischen 
vaCg oder fwvoyepijQ oder vielmehr dem Soter, welcher herabkommt, 
um die Sophia zu erlösen. Weil zu seiner Gestaltung alle Aeonen, 
das ganze Pleroma, beigetragen haben und er darum das All heisst, 
wird sein Wesen durchweg nach Kol. 1,16. 2, 9. 3, 11. Eph. 
1, 10 beschrieben^). In der That setzen sich die hier vorkommenden 
E^enschaften an jenem gnostischen Phantasiebilde direct fort. Na- 
mentlich gilt dies von der Art, wie die Thätigkeit des Centralwesens 
eine auf das ganze Universum sich erstreckende, dasselbe wesentlich 
zurückführende und wiederherstellende (Kol. 1, 20), Einigung und 
Friede schaffende (Eph. 2, 14—17) ist (daher Eph. 6, 15 ^ayyikiov v^g 
^If^rjg) . In ganz ähnlicher Weise beruht ja auch die Gnosis auf der 
al^emeinen Grundidee, dass alles von dem höchsten Gott ausgegan- 
gene Leben in seine urspriingliche Emheit wieder zurückkehren, jede 



1) Heinrici, S. 121. • 2) Heiniioi, 8. 120. ^) S. 187. 

4) Baur (8. 10), Bruno Bauer (8. 101), Lipsius (a. a. O. 8. 498. 504), 
Hilgenfeld (a. a. O. 8. 247) und Volkmar (Mose Prophetie, 8. 110). 

5) Biedermann, 8. 241. 

6) So bei Irenäus (I, 3, 3. 4, 4), Theodot (Ezcerpta 43) und Theodoret (Haer. 
fab. I, 7). Vgl. übrigens Heinrici, 8. 60. 101. 184. 187. 



298 Fflnftefl Kapitel. 

entstandene Disharmonie in Harmonie aufgelöst werden müsse. Den 
Grrundgedanken^ wonach Christus alles das^ was auf, über und unter 
der Erde ist^ in Eins zusammeufasst (Kol. 1^ 16. 20. 3, 11. Eph. 
1, 10. 21. 22. 4y 9. 10]^ haben die gnostischen Systeme dann nur 
weiter ausgeführt^ und zwar so^ dass sie auch die das Geisterreioh 
fällenden Figuren gleichsam lebendig werden liessen. Es mehrten 
sich nur Scenen und Acte des Schauspiels , das Programm blieb 
dasselbe. Auch dazu aber war schon Anleitung gegeben, wenn in 
unseren Briefen nicht blos überhaupt Christus mehrfach in seinem 
Verhältniss zu den himmlischen Geistwesen in Betracht gezogen 
wird (S. 220) , sondern auch ausdrücklich sein Erlösungswerk als 
eine auch für jene entscheidungsvolle Katastrophe erscheint (S. 233). 
Wir sahen bereits (S. 221), dass Paulus in diese transcendenten 
Regionen nur eben erst hineinblickt. Hier dagegen sind sie zum 
ausschliesslichen Gegenstand der Speculation gemacht, und die Gläu- 
bigen, deren zuvor nur nach dem Kreuz gewandte Blicke nunmehr 
in der Richtung auf jene Regionen fixirt werden, verwandeln sich 
in Theosophen und Gnostiker. Vor Allem aber auch der Brief- 
steller selbst^ welcher 3, 8 — 11 den apostolischen Beruf ganz unter 
diesen Gesichtspunkt rückt. »Der Apostel — sagt Hofmann — 
hat einen Beruf erhalten, dessen Ausrichtung dazu dient , dass die 
eigenwillig waltenden Geister im Himmel durch das Werden der 
Gemeinde auf Erden, welche Verwirklichung eines durch alle Zeiten 
hindurch massgebend gewesenen göttlichen Vorsatzes ist, von der 
überlegenen Weisheit Gottes überführt werden a *). Namentlich in der 
betreffenden Aussage 3, 10 findet daher^ Hof mann selbst eine 
Eigenthümlichkeit unseres Briefes, welcher man in den früher ge- 
schriebenen Sendschreiben nirgends begegne 2). Aber nicht alttesta- 
mentlich, oder paulinisch, wie er meint, ist dieselbe, sondern sie be- 
zeichnet das Stadium der Ueberleitung von, bei Paulus nur vereinzelt 
und unausgebildet auftretenden (vgl. 1 Kor. 10^ 20), Vorstellungen in 
die gnostische Methode und Schablone^ ähnlich wie die ursprünglich 
paulinische Anschauung von einer Erlösung der Natur (Rom. 8^ 22 — 25) 
in unserem Briefe zwar nicht direct ausgesprochen , dafür aber zur 
Idee einer kosmischen Versöhnung potenzirt und somit in Stellen wie 
Kol. 1, 20. Eph. 1, 7 — 10. 12. 18. 23 auf einem, dem Gnosticis- 
mus bereits näher gerückten Stadium vorausgesetzt wird. Eben 
damit hängt nun aber die Auffassung Christi als eines kosmischen 
Centralwesens zusammen. In Christus soll ja das All zur Harmonie 
gelangen, wobei nur der Unterschied ist, dass die Christen sich 



1) IV, 1, S. 125. 2) S. 283. 



4. Yerhaltniss beider Briefe zur Onosis. 299 

dieses Processes bewusst sind, während die Natur jenem Ziele un- 
bewusst entgegen geht^). Hiermit aber sind wir der gnostischen 
Auffassung von der Erlösung als Naturprocess so nah als im N. T. 
nur immer möglich gerückt. 

3) Auf einem anderen Punkte nähert sich der Lehrbegriff unserer 
Briefe den gnostischen Systemen bezüglich des Verhältnisses, in 
welchem Christus als zur htxXtjola stehend gedacht wird. Zwar ist 
dieses noch nicht die gnostische Syzygie selbst 2) , wohl aber hält es 
die Mitte zwischen der, als Ausgangspunkt dienenden, paulinischen 
(2 Kor. II, 2) und apokalyptischen Idee des Brautstandes (Offenb. 19, 
7. 9. 21, 2. 9. 22, 17) und dem gnostischen Aeonenpaare des Ideal- 
menschen und der Gemeinde auf der einen, der Verbindung der in 
das Tcli^QWfia zurückkehrenden aoq>la mit dem OiatrjQ auif der ande- 
ren Seite. Zu beiden Anschauungen bildet, was wir Eph. 5, 23 — 32 
lesen, die directe Präformation, zumal da auch hier die himmli- 
schen Mächte die göttliche aotpla in dem d grossen Geheimniss« 
(Eph. 5, 32) der ehelichen Verbindung Christi mit der iKTcXriala er- 
kennen (Eph. 3, 10). Diese ist acjfia tov Xqiotov (Eph. 4, 12. 16), 
und Christus als ihr Heiland awtfjQ rov awfiatog (Eph. 5, 23). 
Wenn nun nach Eph. 5, 28 die Weiber die awfiata der 5, 25 — 27 
auf Christi vorbildliches Thun an der Gemeinde verwiesenen Männer 
sind, so »schwebt dabei dem Apostel unverkennbar die Vorstellung 
vor^ dass die Gemeinde der Leib Christi ist, und dass Christus sie 
als seinen Leib liebt «3). Vollkommen sicher gestellt wird der Pa- 
rallelismus der Vorstellungsreihen durch Eph, 5, 23, wonach der 
Mann des Weibes Haupt ist, wie Christus dasjenige der Gemeinde» 

Erst von hier aus erhellt nun aber der Zusammenhang, in 
welchem mit beiden Vorstellungsreihen der Begriff des tcXtjqwikx steht» 
zugleich auch die zweifellos gnostisirende Färbung dieses Begriffs 
(vgl. S. 224). In Einem Athem nennt der Briefsteller die Kirche %6 
awfxa avTOv und t6 nXrjqw^ia lov %ä Ttavta hf näavv Ttkrjqovfiivov 
(Eph. 1, 23). Kommt ihr nun letztere Eigenschaft als dem Leibe 
und Weibe Christi zu, so erhellt, dass dem Briefsteller das Weib 
auch das TiXi^QWfia des Mannes sein muss, wie umgekehrt der Va- 
lentinianer Herakleon den Mann der Samariterin Job. 4, 16 — 18 to 
Tthfjqw^a avxrjq nennt ^). Wie also der Mann seine Ergänzimg am 
Weibe hat, so ist die Kirche dasjenige, was, indem es von Christus 
erfüllt wird, ihn wiederum völlig macht. Von hier erst wird das 

1) Vgl. Hofmann, S. 25 zu 1, 12 und S. 55 zu 1, 23. 

2) Hoekstra, S. 612 fg. 

3) Schenkel: Die Briefe an die Epheser etc. S. 90. 

4) Heinrici, S. 145. 



300 Fonftes Kapitel. 

Uebergeben des Begriffes vom nli^QWfia von dem Completum in das 
Complementum (S. 226} vollständig begreiflich. 

Insofern aber die Kirche, wenn sie nli^gta/ia heisst, nur als der 
jetzt schon erfüllte Kreis ins Auge gefasst wird, von welchem aus 
die erfüllende Thätigkeit Christi sofort nach allen Seiten weiter- 
schreitet, werden wir von hier aus wieder zu dem Hauptgedanken 
eines werdenden Mittelpunktes des Weltalls zurückverwiesen und 
sehen überhaupt der ganz eigenthümlichen Gedankenwelt des Ver- 
fassers erst völlig auf den Grund. In demselben Sinne, wie nadh 
Eph. 1, 9. 10 rä navta äva}teq>alaiiiaaa9ai^ Yontitz Grottes ist, 
heisst die Kirche auch Eph. 4, 13 nXijQWfia zov Xqiotov^). Hier 
und Eph. 1, 23 ist nur von ihrem idealen Sein die Rede^, zu wel- 
chem sie aber in Wirklichkeit auch erst allmälig heranwächst und 
heranreift. Denn jener Eph. 1, 23 gesetzte Durchdringungsprocess, 
der vom Mittelpunkte ausgeht, ist wie im grossen Weltall, so auch 
in der engsten Sphäre, in der Kirche, ein allmälig fortschreitender. 
So aber werden wir auf die Vorstellung der geometrischen Figur con- 
centrischer, aus einander hervotwachsender Kreise geführt, welche 
schon an sich mit dem theilweise pythagoräisch geftbrbten Gnosti- 
cismus verwandter ist, als mit dem echten Paulinismus. Auch dieser 
Begriff stellt also zwar noch nicht »das bekannte ftXiqqmfxa der Gno- 
stikera ^j, wohl aber eine Vorstufe Zu detn ausgedehnten Gebrauche 
dar, welchen die Giiostiker von d^m Worte machen ; er li^ , wie 
auch Sabatier anerkennt 4) , in der Mitte zwischen PauUnismus 
und Gnosticismus. Bei den Gnostikem bezeichnet er bekanntlich 
die Stufenfolge von göttlichen Wesenheiten, womit der Begriff Gottes 
als mit seinem bestimmten Inhalte sich erfüllt. Die Sache ist so- 
nach wesentlich dieselbe, nur dass in imseren Briefen das gesammte 
nXrjqtofxa noch in Christus, der Kirche und dem Weltall zusammen- 
gefasst erscheint. 

Aber selbst die Namen für die Bewohner des^ nXrjqfaiia konfite 
der Gnosticismus unmittelbar unseren Briefen entnehmen. Zwar. die 
TtolvTcotxilog' aoq>la Eph. 3, 10, welcher Ausdruck bei Irenäus (I, 
4, 1) auf die valentinianische Sophia angewandt ist, hat mit de^ 
Wesen des gnostischen Aeons, »durch eine ganze Reihe der verschie- 
denartigsten Formen und Zustände faindurchzugehenüi^, niehtB ta 
tfaün, weil sie überhaupt nichts von Gott Verschiedenes ausdruckt; 
und in rein neutestamentliehem Sinne ist auch von Tt^d-etfigl iiSv 

1) Storr, Flatt, Baumgarten-Crusius, Hofmann, S. 162. 

2) Schenkel (S. 63), R. Schmidt (S. 206), Engelhardt (8. t37%.). 

3) Hilgenfeld, S. 247. 4) S. 203. 

5) So Baur (Paulus, H, S. 17) und B. Bauer (S. 102). 



4. VerhältnisB beider Briefe zur Gnosis. 301 



imavttiv (£ph. 3^ U; au verstehen nachEph. 1^ 4. U), Yon akSpss ^oti 
y€V€al (Kol. 1^ 26)^ von auSvßSfwv altivfov (Eph. 3^ 21)5 wie solche 
achtmal auch in der Apokalypse stehen^ die Rede^ und expUcirt sieh 
der ewige Vorsatz Gottes (Eph. 3, 9 anso %äv ulwvmv) in einer 
zeitlichen Folge solcher alwvaq (vgl. Eph. 2, 7 ^ %oi$ alwaiv %dig 
inmXOfidv€iAg). Aber schon deutlich in's Gnostische spielt Eph. 2^ 2 
hinüber^ wo coordinirt mit dem S^tav t^g i^ovciag tov äi^og auch 
von einem €dw V0v ndc^iov tGvvav die Bede ist^). Paulus perso* 
nifieirt den Zeitgeist allerdings auch^ aber einfach als uUH^^ ovwog 
(Böm. 12^ 2) 3); aliüif %ov wPftov tov%ov kann er schon deshalb nicht 
sagen» weil bei ihm aUiv und xoofwg Synonyme vorstellen (1 Kor. 
l, 20. 2^6. 3^ 18. 19); er gebraucht daher den Ausdruck -^edg 
tov alävog tovTOV (2 Kor. 4^4). Andererseits wirkt selbst noch in 
der Schule Valentins der lursprüngliche Zeitbegriff von alwp nach» 
wie aus der Parallelisirung mit äQCt hervorgeht^]. Auch hier also 
sehen wir uns auf die Mittelstation zwischen Paulinismus und Grno- 
sticismus verwiesen ^j. 

4} Unsere Briefe stellen sonach eine Vorstufe des Gnosticismus 
dar» und insofern kann man allerdings sagen» dass sie » das Gnostische 
nicht blos zurückweisen» sondern auch zum Theil aiifhehmen«^). 
Sie gehören einem Stadium des christlichen Denkens an» auf welchem 
dieses sich schon entschieden der Speculation über die höhere Gei- 
sterwelt zuzuwenden und Ausdrücke in Umlauf zu setzen ange* 
fangen hatte» welche zwar noch unbefangen hingenommen und un-r 
anstössig empfunden wurden» bald aber zu entschiedenen Anstössen 
Veranlassung gaben» zumal als die Gnostiker die hier angefangenen 
Linien weiter zu ziehen unternahmen und z. B. an die TtvQiovtireg 
Eph. 1» 21. Kol. 1» 16 ihre ^oti/t«^ anschlössen^) . Auf einer ähn- 
lichen Grenze zwischen den beiden Vorstellungskreisen» welche sich 
später als katholisch und häretisch schieden» bewegt sich unser 
Briefsteller» wenn er Eph. 3» 15 von nSaa nocTqioi iv ovqavoig redet. 
Da hier Ttatqid ein auf einen Ahnherrn sich zurückführendes Ger- 
schlecht bedeutet» so werden dadurch die Engelordnungen imter den 
Begriff der Familien gestellt^) und ergibt sich die Vorstellung nicht 
blos verschiedener Klassen (Meyer z. d. St.)» sondern auch ver- 



1) Vgl. Baur: Paulus, II, S. 16. Theologie des N. T., S. 258. 
^) Keuss: Gesohichte, S. 110. 

3) Iren. I, 3. Vgl. Heinrici, S. 28. 

4) Sabatier, S. 203. 

5) Hilgenfeld, S. 251. 

6) Baur (U, S. 11), Heinrici (S. 56. 121). 

7) Weiss, S. 461. 



302 Fünftes Kapitel. 

schiedener Abstammungen und Verwandtschaftsverhältnisse der Engeln 
womit das abstracte Schema der gnostischen Systeme bereits ge- 
geben ist. 

Sind Uebergänge zum Gnosticismus einmal an sicheren Stellen 
nachgewiesen^ so mögen als unsichere Berührungen wenigstens noch 
genannt werden die aus dem Begriffe des nli^Qfafia fliessende (Eph. 
4^ 10 Iva nXrjQWOf] TOt nivta) Idee des Descensus ad inferos^ die sich 
nach Irenäus (I^ 21, 3) und Epiphanius (XLII^ 4) wenigstens bei den 
Gnostikem fand^ femer die auch bei Valentin (Irenäus^ I> 5, 4) und 
Marcion (Irenäus^ I^ 28, 2) sich findenden xoafxoytgdTOQeg 6, 12^ die 
als 7tv€vf4aTt.xd nach 2 ^ 2 in der Luft ihr Wesen treiben ^ wie bei 
Valentin (Ir. I, 5, 4) die Luft und die TivevfiaTixd t^ TtovqqLag 
gemeinsam aus der Xvnrj der Sophia entsprangen. Dahin gehört 
femer der Kol. 1, 12. Eph. 1, 18. 4, 18. 5, 8 hervorgehobene Ge- 
gensatz von Licht uud Finstemiss. Wenigstens beriefen sich nach 
Irenäus (1^8^ 5) die Valentinianer gern auf Eph. 5 , 18^ und wenn 
Eph. 2y 2 die aus geistlichem Tode Erweckten (2^ 1. 5} zugleich 
als den finsteren Mächten der Luft^ mit denen sie jedoch immer 
noch zu kämpfen haben (6, 12)^ entrissen dargestellt werden^ so 
konnte ein gnostisches Bewusstsein in solchem Bilde leicht sich 
selbst wieder erkennen. 

Somit ist nichts damit gewonnen^ wenn man die Anklänge un- 
serer Briefe an die gnostische Terminologie für rein formeller Natur 
erklärt und sich bei dem im Allgemeinen richtigen und von uns 
nicht bestrittenen Satze beruhigt, die neutestamentlichen Ideen seien 
die Quellen der jüngeren gnostischen Systeme , welche ihrerseits 
nicht als' originale Schöpfungen betrachtet werden dürfen; es habe 
sich beispielsweise die gnostische aoq>ia auf Grund von Köm. 11, 33. 
1. Kor. 2, 6. 7. Eph. 3, 10 entwickelt*). Denn, wie nachgewiesen 
wurde, ist das Verhältniss im Einzelnen immer dies, dass die gno- 
stische Lehre nicht gleichmässig aus paulinischen Elementen erbaut 
ist, sondern der Entwicklungsgang derselben fuhrt immer direct 
über die Briefe an die Epheser und Kolosser; und will man in die- 
sen eine spätere Gestaltung des Paulinismus erkennen, so muss 
man auch annehmen, der Apostel habe in ihnen dem Gnosticismus 
geradezu in die Hände gearbeitet, ja er habe ebenso auch die Com- 
bination des Christenthums mit dem Mysterienwesen, welche die 
beglaubigte Geschichte gleichfalls erst in das zweite Jahrhundert 
verlegt, selbst eingeleitet. 

5) Bezüglich des letzteren Punktes noch ein Wort ! Wir haben 



1) Reuss, S. 110. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 303 

gesehen^ wie in unseren Briefen dem Glauben einerseits die Werke 
in einer gewissen Selbständigkeit gegenübertreten (S. 212)^ anderer- 
seits aber auch das Wissen in der Art vom Glauben sich ablöst, 
dass es dem Glaubenden vor Allem darum zu thun ist, ein theore- 
tisches Wissen um den Inhalt seines Glaubens zu haben. (S. 2 14 fg.). 
Wie jene Eigenschaft im Allgemeinen die Producte des nachaposto- 
lischen Zeitalters charakterisirt ; so weist diese Hervorhebung des 
Wissens und Erkennens als des eigentlichen Wesens der Religion 
unsere Briefe bereits in die Zeitnähe der gnostischen Bewegung 
herab ^]. Und wie man sich einerseits an die Gnostiker, deren 
eigentliche Beschäftigung nach Irenäus (II, 47, 1) die Inquisitio 
mysterii et dispositionis existentis Dei bildet, erinnert findet, so hört 
man andererseits aus dem vielen^Reden von yväaig und i7tiyv(oaig, 
von aotpia und avveaig, von yvwqtC^eiv und qxari^evv, von (jtvairiQWv 
a7COX€KQVfXfi€vov uud g>av€Q(oaig tov fivoTtjQlov bereits die Termino- 
logie des griechischen Mysterienwesens heraus, welches je länger je 
mehr den eigentlich lebendigen Theil der alten Religion bildete, und 
mit dessen dem Zug der Zeit so sympathisch entgegenkommenden 
Formen sich das Christenthum im Laufe des zweiten Jahrhunderts 
immer intimer befreundete. Der Inhalt der christlichen Offenba- 
rung ist ein Arcanum (Kol. 2, 3) , ein Schrittweite offenbar werden- 
der »vielbezüglicher« Reich thum (Eph. 3, 10) von Erkenntnissformen, 
der in einem allmälig sich vollziehenden Verlaufe, in einer regel- 
mässigen Folge von Phasen und Gestaltungen, Epochen und Stu- 
fen (dies die oiycovofÄia tov nXrjQWficcTog %a,v notiquiv Eph. 1> 10) in 
das Bewusstsein der Menschen eintritt. Dies aber ist nichts ande- 
res als die Idee der Einweihung und der stufenweisen Vollendung in 
den Mysterien. Dabei geht die intellectuelle und die ethische Voll- 
bereitung echt mysterienmässig Hand in Hand, und es ist eine rich- 
tige Vermuthung Schenkel' s, dass der Verfasser von Eph. 1, 7. 8 
sich mit dem Empfange der Sündenvergebung auch den Eintritt 
einer höheren Erkenntniss verbunden gedacht habe ^] , was an den, 
bekanntlich gleicher Weise aus der Mysterienterminologie entlehn- 
ten, Charakter der Taufe als q)WTiaii6g erinnert. 

5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 

1) Paulus ist der erste Apostel, in dessen Namen und Geist 
auch nach seinem Tode Schriften entstanden. Seiner vorzugsweise 
schriftstellerischen Wirksamkeit entsprach vollkommen ein solches 

1) Baur: Neutestamentliche Theologie, S. 273. 2) S. 15. 



304 FOnftet Kapitel. 

schriftstellenBches Nachleben. In demselben Maaese, als nach den 
Ereignissen der Jahre 64 und 70 die Abnahme productiver Elzäfte 
fühlbar wiirde^ erwachte die Sehnsucht^ den grossen Herold und An- 
walt der Sache Christi auch noch zu einer fortgeschrittenen Zeit 
und über neue Aufgaben^ welche sich in einer sum Theil unerwar- 
teten Weise gestellt hatten^ reden zu hören ^). Und als vollends 
die grosse Aussaat des Paulus zu reifen ^ als die Heidenmission zu 
blühen und in einer, dem jüdischen Standpunkte selbst näher ge- 
rückten, Yölkerkirche auch die lebensfähigen Elemente des Juden- 
christenthimis sich zurechtzufinden begannen, als solcher Gestalt an 
die Stelle des früheren Gegensatzes eine vereinigte Kirche der 
Juden und Griechen zu treten sich anschickte und am schliesslichen 
Siege dieser so gefestigten Christenheit bereits kein Zweifel mehr 
sein konnte: da musste es auch am Grabe des Heidenapostels le- 
bendig werden, die Stimme des Todten musste aufs Neue ertönen, 
und man sah den vor der Zeit dahin gerafften Säemann jetzt deut- 
lich durch das wogende Emtefeld schreiten. Ueberwältigt von der 
weltgeschichtlichen Thatsache des grossartigsten Erfolges, welchen 
die Lebensarbeit des Paulus gefunden hatte, macht ein späterer 
Jünger seines Geistes ihn selbst zum Zeugen seines Triumphes und 
lässt ihn ein Wort des Sieges und des Friedens in die Gemeinden 
hineinreden (vgl. S. 208). 

Aber nicht blos zur Freude, auch zur Rüge und Strafe lag ja 
Grund imd Anlass genug vor, wo auf der einen Seite die »fidsoh 
berühmte Gnosisa das Ideal zu überspannen und dem gesunden 
sittlichen Werk spirituaUstische Abenteuer zu substituiren unter- 
nahm, während andererseits die altbekannten Gebrechen des heid- 
nischen Lebenswandels, mit welchen schon der Apostel einen un- 
ausgesetzten Krieg geführt hatte, darum keineswegs unwirksam 
geworden waren. Gegen jene Seite der Gefahr wendet sich darum 
der erneuerte Kolosserbrief ; gegenüber den immer bedrohlicher wer- 
denden Schwankungen der allgemeinen Praxis, überhaupt gegen so 
Manches, was daran mahnte, wie unvollendet und unreif noch der 
Leib der Christenheit dastand, entwirft der Epheserbrief in grossen 
und strengen Zügen ein für Heidenchristen bestimmtes Programm 
sittlicher Lebensführung. So hat, was wir schon oben (S. 41) hin- 
sichtlich des Zweckes dieses Schriftstückes voraussetzten, auf allen 
Stadien unserer Untersuchung eine durchgängige Bestätigung em- 
pfangen. 

Dass nun aber der Autor ad Ephesios, indem er sich gedrungen 



1) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 153. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 305 

V 

fühlte^ dergestalt seine eigene Stimme zum Organ des Apostels zu 
machen^ gerade an dessen Kolosserbrief so eng anknüpfte^ sofern er 
diesen sowohl zur Grundlage eines neuen selbständigen Briefes 
machte^ als auch selbst in neuer und vermehrter Auflage herausgab^ 
kann nicht darin seinen Grund haben^ dass dieses das einzige pau- 
linische Sendschreiben war, welches von der Bedeutung und Bestim- 
mung der Kirche handelte ^j. Denn theils thut es dieses gerade in 
seiner nachgewiesenen ürgestalt so viel wie gar nicht, theils wäre 
der erste Korintherbrief wenigstens in einzelnen seiner Theile , na- 
mentlich 1 Kor. 12, dazu geeigneter gewesen. Hauptsache aber ist, 
dass der Epheserbrief, wie Ewald selbst zugibt 2), seine Stoffe keines- 
wegs blos da, wo das Original etwa die Idee der inTiXijaia berührt, 
sondern auf allen Punkten und an allen Enden desselben ihm ent- 
lehnt. 

Etwas günstiger steht es mit einem anderen, von demselben 
Gelehrten geltend gemachten Motiv 3). Unser Verfasser hatte bei 
seinem Schreiben vorzugsweise die Heidenchristen im Sinne, wel- 
' chen-er ihren Platz im Reiche Gottes anweisen und die er inson- 
derheit in eine friedliche Stellung zu den Judenchristen bringen 
will*). Unter den echten Paulusbriefen ist aber nur derjenige an die 
Kolosser rein und ausschliesslich für heidenchristliche Leser berech- 
net. Daneben darf aber auch die Rücksicht auf die unverhält- 
nissmässige Kürze und Gedrungenheit gerade dieses Paulusbriefes 
nicht ausser Augen gelassen werden, sofern solche Eigenschaften 
besonders einladend waren für einen Schriftsteller, dessen Virtuosität 
auf der Seite amplificirender Ausfuhrung und rhetorisirender Dar- 
stellung gelegen war. Das Hauptmotiv aber lag gewiss darin , dass 
unser Verfasser diese, bisher in dem abgelegenen Kolossä begraben 
gewesene Reliquie des Apostels zuerst der Vergessenheit entrissen 
hat, weshalb sie auch in der Kirche niemals anders als ebeil in 
derjenigen Gestalt bekannt geworden ist, welche jener ihr im Interesse 
seines Epheserbriefes (vgl. S. 199) zu geben für gut gefunden hatte 
(vgl. S. 284 fg.). 

Sehen wir von diesem erreichten Höhepunkte auf unsere ganze 
Untersuchung zurück, so weist sie uns die reinlichste Lösung auf, 
welcher das Problem des Epheserbriefes fähig ist. Vor Allem er- 
klärt sich nur so das doppelte Gesicht, welches der Kolosserbrief 
dem unbefangenen Beschauer stets geboten hat und bieten wird. Es 
ist ein eigenthümlich getheilter Eindruck, den wir aus seiner Leetüre 



1) So Ewald, S. 156 fg. 2) S. 157. 

3) Vgl. Ewald, S. 157 fg. 4) Hoekstra, S. 645. 

Holtzmann, Kritik der Epbeser- a. Kolosserbrief e. 20 



906 Fünftes Kapitel. 

davon tragen^ und bis auf den heutigen Tag sehen wir die Kritik 
der Realität dieses Widerspruchs irgend welche Concessionen machen 
(S. 21 fg.). Auf der einen Seite so viel gut und echt Paulinisches^ 
mit oft überraschender Evidenz sich geltend machend! auf der 
anderen entschieden fremde Bestandtheile und Ausdrücket Oder 
auch nicht fremd! Denn schon Zeller hat darauf hingewiesen^ dass 
alle auffalligen Spracheigenthümlichkeiten genau besehen identisch 
sind mit denen des Autor ad Ephesios^)^ und Baur darauf das 
treffende Urtheil gegründet , dass der Kolosserbrief theilweise sei^ 
was der Epheserbrief ganz ist (vgl. S. 110). Einem an Takt und 
Rhythmus der paulinischen Tonwelt gewohnten Ohre sind die Klänge 
störend und fremd, welche im Kolosserbriefe jenen durchbrechen, 
wohl aber geben sie sich leicht als derselben Musik zugehörig zu 
erkennen, von welcher der Epheserbrief voll ist. Sinn und Recht 
dieses Gleichnisses werden sich uns unten (S. 314) sofort ergeben. 

Der Fehler, in welchem somit die bisherige Kritik — abge- 
sehen von den S. 22. 33. 87. 158—160. 165. 167. 168 gewürdigten 
Andeutungen Hitzig's — sich verfangen hatte, lag zu allermeist 
darin, dass sie sich zu rasch für die eine oder andere Seite des wi- 
derspruchsvollen Totaleindruckes entschied, die im Reste bleiben- 
den Bedenken sei es nun zu Gunsten oder zu Ungunsten der pau- 
linischen Echtheit in sich niederkämpfend. Aber hier vor Allem 
muss man, nach welcher Seite man augenblicklich auch inquirire, 
stets des Audiatur et altera pars eingedenk sein. Zu zeigen, dass we- 
nigstens unter Umständen und in Fällen nur ein solches Verfahren 
zum Ziele fuhrt, war der Zweck vorliegender Untersuchimgen. Die 
Methode, vermöge deren uns so ein, beiden Kehrseiten gerecht wer- 
dendes Resultat erwachsen ist, bestand einfach in der sorgfaltigen 
Ausscheidung dessen, was von sachlichem und sprachlichem Eigen- 
thum des Autor ad Ephesios im Kolosserbriefe beg^nete. Die 
Probe endlich für die Richtigkeit der ganzen Rechnung liegt darin, 
dass, was als unassimilirbar und dem Autor ad Ephesios schlecht- 
weg fremd, zurückblieb, sich sofort zwanglos zu einem kurzen 
Paulusbriefe zusammenfügte, welcher in seinem einfachen Fort- 
schritte eben so sehr das Schema abgibt für die Anlage des Epheser- 
briefes, als hinwiederum die Gedankenfolge dieses letzteren sich ab- 
spiegelt in dem interpolirten Kolosserbriefe. 

Wie nun aber der kurze Paulusbrief an die Kolosser sich in 
einem, abseits von den grossen Knotenpimkten des Weltverkehrs 
gelegenen Angulus terrae erhalten hatte, so werden wir auch den 



1) Theologische Jahrbücher, 1843, S. 540 fg. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 307 

christlichen Schriftsteller ^ welcher ihn dort entdeckte und in zeit— 
gemäss erweiterter Gestalt in die Welt sandte , ohne Zweifel in 
Kleinasien zu suchen haben. Es war mindestens ein Menschenalter 
«chon verflossen^ seitdem der Apokalyptiker Johannes die paulini- 
sehen Gemeinden in einem^ dem Geiste ihres ersten Stifters ziemlich 
fremden Tone angeredet hatte^ als unser Autor ad Ephesios ein um- 
gekehrtes Ver&hren einschlugt indem er den sieben apokalyptischen 
Gemeinden die Autorität des grossen Heidenapostels wieder in das 
Gedächtniss ^urüökrief. Dem Geist und den Angaben der Zeit 
«ntsprecbend that er dies freilich in einer versöhnlichen y die pro- 
phetische Stellung des Apokalyptikers als eines Propheten neben 
den Aposteln anerkennenden , allenthalben auf die anzubahnende 
Einheit der Kirche Bedacht nehmenden Weise. Aber unmöglich 
konnte ein solcher Mann^ in dessen Gedächtniss sämmtliche echte 
Faulusbriefe mit sicherer Schrift eingegraben standen^ so dass Re- 
miniseenzen an die paulinische Terminologie und Manier sich auf 
Schritt und Tritt verfolgen lassen^ so wenig Geschick, sich in die 
Lebensverhältnisse seines Helden zu finden^ besitzen^ um einen sol- 
chen Brief ausschliesslich nach Ephesus zu adressiren. Vielmehr 
bildete sich in ihm^ während er die Adresse des Kolosserbriefs co- 
pirte (vgl. S. 131 fg.)^ der Entschluss, sein Schriftstück als ein 
Jßundschreiben zu behandeln. Der Umstand^ dass Paulus auf diese 
Weise meist ihm persönlich unbekannte Kreise anredet^ war der Ab- 
sicht, welcher der Brief dienen sollte^ eher förderlich^ weil er eine 
Techt ausführliche Darlegung des Themas ;nur natürlich erscheinen 
Jieas 1) . 

2) Nach Ewald besässen wir ausser dieser Encyklica nichts 
mehr von der Hand unseres » Sendschreibers cc 2) . Aber abgesehen 
von der Interpolation des Kolosserbriefes hat derselbe sich noch ein 
unverkennbares Denkmal an einem anderen Orte der neutestament- 
lichen Literatur gesetzt. Bekanntlich haben die Verse Rom. 16^ 
25 — 27 keine feste Stellung im Römerbriefe^ da sie bald am Ende des 
vierzehnten > bald am Ende des sechzehnten Kapitels y bald an bei- 
den Orten^ bald aber auch^ wie schon zu Zeiten des Hieronymus 
(ad Eph. 3^ 5), an keinem von beiden erscheinen. Letzteres scheint 
eine ursprüngliche Eigenthümlichkeit des occidentalischen Textes 
gewesen zu sein^). Jedenfalls unterbricht die Doxologie zwischen 
14, 23 und 15^ 1 den Zusammenhang vollständige ist aber auch am 

1) Baur S. 49. 

2] Sieben Sendschreiben, S. 160. 

3) Lucht: lieber die beiden letzten Kapitel des RömerbriefeSi 1871, S. 49 fg. 
«4 fg. 

20* 



308 FOnftes Kapitel. 

Schlüsse des Ganzen doppelt überflüssig, da der Brief schon vorher 
zweimal (16^ 20 und 24) abschliesst. Zufallig kann aber diese ganze 
Erscheinung um so weniger sein, als gerade zwischen den beiden 
Stellen, an welchen die Doxologie erscheint, der schon bei Marcion 
fehlende und auch von der neueren Kritik stark beanstandete Ab- 
schnitt 15, 1 — 16, 24 steht. 

Dazu kommt nun aber noch eine ganze Reihe anderer Gründe, 
welche schon auf J. E. C. Schmidt^), De Wette 2) und De- 
litzsch^) entschiedenen Eindruck machten und dann, verschärft 
und vermehrt, für Reiche^), KrehP) und besonders Lucht^) 
Anlass zur Leugnung der paulinischen Authentie von Rom. 16, 
25 — 27 boten. Nicht blos sie, sondern auch Exegeten, welche diese 
Stelle für echt nehmen, sprechen doch bald von der schwülstigen 
imd überladenen, der dunkeln und schwankenden Ausdrucksweise 
derselben gerade so, wie man dies auch bezüglich der Diction des 
Epheserbriefes zuzugeben pflegt^), bald aber fiel ihnen ausgespro- 
chener Maassen die Aehnlichkeit der Stelle mit dem Epheserbriefe 
auf»). 

Dass die Doxologie unpaulinisch ist, kann nach Lucht's ein- 
gehender Untersuchung nicht länger bezweifelt werden, und zwar er- 
strecken sich die zahlreich zu Gebote stehenden Beweismittel in 
gleicher Weise auf die Form^) wie auf die Diction^®), auf den Ge- 
dankengehalt im Allgemeinen^^) wie auf die gnostisirende Färbung 
insbesondere ^^) . Hat doch schon der so vorsichtige und conserva- 
tive Reiche sein Gutachten dahin abgegeben, die Doxologie könne 
nur einem homini private, qui ingenio suo indulgeret, zugeschrie- 
ben werden ^3) . Um über die Person dieses Unbekannten und doch 
Bekannten keinen Zweifel übrig zu lassen, genügt eine Verglei- 
chung folgender Parallelenreihe: 



1) Einleitung, 1804, § 97. 

2) Kurze Erklärung des Römerbriefes, 2. Ausg. 1838, S. 167 fg. 

3) Zeitschrift für lutherische Kirche und Theologie, 1849, S. 611 fg. 

4) Erklärung des Briefes Pauli an die Kömer, 1833, S. 6 fg. Commentarius 
criticus in N. T., I, 1853, S. 88 fg. 

5) Der Brief an die Römer, 1845, S. 537 fg. 

6) S. 32 fg. 92 fg. 

7) Meyer: Handbuch über den Brief an die Römer, 4. Ausg. 1865, S. 536. 
8] Rackert: Commentar über den Brief Pauli an die Römer, 2. Ausg. 1839, 

a. 343. 

9) S. 93 fg. 10) S. 97 fg. 

11) S. 102 fg. 12) S. 106 fg. 

13) Commentarius criticus, I, S. 116. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 



309 



Kol. 1 



26. TÖ fAVatVlQlOV 10 «TIO- 
X€XQVflUiV0V K7l6 ttÜV 

at(ovtov ttaX ano rtSv 
yevediv, vvvl ^k ifpavs- 
Qiod-tl roig ctytois av' 
rov, 

27. ols ri(hihiatv 6 &s6g 
yvtoQtaai rl ro nXoV" 
Tog Ttjg Sortis jov (jlv- 
OTtigtov Tovrov. 



Rom. 16. 

25. riß 6k övvttfjiiv^ vfiSg 
arriQl^ai xazn to fu- 
ayyiXiov fiov xal t6 
utrjQvy^a 'Irioov Xqi- 
arov, xard anoxalv- 
\piv fivatriQtov /Qovoig 
atfovioig aeaiytifiivov, 

26. ifaviQta&ivxog Sh vvv 
6ia T€ ygatfiuv ngo" 
(f'flTixdiv xat inirayrjv 
Tov aioivtov S-60V eig 
VTTtexorji' nlatfoig efg 
TT« IT« Tor ^d-tnj yv(o~ 
Qia&ivTog, 



27. /bi6v(p ao(f^ d-iiß Sia 
öo^a (ig rovg aitSvag, 



Eph. 3. 

20. Ttp ^k Svvafxivfp vttIq 
Ttavxa wotriaai 
xccra T'^v dvvafjiiv . . 

3. xaia anoxaX'vxjjiv iyv(a» 

QIOV . . 

9. x«l (ftoxtaai Tiarrtegy 
rCg Tf ofxovofila tov 
/ivarrjQlov TOV anoxC' 
XQVfAfiivov ano rtar 
altovwv . . 

10. tva yf(OQiad-y vvv ' . . 

5. o irigaig yevtatg ovx 
iyv(OQiad-fi Toig vlolg 
rdSv av&Qtantov tag vvv 
d7TfxaXv(f>&ri ToTg ayt' 
oig . . 

21. avT^ ii 66^it iv T§ ix- 
xXriatif iv XQiat^ *iri~ 
aov iig nccaag rag 
yeviag rov aimvog xwv 
aiojvtov, afir^v. 



Die Ausleger des Römerbriefes citiren hier fortwährend die an- 
geführten Parallelen unserer Briefe^ und die Verwandtschaft ist in 
der That so augenfällig , dass man mindestens mit Hoekstra 
Nachahmung des Römerbriefes an beiden Seitenstellen annehmen 
müsste^)^ wofern man vor der Thatsache die Augen verschliessen 
wollte, dass vielmehr Rom'. 16, 25 — 27 die ganze Eigenthümlichkeit 
des Autor ad Ephesios nach Wortvorrath, Satzbau und Gedanken- 
gehalt in concentrirtester Weise zu Tage tritt 2). Haben dies doch 
diejenigen Ausleger selbst anerkannt, welche das fivazi^Qiov Rom. 
16, 25 ganz richtig auf das bestimmte Moment der Aufnahme der 
Heiden in das Grottesreich , also in dem , vom Sprachgebrauche des 
Apostels abweichenden speciellen Sinne der oben (S. 216) ent- 
wickelten Theologie unsers Verfassers deuten ^) , mit welcher es ohne- 
hin auch in der Charakterisirung als eines seit ewigen Zeiten ver- 
borgenen, jetzt aber geoffenbarten Erkenntnissinhaltes übereinstimmt^). 
Nicht minder im Rechte sind diejenigen Exegeten, welche das xi^fvyfia 
^Ifjoov Xqlötov nicht als das Wort von Christus, sondern als die 



1) S. 647. 2) Vgl. Lucht. S. 95. 99 fg. 104 fg. 107. 110 fg. 113. 

3) Bengel, Tholuck, Philippi: Commentar Über den Brief Pauli an die 
Römer, 3. Ausg. 1866, S. 705. 

4) Lucht, S. 104 fg. 



310 FOnftei Kapitel« 

von Christus selbst ausgehende Verkündigung ^j , oder auch geradezu 
als die von ihm einst auf Erden verkündigte Predigt 2) fassen, 
welche Vorstellung identisch ist mit Eph. 2, 17^). Granz besonders 
aber kommt Ein Punkt in Betracht^ welcher in den Commentaren 
noch keine genügende Lösung erfahren hat. Was soll es denn 
heissen^ wenn Rom. 16> 26 gesagt ist^ das in Rede stehende fivOTrj- 
Qiov sei »offenbar gemacht in der Jetztzeit und mittelst prophetischer 
Schriften nach Befehl des ewigen Gottes^ um Glaubensgehorsam 
herzustellen 3 imter allen Nationen kund gethan«? Die q>aviqmaig, 
sagen die Ausleger^ geht die Apostel an^ und an dieselbe schliesst 
sich weiter die allgemeine Kundmachung an^ wie sie mittelst pro- 
phetischer Schriften statt hatte. So richtig dies ist, so fraglich wird 
es bei solcher Sachlage^ ob denn die prophetischen Schriften über- 
haupt diejenigen des A. T. sein können. Durch dieselben ist ja das 
fragliche Geheimniss so wenig »kund gemacht« worden^ dass e» 
vielmehr eben als ein fAvaTrjQiov %qivoig alwvioig aeaiytjfiivov be- 
zeichnet werden konnte. Dagegen würde jegliches Dunkel ver- 
schwinden^ wenn wir auch hier an die »Apostel und Propheten« 
denken dürften, welche nicht blos Eph. 2, 20. 4^ 11 nebeneinander- 
gestellt, sondern auch Eph. 3, 5 als Empfanger der das ^ivan^gior 
aufhellenden OLnoytaXvxpig bezeichnet werden. Da wir nun gesehen 
haben, dass unser Verfasser vor Allem den Apokalyptiker zu den 
»Propheten« rechnet (S. 246), so wissen wir auch, in welchem 
Sinne er speeiell von »prophetischen Schriften« redet, darin jene» 
die Heiden angehende Geheimniss enthüllt sei. Er denkt z. B. an 
Offenb. 7, 9. Die alttestamentliche Prophetie dagegen lag ihm schon 
deshalb durchaus fem, weil ihre Träger ja gar kein Bewusstsein 
von einem derartigen Inhalte ihrer Weissagungen^ haben konnten 
(S. 211). Man könnte in der That die Sache auch dahin verstehen, 
dass man den Ausdruck yqatpwv TtQognjriKWv im Gegensatze zu ngo^ 
q>f)Twv betont und in unserer Stelle den Gedanken ausgesprochen 
findet, dass der Heilsrathschluss zwar in den prophetischen Schrif- 
ten angedeutet und vermittelst allegorischer Auslegung nunmehr 
aus denselben zu erheben, den Propheten selbst aber noch unbe- 
kannt gewesen sei. Aber eben dieser Sinn wäre erst recht ein 
Beweis, dass nicht Paulus, sondern der gnostisirende Autor ad 
Ephesios hier das Wort fuhrt*). 

1) Kackert, De Wette, Baumgarten-Crusius, Ewald, Meyer, 
Ortloph: Der Brief PaoU an die Römer, U, 1866, S. 126. 

2) Wolf, Koppe, Böhme, Hofmann: Die h. Schrift N. T. HI, S. 580. 

3) Lucht, S. 110. 

4) Vgl. Lucht, 8. 106 fg. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 3]1 

Die Identität des Verfassers von Rom. 16^ 25 — 27 mit dem Autor 
ad Ephesios tritt in ein noch deutlicheres Licht dadurch^ dass die Pa- 
rallelen l Tim. 1, 17 zu Rom. 16, 27 und Jud. 24. 25 zu Rom. 16, 
25. 27 ganz auf das gleiche Yerhältniss führen, welches wir zwischen 
den Epheser- und Kolosserbriefen einerseits, den Judas-, Timotheus- 
und Titusbriefen andererseits bereits constatirt haben (S. 258. 266 fg.). 
Endlich aber verhält sich der Verfasser jener drei Verse auch zum 
Römerbriefe selbst ganz in der Weise des Autor ad Ephesios. Wenn 
unter den paulinischen Mustern, welche diesem vorschweben, der 
Römerbrief stets die erste Rolle spielt, wie schon die Zahl der nach- 
klingenden Stellen beweist, so ist dies auch in dem, eben diesem 
Römerbriefe angehängten Schlüsse nicht anders. Liegt zu to evay- 
yiXidv fxov auch die Sachparallele in Eph. 3,3, so ist die Formel 
selbst sammt dem Sta^lrjoov Kgiatov 16, 27 aus Rom. 2, 16 genommen, 
wieifiäg OTT/gtiai durch Rom. 1, 11, eigvTiaxotjv Ttlatewg €lg navra 
Tot Bdytj durch Rom. 1, 5 und selbst jenes dta yqonpwv 7tQog)f]ziytwv 
durch Rom, 1, 2 veranlasst ist^}. An letzterem Urtheil ist um so 
weniger Anstand zu nehmen, als wir ja des Verfassers Manier, in 
paulinische Gefässe einen anders gearteten Inhalt zu fassen, schon 
kennen (S. 92 fg.) 

Wahrscheinlich liegt in Rom. 16, 25 — 27 nicht die einzige 
Spur vor, welche im jetzigen Text des Römerbriefes an den Autor 
ad Ephesios erinnert. Es ist vielleicht nicht zufällig, dass der 
grösste Theil des Kapitels, welches damit abschliesst, nach der An- 
sicht einer ganzen Reihe von Forschem das Fragment eines pauli- 
nischen Epheserbriefs darstellt ^) ; ja auch in den beiden Schluss- 
kapiteln, welche von der Doxologie, wenn man die verschiedene 
Stellung der letzteren berücksichtigt, eingeschlossen werden und 
schon bei Marcion fehlen, erinnert Manches an den Autor ad Ephe- 
sios '^) . Ohne diesen Spuren hier weiter nachgehen zu wollen, kön- 
nen wir nur Eines nicht unerwähnt lassen: dass nämlich dieselbe 
Schwierigkeit, welche die Adresse des Epheserbriefes darbietet, in- 
dem sie einer Ortsangabe entbehrt, sich im Codex Boernerianus und 
auch sonst bezügUch des iv ^Pfififj 1, 7. 15. wiederholt. Auch 
hier also scheint ein Versuch gemacht worden zu sein, dem Römer- 
briefe eine ähnliche Verallgemeinerung angedeihen zu lassen, wie 
sie der Kolosserbrief in seiner Ueberarbeitung als encyklischer 

1) Lucht, S. 102 fg. 

2) David Schulz, Sohott, Eeuss, Ewald, Laurent, Mangold, 
Ritschi, Renan, Hausrath, Straatman, Lucht, S. 16 fg. 126 fg. 133 fg. 
151 fg. 159^. 

3) Lucht, S. 91 fg. 



312 FOnftes Kapitel. 

Epheserbrief aufweist. Wir werden mithin ein Recht haben^ in un- 
serem Verfasser^ welchem nicht blos Paulusbriefe in grösserer An- 
zahl vorlagen^ sondern der auch selbst einen neuen unter des Pau- 
lus Namen schrieb, einem alten neue Gestalt verlieh und am locker 
gewordenen Schlüsse eines dritten Hand anlegte, einen jener li^änner 
zu entdecken, welche gegen Schluss des ersten und zu Anfang des 
zweiten Jahrhunderts für Sammlung der paulinischen Hinterlassen- 
schaft bemüht waren, wobei sie ihre Sorge zugleich darauf richteten, 
dass der solcher Gestalt sich ergebende literarische Schatz der Chri- 
stenheit zugleich auch der lebendigsten Bezüge auf die unmittelbare 
Gegenwart nicht ledig ging. 

3) Schon um der Bestimmtheit willen, womit der Autor ad Ephesios 
im Namen der geborenen Juden zu den christlich gewordenen Hei- 
den spricht (vgl. S. 304), ist dieser Mann, dessen Name sich so wenig 
erhalten hat, als der des Verfassers mancher anderen, tief einschnei- 
denden Schrift des A. und N. T., für ein Kind Israels zu halten *). 
Kann er doch trotz seines universalistischen Blickes so gut von Ge- 
burt der Beschneidung angehört haben, als der Verfasser des Hebräer- 
briefes, wohl auch der des vierten Evangeliimis. Endlich kann man 
sich hierfür auch auf eine oben gemachte Bemerkung bezüglich des 
Citates Eph. 4, 8 berufen (S. 244) sofern daraus erhellt, dass ihm 
das A. T. doch nicht *blos in der Form von LXX bekannt war. 

Dagegen könnte man vielleicht, um eine heidnische Vorbildung 
wahrscheinlich zu finden und zugleich auch noch einige Beiträge 
zur Bestimmung seiner Zeitgenossenschaft zu gewinnen, nach Spu- 
ren von griechischen oder römischen Schriftstellern forschen, sofern 
solche bei ihm hervortreten. Wie aber nirgends grössere Vorsicht 
Noth thut als auf diesem Gebiete, so lässt sich insonderheit nicht 
verkennen, dass ein gewisses Gemeingut von Anschauungen und 
Formen einem literarisch so cultivirten Zeitalter, wie das hier in 
Betracht kommende ohne Zweifel war, jedenfalls eignete, so dass 
nur in Fällen, wo gehäufte Anzeichen zusammentreffen, auf litera- 
rische Abhängigkeit erkannt werden darf. 

Niemand wird also behaupten wollen , der Verfasser habe seine 
der Haustafel zu Grunde .liegende Dreitheilung gerade aus Aristo- 
teles (vgl. S. 166) schöpfen müssen. Eine näher liegende Ver- 
suchimg zu derartigen Combinationen bietet schon Lucian, dessen 
Verbindung ^t^ai. xai ^eiiiXioi (De Saltat. 34) an Kol. 2, 7 erin- 
nert, wie noch auffalliger Kol. 2, 17 anklingt an ov%l %ig q>alf] Tfjv 
oxiav vfdSg ^Qeveiv iaaavtag t6 owfia (Hermotimus 79). Auch 



1) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 156. 



5. Motive und Persönlichkeit des Verfassers. 313 

das im N. T. nur Kol. 2 , 9 stehende Wort &e6%r]g gehört dem 
Lucian (Ikaromen. 9j an. Wollte man indessen auf diese Bemer- 
kungen Werth legen^ so würde daraus nur folgen^ dass Lucian, wie 
manche andere christliche Schriften, so auch unsem Brief gelesen 
habe. Anders steht es in dieser Beziehung mit Epiktet, ohne Zweifel 
dem geistreichsten Ethiker aus dem Zeitalter des Domitian, Trajan 
und Hadrian. Man darf nur die Parallelen aus griechischen Auto- 
ren überblicken, die Spiess zu unseren Briefen gibt^) , um sich 
von den mannigfachen Berührungspunkten zu überzeugen, welche 
jener Schriftsteller in der That bietet. Es erinnert an Eph. 4, 13. 14, 
wenn Epiktet sagt ovk ert el f,ieiQdxtov, aXXa avijQ tjdi] TiXeiog 
und seinen Schüler daher zum ßtovv tjg xeXeiog ytai TtqoTLomwv auf- 
fordert (Enchir. 50, 2). Wenn femer Eph. 4, 15 zum älrjd'eveiv 
ermahnt, wenn Eph. 4, 21 daran erinnert wird , dass dkijd'eLa iv to! 
^Ifjaov ist, wenn unter den Ermahnungen, die von 4, 25 ab ertheilt 
werden, die erste auf die Wahrheitsliebe gerichtet erscheint, wie die- 
selbe Wahrheit auch 6, 14 in der TtavojiXla tov i^BOv obenan steht 2), 
so liegt es nahe, auch hierfür Worte Ekiktets zu vergleichen wie 
(Afidiv vifiiojTSQOV T^g dXf]&€iag iarlv (Fr. 139) und d&ava%ov 
Xil^/^a tj dXi^^eta (Fr. 140). Eine Gedankenparallele zu Eph. 5, 4 
und sogar Wortparallele zu Kol. 3, 8 enthält die Stelle i7iiag)alig 
de nai t6 eig aiaxQoloylav rtQoeXd'elv (Enchir. 33, 16). Den Be- 
griff von Eph. 5, 29 entwickelt Epiktet, wo er den Ausspruch des 
Xenophou, die Natur sei 9)tAo^a>o^, mit der Thatsache belegt, dass 
wir den Leib lieben, pflegen, waschen, nähren [oz^gyetv, d'SQa- 
TteveiVj XOQrd^eiv), und mit der Eph. 5, 19 = Kol. 3, 16 entwickel- 
ten Christenpflicht, Gott &u lobsingen, stimmt die Ausführung, dass 
das v^iveiv tov &€cv die würdigste Beschäftigung des vernünftigen 
Geschöpfes sei (Diss. I, 16 %.) 

Der eigentliche Inhalt seiner Gedankenwelt aber ist dem Ver- 
fasser trotz seiner jüdischen Geburt erst innerhalb der christlichen 
Gemeinschaft zugewachsen, deren treues Mitglied er längst gewesen 
war, ehe er als Schriftsteller sich an sie wandte. So ist er nament- 
lich mit der damals bereits sich ausbildenden liturgischen Sprache 
vertraut; es ist die Rhetorik des Cultus, welche seinem Styl jene 
oft bemerkte Fülle und Breite des Ausdrucks, eine gewisse tautolo- 
gische Feierlichkeit mittheilt. Der Verfasser lebt in einer Zeit, 
welche schon an liturgische Rhetorik sich zu gewöhnen und ihrer 
zu bedürfen anfängt (vgl. S. 48. 103. 117). Ihr erwachsen vom voU- 



1} Logos Spermaticos, 1871, S. 314 fg. 338 fg. 
2) Ewald: Sieben Sendschreiben, S. 194 fg. 206. 



314 Fünftes KapiteL 

tönenden Klang gewisser Worte und Wendungen bereits ähnliche 
Effecte^ wie sie dann später von der Kirchenmusik ausgingen. Ja 
es berührt sich unser Brief auch sachlich mit der Geschichte der 
Hymnologie^]. Es ist eine feine und richtige Bemerkung Ewald' s, 
wenn er in dem dichterischen Schwung der Sprache^ in der » Kunst 
ihrer springenden Sätze «^ aber nicht minder auch in einzelnen Lieb- 
lingsausdrücken wie va inovqapia Abhängigkeit von Laut^i des 
ältesten Gemeindegesanges erkennt^). Mit Zell er stellen wir übri- 
gens dem Ausdrucke toc inovQovia auch Ta avw Kol. 3^ 1. 2 und to 
h Tolg ovQavolg xai rä iTtl f^g yijg, tä OQcnä xai ta a6qa%a Kol. 
\y 16. 20 zur Seite 3). Dies Alles ist mehr oder weniger liturgisch ge- 
färbt. Auch dass Eph. A, 8 die Psalmstelle so modificirt wird^ dass 
die Anrede in die dritte Person übergeht*), vor Allem aber die rhyth- 
mische Umbildung des Citates 5, 14 weist auf den christlichen Kir- 
chengesang ^) . Sogar was — vielleicht im Gegensatz zu den dithyram- 
bischen Liedern, welche bei griechischen Gastmählern den Wein- 
genuss (vgl. Eph. 5, 18) verherrlichen«) — Kol. 3, 16 = Eph. 5, 19 
von D geistlichen Oden und Hymnen« gesagt wird, in welchen die 
religiöse Begeisterung ausströmen soll , scheint sich auf den christ- 
lichen Gottesdienst zu beziehen ''), welcher uns hier jedenfalls auf 
einem weit vorgeschrittneren Stadium seiner Entwicklung begegnet, 
als 1 Kor. 11, 2 fg. 14, 1 fg. 26 fg. 

6. Verhältniss zur Controverse über den 
ephesinischen Johannes. 

1) Bekanntlich erwähnt Irenäus in zwei, auch von Eusebius 
(Eorchengeschichte , III, 23) mitgetheilten Stellen seines Werkes ge- 
gen die Häretiker (11, 22, 5. III, 3, 4) des lange lebenden Johannes, 
welcher nach des Paulus Tode in der von diesem gegründeten Ge- 
meinde Ephesus wirksam gewesen sei als Zeuge der apostolischen 
Ueberlieferung für ein späteres Geschlecht. Wie in der Kirchen- 
geschichte, so beruft sich Eusebius auch in der Chronik (II, ad 
Olymp. 220, ed. Aucher, II, S. 281) auf denselben Irenäus, welcher 
nächst Polykrates als eigentlicher Urheber dieser ganzen Vorstellung 
gelten muss. Hieronymus (Vir. ill. 9) bringt dann die Lebens- 

1) Schwegler, S. 390%. 2) S. 20$. 

3) Theologische Jahrbücher, 1843, S. 540. 4) Ewald, S. 190. 212. 

5) Heumann, Michaelis, Storr, Flatt, Ewald, S. 199. 

6) Mayerhoff, S. 98. 

7) Vgl. Schenkel (Die Briefe an die Epheser u. s. w. S. 85. Bibel-Lexikon, 
I, S. 615), Ewald (Sieben Sendschreiben, S. 200) und Honig (S. 85). 



6. VerhältniBS zur Johannesfrage. 315 

jähre des Jobaimes auf die runde Zahl 100; was Spätere wie^ Doro- 
theus (Synopsis de vita et morte apost. S. 131) auf 120 ausdehnen. 
Auf jeden Fall würde ein solches^ auch Joh. 21^ 23 vorausgesetztes 
langes Leben zu der Annahme nöthigen^ dass Johannes noch sehr 
jung in die Nachfolge Jesu eingetreten ist. In der That sagt der- 
selbe Hieronymus (Adv. lovin., I^ 26)^ Johannes sei als Jünger Jesu 
noch ein Jüngling (adolescens)^ ja Knabe (puer) gewesen. Dann 
wäre es an sich nicht unmöglich^ dass er noch um die Wende der 
Jahrhunderte 3 mithin zu der Zeit, da nach S. 276 der Autor ad 
Ephesios in Kleinasien auftrat, gelebt habe, und wir fragen, ob und 
wie beide Grössen, am selben Ort und zur selben Zeit existirend, 
sich mit einander vertragen — eine Frage, auf deren unmittelbare 
Bedeutung für die Kritik unserer Briefe neuerdings auch Schölten 
hingewiesen hat ^). Denn sie gehen nach S. 303 fg. aus von der Vor- 
aussetzung, dass Paulus auch noch im nächsten Menschenalter nach 
seinem Tod nicht blos in Ephesus, sondern auch in Laodicea (KoL 
4, 16] als der grosse Apostel Vorderasiens galt (Kol. 1, 23). Im 
HinbUck auf Stellen wie Eph. 3, 1 — 3. 7. 8. 13. 14. 4,1 erledigt 
sich KrenkeTs Meinung, dass sich der Epheserbrief in dieser Be- 
ziehung ganz nur im Allgemeinen halte ^j. Gegentheils sahen wir, 
wie grade dieser Brief die vielseitigeren Wendungen des Kolosser* 
briefes ganz persönlich und ausschliessend auf Paulus als den Heiden* 
apostel schlechthin zuspitzt (S. 4. 56. 131), und nichts weist darauf hin, 
dass ihm diese Stellung durch irgend einen Anderen wäre streitig 
gemacht worden; es ist auch keine Spur von einer speciell auf den 
Zwölfapostel Johannes zu nehmenden Bücksicht vorhanden. Selbst 
die Gegner in Kolossä berufen sich keineswegs, wie dann später, 
in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, die für den jü- 
dischen Festkalender engagirte Partei, auf apostolische Impulse. Ge- 
rade die Unbefangenheit, womit der Autor ad Ephesios von den 
»heiligen Aposteln« (Eph. 3, 5) sprechen und die Autorität seines 
Hauptapostels mit derjenigen des Gesammtapostolates identificiren 
kann, zeigt, wie wenig er von der noch gegenwärtigen Erinnerung 
an einen, am Orte selbst wirksam gewesenen, Vertreter des älteren 
Apostolates irgend etwas zu befürchten hat. Nur der Apokalyptiker 
bildet überhaupt einen Gegenstand für sein unionistisches und ka- 
tholisirendes Interesse, wie solches sich eben in jener Betonung des 
Gesammtapostolates geltend macht. Dem Ansehen, in welchem die 
Apokalypse schon damals gestanden haben muss, sucht er allerdings 



1) De Apostel Johannes in Klein-Aaiö, S. 14. 

2) Der Apostel Johannes, 1871, S. 136. 



^16 Fünftes Kapitel. 

gerecht zu werden^ indem er an ihre Ausdrücke und VorsteUungs- 
weisen sich so eng als möglich anschliesst (S. 245 fg.} und zu Gunsten 
ihres Verfassers die Kategorie der Propheten in unmittelbare Nähe 
neben die Apostel stellt (S. 246. 274). Eine solche Sachlage wäre nun 
aber nicht zu begreifen, wenn der Apostel Johannes wirklich in 
Ephesus lange Zeit über wirksam gewesen und daselbst u. A. die 
Apokalypse geschrieben haben sollte; wohl aber fordert sie umge- 
kehrt dazu auf, dieses Buch einem anderen Urheber zuzuschreiben, 
dessen Wirkungssphäre sich an die apostolische unmittelbar anschloss, 
und dessen Autorität an diejenige der Urapostel nahe streifte. Dass 
eine solche Voraussetzung aber dem gegenwärtigen Stande der Jo- 
hannesfrage wirklich entspreche, erübrigt schliesslich noch zu be- 
weisen, d. h. es muss das Material der Johannesfrage wenigstens in 
demjenigen Umfange hier noch Besprechung finden, in welchem es 
als in der Tragweite des Urtheils gelegen erscheint, das sich uns 
hinsichtlich der Epheser- und Kolosserbriefe ergeben hat. 

2) Nachdem schon Vogel ^) und Reuterdahl ^) an der Glaub- 
würdigkeit der bekannten Tradition vom ephesinischen Aufenthalte 
des Apostels Johannes Zweifel erweckt und Lützelb erger sie einer 
scharfen Kritik unterzogen •% hat neuerdings Keim ihre Haltlosig- 
keit in gedrängter Darstellung, aber so schlagend aufgedeckt ^)> dass 
sofort auch Wittichen^), Ströhlin^) und Ziegler ^) der Argu- 
mentation beitraten^). Unabhängig von Keim und schärfer als alle 
Früheren hat dann schliesslich noch Schölten die gesammte Tra- 
dition, soweit sie hier in Betracht kommt ^ in Untersuchung ge- 
nommen und daraus Folgerungen gezogen, welche die Behauptungen 
seiner Vorgänger noch übertreffen ^) , aber freilich auch in einigen 
Beziehungen über das Ziel hinaus schiessen. 

Auch auf.Bleek hat die Thatsache Eindruck gemacht, dass 
wir weder in den späteren Ausläufeni der neu testamentliehen Lite- 



1) Der Evangelist Johannes und seine Ausleger vor dem jüngsten Gericht, 
180i, S. 6 fg. 

2) De fontibus historiae ecclesiasticae Eusebianae, 1826, S. 24 fg. 
3] Die kirchliche Tradition über den Apostel Johannes, 1840. 

4] Geschichte Jesu von Nazara, I, 1867, S. 161 (g. Protestantische Kirchen- 
zeitung, 1868, S. 535 fg. 

5) Der geschichtliche Charakter des Evangeliums Johannis, 1869, 8. 102* fg. 
Protestantische Kirchenzeitung, 1871, S. 795 fg. 

6) Le Montanisme, 1870, S. 52. 

7) Irenäus der Bischof von Lyon, 1871, S. 127 fg. 

8) Vgl. auch meine Artikel über die beiden Johannes in Schenkel's Bibel- 
Lexikon, ni, S. 332 fg. 352 fg. Protestantische Kirchenzeitung, 1872, S. 57 fg. 

9) De Apostel Johannes in Klein- AziS, 1871. 



6. Verhältniss zur Johannesfrage. 317 

ratur^ noch auch bei den älteren kleinasiatischen Vätern des zweiten 
Jahrhunderts einer Spur vom ephesinischen Johannes begegnen ^) . 
In der That ist dieser Umstand nicht so leicht zu nehmen^ wii^ 
KrenkeP) und Hilgenfeld^) meinen. » Denn das Schweigen 
aller dieser Schriften zusammen hat mehr auf sich^ als dasjenige 
jedes Einzelnen für sich genommen ((^). Je später man die Apostel- 
geschichte ansetzt^ desto bemerkenswerther ist das Stillschweigen 
der doch jedenfalls ex eventu redigirten Abschiedsrede an die ephe- 
sinischen Aeltesten 20, 17 — 38*), und je gewisser die Pastoralbriefe, 
welche Ephesus gleichfalls im Auge haben (1 Tim. 1, 3. 2 Tim. 
i; 18), unecht und den spätesten Schichten neutestamentlichen 
Schriftthums angehörig sind, desto mehr will es bedeuten, dass auch 
hier noch Paulus allein als der grosse apostolische Name erscheint, 
auf welchen man sich berufen kann. Der Einwand, der Yerfiisser 
sei durch seinen antijüdischen Standpunkt nicht zur Nennung eines 
der Säulenapostel angelegt gewesen^), widerlegt sich durch die Er- 
wägung, dass theils die in den Pastoralbriefen bekämpften Irrleh- 
ren dieselben sind, gegen welche die spätere Tradition wirklich den 
Apostel Johannes aufgeboten hat ^) , theils jener Standpunkt selbst 
um nichts antijüdischer ist, als derjenige der beiden Briefe, welche 
den Namen des Petrus tragen. Auch die letzteren, wiewohl an 
asiatische Gemeinden gerichtet (1 Petr. 1,1. 2 Petr. 3, 1) , setzen 
übrigens noch keine Kunde von dem kleinasiatischen Apostel Jo- 
hannes voraus. 

3) Bezüglich der älteren apostolischen Väter und Apologeten, 
sofern sie dieses verdächtige Stillschweigen fortsetzen, hat man sich 
mit dem Tröste beholfen, dass sie uns ja, entsprechend dem gerin- 
gen historischen Sinn der Zeit, überhaupt wenig Interessantes be- 
richten ^) . Oder warum sollte z. B. der römische Clemens in seinem 



1) Einleitung in das N. T. S. 142. 2. Ausg. S. 144. 

2) S. 134^. 

3) Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1872, S. 382. 

4) Wittichen: Kirchenzeitung, S. 796. 

5) Hilgenfeld (a. a. O.) findet darin mit Recht eine Andeutung, dass ge> 
rade in Kleinasien nach dem Heimgange des Paulus ein anderes, nicht paulinisches 
Christenthum eindrang. Aber damit ist ja noch lediglich gar nichts über die Frage 
entschieden, ob selbiges — was auch von dem S. 383 erwähnten Montanismus und 
Quartodecimanismus gilt — von flnem Zwölfapostel eingeführt worden. Im Gegen- 
theil würde der Verfasser der Apostelgeschichte es nun und nimmer gewagt haben, 
einen solchen unter die Kategorie der Xvxoi ßaQetg (Apg. 20, 29) zu begreifen. 

6) Krenkel, S. 136. 

7) Schölten, S. 15. 

8) Krenkel, S. 139. 



318 [POnftet Kapitel. 

* 

Briefe nach Korinth gerade genöthigt gewesen sein^ eines damals 
etwa noch in Ephesos lebenden Apostels zu gedenken? Aber das 
Auffällige liegt vielmehr darin , dass aus dem^ was Clemens über 
die xaToarad-ivTag vn hcalywv (seil, twv dnoa%6Xtav) tj fiera^ v^ 
itiqmv ikkoyifiwv ävdqtSv sagt (Kp. 44)^ erhellt, wie er gar nicht 
anders weiss, als dass zwischen seinem Zeitalter und demjenigen 
der Apostel schon eine Generation mitteninne liegt i). 

Zu leicht macht man es sich auch bezüglich der ignatianiscben 
Briefe, wenn man meint, deren paulinisch gesinnter Verfasser igno- 
rire, ähnlich wie auch der Autor ad Ephesios und der Urheber der 
Fastoralbriefe, den Johannes, wie aus umgekehrten Motiven Papias 
und Justin hinsichtlich des Paulus thim^). Dafür schrieb ja Ju- 
stinus auch nicht an paulinische Gemeinden, während die Tgnatiana 
gerade solchen Gemeinden und Personen gelten, bei denen, fiüls die 
Tradition überhaupt Grund hätte, der Apostel Johannes in höchsten 
Ehren müsste gestanden habend). Mit gutem Grund war schon 
W. Grimm namentlich über die Thatsache betroffen, dass der igna- 
üanische Epheserbrief zwar die Verherrlichung kannte, welche dieser 
Gemeinde durch Paulus zu Theil geworden ist, an Johannes aber 
vorübergeht*). Es ist ein schwacher Trost, dass die betreffende 
Stelle (Kp. 12 Ilavkov av^fivarat) in der syrischen Becension Cu- 
re ton 's fehlt oder dass kurz vorher wenigstens von Aposteln über- 
haupt die Bede sei, mit welchen die Epheser verkehrt haben (Kp. 1 1 
o? xat d7toat6i.ocg Ttavxota avvyveaav iv dvvdfiec ^Itjoov Xqiowov). 
Denn diesem Plural der Kategorie sind wir in rednerischen Schil- 
derungen nur allzu oft an Orten, wo nachweisbar nur Einer ge- 
meint ist, begegnet^), und erst der, vielleicht Jahrhunderte nach 
der Abfassimg der sieben Hriefe lebende, griechische Interpolator 
hat Kp. 11 den Paulus, Johannes und Timotheus genannt. Der 
frühere Ignatius dagegen ignorirt den Johannes consequent und na- 
mentlich überall da, wo man das Gegentheil erwarten sollte. Er 
schreibt an die Trallianer (Kp. 5), er sei nicht ein Apostel, wie 
Paulus und Petrus, während die näher gelegene Exemplification 
durch Johannes diesmal selbst in der späten Interpolation fehlt. 
Und nicht minder befremdlich ist das Stillschweigen im Briefe an 



1) Lipsius: De Clementis epistola ad Corinthios priore, S. 156 fg. Chrono- 
logie der römischen Bischöfe, S. 149. "^ 

2) Vgl. Krenkel, S. 157. 

3) Schölten, S. 26. 

4) Ersch und Oruber's Allg. Encyklopädie, II. Section, 22, S. 8. 

5) Vgl. meine Nachweise: Schenkel's Bibel- Lexikon, in, S. 357. Prote- 
stantische Kirchenzeitung, 1872, S. 61. 



6. Verhältniss zur Jofaannesfrage. 319 

den Polykarp^ den Bisdiof von Smjrma^ welchen doch die Tradition 
zum Schüler des Apostels macht , und in demjenigen an die Ge- 
meinde zu Smyma^ an welche doch die Apokalypse einen Brief 
richtet (2, 8 — 11). Aber auch in den Briefen, welche von Smyma 
ausgehen, findet sich nicht die geringste Spur des Er\^arteten. Wie 
für Ignatius, so ist auch für Polykarp Paulus der grosse Apostel 
Kleinasiens ^) . Von Johannes aber schweigt sein in die Jahre 147 — 
167 fallender Brief so gut wie das Martyrium, welches den in das Jahr 
167 zu setzenden Tod des Bischofs von Smyma erzählt 2). Um sich 
mit dieser, an den Namen des Polykarp sich anschliessenden, äusserst 
aufßUligen Erscheinung abzufinden, meint man gewöhnlich, das 
Stillschweigen seines ohnehin verdächtigen (vgl. S. 198) Briefes 
werde durch das laute Zeugniss des Lrenäus (Eusebius, Kirchen- 
Geschichte, V, 24) aufgewogen, wonach der Kleinasiate Polykarp 
sich um 160 in Rom auf s^nen Lehrer Johannes, den x> Jünger des 
Herrn« und die »übrigen Apostel« als unmittelbare Autoritäten für 
seine Passahsitte berufen habe. Aber der Meister Polykarp's konnte 
möglicherweise »Jünger« des Herrn sein, ohne desshidb, wie erst 
Folykrates imd lrenäus meinen, Apostel sein zu müssen ^) . Zu Zei- 
ten der beiden letzteren, auf die wir hinsichtUch des Polykarp allein 
verwiesen sind, steht ohnehin die apostolische Echtheit des vierten 
Evangeliums fest. Gerade dies aber befremdet ja, dass erst mit dem 
Hervortreten dieses, in Ephesus entstandenen Evangeliums auch die 
Hede von einem in Ephesus überlebenden Apostel auftaucht, wäh- 
rend vorher tiefes Stillschweigen hierüber sogar in dem von Smyma 
ausgegangenen Bericht der dortigen Gemeinde über des Polykarp 
Zeugentod herrscht. Erst das viel spätere Martjrrium des Ignatius 
titulirt diesen und den Polykarp als Sphüler des Apostels Johannes. 
Meist ignorirt werden von den Apologeten der Tradition ferner- 
hin die Thatsachen, dass weder Papias, der im Verlaufe der ersten 
Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Kleinasien sein Werk schrieb, 
noch Justin, der gegen die Mitte dieses Zeitraums in Ephesus mit 
dem Juden Tryphon disputirte, noch Hegesipp, der um 176 seine 
vnofivrjfiaTa schrieb, von den Vertretern der Nachricht vom ephe- 
sinischen Johannes jemals als Gewährsmänner hierfür angeführt 
werden. Vielmehr beruft man sich lediglich auf lrenäus und Cle- 
mens von Alexandria, höchstens auf ApoUonius, sonst nur im All- 
gemeinen auf die Tradition*). Wir haben hier nur noch einen 

1) Schölten: Oudste Getuigenissen, S. 47 fg. 

2) Schölten: De Apostel Johannes, S. 23 fg. 

3} Vgl. meinen Nachweis im Lexikon, S. 357 fg. Kirchenzeitung, S. 60 fg. 
4) Schölten, S. 17 fg. 25. 27 fg. 39. 



320 Fanftes Kapitel. 

Blick auf die drei oben genannten Schriftsteller zu werfen^ mit 
welchen sich der Kreis der 2ieugen , die dem Autor ad Ephesios, 
als verhältnissmässig nahe stehend^ gefährlich werden könnten, ab- 
schliesst. 

Zunächst Justin! Er ist bekanntlich der erste Gewährsmann 
für den apostolischen Charakter der Apokalypse und bei dieser Ge- 
legenheit (Dial. 8t) erwähnt er denn auch einmal des Apostel Jo- 
hannes, aber wahrhaftig nicht wie des grossen und bekannten Pa- 
trones der kleinasiatischen Christenheit [ävfiq Tig naq fjfuv ^ ovofia 
^Icjdwfjgy elg %wv änotnoXwv tov XQiavov) ^) , auch nicht als einer 
einheimischen Grösse überhaupt, weil naQ^ fjijuv ihn nicht als Klein- 
asiaten^ sondern als christlichen Seher bezeichnet im Gegensatze zu 
den vorher erwähnten alttestamentlichen^j. 

Hegesipp seinerseits wird von den Yertheidigem des in Ephe- 
sus überlebenden Apostels nur als indirecter Zeuge aufgerufen. 
Während Keim^) und Schölten^] eine solche Annahme als schon 
den Voraussetzungen der Apokalypse (18^ 20. 21, 14), der Sjmopti- 
ker (z. B. Luc. 21, 16—19. 28. Mt. 22, 6. 24, 9) und des Epheser- 
briefes (2, 20. 3, 5) widersprechend behandeln, will umgekehrt Steitz 
aus Mr. 9, 1 = Mt. 16, 28 = Luc. 9, 27, femer aus Luc. 21, 16. 20 
die Thatsache erschliessen, dass aus dem Jüngerkreis Jesu etliche 
auch den Fall Jerusalems überlebt haben müssen ^) . Besonders aber 
beruft er sich auf das von Eusebius (Kirchengeschichte, III, 32) 
mitgetheilte Zeugniss des Hegesippus, demzufolge die Kirche bis zu 
Trajan's Zeiten, in denen der 120 Jahre alte Symeon, des Klopas 
Sohn, starb [jJtixqv twv t6t€ xQ^^^^)» ^^^^ reine Jungfrau geblieben 
sei^]. »Sobald aber der heilige Kreis der Apostel nach und nach 
das Ziel des Lebens erreicht hatte und das Geschlecht derer, welche 
die Predigt der göttlichen Weisheit selbst zu hören gewürdigt wor- 
den waren, vorübergegangen war, da fing der gottlose Irrthum an, 
sich zu erheben durch den Trug der Irrlehrer (kreQodiddayuxloi) , 
welche, da keiner der Apostel mehr übrig war, keck das Haupt zu 
erheben und der Predigt der Wahrheit die falsch berühmte Wis- 
senschaft [yvwocg xpevdowfiog) entgegenzustellen wagten.« Aber da- 
von abgesehen, dass man nicht weiss, was in diesen Worten dem 
Eusebius, was dem Hegesippus angehört, ist die ganze Anschauung 
nach der vorgefisissten Idee von der Reinheit der apostolischen Kirche, 



1) Schölten, S. 24. 

2) Schölten, S. 25. 

3) S. 71. 84. 156. 160. 4) S. 52. 

5) Studien und Kritiken, 1868, S. 488 fg. 6) S. 491 fg. 



6. Yerhältniss zur Johannesfrage. 321 

insbesondere noch nach den Weissagungen der Pastoralbriefe gebil- 
det, deren Ausdrücke — es sind die mitgetheilten griechischen — 
sogar reproducirt werden. Wie übrigens jene Fiction der altkatho- 
lischen wie modernsten Orthodoxie , als stelle das apostolische Zeit- 
alter das Bild einer spiegelklaren See dar, darin keine Welle sich 
empört, ihre Widerlegung schon durch jeden unbefangenen Blick in 
das N. T. findet, so sagt es auch in den, den angeführten unmit- 
telbar vorhergehenden Worten Hegesippus selbst, dass schon zu 
Lebzeiten der Apostel der Irrthum wenigstens im Verborgenen sein 
Wesen gehabt habe; und wenn wir das apostolische Zeitalter, 
wie uns, sobald der ephesinische Johannes wegfällt, obliegt, mit 
dem Jahr 70 abgrenzen , so lässt sich gegen jene Anschauung des 
Hegesipp nichts mehr einwenden, ja sie wird durch das Steige- 
rungsverhältniss, welches zwischen den vom Apostel selbst und den 
vom Erneuerer seines Briefes bekämpften Gegnern eintritt (S. 291), 
bestätigt. Jedenfalls konnte diese Anschauung sich nur bilden, wenn 
kein Apostel mehr in die Zeiten der auftauchenden wirklichen 
Gnosis hineinreichte. Diese aber beginnen mit Kerinth unter Do- 
mitian und Hadrian. In den Tagen des Letzteren nun kennt He- 
gesipp, wie wir sahen, nur noch den Symeon als einen aus der 
christlichen Urzeit üebriggebliebenen , und selbst die Zeiten des 
Ersteren haben einer anderen Nachricht des Hegesipp (bei Euse- 
bius, K. G. ni, 19. 20) zufolge, nur noch, und zwar als Merk- 
würdigkeit, Enkel eines Bruders Jesu aufzuweisen. Welch ein Con- 
trast zu den späteren Kirchenschriftstellem, deren keiner dieser Tage 
hätte zu erwähnen vermocht, ohne in erster Linie dessen zu geden- 
ken, der jenem Zeitalter mehr sein musste als des Klopas Sohn oder 
des Judas Enkel! Welch ein Widerspruch vor Allem mit Irenäus, 
welcher den Apostel Johannes des Trajan Tage erleben, ja richtig 
noch mit Kerinth zusammentreffen lässt (UI, 3, 4 und bei Eusebius, 
K. G. in, 28. IV, 14). 

4) Dass nun aber endlich auch Papias von einem überlebenden 
Apostel, insonderheit von dem, unseren Resultaten in den Weg tre- 
tenden, ephesinischen Johannes nichts weiss, steht auch ganz abge- 
sehen von dem vielgedeuteten und doch in der Hauptsache so klar 
redenden, Fragment bei Eusebius (K. G. III, 39) ^) fest genug. 



1 ) Darüber , dass hier wirklich zwei Johannes unterschieden werden, ein Apo- 
stel, der dem Verfasser zeitlich und räumlich so fern gerückt ist, als alle anderen 
Apostel auch, und ein Presbyter, in dessen letzte Lebzeiten noch des Papias 
erste Sammlerthätigkeit fällt, die sich daher auch vorzugsweise dieser Quelle zu- 
wandte, sind die Verhandlungen für Jeden, der da sehen will, spruchreif geworden. 
Vgl. meine Zusammenstellung im Lexikon, S. 352 fg. und die Nachträge dazu 
Holtzmann, Kritik der Epheser- and Kolosserbriefe. 2 1 



322 Fünftes Kapitel. 

Jedenfalls hat einer der letzten Kenner der verloren gegangenen 
Xoyliov xvQcaxüiv e^yrjaeig, der im 9. Jahrhundert schreibende Geor- 
gios Hamartolos in diesem Werk gelesen^ der Zebedäussohn Johannes 
sei von den luden getödtet worden — also doch wohl in Palästina, 
nicht in Ephesus. Die betreffende Stelle aus der noch theilweise 
ungedruckten Chronik Georg's hat Nolte mitgetheilt ^) , und HiW 
genfeld's Zweifel an der Richtigkeit der Angabe 2) erledigen sich 
schon durch die Bestimmtheit des Citats (Ilaniag iv rtf devriqifi 
Xoyoj r(Sv xvQcaxwv koyiwv qxxGxsiy Svi vnb ^lovdalutv OLvjiqi&ri) . Und 
zwar scheint nach dem weitem Verlauf Papias dies als Erfüllung 
des Herrn wertes in Mr. 10, 39 = Mt. 20, 23 erzählt zu haben, 
welches, wie Volkmar richtig sieht^), den Märtyrertod beider Ze- 
bedäiden voraussetzt. Weil nun aber diese richtige und echte Nach- 
richt mit dem ganzen Bild vom ephesinischen Johannes^ wie es seit 
Ende des 2. Jahrb. feststeht, in Conflict geräth, hat schon Origenes 
(In Mt., Tom. XVI, 6) geschlossen, Johannes habe jenes Hermwort 
nur durch seine Verbannung nach Patmos (Offeüb. i, 9) bewahrheitet^ 
und Georgius Peccator stellt sich natürlich das Ende derselben als 
den Zeitpunkt vor^ da Johannes von den Juden getödtet ward. 

Seitdem die Aufmerksamkeit wieder auf dieses merkwürdige 
Datum gelenkt war*), hat es sowohl Wittichen*) anerkannt, als 
auch namentlich Keim mit grösster Sorgfalt nach allen Seiten ver- 
folgt, festgestellt und durch Herakleon's übereinstimmendes Zeug- 
niss ergänzt ß). Krenkel seinerseits ignorirt zwar diese Instanz 
gegen die Tradition vom ephesinischen Apostel nicht geradezu, meint 
aber, jene Angabe des Georgius gehöre einer viel zu späten Zeit an, 
imi Berücksichtigung zu verdienen, zumal ihr die bestimmten Aus- 
sagen älterer Schriftsteller entgegenstehen, welche die Schrift des 
Papias gleichfalls kannten und kein Interesse hatten, den Märtyrer- 
tod des Apostels in Abrede zu stellen ''). Aber alle diese Aelteren 



in der Prot. Kirchenzeltung, S. 62 fg. Unverständlich aber ist es, wie Hilgen- 
feld die Thatsache» dass dem Papias die Apokalypse als int^irirtes Buch galt, 
als ein indirectes Zeugniss für den Apostel Kleinasiens verwerthen mag, sofern 
des Papias »gesunder Menschenverstand« in diesem allein den Verfasser jenes 
Buches habe erkennen müssen (Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1872, 
S. 376). Er dachte über die Autorität des Apokalyptikers wohl ganz ähnlich wie 
unser Autor. Vgl. oben S. 315 fg. 

1) Tübinger Theologische Quartalschrift, 1862, S. 466. 

2) Zeitschrift für wissenschafüiche Theologie, 1865, S. 78 fg. 

3) Evangelien, S. 500. 

4) Vgl. meine Ausführung im Lexikon, S. 333. 

5) Protestantische Kirchenzeitung, 1871, S. 794. 

6) Geschichte Jesu, IH, S. 44 fg. 477. 7) S. 31. 



6. Verhältnifis zur JohanneRfrage. 323 

sind ja anerkannter Maassen abhängig von der^ zuerst durch Ire- 
näus verschuldeten^ Vereinerleiung der beiden, von Papias noch ganz 
deutlich auseinandergehaltenen Männer mit Namen Johannes ; ihnen 
allen galt überdies der Apostel Johannes auch schon als Apoka- 
lyptiker. Nun war aber der Presbyter notorisch eines natürlichen 
Todes im hohen Alter gestorben^ und die Uebermacht dieser nahen 
Thatsache, welche trotz der zuweilen mitunterlaufenden Verwechs- 
lung mit dem Apostel durch den Polykarpschüler Irenäus vermittelt 
und verbürgt war, hat die verlorene Notiz des Papias schnell in den 
Hintergrund gedrängt. Der Apokalyptiker aber war ja schon in 
Folge des eben besprochenen Missverständnisses von Offenb. 1, 9 zu 
einem »Märtyrer« im weiteren Sinne vorgerückt (bei Polykrates), und 
wenn es an der angeblichen Verbannung noch nicht genug war, so 
trat die spätere Sage vom Oelmärtyrerthiun (bei Tertullian) ergänzend 
ein. Sofern ' ein Apostel an der Märt3rrerglorie Theil haben muss, 
lässt sonach auch das Johannesbild der Tradition diesen Zug nicht 
vermissen, und um dieses Surrogates willen übersah man die, der 
ganzen Auffassung tödtlichen Worte im zweiten Papiasbuche um so 
beruhigter. Dass sie aber Georgius wirklich gelesen hat, erhellt 
nicht zum geringsten eben aus dem Widerspruche, in den sie auch 
itL seinem eigenen Bewusstsein mit demjenigen treten mussten , was 
ihm anderwärtsher als die Wahrheit über Johannes vollkommen fest- 
stand. Sinneshallucination sollte man also mindestens nicht zu Hülfe 
rufen, um zu erklären, wie er aus dem zweiten Papiasbuche so 
Seltsames herauslesen konnte. Denn sie können nur Dinge vor- 
spiegeln, die schon zuvor irgend einen Anhalt im Bewusstsein hat- 
ten. Dass sich aber einzelne Fragmente von älteren Quellen bei 
späteren, schon i^ das Mittelalter hineinragenden Schriftstellern er- 
halten haben sollen, ist eine so wenig befremdliche , ist im Gegen- 
theil eine so gewöhnliche Erscheinung, dass wir uns hier durch ein 
unmotivirtes »Zu späta am wenigsten dürfen irre machen lassen. 

5) Es erleidet somit keinen Zweifel, dass fiir das gesammte ür- 
theil der Folgezeit der Irrthum des Irenäus maassgebend geworden, 
und dass derselbe auch von Eusebius nur zur Hälfte, d. h. soweit 
er den Papias, nicht aber soweit er den angeblichen Apostel- 
schüler Polykarp betrifft, aufgedeckt worden ist. Wie alle halbe 
Arbeit, so erwies sich darum auch des Eusebius Entdeckung so 
lange als erfolglos, als man sich nicht entschliessen konnte, sie auch 
nach der andern Hälfte zu ergänzen. Noch Bleek meinte, Papias 
werde wohl so. gut als Polykarp den Apostel Johannes gekannt 
haben, und in der That wird, was vom einen feststeht, bezüglich 

21* 



324 FOnftes Kapitel. 

des andern nicht bezweifelt werden können ^) . Hier giebt es wirk- 
lich ein »Entweder — Odera nur insofern^ als wir entweder »So- 
wohl — als auch« oder aber »Weder — noch« zu sagen haben. 
Was uns die letztere Entscheidung zu treffen uöthigt^ das ist erstens 
die richtige Einsicht in den Totalcharakter der historischen Autorität 
des Irenäus, welchem über seinen Bemühungen , einen möglichst 
unmittelbaren Zusammenhang der eben sich consolidirenden katho- 
lischen Kirche mit dem apostolischen Zeitalter herzustellen , der- 
artige Verwechselungen in nicht geringer Anzahl begegnen; zwei- 
tens aber die Wahrnehmung , dass uns aus dem Bilde ^ welches er 
von seines Meisters Polykarp und der übrigen »Presbyter« Lehr- 
autoritäty Johannes genannt/ entwirf t, sobald wir die von ihm selbst 
aus der Leetüre des vierten Evangeliums gewonnenen Züge in Ab- 
rechnung bringen^ alsbald wieder das bekannte Gesicht des Apo- 
kalyptikers und Chiliasten entgegentritt, desselben, den auch Papias 
mit seinem »Presbyter« meint, und auf welchen der kleinasiatische 
Glanz des Namens Johannes überhaupt zurückzuführen ist^). Es ist 
somit nur für ein anderwärtsher bereits fest begründetes Besultat der 
Iiistorischen Kritik eine Probe geliefert , wenn der Ertrag unserer 
Untersuchungen von der Art ist, dass dadurch die kleinasiatische 
Autorität des Apokalyptikers ebenso sehr vorausgesetzt, als die im 
Laufe der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts darauf gepfropfte 
Existenz des Apostels ausgeschlossen erscheint. 



1) Einleitung in das N. T. 2. Ausg. S. 94 fg. 

2) Vgl. meine Nach Weisungen im Lexikon, S. 332 fg. 340 fg. 352 fg. 356 fg. 
und die Nachtrüge in der Prot. Kirchenzeitung, S. 59 fg. 



XJeboi'sioliteii. 



■N^X ^N. /^ -V ' s/-^ -^ r> y 



I. Der Kolosserbrief : 

ursprünglicher Text und Interpolation 

nebst Parallelen des Ephescrbriefes (links diejenigen zur Interpolation , rechts 

die vom ursprünglichen Text abhängigen). 



Eph. Kol. 1. Eph. 

1 IlauXoc ttTcooToXoc XptoTou 'lifjaou 8ta deXi]- 1, 1. 
[jLaTo? Oeoo xal Tt[jLoftso<; o a8sXcpoc 2 rot? iv Ko- 1, 2. 
Xa99ai<; ayiot? xal irtoTot? aSeXcpoTc iv XptcjT(p. jja- 
ptc ufuv xal s?()TQVTf] airo Oeoo Tcarpoc '^[jläv. 

3 Eoj^aptaTooftev T(p &e^ xal Tuarpl too xopfoo 1, 16. 
-^[xtDV 'lYjaoo XpiaToo TravTore Tcepl ufxcov Ttpooso^o- 
[jLevot, 4 axouoavTsc tt^v Tcfativ ofxwv ^v Xpiattp 1, 15. 
'Iyjcjoi) xal TiQV äyaTCYjv tjv ej^ers eJ? Tcavta? too? 
ayfoD? 5 8ia nqv IXirföa ti^v airoxsifxlvrjv U[xTv iv 1, 3. 12. 13. 
Tot<; oupavotc, yjv TcporjxoooaTS ev Ttp AoY(p t7j<; aAr]- 
Oe(ac TOü soaYYsXfoo 6 too irapovro? eJ? ofia? xa- 
Oa>c xal äv Ttavtl T(p xoafjicp , xal eaTtv xapTcocpopoo- 
{jLsvov xal aüEavojiÄVov xadw«; xal iv oplv, acp' -^^ 

"^[iLipa^ 7lxovaaT€ Mal Iniyvtare rriv /a^^f rov S-eov iv 
ttXri&eC($ ' 7 xa&ats äfjLa&STS Ätco 'Eiracppa tou aya- 
iry]TOU oovBoüXoo tjjjlcov, o<; Jattv tüioto? UTcsp ü[jl(ov 
Biaxovo^ TOU XpioTou, 8 o xal BifjXwaa? TjfxTv n^v 
up.(uv aYainjv ^v nvavfxnxi, 

9 Ata TOUTO xal 7)[isi<;, «y ng rif^igas rpcovaafisv, 1, 15. 16. 
00 Traoofisfta oirep oficov irpoo£oj(6[ji£Vot xal airov/nevoi 

1,8. 11. 17. tva 7iltiQ(o&rJ7£ rrpf infyvtoaiv jov d-tkrifiatug avtov iv 

Tidari ao(fC(^ xal awiau nvBvfiaxix^, 10 TcepwraT^aat 4, 1. 

1, 17. 2, 10. op.a^ a^fo)^ toi; xvqCov dg naoav aqiaxHav^ iv navji 
^gytp ayad-^ xagnotpogovyieg xal av^avofievoi tig rijv 

1, 19. 3, 16. InCyvtoüiv tou &800^ 11 iv nday ^wdfiei ^wafiovfievoi. 
xatä t6 xqdrog xrig äo^ijg avtov eig näaav vnofxovrjv xal 



326 I- Der Kolosserbrief: ursprünglicher Text und Interpolation. 

Eph. Kol. 1. Eph. 

1, 11. 18. fittXQod-v/jiav juerd xagäg , 12 iv;(aQtaTovvT(e r^ nargl 
rcü IxavfoöavTi rjfAag dg rriv fjugt^a rov xXriQov ttSy ayitov 

iv ttS (f^Ti, 13 oc ifp6oaTO 7j|ia<; i% t^c 2Eoua(a<; 2, 2. 3. 

Tou oxoTooc xal jjfiTiaTTjaev eJ? tqv ßaotXefav too 

1, 6. oloo T^ff ayunrig aoTOü, \A iv tp f/ofÄCv T^y anoXv- 

1,7. TQtaöiVy Ttiv atpföiv rtSv a/nagritov , Ib og iariv eixatp 

Tov S-€ov rov aogärov, n^ioTOToxog Tidütjg xriaswg ^ 

1, 10.21.22. 16 ort Iv nvTtß ixria^ ric ndvra tat iv rots ovgavu^g 

6, y. 10. ^^i j^ ^i j^^g yfjs» TOI ogar« xal td aögara, ttn &g6voi 

itre xvgiojrijeg ttre a^/al €tT€ i^ovaCai. rd ndvra 6i 

1, 10. 22. avTov xal €ig avTov ^xnaraif 17 xal aurog iariv ngo 

1, 20.22. 23. ndvjtov xal rd ndvra iv avr^ awiarijxtv, 18 xal «v- 
4, 15. 5, 23. j^g iariv ij x^ipalr) rov atofiarog, rijg ixxXrioCag' og 

iariv dg/iif ngtororoxog ix rtov vixgtov, Xva yivrirav iv 

1, 10. 23. näaiv avrot ngtorevotv ^ 19 oTt iv auT(j) eoBoxYjoev 

1, 7. 10. ndv ro nXrigtofia xaroixrjaai 20 xal SC avrov dno- 

2» ^^ ^*' xataXXaSai rd ndvra sig avrov ^igrjvonoii^aag Sid rov 

atjuarog rov aravgov avrov j Si amov, ttre rd inl rrjg 

yijs etre rd iv rolg ovgavoig. 21 xal üua^ izoxk OVTa? 2, 1. 2. 10. 

2, 3. 12. 16. dnriXXorgKOfjiivovg xal i^8poU( Tp Stavoitf h TOt<; Ip- 

' yot? ToT<; icovijpoic > vovl 8i «TroxanrjXXaYijTe 22 iv 

T(p ocijAttTi T^? oapxo? aoTOü 8ia tou OavaTOo , na- 2, 13. 16. 
1,4. 5, 27. gaarijaat vfidg dyiovg xal df4(6fiovg xal dveyxXijrovs 

3, 18. xarevioniov avrov, 23 81 ye iTrtjiivSTS T^ TülOTSt re^e- 3, 1. 

/neXmfdivoi xal khpauioi xai [jiiQ (xeTaxivoup.&voi airo 

rijg iXnC6og TOU eüttYYsXfoo oi; ijxoi/aarc, tow xrjgv^^^^v 

rog iv ndör^ xtiasi, TJf vno rov ovgavdv , oü dYßVO[i.Tf]V 

' 1^(0 IlauXo^ Suxxovog. 

3, 1. 13. 24 Nvv x^^h^ ^^ ''^^^ na&rjfiaoty vnhg vfuSv , xal 

dvravanXrigfo rd varegtjfiara rc5v ^Xlxpioiv rov Xgiarov 

iv rij aagxl fiov vnhg rov awfiaroi avrov, o iariv ij 

ixxXriaia, 25 ^g iyevpfiriv iyto Biaxovoc xaxa tt^v oJ- 3, 2. 7. 8. 

xovofjifav TOü Ösoo n^v 8oftetcjav |iot eJ? o|ia€ icXy]- 

3, 3. 5. 9. ptt>9ai TOV Xoyov too Osoo, 26 ro fivarrigiov ro dno- 

xexgvfifjiivov dno rav aioivtov xal dnq rdSv yfvecjv, t^i/i^l 

1,9. 18. 3, 9. 6h i(pttv€g<üd-ri rolg dyioig avrov, 27 olg ^&iXri(fsv 6 &€bg 

yvtogCaai ri to nXoürog rijg So^rig rov fivarrigCov rovrov 

iv rolg e&veaiv , o iariv Xgiarbg iv vfitv, ff iXnlg rrjg 

3, 9. 4, 13. dortig, 28 ov r^^elg xarayyiXXojLiev vov&erovvrsg ndvra 

dvd-otonov xal 6i6daxovrEg ndvra dv&g(onov iv ndatf 
ao(f((f , Xva nagaarr^atofxev ndvra dv^gtonov riXuov iv 
Xgiar^ • 29 s?<; o xal xoirico aYCDViCoftevoc xara nqv 3, 7. 20. 
svipYSiav aoTOü dqv ivepYoofjivr^v 8V ifjioi iv Swdfiu, 



I. Der Kolosserbrief : ursprünglicher Text und Interpolation. 327 

Eph. Kol. 2. Eph. 

1 6iXa> fap üfjia<; sföivat y]X(xov aYÄva iyw irepl 
up.(ov xal Tmv iv Aao§ix&(cf xal oaoi oo^ icupaxav to 
TTpoodMcov fioü ^y OttQxC, 2 iva irapaxX7]&tt)9iv al 
3, 18. 4, 16. xap6(ai aoTÄV, avfißißua&ivTsg Iv «y«;rij xai £?ff nSv 
TO nlodrog r^g nltigotf-ogiag rrjg awionog^ iig ijiiyvtO' 
3, 9. 19. ötv Tov fivöTfiQ^ov Tov d-eov, XQtoTov, 3 If y fialv 
TfdiTBg ol S-fjOav^l rijs aoipiag xal rrjg yvoiaetog ano- 
xQVipoi, 4 TOüTO 8i ki'^iü iva fiTjSeU üfi-a? Tzapako'^i" 4, 17. 5, 6. 
CTfjTat iv nt&avoXayCif. 5 et yap xal "qj aapxl aireifjii, 
aXXa T^ itveufian oov ofitv s?ixi, )^a(pa)v xai ßXliru>v 
ufxÄv n^v TttStv xal to 3T&piu)[i.a tf^? e?? Xpiotov ttI- 
oxe«)? üftÄv. 

6 *Qc oüv TcapeXaßsTe tov XptoTOv 'Iyjooüv tov 4, 17. 20. 
2, 20. xupiov, iv auT(p icepwraTetTe, 7 igqi^tofiivoi xal inoi- 4, 21. 
' xoäo^ovfjiivoi iv avT^ xal ߀ßaiov^€voi Tjf nlax%i xa&(0^ 

i8i8aj(ft7]Te, itsptooeoovTs? Iv eoj^aptoTfcf. 8 ßX^TrsTs 4, 14. 
fiTQ Ti? saTttt ofjia? GoXa^cDYtov 8ta t% cpiXoaocpfa? 

5, Or 3f«^ ««»'^ff andrrig xara triv nagadoöiv töSv av&QfOTiODv ^ 

xaTa Ttt oTOt/eia tou xoofjioo xal ou xaTa XpiaTov, 

1, 23. 9 OTl hi aOT(p xaTotxeT nav to nlr^Qtofia ti)? ^eorijTog 
1, 21. 23. aa)fiaTiX€5g, 10 xaC ioTE iv «utijji nenkrjQUfiivoi, og ioTiv 

rj x€(fttXrj nccöTjg «QXVS *«^ i^ovaiag, 11 iv (p xal ize— 
pteT[JLiQ&Y]TS irepiTOfi.^ aj(sipo7con(]T(|> , iv ry dmxJvaH 

2, 11. TOV üißifittzog TT^g aaQXog, iv tJ negiTOfiy tov XQt- 

OTovj 12 oüVTacpsvTS<; aoTcp Iv T(p ßaicTfafxaTt, iv (p 1, 20. 2, 6. 

1, 19. 20. xal oovYjY^pftTQTs 8ia t^j nCoTstog T^^ ivepyefa? too 

Osoü Too iYSipavTo? aoTov ix täv vexpÄv 13 xal 
ü|JÄ? vexpoüc ovTac iv toT? icapaTrcaJp.acjtv xal tJ 2, 1. 4. 5. 
2, 11. axQoßvOTCff Ttig aagxog v/noSv, OüVsC«)07Co(Yjoev vf^ag 

auv aoTtj), jfaptoafisvo? T^fiiiv itavTa tÄ icapaTCTO)- 
[jLaTa, 14 i5aXs(^}/a? to xatf Yjftoiv ^etpo^pacpov 2, 15. 
2,15. rotg ioyfiaaiv o tjv üitsvavTfov Tjfi-tv, xal aoTO -^p- 
xev ix TOU piaou^ irpooTjXcooai; aoTo T(j> oTaopcp, 

2, 15. 16. 15 dnex^vod/nevog Tag äq^dg xal Tag i^ovaCag iJeiyf^d- 
o, 10. 4, 8. 'piffgp ip naggriaCcCf d-Qiafißivaag avTovg iv avTtp, 

16 Mtq oüv tu o|ia<; xptvsT«) iv ßpaJost xal iv 
Tüoosi Tj iv fiipet iopT^c >] vooftTjvfa«; r^ oaßßaTCDv, 

17 ff iOTiv 0xid Ttov fieXlovTODv , TO Sk adj/Lia XqiOtov. 

18 /ifiSelg vfiäg xaTaßQaßeviTto d-iXtov iv TaneivotpQo- 
avvij xal &Qfjoxei(f tcSv dyyiltov, a fifj itoQaxsv ijußuTSvwVf 

e{xr f uoiou(xevoc oico too voo? t^c oapxoc aoToo, 



328 I* Der KoloMerbrief : ursprünglicher Text und Interpolation. 

Epb. Kol. 2. Eph. 

4, 16. 19 xal ov XQatav tijv x€ipaXiiv , i^ ov näv to atS/ja 
Sin t6iv aifuiv xal avvdiafjuav ini^oQtjyov^tiov xal ov/n- 
ßißa^6(ii%'ov av^ei rriv iw^Tiöiv tov O^eov. 20 K{ aiT&-> 
Oavste ouv XpioTcp airo tcov OTOi/eimv toü xdo|iou^ 2, 15. 
t( (o^ Ctt>VTe<; Iv xoafMp So^fi^t^Csoi^e 21 Miq S^tq 
fXTjSs Y^ü^^lO fXTjSe W^Tflc^ 22 5 ioTtv TraVr« e?? cp8o- 
pav T^ aico^^pi^asi^ xar« rn ivTaXfiara xal iiiaaxaXiag 
T(Sv dv&QW7i(ov; 23 ativa iarip Xoyov fxkv ^;|foyTa 0o- 
r//a( ^y i^iXo&()ri0X€iif xal TantivoifQoOvvrf xal aif'nSia 
0(6fi€tT0Sf Qvx h TifAy ml 7tpo<; tüXtjOjiovtqv t^<; oapxo;. 

Kol. 3. 

1, 20. 2, 6. 1 Ei ovv avvriy^Q&rjre i(^ XQiarf), t« «i'oi Cv^eTrs, 

ov 6 XqiOtos ioTiy (v (fc|i^ tov d-tov xa^rifiivog • 2 r« 
«Vtti (fQov(Tt€, firi T« /;rl T^ff y^ff. 3 aicsftavsTe yotp, xal 3, 9. 
7] CtoTf] uftÄv xixpoircat oüv tip Xpwtip sv xq) Ö£(p • 
1, 18. 4 orav 6 Xqiotos (faveQtod-^f rf C^i] TjfidSv, rore xal 
vfjLfTg avv avt^i (favBQ(od-^a(a&€ iv Jofj. 

4, 19. 5 NexQtoaari ovv lä fiiXri ra inl rijs yrjg, nogvfCar, 
5, 3. 5. ccxad-agöiav, nd&og, ^7ii&vfji(av xnxi^r, xal rriv nXiove- 

5, 6. ^la%' fing iarlv iiStoXoluTQiCa y 6 öi o fQ^fiai ^ OQyh 

2, 2. 3. 5, 8. Tov d-tov. 7 iv oig x«i vfjiils nfQienartianji nore oie 

4, 22. 25. 26. Hv^f iv tovroig • 8 vvrl ^k dno&eaO-f xal tfusTg t« 

29.31. 5,4. jKfpjft ^ oQyriv d-v/ubv xaxCav ßXnaffUfiiav nia/QoXoylav 

4, 22. 25. ix TOV arofiarog Vfi<i5v , 9 fitf ifjev^föS^s fig aXXijXovg, 

oLTtixövadfji^vov TOV naXttiov av&Qionov avv raig ngd^t- 

4, 23. 24. oiv avtov 10 xal iv6vodfjiivoi> tov viov tov dvaxaivov- 

fiBvov (ig inCyvioaiv xaT fixova tov XTi(JavT09 avTov, 

1 1 0710V ovx l'vi ''EXXfiv xal *IovJaiogf negiTOfir) xal dxgo^ 

ßvOTlUy ßdgßaQog, ^xvd-rjgj ^ovXog, iX€v9^SQog, dXXd tu 

ndvTa xal iv nadiv XQiOTog. 

12 'EvSüoaofts ouv m^ ixXsxtol toü öeoo aytoi 4, 2. 32. 
xal TQYaTnjfjivoi oTzki^a. otxxipfjiou, j(pY]aTOTY]Ta, ' 
TaicetvocppoarüVTfjV, TtpauTTjta, (jLaxpo&ofjiCav^ 13 ave- 4, 2. 32. 
Xofisvot aXXi^XcDV xal xaptCojjLevot ^aüToT<; ^div Tt<; ' 
Tüpo? Tiva Ij(l0 jjLOjjLcpTQV, xaöw? xal o XpiaTo<; i/api- 
4, 3. oato upitv OüTO)? xal OfxeT^^ 14 inl ndaiv 6k tovxotg 

Tfiv dydjrrjVf o iattv avvSto^og T^g TfXfioTriTog. 15 xal * 

2, 16. 4, 4. 71 eiQrjvrj tov X^tOTOV ßgaffv^TO} ir Talg xaQÖCaig vfimv^ 

tig rjv xal ixXiji^rjTe iv ivl otouaTi • xal evxaQiOroi yi- 

5, 19. v€(J&€. 16 *0 Xoyog tov Xqiotov ivoixf^Tto iv vfiiv 

nXovaCtog, iv ndarji aoffCt^ diddüxovTig xal vovS-iToxh'Tkg 
kairtovg \lfaXuo7g vfjvoig oy^aTg nvivunrixaTg^ iv rij ^dQiTi. 
^öoVTfg iv TTji xa(f6itf vfiüv Ttp »9-tw, j7 xal irav Tl 



I. Der Kolosserbrief : ursprOnglicher Text und Interpolation. 329 

Eph. " Kol. 3. Eph. 

dav TcotYjTe sv Xoyq) yj ev sp^q), iravta h ovojiaTt xo- 5, 20. 
pioü 'lT]aoo, eoj(aptaTouVT8<; T(p Oeq) Tratpl 8i aotoo. 
5, 22. 24. ]S AI yüvatxest ifnoTixaaia&e lolg av^Quam, tog 

5, 25. 28. av^ev iv xvqC^. 19 ot «rV(f(>Cf, ayanäre rag -ym'alxag 
xal fiTj niXQaividd^e UQog avxdg. 
6, 1. . 20 Ter rixva, vnaxovExe rolg yovevaiv xatit ndvia- 
6, 4. tovTO yaQ ionv ivagtarov iv xvqit^, 21 ol nariQift f^h • 
Ige^iCtr^ rä rixva vfiAv^ tvtt /nrj d&vfidjöiv. 
6, 5. 6. 22 Ol öovloi, vnaxoveie xarä ndvta roig xara 

ad()xa xvgloigf [iri iy oif&alfAo^ovleiaig <og di^d-Qiond- 
QiOxoiy aAil* iv anXorriTi xaqdtag (poßovfievot tov xvqiov. 
6, 6. 7. 23 idv noiijte, ix yjvxfjg iQydC^aS-e tag rtp xvgitp xccl 
6, 7. 8. ovx dvd-Qtonoig, 24 iiSoreg Sri dnb xvqIov anokrifixjjead^e 
T7IV ttvjanoSoaiv rijg xXriQOvofiCag. rip xvgiip Xq^ot^ 
6, 8. 9. 6ovl€vtT€ ' 25 6 yicg a^ixüiv xofdCasTui o ^J/xijcrey, xal 
ovx ioTiv 71 Qoatonolfjfirfßitt. 

Kol. 4. 
6, 9. 1 Ot xvQioif t6 6Cxaiov xal xriv ioorrita rotg cTov- 

koig TiaQix^a&e, eMreg ort xal ifju^ig I/6T€ xvqiov iv 
ovgav^. , " 

2 T^ Ttpoosox^ icpoaxaprepsiTS YpTQPpoSvTS? h 6, 18. 
aoT^ iv (vxttQtari^f 3 TTpoGeu/ofiÄVoi Sp-a xal irspl 6, 19. 
TjfjiÄv, tva Oeo? avofSiQ Tjfuv dopav too Xo^oo Xa- 
3, 4. 6, 20. ÄTJoat To fxboTTjpiov tou Xpiarroo, cf«' o xal äi^€fiai, 

6, 20. 4 'tva (fav6Q(6ato avTo ox; 8sl \l& XaX^oat. 5 'Ev oo- f», 20, 

cpicf TrepiTuaTSiTS irpo<; TOD? sjo), tov xatpov äSayopa- » ^- ^* 
CofJtevoi. 6 Xo^oc üftÄv TcavTote iv jjaptTt, aXan 4, 29. 
TQpTüjiivo«;, e{8svai ir«)<; 8st üfxot? 4vl ixaatq) axcoxpf- 
veoÖai. 

7 Ta xttT Ifxs icavta -^vmpio&i Ufxiv Tu;(txo<; o 6, 21. 
aYa7CY]T0<; aSeXcpo? xal tükjto; 8taxovo; xal oüv8ooXo<; 
ev xüp((|>, 8 ov eirsfjuj/a Tcpo; o|jä; £?; aoTO touto 6, 22. 
?va Yvcp ra Tuspl oftÄv xal irapaxaXicjiQ Ta<; xap8(ac 
U}JL(OV^ 9 avv ^Ov7}aCf4tp t0 mar^ xal dyanriT^ dShl- 
(ftp f og iüziv i^ vfjimv * ndvja vfilv yvtoQtovatv ra oSb, 

10 'AoTcaCsTat o|ia? 'Apfotapjfoc o oüvat/iiaXcoTo? 
fi.ou, xal Mapxot o dvei|^to? Bapvaßa , irepl oo iXa- 
ßsTS svToXa;, eav IXötq Tcpo; ofia^^ 8e?aofte autov, 
1 1 xal 'iTjabo? o Xs^op^vo^ 'Ioüoto?, ol ovTe<; Ix Tcspt- 
TOfjL^i; • oüTot fiovoi ouvepYol et? tt^v ßaaiXe(av tou 
Oeoü, oiTtve? eyevi^ftifjcjav jiot TrapYj^opfa. 12 aaira- 
Cstat ofioi? 'Euacppa? o eE ofJLwv^ 8ouXo?XptaTouM73- 



' #■ 



330 I- I^v KoloMerbrief: ursprtliiglicher Text tind Interpolation. 

Epfa. Kol. 4. Eph. 

aoü, icavTore aYcoviCofievoc uicip op.Sv ly rah nQoö- 
kv^nU , tva arijjt tiXetot xal mnXfiQOifOQfifiivoi iv navtl 
d'ili^fiari Tov d-iov. 13 \uipropm i(ap aoT(p OTi iy&i 
iroXov itovov oitip op.cov xal rtov ev lepaicoXsi. 
14 doicaCsrai ofia^ Aooxac o {arpoc o afonrr^Toc xal 
AyjIJ^C. 15 aönttaaa&t rovg iv Aaodixiiq aSelfpoijs 
xal Nvfifp&v xtti tv^v xat olxov avxmv ixxXtiöiav. 16 xal 
orav avayvtit€f&y nag Vfuv ^ iniarolij, noi'^aare tva 
xal iv r§ Aao^txitov ixxXfjaiq avayvwaB^ij , xal r^r ix 
AaodiXiCag tva xal v/iits ävayvtSt€. 17 xal etnare 
It^QX^TiTitp BXim r^v ötaxovlav r^v nagiXaßeg iv xvQitp, 
tva avtijv nXrjQotg. 

18 *0 aaica9[io<; t^ efi^ X®^P^ IlaüXou. fiVYjfxo- 
vsusri [Jioo T<ov SeofjLcov. t] X^P^^ I^^^' ^{jlwv. 



IL Register ftber den Kolosserbrief. 



Kap. 1. 

1—5. S. 136. 
1—8. S. 26. 148. 

1. S. 8. 16. 17. 22. 55. 56. 129. 131. 

168. 169. 

2. S. 17. 55. 56. 131. 169. 213. 
3—5. S. 15. 

3—8. S. 17. 176. 

3. S. 26. 36. 55—57. 123. 124. 135. 168. 

169. 176. 182. 236. 259. 

4. S. 15. 26. 36. 56—58. 101. 123. 135. 
168. 169. 234. 

5—8. S. 57. 

5. S. 56. 58. 59. 106. 115. 122. 133. 135. 
147. 169. 170. 203. 220. 254. 258. 259. 
285. 

6—8. S. 136. 

6. S. 118. 120—123. 148. 158. 170. 171. 
187. 213. 216. 217. 219. 252. 

7—9. S. 168. 

7. S. 15. 56. 60. 122. 123. 171. 186. 
187. 193. 206. 

8. S. 15. 16. 56. HO. 118. 119. 123. 
153. 171. 206. 227. 234. 

9 fg. 8. 36. 

9-11. S. 84. 

9—12. 8. 17. 114. 

9—13. 8. 149. 

9—23. 8. 26. 108. 123. 151. 188. 189. 

9—29. 8. 176. 187. 

9. 8. 15. 16. 56. 57. 83—85. 102. 116. 
117. 123. 133. 135. 136. 148. 152. 
153. 159. 166. 171. 216. 219. 220. 
239. 248. 252. 

10—13. S. 171. 

10. S. 26. 56. 68. 84. 85. 112. 117. 
123. 136. 137. 141. 143. 148. 149. 



152. 156. 171. 186. 189—192. 213. 
216. 219. 220. 236. 250. 

11. 8. 84. 85. 114. 117. 118. 140. 148. 
152. 188. 243. 250. 

12—14. 8. 168. 

12. 8. 15. 26. 107. 112. 114. 118. 124. 
133. 148. 149. 152. 188. 208. 213. 
251. 253. 259. 302. 

13—22. 8. 136. 
13—23. 8. 17. 79. 

13. 8. 26. 48. 56. 65—67. 71. 107. 124. 
133. 149. 152. 171. 172. 186. 213. 
221. 251. 259. 

14—20. 8. 149. 219. 
14—21. 8. 17. 
14—22. 8. 189. 

14. 8. 26. 31. 48. 71. 109. 124. 133. 
149. 152. 188. 213. 248. 251. 257. 

15—18. 8. 150. 235. 
15—19. 8. 27. 
15—20. 8. 152. 286. 

15. S. 97. 107. 124. 149. 150. 220. 227. 
235. 238. 243. 247. 248. 256. 267. 
285. 290. 297. 

16 fg. 8. 189. ^220. 
16—18. 8. 149. 150. 
16—19. 8.98.150. 
16-20. 8. 116. 

16. 8. 26. 96. 97. 107. 109. 124. 133. 
151. 155. 189. 220. 221. 228. 229. 
231. 235. 238. 247. 267. 285. 286. 
289. 297. 298. 301. 314. 

17. 8. 97. 124. 133. 151. 235. 238. 267. 
289. 

iSfg. 8. 189. 

18. 8. 26. 36. 96. 97. 99. 121. 124. 150. 
155. 225. 227. 239. 243. 247. 261. 
256. 267. 



332 



II. Register Ober den Kolusserbrief. 



19—21. S. 172. 
19—22. S. 136. 

19. S. 19. 26. 92. 97. 98. Iü9. 116. 125. 
133. 149. 150. 151. 155. 173. 223— 
225. 248. 267. 290. 

20—22. S. 63. 68. 75. 

20. S. 21. 26. 62. 63. 66. 68. 91» 95. 
109 — 111. 114. 121. 124. 125. 133. 
137. 149—152. 157. 173. 188—190. 
208. 220. 228. 231—233. 237. 247. 
252. 285. 286. 290. 297. 298. 314. 

21 fg. S. 296. 

21. S. 26. 47. 62. 63. 65—67. 69-71. 
^ 73. 79. 92. 94—96. 110 — 113. 125. 

136. 137. 143. 149. 152. 172. 173. 
188. 208. 216. 231. 

22. S. 36. 47. 62. 63. 68. 69. 95. 96. 

125. 133. 137. 151. 152. 155. 174. 
188. 190—192. 259. 290. 

23—29. 8. 137. 153. 219. 

23. 8. 15. 21. 22. 26. 36. 50. 90. 107. 
122. 125. 126. 137. 138. 151 — J53. 
168. 170. 174. 175. 186. 190. 192. 
208. 217. 253. 259. 285. 287. 296. 315. 

24—27. S. 26. 27. 36. 112. 
24—29. S. 152. 190. 
24—2, 5. S. 17. 

24. S. 21. 22. 26. 90. 91. 96. 106. 126. 
140. 152. 168. 174. 188. 190. 226. 
239. 252. 279. 

25—27. S. 109. 

25. S. 21. 26. 28. 59. 90. 116. 125. 129. 

137. 138. 152. 153. 164. 168. 174. 
175. 186. 187. 253. 279. 285. 296. 

t 26. S. 20. 26. 28. 38. 49. 113. 125. 

126. 133. 140. 152. 211. 215. 216. 
219. 249. 250. 254. 301. 309. 

27. S. 15. 26. 38. 91. 112 — 115. 126. 
140. 152. 161. 215. 216. 219. 236. 
285. 309. 

28. S. 27. 117. 121. 126. 140. 152. 153. 
164. 168. 190. 191. 208. 213. 217. 253. 

29. 8. 27. 59. 114. 118. 120. 140. 153. 
166. 168. 175. 186. 219. 236. 279. 

Kap. 2. 

1—3. 8. 214. 

1—5. 8. 126. 136. 177. 

1—9. 8. 27. 

1. 8. 10. 14—17. 22. 107. 108. 118. 



121. 126. 127. 136. 153. 154. 168. 
176. 179. 186. 187. 190. 192. 219. 
258. 279. 286. 

2. 8. 49. 50. 112. 114. 116—119. 127. 

142. 153. 154. 177. 186. 215. 216. 
219. 223. 234. 236. 255. 

3. S. 106. 126. 153. 215. 219. 236. 303. 

4 fg. 8. 296. 

4. 8. 59. 60. 106. 118. 120. 121. 127. 

143. 145. 153. 154. 168. 176. 177. 
179. 192. 258. 279. 

5 fg. 8. 296. 

5. S. 22. 107. 108. HO. 126. 127. 153. 
168. 176—178. 184. 185. 187. 191. 
192. 279. 

6—8. S. 136. 143. 
6-23. S. 17. 59. 

6. 8. 15. 60. 108. 138. 154. 178. 189. 

191. 192. 236. 255. 287. 

7. S. 15. 50. 60. Hl. 118. 119. 126. 
137. 138. 140. 154. 178. 186. 189. 

192. 217. 237. 253. 255. 312. 
8—10. 8. 287. 

8—11. 178. 

8. 8. 60. 109. 121. 127. 142. 145. 146. 
151. 155. 178. .186. 192. 206. 207. 
249. 257. 258. 287. 288. 

9. S. 17. 19. 97. 98. 109. 116. 125. 
155. 223—225. 237. 241. 250. 267. 
2S6. 290. 296. 297. 313. 

10—15. 8. 27. 

10. 8. 17. 96—98. 112. 116. 121. 125. 
155. 157. 222—224. 232. 237. 267. 
286. 291. 

11 fg. S. 137. 191. 

11—13. 8. 64. 191. 210. 

11—14. S. 27. 75. 136. 192. 283. 

11. 8. 15. 28. 62. 71. 72. 106. 107. 
109. 114. 118. 121. 127. 137. 153. 
155. 178. 180. 185. 206. 210. 233. 
243. 287. 

12. 8. 62. 65. 70. 71. 96. 98. 107. 111. 
114. 121. 136. 155. 156. 178 — 180. 
184. 185.233. 

13. 8. 15. 26. 28. 62. 64 — 67. 71, 72. 
111. 127. 136. 137. 153. 155. 156.179. 
186. 206. 209. 234. 237. 

14. 8. 26. 62 — 64. 72 — 74. 106. 121. 
137. 153. 156. 157. 179. 185. 190. 
206. 207. 234. 248. 250. 254. 287. 290. 



^ _ I 

n. Regster über deii Kolosser brief. 



333 



15. a 17. 97. 106. 107. 118. 140. 156. 

157. 190. 222. 233. 243. 248. 250. 
267. 286. 

16—23. S. 157. 179. 192. 197. 20ü. 287. 
16—3, 4. S. 27. 140. 

16. S. 107 — 109. 121. 127. 157. 179. 
181. 184. 186. 206. 283. 287. 

17—20. S. 286. 

17. S. 71. 106. 112. 121. 157—159. 188. 
210. 224. 283. 312. 

18 fg. S. 296 fg. 

18. S. 106. 107. 115. 121. 127. 157. 

158. 164. 179. 243. 258. 289. 

19. S. 26. 50 — 52. 79. 111. 114. 117. 
123. 124. 141. 157. 158. 163. 188. 
226. 237. 239. 241. 249. 287. 289. 
291. 296. 

20—23. S. 160. 

20. S. 41. 72. 73. 109. 140. 156. 158. 
180. 186. 206. 207. 287. 

21 fg. S. 191. 

21. S. 106. 178. 180. 207. 288. 

22. S. 158. 180. 186. 217. 243. 249. 288. 

23. S. 41. 105. 106. 109. 116. 118. 121. 
127. 158. 159. 180. 186. 289. 

Kap. 3. 

1—4. S. 191. 
1—4, 6. S. 17. 

1. S. 37. 76. 109. 111. 158. 160. 213. 
221. 247. 249. 255. 267. 314. 

2. S. 37. 158. 160. 213. 221. 247. 249. 
255. 267. 314. 

3. S. 26. 28. 74. 106. 109. 140. 160. 
180. 181. 186. 

4. S. 118. 160. 161. 188. 236. 271. 285. 
5—7. S. 74. 79. 162. 

5—9. S. 74. 81. 83. 

5—11. S. 40. 140. 161. 163. 183. 

5—17. S. 71. 128. 

5—4, 6. S. 27. 

5. S. 26. 28. 37. 39. 74. 75. 78. 81. 82. 
88. 89. 107. 109. 113. 143. 145. 154. 
161. 188. 213. 

6. S. 27. 68. 78—80. 82. 88. 137. 146. 162. 
8—10. S. 143. 162. 

8—13. S. 26. 

8. 8. 25. 26. 42. 43 74. 75. 80 — 82. 

110. 113. 114. 117. 146. 154. 162. 

183. 260. 313. 



9—11. S. 83. 143. 190. 

9. S. 26. 52. 74. 75. 80. 81. 106. 162. 
183. 213. 260. 

10. S. 20. 53. 74. 213. 216. 220. 260. 

11. S. 27. 53. 74. 96. 117. 162. 163. 
188. 210. 211. 213. 236. 237. 296—298. 

12—17. S. 163. 

12. S. 26. 39. 74—77. 82. 108. 109. 140. 
141. 144, 145. 158. 161. 163. 180. 
181. 237. 254. 

13. S. 26. 39. 75 — 78. 82. 140. 141. 
144. 145. 163. 181. 186. 237. 

14. S. 16. 20. 26. 28. 76—78. 112. 117. 
119. 141. 163. 164. 188. 251. 255. 285. 

15. S. 16. 26. 54. 76—78. 95. 96. 128. 
137. 141. 145. 164. 188. 236. 268. 296. 

16. S. 26. 28. 54. 74. 75. 106. 107. 111. 
112. 117. 118. 126. 128. 146. 153. 
164. 217. 236. 243. 247. 313. 314. 

17. S. 26. 40. 45. 54. 55. 75. 116. 128. 
146. 147. 181. 182. 186. 236. 260. 

18—4, 1. S. 26. 40—46. 164. 182. 
18-4,4. S. 29. 

18. S. 26. 40. 42. 43. 111. 118. 166. 

19. S. 26. 42. 106. 112. 243. 

20. S. 2C. 40. 43 — 45. 109. 112. 117. 
118. 164. 

21. S. 26. 43. 107. 164. 243. 
22—25. S. 43. 

22-4, 1. S. 14. 

22. 8. 26. 44. 46. 110. 117. 165. 166. 

23. 8. 26. 40. 42. 45. 128. 165. 

24. 8. 44. 45. 106. 116. 164. 166. 188. 
208. 252. 253. 285. 

25. 8. 44. 45. 109. 164. 165. 260. 



Kap. 4. 

1. 8. 26. 43—45. 107. 118.|119. 165. 
188. 221. 250. 

2—4. 8. 26. 40. 146. 147. 
2—5. 8. 183. 
2—8. 8. 166. 

2. 8. 26. 118. 128. 129. 147. 166. 182. 
253. 

3. 8. 26. 86. 87. 166. 168. 182. 186. 
188. 214. 215. 234. 254. 257. 279. 284. 

4. 8. 26. 86. 87. 166. 168. 182. 284. 

5. 8. 26. 60. 61. 74. 75. 117. 146. 147. 
182. 214. 



334 



in. Register Hber den Bphegexbrief. 



6. S. 27. 61. 74. 75. 81. 106. 144. 146. 10. 8.8. 16. 81. 105. 107. 184. 279.283. 



164. 183. 254. 
7. S, 106. .113. 128. 129. 168. 184. 279. 
7—9. S. 24. 282. 
7—14. S. 56. 
7—18. S. 18. 

7. S. 16. 22. 23. 25—27. 113. 118. 128. 
129. 148. 

8. 8. 13. 16. 23. 25—27. 148. 177. 184. 
9—18. 8. 27. 

9. 8. 113. 121. 128. 129. 166. 
10—14. 8. 166. 184. 
10—17. 8. 206. 



11. 8. 105. 172. 283. 284. 

12. 8. 15. 116. 117. 129. 166. 184. 193. 
213. 220. 239. 

13—16. 8. 17. 

13. 8. 15. 16. 106. 109. 166. 

14. 8. 129. 167. 184. 
15—17. 8. 167. 168. 

15. 8. 10. 24. 167. 198. 

16. 8. 9. 10. 14. 24. 72. 167. 198. 315. 

17. 8. 116. 118. 167. 168. 

18. 8, 22. 107. 118. 167. 168. 184. 213. 
252. 279. 



ni. Register über den Epheserbrief. 



^ -^ ^ .^ . 



Kap. 1. 

1. 8. 1. 7. 11—14. 55. 56. 131. 132. 

2. 8. 1. 55. 56. 131. 
3 fg. 8. 277. 

3—14. 8. 1. 57. 104. 132. 140. 147. 
152. 251. 260. 

3. 8. 5. 58. 117. 133. 134. 160. 170. 
246. 249. 251. 270. 277. 

4. 8. 47. 118. 119. 133. 151. 152. 235. 
239. 247. 257. 263. 267. 268. 277. 278. 
301. 

5. 8.92. 115. 134. 208. 234. 239. 261.277. 

6. 8. 48. 58. 114. 133. 152. 213. 234. 
243. 260. 268. 277. 278. 

7—10. 8. 298. 

7. 8. 26. 31. 48. 58. 93—95. 133. 134. 
. 149. 152. 175. 213. 214. 252. 256. 

257. 261. 263. 303. 

8. 8. 84. 86. 117. 133. 134. 148. 152. 
217. 219. 234. 243. 250. 261. 303. 

9. 8. 38. 103. 113. 133. 134. 152. 215. 
239. 261. 263. 277. 300. 

10. 8. 6. 8. 26. 59. 91. 92. 94. 95. 99. 
103. 114. 116. 133. 134. 151. 152. 
162. 188. 189. 206. 208. 215. 220. 



222. 231—233. 237. 246. 268. 277. 
296—298. 300. 303. 

11. S. 84. 85. 133. 148. 149. 152. 208. 
219. 239. 253. 257. 261. 277. 301. 

12. 8. 48. 58. 133. 170. 234. 298. 

13. 8. 57—59. 110. 120. 133. 134. 170. 
208. 217. 227. 261. 269. 275. 

14—2, 10. 8. 104. 

14. 8. 6. 31. 48. 57. 93. 94. 113. 134. 
188. 208. 214. 227. 234. 243. 252. 
253. 257. 261. 264. 271. 

15 fg. 8. 219. 
15—17. 8. 26. 84. 
15—18. 8. 8. 

15—23. 8. 1. 104. 135. 261. 
15—2, 10. 8. 135. 136. 

15. 8. 7. 12. 24. 26. 36. 56. 57. 83. 
94. 132. 135. 245. 254. 261. 

16 ig. 8. 36. 

16. 8. 12. 56. 57. 84. 94. 95. 135. 
17—19. 8. 140. 219. 

17—23. 8. 135. 

17. 8. 6. 36. 56 — 58. 84. 85. 94. 134. 
135. 148. 152. 187. 214. 217. 219. 
227. 238. 245. 258. 269. 271. 275. 

18. S. 26. 38. 56. 94. 103. 114. 115. 



ni. Register über den Epheterbrief. 



335 



135. 149. 152. 161. 208. 217. 236. 
239. 246. 250. 253. 261. 266. 270. 277. 
298. 302. 
*19. S. 27. 65. 70. 84. 85. 114. 120. 

135. 148. 152. 261. 
20 %. S. 220. 

20—23. S. 8. 97. 135. 150. 152. 

20. S. 5. 27. 36. 65. 70. 96. 99. 118. 

136. 160. 235. 254. 257. 261. 264. 
21—23. S. 116. 155. 187. 206. 

21. S. 26. 96. 97. 135. 189. 220. 221. 
229. 235. 246. 248. 257. 264. 277. 
298. 301. 

22. S. 26. 36. 97. 99. 101. 125. 135. 
150. 187. 225. 244. 296. 298. 

23. S. 6. 26. 97. 98. 114. 116. 125. 135. 
150. 224—226. 236. 237. 239. 264. 
296. 298—300. 



Kap. 2. 

I fg. S. 67. 137. 
1—3. S. 172. 
1—6. S. 135. 213. 
1—10. S. 1. 104. 135. 
1—17. 3. 68. 75. 

1. S. 7. 26. 27. 62. 65 — 67. 69. 102. 

208. 302. 

2. S. 6. 7. 65. ^7—69. 78. 80. 82. 102. 
103. 112. 137. 152. 162. 163. 208. 

209. 221. 246. 248. 270. 301. 302. 

3. S. 65. 67—70. 78. 80. 82. 112. 136. 
137. 152. 162. 163. 262. 

4. S. 65. 67. 104. 114. 156. 234. 243. 
261. 268. 

5. S. 26—28. 65—67. 71. 104. 111. 135. 
153. 156. 234. 269. 302. 

6. S. 5. 62. 65. 66. 111. 136. 160. 213. 
246. 250. 269. 270. 

7. S. 102. 103. 118. 135. 234. 246. 263. 
301. 

8—10. S. 135. 

8. S. 65. 66. 104. 136. 212. 234. 276. 277. 

9. S. 8. 136. 212. 276. 277. 

10. S. 8. 47. 68. 69. 84. 136. 137. 148. 
152. 212. 213. 219. 239. 243. 

II fg. S. 3. 72. 210. 
11—13. S. 7. 
11—18. S. 231. 
11—22. S. 1. 272. 



11. S. 12. 27. 62. 71. 100. 136. 137. 
153. 162. 208. 210. 

12—17. S. 137. 
12—20. S. 209. 232. 

12. S. 26. 62. 69. 70. 110. 136. 143. 
208—210. 235. 266. 

13 fg. S. 296. 

13—17. S. 92. 95. 152. 190. 

13—22. S. 5. 268. 

13. S. 26. 62. 69. 70. 91—93. 100. 173. 

209. 210. 246. 253. 
14—16. S. 208. 
14—17. s. HO. 297. 

14. S. 27. 62 — 64. 91. 94. 161. 233. 
236. 237. 244. 269. ( 

15. S. 26. 27. 53. 62-64. 69. 72. 73. 
91. 92. 94. 137. 140. 153. 157. 207. 

210. 213. 239. 250. 

16. S. 26. 62. 63. 68—70. 91—96. 111. 
137. 157. 188. 208. 233. 

17. S. 62. 91. 209. 210. 215. 233. 244. 
253. 269. 310. 

18 fg. S. 296. 
18—22. 8. 62. 

18. S. 208. 227. 263. 264. 269. 275.* 

19. S. 12. 100. 209. 263. 264. 
20-22. S. 296. 320. 

20. S. 5. 50. 137. 244—246. 253. 263. 
273. 274. 320. 

21. S. 51. 111. 117. 123. 158. 270. 

22. 8. 110. 118. 119. 227. 270. 



Kap. 3. 

1—3. S. 7. 315. . 
1—7. S. 104. 
1—9. S. 26. 27. 36. 
1—12. S. 104. 
1-19. S. 2. 

1. S. 7—9. 12. 26. 90. 101. 104. 141. 
190. 208. 252. 254. 257. 279. 

2-5. S. 28. 

2. S. 7. 26. 59. 104. 129. 138. 187. 
208. 217. 

3—5. 8. 187. 

3. 8. 26. 49. 104. 113. 138—140. 152. 
215. 216. 219. 254. 309. 311. 

4—6. 8. 272. 

4. 8. 2. 7. 138. 139. 188. 215. 277. 

5. 8. 5. 7. 26. 49. 104. 110. 113. 118. 



336 



in. Register Aber den Ephenerbrief. 



119. 139. 140. 152. 211. 216. 219. 
227. 245. 246. 249. 261—263. 274. 
296. 307. 309. 310. 315. 320. 

6. S. 5. 7. 114. 139. 208. 209. 216. 
219. 257. 2C8. 296. 

7. S. 7. 20. 59. 90. 104. 120. 129. 138. 
140. 187. 208. 236. 253. 315. 

8—11. S. 298. 
8—12. S. 104. 

8. 8. 7. 26. 38. 50. 91. 138. 139. 187. 
188. 208. 253. 315. 

9—11. 8. 187. 219. ' 

9. S. 6. 26. 28. 38. 49. 59. 103. 115. 
139. 140. 151 — 153. 216. 235. 236. 
243. 247. 250. 262. 263. 301. 309. 

10—21. S. 26. 

10. S. 5. 97. 113. 139. 140. 151. 157. 
211. 217. 220—222. 233. 246. 261. 262. 
298—300. 303. 309. 

11. 8. 115. 139. 239. 301. 

12. 8. 139. 269. 271. 
13_19. s. 8. 

13. 8. 90. 91. 113. 140. 148. 152. 190. 
208. 257. 279. 315. 

14—19. Ö. 104. 

14. 8. 104. 139. 140. 315. 

15. 8. 6. 117. 140. 254. 301. 

16. 8. 38. 84. 85. 90. 135. 139. 140. 
148. 187. 227. 264. 

17. 8.38. 50. 99. 154. 212. 224. 237. 269. 

18. 8. 50. 102. 111. 112. 115. 119. 140. 
152—154. 211. 212. 234. 237. 243. 
247. 248. 

19. 8. 116. 139. 140. 153. 217. 223— 
225. 237. 244. 246. 268. 296. 

20. 8. 1. 2. 120. 140. 148. 191. 249. 
253. 266. 309. 310. 

21. 8. 1. 2. 102. 115. 117. 140. 191. 
246. 266. 267. 278. 301. 309. 

Kap. 4. 

1 fg. 8. 3. ' 

1—6. 8. 141. 

1—16. 8. 2. 

1—21. 8. 26. 

1—5, 20. 8. 74. 101. 141. 143. 

1. 8. 7. 9. 26. 84. 219. 236. 239. 243. 
252. 254. 257. 279. 315. 

2. 8. 26. 39. 76. 78. 84. 112. 117—119. 
140. 144. 158. 252. 



3 fg. 8. 296. 

3—6. 8. 5. 76. 241. 272. 

3. 8. 26. 28. 39. 95. 141. 163. 227. 236. 
4—6. 8. 270. 277. 

4. 8. 26. 78. 95. 103. 141. 227. 236. 
239. 266. 

5. 8. 141. 

6. 8. 117. 142. 236. 
7—16. 9. 141. 

7. 8. 142. 241. 205. 271. 
8—10. 8. 6. 264. 271. 
8—11. 8. 271. 

8. 8. 6. 100. 157. 187. 236. 244. 247. 
248. 250. 254. 312. 314. 

9. 8. 101. 298. 

10. 8. 116. 225. 257. 298. 302. 
11—16. 8. 104. 

11. 8. 5. 101. 142. 174. 187. 241. 246. 
252. 265. 274. 275. 310. 

12. 8. 101. 141. 224. 239. 241. 265. 275. 
296. 299. 

13. S. 114. 116. 153. 217. 224. 225. 241. 
257. 272. 274. 275. 296. 300. 313. 

14 fg. 8. 296. 

14. 8. 8. 60. 102. 141. 217. 241. 274. 
296. 313. 

15. 8. 8. 26. 52. 119. 123. 125. 141. 
150. 158. 188. 226. 239. 241. 245. 
296. 313. 

16. 8. 26. 50—52. 79. 103. 111. 117— 
119. 141. 156. 158. 226. 237. 239. 
241. 245. 272. 296. 299. 

17 fg. 8. 37. 79. 

17—19. 8. 104. 143. 209. 

17—22. 8. 74. 

17-24. 8. 81. 143. 

17—5, 20. 8. 2. 74. 128. 163. 

17. 8. 7. 59. 60. 143. 263. 265. 

18. 8. 69. 70. 110, 143. 188. 209. 236. 
263. 302. 

19. 8. 26. 28. 78—80. 82. 89. 117. 118. 
143—145. 162. 208. 248. 250. 

20—24. 8. 104. 

20. 8. 12. 60. 143. 208. 296. 

21. 8. 8. 60. 115. 120. 138. 143. 217. 
296. 313. 

22—24. 8. 26. 54. 81. 83. 143. 213. 
22—25. 8. 2G3. 
22—26. 8. 144. 162. 
22—32. 8. 26. 



in. Kegister über den Bpfaeserbfief. 337 

22. S. 7. 25. 52. 80—82. 143. 145. 260. 9. S. 117. 120. 144. 
262. 10. S. 115. 144. 165. 

23. S. 53. 74. 110. 143. 244. 11. S. 74. 102. 145. 187. 247. 270. 

24. S. 53. 74. 120. 143. 145. 244. 250. 12. S. 12. 145. 187. 248. 
25 fg. S. 3. 80. 13. S. 12. 117. 270. 302. 
25—31. S. 74. 14. S. 6. 100. 187. 244. 314. 
25—5, 20. S. 81. 15—17. S. 75. 146. 

25—5, 21. S. 143. 15. S. 26. 60. 74. 102. 145. 146. 187. 

25—6, 9. S. 7. 16. S. 60. 61. 146. 243. 277. 

25. S. 25. 26. 80—82. 100. 120. 144— 17. S. 74. 115. 145. j 
146. 244. 260. 277. 313. 18-20. S. 146. > 

26. S. 26. 75. 80. 81. 144. 146. 244. 18-21. S. 41. V 
249. 276—278. 18—23. 8. 104. 

27. S. 5. 81. 101. 144. 146. 187. 221. 18. S. 12. 74. 116. 145. 187. 227. 275, j/ 
254. 258. 276. 278. 314. 



»■ -. •» 



28. S 12. 81. 144. 146. 244. 274. 19. S. 26. 28. 40. 54. 75. 111. 128. 

29. S. 26. 61. 80—82. 101. 135. 144. 146. 164. 247. 313. 

146. 162. 167. 183. 217. 243. 249. 255. 20. S. 26. 40. 117. 145. 146. 236. :. 

30. S. 102. 110. 144. 146. 214. 227. 21—6, 9. S. 2. 40—46. 164. 

244. 264. 275. 277. 21—6, 20. S. 29. ' j 

31. S. 25. 26. 42. 43. 75. 80—82. 117. 21. S. 40. 146. 264. 277. \ 
144. 146. 162. 248. 257. 258. 22—33. S. 42. 146. 1 

32-5, 2. 8. 75. 22—6, 9. S. 26. 40. 146. ;^ 

32. 8. 26. 39. 76—78. 140. 144. 146. 22. 8. 26. 42. 264. ^ - 
164. 234. 237. , 23—32. 8. 240. 299. 

23. 8. 42. 125. 146. 150. 239. 240. 244. 

296. 299. ■■>, 

^P- 5- 24. 8. 42. 118. 

1—21. 8. 26. ^^*- ^- ^^^' ^ 

1. s. 76—78. 102. 140. 144—146. 188. 25—27. 8. 299. 
248. 268. 277. 25-32. 8. 42. 269. , 

2. 8. 75—79. 119. 140. 144—146. 234. 25—33. 8. 43. ; ... 
244. 268. 277. 25. 8. 26. 42. 101. 112. 237. 245. 252. 

3 fg. 8. 3. 28. 264. 277. 

3-75 8 145 147 26. 8. 93. 118. 210. 256. 269. 

3— 6! 8. 75. 27. 8. 61. 101. 146. 151. 167. 247. 263. 



j 



w 



3. 8. 26. 78—80. 82. 88. 89. 117. 144. 

145. 162. 248. 

4. 8. 12. 26. 42. 80. 81. 110. 111. 144— 29. 8. 147. 313. 

146. 162. 313. ^Ö. 8. 125. 147. 234. 244. 277. 

5. 8. 26. 28. 39. 78—80. 82. 88. 89. ^^' ®- ^^'^- 2^4. 

101. 113. 117. 144. 162. 208. 229. ^2. 8. 216. 245. 246. 299. 

243 275. 3^- S- 42. 61. 112. 167. 

6—14. 8. 146. 

6. 8. 8. 26. 39. 60. 78. 80. 82. 88. 112. 
142. 144—146. 154. 162. 258. 

7. 8. 144. 1—3. 8. 43. 

8-13. 8. 270. 1. 8. 26. 43-45. 109. 112. 118. 

8. 8. 7, 74. 144—146. 162. 187. 209. 2. 8. 43. 244. 
270. 271. 302. 3. 8. 43. 147. 244. 

Holtzmann, Kritik der Epheser^ nnd Kolosserbriefe. 22 






269. 
28. 8. 112. 240. 245. 299. .\^ 



■' -j 



Kap. 6. 



338 m« Register über den Ep^ieeerbrief. 

4. S. 26. 43. 277. 14. S. 126. 250. 313. 

6—8. S. 43. 104. 15. S. 297. 

6—9. S. 14. 147. 16. 8. 102. 117. 163. 221. 271. 296. 

6. S. 26. 42. 44. 45. 165. 264. 17. S. 113. 227. 236. 251. 

6. S. 26. 110. 18—20. S. 26. 40. 

7. S. 44. 45. 18. 8. 26. 102. 112. 117—119. 129. 147. 

8. 8. 45. 147. 165. 156. 227. 243. 250. 256. 

9. S. 26. 43. 45. 165. 221. 254. 260. 278. 19—22. S. 8. 282. 284. 

10—17. 8. 26. 29. 265. 19. 8. 26. 86. 113. 147. 187. 215. 

10—20. 8. 2. 147. 20. 8. 7. 9. 86. 87. 148. 166. 254. 257. 

10. 8. 8. 147. 279. 

11. 8. 5. 101. 221: 250. 265. 21—24. 8. 2. 8 

12. 8. 5. 6. 97. 101. 118. 147. 188. 21. 8. 9. 12. 23—26. 56. M4. 129. 14S. 
221. 270. 302. 282. 

13 fg. 8. 296. 22. 8. 9. 12. 13. 23. 25. 26. 56. 14S. 

13—17. 8. 244. 23. 8. 7. 26. H»l. 148. 212. 

13. 8. 102. 117, 118. 250. 274. 24. 8. 7. 26. lOl. 118. 148. 268. 



Oniek Ton Breitkopf und Hirtel in Leipzig. 



Berichtigrungren. 



Der Correctur wurde, namentlich auch bezüglich der Citate, die möglichste 
Aufmerksamkeit zugewandt. Nur S. 100 — 112 sind erhebliche Versehen gut 
zu machen. Doch bitte ich um Besserung folgender Stellen, deren Sammlung 
zum guten Theil nicht mein, sondern das dankenswerthe Verdienst des Herrn 
Professor Resselring ist, welcher bei Ausarbeitung seines Commentars die 
Druckbogen meines Werkes zu lesen die Güte hatte. 

S. 4 Z. 11 V. u. apologetischen statt apologetische. 

9 - 15v. u. Laodicea statt Ladicea. 

- 11 - 11 V. o. unser« statt u njers. 

- — - 5 V. u. 12 statt 11 

- 15 - '4 V. u. 1, 12 statt 1, 11 ' . 

- 23 - 1 V. o. Weisse statt Weise. 

- 47 - 17 V. o. hinter 12, 19 lies (wenn an beiden Stellen echt) 
' 55 - 18 V. u. KoXttaaaiq statt Kokaoanlq. 

" 15 V. u. rifi^v statt tifim». 

- 58 - 9 V. o. rifiäg statt rlfA^g. 

" 59 • 11 und 12 V. o. r^r doB-ilaav fioi statt r^; öod^tCarig /uol 

- 63 - 5^ V. o. («TTO) statt (ano) . 

- 11 V. o. ix^Qovg statt l/»>^oi/f. 

- 65-13 V. n. tJ statt rjy. 

<- 12 V. u. Vf4i5v statt rjfudiv. 
15 V. u. 2, 13 statt 2. 13. 
V. o. 12 statt 2 

V. u. Uebertragung statt Übertragung. 
13 und 14 V. o. anoargitfead-ai statt anoargitfew. 
V. o. Ol; statt o^. 
V. u. aTToxa* statt änoxa^ 
V. u. fX^Q^ statt iS-XQo. 
V. o. 1, 22 statt 2, 22 

V. o. ist die Note ausgefallen : Vgl. im Allgemeinen über den*Bp.rach- 
gebrauch unserer Briefe Zeller: Theologische Jahrbacher, 1843, 
S. 505 fg. 540 fg. " " 

- 22 V. u. 20 statt 18 

- 14 V. u. 44 statt 39 

- 12 V. u. ist vor ave^t-xt^iaaros zu setzen avax€(falttiövv , nachher ag- 

Qaßtov, dagegen ewocii zu streichen. 
' 11 V. u. nach tafinjuv zu setzen nenoid'fjatg. 

9 V. u. nach auch zu lesen nagogylC^iv (worüber vgl. S. 111} 

5 V. u. streiche xgarciv, 

2 V. u. statt alxfAak(ojtvHv (2 Tim. 3, 6 ?) lies a^xf^oLltoaCa 

- (Ol - »V. o. (40) statt (37) 

- 13 V. u. streiche unBknCZuv. 

- 12 V. u. vor ivay^ setze igyaaia. 

- 11 V. u. nach ivanlayxvogi lies xarocxijrij^fois Xovrgovy f^i'xog, 



66 - 


15 


69 - 


8 


73 - 


12 


^9 - 


13 


90 - 


3 


91 - 


16 


92 - 


11 


99 - 


10 


100 - 


11 



8. 101 Z. 10 ▼• u. nach naQOixof lies natQii, 
8 y. u. nach vS^q lies vneQavot, 
7 y. u. nach ataxQoxiig, lies alx^f^^Tivnr (2 Tim. 3,6?) und nach 

ß^log, lies htj^^iv^ iXuxtot^iftgos, 
6 y. u. nach irotfiaala lies €vyoia (1 Kor. 7, 3 ?) , und streiche irara- 

ßQa߀V€lVf 

3 ▼. n. statt n^o»ttQTiQ^ülg lies n^MwuQtiQfflti 

- 104 - 12 y. o. 1, 15--2, 10 statt 1, 14^2, 10. 

* 105 * 19 y. u. nach 33 lies oder 84 

«• 11 ▼. u. statt nur lies ausser avä%ln6g noch 

" 6 y. u. nach ^ywafioßp lies (doch Hehr. 11, 34? Bph. 6, 10??) 

5 y. u. nach &€6tiis, *lie9 naraßQoßtvuvy 

- 106 - 14 y. u. 23 sta^t 15 

- 3 y. u. nach 12, 31), lies httcXfia 2, 22, 

nach 2, 14, Ues iogrn 2, 16, 4i/xo(2, 1, &iyyav€iv 2, 21, 
B-Qi^axUa 2, 18, lat^q \, 14, 
1 y. u. ist hinzuzufügen: Dazu die beiden nur im Hebrfterhriefe noch 
begegnenden Ausdrucke xikaoTm 3, 14 und vmvavtlog 2, 14. 

- 107 - 10 y. o. 12 statt 11. 

- 12 y. o. statt nur lies avaxaivouVf 
• 15 y. o. streiche etwa 

- 22 y. u. Soxifios statt doxi/iog, 

6 y. u. 'Avttxatrovp (3, 10), anetvai statt ^jimtvai 

- 111 - 8 y. u. statt nagogyiC^iv, lies nagogyliiiv (falls nämlich Kol. 3, 21 

Lachmann im Recht w&re). 

- 112 - 8 y. u. P statt H 

3 y. u. hinter afiiofiog lies (Phil. 2, 15?), äiftaiSt 

yor XQtt' lies xarevtaniov (2 Kor. 2, 17. 12, 19?), 
T 2 y. u. yor tp^tf lies xogtorrfg, avvdfOfiog, 

- 125 - 3 y. o. ttVTtp statt avr^, 

. 126 - 9 y. u. ni, 3 statt 111, 4, 1. 

- 144 - 11 y. o. 2 Thess. 3, 12) statt 2 Thess. 3, 12 

- 159 - 21 y. u. ^lyyavfiv statt ^ty^aveiv 

- 166 - 13 y. u. ist Rom. 15, 30 nach letzteren ausgefallen. 

- 169 - 6 y. u. ist nävrag einzuklammern. 

- 170 - 6 y. o. ariffavog statt awitfavog 

- 175 - 19 y. 0. nontiS statt xomf 

- 179 - 1 y. u. beizufügen: Hausrath: Neutestamentliche Zeitschrift, II, 

S. 458. 

- 180 - 3 y. o. avTOiffiOQip statt avroifog^, 
" 224 * 9 y. u. näv statt da« nSv. 

- 249 - 3 y. u. ist die Note beizufügen : Doch hfttte der Verfassernach Volk- 

mar (Eyangelien, 8. 619) den Einschub in Kol. 1, 23 dem späten 
Maxcuaschlusse (16, 15) entnommen. 

- 269 - 10 y. u. Tov statt roV 

- 277 - 3 y, o. Xifiorov; statt Xgiatov 

- 288 - 2 y. o. &iyrig statt &iyri 

* 313 * 18 y. o. Epiktets statt Ekiktets 



\ 



3.